Ein Geburtstag. Eine Apfelsine. Eine Kiste. Oder wie die Dinge laufen lernten

I. GEBURTSTAG MIT APFELSINE

Zwölf Menschen trafen an jenem Sonntagmorgen im Januar in unserem Wohnzimmer zusammen. Sie kamen, um den nun 23jährigen Mi. zu feiern. So hatte er es gewünscht. Es wurde ein gelungenes Beisammensein, getragen von jener Leichtigkeit, die sich nur in diesen seltenen Momenten einstellt, da die Erwartungen glücklich aufeinandertreffen. Die Gespräche plätscherten dahin, teilten sich, fanden wieder zueinander, mäanderten vom Aktuellen in mögliche Zukünfte und wieder und wieder zurück ins Früher, diesem merkwürdigen Ort, der für uns Erwachsene konstitutiv und für unsere Kinder fiktiv ist. Überlieferungen aus einer Zeit, in der sie noch nicht existierten. Ein ungeheuerlicher Gedanke! Da tauchte plötzlich die Apfelsine auf.

Sie begleitet mich, seit ich sie in diesem verregneten Sommer des Jahres 1993 in den Umzugskarton legte. Warum ich sie dorthin und nicht in den Abfall gab, war einer eher schlichten Faszination geschuldet. Noch nie hatte (und nie wieder habe) ich eine ausgetrocknete Apfelsine gesehen. Anfangs klapperten die Kerne in der harten Schale. Später wurde es still im Gehäuse.

Wie Kinder durchs Gebüsch streiften wir durch die Erinnerungslandschaften, wurden für einen Moment noch einmal jene Halbwilden, die so anrührend ungelenk durchs Leben stolperten. Planlosigkeit paarte sich mit Risikofreude und einem eigenwillig zweckfreien Unternehmergeist. Eine Mischung, aus der niemals ein Betrieb hervorgehen konnte, wohl aber ein Kind, was viele, um nicht zu sagen alle, für ein nicht minder waghalsiges Unternehmen hielten. Irgendwo da erschien die Apfelsine, zwischen all den anderen Dingen, die ich, weil sie mir auf eine Weise besonders erschienen, in der alten Kiste aufbewahrte.

Die Kiste hatte ich zu Studentenzeiten auf einem Flohmarkt ersteigert. Bei einem dieser Verkäufer, die ein ganzes Leben achtlos in 50 Bananenkartons werfen und seine lädierten Einzelteile zu überteuerten Niedrigpreisen feilbieten. Es war ein Besteckkasten, dessen Inhalt jedoch verlustig gegangen sein musste. Jedenfalls war er leer und ich nahm ihn für zwei oder zwei Mark fünfzig mit, obgleich er höchstens eine Mark wert war.

Mi.s Vater, dem die die Apfelsine einst gehörte (sofern davon die Rede sein kann, wenn einer eine Apfelsine nimmt und sie dann liegen lässt), erkannte sie sofort. Vor wenigen Tagen noch hatte er seiner Frau von ihr erzählt. Sie hätte neben dem Plattenspieler gelegen, was ich nicht mehr wusste, mich nun aber erinnerte. Ja, da lag sie, rechterhand. Er habe geglaubt, sie sei, wie so Manches, im Eifer von Mi.s kindlicher Neugier zu Bruch gegangen. Dass ich sie in meine Obhut genommen und über all die Jahre aufbewahrt hatte – der Gedanke war ihm nie gekommen.

Seltsam wie das Leben manchmal spielt. Warum erinnern sich zwei Menschen nach 23 Jahren an eine ausgetrocknete Apfelsine?

II. LEBEN IN DER KISTE
Nachdem die Gäste gegangen waren, holte ich die Kiste noch einmal hervor, neugierig zu sehen, was sich in all den Jahren darin angesammelt hatte. Miniaturen aus dem Leben, von denen ein jede eine Geschichte in sich barg, die sie jetzt, unter meinem aufmerksamen Blick, preisgaben.

