Tag

Geschichten

»Stein fand das Haus im Winter. {…} Es sah aus, als würde es jeden Moment lautlos und plötzlich in sich zusammenfallen.«
aus: Judith Hermann: Sommerhaus später, 1998


Als Judith Hermanns Erzählband »Sommerhaus später« erschien, war ich Mitte Zwanzig und hatte das Experiment Landleben erst kürzlich beendet. Trotzdem fand ich an der Vorstellung Gefallen, später einmal ein Sommerhaus zu besitzen – gerne am See, noch lieber an der See und am allerliebsten auf einer Insel. Wenn ich mit meinem damaligen Freund durch den damals noch ziemlich »wilden Osten« fuhr, hielt ich stets Ausschau nach »meinem Sommerhaus«. Ich fand es nie und so wird es wohl auch bleiben. Nicht dass das Bild von mir in einem prachtvollen Blumengarten vor einem kleinen Haus mit Blick aufs Meer keinen Reiz mehr hätte. Durchaus! Nur das Wissen um die Arbeit, die in einem prachtvollen Blumengarten steckt und um die hinter der Idylle lauernde Tristesse dämpft die Euphorie. Nichtsdestoweniger zieht es mich immer wieder aufs Land und eben weil ich dort keine feste Bleibe habe, suche ich immer neue Orte auf.


»Gerade im Winter muss ich mich in der Wohnung wohlfühlen.«

Schöne Ferienwohnungen im näheren und weiteren Umland von Berlin {auch zu erschwinglichen Preisen} findet man z.B. über diese Plattformen {kennt ihr noch andere?}:


Ma. blickt aufs Salzhaff hinaus

Meine jüngste Entdeckung heißt Rerik. Das kleine Ostseebad zwischen Rostock {ca. 37 km} und Wismar {ca. 36 km} trug bis 1938 den slawischen Namen Alt Gaarz, doch die Nazis stellten sich lieber in die Tradition der kriegerischen, ergo: »starken« Wikinger und benannten den Ort nach ihrer hier vermuteten Siedlung Reric. Tatsächlich lag der slawisch-wikingische Handelsplatz etwa 19 km südsüdwestlich, aber faschistische Regime nehmen es bekanntermaßen nicht so genau mit der Wahrheit und also heißt Alt Gaarz nun eben Rerik.

Das 2.000-Einwohner/innendorf liegt am nordöstlichen Ende des Salzhaffes, dort wo die Halbinsel Wustrow beginnt und der Strandspaziergang jäh am Stacheldraht endet. Schon von Ferne blicken einem die tiefschwarzen Fenster der einstigen Gartenstadt entgegen – beinah idyllisch, wäre da nicht dieses düstere Unbehagen.

Die Gartenstadt auf der verbotenen Halbinsel Wustrow

Über viele Jahrhunderte war die Halbinsel ein unbedeutender Grundbesitz mit drei Erbpachthöfen, Wiesen und Feldern. Das änderte sich 1932 als die »von Plessen-Brüder« das Areal an die Reichswehr verkauften. Die Nationalsozialisten hatten Großes mit der kleinen Insel vor: Innert weniger Jahre wurde hier die größte Flak-Artillerieschule errichtet samt Kasernenanlagen, Flugplatz, Hafenanlagen und Gartenstadt {Rerik-West}. Wie die Sache weiter- und ausging, ist bekannt. Am 2. Mai 1945 wurde Wustrow kampflos an die sowjetischen Streitkräfte übergeben, die es von 1949 bis 1993 einen Militärstützpunkt nutzten. 1998 verkaufte die Bundesrepublik Deutschland das Areal entgegen dem Willen der Reriker/innen an einen Privatinvestor. Die Fundus-Gruppe träumte von einem Luxus-Resort mit Golfplatz und Marina. Doch daraus wurde nichts. Es fehlte ein überzeugendes Verkehrskonzept, weshalb die Stadt ihr Veto einlegte. Den Vorhabensstopp quittierte der Investor prompt: Das vollständige Zutrittsverbot untersagte fortan auch die Führungen über das Gelände. Das liegt nun 13 Jahre zurück; in der Zwischenzeit hat sich die Natur die Insel Stück für Stück zurückerobert und das einstige Bauland in einen Wald verwandelt. Ob und wie der Investor seine Pläne jemals realisiert, ist offen. Anders die Halbinsel: Die ist weiterhin geschlossen. 2013 unternahmen Studierende des Instituts für Freiraumentwicklung an der Universität Hannover einen neuen Anlauf und entwickelten fünf alternative Nutzungskonzepte für »das verbotene Paradies«, doch die »Entwürfe für die postmilitärische Wildnis« wurden meines Wissens nie ernsthaft diskutiert.

Stachseldraht versperrt den Weg zur Halbinsel Wustrow

Abgesehen von der turbulenten Geschichte der Halbinsel Wustrow ist Rerik ein eher unspektakulärer Ort: Zu seinen touristischen »Highlights« zählen eine frühgotische Kirche, ein kleines Heimatmuseum und ein paar Großsteingräber. Mein persönliches Highlight war der morgendliche Steilküstenlauf und unsere »wohnung süd« im »haus m«, die der in Berlin lebende Architekt Sebastian Kablau entworfen und gebaut hat. Die 50qm-Wohnung hat alles, was das Wohnminimalist/innen-Herz begehrt: schlichte Möblierung, viel weiße Wand und noch mehr Licht.

Doch selbst in der schönsten Wohnung droht irgendwann der Budenkoller, wenn das Wetter den täglichen Strandspaziergang vereitelt. Gegen den drohende Deckenabsturz hilft nur eines: »ausfliegen«.

Meine Ausflugs-Tipps rund um Rerik

WONNEMAR Wismar: Wenn es einem endlich gelungen ist, sich mit der Tatsache zu arrangieren, dass Runen- und Landser-Tattoos hier zur Normalität gehören, kann das Wismarer Badeland mit seinen vielen Becken und Rutschen sogar Spaß machen.


