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Begegnet bin ich dem Anwalt und Winzer Horst Hummel im Dezember 2012. Der Zufall führte mich zu einem vorweihnachtlichen Abendessen mit ihm. Seither treffe ich seine Weine mit der so schönen wie unvergesslichen Hummel regelmäßig wieder (bevorzugt an literarischen Orten). Dass er heute zu Gast bei mir ist, ist wieder dem Zufall zu verdanken.

Logo Weingut Hummel

Kürzlich las ein (mich) ziemlich erschütterndes Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über die Rechtsentwicklung in Ungarn, und just am selben Tag (es war der 20. Februar) erhielt ich den Newsletter des Weinguts Hummel. Da erinnerte mich, dass Horst Hummel seinen Wein in Ungarn anbaut und »Land und Leute« recht gut kennt. Warum nicht ihn nach seinen Eindrücken und Erfahrungen fragen – und gleich nach all dem, was ich 2012 nicht zu fragen wagte? Zum Beispiel warum er Ungarn als Weinanbaugebiet gewählt hat und was er an diesem (mir bisher unbekannten) Land so mag. Wie er, der Anwalt für Urheberrecht (unter anderem), eigentlich zum Weinbau gekommen sei und worauf es in den beiden Metiers ankomme. Um all das und noch ein wenig mehr geht es im heutigen Montagsinterview, mit dem ich einen anregenden Start in die neue Woche wünsche.

Danke, lieber Horst, für das anregende Gespräch.

Horst Hummel im Keller seines Weinguts

1998 hast du dein Weingut Hummel in Villány/Ungarn gegründet. Wie kam es dazu?

Es war wohl eine Mischung aus Neigung, Gelegenheit und Notwendigkeit. Ich habe mit Anfang 20 begonnen, mich mit Wein zu beschäftigen, bin nach Burgund gereist und war fasziniert von der Schönheit der Weine. Dann bin ich im Laufe der Jahre in Weingebiete auf der ganzen Welt gereist, habe verkostet, mit Winzern geredet und über Wein gelesen. So hat sich ein Verständnis von Wein gebildet und irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich gerne selbst Wein produzieren würde, wusste aber nicht wo. Dann kam die Wende und Ungarn näher – wohl nicht zuletzt, weil ich aus einer donauschwäbischen Familie aus der Vojvodina stamme, wo mein Urgroßvater bis 1945 Winzer war.

1997 reiste ich in das Dorf, aus dem meine Familie stammt und fuhr auf dem Rückweg nach Ungarn, um mich wegen des Weins umzusehen. Beim Verkosten wurde mir ein Weinberg zum Kauf angeboten, den ich zwar nicht kaufte, aber Ungarn als Standort ernsthaft in Erwägung zog. Ich recherchierte, wo der beste Rotwein in Ungarn herkommt und fand Villány. Der Ort beeindruckte mich in mehrfacher Hinsicht und so gründete ich dort 1998 mein Weingut.

Von Hause aus bist du Jurist und als Rechtsanwalt in Berlin tätig. Juristerei und Winzerei – das scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Welten zu sein. Wo siehst du die Schnittmenge?

Ich sehe keine – und das könnte genau der Grund dafür sein, dass es so viele Rechtsanwälte unter den Quereinsteigern im Weinbau gibt.

Was macht einen guten Rechtsanwalt, was einen guten Winzer aus?

»Der französische Begriff Terroir erfasst alle natürlichen Voraussetzungen, die die Biologie des Weinstocks und demzufolge die Zusammen-setzung der Traube beeinflussen […]: Klima, Boden und Landschaft, [… ] Nacht- und Tages-Temperaturen, Niederschlags-Verteilung, Sonnenschein-Stunden, Hangneigung und Boden-Durchlässigkeit … . Alle diese Faktoren reagieren miteinander und bilden in jedem einzelnen Teil eines Weinbaugebietes das, was der französische Winzer Terroir nennt.« Bruno Prats

Ein guter Rechtsanwalt braucht abgesehen von der immer notwendigen guten Fachkenntnis in seinen Tätigkeitsbereichen, eine gute Auffassungsgabe, Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen, Intuition, Sprachbegabung und Mut.

Einen guten Winzer macht das Verständnis seines Terroirs aus: Er muss verstehen, welche Rebsorten für seine Weinberge ideal sind und warum. Dazu muss er wissen, was ein guter Wein ist und er braucht ein Händchen sowie die Möglichkeiten dafür, seinen Weinbergen und seinen Reben alles das zu geben, was sie von ihm brauchen, aber nicht mehr. Außerdem braucht er Phantasie: Er muss eine klare Vorstellung davon haben, zu welcher Art Wein seine Trauben stilistisch werden sollen. Dann er ihnen dabei helfen, dass sie ihren idealen Ausdruck finden – Jahrgang für Jahrgang, wobei es darauf ankommt, so wenig wie möglich zu intervenieren. Kurzum: Ein guter Winzer braucht Fachwissen, Auffassungsgabe, Einfühlungsvermögen, Intuition, Mut und einen guten Geschmack. Wenn er dazu noch Sprachkenntnisse hat, kann er seine Weine besser exportieren, denn Geld braucht er auch!

Laut Stuart Pigott hegst du eine große Faszination für Ungarn. Woher rührt diese und was genau fasziniert dich an diesem Land?

Meine Faszination für Ungarn beschränkte sich zunächst auf die ungarische Literatur, die ich schon las, bevor ich überhaupt daran dachte, in Ungarn Wein zu produzieren: Imre Kertész, Péter Nádas, Sándor Márai, Béla Hamvas, um nur einige zu nennen, sind Schriftsteller, deren Werke weit über Ungarn hinaus weisen und existentielle Bedeutung für Fragen habe, die die Menschheit und das Menschsein generell betreffen. Später kamen dann die Weine dazu.

Ungarn hat herausragende Terroirs für Weinbau, die, abgesehen von Tokaj vielleicht, in der übrigen Welt noch überwiegend unbekannt und unentdeckt sind. Es war faszinierend für mich, an der Wiederentdeckung und Wiedererweckung eines dieser großen Terroirs relativ früh nach der Wende beteiligt sein zu können. Und dann kommt wohl auch noch die Vertrautheit dazu, die ich von Anfang an mit dem Land und den Leuten empfunden habe, die vielleicht etwas mit der Geschichte meiner Familie zu tun hat, die als Donauschwaben 1792 nach Ungarn ausgewandert ist und bis 1947 in der Vojvodina, die heute zu Serbien gehört, gelebt hat. Jedenfalls habe ich mich mit Villány von Anfang an auf eine Art vertraut gefühlt, die mich selbst überrascht hat und die, denke ich, viel mit den Villányern zu tun hat, die mich in ihrer Art so sehr an meine Großeltern erinnert haben, mit denen ich zusammen in unserem Haus in Reutlingen aufgewachsen bin und zu denen ich ein sehr enges und gutes Verhältnis hatte.


»Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land die tiefe Verunsicherung und aufkeimende Xenophobie mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde.«


Du kennst Ungarn nun seit vielen Jahren. Wie hat sich das Land in dieser Zeit in deinen Augen verändert?

Die größten Veränderungen sind sicher die politischen. Als ich 1997 zum ersten Mal nach Villány kam, war das 9 Jahre nach der Wende und Ungarn schien mir auf dem Weg in eine prosperierende Zukunft zu sein. Das hatte viel mit der Literatur zu tun, die ich gelesen hatte und weiter las. Diese Literatur hat eine Kraft und Bedeutung, die mich denken lies, dass das auch für die Entwicklung des Landes in einem freien Europa gelten würde. Natürlich habe ich auch damals schon Symptome von Verunsicherung, Xenophobie usw. wahrgenommen. Aber die gab es anderswo auch, auch in Deutschland. Für mich waren das Kinderkrankheiten, die etwas mit der Geschichte des Landes zu tun hatten, wie man sie auch in den neuen Bundesländern (aber nicht nur dort) vorfindet.

Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land das mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde. Im Laufe der Zeit schlug das Pendel dann immer mehr in Richtung Paternalismus aus. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Entwicklung im Land, die sich oft im Verborgenen abspielt. Dazu trägt auch die große Zahl an Ungarn bei, die inzwischen überwiegend im europäischen Ausland leben und dort ganz andere Erfahrungen machen, als zu Hause und die diese Erfahrungen auch wieder in die ungarische Kultur und Lebenswirklichkeit einspeisen, direkt und indirekt.

