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Jeden 2. {manchmal auch 3.} Mittwoch im Monat hinterfragt meine Freundin und einstige Lehrerin Hazel Rosenstrauch das aktuelle »Weltgeschehen« mit kulturhistorischer Anteilnahme. Ihre erste Glosse drehte sich um Kommunikationsformen im Wandel der Zeit; die zweite nun kreist um die Frage von Engagement und Haltung in unübersichtlichen Zeiten.

Konsum, Masse, richtiger Konsum, Minimalismus, weniger ist mehr, ieva Jansone, Photographie

»Komplex, konfus & gerne auch präzise«

von Hazel Rosenstrauch

Man müsste, man sollte… in Zeiten wie diesen sich politisch engagieren. Das höre ich von Jüngeren, die in unsere real existierenden Freiheiten hineingewachsen sind (ob sie die Anspielung auf den real existierenden S. noch kennen?), von R. (21 Jahre), aber auch von S. (um die 40) und von 50-Jährigen, die die Hausbesetzerszene oder Anti-Atomkraft-Bewegung noch kennengelernt haben, und dann hallt noch dieser Satz meines 30-jährigen Sohnes nach: »Ihr habt die Erfahrung, gebt sie uns weiter.«


»Er wollte Gedichte schreiben, aber seine Partei verlangte nach Parolen, denn es war Krieg


Mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge nehme ich die Rolle an. Die alte Frage lautet: »Was tun?«, um ein berühmtes Buch zu zitieren, das 1902 geschrieben und interessanterweise 2010 neu aufgelegt wurde. In den 1960er und 70er Jahren war Lenin noch eine Referenz. Heute beneide ich all jene, die wissen, was zu tun wäre. Meine Generation ist von Zweifeln befallen, obwohl in den letzten Jahren Oldies oft mutig und radikal vor-gedacht haben (zuletzt Bernie Sanders). »Radikalität gehört zu den Privilegien der Jugend« ist einer dieser Schlüsselsätze, die ich mir nur ungern zu Herzen nehme. Es gibt tolle Entwürfe, aber es ist eben auch alles so furchtbar komplex. Viele gut gemeinte Engagements sind verdreht oder missbraucht worden, die Dinge haben sich anders entwickelt, als wir uns erträumten – und wenn ich in meinem Bücherschrank nachschaue, ging das vielen Generationen vor mir auch schon so. Zum x-ten Mal nehme ich zwecks Beruhigung das kleine Heftchen »Über die Verfinsterung der Geschichte«* mit den Dialogen von Alexander Herzen aus dem 19. Jahrhundert zur Hand.

Demonstrationen, Unterschriften, Vereine, Initiativen, Wahlen, Plattformen, Protestbriefe sind vielleicht überholt… und doch ist vieles besser geworden, als es in den 1960er und auch noch in den 80er Jahren war. Als die lebendige, vielseitige Studentenbewegung in sektiererische Sekten zerfiel, habe ich diese Frage – wo und wie kann oder soll ich mich engagieren – einem Freund meiner Eltern gestellt. Er erzählte mir von den Auseinandersetzungen der 1930er und 40er Jahre, die ihn geprägt hatten. Damals wollte er Gedichte schreiben, aber die Partei, der er im Exil angehörte, verlangte nach Parolen, denn es war Krieg. Von ihm habe ich gelernt, dass jede/r das machen soll, worin er oder sie gut ist, ich solle mich nicht zwingen und nicht überreden lassen.


»Es scheint mir derzeit besonders wichtig, einen Gestus in der Welt zu halten, der gegen die Monokultur aus Hektik, Trumpf, Behauptung bzw. Resignation helfen könnte.«


Geprägt vom 20. Jahrhundert und seinen großen Antworten habe ich eine Schwäche für scheinbar unwichtige Nebendinge entwickelt: Widersprechen, Vernunft walten lassen, Zeit zum Nachdenken herausschinden, Informationen beschaffen und nicht nur die Katastrophen wahrnehmen, eher so lange recherchieren, bis auch die ermutigenden Projekte ins Blickfeld kommen… und davon erzählen. Kürzlich war ich zwei Wochen in London und als ich zurückkam, fiel mir auf, wie sehr hier ständig Alarmstimmung herrscht (und dort hatten sie mit ihrem Brexit wahrlich Grund genug, über die Katastrophe zu klagen).

