„Den Weg ebnen für eine menschenfreundliche, inklusive Gesellschaft“. Im Gespräch mit Mareice Kaiser {Fluchtgedanken I}

Seit in diesem Sommer Tausende von Menschen Zuflucht bei uns suchen, wird viel darüber geredet, dass sich unser Leben verändern wird. Vieles hat sich schon verändert. Im Kleinen wie im Großen. Manche Entwicklung ist zutiefst beunruhigend. Wir müssen uns ihr mit aller Entschlossenheit entgegenstellen. Vieles aber, was zurzeit in diesem Land passiert, macht Mut und Lust aufs Wandeln.
In unregelmäßigen Abständen möchte ich hier mit den Menschen ins Gespräch kommen, die hinter diesen positiven Entwicklungen stehen, die zeigen, wie man mit Empathie, Pragmatismus und Kreativität den Weg in eine menschenfreundliche, inklusive Gesellschaft ebnet.
Den Beginn dieser Gesprächsreihe macht Mareice Kaiser {Kaiserinnenreich.de}. Die Journalistin, Bloggerin und Mutter von zwei Mädchen, mit und ohne Behinderung, ist Mitbegründerin von Kreuzberg hilftVielen Dank, liebe Mareice, dass du mit- und den Auftakt machst!
Kreuzberg hilft leistet seit Wochen Soforthilfe für geflüchtete Menschen. Aktuell wird DRINGEND ein neuer Lagerraum (mindestens 60 qm) gesucht, barrierefrei zugänglich, trocken, mietfrei, für mindestens sechs Monate, in Kreuzberg & drumherum. Wer weiterhelfen kann, bitte direkt bei Kreuzberg hilft melden.
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Mareice Kaiser: Foto (c) Carolin Weinkopf
Liebe Mareice, es wird viel darüber geredet und geschrieben, dass sich unser Land und Leben, unser Denken und Tun durch die Menschen, die hier Zuflucht suchen, verändern wird. Welche Veränderungen nimmst du bei dir und den anderen Helfer/innen wahr? 
Das einzig Beständige im Leben ist die Veränderung – so oder so ähnlich lautet eine Redewendung und ich finde, da ist was dran. Dass viele Menschen den Weg nach Europa und konkret nach Deutschland suchen, hat ja diverse Gründe und ist nicht erst seit gestern so. Ich lebe in Berlin-Kreuzberg, schon seit über zehn Jahren. Für mich ist das selbstverständliche Zusammenleben vieler Kulturen, sozialer Schichten und Religionen schon lange Alltag. Ich freue mich, dass meine Kinder gemeinsam mit Kindern aus anderen Kulturkreisen und anderen Familiensprachen in die Kita gehen genau so wie darüber, dass meine behinderte Tochter dort mit offenen Armen empfangen wurde. Ich bin aber auch realistisch genug um zu wissen, dass ein Miteinander nicht immer harmonisch abläuft. Das tut es aber eben auch nicht, wenn Menschen aus ähnlichen kulturellen Zusammenhängen miteinander leben. Wichtig ist meiner Meinung nach das Wollen des Miteinanders – wenn wir miteinander leben wollen, dann schaffen wir das auch.

… wenn wir miteinander leben wollen, 
dann schaffen wir das auch. 
Du engagierst dich seit Wochen und Monaten für die Menschen, die hier Zuflucht suchen. Was genau machst du und was macht das mit dir?
Im August erfuhr ich über Facebook, dass Rollstühle am LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) gesucht wurden. Ich hatte keinen Rollstuhl, aber einen Kinderwagen, den wir nicht mehr brauchten und fuhr ihn kurzerhand hin. Als ich sah, wie groß der Bedarf an Sachspenden und Hilfe war, blieb ich dort und half. Am nächsten Tag kam ich wieder und am darauffolgenden auch. Ich sah die große Not der Menschen und konnte gar nicht anders, als innerhalb meiner Möglichkeiten mit anzupacken. Ich lernte Lisa, Patricia und Simone kennen, denen es ähnlich ging und aus einem Moment mit dem Gedanken „Nichtstun ist keine Option“ entstand Kreuzberg hilft. Wir fanden einen Sammelraum für Sachspenden in Kreuzberg, bastelten eine Website und in kürzester Zeit war Kreuzberg hilft nicht mehr vier Frauen, sondern über hundert Helferinnen und Helfer. Einige Wochen war ich Vollzeit mit dem Aufbau von Kreuzberg hilft beschäftigt – mittlerweile muss ich wieder meinem Job nachgehen, denn unsere Miete muss ja auch irgendwie bezahlt werden. Kreuzberg hilft gibt es aber weiter und die vielen Helfer_innen leisten Großartiges: Neben der wichtigen Sammlung und Verteilung der Sachspenden gibt es einen großen Aktionsbereich, in dem es um Projekte und Events für und mit geflüchtete Menschen geht. Uns allen liegt das gemeinsame Zusammenleben sehr am Herzen. Der Kontakt miteinander, statt einem Nebeneinander. Dafür arbeitet Kreuzberg hilft und es ist toll zu sehen, wie viele Menschen aus dem Kiez sich melden und das genau so sehen, kreative Ideen für gemeinsame Projekte haben und mit offenen Herzen zu uns kommen und sich engagieren. 
Was ist deine wichtigste Erkenntnis der letzten Wochen und Monate?
Vielleicht, dass es keine Unterscheidung von „wir“ und „die“ gibt. Einen wichtigen Text dazu hat Simone Dede Ayivi für ZEIT Online geschrieben: Wir müssen über Rassismus reden
Uns verbindet mehr, als uns trennt. Geflüchtete Menschen sind Menschen wie du und ich. Für mich gab es einen Schlüsselmoment: Als ich in der Wilmersdorfer Unterkunft für Geflüchtete in der Kleiderkammer half, suchte ich für eine vierköpfige Familie Anziehsachen aus den Regalen – sie hatten nur das, was sie am Körper trugen. Die Mutter winkte fast alles ab, was ich ihr zeigte – es gefiel ihr nicht für ihre Söhne. Eine Sekunde war ich irritiert, dann hatte ich einen Moment des Perspektivwechsels: Ich erkannte mich selbst in ihr. Wäre ich mit meiner Familie auf der Flucht und eine fremde Helferin würde mir gebrauchte Sachen anbieten – ich würde auch nicht wollen, dass meine Kinder irgendwas anziehen. Sie hat sich in dieser würdelosen Situation ihre Würde bewahrt. Ich hatte einen riesengroßen Respekt vor ihr, sie hat dann selbst die Anziehsachen für ihre Kinder herausgesucht und ich hatte einen dicken Kloß im Hals und wurde sehr demütig und habe mich gleichzeitig sehr schlecht gefühlt in der Position der Helfenden. Denn diese Struktur – eine ist die Helferin, die andere ist die, der geholfen werden muss – drückt ja gleichzeitig auch ein Machtverhältnis aus. Darin fühle ich mich nach wie vor unwohl. 