Die blaue Häkelkatze wohnte einst in meiner Puppenstube. Ich liebte es als Kind, damit zu spielen. Stunden-, tagelang ließ ich Püppchen und Kätzchen darin essen, schlafen, spielen, streiten. Beseelt und selbstvergessen. An einem Nachmittag jedoch, es muss um meinen 11. Geburtstag herum gewesen sein, war es vorbei. Wieder und wieder versuchte ich es. Vergebens. Ich vergaß mich nicht mehr im Spiel. Das war das Ende meiner Kindheit. Es tat weh.

Als meine Mutter mir das rote pixi-Buch schenkte, muss ich etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Vielleicht steckte es in meinem Adventskalender; möglicherweise aber war es auch eines der „Reisebücher“, die wir Kinder vor den Ferien bekamen, damit uns die Autofahrt nicht zu lang würde und die Wie-lange-noch-wann-sind-wir-da-Fragerei möglichst lange auf sich warten ließ. Ich liebte die Geschichte von Jan, der eine Kiste am Strand findet und seiner Schwester Dorle daraus ein Puppenhaus zum Geburtstag baut. Meine Mutter musste sie mir wieder und wieder vorlesen, bis ich sie auswendig konnte und stolz vorgab, lesen zu können.

Den kleinen Spiegel mit der Pflanzengravur kaufte ich auf dem Kirchenbasar, auf dem meine Mutter zusammen mit anderen Müttern jährlich im Advent Selbstgemachtes verkaufte. Für einen guten Zweck: Stoffpuppen und Kinderschürzen, Wollpullis und Holzbrettchen. Ich fand ihn an einem dieser „Dritt-Welt-Stände“, wie es damals noch so ganz und gar unkorrekt hieß. Doch mit meinen acht oder neun Jahren wusste ich weder von politischer Korrektheit noch von wirtschaftlich unterentwickelten Staaten. „Dritte Welt“, das waren bunte Farben und exotische Muster, die mich gleichermaßen faszinierten wie befremdeten und ein unbekanntes Kind, das dank einer monatlichen Spende zur Schule gehen konnte. Von einem ebensolchen Stand war auch das Fläschchen mit dem grünen Palmen-Sandbild. Ob ich es im selben oder in einem anderem Jahr kaufte, erinnere ich nicht mehr. Aber dass ich es wunderschön fand, das weiß ich noch genau und finde es bis heute.

In der runden Dose mit dem Erdbeermotiv ist doch tatsächlich noch ein Rest Lippenbalsam. Wenn man ganz genau hinriecht, kann man den zarten Duft künstlicher Erdbeeraromen durch das ranzige Fett atmen. Ein Urlaubsmitbringsel, das mich mein letztes Taschengeld kostete. Made in Denmark steht auf dem Dosenboden. Möglich, dass ich die Münzen in dem kleinen Lederportemonnaie aufbewahrte, das meine Großmutter mir geschenkt hatte. Ich war neun oder zehn Jahre alt und eigentlich war es ein Brustbeutel. Aber irgendwann ging das Band verloren, später dann der rechte Druckknopf kaputt, was ich damals sehr bedauerte. Heute muss es nur noch seine Geschichte unter Verschluss halten; dafür braucht es keinen Druckknopf.

Meine Eltern besaßen – daran erinnert als kümmerlicher Rest das hölzerne Vogelnest – einen stolzen Fundus an Osterschmuck: allerlei Holzhasen und -küken, Vogel- und Eiernester zählten dazu, vor allem aber selbst bemalte Ostereier. Jedes Jahr vor Ostersonntag schmückten mein Bruder und ich die blatt- und blütenlosen Sträuße, die überall im Haus standen und später knospen sollten. Das taten wir, wenn ich mich recht erinnere, bis zum Schluss. Bis sich unser Familienteppich*, dieses vom Zufall gewebte Flickwerk, auflöste und neuerlich verstrickte. Da waren wir schon fast keine Kinder mehr. In manchen Jahren übertrafen wir uns selbst mit unseren Eierkünsten. Mein Vater brachte verschiedene Färbe-Beschriftungs- und Wachsmaltechniken ein und nach diversen Fehlversuchen und einiger Verzweiflungswut erschufen wir doch so manch graziles Kleinstkunstwerk. Im Nachhinein frage ich mich, woher wir, vor allem aber er, nur die Muße und Geduld nahmen. Es wird mir ein Rätsel bleiben.

