Die höchste Qualität von Arbeit ist, wenn sie sich nicht wie Arbeit anfühlt | Kerstin Reilemann

Kerstin Reilemann, Snug, Hannover, Interior

Sechs Jahre lang hat sie erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut, das mit der Verleihung des German Design Awards 2016 im November letzten Jahres seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. So hätte es weitergehen können. Doch am 1. Februar verkündet Kerstin Reilemann via Facebook, dass sie SNUG.STUDIO verlassen und sich neuen Kreativ-Abenteuern zuwenden werde. Was war ich überrascht! Und – ihr kennt mich – neugierig zu erfahren, wie es zu dieser Entscheidung kam. 

Im heutigen Montagsinterview erzählt die studierte Innenarchitektin aus Hannover, was sie zu diesem – mutigen – Schritt veranlasste und wohin die Reise geht. Hab herzlichen Dank, liebe Kerstin, für die Ein- und Ausblicke. 

Nach erfolgreichen Jahren mit und bei SNUG gehst du nun eigene neue Wege. Wie werden diese neuen Wege aussehen?

Ich hole mal ein wenig aus – und hoffe, dass ist ok! 😉

Ich habe mich seit dem Innenarchitektur-Studium eigentlich immer wieder mit unterschiedlichen gestalterischen Themen beschäftigt, so dass das Produktdesign nicht unbedingt die einzige Richtung ist, die mich interessiert. Schuld war wahrscheinlich meine Hochschule, an der ich studiert habe – interdisziplinäres Arbeiten wurde dort sehr groß geschrieben :).

Schon während des Studiums habe ich mit drei Freundinnen begonnen, eigene Projekte in die Tat umzusetzen. So entstanden verschiedene soziale, interaktive Installationen im Rahmen von Veranstaltungen und im urbanen Raum (siehe Näheres in meinem Portfolio). Das war eine tolle Zeit und ich bin mit den dreien immer noch eng verbunden, auch wenn wir mittlerweile zwischen Hannover und Berlin pendeln müssen, um uns zu sehen.

Nach dem Studium war bei mir dann Familienplanung angesagt. Während der Schwangerschaft habe ich noch als Freelancer an einigen Kunst- und Veranstaltungsprojekten mitgearbeitet. Dann wurde Emil geboren und somit war ich eine Zeitlang eher kreativ im Kinderzimmer-Gestalten und Kaufmannsladen bauen :).

Da mir aber das Kinderwagen-Schieben und Kaffeetrinken mit Freundinnen irgendwann nicht mehr gereicht hat (obwohl es echt toll war!), musste irgendetwas Gestalterisches her, das ich gut von zu Hause aus machen kann. So habe ich angefangen, kleine Produkte aus Holz zu entwerfen und diese bei Dawanda unter dem Label domestic candy zu verkaufen. Süße Produkte von zu Hause – inspiriert durch mein Mutterdasein. So kam ich zum Produktdesign.

Als Emil dann in der Kita war, hatte ich vor, richtig durchzustarten: 

Ein Studio wäre toll und vielleicht noch jemand, mit dem man zusammen arbeiten könnte!

Auch ein Überbleibsel aus den Lehren des Studiums – Teamarbeit! Schon kurze Zeit später habe ich dann Berit über eine gemeinsame Freundin (Anne von enna und Anny Who) kennengelernt. Sie hatte gerade genug von ihrem Job im Architekturbüro und wollte auch gerne was Eigenes auf die Beine stellen. Gesagt – und erfolgreich – getan. 6 Jahre SNUG.STUDIO, Produktdesign mit eigenem Vertrieb.

Bis hierher gemeinsam und nun weiter mit Berit und ihrem Mann Heiko, der im letzten Jahr mit eingestiegen ist. Nun freue ich mich auf die nächsten gestalterischen Projekte, die auf mich zukommen.

Welche werden das sein?