Von Rostock haben wir nur einen kleinen Ausschnitt gesehen: die Stadtmitte und die Kröpeliner-Tor-Vorstadt {kurz: KTV}. Vor allem das bunte Studenten- und Szeneviertel mit seinen vielen kleinen Läden, Cafés und Bars mochte ich.

Meine Rostock-Empfehlungen:


Warnemünde gehört zwar zu Rostock, kann aber durchaus für sich allein stehen. Das Seebad mit dem breitesten Sandstrand der Ostseeküste hat vor allem architektonisch einiges zu bieten: auf der einen Seite das Hotelturm »Neptun« {Baujahr: 1971} und der hochmoderne Hyparschalenbau von Müther und Kaufmann, Teepott genannt {Baujahr: 1965}. Auf der anderen Seite der Leuchtturm und die alten Fischerhäuser und dazwischen das Kurhaus im Stil des Neuen Bauens, die riesige Werft und nicht minder großen Hafen.

Meine Empfehlungen für einen Besuch in Warnemünde:

Der Strand von Rerik

Neben Rostock, Warnemünde und dem Wonnemar gibt es natürlich noch viel mehr zu sehen; Heiligendamm zum Beispiel oder Bad Doberan. Das heben wir uns für ein eventuelles nächstes Mal auf. Habt ihr für dieses nächste Mal vielleicht noch ein paar Tipps und Empfehlungen?

Ende letzten Jahres, genau genommen am 29. Dezember, formulierte Okka, die wie ich Fragen und Listen mag, 16 Fragen an 2016. Sie gefielen mir und ich wollte sie eigentlich noch vor dem Jahreswechsel beantworten… eigentlich. Nun liegt das alte Jahr schon 27 Tage hinter uns. Aber wer weiß, vielleicht ist das genau die richtige Distanz, um mich meinem persönlichen 2016 anzunähern.

  1. Mit welchen Gefühlen gehst du aus diesem Jahr? Am lautesten war die Angst. Ein Gefühl, das mir durchaus bekannt ist. Doch in dieser Gestalt bin ich ihr sehr lange nicht mehr begegnet. Beim letzten Mal war ich das kleine Mädchen, das mit Anlauf aufs Bett sprang, damit die Monster, die es darunter wähnte, nicht nach ihr greifen und sie ins Dunkel ziehen mögen.
  2. Was an dir hat dich überrascht? Dass ich als erwachsene Frau die Angst des fünfjährigen Kindes fühle. Das ist schon frappierend und irgendwie beschämend… {kann das jemand verstehen?}. – Meine »kindische Taktik« ging im Übrigen auf: Die Monster kriegten mich nicht zu fassen und verschwanden wenig später auf immer. Darauf setze ich heute auch, wenngleich der »Sprung über die Gefahrenkante« anders aussieht {siehe Frage 13}.
  3. Welcher Wunsch ist in Erfüllung gegangen? Nach einem rast- und atemlosen 2015 wollte und musste ich in 2016 die Prioritäten verschieben und habe den Job gewechselt. Das hat mich einigen Mut gekostet: nicht weil ich mich neuen »Challenges« stellen musste, sondern im Gegenteil weil es ein Wechsel in die »Komfortzone« war – und somit ein Bruch mit {m}einen überkommenden Karrieremodell. Seither habe ich wieder Kapazitäten für Familie, Freunde und andere Freuden.
  4. Welcher Ort hat dir besonders gut getan? Anfang 2016, wenige Wochen vor meinem beruflichen Neustart, war ich ein paar Tage auf Usedom. Es war kalt und grau und leer und ich war ganz allein in dieser großen Wohnung – eigentlich hätte ich mich verloren fühlen müssen. Das Gegenteil war der Fall.
  5. Worin bist du besser gut geworden? Im »Is‘-mir-doch-egal-ob-man-mich-mag-oder-nicht«.
  6. Worin bist noch nicht so gut, wie du es gerne wärst? Im Handstand.
  7. Was war neu in deinem Leben? Es ist mir gelungen, mich von einem überspannten Leistungs- und Karriereprinzip zu emanzipieren. Das fühlt sich noch immer neu an – und richtig.
  8. Welche Momente wirst du dir aufbewahren? Mi.’s 23. Geburtstag, an dem die Dinge laufen lernten. Den langen Spaziergang am Achterwasser entlang bis zu Otto Niemeyer-Holsteins Haus als die Zeit mit mir gleich schritt. Der gemeinsame Tag mit Rike in Leipzig – eine so zärtliche Begegnung. Das Staunen nach meinen ersten neuen Arbeitstagen: Wie viel {Gestaltungs-}Freiheit ist möglich! Die Begegnung zwischen dem alten Mann und dem Mädchen. Die Mutter-Tochter-Tage in Schwerin und unser Picknick auf der Seebrücke. Der Turmurlaub mit den beiden Mädchen, deren Freundschaft so unmittelbar und frei und schön ist, das es beinah wehtut. Die Begegnung mit Moni und meine Sprachlosigkeit im Angesicht ihrer Dämonen. Das Glück, das es bedeutet, gut und gerne miteinander zu arbeiten. Die erschütternde Konfrontation mit dem Ende der Zivilisation. Die so kurze wie intensive Reise nach Russland, die immer noch nachhallt in mir. Der Abend mit Stephanie und mein Staunen darüber, wie unterschiedlich wir ihn bei aller Ähnlichkeit wahrnahmen. Die Feier zum archiv/e Magazin 02 und das Gespräch über die verkannte Kreativität des Ingenieurs. Den goldenen Nebel. Der Abend, an dem ich erstmals in der Rolle der »Gattin« auftrat {das ist nicht meine}. Der Schock am Morgen des 8. Novembers, den ich lieber gestern als heute vergessen würde und die Panik, die mich erfasste. Die glückliche Begegnung mit meinem Vater nach über 1 Jahr. Die Beweglichkeit meiner kleinen großartigen Tochter, die weit übers Physische hinausreicht. Das Erscheinen von Mareices Buch und die Freude darüber, meinen Namen darin zu lesen. Den späten Nachmittag als Ma. und ich den für uns schönsten Weihnachtsbaum kauften. Das faulste Weihnachten unter lauten lieben Leuten und der sorgenvollste Jahreswechsel meines Lebens.
  9. Musst du noch irgendwohin? Oder bist du schon da? Ist es sehr weit weg, wohin du musst? Was hindert dich am ersten Schritt? Für den Moment bin ich angekommen {siehe Frage 3}.
  10. Wonach hat das Jahr geschmeckt? Nach getrockneten Datteln und Ziegenkäse mit Feigen, nach Zimt und und starkem Kaffee, nach Amaranth und Marrakech.
  11. Wie geht’s deiner Angst? Seitdem sie wieder ihre normale Gestalt annehmen konnte, geht es ihr und auch mir wieder gut. – Und wenn sie sich wieder einmal so aufblasen sollte, halt ich es mit den Ruhrfestspielen und mache Purzelbäume.
  12. Was hat dich glücklich gemacht? Die vielen kleinen und großen Momente, die mich im alltäglichen Trott immer wieder gewahr werden lassen, wie schön das Leben ist/sein kann {siehe Frage 8}.
  13. Bist du politischer geworden? Oder der Politik überdrüssig? Oder ist das kein Widerspruch? In meinen Augen steht zu viel auf dem Spiel, als dass ich indifferent sein könnte gegenüber der Frage, wie und auf welcher Wertebasis wir unser Gemeinwesen gestalten und regeln wollen. Ich wünsche mir für meine beiden Kinder ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit und ich kann nicht länger darauf vertrauen, dass »die Anderen« es schon richten werden. Ich selbst bin jetzt als diese/r »Andere« gefragt. Wie? Das weiß ich noch nicht sicher; ich bin noch auf der Suche nach einer für mich adäquaten Form {der Women’s March hat mir gefallen, den Ansatz der »Golden Conversation« finde ich schön; auch die Aktionen der Offenen Gesellschaft sprechen mich an}.
  14. Was würdest du gerne in 2016 lassen? Den 8. November 2016 und seine in meinen Augen katastrophalen Folgen.
  15. Was bleibt? Meine Ausgeglichenheit und die für mich so bisher ungekannte Ungewissheit, was Morgen sein wird.
  16. Worauf freust du dich in 2017? Auf ein Drei-Generationen-Treffen nach vielen Jahren, auf Paul Auster und Mareice Kaiser, auf die Ostsee und die Schweiz, auf die neue Reihe auf meinem Blog {Überraschung!}, auf gemeinsames Nach- und Weiterdenken, die neuen Vorhaben im Rahmen »meines« Projekts, auf die Zeit mit Mi. und Ma. und Mann, auf überraschend schöne Begegnungen und langgewünschte Wiedersehen.

