Ein Blick hinter smørrebrød syltetøy

smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art
Sie lebt – ich hab´s bis eben nicht gewusst – in meiner direkten Nachbarschaft, und wahrscheinlich sind wir schon x-mal in der L’Epicerie, im Park am Gleisdreieck oder im P103 aneinander vorbeigelaufen. Begegnet sind wir uns bisher nicht. Aber das wird nachgeholt. Unbedingt! Denn nach diesem so spannenden wie anregenden Montagsplausch bin ich noch neugieriger auf die Person, die hinter dem unaussprechlichen Blog namens smørrebrød syltetøy steckt und Butterbrot und Himbeermarmelade liebt (was das Unaussprechliche übersetzt bedeutet). Ein bisschen erfahren wir heute von hier, zum Beispiel, dass sie lange in Zürich gelebt hat und gerade darum die direkte Unfreundlichkeit der Berliner/innen genießt. Dass die fünf Jahre Theaterarbeit für sie eine gute Zeit waren, an die sie irgendwann wieder anknüpfen will. Oder dass Street Art für sie ‚was gegen Hässlich‘ und alltägliche Borniertheit ist. 
Ich wünsch´ euch nun eine anregende Lektüre und einen fulminanten Wochenstart, und sage: Danke, liebe Charlotte für das gehaltvolle Gespräch.
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smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art
magst du dich kurz vorstellen? wer bist du? woher kommst du? wo bist du gerade?
nichts für ungut, aber lass uns das bei einem bier besprechen. ich bin mir da nicht so sicher.
wie und wo lebst du in berlin?
ich wohne mit mann & kind in einer wohnung in schöneberg. wäre ich früher allein nach berlin gekommen, wäre ich in eins dieser „wilden“ stadtviertel gezogen – friedrichshain, kreuzkölln, mittlerweile wedding – aber ich bin ungeheuer froh, zu meinem liebsten in diesen entspannten, grünen, gut durchmischten, milieuübergreifenden kiez gezogen zu sein. obwohl ich gerade sehr viel mit freund*innen laut darüber nachdenke, ob mensch in einem immerhin familienfreundlichen grossstadtkiez so aufwachsen kann, dass der öffentliche raum lebensraum ist, und nicht durchgangspassage, und das leben nebeneinander gemeinsam gestaltet werden kann – oder ob die fragen nach der sicherheit und der anonymität die lautstarkeren sind und bleiben. und insofern stellt sich die frage, wie lange wir hier noch bleiben.
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wenn ich deinen namen google, stoße ich immer wieder auf das wort „regie“. was hast du damit zu tun?
das finde ich immer wieder äusserst unterhaltsam, was google aus lebensläufen macht: welche teile eines lebens lassen sich via google finden, nachweisen, darstellen? welche teile erhalten welches gewicht? wie viele seiten der suchergebnisse hast du durchgeklickt?
als ich den blog angefangen habe, war klar, dass das ein bruchteil von allem sein wird, woraus ich mich zusammensetze. manchmal ist das anstrengend, weil sicherlich missverständnisse entstehen, fremdbilder, die wenig mit dem zu tun haben, wer ich bin. sozusagen: ein assoziatives produkt. ein versuchsweise sehr persönliches und nahbares produkt. aber andererseits war ja auch klar, dass der blog eine möglichkeit ist, zu teilendes weit in den äther rauszuschicken, ohne garantie auf antwort. was diejenigen, die meinen kram empfangen und aufnehmen, damit anstellen, würde mich schon manchmal mehr interessieren. wenn also eine art verpuzzlter dialog enstehen könnte.
also auch, wenn ich deine frage jetzt beantworte und damit ein puzzlestück mehr hinzusetze, bleibt das bild unvollständig und auf eine bestimmte art unecht – was nicht unbedingt bedauerlich ist.
um deine frage aber doch noch zu beantworten: ich habe fast fünf jahre lang im theater gearbeitet, zuerst als regieassistentin, später auch als regisseurin, autorin, produktionsleiterin eigener projekte. ich habe ungeheuer viel gewonnen in dieser zeit, nicht zuletzt meinen mann und dieses kaum zu erklärende heimwehgefühl, wenn ich hinter einer bühne im schwarz vor dem offenen raum stehe. zum glück hab ich noch ein paar jahre vor mir, um meine eigenen puzzleteile für mich zusammenzusetzen.
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Zürigschmois – oder: Essen verbindet
was verbindet dich mit züri?
innerer widerstand. meine beziehung zu züri besteht hauptsächlich aus einem inneren widerstand, der aber, zugegeben, mit den jahren etwas altersschwach wird. ich bin dort teilweise aufgewachsen. meine familie lebt immer noch dort. ich bin, als wir dort hinzogen, davon ausgegangen, dass wir nach vier bis fünf jahren wieder weiterziehen. also wollte ich ab dann auch wieder weg. es hat noch ein paar jahre länger gedauert.
züri ist grau, langweilig, engstirnig, versnobt und korrekt – aber es ist auch heim von ein paar meiner wichtigsten menschen, es ist die hardbrücke und damit hässlich­schön, es ist leuchtender nebel, es ist weiches seewasser, es ist ausgangspunkt wohl für die meisten fürs weiterreisen in ganz andere teile der schweiz, die weit sind, die rauh sind, die herzerwärmend sind und wunderbare sprachen sprechen.
zur zeit treibt mich dabei die erkenntnis um, dass auch so ein innerer widerstand prägt, und diese prägung aus einer verbindung besteht, die nicht mehr zu löschen ist, aber auch etwas eigenes ist – und damit wieder etwas positives sein oder werden kann. am schönsten hat, glaube ich, melinda nadj abonji so eine beziehung zur schweiz beschrieben, in ihrem roman tauben fliegen auf.
