Ein Blick hinter Krachbumm

Neue Woche, neuer Blick. Dieses Motto gilt heute einmal mehr. Denn Katja bringt zumindest meine ‚wohlsortierte Wirklichkeit‘ mit ihrer Sicht der Dinge ganz schön durcheinander. KRACHBUMM! So lautet der Name ihres Blogs – und er dürfte Programm sein. Die einfache Mutter und 31jährige Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin aus Graz schreibt über Dinge, die ich bisher selten nebeneinander und noch weniger zusammen gedacht habe: etwa Mutterschaft und Pornografie, Haushaltspflichten und Frauenrechte, Fenchelrezepte und Sexspielzeug zum Selbermachen. Im heutigen Montagsinterview erklärt sie, wie das zusammenpasst. Außerdem erzählt sie, wie sie zur Feministin wurde, was sie unter ‚Mann‘ und ‚Frau‘ versteht und wie die ‚perfekte Welt‘ für sie aussähe. Anders. Das ist mal klar. Und niemand müsste mehr den Bauch einziehen.

In diesem Sinne eine entspannten Start in die neue Woche. Und danke, liebe Katja, fürs Schocklüften im Oberstübchen.
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Foto: Katja Grach

Katja, der Mensch hinter Krachbumm, wer ist das?

Ich frage mich, ob der Mensch Katja von Krachbumm überhaupt zu trennen ist. Natürlich schreibe ich nicht alles haarklein rein, was sich in meinem Leben so tut – auf google ist ohnehin genug über mich zu finden. Und auch wenn einiges momentan recherchiert ist, findet sich doch sehr viel Meinung darin. Im Making of des erotischen Fotoshootings oder Vom Fasten und Legenden der Leidenschaft bekommen LeserInnen sogar einen ziemlich authentischen Eindruck von dem, was mich grade beschäftigt. Auf umstandlos.com schreibe ich teils sogar noch viel unverblümter über Sex, Körperflüssigkeiten und persönliche Befindlichkeiten. Eigentlich gibt es kaum etwas, über das ich nicht schreibe.

Ich schreibe also bin ich. Überall liegen von mir Notizzettel mit Ideen für Blogartikel, Gedichte und was auch immer rum. Manchmal sind meine Finger zu langsam zum Tippen und ich sprech ins Aufnahmegerät. Die Auswahl meiner Texte ist quasi die Essenz dessen, was mich grade rumtreibt. Immer hab ich viel zu viele Baustellen und Projektchen, tausend Ideen, alles ein bisschen chaotisch und bunt. Kaum perfektionistisch. In meinen Blogposts finden LeserInnen sicher öfter Tippfehler, weil sich mein innerer Schweinehund dagegen aufbäumt den in Emotion und mehreren Stunden rausgeklopfen Text noch mal durchzulesen und vielleicht durch Korrekturen zu zerstören. Das ist der Mensch hinter Krachbumm: chaotisch, kreativ, pragmatisch, wortreich und überall zugleich. Und direkt. Mit der Tür ins Haus. Krachbumm passt eigentlich ganz gut. Abgesehen davon habe ich Batmans Abenteuer in Gotham City geliebt – was auch die Inspiration fürs Logo war.

