Diesmal eine Lesefrucht | Hazel Rosenstrauch

Beatrix Langner, Die 7 grössten Irrtümer über Frauen, die denken. Matthes & Seitz, Berlin 2017, 237 S.

Welch schöner Titel, verführerisch für jede Frau, auch für Männer, denen die Bauch- und Gefühlspropagandistinnen auf die Nerven gehen. Die Autorin nennt es einen »Bericht«, und der erstreckt sich von der Antike bis zur Gegenwart, vom Mutterkult zu brillanten Wissenschaftlerinnen quer über die Jahrhunderte. Es gab mehr denkende Frauen, als sich klein Hänschen oder große Historiker haben träumen lassen. Auch mehr, als Genderforscherinnen bislang ausgegraben haben.

Langners Zettelkasten (oder was man heutzutage stattdessen im Rechner hat) muss enorm sein. Das Buch ist eine Mischung aus profunder Kenntnis quer über die Jahrhunderte, kluge und ketzerische Uminterpretation von Mythen und Polemik. Langner spaziert gelahrt und übermütig durch die europäische Kulturgeschichte, unterfüttert die Gender-Debatte historisch, entlarvt Homer oder Hesiod, linke Sexisten sowieso. Natürlich kommen all die Weiberhasser einschließlich Freud, Nietzsche, Picasso, Woody Allen vor, sie fährt aber auch massives Geschütz auf, um kluge, denkende Männer gegen feministische Wissenschaftshistorikerinnen der 1970er Jahre zu verteidigen. »Feminismus ohne Männer macht irgendwie keinen Spaß.«

Wenn es einen roten Faden gibt (er geht in der Masse des Stoffs und der Gedankenfülle leider verloren), so ist es die Wut auf all die falschen Feminismen. Auf Fundamentalfeministinnen, einen staatlich verordneten »Familiarismus«, der den politischen Feminismus ersetzt und die kleinlauten, defensiven, larmoyanten Autorinnen. »Frauen haben an ihrer eigenen Unterdrückungsgeschichte mitgeschrieben, und einige tun es immer noch, indem sie sich dem Urteil der Männer unterwarfen, wie Helena dem Schiedsspruch Paris.« Eine Christine Lagarde, Margaret Thatcher oder Angela Merkel sind nicht ihre Genossinnen, die »konformistische Zwangsumarmung des Feminismus durch die Ökonomie« zerstöre die Träume von einer besseren Welt.

Wenn es einen roten Faden gibt, so ist es die Wut auf all die falschen Feminismen.

Aus der Fülle an Material könnte ein Lexikon geschmiedet werden (wodurch es auch leichter wäre, die Personen und Zitate zu finden, die nicht ausgewiesen werden). Oder ein Handbuch als Einführung in die vielen Facetten des Feminismus. Es gibt, habe ich gelernt, radikalen Differenzfeminismus, liberalen Gleichheitsfeminismus, postmodernen, poststrukturalistischen, dekonstruktiven und linken Feminismus, den Cyberfeminismus und den Sextremismus. »Alle teilen die Welt … in binäre Oppositionen« und das stört die Autorin ebenso wie der Lifestylefeminismus, der für das weibliche Empowerment agitiert und jeden zweiten Satz mit ICH anfängt.

Manche Formulierungen sind brillant, manche sind platt. »Homers schöne Helena war – nun ja, schön. Und blond. Homers Ilias ist gewissermaßen der älteste Blondinenwitz der Weltgeschichte, allerdings mit mehr als fünfzehntausend Versen auch der längste.« Die Türme im akademischen Disneyland Oxford sind »erigierte Symbole der Wissensmacht.« Als Wortschöpfungen für ein feministisches Lexikon eignen sich z.B. die »uterinen Allmachtsphantasien« und die »kulturelle Penisverlängerung«.

Meistens wird viel Wissen vorausgesetzt, dann wiederum die Geschichte von Orpheus und Euridike nacherzählt; Thilo Sarrazin ist bei ihr nur ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, ein »Hobbydenker«. Langner fragt in verschiedenen Varianten, »wo ist sie geblieben, die bessere, die schönere, die weibliche Humanität.« Am Schluss, zu dem ich gierig, auf bessere Lösungen hoffend, blättere, plädiert die Autorin für transdisziplinäre Wissenschaftsprojekte. »Wie wäre es … wenn weibliche und männliche Weltbeschreibungen sich ergänzen würden zu einer neuen, komplementären Erzählung … Wenn wir den Egoismus des Einzelnen, der Staaten, Religionen, Kontinente hinter uns lassen, auch den Egoismus der Geschlechter, und zusammen eine Zukunft entwerfen würden?«

Ein großes Thema, ein großes Versprechen, viel Hirnschmalz und Engagement … aber manchmal wäre weniger mehr. Schade.


Bilder © Lando Jansone

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