Das wird sich jetzt erst im Machen herauskristallisieren. Aber so viel vorweg: Es wird in Richtung Styling, Art Direction gehen. Ob als Freelancer, angestellt oder beides, ist noch offen.

Aber auch meiner persönlichen Vorliebe für Handmade und Do-It-Yourself- Projekte werde ich weiterhin nachgehen und diese ausbauen. Wer weiß, dabei springen dann vielleicht ein paar Unikate oder die ein oder andere limitierte Auflage von – ich denke eher künstlerischen – Produkten heraus, die ich dann online auch verkaufe. So ganz kann ich dann doch nicht aus meiner SNUG-Haut, aber eben ab jetzt eher sehr zurückhaltend und als persönliche Herzensangelegenheit und weniger als Haupteinnahmequelle.

DIY ist aber nicht nur ein Thema, mit dem ich mich persönlich, sondern weiterhin professionell beschäftigen möchte. Schon seit längerem entwickle ich ja (unter anderem mit Berit) für das Familienmaganzin Nido „Selber-Machen-Projekte“. Im aktuell erschienenen Buch Selber machen! sind auch viele unserer Projekte enthalten.

Was war Anlass und Motivation für den „Alleingang“?

Die letzten sechs Jahre waren eine tolle Zeit: SNUG.STUDIO aufzubauen, es wachsen zu sehen und immer wieder kleine und größere Erfolge feiern zu können. Nur habe ich mich in der Zeit auch stark weiterentwickelt, genauso wie Berit. Mit unserer Philosophie und unseren Ziele haben wir dabei einfach unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. So ist das eben manchmal und das ist auch okay so.

Natürlich war es ein etwas längerer Prozess, in dem wir uns erst einmal klar darüber werden mussten, wie und ob wir miteinander weiter nach vorne gucken. Am Ende haben wir freundschaftlich entschieden, dass wir getrennt voneinander beide besser zu unserer alten Form, zu unserem anfänglichen Enthusiasmus, zurückfinden.

Wenn du zurück blickst: Was war SNUG für dich?

Die höchste Qualität von Arbeit ist, wenn sie sich nicht wie Arbeit anfühlt. 

Kerstin Reilemann

SNUG.STUDIO war für mich mein zweites Zuhause. Es war ein Projekt, das wir mit viel Freude und Elan angegangen sind, um daraus ein echtes Unternehmen zu machen. Und das hat ja auch recht gut funktioniert :).

In den letzten ein bis zwei Jahren habe ich jedoch immer mehr gespürt, dass meine Vorliebe für die gestalterische Arbeit dabei etwas zu kurz gekommen ist.

Wenn man die eigenen Produkte selbst produzieren lassen und erfolgreich vertreiben will, bedeutet das weitaus mehr als die Produkte in einen Onlineshop einzustellen und zu warten. Interne Strukturen und planvolles Handeln sind das A und O. Stand am Anfang das Produktdesign ganz groß oben auf unserem Plan, so haben wir schnell gemerkt, dass von einem guten Marketing, Vertrieb, Logistik, Lagerhaltung, Mitarbeiterführung bis hin zu Controlling- und Steuerthemen (…hab ich was vergessen?) alles mindestens genauso wichtig ist.

Ich habe so unermesslich viel gelernt in diesen Jahren und kann es super für alle kommenden Unternehmungen und Projekte nutzen.

Wie geht es mit SNUG weiter ohne Kerstin Reilemann? Worauf dürfen wir uns freuen?

Ich bin mir ganz sicher, dass es tolle neue Produkte geben wird. Ich halte sehr viel von Berits Gespür dafür, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Wir können uns also sicher auf neue klare Produkte mit dem gewissen Etwas freuen. Aber am besten wissen das natürlich Berit und Heiko selber.

Worauf freust du dich am meisten?

