Tag

Kinder

Wie sieht die Welt in vier, fünf Jahren aus? Noch vor gut einem halben Jahr hat mich diese Frage relativ kühl gelassen, hielt ich die mir so selbstverständliche Ordnung der Dinge doch für quasi naturgegeben. Heute, da die 70 Jahre währende Nachkriegsordnung auf dem Spiel steht, kann mich diese Frage schon mal halb verrückt machen – halb verrückt vor Angst. Vor allem um die Zukunft meiner Kinder. Gerade in diesen Momenten tut es gut, sich mit anderen austauschen. Wie geht es ihnen mit der {neuen} Ungewissheit? Wie gehen sie mit Sorgen und Ängsten um – gerade auch als Eltern? Was gibt ihnen Zuversicht? Was macht ihnen Hoffnung?

Eben diese Frage habe ich der dreifachen Mutter und bekannten Berliner Elternbloggerin Anne Luz de León {Berlinmittemom} gestellt. Hab‘ 1.000 Dank, liebe Anna Luz, für das mutmachende Gespräch, mit denen ich allen einen zuversichtlichen Start in die 2. Februarwoche wünsche.

Die Welt befindet sich im Wandel. Die Nachkriegsordnung scheint an ihr Ende gekommen und was sie ersetzt, ist noch gänzlich ungewiss. Wie gehst du mit dieser Ungewissheit gerade auch als Mutter um?

Ich glaube, dass mir als Mutter von drei Kindern nichts anderes übrig bleibt, als meinen Kindern weiter vorzuleben, was das Richtige ist. Woran ich glaube. Genauso, wie ich im Alltag versuche, ihnen Werte zu vermitteln, mit denen sie ihre {noch kleine} Welt zu begreifen beginnen, ihnen sage, was wir als Eltern für richtig und für falsch halten und ihnen erzähle, was vor ihnen und vor mir auf dieser Welt vorging, spreche ich auch jetzt mit ihnen über die Veränderungen und Anfechtungen, mit denen wir täglich umgehen müssen.

Was ich ihnen jetzt sage, unterscheidet sich inhaltlich gar nicht so sehr davon, was ich versuche, in ihnen zu verankern, wenn es um die kleinen Dinge des Lebens geht, die uns manchmal entsetzlich schwer vorkommen: um Streit mit Freunden, Auseinandersetzungen mit den Aufgaben, die uns schwer fallen und mit Ängsten, die uns lähmen.

Ich sage ihnen, dass wir aufrecht und mutig bleiben und uns nicht verkriechen, sondern uns auf unsere Stärken besinnen müssen. Wir sind nicht allein, wir sind ein Team, das größer ist, als nur unsere Familie. Ich zeige ihnen gute mutige Menschen mit guten, hoffnungsvollen und auch erfolgreichen Projekten. Menschen, die etwas bewegen und Gutes bewirken, nicht nur für sich selbst.
Ja, die aktuelle Ungewissheit könnte uns als Familie lähmen, aber das darf und werde ich nicht zulassen. Also tun wir Dinge im Kleinen und unterstützen die, die größere Kreise ziehen. Und wir bleiben bei unseren Grundwerten, an die wie fest glauben.

Wenn jemand gemein ist: sind wir gütig. Wenn jemand laut ist: bleiben wie ruhig. Wenn jemand hasst: lieben wir. Und genau das tun wir weiterhin. Bei unseren humanistischen Überzeugungen bleiben, am Guten festhalten. Ich glaube, das ist der einzige Weg – im Kleinen etwas gut machen, die kleine Welt erhellen und verbessern, an der Hoffnung und der Liebe festhalten, ein Beispiel sein und für etwas stehen. Und damit immer größer werdende Kreise ziehen.

Mindestens deine große Tochter wird von den »transitorischen Turbulenzen«, in denen sich unsere Welt befindet, einiges mitbekommen. Wie geht sie damit um? Wie geht ihr damit um, so dass es sie nicht allzu sehr durcheinander bringt?

Wie immer: wir reden miteinander. Über alles, was sie bewegt, was uns bewegt, auch, was uns beunruhigt. Und wir reden mit anderen Menschen, mit Freund*innen, Nachbar*innen, Lehrer*innen. Wir lesen Blogs und Artikel von mutigen Menschen, die etwas zu sagen haben und sich nicht mundtot machen lassen. Aber natürlich habe ich dabei alle meine Kinder scharf im Blick und zeige ihnen nicht allzu offen, wenn Dinge mich selbst zu sehr beunruhigen. Sie dürfen spüren, dass wir nicht auf alle Fragen Antworten haben, aber sie dürfen keine Angst bekommen, weil sie denken, dass wir verzweifelt oder hoffnungslos sind.

»Es ist also immer ein Balanceakt zwischen größtmöglicher Offenheit im Umgang mit diesen Themen bei gleichzeitig kleinstmöglicher Panik.«

Das ist ohnehin etwas, das ich versuche auszuschließen: die hochkochende Panik, die sich dieser Tage gern mal schnell breit macht, vor allem in Social Media.

Inwieweit und wie thematisiert ihr das aktuelle Weltgeschehen bei den beiden jüngeren Kindern?

Ich bin sehr dankbar, dass die aktuellen Geschehnisse auch in der Schule immer wieder Thema sind und von den verschiedenen Lehrer*innen aufgegriffen werden. Dadurch haben wir gute Aufhänger, eine breite Menge an Ansätzen im Umgang und die Möglichkeit, die diversen Themen passend aufzugreifen. Grundsätzlich dosieren wir aber auch diese Themen so, wie die Kinder es bei allen anderen Themen auch vorgeben: wenn sie Fragen haben, reden wir. Aber wenn sie kein Interesse zeigen, dränge ich ihnen keine Themen auf. Nur nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz haben wir morgens mit ihnen gesprochen, damit sie nicht ahnungslos in die Schule kommen und alles schon im Bus von anderen Kindern hören. Da haben wir sie vorbereitet – und auch beruhigt.

Was rätst du anderen Eltern: Soll man den Kindern über die aktuelle Situation reden oder lieber nicht?

