EiN BLiCK HiNTER ::: where you are living

Eine neue Woche beginnt. Für mich hält sie einige Kurzreisen bereit. Alles bekannt, alles vertraut. Ganz anders der heutige Blick hinter ein Blog. Er führt uns in fremde Gefilde: nach Afrika, genauer gesagt nach Uganda. Dort nämlich lebt Anna mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. Auf der Suche nach Veränderung hat es das damals noch kinderlose Paar dorthin ‚verschlagen‘. Eigentlich wollten sie 2 Jahren bleiben, doch es wurden vier. Auf ihrem Blog ‚where are you living lässt Anna uns teilhaben an ihrem Leben in Afrika. Heute erzählt sie uns, wie sie von der Tischlerei über die Unternehmensberatung in Afrika landete, was das Leben in Uganda aus- und anders macht und was die nahende Rückkehr nach Deutschland für sie bedeutet. 

Liebe Anna, hab´ 1.000 Dank für diesen spannenden und schönen Blick hinter dein BlogIch wünsche dir die Zusage für zwei passgenaue Kita-Plätze und noch wundervolle Monate in Uganda. Und euch  wünsche ich eine spannende Lektüre und einen guten Start in die neue Woche!


Liebe Anna, magst du dich kurz vorstellen? Wie alt bist du? hast du Kinder? Was hast du gelernt etc.?
Gleich zu Anfang die schwerste Frage. Mit kurzen Worten zu sagen, wer ich bin. Aber Alter ist einfach: 37. Ich habe zwei Kinder: ein Mädchen, 2,5 Jahre und einen kleinen Jungen, 11 Monate.
Ich habe die Tischlerei erlernt, denn ich wollte Innenarchitektur studieren. „Was?“ haben mich die Leute gefragt „kannst du dir auch vorstellen Hotelzimmer in Eiche natur einzurichten? Willst du für immer arbeitslos sein?“ Die Leute, ja die Leute…. warum sagen sie das nur? Warum wollen sie einem die Träume nehmen, bevor man sie überhaupt zu Ende geträumt hat? Diese Fragen haben mich zur Psychologie geführt. Weg von der Innenarchitektur. Ich wollte die Leute verstehen. Ich habe mein Diplom in Psychologie gemacht, habe danach in Architekturpsychologie promoviert und habe nebenher das Grundstudium in Architektur gemacht – da war sie wieder, die Architektur! Danach etwas ganz anderes: Ich bin in eine der führenden Strategieberatungen als Unternehmensberaterin gegangen. Es war eine völlig verrückte Zeit: Extrem lange Arbeitszeiten, aber auch super interessante Kollegen und Kunden, tiefe Einblicke in Unternehmen. Ein Leben auf dem Flughafen und im Hotel. Aber letztendlich ein Leben, das ich nicht führen wollte.

Ihr seid 2009 für 4 Jahre nach Uganda gegangen. Wie kam es dazu?

Wir hatten keine Zeit mehr. Alles musste am Wochenende stattfinden: Paarzeit, Zeit für Freunde, Zeit für Reisen, Zeit für sich selbst. Irgendwann fühlte ich mich wie ein grauer Herr bei Momo. Mein Liebster war es, der eines Tages sagte: „Weißt du was? Ich möchte etwas von dem weitergeben, was mir ermöglicht wurde.“ Das brachte alles ins Rollen. Ich sehnte mich nach Veränderung und die kam dann in einem unglaublichen Tempo: Meinem Liebsten wurde eine Stelle in Uganda angeboten und innerhalb von 3 Monaten änderte sich alles. Der Vertrag sollte zwei Jahre lang gehen und anfangs dachte ich: 2 Jahre reichen in so einem Land. Nach 2 Jahren waren wir aber „infiziert“ und haben beschlossen den Vertrag noch weiter zu verlängern.
Wie ist das Leben in Uganda?