»Katastrophitis« ist ansteckend, sie macht dumm, weil sie zu Panik verführt. Konfusion war immer; es gab »früher« nur übersichtlich wenige hör- und lesbare Stimmen, die Fakten und Fakes sortierten oder Antworten boten (die unüberschaubare Fülle wurde gleichwohl schon zu Zeiten der massenhaften Verbreitung von Illustrierten oder nach der Erfindung des Radios beklagt). Aus Misstrauen gegen alles, was eine Lösung verspricht, scheint es mir derzeit wichtig, einen Gestus in der Welt zu halten, der gegen die Monokultur aus Hektik, Trumpf, Behauptung oder auch Resignation helfen könnte (eventuell neben den alten und noch nicht überholten Formen von Engagement): Aufschauen vom Bildschirm, die unbezahlbaren und unbezahlten Haltungen würdigen, lachen, (zu)hören, (nach)fragen, Nichtwissen oder auch Unsicherheit aushalten, selbst denken und andere zum Denken verlocken, zivilisiert agieren, gerne spüren, aber nicht aufs beliebte Bauchgefühl vertrauen. Und dann ist da noch diese Geschichte mit der Phantasie. Nicht, wie eine Parole der 60er Jahre hieß, »an die Macht« mit ihr, aber »an die Arbeit«. Es ist (uns) lange gut gegangen, wir sind verwöhnt und brauchen neue Ideen. Immer schon musste erst gedacht, diskutiert und phantasiert werden, bevor Erfindungen, Erkenntnisse und Perspektiven entwickelt werden konnten. Wie war das noch mit dem berühmten Denker? »Ich spinne, darum bin ich.«


*Das Büchlein von Alexander Herzen wurde »eingerichtet für das Jahr 1984« von Hans Magnus Enzensberger und herausgegeben in der {kürzlich verendeten} Friedenauer Presse. | Fotos: Lando Jansone

Buch von Alexander Herzen und Lenin

Begegnet bin ich dem Anwalt und Winzer Horst Hummel im Dezember 2012. Der Zufall führte mich zu einem vorweihnachtlichen Abendessen mit ihm. Seither treffe ich seine Weine mit der so schönen wie unvergesslichen Hummel regelmäßig wieder (bevorzugt an literarischen Orten). Dass er heute zu Gast bei mir ist, ist wieder dem Zufall zu verdanken.

Logo Weingut Hummel

Kürzlich las ein (mich) ziemlich erschütterndes Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über die Rechtsentwicklung in Ungarn, und just am selben Tag (es war der 20. Februar) erhielt ich den Newsletter des Weinguts Hummel. Da erinnerte mich, dass Horst Hummel seinen Wein in Ungarn anbaut und »Land und Leute« recht gut kennt. Warum nicht ihn nach seinen Eindrücken und Erfahrungen fragen – und gleich nach all dem, was ich 2012 nicht zu fragen wagte? Zum Beispiel warum er Ungarn als Weinanbaugebiet gewählt hat und was er an diesem (mir bisher unbekannten) Land so mag. Wie er, der Anwalt für Urheberrecht (unter anderem), eigentlich zum Weinbau gekommen sei und worauf es in den beiden Metiers ankomme. Um all das und noch ein wenig mehr geht es im heutigen Montagsinterview, mit dem ich einen anregenden Start in die neue Woche wünsche.

Danke, lieber Horst, für das anregende Gespräch.

Horst Hummel im Keller seines Weinguts

1998 hast du dein Weingut Hummel in Villány/Ungarn gegründet. Wie kam es dazu?

Es war wohl eine Mischung aus Neigung, Gelegenheit und Notwendigkeit. Ich habe mit Anfang 20 begonnen, mich mit Wein zu beschäftigen, bin nach Burgund gereist und war fasziniert von der Schönheit der Weine. Dann bin ich im Laufe der Jahre in Weingebiete auf der ganzen Welt gereist, habe verkostet, mit Winzern geredet und über Wein gelesen. So hat sich ein Verständnis von Wein gebildet und irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich gerne selbst Wein produzieren würde, wusste aber nicht wo. Dann kam die Wende und Ungarn näher – wohl nicht zuletzt, weil ich aus einer donauschwäbischen Familie aus der Vojvodina stamme, wo mein Urgroßvater bis 1945 Winzer war.