Ich glaube grundsätzlich daran, dass man mit Kindern entsprechend ihrem Alter eigentlich über so ziemlich alles reden kann. Sie sind so eng mit uns Eltern verbunden, dass sie ohnehin auf der nonverbalen Ebene immer mitkriegen, wenn mit uns etwas nicht stimmt. Wenn es um uns geht, sind sie kleine Seismographen. Insofern können wir uns ohnehin abschminken, wir könnten ihnen über unsere persönliche Verfassung die Unwahrheit sagen. Und ich halte es für fatal, sie zu belügen, selbst wenn es aus dem Wunsch heraus geschieht, sie zu beschützen.

Auf der negativen Seite könnte man sagen, dass wir sie nicht vor der Welt da draußen schützen können. Ich drehe das aber für mich genau herum: Wenn wir mit unseren Kindern ehrlich (nicht schonungslos) sprechen, ihnen vertrauen und ihnen zeigen, dass sie auch uns vertrauen können, unsere Bindung stärken und ihnen eine sichere Basis geben, d a n n machen wie sie stark für die Welt da draußen und sie werden sie Schritt für Schritt erobern, auch wenn sie im Wandel begriffen ist.

Natürlich ist jedes Kind anders und jede Familie ist anders. Wieviel Wahrheit über den Zustand der Welt ein Kind also in welchem Alter schon verträgt, können nur die Eltern einschätzen. Ich persönlich habe mit Offenheit gegenüber meinen Kindern gute Erfahrungen gemacht.

Es steht viel auf dem Spiel: Europa und die Demokratie, die offene, pluralistische Gesellschaft, Minderheitenrechte etc. – was macht das mit dem Menschen Anna-Luz de León?

Natürlich beunruhigt mich das. Es wäre gelogen, zu sagen, ich sei vollkommen ruhig und unbeeindruckt. Aber ich muss sagen, dass ich keine Angst habe. Es gibt schlechte Menschen und einige davon haben einen nicht zu unterschätzenden Willen zur Macht, aber ich glaube an unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und daran, dass es viele gute und gerechte Menschen gibt, die für diese Grundordnung bereit sind sich einzusetzen. Ich zähle mich, meinen Mann, meine gesamte Familie, alle unsere Freunde und viele Verbündete aus aller Herren Länder dazu.

Ich kenne viele Familien, die beim Women’s March in Washington vor Ort waren, Freundinnen, die Trecks nach Mazedonien organisieren, Menschen, die Bücher, Artikel und Blogs gegen Rechts schreiben, Künstler*innen, die sich mit der Kraft ihrer Arbeit widersetzen, Kolleginnen, die Spendensammlungen durchführen, befreundete Familien, die Geflüchtete bei sich aufnehmen, Menschen, die nicht müde werden, sich laut gegen Holocaustleugner, Rassisten Homophobiker und Sexisten zu stellen. All diese Menschen geben mir Hoffnung und machen mir Mut. Und es gibt noch viele mehr! Mit einigen komme ich »nur« virtuell zusammen, aber die gemeinsamen Überzeugungen machen uns stärker. Wir sind nicht alleine, wir sind viele. Und je brisanter die Situation zu werden scheint, desto lauter werden die Gegenstimmen. So beängstigend jemand wie Trump auch ist, seine Wahl bringt seine Gegner auf die Barrikaden. Schulter an Schulter.

»Wir sind nicht ausgeliefert, wir sind nicht allein, wir sind viele. Wir dürfen uns nur nicht verschrecken lassen.«

Kinder am Abend am Seeufer

Hast du manchmal Angst um die Zukunft deiner Kinder?

Keine konkreten Ängste. Vielleicht ist das naiv, aber ich halte an meinem Glauben an das Gute in der Welt fest. Ich glaube tatsächlich, dass das Einzige ist, das uns jetzt über eine dunklere Episode der Menschheitsgeschichte hinweg retten kann.

Wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke, fürchte ich mich mehr vor den Auswirkungen des Klimawandels als vor den Trumps und Le Pens dieser Welt. Und dann denke ich an meine Großmutter, die während des Zweiten Weltkriegs drei kleine Kinder hatte und sich mit ihren Schwestern im tiefsten Westerwald versteckt hielt. Daran, in welche Zeiten hinein sie ihre Kinder geboren hat, selbst ein Kind des Ersten Weltkriegs. Sie hat ihr Bestes getan für ihre später vier Kinder und sie hatte Glück, weil mein Großvater niemals in der NSDAP war und deshalb direkt nach dem Krieg eine gute Stelle bekam. Aber sie wusste zu dieser Zeit nicht, was werden würde, ob ihre Kinder gut klarkommen würden oder was überhaupt aus ihnen werden würde. Und sie hat dennoch ihre Kinder bekommen und so gut sie konnte durch die schweren Zeiten gebracht. Sie hat sie randvoll abgefüllt mit Liebe und einem gigantischen Vertrauen in diese vier kleinen Menschen und geglaubt, dass das das Wichtigste war, womit sie sie ausstatten und stark machen konnte. Sie hatte recht.

Ich habe keine Angst. Meine Kinder bekommen alles, was wir als Eltern ihnen mitgeben können und noch so viel mehr: Bildung, ein starkes Fundament, ein tragfähiges Netz. Sie sind gute Menschen, sie werden gute Wege finden und gehen.

Was können wir deines Erachtens tun, um unseren Kindern ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen?

Alles. Und nichts. Wie gut die Welt wird und damit das Leben, das unsere Kinder darin leben werden, liegt heute bei uns. Wenn wir uns nicht einsetzen für Frieden, Freiheit und für die Selbstbestimmung aller Menschen, dann können wir eine Welt mit diesen Werten und Errungenschaften auch für unsere Kinder nicht erwarten. Wir müssen begreifen, dass es uns alle angeht.

»Und wenn wir die weißesten, hetero-normativsten, christlichsten, angepasstesten Menschen der Welt sind: Wenn wir zulassen, dass andere um uns herum diskriminiert und in ihren Rechten eingeschränkt werden, weil sie all das n i c h t sind, haben wie unsere Freiheit und Selbstbestimmung nicht verdient.«

Ich schrieb kürzlich auf meinem Blog über Privilegien und Verantwortung, und genau das meine ich: Die Welt, die ich für meine Kinder will, muss ich schaffen. Sie verteidigen. Für sie aufstehen. Anderen die Hand reichen, die nicht partizipieren. Sie jeden Tag besser machen und wenn es nur im Kleinen ist. Nicht die Klappe halten, nicht still sein, nicht verharren, auch wenn es uns nicht persönlich betrifft. Es betrifft uns nämlich doch. Weil wir mit unserem Verhalten bestimmen, was für eine Welt wir unseren Kindern übergeben.