… [ich] habe mich gleichzeitig sehr schlecht gefühlt 
in der Position der Helfenden.

Auch deshalb würde ich mir wünschen, dass diese Art der Soforthilfe endlich vom Staat übernommen wird, die Versorgung mit Lebensnotwendigem. Damit die ehrenamtlich engagierten Menschen und die geflüchteten Menschen zusammen kommen, um Projekte miteinander zu machen, um sich zu begegnen, miteinander zu leben.
Die Kälte kommt. Das Mitleid geht. Was braucht es in dieser Situation, damit wir das schaffen?
Die Formulierung finde ich schwierig. Ich wünsche mir für geflüchtete Menschen kein Mitleid, sondern Mitgefühl. Mitleid kommt von oben herab, daraus entsteht wieder die Differenzierung in „die“ und „wir“ und es schafft wieder Barrieren zwischen den Menschen. Damit habe ich auch als Mutter eines behinderten Kindes oft ein Problem. Das einzige, was uns unterscheidet, ist dass „wir“ nicht die schlimme Erfahrung einer Flucht machen mussten und nicht mit der daraus resultierenden Traumatisierung leben müssen.

Ich wünsche mir, 
dass alle Menschen in Deutschland 
sich einen Perspektivwechsel trauen. 

Ich wünsche mir, dass alle Menschen in Deutschland sich einen Perspektivwechsel trauen. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich mein Heimatland verlassen müsste? Wie stark muss der Leidensdruck sein, damit ich alles, was mir lieb ist, hinter mir lasse? Dass ich das Leben meiner Kinder durch die Flucht aufs Spiel setze? Wie muss es sein, in einem Land anzukommen und über 50 Tage, jeden Tag, bei Wind und Wetter, mit meinen kleinen Kindern oder hochschwanger, um eine Registrierung anstehen zu müssen? Ich wünsche mir, dass jeder Mensch sich ein einziges Mal ernsthaft diesen Fragen stellt. 
Klingt vielleicht ein wenig romantisch, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es nicht mehr braucht, um „das“ zu schaffen.
Was möchtest du in 10 bis 15 Jahren in den Geschichtsbüchern über das Jahr 2015 lesen?
Ich denke da ein bißchen kleiner, privater. Die Frage, die ich mir in diesem Jahr manchmal gestellt habe, ist: Was antworte ich meinen Töchtern in 15 Jahren, wenn sie mich fragen, was ich 2015 getan habe? „Nichts“, wäre für mich keine befriedigende Antwort. Also habe ich was gemacht.
Gleichzeitig ist das, was aktuell politisch in Deutschland und der Welt passiert, ja erst der Anfang von großen Veränderungen. Ich glaube daran, dass jede_r Einzelne_r den Weg ebnen kann für eine menschenfreundliche, inklusive Gesellschaft. Wenn wir uns alle dafür im Kleinen engagieren – und damit meine ich nicht nur ehrenamtliches Engagement, sondern auch Haltung beziehen, den Mund aufmachen, demokratische Parteien wählen –, dann kann es auch im Großen klappen.

Wenn wir uns alle dafür im Kleinen engagieren […], 
dann kann es auch im Großen klappen.
Foto: Mareice Kaiser | Atelier Annton Beate Schmidt, Neukölln 

Wer von euch Menschen kennt, die hier zu Wort kommen sollten oder wenn ihr selbst gerne von euren Erfahrungen erzählen möchtet, meldet euch bitte!

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