»Betreuungsnotstand im Schlaraffenland« – Im Gespräch mit Claudia Jucker von »Hoi Berlin«

18. September 2017

Als ich das allererste Mal in Zürich war – das muss im Jahr 2001 gewesen sein – begann ich unwillkürlich zu heulen. Wir kamen vom Bahnhof und liefen die gleichnamige Straße entlang bis zum Zürcher See, als mich die Schönheit dieser Stadt in einer Weise überwältigte, wie ich es bis dato nicht gekannt hatte {später sollte mich das Stendhal-Syndrom noch öfter ereilen}. Ziemlich überrascht und nicht minder hilflos versuchten mein Mann, der damals noch mein Freund war, und unser Freund mich abzulenken, indem sie mich in eines der Cafés einluden, was die Sache jedoch nur schlimmer machte. War denn hier alles schön und heil und makellos? Erst als wir in die Langstraße mit ihren schäbigen Bars, ihren Ramschläden und den krummbeinigen Halbstarken bogen, wurde ich ruhiger.

Wie es wohl einer Zürcherin in Berlin ergeht?

Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Interview mit Claudia Jucker von »Hoi Berlin«. Die gebürtige Zürcherin hat bis vor wenigen Wochen mit ihrer Familie in Berlin gelebt. Drei Jahre lang. Nun ist sie zurückgekehrt und sieht ihre Heimatstadt mit neuen Augen. Wie? Das lest am besten selbst. 😉

Vielen Dank, liebe Claudia, für das schöne Gespräch!

Claudia Jucker von Hoi Berlin

Wer und was steckt hinter HOI BERLIN?

Hinter »Hoi Berlin« steckt Claudia Jucker. Aber auch ganz viel Maus und Mips. Ohne die Mädels wäre mein Leben und der Blog nur halb so bunt und vermutlich gar nie entstanden. Und dann ist da noch mein Mann, der das Grillen und die Wälder liebt, aber gerne unsichtbar bleibt {aber dennoch ganz viel mithilft}.

»Hoi« ist Schweizerdeutsch und bedeutet »Hallo«. Ich suchte einen Namen, der zu mir passt und die Schweiz und Berlin verbindet. Gegründet habe ich Hoi Berlin, weil ich etwas suchte, um unsere Zeit in Berlin zu konservieren und das Erlebte zu verdauen. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das Bloggen so erfüllen könnte. Ich liebe es, zu schreiben und Geschichten für Produkte zu inszenieren. Der Blog hilft mir, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen.

Du bist in Zürich aufgewachsen und bis vor nicht allzu langer Zeit in Berlin gelebt. Was hat euch dazu bewogen zurückzugehen?

Ui, das ist eine schwierige Frage, die für Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte gesorgt hat. Wir standen irgendwann an dem Punkt, wo wir entscheiden mussten, ob wir so richtig in Berlin bleiben wollen oder ob wir wieder zurückgehen sollen.

Als wir nach Berlin zogen, wussten wir nicht, wie lange unser Abenteuer dauern würde. Ich dachte, wir gehen für immer. Mein Mann war realistischer; für ihn war es von Anfang an nur für eine gewisse Zeitspanne. Er wusste, er würde die Schweiz und seine Freunde zu sehr vermissen. Ich war davon überzeugt, man könne doch beides miteinander verbinden. Ja, und dann ereignete sich ein ähnliches Szenario, wie damals, als wir vor der Frage standen, ob wir nach Berlin ziehen:

  • Unsere alte Wohnung in Zürich frei wurde {ein Häuschen mit Garten mitten in der Stadt }.
  • Das Team meines Mannes aufgelöst wurde und
  • mein Vertrag lief zum Sommer aus.

Für uns war klar: jetzt oder nie. Und so leiteten wir alles in die Wege, damit wir zu Mausis Schulstart zurück in Zürich sein würden. Jobs hatten wir noch keine; aber eine Woche vor unserem Monsterumzug erhielt mein Mann die Zusage für eine Stelle in Zürich. Ein Riesenglück! Ich bin noch immer auf der Suche, aber eigentlich ganz dankbar, noch etwas Zeit für die Kinder und für mich zu haben.