Fotos: M i MA aus der Reihe »Just Kids«

#radikalhoffen

Es ist Mittwochabend, kurz nach dem Essen. Der Mann nimmt die Zeitung zur Hand: erschütternde Überschriften Seite um Seite untermalt von Bildern des Schreckens. Ma. tänzelt um uns herum. Da fällt ihr Blick auf die Zeitung, hängt sich auf an einem Bild. Rasch versucht der Mann umzublättern, doch sie hält ihn auf: »Schau mal, Papa, der Laster hat ein Auge.«

Es ist das Bild jenes LKWs, der mitten in den Berliner Weihnachtsmarkt fuhr, 12 Menschen das Leben nahm und 48 teils schwer verletzte.

Ma. kann lesen. Noch talentierter als im Buchstabenlesen ist sie im Bilderlesen. Das Foto ist eindeutig: Es zeigt die Szenerie einer schweren Beschädigung. Doch unsere Tochter sieht ein Auge. Was soll ich davon halten? Das fragte ich mich im ersten Moment. Doch nach Überwindung der anfänglichen Irritation wusste ich es: viel. Denn da will sich eine nicht dem Schrecken beugen, sich nicht die Zuversicht nehmen und die Seele von Angst aufessen lassen.

Meine kleine groß{artig}e Tochter lehrt mich an diesem Abend den kreativen Widerstand.

***

In diesem Sinne verabschiede ich mich schon heute in die Weihnachtspause – mit dem obligatorischen Blick zurück und herzlich guten Wünschen.

Besinnliche Tage

GESEHEN: Robbi, Tobbi und Fliewatüt {ganz süßer Kinderfilm}
GEHÖRT: Gillian Welch »Time« {so schön, dass es fast wehtut.}
GESPÜRT: Zuversicht
GESCHMECKT: Granatapfelpunsch
GELESEN: Dankbarkeit
GEDACHT: Es ist dringend an der Zeit für eine »Konferenz der Tiere«.
GEMACHT: zusammengestanden {#zusammen}
GEMOCHT: Peters und Reginas Erzähl!Kunst und Fred Herzogs »farbenfrohe« Fotografien
GEFREUT: auf ein paar Tage unter lauter lieben Leuten
GESUCHT: ein Geschenk
GEFUNDEN: »Die Vegetarierin«
GESTUTZT: über die Prognose, dass 2017 das Jahr der Mirco Influencer werden soll
GESCHMUNZELT: über den Witz eines 70jährigen Politikprofessors
GEWÜNSCHT: eine/n Bundestherapeut/in
GEKLICKT: ins Glück zurück

 

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»Inklusion« – ein schwieriges Wort. Es steht für größtmögliche Offenheit und bleibt doch der Mehrheit verschlossen. Wer jenseits der eingefleischten Fach- und Fangemeinde weiß schon, dass das lateinstämmige Fremdwort soziologisch gewendet das »Rezept« für eine bessere Welt enthält? Der öffentliche Diskurs dreht sich vor allem um Barrierefreiheiten: mehr Fahrstühle im öffentlichen Raum, »einfache Sprache« im Internet, Gebärdendolmetscher/innen im Fernsehen etc. Was diese scheinbar »nur« für Minderheiten gemachten Erleichterungen mit einer besseren Welt zu tun haben und wie und warum alle Menschen davon profitieren – davon wird kaum erzählt. So bleibt der Begriff befremdlich leer und traurig abstrakt – unfähig, um eine Gesellschaft für Inklusion zu begeistern oder gar zu mobilisieren {und nichts anderes meint ja die vielzitierte Rede vom »Narrativ«}.

Kaiserinnenreich – das inklusive Familienblog von Mareice Kaiser

Fast wollte ich schon daran verzweifeln, dass wieder eine wunderbare Idee an ihrer Unverständlichkeit zu scheitern drohte. Doch dann trat Mareice Kaiser auf die Bühne: erstmals am 2. März 2014. An diesem ersten Sonntag des Monats entließ sie ihr »Kaiserinnenreich« ins weltweite Web, wo es sich innert kürzester Zeit als »das inklusive Familienblog« etablierte. Zweieinhalb Jahre später ist nun ihr erstes Buch erschienen – und davon soll heute die Rede sein.


Wer »Alles inklusive« liest, begreift, was die »inklusive Gesellschaft« so verdammt lebens- und liebenswert macht.


Das Elternwerden hatte sich Mareice anders vorgestellt, nämlich ziemlich ähnlich wie ich: sauanstrengend und wunderschön. Sauanstrengend weil kleine und noch kleinere Kinder einen unablässig zwingen, die eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen {fit und ausgeschlafen – was war das doch gleich?). Wunderschön weil es solch eine unbeschreibliche Freude ist, zu erleben, wie sich diese kleinen Menschen mit überbordendem Charme und frappierenden Einfallsreichtum die Welt zu eigen machen und manchmal – was ein ganz besonderes Glück ist – genau die Dinge lieben lernen, für die man selber brennt. Bei Mareice und ihrem Mann Thorben ist es die Musik: »Thorben komponierte Lieder und wollte eine CD daraus machen. Für jeden Wochentag ein Lied, wir wollten es morgens für nach dem Aufstehen für Greta singen. Und nicht nur für Gretas Geburt hatte er ein Mixtape zusammengestellt, sondern auch für die Zeit danach. Die coolsten Kinderlieder; auf einer CD. Wir waren vorbereitet für die musikalische Früherziehung unserer Tochter.« Doch Greta kommt gehörlos auf die Welt. Unter anderem. Der seltene Fehler auf dem achten Chromosom »kann« nämlich noch viel mehr: Er macht ihre Tochter taubblind (ähnlich: CHARGE-Syndrom), ihre Muskulatur kraftlos und ihren Darm krank {Morbus Hirschsprung}. Greta ist selbst für Spezialist/innen ein außergewöhnliches Supersonderspezialkind.