Das Weingut Hummel in Ungarn

Laut der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky ist Ungarn von einem tief verankerten rechtsesoterisch-völkischen Nationalismus geprägt, in dem die Ideen von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde vielfach auf Ablehnung stießen.* Machst du diese Erfahrung auch? Wenn ja, wie erklärst du es dir?

Tatsache ist, dass es in Ungarn solche Strömungen gibt. Wie weit sie verbreitet sind, kann ich nicht sagen. In meinem Alltag in Villány spielen sie keine Rolle. Nationalismus, egal in welcher Ausprägung, ist in meinen Augen immer ein Symptom von Identitätsproblemen. Die Menschen, die im Nationalismus etwas suchen und finden, antworten damit auf Identitätsprobleme, die sich in ihrer Persönlichkeit angereichert haben. Die Ursachen dafür finden sich m.E. immer in der Geschichte der Länder und Menschen. Und wenn man sich die ungarische Geschichte anschaut, gab und gibt es genügend Anlass, darauf mit Identitätsproblemen zu antworten – natürlich nicht nur in der ungarischen. Die eigentlichen Probleme entstehen, wenn die Identitätsprobleme nicht als solche erkannt und verstanden werden.

*Quelle: Nationalismus in Ungarn – Orbán sieht sich als spiritueller Führer; Interview von Alex Rühle mit Magdalena Marsovszky; Süddeutsche Zeitung vom 20.02.2017

Kommen wir auf deine Weine zu sprechen. Welche hast du im Sortiment und was zeichnet sie aus?

Ich habe im Moment gut 25 Weine auf der Liste. Jeder ist natürlich anders, aber auf Verkostungen bekomme ich oft die Rückmeldung, dass alle Weine etwas Gemeinsames haben, eine ähnliche Stilistik. Darüber freue ich mich. Ich denke, das hat etwas damit zu tun, wie wir im Weinberg und im Keller arbeiten und das wir damit das Terroir, also die Herkunft der Trauben, zum Ausdruck bringen.

Alle meine Weine sind spontan vergoren, und wir betreiben seit 2008 biologische Landwirtschaft. Wir intervenieren im Weinberg und Keller so wenig wie möglich, düngen nicht und machen wenig Bodenarbeit. Außer ein wenig Schwefel bekommen unsere Weine nichts hinzugefügt. Das führt zu einer eigenständigen Ästhetik und einem eigenen Stil, den die Leute erkennen. Dieser Ausdruck des Terroirs ist es auch, was ich anstrebe. Wenn alles gut läuft, ist er immer schön. Und man kann ihn nicht kopieren. Das ist Identität im Wein.

Welchen deiner Weine empfiehlst du für einen geselligen Abend mit Freunden bei Laugenbrezel und Weltanalyse.

Ich würde mit einem Sekt beginnen, zum Beispiel mit dem PRYXX Brut Nature 2012, dann mit dem Hárslevelü 2015 weitermachen und über den Hárslevelü GÓRÉ 2015 (ein ungeschwefelter, maischevergorener Orangewein) zu den Roten übergehen: JAMMERTHAL 2013, SPATZ 2013, PANTERRA 2012.

Wenn man dann noch Brezeln hat und Durst, kann man anfangen, sich mit der Trilogie der Grundbefindlichkeiten zu beschäftigen: VERZWEIFLUNG 2009, GELASSENHEIT 2012, GLÜCKSELIGKEIT 2013.

Weine vom Weingut Hummel

Bildnachweise: Alle Fotos (mit Ausnahme des Beitragsbilds) von Juha Pekka Laakio Oy, Andrea Sunder-PlassmannWolfgang Deimling (Flaschenfoto), Daniel Deimling Horst Hummel via Weingut Hummel.

Vergangenes Wochenende war ich in Weimar. Alleinreisend. Das mag ich, weil ich dann tun und lassen kann, was ich will und wann ich es will. Reden zum Beispiel. Oder Schweigen. Beides habe ich ausgiebig getan. Unter anderem. Was ich außerdem in und nach Weimar getan habe, habe in der obligatorischen Liste zum Wochenende zusammengetragen {alle Weimar-Links sind gelb markiert}.

Ein schönes Wochenende wünsche ich allen.


  1. GESEHEN: die »Bauhausstätten in Weimar«
  2. GEHÖRT: Mareice im Lichthaus
  3. GELESEN: mein Interview mit Tante Masha 
  4. GEGESSEN: im Anno 1900
  5. GETRUNKEN: Capuccino im Koriat und Tee im Fama
  6. GESUCHT: einen Zugang zum Karneval
  7. GEFUNDEN: »Orientalische Orange« {ein buchstäblich wunder-volles Backbuch}
  8. GEDACHT: Ich könnte gut im »Haus am Horn« leben.
  9. GELACHT: »Statt Konfetti einfach gleich den Locher werfen.«
  10. GEWOHNT: im Hotel Alt-Weimar {schöne, schlichte Zimmer}
  11. GELAUFEN: durch den Park an der Ilm
  12. GEMACHT: durch das Uni-Hauptgebäude gestreift {es entzückt mich immer wieder}
  13. GEMOCHT: Goethes Gartenhaus {das mich immer an »Die Ökologie der Kreativität« erinnert}
  14. GEFALLEN: das Kirms-Krackow-Haus
  15. GEFREUT: über das schöne Feedback zu meiner Antwort bei feingedacht.
  16. GEHOFFT: dass viele Bewerbungen auf unseren Unternehmenspreis eingehen {gerne verbreiten}
  17. GERÜHRT: dass die Dichterin Ali Cobby Eckermann die höchstdotierte Auszeichnungen der Literaturwelt erhalten hat.
  18. GEFRAGT: Mit welchen rhetorischen, sozialen oder auch künstlerischen Strategien lassen sich demokratische Umgangsformen {wieder} stabilisieren?
  19. GESTAUNT: über so viel unverhohlenen Frauenhass
  20. GESEUFZT: Ach, hätten wir doch alle so ein bisschen Finnland in uns {#EhefürAlle}.
  21. GETRÄUMT: von einem Urlaub in Finnland
  22. GESPANNT: auf die neue Ausgabe der Brand Eins zum Thema »Neue Arbeit«
  23. GEWÜNSCHT: globale Solidarität {darum: Feministische Netzwerk}
  24. GEPLANT: Wenn ich noch einmal einen Sohn bekomme {was ausgeschlossen ist}, nenne ich ihn Aviv. Es ist ein hebräischer Name und er bedeutet »Frühling« {vielleicht habe ich ja irgendwann einmal einen Enkel, der diesen wunderschönen Namen trägt, und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm.}.
  25. GEKLICKTWeimar am Morgen

»Stein fand das Haus im Winter. {…} Es sah aus, als würde es jeden Moment lautlos und plötzlich in sich zusammenfallen.«
aus: Judith Hermann: Sommerhaus später, 1998


Als Judith Hermanns Erzählband »Sommerhaus später« erschien, war ich Mitte Zwanzig und hatte das Experiment Landleben erst kürzlich beendet. Trotzdem fand ich an der Vorstellung Gefallen, später einmal ein Sommerhaus zu besitzen – gerne am See, noch lieber an der See und am allerliebsten auf einer Insel. Wenn ich mit meinem damaligen Freund durch den damals noch ziemlich »wilden Osten« fuhr, hielt ich stets Ausschau nach »meinem Sommerhaus«. Ich fand es nie und so wird es wohl auch bleiben. Nicht dass das Bild von mir in einem prachtvollen Blumengarten vor einem kleinen Haus mit Blick aufs Meer keinen Reiz mehr hätte. Durchaus! Nur das Wissen um die Arbeit, die in einem prachtvollen Blumengarten steckt und um die hinter der Idylle lauernde Tristesse dämpft die Euphorie. Nichtsdestoweniger zieht es mich immer wieder aufs Land und eben weil ich dort keine feste Bleibe habe, suche ich immer neue Orte auf.


»Gerade im Winter muss ich mich in der Wohnung wohlfühlen.«

Schöne Ferienwohnungen im näheren und weiteren Umland von Berlin {auch zu erschwinglichen Preisen} findet man z.B. über diese Plattformen {kennt ihr noch andere?}:


Ma. blickt aufs Salzhaff hinaus

Meine jüngste Entdeckung heißt Rerik. Das kleine Ostseebad zwischen Rostock {ca. 37 km} und Wismar {ca. 36 km} trug bis 1938 den slawischen Namen Alt Gaarz, doch die Nazis stellten sich lieber in die Tradition der kriegerischen, ergo: »starken« Wikinger und benannten den Ort nach ihrer hier vermuteten Siedlung Reric. Tatsächlich lag der slawisch-wikingische Handelsplatz etwa 19 km südsüdwestlich, aber faschistische Regime nehmen es bekanntermaßen nicht so genau mit der Wahrheit und also heißt Alt Gaarz nun eben Rerik.

