Design Thinking muss man lernen wie Fahrradfahren | Inga Wiele (gezeitenraum)

Kennengelernt habe ich Inga Wiele im Spätherbst 2017 über den Dächern von Berlin. Sie war zu Gast bei Julias Salontalk. Die unaufgeregte, klare Sicht- und Umgangsweise der Design Thinking-Expertin hat mir schon damals sehr gefallen. Vergangene Woche hatte ich das Glück, ein Training bei ihr machen und ihr Herangehen persönlich erleben zu dürfen. Als leidenschaftlich und nüchtern würde ich es bezeichnen, womit sie sich wohltuend abhebt vom gegenwärtig dominierenden Design Thinking-Bling Bling.

Wie sie den Innovationsansatz nutzt, wo sie seine Chancen und Grenzen sieht und was Design Thinking mit dem Wattenmeer zu tun hat, darum geht es im heutigen Interview. Vielen Dank dafür, liebe Inga!


Inga Wiele ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der Beratungsfirma gezeitenraum gbr in Sankt Peter-Ording, die Unternehmen bei der Gestaltung des digitalen Wandels unterstützt.

Die studierte Betriebswirtin war rund 14 Jahre für den Softwarehersteller SAP AG tätig, u.a. als ehemalige Aufsichtsrätin. 2011 wurde sie an der d.school des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam zum Design Thinking Coach ausgebildet und hat als Projektcoach und Trainerin am Roll-Out des Ansatzes bei der SAP AG mitgewirkt.

Du gestaltest den digitalen Wandel in Unternehmen und nutzt dabei Design Thinking. Wie setzt du den Innovationsansatz ein?

Ich schätze die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Design Thinking. Der wichtigste Aspekt ist für mich, dass der Ansatz das unternehmerische Denken unterstützt. Es schult die aufmerksame Wahrnehmung verschiedener Bereiche, die für kundenorientierte Lösungsansätze wichtig sind. Dazu gehört es, aufmerksam zu beobachten und zuzuhören, wie Kund*innen mit einem Produkt oder einer Dienstleistung interagieren und neue Erkenntnisse oder Technologien auf ihre Relevanz für das eigene Geschäftsmodell abzuklopfen.

Für mich ist Design Thinking eine Vorgehensweise, die es ermöglicht in komplexen Situationen pragmatisch Lösungen zu erarbeiten. Ich nutze sie in Workshops und in Projekten.

Inga Wiele
Foto: Inga Wiele

Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: »schnellere Pferde«.

Henry Ford

Design Thinking richtet sich am Bedarf der Nutzer*innen aus. Aber Nutzerbedarfe sind mitunter recht beschränkt, wie das obige Zitat demonstriert. Wie überwindet man diese „Betriebsblindheit“ im Design Thinking?

Es ist sehr wichtig, den Kund*innen zuzuhören. Aber dabei muss man sich darüber im Klaren sein, dass sich ihre Wünsche und Ideen oft an den Möglichkeiten orientieren, die ihnen bekannt sind. Zu Zeiten von Ford waren das eben die Pferde.

Im Design Thinking versucht man, aus Wünschen zunächst Bedürfnisse abzuleiten. Dann überlegt man, ob die Idee des Kund*innen die beste Lösung darstellt und welche Alternativen es gegebenenfalls gibt.

Ford hat erkannt, dass es „den Leuten“ darum geht, schneller von A nach B zu kommen. Im Gegensatz zu ihnen wusste er von der Erfindung des Automobils und hatte sich mit Fließbandfertigung beschäftigt. Dieses Wissen kombinierte er und schuf erschwingliche Automobile für den Massenmarkt.

Inga Wiele St. Peter Ording
Foto: Inga Wiele

Design Thinking wird nicht nur geschätzt, sondern zunehmend kritisiert. Natasha Jen von der New Yorker Design-Agentur Pentagram etwa mokiert, dass Design Thinking nichts bringe, wenn Talent, eine fundierte Ausbildung und vor allem Kreativität und Leidenschaft fehle. In eine ähnliche Richtung stößt André Apel von der Digitalberatung EWERK. Was ist deine Meinung dazu?

Ich betrachte den augenblicklichen Hype auch mit Sorge und glaube, dass die Kritiker*innen durchaus gut beobachten. Die Kritik geht allerdings in den meisten Fällen an der Methode vorbei und trifft nicht den Kern des Problems.

Mit André Apel stimme ich fast komplett überein. Interessanterweise sagt er ja auch, dass „wenn man sich die Methoden, aus denen die „Marke“ Design Thinking zusammengewürfelt ist, im Einzelnen ansieht, können sie hier und da wirklich helfen: Und zwar solchen Menschen, denen strukturiertes Denken fremd ist.“

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass den meisten Menschen strukturiertes Denken fremd ist, allerdings fällt es vielen schwer, in Teamprozessen strukturiert vorzugehen, da jede*r ihre/seine eigene Struktur mitbringt. Hier bietet Design Thinking einen gemeinsamen Standard.