Der winzige vielköpfige Elefant stammt aus einer anderen Zeit. Ich war bereits 25 Jahre alt, hatte gerade das Studium der Kulturwissenschaft aufgenommen und drohte grandios an Adornos Ästhetischer Theorie zu scheitern. Bald sollte Mi. zu mir nach Berlin kommen, wovor mir ein wenig bangte, da wir so lange keine Alltagsroutinen mehr teilten. Es sollte besser gelingen als ich mir je erträumt hätte. Doch zurück zum vielköpfigen Elefanten. O. brachte ihn aus Indien mit. Er legte ihn auf den Tisch und sah erst ihn, dann mich an. Wortlos. Es sollte ein Geschenk sein, soviel verstand ich wohl, doch seine Furcht, der Winzling könnte mir missfallen oder ich könnte seine Geste missverstehen, verbot es ihm, mir ein Geschenk zu machen. Ja, so war O., stets von der Furcht vor dem missglückten Moment getrieben. Vielleicht war das der Grund, warum unsere Verliebtheit so jäh endete. Es war die erhabenste Verliebtheit, die ich je erlebt habe. Wir konnten die Welt verzaubern, waren immun gegen alle Kränkungen der Menschheit. Doch unser Zauber war stets in Gefahr. Am Ende erlag er der Banalität.

III. DIE DINGE LAUFEN AUS DEM RUDER
Ein Ding nach dem anderen wollte nun sein Geheimnis offenbaren, forderte lautstark die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Am Ende schrieen sie mir ihre Geschichten, die sie so lang unter Verschluss hatten halten müssen, förmlich entgegen. Ein ohrenbetäubendes Getöse entstand in der alten Schachtel. Aus dieser Erinnerungskakophonie ließ sich keine konsistente Erzählung formen. Wirsch schloss ich den Deckel.

Stille.

Ich werde ihn wieder öffnen. Zu gegebener Zeit. Wenn die Dinge zur Ruhe gekommen sind und sich die Aufregung gelegt hat.  

*Tomas Espedal

15 Comments

  • 3 Jahren ago

    Fremde Augenblicke und Gedanken (mit den eigenen Augen) lesen oder eigene Augenblicke und Gedanken in fremden Augen (Texten) lesen – beides seltsam: War ich jemals immun gegen auch nur eine Kränkung der Menschheit? Oder habe ich nur vergessen, dass ich's war? Wie auch immer, beide Fragen allein sind schon grosse Kränkung!
    schöner Text – verzauberte Vergangenheit…

  • 3 Jahren ago

    nachlesen kann so gut sein.
    übers nachspüren noch viel mehr.

  • 3 Jahren ago

    Liebe Indre,
    deine Kiste und die darin verborgenen Erinnerungsschätze faszinieren mich.
    Danke fürs Teilen.
    Liebe Grüße
    Iris

  • 3 Jahren ago

    oh, wie ich deine orangenkiste mag. hatte ich eigentlich schon vorgestern schreiben wollen. sowas.

  • 3 Jahren ago

    Liebe Indre,
    auf der Suche nach Literaturblogs bin ich auf deinen gestoßen und mir gefällt dieser Text wirklich sehr gut. Deine Sprache ist sehr kunstvoll und ich bewundere, wie du es schaffst trotz des geringen Handlungsanteils den Leser bis zum Schluss festzuhalten.