Alles inklusive – ein Buch von mareice kaiser
Foto: Carolin Weinkopf {via Kaiserinnenreich}

Was es heißt, mit einem »Supersonderspezialkind« in unserer immer noch auf »Superdubernormalos« ausgerichteten Welt zu leben, davon handelt das Buch der 35jährigen Journalistin, Autorin und Bloggerin. Es ist ein Leben im Ausnahmezustand: ein Leben zwischen Krankenhaus und Kita, zwischen Vorurteilen, Überforderungen, Bürokratiemonstern und Gewissenskonflikten, getragen von der unbedingten Liebe zu ihrer Tochter und der Sehnsucht nach Selbstverständlichkeit: »Dass es in der Geburtsmail meines Kindes nicht um unwichtige Details wie Größe und Gewicht gehen soll, wusste ich schon vor Gretas Geburt. Dass wir einen Chromosomenfehler erklären würden, nicht.«  Es gelingt den jungen Eltern. Wie vieles andere auch – der Mensch wächst bisweilen sich über sich selbst hinaus. Aber alles hat seine Grenzen. Als sich stundenlang niemand im Krankenhaus um die schwerkranke Greta kümmert, bricht Thorben zusammen. »Ich trage Momo {ihre jüngere Schwester} auf meinem Arm, sie weint. So laut hat sie ihren Vater noch nie schreien gehört. Ich ihn auch nicht.« Die Krankenschwester offenkundig auch nicht. Sie drückt einen Knopf und beschert den erschöpften Eltern damit einen Polizeieinsatz und ein lebenslängliches Hausverbot.

Der Begriff der »strukturellen Diskriminierung« wird hier so greifbar wie unerträglich. Man möchte stellvertretend schreien, weinen, heulen und wüten. Doch so wie Mareice den außer sich geratenen Thorben erst flüsternd, dann etwas lauter wieder zur Räson bringt, bewahrt sie auch ihre Leser/innen davor, an ihrer Stelle die Contenance zu verlieren. Bestimmt und ruhig führt sie sie zur nächsten Episode und erzählt – ohne Groll oder vorwurfsvolle Erregung – von all den anderen Hürden und Stolpersteinen, den glücklichen Zufällen und dem zufälligem Glück: »Greta geht zur Kita. Wow! Thorben schickt mir Fotos aus der Kita auf mein Smartphone. {…} Auf dem Foto sehe ich Greta auf einer Decke im Gras liegen. Um sie herum sitzen vier Kinder, alle sind mit Greta beschäftigt. „Sie kümmern sich ganz liebevoll {…}“, schreibt Thorben mir.« 


Der Begriff der »strukturellen Diskriminierung« wird hier so greifbar wie unerträglich. Man möchte stellvertretend schreien, weinen, heulen und wüten.


Doch bei aller Unaufgeregtheit lässt Mareice Kaiser keinen Zweifel daran, dass die Welt so wie sie ist, nicht okay ist. Denn es ist eine Welt, in der ihr Kind die Kita verlassen muss, weil es zu behindert ist. Eine Welt, in der sie dankbar dafür sein muss, wenn jemand ihr Kind betreut und sie – aufs Muttersein reduziert – ihrer Arbeit nachgehen kann. Eine Welt, in der sie stets darauf angewiesen ist, dass das Glück ihr hold ist, weil keine verlässlichen Angebote und Strukturen für Familien mit »Supersonderspezialkindern« gibt. Dabei ist es gar nicht schwer, es anders und besser zu machen: »7.30 Uhr: Anna ist da. Sie ist seit einem Jahr unsere Familienhelfer-Au-Pair und assistiert Greta im Wechsel mit Paul, unserem zweiten Au-Pair. Finanziert werden sie vom neuen ‚Lebensgesetz‘ {Special Needs Edition}, das eine Verbesserung des alten Teilhabegesetzes ist.« Komplettiert wird das Gesetz in Mareices Zukunftsvision vom »Gesundheitsclub«: »Unser Familienberater Herr Müller hatte im Online-Entwicklungsbuch gelesen, dass Greta gewachsen ist. In dieses Buch tragen alle Menschen, die mit unserer Tochter zu tun haben, ihre Beobachtungen ein. {…} Herr Müller, der Greta bereits seit vielen Jahren kennt und mindestens einmal im Jahr zu uns nach Hause kommt, um auf uns zugeschnittene Angebote zu machen, schaut proaktiv einmal pro Woche ins Online-Entwicklungsbuch und macht uns Vorschläge zur Unterstützung.« Das ist keine realitätsferne Utopie, sondern schlichtweg die Einlösung des »Versprechens« auf allgemeine Gleichbehandlung – und am Ende wahrscheinlich sogar wirtschaftlich günstiger.

Wer Mareices Buch liest und sie durch das Dickicht der strukturellen und mentalen Grenzen bis zum plötzlichen Tod ihrer Tochter Greta begleitet, kann kaum anders als zu begreifen, was die Idee der »inklusiven Gesellschaft« so lebens- und liebenswert macht – und warum es sich für sie zu kämpfen lohnt. Damit gelingt der Autorin, was jedes »Narrativ« will: die Menschen für eine gesellschaftliche Vision zu begeistern. Für mich ist »Alles inklusive« darum nicht nur das, was man »gesellschaftlich relevant« nennt, sondern auch oder vielleicht nochmal mehr: ein politisch wegweisendes Buch.


Mareice Kaiser
Alles inklusive
Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter
Fischer Verlag
Preis € (D) 14,99 | € (A) 15,50
Link zum Verlag | Link zu Mareices Lesungen


Alles inklusive – ein Buch von mareice kaiser

„Ein Kind kommt nicht für die Eltern zur Welt. Es ist nicht da, um die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen, sondern um zu dem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist. Es darin zu unterstützen, ist unsere Aufgabe.“ Remo Largo

Nicht immer gelingt es mir, meine Erwartungen zurückzunehmen, meine Kinder beim Sein und Werden selbstlos zu unterstützen. Aber ich hoffe, es gelingt mir oft genug.

Foto: Junge mit Sonnenbrille (c) Ieva Jansone

„Das Schönste am Großeltern sein“, findet Opa, „ist, dass man die Entwicklung dieser kleinen Menschen mitverfolgen kann, ohne direkte Verantwortung zu haben.“ Wie er diese Entwicklung erlebt und indirekte Verantwortung lebt und was ihm sonst noch so durch den Kopf geht, davon erzählt der Kommunikationsberater und leidenschaftliche Großvater Detlef Untermann alias Opa auf seinem gleichnamigen Blog – und im heutigen Montagsinterview.

Haben Sie vielen herzlichen Dank, Herr Untermann, für das schöne Gespräch, mit dem ich einen guten Start in die neue Woche wünsche.

Kinder schauen in einen Berliner Hauseingang

Wer steckt hinter Opas Blog?

