KW 2 #PoetischeInterventionen

Eine Woche wie ein Tag. Wie im Flug. Fast wäre sie an mir vorbei gerauscht, wären da nicht diese kleinen Momente gewesen, Indie den Lauf der Dinge unerwartet unterbrechen und innehalten lassen: poetische Interventionen.

Über Schönheit – Ein S-Bahn-Gespräch

»Arbeiten kann ich nicht mehr«, sagt der Mann. »Geht gar nicht: Rücken kaputt, Knochen kaputt, Leber kaputt, alles kaputt.« Sein Gegenüber – ein junger Mann – blickt ihn an. Ich auch. »Anfang 50«, überlege ich. Drahtiger Typ, klare Gesichtszüge durchzogen von feinen Linien.

Könnte ein Yogi sein, wäre da nicht sein kaputter Körper. – »Das ist schlimm«, erwidert der junge Mann. »Ja. … bin gelernter Schornsteinfeger.« – Kennen die beiden sich? Eher nicht. »Schornsteinfeger – Glücksbringer«, schiesst es mir durch den Kopf. – »Dann haben Sie ja viel Zeit.« »Ja.« »Machen Sie was damit!« »Mach‘ ich. Ich reise – viel und gerne.« »Das ist schön«, sagt der junge Mann im Aussteigen. »Ja, das ist schön«, sagt der Ältere. Dann schliesst sich die Tür.

Frappierende Eleganz – Bäckereibeobachtungen

Die Bäckerei liegt auf meinem Weg. So eine typische Eckbäckerei: Fertigbackwaren in laminierter Standardeinrichtung. Trotzdem – oder gerade deshalb – mag ich sie. Sie ist immer gut besucht. In der Früh holen sich die Polizist/innen, die den S-Bahnhof – wer weiß warum – bewachen, ihren Morgenkaffee. Später kommt der Mann mit dem Alu-Hut {er scheint sich seiner Sache sehr sicher}.

Die vietnamesische Frau von der Änderungsschneiderei und die Punks, die ihr Nichtstun exzessiv vorm S-Bahnhof ausleben, holen sich ein Teilchen und die jungen Leute mit den fleischgetunnelten Ohren versammeln sich redend und rauchend vorm Eingang.

Im Vorbeigehen bleibt mein Blick an einem jungen Paar hängen. Vielleicht 19 Jahre alt. Sie sitzen direkt hinter der Scheibe, ins Gespräch vertieft. Er mit Cappy, sie mit blondiertem Haar. Jede/r eine Kaffeetasse und ein Baguette vor sich. Dann beugt sie sich plötzlich vor, zieht ihm lachend das Capy in die Stirn, wirft den Kopf in den Nacken – mit frappierender Eleganz. »Was hat er wohl gesagt?«, frage ich mich und blicke ihn an. Er himmelt sie an, wird ganz unter ihrem Blick, der ihn so liebevoll erwidert.


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… und die obligatorische Liste

Was mich in dieser zweiten Woche des neuen Jahres noch bewegt hat, habe ich wie gewohnt gelistet:

  1. GESEHEN: »A Tribute to Barack Obama«
  2. GEHÖRT: »Hallelujah« {John Cale}
  3. GELESEN: »Es geht uns gut« {angefangen, eingefangen}
  4. GEDACHT: Wir werden wohl noch länger auf Sicht fahren müssen.
  5. GEMACHT: eine Ausstellung und einen Film vorbereitet
  6. GESUCHT: utopische Ideen
  7. GEFUNDEN: eine Anleitung, um die Demokratie zu reparieren und eine zu ihrer Rettung
  8. GEFALLEN: die Keramiken von Studio Anchor
  9. GEFREUT: auf einen Abend mit Mareice
  10. GERÜHRT: von den Abschiedsworten an Michelle Obama und den Begegnungsmomenten
  11. GESTAUNT:  über Antoine Leiris
  12. GEFRAGT: Welche Bedeutung wird dieses Jahr/werden wir dem vergangenen wohl geben?
  13. GESCHMUNZELT: über Ma.’s Berufsentscheidungsschwierigkeiten: »Mama, ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich werden will: Tänzerin, Sängerin oder Musikerin.«
  14. GEWÜNSCHT: mehr Leichtigkeit für alle
  15. GEKLICKT: Coffeeklatch

Ein schönes Wochenende!

6 Comments

  • 2 Jahren ago

    Es gibt sie noch, die Liebe zwischen den Menschen, schön, so im Kleinen…
    Für mich ist sie das Beste von allem, wofür es sich gelohnt hat, das Erdenleben…
    Einen schönen Sonntag!
    Astrid

    • M i MA
      2 Jahren ago

      Stimmt. Unbedingt. LG I.

  • 2 Jahren ago

    An diesen (bewegten) Bildmomenten habe ich mich diese Woche auch festgehalten um zu pausieren. Zurück im (echten) Leben brauchte ich das sehr. Umso mehr habe ich mich gefreut wenn ich sogar im Bus nicht nur Statistin war, sondern sogar selber freundliche überraschende Worte gewechselt habe – mit Fremden. Und in der Bäckerei habe ich sogar etwas geschenkt bekommen, zum Lächeln und kurz Verweilen dazu. Ich bin gespannt was die dritte uns bringen wird. Die ersten zwei waren meine Proben – Generalprobe aber bitte frühestens im April … Hab einen guten Sonntag. Winke winke nach Berlin .

    • M i MA
      2 Jahren ago

      Oh ja, selbst Protagonistin sein – das ist besonders schön. Vielleicht passiert’s in KW 3 oder 4 oder 5. Generalprobe im April finde ich gut. 🙂 LG. I.

  • 2 Jahren ago

    Würden mehr Menschen so unvoreingenommen und wach mit offenen Augen und Ohren vor die Tür und durch die Welt gehen, dann wäre sie ein schönerer Ort.

    LG, Katja

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