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smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art, Zürich
was hat es mit dem namen deines blogs ’smørrebrød syltetøy‘ auf sich?
ja, das ist so eine sache. ich glaube, kein mensch kann sich das merken. aber egal. ich liebe butterbrot und himbeermarmelade, und dann ist es wohl ein ausdruck meines wunsches, irgendwann dann doch mal schwedisch oder norwegisch zu lernen, und dann auch noch das verwahren einer wärmenden erinnerung. ich hatte damals mit allen meinen lieben darüber gesprochen, ob ich einen blog starten soll oder nicht, zergrübelte mir den kopf – nicht gesprochen hab ich über den namen. der war einfach da. und jetzt denke ich, soll er auch bleiben. auch wenn sich das kein mensch merken kann.
du beschäftigst dich mit ’street art‘ und hast ein jahr den künstler brad downey begleitet. welche erkenntnisse über diese – zwischen hochkultureller abwertung und marketinggetriebener aufwertung liegende – kunst hast du gewonnen?
bei marketinggetriebener aufwertung unterstelle ich dir die aktuelle hornbach­kampagne ‚mach was gegen hässlich‘ im hinterkopf. hochkulturelle abwertung findet inzwischen eigentlich nur noch angesichts von tags (’schmierereien‘) statt (die aber brad downey mal als eine art reisekarte unter den künstler*innen bezeichnete) – die hochkulturelle aufwertung hat längst auf kommerziellen wegen begonnen.
ob das alles kunst sein muss, darüber habe ich ja auch viel mit brad downey nachgedacht – bzw. ist er da bereits zu einigen erkenntnissen gekommen, während es mir die differenzierungsnotwendigkeit etwas schwer macht. ja, es kann kunst sein. ja, es macht spass. und ja, es ist notwendig. und wenn es hornbach und street artisten gelingt, ein eigenständigeres, phantasievolleres ästhetisches empfinden und ein verantwortungsgefühl gegenüber dem ort, an dem wir leben, zu verbreiten, dann soll mir das recht sein. bürokratie führt zu schlafwandler*innen. street art, urban interventions haben, meiner meinung nach, einmal die funktion der gestaltung und dann die funktion des wachrüttelns.
in deinem artikel kommt durch, dass viele street art­künstler kunststudierende und meist männer sind. ist das so? und warum gibt es weniger frauen unter ihnen (kennst du welche?)?
die masse an menschen, die im öffentlichen raum künstlerisch tätig sind, ist doch ungeheuer vielfältig, und sie wächst immer weiter. vielleicht kommt die scheinbare überhand von kunststudierenden auf der strasse in unserer wahrnehmung daher, dass sie einmal kenntnisse der gestaltungsmöglichkeiten mit sich bringen – und andererseits auch daher, dass sie einfacher zu rezipieren sind für unser kunst­ und kulturnahes milieu: ihr tun lässt sich einfacher kommerzialisieren und verstehen, weil es weniger gegenkultur als reflexion innerhalb des bewährten kultursystems mit vielleicht anderen mitteln ist.
das rätsel mit den frauen, das nicht nur street art betrifft, konnte ich bisher bedauerlicherweise noch nicht lösen. aber ich sag bescheid, wenn. eine, die für mich ungefähr drei viertel der männlichen artisten an die wand spielt, ist swoon.
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im Uhrzeigersinn: 1 | 2 | 3 | 4
was sind deine liebste street art werke in berlin und wo findet man sie?
  • die institution: der bierpinsel (schildhorn­/schlossstrasse)
  • das kunstvoll­gruselige: die hasen von roa (kunsthaus bethanien, kreuzberg)
  • mein persönlicher liebling: die frau mit kopftuch (lausitzer­/wienerstrasse)
  • der klassiker: der astronaut von victor ash
  • die zauberhaften und perfekt platzierten cut­outs von swoon in mitte hängen in fetzen, wenn überhaupt noch.
und dann all der kleinkram: wenn jemand auf einem mülleimer das e und das r von ‚papier‘ wegkratzt, inzige alice, die zwischen reklameplakaten ertrinkt, der türgriff hinterm briefkasten, lego in pflastersteinen, fische aus plastiktüten an zäunen, downeys sandburg: also all das, was meine augen zwingt, ständig offen zu bleiben für unerwartetes.
wo findet man dich in berlin, wenn du nicht gerade zuhause oder auf dem spielplatz bist?
in der l’epicerie von lionel, im gleisdreieckpark, in unserem gemeinschaftsgarten in der kluckstrasse, im p103, in der voima in der winterfeldtstrasse, im prinzessinenngarten (und nur ganz ganz ganz kurz bei modulor), in der humboldt­uni, bei hobby rüther, oder eben gar nicht, weil wir wieder auf und davon gefahren sind.
was liebst du an berlin, und wofür könntest du der ‚frau mit den sommersprossen und dem viel zu großen mund‘ (hildegard knef) gerade mal eine langen?
ich liebe es mit dem fahrrad ungefähr von den knien bis auf brusthöhe dieser frau zu fahren (weiter komme ich kaum mit dem rad), die wahrscheinlich eigentlich eine art frankenstein ist, mit unzähligen zusammengesetzten unterschiedlichsten körperteilen, und genau das geniesse ich: die sichtbarkeit der unterschiede, das flickwerk, das unfertige. oh, und die direkte unfreundlichkeit, die ist nach züri immer noch eine wohltat!
das bibliothekssterben werde ich leider nicht mit einer ohrfeige beenden können. aber wenn das hilft, dann knall ich ihr mal eine gegen die hektik, den takt, gegen die unüberbrückbaren ozeane zwischen den stadtteilen.
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