Der Opa. Wer sonst? Und Oma selbstverständlich. Meine Frau ist eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Impulsgeberin. Schließlich verbringt sie ja die meiste Zeit mit unseren Enkeln. Den Themenmix allerdings bestimme ich. Der Blog hat nicht ohne Grund den Untertitel „Gedanken eines Großvaters“. Und Sie glauben gar nicht, über was ich mir so alles meine Gedanken mache. Das ist, so finde ich jedenfalls, der große Reiz an Opas Blog. Das Themenspektrum reicht von der Alltagsbanalität bis hin zur großen Politik. Für einen alten Journalistenhaudegen wie mich ist das doch wie ein Dorado. Wer hat schon so eine Plattform, ohne das irgendjemand mitredet – bis auf Oma natürlich.

Was ist das Schönste am Opa-Sein? Was das Schwerste?

Das Schönste ist, dass man die Entwicklung dieser kleinen Menschenkinder mit verfolgen kann, ohne die direkte Verantwortung zu haben. Das ist Genuss pur, den man als Eltern so nicht hat. Da ist man permanent in der Pflicht und gefordert. Wie will man da genießen und sich entspannt zurücklehnen. Das geht einfach nicht. Ich sehe das doch bei meinen Kindern. Da sind das Kind, der Ehemann, die Freunde, der Beruf, der Haushalt und und und. Ich sage nur: Wohl dem, der eine Oma in der Nähe hat, sonst ginge vieles gar nicht.


WOHL DEM, DER EINE OMA IN DER NÄHE HAT, SONST GINGE VIELES GAR NICHT.


Das Schwerste ist … ja was ist das eigentlich. Ich kann es gar nicht sagen. Ich glaube, Opa-Sein ist dann sehr schwer, wenn man seine Enkel nicht um sich hat. Oma und ich haben aber Gott sei Dank das unendlich große Glück, dass unsere Kinder und Enkel in unserer unmittelbaren Nähe aufwachsen und wir sie ständig sehen. Mir tun immer die Großeltern leid, die die Entwicklung ihrer Enkelkinder nur auf Fotos oder über Skype verfolgen können.

Mädchen am Strand der Müritz

Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Eltern- und Großelternsein?

Der Unterschied ist, dass wir nicht erziehen müssen und auch nicht sollten. Das ist Aufgabe der Eltern, die ja auch die Verantwortung tragen. Wir als Großeltern sind sicherer Hafen, Feuerwehr, Netz und doppelter Boden, Backup oder wie auch immer Sie es nennen wollen. Unser Ziel war und ist es, dass unser Kinder und Enkelkinder immer das Gefühl haben, sich auf uns voll und ganz und in jeder Situation verlassen zu können. Ich glaube schon, dass wir das geschafft haben. Aber beantworten kann das letztlich nur uns Nachwuchs.


WIR ALS GROSSELTERN SIND SICHERER HAFEN, FEUERWEHR, NETZ UND DOPPELTER BODEN.


Wie viel Zeit und Raum nimmt das Opa-Sein in Ihrem Leben (aktuell) ein?

Wie gesagt, die meiste Zeit verbringt Oma ja mit den Kleinen. Aber ich versuche natürlich, mir die Zeit für meine Enkel freizuschaufeln. Letztens waren Oma und ich mit den beiden Buben in Brandenburg unterwegs und haben uns in Beelitz-Heilstätten den Baumkronenpfad angeschaut. Das war ein tolles Erlebnis. Aber genauso toll ist, mit den Jungs auf dem Bolzplatz Fußball zu spielen oder zu kochen, was beide ausgesprochen gerne tun. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm.

Mädchen beim Spielen am Karpfenteich im Treptower Park

Was machen Sie mit Ihren Enkeln am liebsten in Berlin und können es anderen Großeltern (und durchaus auch Eltern) wärmstens empfehlen?

Also, wer in Berlin oder auch Brandenburg nichts findet, was er mit seinen Enkeln oder Kindern machen kann, dem ist nicht mehr zu helfen. Erwähnt habe ich ja schon den Baumkronenpfad, den ich wirklich empfehlen kann. Wir waren ja jetzt im Sommer da, werden aber auch im Herbst, Winter und Frühling diesen Ausflug wiederholen. Die unterschiedliche Blattfärbung wird sicherlich nicht nur die Kurzen begeistern. Ansonsten gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Und da sollte man ruhig etwas auf die Neigung der Enkel eingehen. Es geht ja schließlich um sie und nicht um einen selbst.


WER IN BERLIN ODER BRANDENBURG NICHTS FINDET, WAS ER MIT SEINEN ENKELN MACHEN KANN, DEM IST NICHT MEHR ZU HELFEN.


Was macht Herr Untermann, wenn er nicht Opa ist? Und was haben Sie gemacht, bevor Sie Opa wurden?

Herr Untermann ist, wenn er nicht Opa ist, Kommunikationsberater. Ich bin seit 1977 in der Kommunikationsbranche tätig. Als Journalist, als PR-Manager und nun seit über zehn Jahren als Selbstständiger, sprich Inhaber einer Kommunikationsagentur. Und ich übertreibe sicher nicht, wenn ich sage: Wir mischen noch kräftig mit.

Bevor ich Opa wurde, war ich … na was wohl? Vater, und zwar stolzer Vater von zwei bildhübschen und blitzgescheiten Töchtern. Allerdings muss ich gestehen, dass ich deren Heranwachsen nicht so intensiv verfolgt habe wie jetzt das meiner Enkel. Aber alles hat, wie man ja weiß, seine Zeit.

Enkelkinder beim SpielenWas ist das Schwerste beim „Kommunizieren für Kunden“ und was macht gute Kommunikation für Sie aus?

Ob ich es als das Schwerste bezeichnen würde, weiß ich nicht so richtig. Aber Grundvoraussetzung dafür, um für jemanden anders zu kommunizieren, ist, dass ich mich mit ihm identifizieren kann. Wie sonst will ich denn authentisch wirken? Das geht nur, wenn ich mich mit dem Kunden und seinen Themen und Inhalten identifiziere. Und das ist auch schon die halbe Miete. Wenn ich dann noch schön bei der Wahrheit bleibe und nicht Grimms Märchen Konkurrenz machen will, bin ich auf dem richtigen Weg. Der Rest ist reines Handwerk und Erfahrungen, wobei man aber als alter Fuchs vor Überraschungen nicht gefeit ist.