Das 2.000-Einwohner/innendorf liegt am nordöstlichen Ende des Salzhaffes, dort wo die Halbinsel Wustrow beginnt und der Strandspaziergang jäh am Stacheldraht endet. Schon von Ferne blicken einem die tiefschwarzen Fenster der einstigen Gartenstadt entgegen – beinah idyllisch, wäre da nicht dieses düstere Unbehagen.

Die Gartenstadt auf der verbotenen Halbinsel Wustrow

Über viele Jahrhunderte war die Halbinsel ein unbedeutender Grundbesitz mit drei Erbpachthöfen, Wiesen und Feldern. Das änderte sich 1932 als die »von Plessen-Brüder« das Areal an die Reichswehr verkauften. Die Nationalsozialisten hatten Großes mit der kleinen Insel vor: Innert weniger Jahre wurde hier die größte Flak-Artillerieschule errichtet samt Kasernenanlagen, Flugplatz, Hafenanlagen und Gartenstadt {Rerik-West}. Wie die Sache weiter- und ausging, ist bekannt. Am 2. Mai 1945 wurde Wustrow kampflos an die sowjetischen Streitkräfte übergeben, die es von 1949 bis 1993 einen Militärstützpunkt nutzten. 1998 verkaufte die Bundesrepublik Deutschland das Areal entgegen dem Willen der Reriker/innen an einen Privatinvestor. Die Fundus-Gruppe träumte von einem Luxus-Resort mit Golfplatz und Marina. Doch daraus wurde nichts. Es fehlte ein überzeugendes Verkehrskonzept, weshalb die Stadt ihr Veto einlegte. Den Vorhabensstopp quittierte der Investor prompt: Das vollständige Zutrittsverbot untersagte fortan auch die Führungen über das Gelände. Das liegt nun 13 Jahre zurück; in der Zwischenzeit hat sich die Natur die Insel Stück für Stück zurückerobert und das einstige Bauland in einen Wald verwandelt. Ob und wie der Investor seine Pläne jemals realisiert, ist offen. Anders die Halbinsel: Die ist weiterhin geschlossen. 2013 unternahmen Studierende des Instituts für Freiraumentwicklung an der Universität Hannover einen neuen Anlauf und entwickelten fünf alternative Nutzungskonzepte für »das verbotene Paradies«, doch die »Entwürfe für die postmilitärische Wildnis« wurden meines Wissens nie ernsthaft diskutiert.

Stachseldraht versperrt den Weg zur Halbinsel Wustrow

Abgesehen von der turbulenten Geschichte der Halbinsel Wustrow ist Rerik ein eher unspektakulärer Ort: Zu seinen touristischen »Highlights« zählen eine frühgotische Kirche, ein kleines Heimatmuseum und ein paar Großsteingräber. Mein persönliches Highlight war der morgendliche Steilküstenlauf und unsere »wohnung süd« im »haus m«, die der in Berlin lebende Architekt Sebastian Kablau entworfen und gebaut hat. Die 50qm-Wohnung hat alles, was das Wohnminimalist/innen-Herz begehrt: schlichte Möblierung, viel weiße Wand und noch mehr Licht.

Doch selbst in der schönsten Wohnung droht irgendwann der Budenkoller, wenn das Wetter den täglichen Strandspaziergang vereitelt. Gegen den drohende Deckenabsturz hilft nur eines: »ausfliegen«.

Meine Ausflugs-Tipps rund um Rerik

WONNEMAR Wismar: Wenn es einem endlich gelungen ist, sich mit der Tatsache zu arrangieren, dass Runen- und Landser-Tattoos hier zur Normalität gehören, kann das Wismarer Badeland mit seinen vielen Becken und Rutschen sogar Spaß machen.


Von Rostock haben wir nur einen kleinen Ausschnitt gesehen: die Stadtmitte und die Kröpeliner-Tor-Vorstadt {kurz: KTV}. Vor allem das bunte Studenten- und Szeneviertel mit seinen vielen kleinen Läden, Cafés und Bars mochte ich.

Meine Rostock-Empfehlungen:


Warnemünde gehört zwar zu Rostock, kann aber durchaus für sich allein stehen. Das Seebad mit dem breitesten Sandstrand der Ostseeküste hat vor allem architektonisch einiges zu bieten: auf der einen Seite das Hotelturm »Neptun« {Baujahr: 1971} und der hochmoderne Hyparschalenbau von Müther und Kaufmann, Teepott genannt {Baujahr: 1965}. Auf der anderen Seite der Leuchtturm und die alten Fischerhäuser und dazwischen das Kurhaus im Stil des Neuen Bauens, die riesige Werft und nicht minder großen Hafen.

Meine Empfehlungen für einen Besuch in Warnemünde:

Der Strand von Rerik

Neben Rostock, Warnemünde und dem Wonnemar gibt es natürlich noch viel mehr zu sehen; Heiligendamm zum Beispiel oder Bad Doberan. Das heben wir uns für ein eventuelles nächstes Mal auf. Habt ihr für dieses nächste Mal vielleicht noch ein paar Tipps und Empfehlungen?

Wie sieht ein Liberaler die Entwicklungen in Russland und die Beziehung zwischen Russland und Deutschland? Warum ist Russland Spiritus Rector der Rechten? Und wie wird man in der Mega-City Moskau heimisch? Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Montagsinterview mit Julius von Freytag-Loringhoven, Leiter des Moskauer Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit {FNF}.

Vielen Dank, lieber Julius, für die interessanten Einblicke, mit denen ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche.

Der Rote Platz in Moskau

Seit wann lebst du in Moskau und was machst du dort?

Ich lebe seit 2012 in Moskau und leite die Arbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) für Russland und Zentralasien. Das heißt, ich versuche mit unseren Partnern – liberale Politiker/innen, Intellektuelle, Künstler/innen, Wissenschaftler/innen, Unternehmer/innen, Bürger-Aktivist/innen und auch Technokrat/innen, die sich alle für Menschen- und Bürgerrechte, eine offene Gesellschaft, Demokratie, Toleranz, Rechtsstaat, eine markwirtschaftliche Ordnung, Transparenz und Dialog einsetzen – kreativ Wege zu entwickeln, um diese Ziele ein Stück weit vorwärts zu bringen. Seit ich dort bin, verzeichnet das Land jedoch einen Abwärtstrend in Sachen Demokratie und Menschenrechten.

Vor wenigen Wochen war ich für einige Tage in Moskau. Gleichermaßen fasziniert wie abgeschreckt bin ich mit einem Gefühl der Ratlosigkeit zurückgeblieben: Wie wird man heimisch in dieser – zumindest auf den ersten Blick – unwirtlichen Stadt?

Es ist paradox, aber die Stadt hat trotz des Rückgangs an Freiheit in den letzten Jahren an Lebensqualität gewonnen. Überall im Zentrum gibt es jetzt Straßencafés, die Parks stehen voller neuer Bänke und Liegestühle, mehr Fußgängerzonen, Gallerien für zeitgenössische Kunst, Hipster-Läden und so weiter. Äußerlich ist Moskau immer westlicher und internationaler geworden, aber das Unwirtliche bleibt natürlich.

Ich weiß nicht genau warum, aber ich liebe solche eklektischen Monsterstädte: In Europa ist Moskau vermutlich nur vergleichbar mit London oder Istanbul. Ich werde schnell heimisch in diesen Mega-Cities, vielleicht weil sie einen jeden Tag überraschen mit ihrem reichen Kulturleben und ihren vielen Gegensätzen.

Moskauer Metro

Was zeichnet das Leben in Moskau (im Unterschied etwa zu Leipzig, Berlin oder München) und die Moskauer/innen aus?

Ganz oberflächlich betrachtet, ist Moskau zuerst mindestens dreimal größer als Leipzig, Berlin und München zusammen. In der Moskauer Metro fahren jeden Tag mehr Menschen als in der New Yorker und Londoner U-Bahn zusammengenommen. Auch das kulturelle, kommerzielle und kulinarische Niveau der Stadt ist kaum mit einer deutschen Stadt vergleichbar, sondern eher mit New York. Die vielen Menschen bringen eben auch etwas mit: Sie verstopfen nicht nur die Straßen und Metrowaggons, sondern sind auch eine kreative Bereicherung.