Darauf, dass ich für mich der gestalterischen Prozess wieder in den Vordergrund stellen kann. Egal, ob ich ein Do-It-Yourself-Projekt für eine Zeitschrift umsetze, kleine Unternehmen unterstütze, ihren öffentlichen Auftritt zu verbessern, Stylings für Produkte und Interior entwickele, Handmade-Produkte entwerfe und herstelle oder mit großen und kleinen Menschen Kunstprojekte mache.

Noch ist alles sehr frei und offen, aber je mehr ich in mich hineinhorche, je mehr ich an vergangenen Projekten zusammentrage, desto genauer zeichnet sich gerade ein Konzept für mich ab. Interdisziplinäres Arbeiten eben 🙂

Was sind deine aktuellen Projekte?

Da bin ich noch ziemlich am Anfang. Ein Projekt ist meine neue Homepage, die vor allem als Portfolio funktioniert und potenziellen Kunden und Kooperationspartnern zeigen soll, was ich so gemacht habe und was ich mache. Was ich anbieten kann und möchte.

Außerdem arbeite ich weiterhin mit der Nido zusammen, für die ich derzeit ein neues „Selber machen-Projekt“ für Kinder entwerfe. Bei decor8 werde künftig einmal im Monat mit einem DIY-Beitrag vertreten sein und im Kulturbüro meines Stadtteils DIY-Workshops für Kinder und Erwachsene geben. Es läuft also an!

Parallel dazu vernetze ich mich in verschiedenste Richtungen. Das ist in den letzten Jahren leider immer ein wenig zu kurz gekommen. Es ist gerade so inspirierend, sich mit anderen kreativen, freischaffenden Menschen auszutauschen. Dabei sind allein in den letzten paar Wochen so wunderbare Ideen und positive Gedanken und nicht zuletzt gute Kontakte entstanden.

Wo finden wir dich?

Man findet mich – hoffentlich ganz bald – auf meiner neuen Homepage und schon ein wenig länger auf Instagramtumblr und Facebook. Auf meinem Instagram-Feed möchte ich vorerst eine gewisse Ahnung davon vermitteln, was mich und meinen Stil ausmacht. Meine Art auf die Dinge zu sehen. Meine ganz persönlichen gestalterischen Gedanken und Projekte.

6 Comments

  • 3 Jahren ago

    Das ist so gut nachzuvollziehen, wenn der Wunsch zum Ursprünglichen besteht und ich finde es toll, dass Kerstin diesen Weg geht. Ich bin gespannt und werde Dir auch folgen. Viele Grüße und besten Dank für das Interview!

  • 3 Jahren ago

    Vielen Dank, liebe Indre, für Dein Interesse und unseren netten Kontakt! Außerdem vielen Dank für die lieben Kommentare – macht Spaß, sie zu lesen!

  • Carolin
    3 Jahren ago

    Tolles Interview! Ich bin auch schon seit domestic candy "Fan" und war überrascht über den Ausstieg bei SNUG – umso spannender hier über die Gründe, aber auch ihre Perspektiven zu erfahren! (Außerdem habe ich jetzt erst verstanden, dass enna und Anna Who offenbar eine Person sind…) vielen Dank für das spannende und aufschlussreiche Interview! Ich wünsche Kerstin alles Gute für ihren neuen Weg – verfolgen tue ich ihn schon ein wenig auf Instagram! Liebe Grüße und eine gute Woche!

  • 3 Jahren ago

    Danke für das Interview! Das hört sich nach einer guten Entscheidung an und ich wünsche Kerstin das allerbeste für die "neuen" Wege!
    Liebe Grüße, Wiebke

  • 3 Jahren ago

    Klasse Interview!
    Da ich schon Fan von domestic candy war, besteht das Gefühl schon lange teilhaben zu dürfen. Klingt irgendwie unnatürlich gestelzt, aber ich kann es gerade nicht griffiger formulieren. Egal … Bin jedenfalls gespannt auf das was nun kommt.

    Guten Wochenstart in die Runde
    Ines

  • 3 Jahren ago

    Ein tolles und super interessantes Interview!

    Greetings & Love
    Ines

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