1024px-Münzplatz,_Zürich

Was sind deiner Meinung nach die größten Unterschiede zwischen diesen beiden Haupt- und Großstädten?

Zürich ist ein Schlaraffenland. Das wurde mir nochmals richtig bewusst, als wir jetzt zurückkamen. Alles ist sauber und gepflegt, man grüsst sich, obwohl man sich nicht kennt, die Leute sind wohlwollend und nicht so unverschämt und abweisend, wie das in Berlin manchmal der Fall ist. Ich denke, es liegt daran, dass es hier einfach weniger durchbeissen muss. Den Menschen hier geht’s gut; die meisten beklagen sich auf sehr hohem Niveau. Das nervt mich zum Teil auch etwas – hey, geht mal ein paar Jahre von hier weg, dann würdet ihr die Schweiz wieder mehr schätzen.

Ich hatte häufig das Gefühl, in Berlin herrscht eine gewisse Gleichgültigkeit. Es ist zum Beispiel egal, ob jemand unfreundlich ist oder einen schlechten Job macht. In der Schweiz würde sich das kaum jemand erlauben.

Dafür ist in Berlin vieles möglich und Geld ist kein Statussymbol. Das fand ich immer sehr erfrischend. Sehr geschätzt habe ich auch die Kinderbetreuung und dass es selbstverständlich ist, dass Frauen arbeiten. Hier in Zürich bin ich hier ziemlich am Rotieren und fühle mich als Frau auch ein wenig veräppelt und hinabgestuft: Möchte ich arbeiten, fließt mein Gehalt im Grunde direkt an die Kita oder Schule.

Ein Kitatag kostet hier umgerechnet 110 Euro, ein Tag im Hort rund 62 Euro.

Für niedrigere Einkommen gibt es subventionierte Plätze, dann wird’s etwas günstiger, ist aber noch immer Lichtjahre von Berlin entfernt. Darum bleiben viele Mütter bis zur Einschulung der Kinder zu Hause. Nach fünf bis sieben und mehr Jahren Erziehungszeit finden sie dann aber kaum den Einstieg ins Berufsleben – und dabei sind die meisten von ihnen gut ausgebildet und haben studiert. Ich finde, das kann einfach nicht sein!

© Roland Fischer, Zürich (Switzerland) – Mail notification to: roland_zh(at)hispeed(dot)ch / Wikimedia Commons
© Roland Fischer, Zürich

Was genießt du besonders in Zürich bzw. in der Schweiz? Was fehlt dir?

Ich geniesse in Zürich tatsächlich das Überschaubare, die Natur, den See, den Fluss, die Vielfalt der Tiere und das köstliche Essen. Die Wege sind alle viel kürzer, und wenn ich einen Arzttermin brauche, muss ich nicht stundenlang telefonieren bis ich jemanden gefunden habe oder ewig warten, bis ich an die Reihe komme. Es ist schön, hin und wieder ein Schwätzchen mit einer fremden Person zu halten, meine Freunde zu treffen und zu wissen, man hat die Familie wieder in greifbarer Nähe, falls was sein sollte. Zürich hat sich auch weiterentwickelt und das kulturelle Angebot ist riesig. Ich freue mich jetzt auch, meine Heimatstadt mit neuen Augen zu entdecken und zu erkunden.

Berlin lebt 24 Stunden. Es ist immer etwas los und man kann immer irgendwo einkaufen. Ein Hoch auf die Spätis! Hier herrscht sonntags und zur Mittagszeit tote Hose. Das ist mir manchmal etwas unheimlich, und ich vermisse das Auswärtsessen. Das kann man sich Zürich mit Kindern nicht mehr wirklich leisten. In Berlin bezahlt man für ein Essen zu viert soviel wie in Zürich für eine Person. Sogar der Pizzakurier nimmt pro Pizza rund 25 Euro und das ist noch eine günstigere Variante. Was ich hier auch manchmal vermisse, ist die Unkompliziertheit. In Zürich ist man sehr auf ihr Äusseres bedacht. Das find ich manchmal etwas anstrengend und oberflächlich. Aber im Großen und Ganzen fühlt es sich gut an, wieder hier zu sein.

