Ein Blick hinter Frau Meike


Ich suche nach dem Wesen der Dinge, den Rest könnt ihr behalten.‚ So lautet das Motto ihres Blogs und wer sich auf ihn einlässt, ist raus aus der Komfortzone. Denn Frau Meike ist vieles, aber ganz sicher nicht bequem. Es sind nicht nur die Themen, sondern vor allem ihre Sicht- und Schreibweise, die die Lektüre bisweilen zur Anfechtung machen. Wer beginnt seine Selbstbeschreibung schon mit den Worten ‚Ich mag Menschen nicht‘? Spontan kam mir der Satz von Ingeborg Bachmann in den Sinn: ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.‘ Egal ob Feminismus, Hypersensibilität oder Hochbegabung, Liebe, Tod oder Internet – Meike Lobo schreibt offen und direkt und schont dabei weder sich noch ihre Leser/innen.

In unserem Montagsinterview erzählt die promovierte Biologin, die mit einem Mann und zwei Katzen in Berlin lebt, warum sie sich zu dieser ’schonungslosen Offenheit‘ im Internet entschieden hat, weshalb sie die digitale der analogen Welt vorzieht, wieso sie eher ihren rechten Arm hergeben würde als sich Feministin zu nennen und dass nur ihre nüchterne Weltsicht sie davor bewahrt, angesichts so mancher digitaler Entwicklung völlig auszurasten. Vielen Dank, liebe Meike.

Einen fulminanten Start in die KW 3 wünsche ich.
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Du glaubst nicht an das Gute im Menschen, weil du – so deine Vermutung – die Welt oft eher evolutionsbiologisch (und nicht anthropozentrisch) siehst. Als Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin kann ich mir das kaum vorstellen. Wie sehen die Welt und die Menschen aus (d)einer evolutionsbiologischen Perspektive aus?
Menschen sehen für mich aus wie hochentwickelte Tiere und die Welt wie ein geschlossenes Ökosystem, in das wir uns genauso einreihen wie jede andere Tierart auch. Wir haben deutlich mehr Möglichkeiten, Umgebungsanforderungen zu begegnen, unterliegen aber, eben weil das System geschlossen ist, genauso natürlichen Einflüssen und Begrenzungen.
Mich schreckt die Vorstellung eines menschlichen Aussterbens nicht. Es ist nicht wichtig, dass alle Arten auch in 100 Jahren noch genauso aussehen und leben wie wir sie heute kennen. Alle Ökosysteme sind ständig in Veränderung, alles ist in Bewegung, evolutive Anpassungen passieren in jeder Sekunde, jede Generation unterscheidet sich von der vorherigen, alles interagiert miteinander, Vergehen und Entstehen passieren gleichzeitig. Es erscheint mir völlig widersinnig, dass der Mensch seit rund 50 Jahren versucht, die Evolution gewissermaßen anzuhalten und die Dynamik der Welt in einem Ist-Zustand zu konservieren, damit die Erde auch für unsere Kinder und Kindeskinder noch so aussieht wie für uns. Paradoxerweise sind die wütende Selbstbezichtigung und der resultierende Rettungsanspruch die Kehrseite jener menschlichen Hybris, die überhaupt erst zur Zerstörung natürlicher Ressourcen geführt hat.
Arten kommen und manchmal gehen sie auch wieder. Und zwar nicht, weil alle das Pech hatten, einen Meteor auf den Kopf zu bekommen oder von einer Industrienation ausgebeutet zu werden. Manchmal geht Evolution einfach bescheuerte Wege, die dem Überleben der Art gegenläufig sind, man spricht dabei von evolutiven Sackgassen und von evolutivem Selbstmord. Die Kultur des Menschen wird ja gerne als positive Kenngröße gewertet, doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass der Mensch im Zuge seiner Kultivierung unfassbaren Quatsch angestellt hat. Seine Kultur hat Missstände in die Welt gebracht, die vorher nicht da waren und die ihn selbst gefährden. Kultur ist nicht besser als die Natur und schon gar nicht die Abwendung von einer grausamen und primitiven Welt. Kultur ist nichts als die Möglichkeit, das Wie der eigenen Existenz durch bewusste Entscheidungen zu beeinflussen. Entscheidungen, die genauso gut falsch oder dumm sein können. Diese Fehlentscheidungen lassen sich als populationsökologisches Regulativ deuten, das der Wiederherstellung eines Gleichgewichts dient, welches der Mensch gestört hat.