Was für ein Jahr! Die Privatperson I. führte es in die »Komfortzone« und schmiss sie als {Welt-}Bürgerin wieder raus… – Na, schauen wir mal, wie’s weitergeht. Für heute sage ich »Tschüss« und verabschiede ich mich in kleine Winterpause. Habt es gut!

Eine Woche wie ein Tag. Wie im Flug. Fast wäre sie an mir vorbei gerauscht, wären da nicht diese kleinen Momente gewesen, die den Lauf der Dinge unerwartet unterbrechen und innehalten lassen: poetische Interventionen.

Über Schönheit – Ein S-Bahn-Gespräch

»Arbeiten kann ich nicht mehr«, sagt der Mann. »Geht gar nicht: Rücken kaputt, Knochen kaputt, Leber kaputt, alles kaputt.« Sein Gegenüber – ein junger Mann – blickt ihn an. Ich auch. »Anfang 50«, überlege ich. Drahtiger Typ, klare Gesichtszüge durchzogen von feinen Linien. Könnte ein Yogi sein, wäre da nicht sein kaputter Körper. – »Das ist schlimm«, erwidert der junge Mann. »Ja. … bin gelernter Schornsteinfeger.« – Kennen die beiden sich? Eher nicht. »Schornsteinfeger – Glücksbringer«, schiesst es mir durch den Kopf. – »Dann haben Sie ja viel Zeit.« »Ja.« »Machen Sie was damit!« »Mach‘ ich. Ich reise – viel und gerne.« »Das ist schön«, sagt der junge Mann im Aussteigen. »Ja, das ist schön«, sagt der Ältere. Dann schliesst sich die Tür.

Frappierende Eleganz – Bäckereibeobachtungen

Die Bäckerei liegt auf meinem Weg. So eine typische Eckbäckerei: Fertigbackwaren in laminierter Standardeinrichtung. Trotzdem – oder gerade deshalb – mag ich sie. Sie ist immer gut besucht. In der Früh holen sich die Polizist/innen, die den S-Bahnhof – wer weiß warum – bewachen, ihren Morgenkaffee. Später kommt der Mann mit dem Alu-Hut {er scheint sich seiner Sache sehr sicher}. Die vietnamesische Frau von der Änderungsschneiderei und die Punks, die ihr Nichtstun exzessiv vorm S-Bahnhof ausleben, holen sich ein Teilchen und die jungen Leute mit den fleischgetunnelten Ohren versammeln sich redend und rauchend vorm Eingang. – Im Vorbeigehen bleibt mein Blick an einem jungen Paar hängen. Vielleicht 19 Jahre alt. Sie sitzen direkt hinter der Scheibe, ins Gespräch vertieft. Er mit Cappy, sie mit blondiertem Haar. Jede/r eine Kaffeetasse und ein Baguette vor sich. Dann beugt sie sich plötzlich vor, zieht ihm lachend das Capy in die Stirn, wirft den Kopf in den Nacken – mit frappierender Eleganz. »Was hat er wohl gesagt?«, frage ich mich und blicke ihn an. Er himmelt sie an, wird ganz unter ihrem Blick, der ihn so liebevoll erwidert.