Auf der anderen Seite ist da die ständige Existenzbedrohung durch den {zu} mächtigen Staat, eine unsichere Rechtsstellung, gefährliche Konkurrenz und extrem hohe Preise. Gesunde, kreative Menschen können in der Unsicherheit Chancen sehen und Energie daraus ziehen, andere verlassen die Stadt in den sicheren Westen.


»Liberal heißt für mich, mein Handeln nach der individuellen Würde, Freiheit und Verantwortung auszurichten.«


Die Friedrich-Naumann-Stiftung ist seit 1993 in der Russischen Föderation aktiv und will dazu beitragen, die Bedingungen für Demokratie und Rechtsstaat, Bürgergesellschaft und liberale Werte zu verbessern. Mir scheint die Bedingungen dafür zunehmend ungünstiger werden. Wie stellt sich die Situation aus deiner Warte dar?

Genauso ist es. Wir verzeichnen seit einigen Jahren einen Abwärtstrend was Demokratie, Rechtsstaat, Schutz der Bürgergesellschaft, aber auch was die Wirtschaft betrifft. Unter diesen zunehmend schwierigeren Bedingungen müssen wir unsere Arbeit immer wieder kreativ anpassen.

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Russland gilt als Spiritus Rector rechtskonservativer und -radikaler Denker/innen. Was eint die russische Regierung unter Putin mit dem Rechtskonservatismus und der „Neuen Rechten“?

Ich glaube, dass Putin vor allem der gemeinsame Feind mit den rechtskonservativen bzw. -radikalen Denker/innen eint: die liberale Demokratie und – als ihr Sinnbild – {noch} die Vereinigten Staaten von Amerika. Das gleiche gilt aber auch für die »Ostalgiker/innen« und Linksradikale. Auch sie verehren Putin. Es ist kein Zufall, dass in Deutschland DIE LINKE, AfD und NPD die Sanktionen gegen Russland aufheben wollen. – Anders als in Westeuropa verstehen sich die wichtigsten russischen Oppositionellen wie auch die Mehrheit der Menschenrechtler/innen, Akademiker/innen und Intellektuellen vor allem als Liberale – nicht als »Linke«.

Die russische Regierung versucht beide – die Links- als auch die Rechtsradikalen – für sich zu instrumentalisieren, weil beide die liberale Demokratie anzweifeln, von der Russland sich am meisten bedroht sieht.

Frontal 21 berichtet vor einiger Zeit über ein Netzwerk aus Gefolgsleuten des russischen Präsidenten Wladimir Putin, das über Medienkampagnen versucht den Westen zu spalten {Quelle}. Was ist dran an dieser Darstellung und wie wirksam ergo gefährlich ist dieses Netzwerk deines Erachtens?

Ich finde Frontal 21 sehr reißerisch und oftmals nicht sauber genug recherchiert. Der russische Kanal Sputnik ist weit weniger bedrohlich als in solchen Reportagen dargestellt wird. Aber dass in Russland viel Geld in den sogenannten »hybriden Krieg« mit dem Westen gesteckt wird, ist bekannt. Ich glaube, dass das Gefährlichste an dieser Propaganda ist die Relativierungswirkung: Viele meinen, es gäbe halt die westliche und die russische Sicht der Dinge und die Wahrheit läge dazwischen.

Moskau Twerskaja TACC

Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist angespannt. Als Grund dafür wird wieder auf die Kränkung der einstigen Großmacht durch den Westen verwiesen. Eine »gekränkte Nation« – das klingt in meinen Ohren sehr befremdlich. Welche Rolle spielt die Idee der Nation und der ehemalige Großmachtstatus in der heutigen russischen Gesellschaft?

Alle autoritären Herrscher und auch alle Populist/innen instrumentalisieren eine vermeintliche geeinte Nation. Wenn man auf die drastische soziale Ungleichheit im heutigen Russland blickt, in dem über 70% der Bevölkerung weit unter dem deutschen Hartz-IV-Niveau lebt, dann versteht man wie wichtig eine einende Idee für den sozialen Frieden ist. Dazu leidet Russland am Phantomschmerz vergangener imperialer Größe. Das war übrigens in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg – mit fatalen Folgen – nicht anders und dauert auch in Nachbarländern wie Großbritannien noch an, was m.E. auch ein Grund für den Brexit war.

Die Idee der Nation wird in den russischen Medien – gerne im Abwehrkampf gegen einen vermeintlich aggressiven Westen – täglich bemüht. Als Identifikationsangebot gibt sie der russischen Gesellschaft Halt – trotz oder gerade wegen der wirtschaftlichen und politischen Misere, in der sie stecken.

Wie wird sich das deutsch-russische Verhältnis deiner Einschätzung nach weiterentwickeln? Und was wären die richtigen Schritte zu einer Entspannung?

Leider glaube ich, dass das deutsch-russische Verhältnis weiter auseinander driften wird. Ein Schritt zur Entspannung wäre eine Mischung aus kommunikativer Verbindlichkeit und Wertorientierung von Seiten Deutschlands – nach dem Motto: »Wir arbeiten gerne mit euch zusammen, aber halten dabei an unseren Werte fest.«

Eine gute Außenpolitik sollte meines Erachtens dem Vorbild der Politik von Scheel und Genscher folgen, die sich in den drei Körben des Helsinki-Prozesses widerspiegelt: (1) Vertrauensbildende Maßnahmen im Sicherheits- und Verteidigungsbereich, um einen Krieg zu verhindern, (2) Kooperation in Wirtschaft und Wissenschaft sowie flankierend (3) humanitäre Maßnahmen zum Schutz der Menschen- und Bürgerrechte. Im Moment wird stattdessen darüber diskutiert, Russland ganz zu isolieren und keine Kooperationen einzugehen. Das wäre fatal für all jene Menschen und Organisationen in Russland, die sich weiter für eine offene Gesellschaft einsetzen.

Am Goldenen Ring Russland

Inka Cee ist viel und weit gereist, hat viel gesehen und erlebt. Sie war in Afrika und der Antarktis, in Asien und Amerika. Doch wer reisen will, sagt sie, muss nicht weit fort. Sobald wir uns öffnen für das Neue und Unbekannte, wenn wir bereit sind, uns zu verändern und verändern zu lassen, begeben wir uns auf eine Reise. Sie selbst ist von jeder Reise verändert zurückkehrt, egal ob sie auf einem Gletscher oder an den vorpommerschen Darß führte. Auf blickgewinkelt erzählt sie von ihren Reisen, im heutigen Montagsinterview spricht sie über das Reisen.

Vielen Dank, liebe Inka, für das anregende Gespräch, mit dem ich allen einen inspirierten Start in die KW 42 wünsche.


»Die Intention macht den Unterschied zwischen Reisen und Urlauben. Wenn ich mich öffne für das Neue, begebe ich mich auf eine Reise.« 


Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt sie am ostseestrand am darß

Inka Cee – geboren in Wolfsburg, wohnhaft in Berlin, gärtnernd in Brandenburg. Welche Rolle spielen diese Orte in deinem Leben?

Sehr unterschiedliche. Ich habe mich häufig wieder neu erfunden, und doch gehören diese verschiedenen Welten natürlich alle zu mir. Zu Wolfsburg habe ich ein seltsames Verhältnis, ich bin dort geboren und aufgewachsen, habe mich dort das erste Mal verknallt und politisch erfunden, das erste Frauencafé Niedersachsens gegründet und meine ersten Demos mitgemacht. Aber ich habe dort auch meine Mutter beerdigt und mit Teenagerdepressionen gekämpft. Dass mein Vater das Haus irgendwann verkauft hat und weggezogen ist, ist einerseits tragisch und andererseits sehr befreiend.

In Berlin durfte ich ein ganz neues Leben starten, das war damals sehr wichtig für mich und meine Suche nach Ausgeglichenheit. Dann kam die übliche Studienzeit, wechselnde Partner, Nächte durchtanzen in der anonymen Großstadt – ich fand diese wilde Zeit sehr großartig.

Brandenburg habe ich entdeckt, als ich aufgrund von Rückenschmerzen anfing, viel zu laufen, was mir extrem gut tat. Zu der Zeit habe ich erst gemerkt, wie sehr Naturkind ich bin. Erst einige Jahre später habe ich dann den Mann kennengelernt, der einen Kirschkernspuck von Berlin weg in Brandenburg lebt und dann mit Bloggen angefangen, was mein Leben wieder sehr verändert und meine Zuneigung zu Brandenburg, zum gärtnern und überhaupt ländlichen Gegenden sehr vertieft hat. Also nicht, dass der Mann ländlich leben würde, aber wir träumen beide von einem alten Bauernhof, den wir irgendwann kaufen und ausbauen.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt berlin vom grunewald aus

Wie und wo und warum lebst du in Berlin?