Dein Ziel ist es, dich öffentlich zu entblößen (Quelle). Warum? Und wie hältst du den bisweilen unterirdischen Anfeindungen, Attacken und Feindseligkeiten stand?
Ich würde nicht von „Ziel“ sprechen, das klingt, als würde ich laufend nach Anlässen suchen, mich auszuziehen. Für mich geht es da eher um Aufrichtigkeit und Authentizität. Jeder Mensch betont immer, dass er akzeptiert oder geliebt werden will „wie er ist“, aber kaum jemand hat den Mut, das dann auch zu zeigen. Ihre Schwächen, Ängste und Schmerzen sind für die meisten Menschen ihr bestgehütete Geheimnis. Sie verbergen sie aus einer vorauseilenden Furcht, die sich aus dem antizipierten Tiefschlag speist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass solche Schläge weit seltener vorkommen als man so befürchtet. Und wenn sie kommen, sind sie mir ein hervorragendes Mittel, aus dem großen sozialen Summen der Welt die Ärsche auszusieben.
Wenn ich nackt auf einer Bühne stehe und jemand steht auf und gröhlt „Guck mal, die Alte hat ja voll die Cellulite!“, dann sagt das ja mehr über ihn aus als über mich. So jemand wird dann geblockt und aus dem Summen entfernt. Auf die Art schafft man sich ein Umfeld, das nicht nur willens, sondern auch fähig ist, mich trotz meiner Schwächen zu mögen und zu respektieren.

Was macht die virtuelle Welt besser bzw. angenehmer als die „analoge“?
Für jemanden, der introvertiert und sehr lärmempfindlich ist wie ich, nahezu alles. Draußen ist Lärm, ist Hektik, ist Rücksichtslosigkeit, Menschen stehen Dir im Weg, Supermärkte foltern Dich mit Musik, alle reden durcheinander und erwarten diese gesellschaftliche Verstellung. Dass man auf die Frage „Wie geht’s?“ mit „Muss ja!“ antwortet und nicht mit der Wahrheit, die vielleicht lautet „Total beschissen, meine Ehe zerbricht gerade, mein pubertierendes Kind verliert das Vertrauen zu mir und ich stecke mitten in den Wechseljahren, am liebsten möchte ich weglaufen.“
Ich habe mich irgendwie angepasst, aber als ich das im Internet nicht mehr musste, fiel ein riesiges Gewicht von mir ab. Das Internet folgt meiner Taktung und da, wo es das nicht tut, gönne ich mir dann und wann eine Internetpause, um mein eigenes Tempo wieder zu fühlen.
Außerdem habe ich meinen Mann, der genau der Seelenverwandte ist, den ich immer gesucht habe, im Internet gefunden, ich kann schon von Rechts wegen gar nichts Negatives darüber sagen.
Es ist dir wichtig, dass Frauen stärker werden, aber lieber würdest du deinen rechten Arm hergeben, als dich als Feministin bezeichnen zu lassen. Warum? 
Der Netzfeminismus, wie er mit der Twitteraktion #Aufschrei aufkam, ist destruktiv in jeder Hinsicht. Er schwächt die Frauen, indem er immer wieder auf ihren Opferstatus hinweist, er differenziert nicht, weder in der Sprache noch in der Sache, er ist aggressiv und wütend. Und auch wenn ich diesen Gefühlsausbruch nachvollziehen kann, ist er so weit weg von dem, was ich als Ideal zwischen den Geschlechtern ansehe, dass ich mich nicht im Dienste einer grundsätzlich guten Sache in ein Gemetzel einspannen lassen will.

Wie werden (wir) Frauen stärker? 