Ueber AirBnB haben wir 2 Wohnungen in Moskau gemietet

Was mich in dieser zweiten Woche des neuen Jahres noch bewegt hat, habe ich wie gewohnt gelistet:

  1. GESEHEN: »A Tribute to Barack Obama«
  2. GEHÖRT: »Hallelujah« {John Cale}
  3. GELESEN: »Es geht uns gut« {angefangen, eingefangen}
  4. GEDACHT: Wir werden wohl noch länger auf Sicht fahren müssen.
  5. GEMACHT: eine Ausstellung und einen Film vorbereitet
  6. GESUCHT: utopische Ideen
  7. GEFUNDEN: eine Anleitung, um die Demokratie zu reparieren und eine zu ihrer Rettung
  8. GEFALLEN: die Keramiken von Studio Anchor
  9. GEFREUT: auf einen Abend mit Mareice
  10. GERÜHRT: von den Abschiedsworten an Michelle Obama und den Begegnungsmomenten
  11. GESTAUNT:  über Antoine Leiris
  12. GEFRAGT: Welche Bedeutung wird dieses Jahr/werden wir dem vergangenen wohl geben?
  13. GESCHMUNZELT: über Ma.’s Berufsentscheidungsschwierigkeiten: »Mama, ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich werden will: Tänzerin, Sängerin oder Musikerin.«
  14. GEWÜNSCHT: mehr Leichtigkeit für alle
  15. GEKLICKT: Coffeeklatch

Ein schönes Wochenende!

#radikalhoffen

Es ist Mittwochabend, kurz nach dem Essen. Der Mann nimmt die Zeitung zur Hand: erschütternde Überschriften Seite um Seite untermalt von Bildern des Schreckens. Ma. tänzelt um uns herum. Da fällt ihr Blick auf die Zeitung, hängt sich auf an einem Bild. Rasch versucht der Mann umzublättern, doch sie hält ihn auf: »Schau mal, Papa, der Laster hat ein Auge.«

Es ist das Bild jenes LKWs, der mitten in den Berliner Weihnachtsmarkt fuhr, 12 Menschen das Leben nahm und 48 teils schwer verletzte.

Ma. kann lesen. Noch talentierter als im Buchstabenlesen ist sie im Bilderlesen. Das Foto ist eindeutig: Es zeigt die Szenerie einer schweren Beschädigung. Doch unsere Tochter sieht ein Auge. Was soll ich davon halten? Das fragte ich mich im ersten Moment. Doch nach Überwindung der anfänglichen Irritation wusste ich es: viel. Denn da will sich eine nicht dem Schrecken beugen, sich nicht die Zuversicht nehmen und die Seele von Angst aufessen lassen.

Meine kleine groß{artig}e Tochter lehrt mich an diesem Abend den kreativen Widerstand.

***

In diesem Sinne verabschiede ich mich schon heute in die Weihnachtspause – mit dem obligatorischen Blick zurück und herzlich guten Wünschen.

Besinnliche Tage

GESEHEN: Robbi, Tobbi und Fliewatüt {ganz süßer Kinderfilm}
GEHÖRT: Gillian Welch »Time« {so schön, dass es fast wehtut.}
GESPÜRT: Zuversicht
GESCHMECKT: Granatapfelpunsch
GELESEN: Dankbarkeit
GEDACHT: Es ist dringend an der Zeit für eine »Konferenz der Tiere«.
GEMACHT: zusammengestanden {#zusammen}
GEMOCHT: Peters und Reginas Erzähl!Kunst und Fred Herzogs »farbenfrohe« Fotografien
GEFREUT: auf ein paar Tage unter lauter lieben Leuten
GESUCHT: ein Geschenk
GEFUNDEN: »Die Vegetarierin«
GESTUTZT: über die Prognose, dass 2017 das Jahr der Mirco Influencer werden soll
GESCHMUNZELT: über den Witz eines 70jährigen Politikprofessors
GEWÜNSCHT: eine/n Bundestherapeut/in
GEKLICKT: ins Glück zurück

 

Merken

»Inklusion« – ein schwieriges Wort. Es steht für größtmögliche Offenheit und bleibt doch der Mehrheit verschlossen. Wer jenseits der eingefleischten Fach- und Fangemeinde weiß schon, dass das lateinstämmige Fremdwort soziologisch gewendet das »Rezept« für eine bessere Welt enthält? Der öffentliche Diskurs dreht sich vor allem um Barrierefreiheiten: mehr Fahrstühle im öffentlichen Raum, »einfache Sprache« im Internet, Gebärdendolmetscher/innen im Fernsehen etc. Was diese scheinbar »nur« für Minderheiten gemachten Erleichterungen mit einer besseren Welt zu tun haben und wie und warum alle Menschen davon profitieren – davon wird kaum erzählt. So bleibt der Begriff befremdlich leer und traurig abstrakt – unfähig, um eine Gesellschaft für Inklusion zu begeistern oder gar zu mobilisieren {und nichts anderes meint ja die vielzitierte Rede vom »Narrativ«}.

Kaiserinnenreich – das inklusive Familienblog von Mareice Kaiser

Fast wollte ich schon daran verzweifeln, dass wieder eine wunderbare Idee an ihrer Unverständlichkeit zu scheitern drohte. Doch dann trat Mareice Kaiser auf die Bühne: erstmals am 2. März 2014. An diesem ersten Sonntag des Monats entließ sie ihr »Kaiserinnenreich« ins weltweite Web, wo es sich innert kürzester Zeit als »das inklusive Familienblog« etablierte. Zweieinhalb Jahre später ist nun ihr erstes Buch erschienen – und davon soll heute die Rede sein.