Wie bist du zur Feministin geworden? Und was verstehst du darunter?
Heute würde ich mich fragen: Wann ist eine Frau eigentlich keine Feministin? Und irgendwie gibt es wenig, was dagegenspricht, außer mensch macht sich gern klein und lässt sich gerne unterbuttern. Aber viele getrauen sich doch nicht, dieses F-Wort in den Mund zu nehmen. Mit Gleichberechtigung und Diskriminierung habe ich mich irgendwie schon immer auseinander gesetzt, die geschlechtergerechte Sprache hat sich bei mir erst viel später durchgesetzt, seit meinem Studium der Interdisziplinären Geschlechterforschung nenn ich mich aber offiziell so. 
Feministin zu sein ist meine politische Haltung. Eine Haltung die erstmal einfordert (das ist ja auch die historische Wurzel), dass Frauen wie Menschen behandelt werden – auf allen Ebenen. Ich möchte nicht, dass ich strukturell benachteiligt werde, mir weniger in bestimmten Bereichen zugetraut wird, mir vorgeworfen wird, ich würde sexuelle Gewalt provozieren oder ich als weniger intelligent eingestuft werden, einfach weil ich mit einer Vulva geboren wurde. Das ist doch bullshit. Als Feministin des 21. Jahrhunderts gehen meine „Sorgen“ noch weiter. Männer unterliegen genauso gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenklischees, die krank machen. Überhaupt alle Personen, die sich nicht entsprechenden den Klischees verhalten, haben immer wieder mit Widerstand zu kämpfen. Im leichtesten Fall ist das Irritation und Verwunderung, im schlimmsten ist das Gewalt die zum Tod führt. Darauf aufmerksam zu machen ist mir ein großes Anliegen. 
Das sind ernste Themen. Dafür passt das Label der Feministin meiner Meinung nach auch ganz gut. Eine Feministin muss weder hübsch noch lustig sein – darum schrecken viele davor zurück. Sie haben Angst für frustrierte Achselhaarträgerinnen gehalten zu werden. Zu ersterem: Diskriminierung ist kein Ponyhof ergo frustrierend. Zu zweitem: my body, my choice.
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Du sprichst Dinge/Themen öffentlich an, vor denen die meisten zurückschrecken. Kostet das (immer wieder) Überwindung?
Jein. Als ich für umstandslos über meinen Kaiserschnitt geschrieben hab, veröffentlichte ich den Artikel zuerst anonym. Nicht weil er mir zu persönlich war, sondern weil ich Angst hatte mit meinen Gefühlen ganz alleine dazustehen. Aufgrund der vielen positiven Rückmeldungen hab ich den Artikel dann auch auf krachbumm.com veröffentlicht und seit März ist er auch in gedruckter Form – im österreichischen „Familie rockt“ – nachzulesen. Bei anderen Themen tue ich mir leichter, weil sie mich nur sekundär betreffen. Allerdings hatte ich gerade beim Schwerpunkt Missbrauch/Trauma Bammel, dass der Inhalt nicht gut genug ist, dass Betroffene die Artikel kacke finden könnten. Haben sie aber nicht. Ich habe viele Rückmeldungen dazu erhalten, die mir noch mehr Mut machen, noch viele Schritte weiter mit dem Thema zu gehen. 
Vor Sex schrecke ich weniger zurück. Seit ich selbst Sexualpädagogik-Workshops abhalte, hab ich da noch weniger Berührungsängste. Irgendwer muss die Themen ja ansprechen 🙂 
Du schreibt über Mutterschaft und Pornografie, Haushalt und Frauenrechte, Rollen- und Erwartungsmuster, Fenchelrezepte und Sexspielzeug zum Selbermachen. Wie passt das zusammen?
Das Private ist politisch oder zu einem lustvollen Leben gehören nun mal viele Facetten. Grundsätzlich wollte ich vieles für die Allgemeinheit lesbar machen, was mich auch im Studium beschäftigt hat, aber oft so elitär diskutiert wurde, dass der Praxisbezug komplett verloren ging. Haushalt und Mutterschaft sind absolut politische Themen, genauso wie die Überlegung zu welcher Jahreszeit und von welchem Produzenten ich mir meine Tomaten kaufe. Ohne Öko-Regionalladen, hätte ich nie mit Fenchel Freundschaft geschlossen. Auch die rote Beete und ich nähern uns gerade langsam an. Das bisschen Lifestyle im Blog ist auch da, um die Ernsthaftigkeit anderer Themen ein wenig auszugleichen. Nicht weil ich eine lustige Feministin sein möchte, sondern weil ich kein düsterer Mensch bin und sehr wohl weiß, wie schwer verdaulich manches sein kann, das auf meinem Blog zu finden ist.
Ieva Jansone