Ich glaube insgesamt ist das Leben hier einfacher. Vor allem mit 2 kleinen Kindern. Zwar haben wir hier nicht die Unterstützung unserer Familien, aber fast alle Expats haben hier Nannies und auch ugandische Familien haben immer ein „Tantchen“, das auf die Kinder aufpasst und den Haushalt macht. Arbeitende Uganderinnen sind hier völlig normal. Dieses Betreuungssystem ist genial.
Das Leben hier ist sehr ruhig und entspannt. Man hat viel Zeit. Es gibt hier wesentlich weniger Freizeitangebote als in Deutschland. Durch dieses verringerte Angebot trifft man sich am Wochenende viel mit Freunden, ist häufig auch einfach nur zu Hause, im Café oder im Schwimmbad (ganzjährig möglich). Manches ist hier aber auch mühsamer als in Deutschland: Strom- und Wasserrechnungen muss ich z.B. monatlich bezahlen und dafür jedes Mal auf die Bank gehen. Meist reicht nicht ein Bankbesuch, weil z.B. das Netzwerk der Bank gerade nicht funktioniert oder es Wartezeiten über 1 Stunde gäbe. Fürs Einkaufen plane ich einen gesamten Tag der Woche ein, da ich oft von Supermarkt zu Supermarkt muss weil irgendein Produkt ausverkauft ist (z.B. Sahne). Die Entfernungen in Kampala sind groß, so dass man eigentlich alles mit dem Auto erledigt, was auch Zeit kostet, da es häufig Stau gibt.

Gewöhnungsbedürftig fand ich anfangs, dass man nie alleine ist. Immer ist jemand um einen herum (Haushaltshilfe, Nanny) und größere Häuser werden 24 Stunden am Tag bewacht – nicht weil viel eingebrochen wird, aber hätte man keine Wächter wäre das praktisch die Einladung zum Einbruch. Das Management der ganzen Angestellten ist ziemlich viel Arbeit, weil sie mit wirklich all ihren Problemen zu uns kommen. Der Arbeitgeber wird von ihnen als eine Art Vater gesehen, der sich um kranke Familienangehörige (der Angestellten), um Schulgeld, um Kredite etc. kümmert. 

Gerade bin ich in Elternzeit, aber bis Januar hatte ich eine Stelle als Dozentin an der Makerere Universität. Dadurch waren meine Tage immer sehr voll, aber dennoch nie hektisch. Hektik gibt’s hier eigentlich nur bei Weißen, die Ugander lachen darüber.
Was schätzt du dort am meisten? Was vermisst du besonders?
Die Ugander, die viele Zeit und das Wetter, das schätze ich am meisten. Die Ugander sind unglaublich freundlich. Sehr viele sind arm, aber wir erleben hier nicht die Bilder, die vielen in Deutschland durch den Kopf gehen, wenn sie an Afrika denken: Hungernde Kinder mit aufgehaltenen Händen. Das gibt es, ja, aber nicht hier in Kampala. Die Leute lachen hier viel und sie lieben Kinder über alles. Wo auch immer ich mit meiner kleinen Tochter hinkomme sagen sie: „Hello baby, how are you?“ und lachen. Kellner im Restaurant schnappen sich hier meist die Kinder und laufen mit ihnen herum, machen Witze und spielen mit ihnen.

Dafür vermisse ich hier – abgesehen von Familie und Freunden, die wir hier natürlich fürchterlich vermissen – Dinge, die für mich früher selbstverständlich waren: eine riesige Auswahl an Konsumgütern, klare Verkehrsregeln, Museen, Kramsläden, Büchereien, Wald (gibt’s in Kampala nicht wirklich), einsame Spaziergänge (hier läuft immer irgendwer irgendwo herum), eine verlässliche Wasser- und Stromversorgung und ein schnelles und dauerhaft funktionierendes Internet.
Wie wohnt ihr?
Wir hatten sehr viel Glück mit unserem jetzigen Haus. Die ersten beiden Jahre haben wir in einem typischen ugandischen Mittelschicht-Haus gelebt. Das war o.k., aber ich hatte ständig Angst, dass es einen Kabelbrand gibt, weil die Leitungen so alt waren. Die sanitären Anlagen waren mehr als renovierungsbedürftig. Dann hatten wir die Möglichkeit unser jetziges Haus zu mieten.