Wer »Alles inklusive« liest, begreift, was die »inklusive Gesellschaft« so verdammt lebens- und liebenswert macht.


Das Elternwerden hatte sich Mareice anders vorgestellt, nämlich ziemlich ähnlich wie ich: sauanstrengend und wunderschön. Sauanstrengend weil kleine und noch kleinere Kinder einen unablässig zwingen, die eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen {fit und ausgeschlafen – was war das doch gleich?). Wunderschön weil es solch eine unbeschreibliche Freude ist, zu erleben, wie sich diese kleinen Menschen mit überbordendem Charme und frappierenden Einfallsreichtum die Welt zu eigen machen und manchmal – was ein ganz besonderes Glück ist – genau die Dinge lieben lernen, für die man selber brennt. Bei Mareice und ihrem Mann Thorben ist es die Musik: »Thorben komponierte Lieder und wollte eine CD daraus machen. Für jeden Wochentag ein Lied, wir wollten es morgens für nach dem Aufstehen für Greta singen. Und nicht nur für Gretas Geburt hatte er ein Mixtape zusammengestellt, sondern auch für die Zeit danach. Die coolsten Kinderlieder; auf einer CD. Wir waren vorbereitet für die musikalische Früherziehung unserer Tochter.« Doch Greta kommt gehörlos auf die Welt. Unter anderem. Der seltene Fehler auf dem achten Chromosom »kann« nämlich noch viel mehr: Er macht ihre Tochter taubblind (ähnlich: CHARGE-Syndrom), ihre Muskulatur kraftlos und ihren Darm krank {Morbus Hirschsprung}. Greta ist selbst für Spezialist/innen ein außergewöhnliches Supersonderspezialkind.

Alles inklusive – ein Buch von mareice kaiser
Foto: Carolin Weinkopf {via Kaiserinnenreich}

Was es heißt, mit einem »Supersonderspezialkind« in unserer immer noch auf »Superdubernormalos« ausgerichteten Welt zu leben, davon handelt das Buch der 35jährigen Journalistin, Autorin und Bloggerin. Es ist ein Leben im Ausnahmezustand: ein Leben zwischen Krankenhaus und Kita, zwischen Vorurteilen, Überforderungen, Bürokratiemonstern und Gewissenskonflikten, getragen von der unbedingten Liebe zu ihrer Tochter und der Sehnsucht nach Selbstverständlichkeit: »Dass es in der Geburtsmail meines Kindes nicht um unwichtige Details wie Größe und Gewicht gehen soll, wusste ich schon vor Gretas Geburt. Dass wir einen Chromosomenfehler erklären würden, nicht.«  Es gelingt den jungen Eltern. Wie vieles andere auch – der Mensch wächst bisweilen sich über sich selbst hinaus. Aber alles hat seine Grenzen. Als sich stundenlang niemand im Krankenhaus um die schwerkranke Greta kümmert, bricht Thorben zusammen. »Ich trage Momo {ihre jüngere Schwester} auf meinem Arm, sie weint. So laut hat sie ihren Vater noch nie schreien gehört. Ich ihn auch nicht.« Die Krankenschwester offenkundig auch nicht. Sie drückt einen Knopf und beschert den erschöpften Eltern damit einen Polizeieinsatz und ein lebenslängliches Hausverbot.

Der Begriff der »strukturellen Diskriminierung« wird hier so greifbar wie unerträglich. Man möchte stellvertretend schreien, weinen, heulen und wüten. Doch so wie Mareice den außer sich geratenen Thorben erst flüsternd, dann etwas lauter wieder zur Räson bringt, bewahrt sie auch ihre Leser/innen davor, an ihrer Stelle die Contenance zu verlieren. Bestimmt und ruhig führt sie sie zur nächsten Episode und erzählt – ohne Groll oder vorwurfsvolle Erregung – von all den anderen Hürden und Stolpersteinen, den glücklichen Zufällen und dem zufälligem Glück: »Greta geht zur Kita. Wow! Thorben schickt mir Fotos aus der Kita auf mein Smartphone. {…} Auf dem Foto sehe ich Greta auf einer Decke im Gras liegen. Um sie herum sitzen vier Kinder, alle sind mit Greta beschäftigt. „Sie kümmern sich ganz liebevoll {…}“, schreibt Thorben mir.« 


Der Begriff der »strukturellen Diskriminierung« wird hier so greifbar wie unerträglich. Man möchte stellvertretend schreien, weinen, heulen und wüten.


Doch bei aller Unaufgeregtheit lässt Mareice Kaiser keinen Zweifel daran, dass die Welt so wie sie ist, nicht okay ist. Denn es ist eine Welt, in der ihr Kind die Kita verlassen muss, weil es zu behindert ist. Eine Welt, in der sie dankbar dafür sein muss, wenn jemand ihr Kind betreut und sie – aufs Muttersein reduziert – ihrer Arbeit nachgehen kann. Eine Welt, in der sie stets darauf angewiesen ist, dass das Glück ihr hold ist, weil keine verlässlichen Angebote und Strukturen für Familien mit »Supersonderspezialkindern« gibt. Dabei ist es gar nicht schwer, es anders und besser zu machen: »7.30 Uhr: Anna ist da. Sie ist seit einem Jahr unsere Familienhelfer-Au-Pair und assistiert Greta im Wechsel mit Paul, unserem zweiten Au-Pair. Finanziert werden sie vom neuen ‚Lebensgesetz‘ {Special Needs Edition}, das eine Verbesserung des alten Teilhabegesetzes ist.« Komplettiert wird das Gesetz in Mareices Zukunftsvision vom »Gesundheitsclub«: »Unser Familienberater Herr Müller hatte im Online-Entwicklungsbuch gelesen, dass Greta gewachsen ist. In dieses Buch tragen alle Menschen, die mit unserer Tochter zu tun haben, ihre Beobachtungen ein. {…} Herr Müller, der Greta bereits seit vielen Jahren kennt und mindestens einmal im Jahr zu uns nach Hause kommt, um auf uns zugeschnittene Angebote zu machen, schaut proaktiv einmal pro Woche ins Online-Entwicklungsbuch und macht uns Vorschläge zur Unterstützung.« Das ist keine realitätsferne Utopie, sondern schlichtweg die Einlösung des »Versprechens« auf allgemeine Gleichbehandlung – und am Ende wahrscheinlich sogar wirtschaftlich günstiger.