Frau. Mann. Was ist das für dich?
Das ist für mich eine absolut schwere Frage an der ich schon länger knabbere. Grundsätzlich würde ich aktuell sagen: Eine Sozialisationserfahrung. Wobei diese natürlich auch absolut variieren kann. Mit diesen männlichen und weiblichen Energien aus dem Tantra usw. kann ich nicht viel Anfangen, da stellt es mir immer die Nackenhaare auf. Gleichzeitig hab ich mich in meinem milk fiction und andere Strömungen über Körperflüssigkeiten absolut als Frau definiert gefühlt. Beim Gucken der Serie Transparent ist mir auch schlagartig klar geworden, dass ich mich definitiv dem Geschlecht zuordne, das in meinem Pass steht. 
Aber am liebsten hab ich dennoch diese Grafik, die im Internet rumschwirrt und sinngemäß fragt, wie du entscheiden kannst, ob ein Spielzeug für Mädchen oder Jungs ist: Kann man es mit den Genitalien bedienen? Nein, dann ist es für beide. Ja, dann ist es nicht für Kinder geeignet. 
Wenn man deine und andere Artikel zum Thema „weibliche Sexualität“ lese, habe ich den Eindruck, dass ist ein nahezu unauflösbarer Widerspruch. Entweder ist frau „Bitch“ oder „peinlich“ oder „Hexe“ … Wie könnte es jenseits dessen gehen? Und warum ist es so verdammt schwer?
Die Antwort auf diese Frage ist so lang, dass ich meine Masterarbeit darüber verfasst habe 😉 Das Problem liegt, denke ich, bei der Definitionsmacht. Wer nennt uns „Bitch“ und „Hexe“? Kultur- und religionshistorisch gesehen sind „Böse Frauen“ jene, die der tradierten weiblichen Rolle (brave Hausfrau und Mutter) widersprechen, indem sie eine freie Sexualität leben und sich der Mutterrolle auf unterschiedlichste Art widersetzten. Dafür werden sie in den Mythen, der christlichen Religion (in anderen kenne ich mich weniger aus), der westlichen Literatur- und Filmgeschichte bestraft, verbannt oder getötet. Die weibliche Sexualität und die weibliche Selbstbestimmung generell sind eng miteinander verknüpft. Und sie macht Männern Angst. Wozu sonst werden promiskuitive Frauen ebenso wie Feministinnen öffentlich an den Pranger gestellt und beschimpft. Niemand setzt sich gern dem aus. Immer wieder mal gibt es Versuche, sich diese Zuschreibungen positiv anzueignen. Die riot grrrl-Bewegung der 90er in den USA war ein Beispiel dafür, ebenso sind es die slut walks oder Lady Bitch Ray. Was die Presse dann draus macht ist eine andere Sache. Vermutlich braucht es mehr Frauen, denen diese ganzen Zuschreibungen und Erwartungen an ihre Sexualität und an sich generell einfach scheißegal sind. Bis dahin wird es vermutlich noch viele kritische Blicke vor dem Spiegel geben und leider auch viel zu oft schlechten (und ungewünschten) Sex. Das allerdings ist die heterosexuelle Perspektive. Möglicherweise ist das mit der weiblichen Sexualität für gleichgeschlechtlich liebende Frauen gar nicht so ein Tamtam.
Jenseits dessen fällt mir jedenfalls immer wieder die Pornoproduzentin Erika Lust ein, die einfach auch als Person und zweifacher Mutter wunderbare Ideen zu einer anderen Art vom Umgang mit Sexualität hat. Ebenso der Charakter der Ali Pfefferman in der amazon-Serie Transparent fällt mir dazu ein. Sie entspricht in keinster Weise einer klassischen „Bitch“ oder „Sexbombe“ und hat die unglaublichsten aufregendsten sexuellen Abenteuer, einfach weil sie ihrem Begehren ohne Wenn und Aber nachgeht.
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Ieva Jansone: Weltvermessung