Indem wir aufhören, so zu tun, als seien wir moralischer, klüger und insgesamt weiter entwickelt als der schwanzgesteuerte Neanderthaler-Mann, der die nächste Bewusstseinsstufe einfach noch nicht erreicht hat. Frauen haben in der Vergangenheit eine passive Rolle gehabt und der Feminismus leitet daraus ab, dass sie damit unschuldig am Zustand der Gesellschaft sind. Doch gerade diese Passivität ist der größte Fehler der Frauen. Sie neigen immer noch dazu, sich unterzuordnen, möglichst unauffällig zu sein und klein beizugeben, wenn Konflikte drohen. Doch Konfliktscheue ist nicht Klugheit und Angst vor der Auseinandersetzung keine Friedfertigkeit.
Frauen müssen Verantwortung übernehmen, für sich, für ihr Leben, für ihre Entscheidungen. Aber auch: für ihre Fehler, ihre Schwächen, ihr Unvermögen. Genauso wie Männer. Nur so können wir irgendwann einen konstruktiven Diskurs beginnen.
Außerdem sollten wir uns mehr auf Ursachenforschung und Erkenntnisgewinn konzentrieren, statt auf kosmetische Maßnahmen wie Quoten oder geschlechtergerechte Sprache. Solche Maßnahmen bergen nämlich die Gefahr in sich, das Problem zu kaschieren – von außen sieht es ja gelöst aus. Erste Rückmeldungen aus den Niederlanden und Skandinavien zeigen, dass Quotenunternehmen weniger Umsätze machen, eine hohe Fluktuation unter den Vorstandsfrauen haben und die Börsenkurse sinken. Das macht wenig Lust auf mehr und überzeugt niemanden davon, dass Frauen gleichwertige Chefinnen sind. Solange wir also nicht das männlich geprägte Wirtschaftssystem hinterfragen, können Frauen nur „schlechtere“ Ergebnisse als Männer liefern.

Was macht dich zurzeit besonders wütend?
Mich nerven und ärgern einige digitale Entwicklungen, z.B. die immer subtilere Werbung im Internet, die man kaum noch als solche erkennen kann. Von Unternehmen gesponserte Youtube-Videos, sogenannten Hauls, die sich an ein überwiegend minderjähriges Publikum richten, ohne dass irgendwo gekennzeichnet wäre, dass es sich dabei um eine bezahlte Werbung handelt. Betreiber von Netzwerken und Medien versuchen immer stärker, die Nutzer zu mehr Klicks zu bringen, und überschreiten nach meinem Gefühl dabei immer häufiger eine moralische Grenze. Aus moderater und legitimer Verkaufsförderung wird ein intransparentes Manipulationssperrfeuer, das immer schwerer zu durchschauen ist. Nutzern die Kontrolle über ihre Daten und die Inhalte ihrer Profile zu entziehen oder ihnen kaum gekennzeichnete Anzeigen unterzuschieben, wie Native Advertising das tut, ist für mich nicht mehr Werbung, sondern Bauernfängerei. Dass auch der vielzitierte Qualitätsjournalismus dabei mitmacht und jedes Mal eifrig ganzseitig darüber berichtet, wenn ein gewisser Computerhersteller ein neues Produkt herausbringt, lässt mich schon manchmal würgen.
In solchen Situationen hilft mir mein nicht-anthropozentrisches Weltbild übrigens sehr dabei, nicht vollkommen auszurasten. Die innere Ruhe, die mich überkommt, wenn ich mir den Mensch als evolutive Sackgasse vorstelle, ist unbezahlbar.

alle Fotos (c) Frau Meike

6 Comments

  • 4 Jahren ago

    ich möchte mit dem zitieren gar nicht mehr aufhören. ein grandioses interview.

  • 4 Jahren ago

    Liebe Indre, ich habe zu danken für die spannenden und tiefgründigen Fragen fernab jeder Oberflächlichkeit. Es hat mir Spaß gemacht, mich auf sie einzulassen.

  • 4 Jahren ago

    parfait!
    danke, liebe indre, für den famosen hinweis.

  • 4 Jahren ago

    Diese "innere Ruhe" kenne ich sehr gut…, ein herrlicher Schlusssatz… Dennoch hätte ich gern, dass auch meine Enkel (und Urenkel…) sowas wie Vielfalt der Arten noch am lebendigen Beispiel nachvollziehen können ;-). Und dass sie Frieden zwischen den Menschen als lebbar erfahren. Und dafür tue ich dann doch was, am liebsten mit ihnen zusammen, entspannt, freudig, zuversichtlich. Auch wegen der Schmerzen auf der Seele. Lieben Gruß und DANKE, Frau Meike und MiMa, Ghislana (ziemlich introvertiert und lärmempfindlich…)

  • 4 Jahren ago

    Schonungslos offen…, wunderbar! Das gefällt mir.
    Sie spricht mir in fast allen Punkten aus der Seele.
    Vielen Dank für das tolle Interview!
    Liebe Grüße von Heike

  • 4 Jahren ago

    Danke für dieses tolle Interview über eine Frau mit spannenden Gedanken und so erfreulich klaren Worten. Jetzt bin ich neugierig auf Meikes Blog.

    Lieber Gruß, Katja

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