Wer Mareices Buch liest und sie durch das Dickicht der strukturellen und mentalen Grenzen bis zum plötzlichen Tod ihrer Tochter Greta begleitet, kann kaum anders als zu begreifen, was die Idee der »inklusiven Gesellschaft« so lebens- und liebenswert macht – und warum es sich für sie zu kämpfen lohnt. Damit gelingt der Autorin, was jedes »Narrativ« will: die Menschen für eine gesellschaftliche Vision zu begeistern. Für mich ist »Alles inklusive« darum nicht nur das, was man »gesellschaftlich relevant« nennt, sondern auch oder vielleicht nochmal mehr: ein politisch wegweisendes Buch.


Mareice Kaiser
Alles inklusive
Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter
Fischer Verlag
Preis € (D) 14,99 | € (A) 15,50
Link zum Verlag | Link zu Mareices Lesungen


Alles inklusive – ein Buch von mareice kaiser

{Werbung} Mit dem Lesen ist das so eine Sache. Jeden Abend nehme ich es mir vor und dann fallen mir, ich übertreibe nicht, nach weniger als drei Zeilen die Augen zu – ganz gleich ob oder wie ausgeruht ich bin. Bislang war ich diesem buchstabenbasierten Sekundenschlaf machtlos ausgeliefert, doch kürzlich habe ich ein Gegenmittel entdeckt: Polsterbetten {zum Beispiel von Grand Luxe}.

Mein lehnenloses Futonbett nämlich zwingt mich – so hoch kann ich die Kissen gar nicht türmen – zum Liegelesen. Nun gibt es durchaus großartige Liegeleser/innen. Ich kenne einige – mein »Bettnachbar« etwa zählt zu dieser Spezies. Er kann ohne den geringsten Anflug von Lidschwere bis zum Morgengrauen lesen. Während ich den x-ten Anlauf nehme, um auf Seite 1 den Sprung von der Syntax zur Semantik zu schaffen, ist er Dostojewskis Raskolnikow {»Schuld und Sühne«} bereits ins sibirische Arbeitslager gefolgt… {grmpf}.

Ich bin, wie ich jetzt weiß, Sitzleserin. Mit aufrechtem Rücken ans Polster gelehnt bin ich immun gegen jedwede Lidschwere und beinah so schnell in Sibirien wie mein »Bettnachbar«. – Hat vielleicht jemand Interesse an einem wunderschönen, gebrauchten Futongestell? Oder seid ihr auch eher der Typ »Sitzleser/in«?

grand-luxe_cloud_neu_klein

Hinweis: Dieser Beitrag ist aus der Zusammenarbeit mit Grand Luxe entstanden, von denen auch die Fotos stammen.

Merken

Merken

Merken

„Schizophrenie ist eine überbordende Innenwelt, die ein Leben in unserer Gesellschaft ohne „Verbündete“ fast unmöglich macht.“ Die Münchener Fotografin Kirsten Becken weiß, wovon sie spricht: Ihre Mutter, Angela Becken, leidet seit vielen Jahren an dieser „überbordenden Innenwelt“ – und mitunter auch daran, wie die „normale Welt“ ihr begegnet.

Gemeinsam – und mit Unterstützung von Ehemann und Vater Holger Becken – haben Mutter und Tochter nun ein Buchprojekt gestartet: „Seeing Her Ghosts“ ist eine Erkundungsreise durch eine Wirklichkeit, die dem „normalen“ Menschen in der Regel verschlossen bleibt. In Zusammenarbeit mit Künstler/innen, Autor/innen und Wissenschaftler/innen und mit den Mitteln der Kunst wollen die beiden die Welt der Schizophrenie in ihrer ganzen Vielfalt zeigen. Wie es dazu kam und wie es werden soll – das erzählt Kirsten Becken im heutigen Montagsinterview. Vielen Dank dafür!

Seeing Her Ghosts, Kirsten Becken, SchizophrenieWie sind deine Mutter und du auf die Projektidee zu „Seeing Your Ghosts“gekommen?

Letztes Weihnachten habe ich zum ersten Mal mit meinem Sohn Tom bei meinen Eltern übernachtet. Als Mutter erlebt man einen Perspektivwechsel, will verstehen, wie es die eigenen Eltern geschafft haben mit der Erziehung und geht automatisch auf Entdeckungsreise.

Ich habe im großen Holzschrank gestöbert und mir fielen die kleinformatigen, zarten Aquarelle in die Hand. Fein säuberlich von meinem Vater in einer selbstgemachten Papiermappe gesammelt. Als wir alle Zeichnungen auf dem Bett ausgelegt haben, entstand die Idee zu „Seeing Her Ghosts“.

Welchen Bezug habt ihr zu Schizophrenie?

Meine Mutter leidet seit vielen Jahren an Schizophrenie – als Tochter habe ich automatisch einen starken Bezug. Ich bin innerhalb einer medikamentenfreien Zeit im Ostseeurlaub entstanden und hatte Glück, diesen Zeitpunkt zu erwischen.