Dass ich nach meinem Abitur nach Berlin ziehen würde, war früh klar: Meine besten Freundinnen lebten dort, so hatte ich auch meinen damaligen Berliner Freund kennen gelernt, und mein Großvater stammte aus Berlin, dessen Berliner Schnauze ich immer heiß und innig geliebt habe. Und schließlich freute ich mich sehr auf die Anonymität und das Großstadtleben, und das war ja auch eine self fullfilling prophecy.

In Berlin halte ich meine kleine 2-Zimmer-Wohnung, obwohl ich meistens im Haus des Mannes bin. In diese Wohnung habe ich mich vor 10 Jahren sofort völlig verknallt, als ich sie betrat, und ich bin noch nicht bereit, sie komplett aufzugeben und ganz mit dem Mann zusammenzuziehen, zudem brauche ich ab und an mal meine Ruhe. Der Mann hat Kinder, regelmäßig geht es bei uns etwas trubelig zu, und natürlich braucht es da auch Kompromisse. Ich hoffe, ich bin ein sehr kompromissbereiter Mensch, neige aber schon sehr zum Einsiedeln und war früher immer gewöhnt, mir meinen Alltag auch trotz Partner kompromisslos einzurichten. Da ist das natürlich eine große Umstellung, auch nach fast sechs Jahren.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt herbst in brandenburg am kanal

Woher rührt deine Lust am Reisen?

Das wurde ich schon einige Male gefragt und ich habe keine wirklich schlüssige Antwort darauf. Ich vermute, es ist die Mischung aus Neugier, Entspannung, Herausforderung und Relativierung: Ich liebe es, neue Dinge zu entdecken, und ich liebe die Fotografie, insbesondere in der Natur. Da liegt das Reisen nahe, ob nun in Brandenburg oder in Südamerika.

Dann gibt es auch Dinge oder Plätze, die sich einfach gut für mich anfühlen, zu denen ich immer wieder zurückkehren möchte. Das ist das ewige Eis, weshalb es mich immer wieder in polare Regionen treibt. Das ist das real gewordene Kirschblütental auf dem Darß an der Ostsee, wo ich jedes Jahr hinfahre. Das ist Afrika südlich der Sahara, dessen Mentalität mir in vielerlei Hinsicht gefällt.

Und dann reise ich wegen der Herausforderung, mich mit neuen, anstrengenden und auch unangenehmen Dingen auseinanderzusetzen. Im Grunde finde ich mich viel zu faul und fordere mich damit selber, meine Sinne neu zu entdecken und in meinem Kopf Dinge mal wieder umdenken zu müssen. Außerdem finde ich draußen in der Welt so viele Dinge, die mir zeigen, dass ich noch kleiner bin als der kleinste Furz, global betrachtet. Und das macht mich glücklich. Die eigene Person zu relativieren, zu wissen, dass ich so unwichtig im Großen und Ganzen bin, finde ich tatsächlich sehr tröstlich, das macht mich glücklich und angstfrei.

Oh, und Spaß natürlich, nicht zu vergessen. An fremden Orten fließt die Kreativität manchmal besser, und damit auch der Humor. Der Mann und ich stellen zum Beispiel gerne an Reiseorten berühmte Filmszenen nach… total albern, ich weiß. Wer weiß, welche Szene das hier auf dem Foto ist?

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt sie und ihren mann in rom
Welche Szene stellen Inka und ihr Freund nach?

Welche Reisen haben dich – wie – verändert?

Tanzania, eine meiner ersten Fernreisen, hat mich verändert. Ich hatte damals wahnsinnig wenig Geld, konnte während des Studiums – ich habe unter anderem Afrikawissenschaften studiert – häufig die Miete nicht bezahlen und diese Reise konnte ich mir nur mit der Finanzierung durch meinen Vater leisten. Und dann waren da diese Kinder mit den aufgeblähten Bäuchen, die weinten, weil sie noch nie einen weißen Menschen gesehen hatten. Ich habe meinen ersten Elefanten in der Wildnis getroffen, hatte das erste Mal Angst vor korrupten Polizisten, bin nachts durch die Straßen des geheimnisvollen Stown Towns auf Sansibar gelaufen und habe mir am Lagerfeuer Geschichten eines Rastas angehört. Da habe ich gewusst: Ich will noch so viel mehr erleben. Damals hätte ich das südliche Afrika gerne mehr kennen gelernt, leider fehlten mir die finanziellen Mittel. Einfach mal so durch die Weltgeschichte tingeln, wie viele Leute das heute machen, war einfach nicht drin.

Meine erste Fernwanderung hat mich verändert, es war der so unspektakulär klingende Rheinsteig. Damals ein Riesending für mich, und es fühlte sich unfassbar großartig an. Diese Erkenntnis hat viel bewegt. Seit damals weiß ich, was Selbstbewusstsein für mich bedeutet und dass in mir Glücksgefühle explodieren, sobald ich mich auf eine Wanderung begebe.


»Die Antarktis hat mich wahnsinnig ehrfürchtig gemacht: Ich darf hier am Ende der Welt sein und dieses Wunder sehen.«


Die erste Reise nach Grönland hat mich verändert, beim Anblick der riesigen Gletscher war es Liebe auf den ersten Blick. Und dann die Antarktis! Sie hat mich wahnsinnig ehrfürchtig gemacht: Ich darf hier am Ende der Welt sein und dieses Wunder sehen.

Kasachstan hat mich verändert: So viel Hoffnungslosigkeit, so viel Brutalität live zu sehen war ein Schock, oder vielmehr war der Schock, gar nicht damit umgehen zu können. Zudem hatte ich das erste Mal in meinem Leben die sehr reale Angst, im nächsten Moment vergewaltigt zu werden. Nie ist mir mehr bewusst geworden, dass ich jetzt mit meiner Beziehung auch Verantwortung trage und mich nicht mehr leichtfertig in jedes Abenteuer stürzen darf. Ich reise seitdem vorsichtiger.

Gut, ich merke, ich mache hier gerade endlos weiter. Im Grunde verändert mich wohl jede Reise, wenn sie etwas verändert hat in meinem Innern.

Was macht {für dich} den Unterschied zwischen „Urlaub im Ausland“ und {Fern}Reisen?

Die Intention macht den Unterschied, und damit auch die Wahrnehmung. Deshalb muss für mich eine Reise gar nicht unbedingt außerhalb meines Alltagsumfeldes stattfinden. Sobald ich mich aufmache, etwas Neues auf meinem Weg zu entdecken, begebe ich mich auf eine Reise. So entstand auch der Name „blickgewinkelt“, auch wenn das etwas kryptisch gedacht ist.

Der Begriff „Reise“ bedeutete ja ursprünglich „sich auf den Weg machen“, der „Aufbruch“. Wenn ich reise, bewege ich mich, ob nun körperlich oder geistig. Wenn ich Urlaub mache, möchte ich eine Pause von etwas, meist vom Alltag, und bewege mich eher wenig. Aber das sieht eventuell jede/r anders.

Mit den Kindern machen wir Urlaub, weil die Mehrzahl eher für „Lange-Schlafen und Nixtun“ ist – was nicht so ganz nach meinem Geschmack ist. Da ist ein perfekter Kompromiss übrigens eine Floß- bzw. Hausbootfahrt durch Brandenburg – einer meiner schönsten Urlaube bisher, was wir unbedingt wiederholen wollen.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt einen steg am see in brandenburg
Flossfahren in Brandenburg

Übernächstes Jahr möchte ich mit meinem 23jährigen Sohn eine ca. 10tätige Fernreise machen. Welche Reise würdest du mir warum empfehlen?

Puh, da muss ich schwer nachdenken. Ich mache jetzt mal ein Ausschlussverfahren: Zuerst einmal würde ich Nord- und Südamerika streichen, das finde ich für 10 Tage viel zu weit. Ohnehin sind 10 Tage etwas kurz, um sich einer sehr fremden Kultur anzunehmen, sonst hätte ich Äthiopien vorgeschlagen, was irre interessant ist. Ich persönlich hätte da aber lieber mehr Zeit, um mich darauf einzulassen.

