Zwischen Rückzug, Ruhe und Haifischen. Ein Gespräch übers Wohnen mit Theatermacher Max Schumacher {post theater}

„Die rissigen Fassaden der Hinterhäuser sind mit roten Schriften überzogen, an einer kahlen Mauer schreit der Satz: Wir wollen als Menschen leben!“ 

Das könnte so oder so ähnlich auch heute irgendwo in Berlin stehen. Tatsächlich stand er 1933 auf einer Mauer in Meyers Hof in der Ackerstraße 132 in Berlin-Wedding. Eine typische Mietskaserne aus der Gründerzeit, mit der auf Kosten der Bewohner/innen spekuliert wurde, bis diesen buchstäblich der Kragen platzte. Quelle

Die Lage der Dinge

Das ist lange her. Doch die Situation wiederholt sich in scheinbar regelmäßigen Abständen: Rund 50 Jahre später, Ende der 1970er Jahre, stehen hunderte Wohnhäuser in West-Berlin leer. Grund: Spekulation. Nach der Wiedervereinigung gilt Berlin lange Zeit als Mieterparadies – für wenig Geld bekommt man hier viel Raum. Doch spätestens seit 2013 ist die Wohnungsfrage wieder virulent – und angesichts der Zufluchtsuchenden wird bzw. ist sie es noch mal mehr.

Wohnungsknappheit trotz Bau-Boom, heißt es im Juni 2015 im Berliner Tagesspiegel, und wenige Monate später: Vermieter warnen vor Wohnungsnot in Berlin. Am 1. Februar diesen Jahres titelt der tipBezahlbarer Wohnraum ist knapp.

Ein Theaterabend über Wohnutopien

Was ist eigentlich los, am Wohnungsmarkt? Und muss das so sein? Diese Fragen haben sich auch Hiroko Tanahashi und Max Schumacher gestellt, die beiden Köpfe hinter dem post theater. Mit ihrer neuen Produktion haben sie das Thema nun erstmals auf die Theaterbühne gebracht:

HOUSE OF HOPE – Ein Theaterabend über Wohnutopien 
Weltpremiere am 3. März 16 um 20.00 Uhr
Berlin-Premiere am 9. März 16 um 20.00 Uhr
Zur Premiere schaffe ich es leider nicht, aber am 12. März werde ich im Theaterdiscounter sein und mich freuen, die ein oder den anderen von euch zu treffen. Zur Einstimmung habe ich schon mal mit Max Schumacher über die Motivation und Herangehensweise, über Wünsche, Visionen und Hoffnungen des 1999 in New York gegründeten und seit 2002 in Berlin und Stuttgart ansässigen post theaters gesprochen.
Was gab den Anstoß für euer neuestes Projekt „House of Hope“?
Eine der ganz großen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Fragen – mit denen jedeR zu tun hat: JedeR wohnt irgendwie, irgendwo. Manche allerdings immer schlechter, oder immer teurer. Kaum etwas wurde in den letzten Jahren so stark teurer wie das Wohnen. Diese Verbindung aus privatem Rückzugsraum, Ruheort – und einem turbulenten, brutalen Markt finde ich spannend. Oder tragisch. Oder einfach faszinierend. Gleichzeitig gibt es auch viele Ideen, wie anders gewohnt werden kann. Aber die kommen in Deutschland kaum zum Zug.
Welche Menschen habt ihr nach ihren Erlebnissen, Meinungen und Wunschvorstellungen gefragt und welche (Zwischen-)Bilanz zur Wohnungsfrage könnt ihr (auf Basis dieses Materials) ziehen?
Wir haben mit Maklern, Mietern, Vertriebenen, Eigenheimkäufern, Architekten und Städtebau-Theoretikern geredet. Wir haben auch viel gelesen und Filme gesehen. In fast allen Medien gibt es eine Menge dazu – komischerweise im Theater aber fast gar nicht. Eine Zwischenbilanz können und wollen wir nicht ziehen. Es gibt alles gleichzeitig – tolle und fiese Vermieter, verbrecherische und sozial verantwortliche Immobilienunternehmen, egoistische und altruistische Hauptmieter…. Die Gleichzeitigkeit von allem ist Teil des Problems – und seiner Faszination.
Wie sieht das „House of Hope“ als Alternative zur aktuellen Wohn- und Wohnungslage aus?
Das House of Hope ist vor allem eine Speerspitze gegen die soziale Homogenisierung, die gerade stattfindet. Bezirke werden, wenn es so weitergeht, stärker nach Einkommen getrennt sein. Innenstädte werden nicht mehr offen sein für sozial Schwache. Im House of Hope soll die gesamte Stadtgesellschaft unter einem Dach abgebildet werden – in ihrer Heterogenität, ihrer Vielseitigkeit.
Worin besteht seine Radikalität?
Wir wollen doch nicht hier schon alle Ideen zu unserer Vision vorher preisgeben. Wir machen Theater, keine Parteiprogramme.
Martha Rosler, Times Square Spectacolor sign, New York, 1989 | Quelle: HKW
Wie wohnt ihr selbst?
Von den vier DarstellerInnen wohnen zwei zur Miete und zwei in der eigenen Wohnung. Wir haben aber alle in verschiedenen WGs, Wohnungsgrößen und -arten gewohnt. Wir alle wohnen in den Innenstadtbezirken. Keiner hat ein persönliches Problem mit der Situation. Noch nicht. 
Was hat euch bzw. das posttheater 2002 nach Berlin gezogen?
Das waren für Hiroko Tanahashi und mich, Max Schumacher, vor allem Probleme mit unserem Aufenthaltsstatus in New York. Und die hohen Mieten dort. Und damals sagten wir – wenn schon Europa, dann Kreuzberg.
Wie erlebt ihr die Wohnsituation in Berlin?
Sehr gespalten. Zwischen großen Ängsten und großer Zufriedenheit ist im Kollegen-, Bekannten-, Freundeskreis alles dabei. Ich finde es verrückt, wie viele Leute – junge Leute, Studierende – es heute völlig normal finden, enorme Mieten zu zahlen. Man darf es eben nicht mit den WGs der Mid-90er Jahre vergleichen.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Wohnens in Berlin und anderswo?
Sozialen Wohnungsbau, der unbefristet im kommunalen Besitz verbleibt – anstatt Immobilienfirmen aus Steuergeldern zu bezuschussen.
Mehr neue und originellere Konzepte, Wohnen und seine Bezahlung zu denken. Warum gibt es nur Mieten oder Kaufen von Wohnraum? Besser wäre: mehr Genossenschaften. Mehr flexible Konzepte von Wohnungen, die mitwachsen können – oder schrumpfen. Und eine bessere Stadtplanung, die es attraktiver macht, auch außerhalb von S-Bahnringen, der Innenstädte zu wohnen. Besseren öffentlichen Personennahverkehr und bessere Fahrradwege – dann würden auch andere Bezirke interessanter.

1:1-Model Urban Forest, 2015© Atelier Bow-Wow | Quelle: HKW

1 Comment

  • 3 Jahren ago

    achja, das freut mich. max und hiroko kenne ich von früher, und auch den veranstaltungstipp nehme ich ernst!
    danke und gruss*

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