Was könnte Zürich von Berlin und Berlin von Zürich lernen?

Zürich sollte sich ernsthaft Gedanken über das Thema Kinderbetreuung machen. Es sind zwar Tagesschulen und mehr subventionierte Kitaplätze geplant, aber in den Köpfen der Menschen muss sich noch einiges ändern. Da könnten sie einiges lernen von Berlin. Umgekehrt könnte Berlin sich an Zürichs Höflichkeit ein Beispiel nehmen: Mit kleinen netten Gesten kommt man viel besser durch den Tag und ist am Ende des Tages deutlich weniger frustriert.

Claudia Jucker von Hoi Berlin
(c) Claudia Jucker

Wohin geht man in Berlin, wenn die Sehnsucht nach der Schweiz überhand nimmt? Und weißt du, wo man hier Zweifel-Chips und Vermicelles bekommt?

In Berlin etwas Schweizfeeling aufkommen zu lassen, ist gar nicht mal so einfach. Am nächsten sind wir dem immer gekommen, wenn wir an einen See gefahren sind. Davon gibt’s ja zum Glück einige sehr schöne Exemplare. Um die zu finden, empfehle ich übrigens das Buch »Take Me to the Lakes«.

Unser Bedürfnis, Schweizerisch zu essen, war in Berlin weniger stark. Wir haben uns nach jedem Schweizaufenthalt mit Käse eingedeckt und wie Goldbarren im Kühlfach gehortet. Aber ich habe gehört, es muss total leckeres Fondue im NOLA’s im Weinbergspark geben und für Spätzli und Rösti geht man in die Schwarze HEIDI in Kreuzberg. In Wilmersdorf gibt es das Chuchichästli, wo man Schweizer Produkte einkaufen kann, zum Beispiel Kägifrett, Minipics und Rivella. Aber auch da war ich noch nie. Aus selbigen Grund. Ach, und dann fällt mir noch die Meierei in der Kollwitzstraße ein. Dort findet auch ein bisschen Schweiz in Berlin. Ich war dort häufiger zum Frühstücken, weil sie so leckere Gipfelis, Birchermüesli und Käsplättlis haben.

Lebensmittel aus der Schweiz

Hast du ein paar Einkaufs- und Ausgeh-Tipps für den nächsten Zürich-Besuch?

Schöne Dinge für große Menschen {Kleider, Möbel & mehr}

  • Soeder {schlichte und natürliche Alltagsdinge – von Bekleidung und Rucksäcken über Kochutensilien und Möbeln bis zu Schmuck und Pflegeprodukten}
  • Fabrikat {Papeterie, Künstlerbedarf und Handwerkerutensilien}
  • Waldraud  {ausgewählte Möbel und Kleider}
  • Im Viadukt mit Freitag-Flagship-Store {unbedingt die Aussicht geniessen!}

Schöne Dinge für kleine Menschen {Kleider, Möbel & mehr}

Essen- und Ausgehen

Tanzengehen

Ins Kino gehen

Wird sich dein Blog mit und durch euren Umzug verändern, z.B. in »HOI ZÜRI« ?

Gut geraten! Ich hatte tatsächlich, daran gedacht, einen ähnlichen Blog zu starten und ihn »Hoi Zürich« zu nennen. Aber in Moment geht grad so viel ab mit anderen Blogs in Zürich und der Schweiz, dass ich erst mal ein wenig schauen möchte, wo denn meine Nische sein könnte.

Vorerst bleibe ich also »Hoi Berlin« treu und versuche mich auf ein paar Kategorien zu fokussieren. Es sind auch ein paar Neue geplant, die ich umsetzen werde, sobald ich etwas Luft habe. Außerdem schreibe ich auch immer mehr für andere Blogs, was mich sehr freut und meinem Ziel, als unabhängige Autorin zu arbeiten, näher bringt.

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