Angesichts der rasanten Entwicklung der Kommunikationsmittel und -wege muss man schon höllisch aufpassen, dass man keinen relevanten Trend verschläft. Aber wie gesagt: Wir reden hier von Handwerk, das gelernt sein will.


ANGESICHTS DER RASANTEN ENTWICKLUNG DER KOMMUNIKATIONSMITTEL UND -WEGE MUSS MAN SCHON HÖLLISCH AUFPASSEN, DASS MAN KEINEN RELEVANTEN TREND VERSCHLÄFT.


Sie leben in Berlin. Wo? Wie? Wie lang und wie gerne?

Wir leben in Lichterfelde, wo ich eigentlich schon immer hinwollte. Als wir 1992 nach Berlin kamen, hat es uns zuerst nach Lankwitz ins Komponistenviertel verschlagen. Aber ich habe schon damals mit Lichterfelde geliebäugelt. Jetzt leben wir hier schon über 15 Jahre und haben hier wohl auch unser Altersdomizil gefunden. Ich komme zwar aus dem Allgäu und liebe die Berge, aber ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu wohnen als in unserem trauten Heim in Lichterfelde ganz nach dem Motto: My home is my castle.

Kuscheltier

Was ist Ihre größte Sorge, was Ihr größter Wunsch angesichts der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September?

Da treffen Sie einen ganz wunden Punkt bei mir. Wenn ich mir die Welt heute so anschaue, dann habe ich Angst, dass meine Enkel mich irgendwann einmal fragen, ob wir denn nur betrunken waren, als wir diesen ganzen Mist produziert haben. Nachrichtensendungen sind doch schon lange nicht mehr jugendfrei. Und meine Kinder und wir haben jetzt schon Probleme, den beiden Kurzen Fragen zu beantworten, die sie aufgrund von Nachrichtenfetzen haben, die sie überhaupt nicht verstehen (können). „Sodom und Gomerra“ hätte Ilse Kling in der Lindenstraße gesagt, Gott hab die Schauspielerin Annemarie Wendl selig.


WENN ICH MIR DIE WELT HEUTE SO ANSCHAUE, DANN HABE ICH ANGST, DASS MEINE ENKEL MICH IRGENDWANN FRAGEN, OB WIR DENN NUR BETRUNKEN WAREN, ALS WIR DIESEN GANZEN MIST PRODUZIERT HABEN.


Was die Abgeordnetenhauswahl in Berlin betrifft, so würde mir natürlich am besten Gefallen, wenn die AfD nicht ins Parlament käme. Aber das wird wohl, so viel Realist bin ich denn auch, ein frommer Wunsch bleiben. Insofern bleibt mir nur zu hoffen, dass am Ende ein Ergebnis herauskommt, dass mehrere Alternativen zulässt. Das bedingt nach derzeitigem Stand, dass die FDP den Wiedereinzug ins Parlament schafft. Denn, und da bin ich ganz offen und ehrlich, eine Beteiligung der Linkspartei an einer Regierung ausgerechnet hier in Berlin, empfinde ich als Zumutung. Es kann doch nicht sein, dass wir gerade den 55. Jahrestag des Mauerbaus begangen und wieder die Mauertoten beklagt haben, und die Partei, in der immer wieder geleugnet wird, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen ist, gerade hier in der Regierung sitzt.

Mit 63 Jahren hat man doch einige Erfahrung sammeln können. Welche möchten Sie jungen oder jüngeren Vätern (und gerne auch Müttern) ans Herz legen?

Gelassenheit. Das ist vermutlich leichter gesagt, als getan. Und viele, die mich kennen, werden unken: Das sagt gerade der Richtige. Aber das Schöne am Alter ist wirklich, dass viele Dinge einfach keine Rolle mehr spielen. Man muss oder will nichts mehr werden, Äußerlichkeiten spielen keine so große Rolle mehr und man hat gelernt: Egal, was passiert, die Erde dreht sich einfach weiter. Wer meinen Blog kennt, weiß, das ich meine Beiträge gerne mit einem Zitat oder einem Spruch beende. Sie erlauben, dass ich das hier mit einem Spruch tue, der auf reiner Erfahrung beruht: Erstens kommt es, zweitens anders und drittens als man denkt.


ERSTENS KOMMT ES, ZWEITENS ANDERS UND DRITTENS ALS MAN DENKT.


Mädchen im Meer

Fotos (c) Indre Zetzsche aus der Serie „Kinder“

Einst öffentliches Urinal, heute ein Burgerladen: das Toilettenhäuschen am Schlesischen Tor | Foto: SanSuo

In unserem Kiez leben viele Menschen ohne Obdach. In der U- und S-Bahn bitten viele Menschen um Geld oder Essen. Ma. nimmt das sehr genau wahr und hat viele Fragen: Warum haben sie kein Zuhause? Seit wann leben sie auf der Straße? Wer sind sie? Woher kommen sie? Wie geht es ihnen? Viele Fragen, die auch mir in den Kopf schießen – und genauso schnell wieder raus. Nicht so bei Ma. Sie nimmt sie mit, und manchmal hat sie dann eine Idee. So wie neulich.

„Mama“, sagte sie, „kannst du den Erfindern sagen, sie sollen eine Draußentoilette erfinden, in die jede/r rein kann.“

Ich muss ein wenig ratlos dreingeschaut haben; die Erläuterung kam prompt.

„Na, die armen Leute haben doch kein Geld und in die Toiletten muss man immer einen Euro stecken. Wie soll das gehen?“

Ich habe ihr nicht gesagt, dass es vor nicht allzu langer Zeit, noch öffentliche Toiletten gab, in denen man seine Notdurft unentgeltlich verrichten konnte, denn die Idee ist – ob neu oder nicht – gut! Eine soziale Innovation im besten Sinne.

Darum: „Liebe Erfinder/innen, {er}findet doch mal einen Weg, wie die {sich selbst reinigende} City Toilette für alle und jede/n barrierefrei {Geld ist eine der größten Barrieren} zugänglich werden kann.“


Und mit der obligatorischen Liste verabschiede ich mich ins Wochenende. Habt’s gut!

Ma. wird 8. Wie und wo feiern wir ihren Geburtstag?
Dekoration von My Little Day | Tischbombe von kawoom

Der nächste – achte {sic!} – Kindergeburtstag steht an und damit die Fragen: Was schenken? Wie und wo feiern? Und vor allem: Wie übersteht man das Ganze gelassen und fröhlich? Erste Antworten habe ich hier mal gelistet. Doch ich bin noch längst nicht fertig – und dankbar für jeden Tipp!