Meinen Eltern war es sehr wichtig, mich möglichst unbeschwert aufwachsen lassen. Meine Mutter hat gearbeitet und ich habe viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht. Mein Vater hat an der Kunstakademie Düsseldorf studiert – er arbeitet seither als freier Künstler. Ich bin auf eine merkwürdige Weise dankbar, die Tragik des Lebens durch die Schizophrenie meiner Mutter kennenlernen zu dürfen. Mich bereichert es und ich habe eine ziemlich große Energie in mir. Trotzdem wünsche ich mir natürlich oft, sie ohne Medikamente zu sehen.


„Ich bin auf eine merkwürdige Weise dankbar, die Tragik des Lebens durch die Schizophrenie meiner Mutter kennenlernen zu dürfen.“


Seeing Her Ghosts, Kirsten Becken, SchizophrenieSeeing Her Ghosts, Kirsten Becken, Schizophrenie Was ist Schizophrenie für dich? Wie hast du sie erlebt? Wie erlebst du sie?

Als Kind war mir Schizophrenie als Bezeichnung fremd. Wenn meine Mutter angestrengt war, hat sie schnell „Gesichter-Sehen“ bekommen – das war der Begriff, den meine Eltern benutzt haben.

Schizophrenie ist eine klinische Definition und ein alter Ausdruck für einen spezifischen Gehirnaufbau, der durch eine genetische Vorbelastung und eine persönliche Krise sowie verschiedene zusätzliche Faktoren getriggert werden kann. Stimmen-hören oder Halluzinationen, Schübe und psychotische Episoden gehören dazu, es gibt aber auch Phasen ganz ohne Symptome. Lange Zeit wurde Schizophrenie allein medikamentös behandelt. Erst seit einem Jahr ist auch die Psychotherapie bei den Kassen anerkannt. Das sagt viel über die Wahrnehmung und Umgang mit dieser Diagnose aus. Es gibt einen tollen Film, den ich jedem empfehlen kann: „Nicht alles schlucken“.

Im Grunde ist diese „Krankheit“ Ausdruck einer erhöhten Sensibilität für die Welt. Einen Einblick in die Welt der Halluzinationen gibt das Hellblade – ein Video-Game von Ninja Theory und Professor Paul Fletcher. BASTA ist eine ehrenamtliche Organisation und klärt online über die Formen der Schizophrenie auf.

In meinen Augen ist Schizophrenie eine überbordende Innenwelt, die durch vermischte Botschaften ähnlich zu den Synästhetikern – Irritationen innerhalb der Wahrnehmung schafft und so ein Leben in unserer Gesellschaft ohne „Verbündete“ fast unmöglich macht. Das gilt umso mehr für Frauen. Wilde und animalische Phasen gehören nicht zu unserem Frauenbild. Hier ein weiteres Video, das ich auch empfehlen kann: „Der gewebte Schmerz„.


„In meinen Augen ist Schizophrenie eine überbordende Innenwelt, die ein Leben in unserer Gesellschaft ohne „Verbündete“ fast unmöglich macht.“


Seeing Her Ghosts, Kirsten Becken, SchizophrenieSeeing Her Ghosts, Kirsten Becken, SchizophrenieWie genau läuft das Projekt ab und wie wird das Buch am Ende aussehen/was wird es beinhalten?

Unser Buchprojekt ist in der Anfangsphase, das heisst, wir sammeln Inhalte, Autoren, Künstler und Wissenschaftler. Ziel ist es, über die künstlerische Ebene eine großes Publikum zu erreichen und ein öffentlichkeitswirksames Kunstbuch zu schaffen. Wir sind momentan in der Kontaktphase und tauschen uns mit spannenden Fachleuten und Künstlern aus.

Welche Rolle hast du, welche deine Mutter in dem Projekt?

Es ist ein Familienprojekt: Meine Mutter stellt ihre Aquarelle zur Verfügung, berichtet über Erlebnisse und Ängste, filtert und übernimmt die kreative Aufsicht. Sie entwirft aber auch Kleider und bestimmt die Protagonisten für unsere Shootings. Mein Vater arbeitet an Objekten und Requisiten, hilft ihr bei der Erinnerung an Erlebnisse und gibt mir Antworten auf Fragen vor meiner Zeit. Wir starten autobiografisch und lassen Entwicklung und Dynamik zu.

Wie und wo und wann soll das Buch erscheinen?

Wir sind noch nicht auf der Suche nach einem Verlag und möchten uns nach privaten Förderern umsehen. Für dieses Buchprojekt ist es wichtig, dass keine Kompromisse gemacht werden. Es soll großzügig und stark sein. Nebenbei soll es Mut machen! Es gibt noch kein genaues Timing und ich möchte es organisch wachsen lassen.

Seeing Her Ghosts, Kirsten Becken, SchizophrenieSeeing Her Ghosts, Kirsten Becken, SchizophrenieWie kann man euer Projekt unterstützen? Und warum sollte es man es unterstützen?

Wir sind offen für Beiträge – gerne an seeingherghosts@gmail.com – und freuen uns über Schriftsteller, Künstler, Psychologen, Psychiater, Illustratoren, Journalisten.

Es soll ein öffentlichkeitswirksames Buch zum Thema Schizophrenie entstehen, das die Angst nehmen soll über Krankheiten wie diese zu sprechen. Das ist absolut wichtig. Schizophrenie ist immer noch mit Vorurteilen behaftet und das Unwissen ist groß. Das fördert die Angst vor dem Unbekannten und die Tabuisierung des Themas.

Wir zeigen in unserem Buchprojekt bewusst nicht nur dunkle Seiten, sondern lassen die starke Innenwelt (selbst-)bewusst überborden. Gerade heute, da der Leistungsdruck und die emotionale Verrohung zunehmen, ist es uns wichtig allen Betroffenen und Angehörigen Mut zu machen, offen mit Schizophrenie umzugehen. Es wird Zeit, dass Fassadendenken zu beenden und ein bisschen Seelenstriptease zu betreiben. So viele Menschen haben Erfahrungen mit Schizophrenie in ihrem Umfeld gemacht und sich bisher nicht getraut, darüber zu sprechen.