    Ich hätte zwei Verbesserungsvorschläge – wenn sie erwünscht sind (bei Literatur finde ich sowas immer schwierig, schließlich ist es Kunst, aber ich würde mir manchmal ein detailliertes Feedback wünschen, als nur "schöner text" 😉 deswegen:)

    "Für einen guten Zweck: Stoffpuppen und Kinderschürzen, Wollpullis und Holzbrettchen und diverse andere mehr oder weniger nützliche Dinge." – Ich finde durch den Teil nach dem und machst du ein bisschen den zauber des Satzes kaputt der durch die Spezifik der angebotenen Sachen entsteht. Ich persönlich fände ihn schöner ohne das wage Ende.

    Du benutzt nicht konsequent die Abkürzung "Mi" sondern mindestens einmal nur "M". 🙂

    Außerdem habe ich noch zwei Fragen: Aus welchem Grund – und ich meine das neugierig, nicht kritisch – hast du an manchen Stellen Links eingefügt? Zum Beispiel mit den Ostereierfärbetechniken. Das hat mich ein wenig verwirrt und neuigierig gemacht, was du damit bezweckst.
    Und was bedeutet der Name deines Blogs?

    Ich werde bestimmt noch das eine oder andere auf deinem Blog lesen und hoffe auf noch mehr so gelungene Texte wie diesen hier. 🙂

    Liebe Grüße
    Franz von Großstadtpoesie
    https://franziskabierl.wordpress.com/

    • 3 Jahren ago

      Liebe Franziska,

      hab vielen Dank für deinen im besten Sinne kritischen Kommentar. Ich bin sehr froh über jede konstruktive Kritik – und freue mich natürlich über das Lob.

      Deinen 1. Punkt berücksichtige ich gern. Der 2. Punkt: Mi. und M. sind zwei unterschiedliche Personen. Aber das scheint nicht deutlich genug zu sein. Ich werde einen anderen Buchstaben wählen.

      Herzlich, I.

  • 3 Jahren ago

    Liebe Indre, ich bin sehr froh, daß Du Dich entschieden hast, den Text zu veröffentlichen. Er ist so eindrücklich geschrieben. Ich habe ihn wirklich gern gelesen. Die Unfaßbarkeit des Gedankens aus dem ersten Abschnitt, daß Eltern ein Leben vor der Geburt ihrer Kinder hatten, kenne ich sehr gut. 🙂 So viele kleine Details … so stimmungsvolle Bilder. Schön. Liebe Grüße, Annett

  • 3 Jahren ago

    Wie schön geschrieben, ich war ganz gespannt, habe immer wieder nach oben gescrollt um den passenden Schatz zu sehen. Diese kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die alte Erinnerungen neu ausleuchten und deren Geheimnisse preisgeben gibt es hier auch,ich sollte ihnen mal wieder Aufmerksamkeit schenken. Danke fürs teilen deiner Schätze. liebe Grüße, Alex

  • 3 Jahren ago

    Ich habe ihn sehr gerne gelesen, deinen Text. Schön das Kopfkino, dass du mit deinen Worten erzeugst. Ich habe auch so eine Kiste, lasse sie aber lieber zu, solange ich mit der, vom Vater ererbten, Sentimentalität nicht umzugehen weiß. Zu gefährlich..Liebe Grüsse, Susan

  • 3 Jahren ago

    Ja, dieses Eintauchen in vergangene Welten, die plötzlich wieder so gegenwärtig werden und deren Geschichten uns nicht loslassen… Sie annehmen können… Ein nächstes Mal die Kiste aufmachen. Dann, wenn die Zeit herangekommen ist. Danke für diesen spannenden Blick ins Überschneiden von Vergangenem und Gegenwärtigem… Liebe Grüße Ghislana

  • 3 Jahren ago

    Wunderschön geschrieben und deshalb ein echtes Lesevergnügen. VG Kerstin

    • 3 Jahren ago

      Oh, vielen lieben Dank. Das tut gut. Ich habe so lange damit gehadert, den Text zu veröffentlichen. 🙂

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