Es ist sehr groß und wir haben einen wunderschönen Blick auf den Viktoriasee. Wir leben hier mit einem Hund, einem Kater, 2 Hähnen, 5 Hühner und Hasen. Auch unser Tag- und unser Nachtwächter wohnen unten im Haus mit eigener Küche und Bad.

Hinweis Mehr Impressionen von Annas wunderbarer Wohnung findet ihr übrigens auf solebich

Werdet ihr in diesem Jahr zurückkommen nach Deutschland? Und was bedeutet das für euch?
Wir planen Anfang nächsten Jahres zurückzukommen. Wir geben hier vieles auf: Neu gefundene Freunde und unser Zuhause. Denn das ist es geworden. Mir geht es da sicher wie vielen, die aus dem Ausland kommen oder im Ausland gewohnt haben: Ich bin zerrissen zwischen beiden Welten. Ich vermisse Dinge aus beiden Welten, je nachdem, wo ich gerade bin.
Wenn du ans Zurückkehren denkst, was freut und was sorgt dich am meisten?
Ich freue mich darauf endlich wieder zu allen Geburtstagen und Hochzeiten von Freunden gehen zu können, weil alle mehr oder weniger nah wohnen. Ich freue mich, endlich wieder in der Nähe unserer Familien zu wohnen.
Am meisten sorgt mich gerade der Kita-Platz. Ich habe mitbekommen, wie viele meiner Freunde schon im 3. Schwangerschaftsmonat nach Kita-Plätzen gesucht haben. Wir haben jetzt mal langsam im Frankfurter Raum die Fühler ausgestreckt – wir wissen noch nicht mal wo wir dort wohnen werden. Dennoch bekommen wir nur Absagen oder Wartelistenplätze. Es ist zum Verzweifeln.
Würdest du uganda als Reiseziel empfehlen? 

Es kommt darauf an, welche Art von Urlaub man machen möchte. Möchte man sich im Urlaub nur entspannen, gibt es sicher nähere Ziele als Uganda. Möchte man aber wirklich mal aus allem raus, ist Uganda ideal. Uganda wird auch ‚Africa for Beginners‘ genannt. Da ist was dran. Es ist hier alles sehr relaxed und einfach. Und es ist unglaublich beeindruckend, wenn man z.B. im Murchison Nationalpark, einem der schönsten Parks hier, Elefanten oder Giraffen life sieht. Uganda kann aber zum Beispiel keine Shoppingerlebnisse bieten, wie das in Südafrika der Fall ist. Für Safaris ist Uganda toll, es ist noch nicht so überlaufen wie Kenia. Aber man darf nicht vergessen, Uganda ist noch ein Entwicklungsland.
Was sind deine liebsten Orte in Uganda?
Der Lake Bunyonyi ist wunderschön.

Der Murchison Nationalpark ist mein Lieblingspark. Ich mag die vielen, neuen, kleinen Cafés hier in Kampala. Ich gehe gerne auf den Freitags-Crafts-Market hier in Kampala, weil man dort so vieles entdecken kann. Und am liebsten liege ich auf unserem Balkon und gucke auf den See. Leider nicht sehr oft, weil meine beiden Kinder das so langweilig finden.
Auf deinem Blog hast du das Label Kampala Fair vorgestellt. Welche anderen Labels, Projekte oder Kampagnen kannst du empfehlen?
Es gibt hier eine Vielzahl an Initiativen, Shops und Projekten. Allerdings bieten fast alle die Waren nur vor Ort an. Für Ugandareisende ist das Banana Boat ein Muss, 3 Läden in Kampala, die sehr hochwertige Crafts Produkte anbieten und damit immer Leute hier vor Ort unterstützen. Möchte man eine Ugandareise machen und Einblicke in viele Hilfsprojekte und Initiativen bekommen, dann gibt es zum Beispiel tolle Reisen mit Getrud Schweizer-Ehrler, die Projektreisen über Tukolere e.V. anbietet. Aber ich bin auch ständig auf der Suche, wenn ich noch andere Labels finde, die man auch in Deutschland haben kann, dann werde ich das sofort bloggen.