„Was macht der Mann, Mama?“
„Er sucht seine Zeichensachen zusammen?“
„Malt er hier?“
„Ja.“
„Warum“
„Weil er Künstler ist.“
„Arbeitet er immer hier?“
„Oft.“
Sie beobachtet ihn. Schaut zu, wie er Ding für Ding aus seinem Stoffbeutel nimmt, wie er nach und nach ein winziges Tischatelier schafft. Drei Bleistifte, Tinten, Tusche und winzige Kladden. Eine Pappe, nicht größer als ein Bierdeckel, dient als Klemmbrett. 
Die Bedienung bringt Kaffee. 
Er kramt in seinem Stoffbeutel, legt ein Papier zum Rest. Notizzettelgroß. Nimmt einen Schluck Kaffee. Klemmt das Papier auf die Pappe, zieht einen ersten Strich. „Mama, darf ich zusehen, wie er malt?“ „Bestimmt.“ „Fragst du ihn? Bitte, Bitte!“
„Entschuldigen Sie, meine Tochter …“ 
„Oh, is it your daughter? She’s a princess! Do you agree, that I draw her?“
Ich blicke zu Ma. 
Sie nickt.
Er setzt den Bleistift an. 
Wir bestellen entgegen unserem Plan eine zweite Runde.
Später wird er uns das winzige Portrait schenken: „It’s difficult to capture her. She grows up in every second.“
Edwin Dickman lebt seit 58 Jahren in Berlin. Immer wenn ich im P103 bin, ist er da und zeichnet. Die Zeichnung hat einen Ehrenplatz in Ma.’s Zimmer bekommen. 
PS: „If interested here is a link on a doc called Judgment On Paris staring Ed Dickman. It is about an artists relation with Germany and his loves.“ Diese Nachricht erhielt ich vorgestern – zu meiner Überraschung und Freude – von Robert Whitfield King.
Gleich zwei wunderbare Kinderbücher fielen mir kürzlich in die Hände: Komm, wir machen was mit Stadt aus dem Loewe- und Nusret und die Kuh aus dem Tulipan-Verlag. Im Prinzip grundverschieden – das eine ein Spiel- und Bastel-, das andere ein Bilderbuch – haben sie doch Gemeinsamkeiten: Beide Bücher widmen sich mit Liebe, Feinsinn, Witz und Respekt ihrem jeweiligen Gegenstand; und beide Bücher sind das Ergebnis eines co-kreativen Prozesses. 
Das Bastelbuch stammt aus dem Würzburger Forschungslabor für Angewandte Kreativwissenschaften Herr Pfeffer, hinter dem die zwei Designerinnen Manou tigapigs und Julia Bruns stehen. Das Bilderbuch ist ein Gemeinschaftsprojekt der Berliner Autorin Anja Tuckermann sowie den zwei Illustrator/innen Mehrdad Zaeri und Ulli Krappen. Im Nachwort haben die beiden Künstler/innen den Prozess ihrer Zusammenarbeit beschrieben – und allein diese Beschreibung ist lesenswert. Sie zeigt auf zauberhaft-zärtliche Weise, was Co-Creation auch bedeuten kann: „[Wir] stehen uns an einem Tisch gegenüber und malen am gleichen Blatt. Das ist ein bisschen wie Zeitschach. Wir haben eine Stoppuhr und jeder von uns hat zwei Minuten für seine Zeichnung. […] Sobald die Uhr piepst, wandert das Blatt rüber zum anderen, […] der es alles übermalen, zerstören, vernichten darf, sogar soll, damit das Spiel an Fahrt gewinnt. Irgendwann entwickelt sich etwas Konkretes im Bild, etwas nimmt Gestalt an. Und …. dann [heißt es] auch schon mal, obwohl sich die Stoppuhr bereits gemeldet hat: ›Nein, mach du weiter, das ist eher dein Ressort.“ Doch zum Inhalt. Worum geht es hier wie dort? 

Nusret und die Kuh erzählt die Geschichte des kleinen Nusret, der bei seinen Großeltern in einem verlassenen Dorf irgendwo im Nahen Osten lebt. Nusrets Eltern sind während des Kriegs mit seinen Geschwistern nach Deutschland geflohen. Sie wollen ihren jüngsten Sohn schon bald zu sich holen. Nusret ist hin und her gerissen. Damit die Sehnsucht erträglich bleibt, nimmt er seine geliebte Kuh mit nach Deutschland. Dort soll sie – wie er – das Lesen und Schreiben lernen. Als Nusret in seiner neuen Heimat Fuß gefasst hat, bringen er und seine Eltern die Kuh zurück aufs Land zu den Großeltern. Dort liest sie ihnen, die des Lesens nicht mächtig sind, fortan Nusrets Briefe aus Deutschland vor. 
Anja Tuckermann, Uli Krappen und Mehrdad Zaeri haben ein berührendes Buch über Heimat, Fremde und Sehnsucht gemacht, das gerade heute dringend gebraucht wird – nicht nur für Kinder!
Anja Tuckermann, Uli Krappen, Mehrdad Zaeri
Nusret und die Kuh
ab 5 Jahren 
1. Auflage 2016, Tulipan Verlag
Preis: 18,00 €
Die beiden Damen von Herrn Pfeffer haben für Komm, wir machen was mit Stadt zahlreiche Bastelideen für Kinder ab fünf Jahren zusammengetragen, denen man – anders als manch anderen Kinderkreationen – gerne einen prominenten Platz in den eigenen vier Wänden einräumt. 
Das Buch zeigt auf wunderbar verspielte Weise, was sich aus unseren täglichen Abfällen alles machen lässt: eine Kuschelstadt aus Stoffresten zum Beispiel, ein Minigärtchen aus Milchtüten, eine Autogirlande aus leeren Streichholzschachteln oder Pflanztöpfe aus Konservendosen. Dabei unterscheidet sich das Buch nicht nur in seiner Gestaltung wohltuend von vielen anderen Bastelbüchern, auch die Anleitungen sind anregend anders. Dazu tragen nicht zuletzt die acht kleinen Stadtfreunde bei: der Ideen-Marienkäfer zum Beispiel, der zeigt, was sich aus dem Gebastelten noch alles machen lässt (etwa Spiele für Drinnen und Draußen), der Material-Igel, der weiß, was man alles braucht für das Projekt oder der kleine und der große Waschbär, die wissen, wann kleine Macher/innen besser große Unterstützung in Anspruch nehmen.
Ma. hat für die nächsten Monate schon einen Bastelplan erstellt und für jedes Wochenende ein Projekt ausgewählt. Gestartet ist sie mit dem Minigärtchen, das nun leicht abgewandelt als Ostergärtchen unsere eher minimalistische Osterdeko aufpeppt.