Wie gelingt es dir selbst, deine (nicht nur, aber auch sexuellen) Bedürfnisse zwischen all den Ansprüchen und Erwartungen und Anforderungen der Gesellschaft und des eigenen Über-Ichs zu leben?
Es gelingt mir immer besser. Aber nicht immer. Teils beuge ich mich. Wenn ich mir vor dem Zumba-Kurs im Winter die Beine enthaare, weil ich gerne die kurzen Hosen tragen würde, dann beuge ich mich. Das kotzt mich generell an, weil ich mir dessen bewusst bin, dass ich es nur tue, weil ich nicht von allen anderen angestarrt werden möchte, nicht weil ich es will. Zu anderen Gelegenheiten ist es mir auch schon gelungen, darauf getrost zu sch… und hab dann einfach die Brille nicht aufgesetzt, um dem Entsetzen nicht zu begegnen. Zum Beispiel bin ich stolze Besitzerin eines Blähbauchs, den ich seit der Schwangerschaft nicht mehr verstecken mag. Abseits der Magazinwelt existieren nun mal unterschiedlichste Körper. Meiner schaut eben so aus. – Das war ein langer Weg dorthin. Ein sehr langer. 
Meine aktuelle Challenge ist ja das Fasten von Selbstaufgabe, das mir ganz gut gelungen ist. Darauf bin ich sehr stolz. Das hat mir auch viel von meinen Ansprüchen und Erwartungen aufgezeigt und sie mich mal endlich hinterfragen lassen.
Und wegen Sex? Check – kann ich nur sagen. Auch ein langer Weg. Auch ein sehr langer. Aber die wütende Feministin in mir ist nicht mehr bereit Kompromisse einzugehen bei so einer wunderbaren Beschäftigung. Never ever again. 
Wie sähe die perfekte Welt für dich aus?
Ein ungeordneter Auszug:
  • Unisex-Kleidung für Kinder. 
  • Mein Kopf würde Obstsorten und Tiere nicht mehr Geschlechtern zuordnen, weil es mich die Kinderbekleidungsindustrie so gelehrt hat.
  • Tiere, die wir essen würden respektvoll und nicht wie Gegenstände behandelt.
  • Im Ozean würde keine Insel aus Plastik treiben.
  • Meeresschildkröten wären nicht vom Aussterben bedroht.
  • Es gäbe keine Korruption und Bereicherung von irgendwelchen Bonzen auf den Kosten ganzer Kontinente.
  • Rassismus würde nicht existieren.
  • Es gäbe den Ausdruck „Bikinifigur“ nicht.
  • Die Grundbedürfnisse von allen Kindern würden befriedigt.
  • Niemand würde wegschauen oder weghören bei Unrecht.
  • Alle würden Entscheidungen, die ihren Körper betreffen, selbst treffen.
  • Eine 30 h Woche wäre Vollzeit-Arbeit.
  • Menschen würden alles mögliche miteinander teilen, was sie aktuell nicht brauchen (Auto, Bohrmaschine, etc.) anstatt zu horten.
  • Väter fühlten sich genauso wie Mütter für ihre Kinder in ALLEN Belangen verantwortlich.
  • Bewertungen wie „richtig“ oder „falsch“ würden kaum mehr eine Rolle spielen.
  • Alle Menschen würden ihre eigenen Grenzen kennen und die Unversehrtheit aller anderen wahren.
  • Die Integrität eines Menschen wäre tatsächlich das höchste Gut und nicht nur auf dem Papier.
  • Es gäbe keinen sexuellen Übergriffe.
  • Keine Frau würde mehr den Bauch einziehen.
  • Alle Menschen könnten jederzeit furzen und (das betrifft besonders Frauen) und dadurch Produkte wie Actimel und Co. sparen.
  • Statt Selbstoptimierung stünde ein nachhaltiges, gutes Leben im Vordergrund.
Ieva Jansone: unseen things

2 Comments

  • ines
    5 Jahren ago

    Super Super Super! Danke für diesen Blick hinter… und die Entdeckung dieser tollen Person!

  • 5 Jahren ago

    Die Auflistung unterschreibe ich! Das wäre wunderbar!

    Wobei ich auch ehrlich zugebe, bei einigen Sachen selbst Hemmungen zu haben: z.B. Unser Auto, was viel rumsteht, mag ich nicht teilen.

    Momentan finde ich es bei der Kinderkleidung besonders auffällig – überall sind kleine Aufnäher drauf – Autos, oder Bonbons, Vögelchen (gehören zu Mädchen). Es gibt so wenig Kleidung, die einfach schlicht und schön ist. Ich lauf doch selbst auch einfach nur in einfarbiger Kleidung rum, ohne Aufnäher, wieso gibt es das nicht für Kinder? Grrr…
    lg Nanne

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