Eine andere Kritik zielt auf den inhärenten Konservatismus von Design Thinking. So meint Natasha Iskander von der New York University, dass Design Thinking blind gegenüber dem Neuen sei und den Status Quo zementiere. Siehst du das auch so?

Im Grunde denke ich, dass Design Thinking immer dann gefährlich ist, wenn es zu leicht genommen wird. Man beherrscht den Ansatz nicht von heute auf morgen (wie übrigens die wenigsten Dinge – man denke nur ans Fahrradfahren). Unternehmen tendieren jedoch dazu, schnelle Lösungen zu favorisieren. Darin liegt das größte Risiko.

Design Thinking muss man lernen und das tut man nur durch Aha-Momente, Fehlschläge, immer wieder neues Anfangen und vor allem dem Erfahrungsaustausch mit anderen. Das japanische Lernprinzip des Shu/Ha/Ri passt hier sehr schön. Die erste Stufe Shu bedeutet Lernen durch Nachahmung. Man eignet sich die neuen Methoden an, indem man sie nachmacht. In der zweiten Stufe Ha geht es darum, die Regeln zu variieren und auf die eigene Situation anzupassen. Die höchste Stufe ist dann das Verlassen der vorgegebenen Wege und das Finden eigener Wege. Das braucht Zeit und damit tun sich Unternehmen natürlicherweise schwer.

Der augenblickliche Hype um Design Thinking weckt zusätzlich übertriebene Erwartungen an die Schnelligkeit, mit der neue und tragfähige Lösungsansätze entwickelt werden können. Die Voraussetzung dafür bleiben Erfahrung und das Beherrschen der Methoden.

Inga Wiele St. Peter Ording
Foto: Inga Wiele

Welche Erfahrungen machst du mit Design Thinking bei der Gestaltung des digitalen Wandels?

Die größte Herausforderung der Digitalisierung besteht nicht darin, gute Softwareentwickler*innen zu finden, sondern neue Technologien zu interpretieren – also die Potentiale für Geschäftsmodelle zu erkennen.

So hat vor ein paar Jahren kaum jemand verstanden, warum Whatsapp besser sein soll als SMS und noch weniger, warum Facebook Whatsapp gekauft hat. Heute erkennen die meisten von uns warum. Aber das ist wie beim Ei des Kolumbus: Ist die Lösung bekannt, scheint sie einfach zu sein.

Design Thinking hilft mir, mit Unternehmen eine Denkweise zu trainieren, die sich abkehrt von Best Practices hin zum Erkennen von Möglichkeiten, die vorher noch nicht bekannt waren. Aber auch hier ist Geduld gefragt. Relativ schnelle Erfolge lassen sich im Hinblick auf Gesprächskultur, ein besseres Kundenverständnis, die gemeinsame Entwicklung von Konzepten und Ausrichtung auf gemeinsame Ziele erreichen.

Was braucht es deines Erachtens, damit Design Thinking funktioniert, also zu wirklich wirklich guten Ergebnissen führt?

Die Erkenntnis, dass nicht der erste Prototyp, der in einem eintägigen Workshop erarbeitet wurde, das Ergebnis von Design Thinking ist.

Die Ergebnisse von Design Thinking sind:

  • eine geschärfte Wahrnehmung bei allen Beteiligten,
  • die gemeinsam gewonnenen Einsichten,
  • das neu erworbene Wissen und der Wissensaustausch,
  • ein verbessertes Kundenverständnis,
  • gebündelte Kraft im Team.

Daraus entstehen auf längere Sicht neue oder bessere Produkte, Prozesse oder Dienstleistungen.

Inga Wiele St. Peter Ording
Foto: Inga Wiele

Was hat deinen Mann und dich ermutigt, gezeitenraum zu gründen?

Wir wollten am Meer leben.

Ihr lebt und arbeitet in St. Peter Ording. Welche Rolle spielt dieser Ort für eure Arbeit?

gezeitenraum ist eine Analogie zum Thema Innovation. Denn das Wattenmeer ist ein Musterbeispiel für Anpassung und Evolution. Die Tiere hier können ebenso gut an Land wie im Wasser leben. Das Meer zerstört Bestehendes und schafft damit Platz für Neues. Die Flut bringt fruchtbare Mineralien und Nährstoffen.

Was waren die schönsten, was die überraschendsten Momente in eurer Beratungsarbeit?

Als wir zum ersten Mal von brand eins unter die besten Unternehmensberater*innen nominiert wurden, waren wir sehr überrascht – und haben uns unglaublich gefreut.

Die schönsten Momente sind, wenn sich neue Kund*innen melden, weil andere Kund*innen uns empfohlen haben.

Jenso52 Wattenmeer
Jenso52

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