Was Afrika angeht, wäre Südafrika noch eine Möglichkeit, das ist zwar weit, aber fast die gleiche Zeitzone, man fliegt über Nacht und Südafrika ist „Africa for Beginners“, wie wir im Studium immer etwas verächtlich gesagt haben, weil es sehr viel weiße, koloniale Strukturen hat, die uns nicht fremd sind. Das soll jetzt aber nicht so negativ klingen, ich fand Südafrika ganz toll. Auch Marokko wäre sicher sehr spannend.

Aber! Es soll ja vermutlich eine ganz besondere Reise sein, und da würde ich weniger eine Reise machen, bei der das Programm von A bis Z durchgeplant ist und wenig Zeit für die spannenden Entdeckungen am Wegesrand bleibt, denn die machen ja eine besondere Reise aus. Wie wäre es deshalb zum Beispiel mit einem Roadtrip zum Nordkap? Das muss unwahrscheinlich toll sein. Oder mit dem Zug durch Österreich, Slowenien, Kroatien bis nach Montenegro, das stelle ich mir unheimlich toll vor. Und zwischendurch mal Aussteigen und Leute kennen lernen. Von Mitreisenden im Zug Tipps holen.

Ansonsten: Immer wieder Griechenland. So riesig, so abwechslungsreich, die gastfreundlichsten Menschen, die ich je erlebt habe, viele tolle Gespräche, trotz der Sprachhürden. Die Akropolis, Geschichte hautnah spüren, im Dionysos-Theater sitzen, wo vermutlich Demokrit mal gesessen hat! Die tolle Landschaft, die Berge auf den Peloponnes, kleine Klöster, die in hunderten Metern Höhe an eine Felswand gequetscht sind, Olivenhaine, das Meer. Ich glaube, es kann gar keinen Menschen geben, der Griechenland nicht lieben kann.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt eiine haeuserzeile am kanal in venedig

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Die Einladung kam unerwartet, aber es gab keinen Zweifel: Ich würde ihr folgen. Wer weiß, ob und wann ich jemals wieder nach Russland kommen und dort einer orthodoxen Taufe beiwohnen würde? So kam es, dass ich in der letzten Augustwoche samt Großfamilie {7 Erwachsene, 3 Kinder} das Flugzeug gen Moskau bestieg.

Als es zum Landeanflug ansetzte, war es tiefe Nacht und Moskau ein nicht enden wollendes Lichtermeer.


Mit offiziell 12,05 Miollionen Einwohner/innen ist Moskau die größte Stadt Europas. Sie erstreckt sich über 2.510 km². Auf einem Quadratkilometer leben rund 4.583 Einwohner/innen.

Quelle: Wikipedia


Zebrastreifen in Moskau
Blitzblank geputzt ist die Stadt

Erster Akt: Passkontrolle

Die Landung war sanft, was man mit Applaus quittierte. Ein wenig später folgte die Passkontrolle. Hunderte Menschen drängten sich vor den Schaltern. Ein Fortkommen war nicht zu erkennen. Wie lange würden wir anstehen müssen? Stunden? Tage?… Da kam ein Aufseher auf uns zu: Ob wir mit Kind reisen würden? Das sollte unser Glück sein.

Er zeigte auf einen Schalter mit einer unscheinbaren Aufschrift: „Passangers travelling with children“. Etwa 15 Minuten später schoben wir unsere Pässe über den Tresen. Der Kontrollbeamte nahm sie mit ausdrucksloser Miene entgegen. Er mustere uns, dann begann ein geschäftiges Treiben: Es wurde gescannt und kopiert, geschrieben und gedruckt, und immer wenn wir glaubten, nun sei es soweit, begann das Prozedere von vorn. Bis der Beamte uns unsere Pässe samt Ausreisekarte – ein unscheinbares Loseblättchen – wieder aushändigte, waren gefühlt noch einmal 15 Minuten vergangen.


Wer nach Russland reist, muss sich auf lange Wartezeiten vor und an der Passkontrolle einstellen.

→ Über die Einreisebestimmungen informiert u.a. die Website des Auswärtigen Amts.


Ueber AirBnB haben wir 2 Wohnungen in Moskau gemietet

Wohnen in Moskau

Um die 10köpfige Bagage unterzukriegen, hatten über AirBnB zwei Wohnungen gemietet. Die größere davon {6 Zimmer} lag zwischen Kreml und linkem Moskva-Ufer in Moskaus ältesten Stadtteil Arbat und zu unserer Freude direkt über dem französischen Bäckerei-Café PAUL {der kulinarisch geglückte Start in den Tag war uns damit sicher}. Das einstige Künstlerquartier ist für Moskauer Verhältnisse geradezu lieblich: Spätklassizistische Bauten säumen die, mit nur zwei Spuren, fast kleinen Straßen; begrünte Plätze, kleine Cafés und Läden laden zum Verweilen ein und selbst tagsüber kann man hier die eigenen Schritte hören. Ganz anders in der zweiten Unterkunft.

Die 3-Zimmer-Wohnung befand sich im 5. Stock eines Stalin-Gebäudes in der Twerskaja-Straße, direkt vis-à-vis des ehemaligen Generalgouverneurs-Palastes, in dem bis heute die Moskauer Stadtverwaltung residiert. Das Rathaus ist eines der wenigen Gebäude aus der Zeit des Zarenreichs (Baujahr: 1784), das unversehrt aus der radikalen Straßenumgestaltung unter Stalin hervorgegangen ist. Geprägt wird die zehnspurige {!} Flaniermeile vom berühmten Zuckerbäckerstil, mit der Diktator nicht nur der zaristischen, sondern auch der russischen Avantgarde-Architektur den Garaus machte.

Aus unserer Perspektive waren die Wohnungen weder überteuert noch luxuriös. Für die Mehrzahl der Moskauer/innen sind sie beides. Ihr durchschnittliches Monatseinkommen liegt bei 43.000 Rubel {rund 1.100 Euro}, was fast doppelt so hoch wie im Landesdurchschnittdoch die Monatsmiete für eine 1-Zimmer-Wohnung kostet 30.000 bis 100.000 Rubel, weshalb die meisten in den Plattenbausiedlungen am stetig wachsenden Stadtrand leben – zu viert auf 34qm.


In den Jahren 1915 bis 1935 entstanden in Russland eine Vielzahl avantgardistischer Bauten, die bis heute namhafte Architekt/innen aus aller Welt beeinflussen. 

Buchempfehlung: Baumeister der Revolution. Sowjetische Kunst und Architektur 1915−1935
FilmtippAWAY FROM ALL SUNS


Moskau als ästhetische Erfahrung

Moskau ist ein gigantisches futuristisches Gesamtkunstwerk, das einem die eigene Nichtigkeit stets vor Augen führt. Riesige Gebäudekolosse säumen die vielspurigen Straßen – zu den imposantesten zählen zweifelsfrei die „Sieben Schwestern„, die Stalin in seinen letzten Herrschaftsjahren erbauen ließ. Dagegen nehmen sich die Berliner Zuckerbäckerbauten geradezu niedlich aus.

Unzählige Autos rasen mit Höchstgeschwindigkeiten bis zu 80km/h durch die blitzblanke {!} Stadt und machen sich gegenseitig Konkurrenz: Wer ist der Größte, der Schnellste, der Schönste? Und tief unter all den Limousinen, SUVs und Geländewagen rattert im Minutentakt die Moskauer Untergrundbahn {teilweise bis zu 84 Meter tief}. Rund neun Millionen Fahrgäste transportiert sie täglich durch ihr weit gespanntes Netz und spukt sie an einer der 200 Stationen lärmend wieder aus. „The Sound of Moskow“ – eine ohrenbetäubende Maschinensinfonie, die nicht einmal nachts ein Pianoforte kennt.


„Mehr noch als alle Theater und Paläste wird die Metro unseren Geist anregen und erhellen.“ Lasar Kaganowitsch

Linktipp: David Burdeny hat eine Vielzahl Moskauer Metrostationen fotografiert.


Die Metro spielt nicht nur als Taktgeber eine bedeutende Rolle im Gesamtkunstwerk Moskau. Lasar Kaganowitsch, engster Vertrauter Stalins und als Volkskommissar für Transport für den U-Bahnbau verantwortlich, war überzeugt, dass sie mehr noch als alle Theater und Paläste den Geist anregen und erhellen würde. Und in der Tat kommt man beim Betreten der Moskauer Unterwelt kaum aus dem Staunen heraus.

Im Wettstreit um die weltweit beste U-Bahn ließ Stalin wahre Paläste erschaffen. ZEIT-Redakteurin Irene Helmes findet, dass man sie angesichts ihrer Opulenz eigentlich in Smoking und Abendkleid betreten müsste. Ganz so weit gehen die Moskauer/innen nicht, aber adrett und schick ist hier so gut wie jede/r.

