KW 11 #WolfimSchafspelz. Oder tanz die Inklusion

Nein. Der Eurovision Song Contest trifft nicht meinen Geschmack. Weder musikalisch noch ästhetisch. Die Songs klingen überwiegend nach schnellmontierter Modulmusik, allein darauf bedacht, ja nicht die vorherrschende Hörgewohnheit zu verletzten. Ein Motto, dem auch das Veranstaltungsdesign geschuldet ist. Muss ja Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher gefallen, den zwei ergrauten Protagonisten der Markt- und Meinungsforschung. Und trotzdem oder gerade deshalb hat das Großereignis der Europäischen Rundfunkunion etwas Großartiges.

Hinterrücks hat sich der vordergründig brave Liederwettbewerb zu einer subversiven Plattform entwickelt, auf der das europäische Selbstverständnis neu verhandelt wird. Mit dem Gewinn der israelischen Transgender-Künstlerin Dana International im Jahr 1998 machte der ESC die bis dato randständige Genderfrage massenkompatibel; und mit der bärtigen Drag-Queen Conchita Wurst demonstrierte er 2014 beiläufig, dass nicht nur Europas, sondern auch seine Toleranzgrenzen weiter geworden sind. Er ist, was man den Wolf im Schafspelz nennt, und schafft ganz nebenbei, woran sich Politiker/innen und andere Meinungsmacher/innen die Zähne ausbeißen: Bewusstseinswandel.

Dieses Jahr kommt der Angriff aufs Kollektivbewusstsein aus dem hohen Norden. Mit der Band Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN) fordern die Finnen nicht nur die europäischen Hörgewohnheiten heraus, sondern demonstrieren meisterhaft, wie man die schöne Rede von der inklusiven Gesellschaft mit Leben füllt: Indem man zu Punkrock von ‚ganz normalen Typen mit einer geistigen Behinderung‘ (Bassist Sami Helle) Pogo tanzt. Das ist Punk. Und das rockt.

In diesem Sinne ein horizonterweiterndes Wochenende und die obligatorische Liste.

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