„Es wird Zeit, dass Fassadendenken zu beenden und ein bisschen Seelenstriptease zu betreiben.“


Wer sind und was macht Angela und Kirsten aus?

Zeichnung, Adolf Wölfli, Art Brut, Schizophrenie, Outsider Art
Zeichnung von Adolf Wölfli {via Wikimedia Commons}

Mitten im Reden hielt sie plötzlich inne, sah mich an mit scharfem Blick: „Bist du Indre?“. Ich erschrak und mein „Ja“ klang seltsam hohl. Sie schob das Kinn nach vorn, legte den Kopf schief und das Gewicht aufs rechte Bein: eine schüchterne Krähe mit zerzaustem Gefieder. „Aus Celle?“ Ich zögerte, suchte nach Alternativen und brachte doch nur ein „Ja“ hervor. Ihr Blick wurde schärfer; sie taxierte mich von oben bis unten. Eine gefühlte Ewigkeit, in der ich nach Sätzen suchte, die aus der geschlossenen Frage führten. Ergebnislos. Abrupt wandte sie sich ab: „Scheiße. Wie scheiße du aussiehst“. Die Worte richteten sich kaum mehr an mich. Sie hatte sich wieder ihren inneren Stimmen zugewandt. Ich blieb merkwürdig verloren zurück.

Die Begegnung trug sich vor rund sechs Wochen in einem dieser scheußlich-schönen Center an der Frankfurter Allee zu. Es war nicht die erste, aber die einzige dieser Art. Bisher hielten wir es mit Blickkontakten, obwohl wir uns längst erkannt hatten. Schon beim allerersten Mal. Das war vor gut einem Jahr. Sie war in schlechter Verfassung: die Haare wie in rasendem Zorn rasiert, die Kleider schmutzig und viel zu groß, löchrige Schuhe, rotverquollene Hände. Und so viel Wut.

Ich kam mit Ma. die Straße entlang als sie uns überholte und sich in den nächsten Hauseingang schmiß. Am Boden liegend mit dem Kopf an der Wand zischte sie Ma. im Vorübergehen an. Man verstand es nicht, aber Ma. bekam Angst. Am Abend wollte sie nicht schlafen. Sie fürchtete, die Frau würde vor ihrem Fenster stehen, mit diesem wilden Blick. Nichts half. Kein Argument, kein Zureden. Erst als ich ihr erzählte, dass ich die Frau, Moni*, kenne, wir vor vielen Jahren zusammen eine WG gründen wollten und sie wohl zornig, nicht aber böse sei, beruhigte sie sich. Mich lässt sie seither nicht mehr los.

So oft sich unsere Blicke trafen, war ich versucht, etwas sagen. Doch welches Wort könnte die Kluft überbrücken, die zwischen unseren Leben liegt? Welcher Satz würde durch ihr Stimmengewirr zu ihr führen? „Trinkst du einen Kaffee mit mir“? Vielleicht.

Das letzte Mal, dass ich Moni sah, liegt zwei Wochen zurück. Es war frühmorgens auf der Frankfurter Allee. Von Zuckungen geplagt redete sie wild und schlug sich ins Gesicht. Sie sah mich nicht, sie blickte durch mich hindurch. Und ich ging wortlos an ihr vorüber. Wie es ihr wohl geht?

*Name geändert


… und mit der obligatorischen Liste und guten Wünschen verabschiede ich mich in das Wochenende.

fahrradgerechte Stadt, #radentscheid, isabel marant, bauhaus, tiny houses

Davon dass ich so müde bin und weder Kaffee noch Schlaf etwas daran ändern mögen, hatte ich erzählt. Auch Vitamin D hat nicht geholfen. Also gebe ich mich geschlagen – oder besser: hin – und lasse M i MA mitten im Mai einen kleinen Schlaf machen. Ein Schlöfele wie es so wohlig-warm im Schweizerdeutschen heißt. Bevor die Lider schwer werden und der Wunsch sie zu schließen überhand nimmt, habe ich noch eine Liste erstellt: Zutaten für süße Träume.

Bis bald!
„Was macht der Mann, Mama?“
„Er sucht seine Zeichensachen zusammen?“
„Malt er hier?“
„Ja.“
„Warum“
„Weil er Künstler ist.“
„Arbeitet er immer hier?“
„Oft.“
Sie beobachtet ihn. Schaut zu, wie er Ding für Ding aus seinem Stoffbeutel nimmt, wie er nach und nach ein winziges Tischatelier schafft. Drei Bleistifte, Tinten, Tusche und winzige Kladden. Eine Pappe, nicht größer als ein Bierdeckel, dient als Klemmbrett. 
Die Bedienung bringt Kaffee. 
Er kramt in seinem Stoffbeutel, legt ein Papier zum Rest. Notizzettelgroß. Nimmt einen Schluck Kaffee. Klemmt das Papier auf die Pappe, zieht einen ersten Strich. „Mama, darf ich zusehen, wie er malt?“ „Bestimmt.“ „Fragst du ihn? Bitte, Bitte!“
„Entschuldigen Sie, meine Tochter …“ 
„Oh, is it your daughter? She’s a princess! Do you agree, that I draw her?“
Ich blicke zu Ma. 
Sie nickt.
Er setzt den Bleistift an. 
Wir bestellen entgegen unserem Plan eine zweite Runde.
Später wird er uns das winzige Portrait schenken: „It’s difficult to capture her. She grows up in every second.“
Edwin Dickman lebt seit 58 Jahren in Berlin. Immer wenn ich im P103 bin, ist er da und zeichnet. Die Zeichnung hat einen Ehrenplatz in Ma.’s Zimmer bekommen. 
PS: „If interested here is a link on a doc called Judgment On Paris staring Ed Dickman. It is about an artists relation with Germany and his loves.“ Diese Nachricht erhielt ich vorgestern – zu meiner Überraschung und Freude – von Robert Whitfield King.