Herr Pfeffer
Komm, wir machen was mit Stadt
Ein kreatives Spiel- und Bastelbuch
aus der Reihe „Naturkind“

ab 5 Jahren, 1. Auflage 2016 Loewe Verlag 
Preis: 12.95 €

Ich danke dem Tulipan- und dem Loewe-Verlag für die Rezensionexemplare.

Fröhlich, frisch und irgendwie keck. Wunderbar verspielt und leidenschaftlich liebevoll. Das waren meine Gedanken als ich HappyMomStyle auf Instagram entdeckte. Neugierig wie ich bin, musste ich der Sache auf den Grund gehen. Wer steckt hinter diesem Gute-Laune-Kunterbunt? Wer holt es sich ins Haus? Und wie sieht es wohl im eigenen Zuhause aus?

Das und noch ein wenig mehr habe ich die Produktdesignerin und glückliche Zweifach-Mama aus München gefragt. Vielen Dank für das kurzweilige Gespräch, liebe Nina, mit dem ich nun allen einen frisch-fröhlichen Start in die neue Woche wünsche.

.Für 


Was ist Happymomstyle?
Papier. Glitzerpulver. Die Liebe zum Detail. Möbel. Objekte.

Wer steht hinter Happymomstyle?

Ich. Nina Greif-Reitzenstein. 37. Stylistin. Mama von 2 Mädels (4 Jahre und 8 Monate). Frau von Spenglermeister und Part-time Schreiner. 

Mini Vita:
  • Waldorfschule. Fachabitur in London. 
  • Studium in London (London Collage of Fashion: Product Design und Illustration). 
  • Danach Berlin, Hamburg und Kapstadt zum Reisen und Arbeiten. 
  • Wieder in München, Kostüm/Styling Assistenzen bei TV. Film.
  • Theater und Foto. Ab da Stylistin für Werbung (TV und Print).
Was macht den Happymomstyle besonders?
INDIVIDUALITÄT. ECHTHEIT. LIEBE. FANTASIE.
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Für wen arbeitet Happymomstyle?

Redaktionen. 
Produktionsfirmen. 
Eventagenturen. 
Kindergärten. 
Fotografen. 
PR Agenturen. 
Unternehmen. 
Labels. 
Festivals. 
Shops.
Privatkunden für Feste (Hochzeiten, Taufen, Geburtstage etc.).
Privatkunden für Räume/Interior/Deko.
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Wie kriegt man dich?

Am besten über E-Mail an info@happymomstyle.com oder whatsapp, über Facebook oder Telefon 0176.63035007 oder Instagram.
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Was waren die schönsten Aufträge und auf welche freust du dich am meisten?

Da gab es viele schöne Projekte. Ein Projekt war besonders schön. Im Glockenbachviertel eröffnete ein Mutter-Kind-Café mit Kinderbetreuungsräumen. Ich habe einige Räume und das Aussengelände gestaltet. Um die schönsten Vintage Möbel zu finden, bin ich stundenlang über Dörfer gefahren, und habe auf Bauernhöfen nach alten Möbeln gefragt. Mein Geheimtipp… die haben die tollsten Schätze in ihren Heustadeln ;-).

Generell liebe ich an meinen Jobs bzw. Aufträgen, dass ich Menschen glücklich machen kann. 
Da fällt mir noch schnell ein Beispiel ein. Einmal habe ich ein Kinderzimmer neu eingerichtet. Die Mutter rief mich an und berichtete, dass die Kinder das Kinderzimmer nicht mehr verlassen würden. Sie fühlten Sie sich so wohl in ihren neuen vier Wänden. 🙂 Das war toll!
Besonders freue ich mich jetzt im Februar auf ein großes Kinder-Fotoshooting. Dass wird eine ziemlich aufwendiges, künstlerisches Projekt.
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Wie und wo lebst du? Und wie sieht euer Zuhause aus – findet man den Happymomstyle dort wieder?

Wir wohnen zu viert in einer 3-Zimmerwohnung mit einem eigenen kleinen Gärtchen (das Highlight der Wohnung) im Glockenbachviertel in München. Unseren Wohnstil würde ich als Scandinavia meets Bavaria beschreiben. Viel Weiß und Holz. Alte und neue Möbel, gemixt mit Fundstücken und Erbstücken aus vergangenen Zeiten. Ein bisschen Happymomstyle gibts in jedem Raum. 
Mein Arbeitsplatz ist definitiv der bunteste Fleck in der Wohnung. Ich liebe ihn. This is where the Magic happens.
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Welche Orte in und um München empfiehlst du mir, sollte ich es endlich einmal schaffen, mit meiner siebenjährigen Tochter für ein paar Tage (Wochenende Plus) zu kommen?
München ist mit Sicherheit nicht so spannend wie Berlin, dafür gemütlich und überschaubar. Außerdem wissen wir die Bergnähe sehr zu schätzen. Da sind wir nämlich fast jedes Wochenende 🙂
Meine Tipps: Am besten kommt ihr im Sommer. Da kann man an der Isar spazieren, grillen und schwimmen – und das alles mitten in der Stadt. Es gibt viele tolle Biergärten und sehr zu empfehlen sind auch die Hofflohmärkte. Da habe ich schon Tolles gefunden. 
Mein liebster Kinderladen ist das Stadtkind in der Innenstadt. Den besten Kaffee, die leckersten Kuchen und außergewöhnliche Schokolade gibts in der Götterspeise. Zum Mittag- oder Abendessen gehen wir am liebsten ins Hey Luigi. Da gibt es internationale Küche, neu kombiniert. Die mögen Kinder, das Essen ist immer lecker, und das Publikum jung (so zwischen 30 und 50. Eben so wie wir.  :)).
Außerhalb von München gibt es viele Seen, die man unbedingt besuchen sollte. Mein liebster See ist der Ammersee, das liegt möglicherweise daran, dass ich in seiner Nähe aufgewachsen bin.
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