Warum bloggst du? 
Ich lese sehr gerne Wohn- und Designblogs. Doch so schön die auch immer sind, meist dachte ich: Kann ich hier aber nicht machen, weil ich einfach nicht die „Zutaten“ dafür bekomme. Häufig sind das Ideen für die man konkrete Accessoires braucht, hübsche Tapeten, Nippes…. auch bei Rezepten werden häufig Lebensmittel verwendet, die es im außereuropäischen Ausland nicht gibt. Hier ist das Leben eine ständige Improvisation. „Geht sicher nicht nur mir so,“ dachte ich. Und ich wollte meine Improvisationen zeigen. Daher begann ich vor einigen Monaten mit where are you living. Vielleicht schließen sich ja irgendwann Expats aus aller Welt an und zeigen ihre Ideen….

Was wünscht du dir für 2013?

Ein wundervolles, letztes Jahr hier und die Zusage für zwei Kita-Plätze in Deutschland für Anfang 2014.

11 Comments

  • 6 Jahren ago

    Was für ein gelungenes Interview! Ich "kenne" Anna bereits über ihr Blog und SLI und es ist schön, hier so kompakt zu lesen, wie sich alles ergeben hat.

    LG
    Rebekka

  • 6 Jahren ago

    Oh, dann wünsche ich dir für die Rückkehr nach D alles Gute. Wenn man ein Mal den Duft der Freiheit außerhalb D's erlebt hat, dann wird sich die ehemalige Heimat in der eigenen Betrachtung und Wahrnehmung für immer komplett verändert haben.

    Aber es muß ja nicht für ein Leben sein.

    Sehr schön, hier deine Geschichte zu lesen. Mein Habib liebt Afrika über alles und ist viele Male mit dem Jeep quer durch. Ich habe nur Tansania kennenlernen dürfen – kurz. Vielleicht gehts einen der nächsten Winter nach Burkina Faso…

    sonnige Grüße aus F, Micha

  • 6 Jahren ago

    Das ist ein total schönes Interview und es war sehr spannend zu erfahren, wie Anna und ihre Familie so fern ab der Heimat leben. Auch wenn ich selbst nie so weit weg für so lange Zeit war, kann ich total nachempfinden, wie es sein muss, wenn man zwischen den Welten hin- und hergerissen ist und Dinge aus beiden Welten vermisst. Wirklich schön, das Interview empfehle ich gleich mal weiter… ich kenne da ein nettes Mädel, dass auch so begeistert von Afrika ist.

  • 6 Jahren ago

    einfach

    t o l l

    ! ! !

  • spannend, toll……danke für den einblick! lg, e´va

  • 6 Jahren ago

    Herzlichen Dank Euch beiden für diesen spannenden Einblick in den ugandischen Alltag! Liebe Grüße, Isa

  • 6 Jahren ago

    so so toll.

  • 6 Jahren ago

    Das find ich spannend.So hat eben alles seinen Preis.

    Liebe Grüße
    Melanie

  • 6 Jahren ago

    Liebe Indre, liebe Anna,

    was für ein schönes Interview, ich kannte bislang nur die Bilder von Anna's Zuhause und finde es natürlich spannend, nun auch die Geschichte dahinter zu erfahren. Leider werden hier die Bilder zum Interview gar nicht angezeigt, einen Eindruck, wie Anna's Leben in Uganda aussieht, bekommt man aber auch bei uns: http://www.solebich.de/user/29037/bilder_beitraege.

    Viele liebe Grüße aus München,
    Claire.

  • 6 Jahren ago

    Was für ein spannender Einblick, vielen Dank dafür!
    Lieben Gruß,
    Sabine

  • 6 Jahren ago

    ein gRoßes danke! füR dieses wundeRvolle inteRview, liebe indre und liebe aNNa. damit lässt es sich ein wenig unbeschweRteR in den tag staRten.

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