Moskauer Metro


Unterwegs in Moskau

Moskau hat viel zu bieten. Hätten wir es gewollt, wir hätten für jeden Tag ein dichtes Programm stricken können. Doch nicht zuletzt der Kinder wegen verzichteten wir darauf und ließen uns, so gut das eben in einer 12-Millionen-Stadt geht, einfach treiben. Meist zu Fuß, hie und da mit dem ÖPNV. Gesehen haben wir auch so erstaunlich viel – und vermutlich ungleich entspannter als mit fixer Agenda:

Must-seen

  • Der Rote Platz ist natürlich ein Muss. Da er genau zwischen unseren Wohnungen lag, überquerten wir ihn fast täglich. Leider fand gerade ein internationales Militärmusikfestival statt, so dass wir ihn nicht in seiner ganzen Pracht bestaunen konnten.
  • Den Kreml mit seinen Kirchen und das Lenin-Mausoleum besuchten wir spontan am dritten Tag – die Schlange war gerade mal kurz. Leider erfassten die Kinder den Ernst der Lage nicht ganz und wurden gleich mehrmals vom Wachpersonal angepfiffen {buchstäblich mit Trillerpfeife} – sie hatten sich nicht strikt an die Wegmarkierung gehalten. Es blieb zum Glück unsere einzige Nahbegegnung mit der russischen Staatsmacht.
  • Das Warenhaus GUM wurde in den Jahren 1890 bis 1893 nach einem Entwurf des Architekten Alexander Pomeranzew erbaut. Das imposante neoklassizistische Gebäude war seinerzeit das größte Warenhaus Europas. Heute ist es immer noch groß und beherbergt auf seinen drei Etagen rund 200 Ladenlokale, die sich eher an eine zahlungskräftige Kundschaft richten.
  • Den Feinkostladen Jelissejew in der Twerskaja-Straße 14 sollte man auch nicht verpassen. Mit seiner prunkvollen, barocken Innenausstattung ist das edelste Feinkostgeschäft, das ich jemals betreten habe.

Erholung

  • Es grenzt beinah an Unmöglichkeit, in Moskau einen Ort der Stille zu finden. Wir haben ihn mit einheimischer Hilfe gefunden: das Nowodewitschi-Kloster {dt.: Neujungfrauenkloster}. Das prächtige Wehrkloster an der Moskva-Biegung wurde 1524 als Frauenkloster gegründet und war über Jahrhunderte der mehr oder weniger freiwillige Rückzugsort russischer Adelsfrauen. Seit 2004 zählt es zum UNESCO-Weltkulturerbe. Um 17 Uhr beginnt die Abendmesse, die sich für mich vor allem in ihrer Weltabgewandtheit unterschied.
  • Im Gorki-Park machten wir einmal Verschnaufpause. Während die Kinder Karussell fuhren, genossen wir die relative Ruhe. Eigentlich wollten wir anschließend zeitgenössische Kunst in der Garage genießen, doch irgendwie war uns die Puste ausgegangen und so ließen wir uns lieber mit dem Boot über die Moskva schippern. Der Kunstgenuss sollte jedoch nicht zu kurz kommen.

Kunst & Kultur

  • Einen halben Tag verbrachten wir in der Trejakow-Galerie, die mit rund 140.000 Werken neben der St. Petersburger Eremitage eine der größten und berühmtesten Kunstsammlungen Russlands ist. Allein im alten Teil, der russische Kunst und Grafik aus dem 11. bis 19. Jahrhundert beherbergt, hätte man Tage verbringen können und noch einmal zwei Wochen im Neuen Teil. Meine Empfehlung: Die Malerei des 19. Jahrhunderts in der alten und die Werke der russischen Avantgarde in der neuen Galerie.
  • Zeitgenössische russische {Hipster-}Kunst und Kultur findet man auf verschiedenen alten Fabrikengeländen, wie den Kulturzentren Winzavod, Redok oder Artplay.
  • Unbedingt empfehlenswert ist auch ein Spaziergang rund um Patriarchenteiche unweit der Twerskaja-Straße. Mit seinen kleineren Straßen und Läden und den neoklassizistischen Bauten erinnert das Quartier ein wenig an Paris. Vor allem aber befindet man sich hier unmittelbar am Schauplatz von Michail Bulgakows großartigem Roman „Der Meister und Margarita„.

Highlights

Moskau von der Mercedes Bar


Essen in Moskau

Was das Essen anbelangt, so wurde ich enttäuscht. Ich hatte mich auf eine kulinarische Wüste eingestellt. Das Gegenteil war der Fall. Egal wo der Zufall uns hinführte, ob georgisch, indisch oder russisch – das Essen war ausgezeichnet: frische Zutaten, sorgsame Zubereitung, gekonnte Kombinationen und dabei nicht einmal teuer. Für 10 Personen samt mehrerer Flaschen Wasser und Wein kamen wir selten über 10.000 Rubel {140 Euro}.

Was das Essen anbelangt, so hat mich Moskau ich enttäuscht: Ich hatte mich auf eine kulinarische Wüste eingestellt. Das Gegenteil war der Fall. 


Besonders empfehlen kann ich zwei Restaurants:

  • Das sogenannte Form-to-Table-Restaurant LavkaLavka unweit des Bolschoi-Theaters versteht sich als Vertreter der „Neuen Russischen Küche“. Es zeichnet sich durch Zutaten aus regionaler ökologischer Landwirtschaft, eine sorgsame Zubereitung und ungewöhnliche Gerichte aus. Unter dem Motto „Food is more than Eating“ interpretieren seine Macher/innen die russische Kochtradition des 18. Jahrhunderts neu. Ein weiterer Pluspunkt: das riesige Spielzimmer, das ein entspanntes Essen mit Kindern garantiert.
  • Im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus der Wohnungsknappheit das Modell der sogenannten Gemeinschaftswohnung {Kammunalka}. Das heißt, mehrere Personen oder auch Familien teilen sich eine Wohnung. Dabei bewohnt jede Partei ein oder mehrere Zimmer exklusiv; Bad und Küche werden gemeinsam genutzt. An diese Wohnform knüpft das Restaurant Mari Vanna in der Nähe der Patriachenteiche an. In den üppig dekorierten Esszimmern im Stil der 1940er Jahre wird klassische russische Küche serviert: von Bliny und Borschtsch über Chatschapuri bis Soljanka. Früher – so wird sich erzählt – konnte hier nur speisen, wer einen eigenen Schlüssel besaß. Heute hat gibt sogar eine Zweigstelle in New York.
Restaurant Mari Vanna
Restaurant Mari Vanna

Moskau – Zwischen Unverständnis, Faszination und Unbehagen

Wie war Moskau? Das wurde ich nach unserer Rückkehr immer wieder gefragt und nach wie vor habe ich keine eindeutige Antwort. Die Stadt macht es einem nicht leicht, sie zu mögen. ZEIT-Korrespondentin Alice Bota bringt es auf den Punkt: „Rom umarmt den Eintreffenden, Paris bezirzt ihn, Berlin mustert ihn gelangweilt – Moskau aber schlägt dem Gast ins Gesicht.“


„Rom umarmt den Eintreffenden, Paris bezirzt ihn, Berlin mustert ihn gelangweilt – Moskau aber schlägt dem Gast ins Gesicht.“ Alice Bota


Fünf Tage reichen kaum aus, um tiefer hinter die unwirtliche Fassade dieser Stadt zu blicken und ihre zarten Seiten aufzuspüren, die es zweifelsfrei gibt – so wie die Warmherzigkeit, die hinter den reglosen Gesichtern der Moskauer/innen sichtbar wird, sobald man mit ihnen in Kontakt kommt: mit der Frau am Metro-Schalter beispielsweise, die uns wohlwollend Papier und Stift über den Tresen schob, damit wir unsere hilflosen pantomimischen Verständigungsversuche untermalen konnten. Oder die Kellnerin aus der Mercedes Bar {deren Dress-Code wir komplett verfehlten}, die plötzlich auf mich zukam, um mir noch einen viel besseren Ort zum Fotografieren zu zeigen und mich nach ganz oben auf die Dachterrasse führte {was für ein Blick!}.

Ich bleibe mit einem Gefühl zurück, das irgendwo zwischen Unverständnis, Faszination und Unbehagen changiert und würde gerne besser verstehen, wie diese Stadt funktioniert, wie man in ihrer Unwirtlichkeit heimisch wird. Ob es mir wirklich gelänge? Ich bin mir dessen nicht sicher, denn Moskau fehlt etwas, für das ich Berlin so liebe: Vielfalt.

Es ist nicht allein die kulturelle Vielfalt, die ich vermisst habe, sondern auch die der Lebensstile. In Berlin reicht das Spektrum von Cyber-Punk und Lederszene über Öko-Hippie und graue Maus bis hin zum großen Gatsby. In Moskau stellt das Hipstertum das eine, das Luxusleben das andere erkennbare Extrem dar. Dazwischen gibt es scheinbar nur die unauffällig-angepasste Masse. Weder Punks habe ich gesehen noch andere Nonkonformist/innen und Homo- oder Transsexuelle erst recht nicht. Das heißt natürlich nicht, dass es sie nicht gibt, nur eben nicht sichtbar im öffentlichen Raum – und das behagt mir nicht recht.

Moskau von Oben


Die Datscha am Goldenen Ring. Oder: Ein flüchtiger Blick aufs ländliche Leben

Am fünften Tag verließen wir die Stadt und fuhren hinaus aufs Land. 150 Kilometer nordöstlich von Moskau am Goldenen Ring sollte die Taufe stattfinden. Unsere Unterkunft lag in einer kleinen Feriensiedlung nahe Pereslawl-Salesski. Die 40.000-Einwohnerstadt am südöstlichen Ufer des Pleschtschejewo-Sees ist eine der ältesten und besterhaltenen Städte Zentralrusslands. Zu ihren Hauptsehenswürdigkeiten zählen die Reste des ehemaligen Kreml, darunter die Verklärungskathedrale sowie zahlreiche Klöster und Kirchen. Ihre vergoldeten Kuppeln leuchten schon von Weither über die russische Tundra.

Viel Zeit für Erkundungen blieb uns nicht, so dass ich nicht mehr als einen oberflächigen Eindruck vom russischen Kleinstadt- und Landleben mitnehmen konnte. Ein bescheidenes, ärmliches Leben scheint es zu sein – von der Hand in den Mund bzw. vom Garten auf den Teller. Auffällig war, dass auf den Gesichtern der Menschen – ganz anders als in Moskau – so eine Freundlichkeit lag, als würde das Landleben milder stimmen. Aber das ist reine Spekulation, der ich bei meinem nächsten Besuch nachgehen werde.

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Als ich durch diese gottvergessene NPD-plakatierte Plattenbausiedlung ging, … als ich mit Sack und Pack und Kind und Kegel den liftfreien Bahnhof erklomm, … als mir die mütterliche Frustration wie schlechter Atem entgegenschlug, … als ich mit zwei fröhlichen Kindern im weißhäutigen Seniorenbad aufschlug, … als ich über die Transgender-Frau las, die in der CSU Fuß fassen will, … da wusste ich wieder, welch verdammtes Scheissglück ich habe.

In meiner Kindheit herrschte vielleicht die Depression, nie aber Resignation: Man glaubte an das Wunder der Bildung. Treppen sind für mich kein Hindernis, Sprachbarrieren eine Urlaubsbekanntschaft und taube Ohren eine Trotzreaktion. Die Mutterrolle war für mich nie eine Endstation. Meine Haut ist geografisch korrekt pigmentiert. Mit der Weiblichkeit konnt‘ ich mich arrangieren; in meinem Körper ein leidliches Zuhause finden. Ein Glückskind bin ich. Andere nicht. Das ist nicht fair. Drum möcht‘ ich die Schwelle zum Glück bis unter den Meeresspiegel senken – auf dass es alle Leben flute. #barrierefreiesglück

In diesem Sinne: ein glückliches Wochenende und die obligatorische Liste – heute mit einem kräftigen Schuss Moskau {als kleiner Vorgeschmack}.

Moskau auf dem Dach des Royal Raddisson


Ostsee, Schwedenrot, Usedom, Reisen, Ferienhaus

Es sich einfach mal gut gehen lassen? Das will in diesem Jahr nicht recht gelingen. Angesichts von Tod und Terror wirkt jedes Vergnügen mindestens borniert, wenn nicht maximal ignorant. Das Gewissen ist gnadenloser denn je. Schon beim geringsten Versuch, mich den täglichen Katastrophenmeldungen genussvoll zu entziehen, hebt es zur Mahnung an: „Wie kannst du nur? Wie kannst du nur?“

„Ich kann. Ich will. Ich muss“, entgegnet mein Gefühl. Es ist von all der Aufregung noch ganz verwirrt und so erschöpft. Also fass ich mir ein Herz, trotze der wahnwitzigen Wirklichkeit und lass mich in den Sommer fallen – nicht ohne die obligatorische, aber ungewöhnlich leichte Liste.

Zeichnung, Adolf Wölfli, Art Brut, Schizophrenie, Outsider Art
Zeichnung von Adolf Wölfli {via Wikimedia Commons}

Mitten im Reden hielt sie plötzlich inne, sah mich an mit scharfem Blick: „Bist du Indre?“. Ich erschrak und mein „Ja“ klang seltsam hohl. Sie schob das Kinn nach vorn, legte den Kopf schief und das Gewicht aufs rechte Bein: eine schüchterne Krähe mit zerzaustem Gefieder. „Aus Celle?“ Ich zögerte, suchte nach Alternativen und brachte doch nur ein „Ja“ hervor. Ihr Blick wurde schärfer; sie taxierte mich von oben bis unten. Eine gefühlte Ewigkeit, in der ich nach Sätzen suchte, die aus der geschlossenen Frage führten. Ergebnislos. Abrupt wandte sie sich ab: „Scheiße. Wie scheiße du aussiehst“. Die Worte richteten sich kaum mehr an mich. Sie hatte sich wieder ihren inneren Stimmen zugewandt. Ich blieb merkwürdig verloren zurück.

Die Begegnung trug sich vor rund sechs Wochen in einem dieser scheußlich-schönen Center an der Frankfurter Allee zu. Es war nicht die erste, aber die einzige dieser Art. Bisher hielten wir es mit Blickkontakten, obwohl wir uns längst erkannt hatten. Schon beim allerersten Mal. Das war vor gut einem Jahr. Sie war in schlechter Verfassung: die Haare wie in rasendem Zorn rasiert, die Kleider schmutzig und viel zu groß, löchrige Schuhe, rotverquollene Hände. Und so viel Wut.

Ich kam mit Ma. die Straße entlang als sie uns überholte und sich in den nächsten Hauseingang schmiß. Am Boden liegend mit dem Kopf an der Wand zischte sie Ma. im Vorübergehen an. Man verstand es nicht, aber Ma. bekam Angst. Am Abend wollte sie nicht schlafen. Sie fürchtete, die Frau würde vor ihrem Fenster stehen, mit diesem wilden Blick. Nichts half. Kein Argument, kein Zureden. Erst als ich ihr erzählte, dass ich die Frau, Moni*, kenne, wir vor vielen Jahren zusammen eine WG gründen wollten und sie wohl zornig, nicht aber böse sei, beruhigte sie sich. Mich lässt sie seither nicht mehr los.

So oft sich unsere Blicke trafen, war ich versucht, etwas sagen. Doch welches Wort könnte die Kluft überbrücken, die zwischen unseren Leben liegt? Welcher Satz würde durch ihr Stimmengewirr zu ihr führen? „Trinkst du einen Kaffee mit mir“? Vielleicht.

Das letzte Mal, dass ich Moni sah, liegt zwei Wochen zurück. Es war frühmorgens auf der Frankfurter Allee. Von Zuckungen geplagt redete sie wild und schlug sich ins Gesicht. Sie sah mich nicht, sie blickte durch mich hindurch. Und ich ging wortlos an ihr vorüber. Wie es ihr wohl geht?

*Name geändert


… und mit der obligatorischen Liste und guten Wünschen verabschiede ich mich in das Wochenende.

Internationaler Tag des Kusses, Robert Doisneau

„Bei den Römern gab es noch drei Worte für den Kuss: Der Kuss innerhalb von Familien, der die Verbundenheit ausdrückte, hieß Basium. Das Osculum ist ein ähnlich unschuldiger Kuss: ein Zeichen der Anerkennung unter Gleichgesinnten. Das Suavium war der Kuss der Liebenden.“ Alexandre Lacroix

Und was mir in der vergehenden Woche noch so begegnet ist? Dies:

{Foto: 2010 Nachlass Robert Doisneau/courtesy Schirmer/Mosel}