1997 reiste ich in das Dorf, aus dem meine Familie stammt und fuhr auf dem Rückweg nach Ungarn, um mich wegen des Weins umzusehen. Beim Verkosten wurde mir ein Weinberg zum Kauf angeboten, den ich zwar nicht kaufte, aber Ungarn als Standort ernsthaft in Erwägung zog. Ich recherchierte, wo der beste Rotwein in Ungarn herkommt und fand Villány. Der Ort beeindruckte mich in mehrfacher Hinsicht und so gründete ich dort 1998 mein Weingut.

Von Hause aus bist du Jurist und als Rechtsanwalt in Berlin tätig. Juristerei und Winzerei – das scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Welten zu sein. Wo siehst du die Schnittmenge?

Ich sehe keine – und das könnte genau der Grund dafür sein, dass es so viele Rechtsanwälte unter den Quereinsteigern im Weinbau gibt.

Was macht einen guten Rechtsanwalt, was einen guten Winzer aus?

»Der französische Begriff Terroir erfasst alle natürlichen Voraussetzungen, die die Biologie des Weinstocks und demzufolge die Zusammen-setzung der Traube beeinflussen […]: Klima, Boden und Landschaft, [… ] Nacht- und Tages-Temperaturen, Niederschlags-Verteilung, Sonnenschein-Stunden, Hangneigung und Boden-Durchlässigkeit … . Alle diese Faktoren reagieren miteinander und bilden in jedem einzelnen Teil eines Weinbaugebietes das, was der französische Winzer Terroir nennt.« Bruno Prats

Ein guter Rechtsanwalt braucht abgesehen von der immer notwendigen guten Fachkenntnis in seinen Tätigkeitsbereichen, eine gute Auffassungsgabe, Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen, Intuition, Sprachbegabung und Mut.

Einen guten Winzer macht das Verständnis seines Terroirs aus: Er muss verstehen, welche Rebsorten für seine Weinberge ideal sind und warum. Dazu muss er wissen, was ein guter Wein ist und er braucht ein Händchen sowie die Möglichkeiten dafür, seinen Weinbergen und seinen Reben alles das zu geben, was sie von ihm brauchen, aber nicht mehr. Außerdem braucht er Phantasie: Er muss eine klare Vorstellung davon haben, zu welcher Art Wein seine Trauben stilistisch werden sollen. Dann er ihnen dabei helfen, dass sie ihren idealen Ausdruck finden – Jahrgang für Jahrgang, wobei es darauf ankommt, so wenig wie möglich zu intervenieren. Kurzum: Ein guter Winzer braucht Fachwissen, Auffassungsgabe, Einfühlungsvermögen, Intuition, Mut und einen guten Geschmack. Wenn er dazu noch Sprachkenntnisse hat, kann er seine Weine besser exportieren, denn Geld braucht er auch!

Laut Stuart Pigott hegst du eine große Faszination für Ungarn. Woher rührt diese und was genau fasziniert dich an diesem Land?

Meine Faszination für Ungarn beschränkte sich zunächst auf die ungarische Literatur, die ich schon las, bevor ich überhaupt daran dachte, in Ungarn Wein zu produzieren: Imre Kertész, Péter Nádas, Sándor Márai, Béla Hamvas, um nur einige zu nennen, sind Schriftsteller, deren Werke weit über Ungarn hinaus weisen und existentielle Bedeutung für Fragen habe, die die Menschheit und das Menschsein generell betreffen. Später kamen dann die Weine dazu.

Ungarn hat herausragende Terroirs für Weinbau, die, abgesehen von Tokaj vielleicht, in der übrigen Welt noch überwiegend unbekannt und unentdeckt sind. Es war faszinierend für mich, an der Wiederentdeckung und Wiedererweckung eines dieser großen Terroirs relativ früh nach der Wende beteiligt sein zu können. Und dann kommt wohl auch noch die Vertrautheit dazu, die ich von Anfang an mit dem Land und den Leuten empfunden habe, die vielleicht etwas mit der Geschichte meiner Familie zu tun hat, die als Donauschwaben 1792 nach Ungarn ausgewandert ist und bis 1947 in der Vojvodina, die heute zu Serbien gehört, gelebt hat. Jedenfalls habe ich mich mit Villány von Anfang an auf eine Art vertraut gefühlt, die mich selbst überrascht hat und die, denke ich, viel mit den Villányern zu tun hat, die mich in ihrer Art so sehr an meine Großeltern erinnert haben, mit denen ich zusammen in unserem Haus in Reutlingen aufgewachsen bin und zu denen ich ein sehr enges und gutes Verhältnis hatte.


»Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land die tiefe Verunsicherung und aufkeimende Xenophobie mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde.«


Du kennst Ungarn nun seit vielen Jahren. Wie hat sich das Land in dieser Zeit in deinen Augen verändert?

Die größten Veränderungen sind sicher die politischen. Als ich 1997 zum ersten Mal nach Villány kam, war das 9 Jahre nach der Wende und Ungarn schien mir auf dem Weg in eine prosperierende Zukunft zu sein. Das hatte viel mit der Literatur zu tun, die ich gelesen hatte und weiter las. Diese Literatur hat eine Kraft und Bedeutung, die mich denken lies, dass das auch für die Entwicklung des Landes in einem freien Europa gelten würde. Natürlich habe ich auch damals schon Symptome von Verunsicherung, Xenophobie usw. wahrgenommen. Aber die gab es anderswo auch, auch in Deutschland. Für mich waren das Kinderkrankheiten, die etwas mit der Geschichte des Landes zu tun hatten, wie man sie auch in den neuen Bundesländern (aber nicht nur dort) vorfindet.

Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land das mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde. Im Laufe der Zeit schlug das Pendel dann immer mehr in Richtung Paternalismus aus. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Entwicklung im Land, die sich oft im Verborgenen abspielt. Dazu trägt auch die große Zahl an Ungarn bei, die inzwischen überwiegend im europäischen Ausland leben und dort ganz andere Erfahrungen machen, als zu Hause und die diese Erfahrungen auch wieder in die ungarische Kultur und Lebenswirklichkeit einspeisen, direkt und indirekt.

Das Weingut Hummel in Ungarn

Laut der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky ist Ungarn von einem tief verankerten rechtsesoterisch-völkischen Nationalismus geprägt, in dem die Ideen von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde vielfach auf Ablehnung stießen.* Machst du diese Erfahrung auch? Wenn ja, wie erklärst du es dir?

Tatsache ist, dass es in Ungarn solche Strömungen gibt. Wie weit sie verbreitet sind, kann ich nicht sagen. In meinem Alltag in Villány spielen sie keine Rolle. Nationalismus, egal in welcher Ausprägung, ist in meinen Augen immer ein Symptom von Identitätsproblemen. Die Menschen, die im Nationalismus etwas suchen und finden, antworten damit auf Identitätsprobleme, die sich in ihrer Persönlichkeit angereichert haben. Die Ursachen dafür finden sich m.E. immer in der Geschichte der Länder und Menschen. Und wenn man sich die ungarische Geschichte anschaut, gab und gibt es genügend Anlass, darauf mit Identitätsproblemen zu antworten – natürlich nicht nur in der ungarischen. Die eigentlichen Probleme entstehen, wenn die Identitätsprobleme nicht als solche erkannt und verstanden werden.

*Quelle: Nationalismus in Ungarn – Orbán sieht sich als spiritueller Führer; Interview von Alex Rühle mit Magdalena Marsovszky; Süddeutsche Zeitung vom 20.02.2017

Kommen wir auf deine Weine zu sprechen. Welche hast du im Sortiment und was zeichnet sie aus?

Ich habe im Moment gut 25 Weine auf der Liste. Jeder ist natürlich anders, aber auf Verkostungen bekomme ich oft die Rückmeldung, dass alle Weine etwas Gemeinsames haben, eine ähnliche Stilistik. Darüber freue ich mich. Ich denke, das hat etwas damit zu tun, wie wir im Weinberg und im Keller arbeiten und das wir damit das Terroir, also die Herkunft der Trauben, zum Ausdruck bringen.

Alle meine Weine sind spontan vergoren, und wir betreiben seit 2008 biologische Landwirtschaft. Wir intervenieren im Weinberg und Keller so wenig wie möglich, düngen nicht und machen wenig Bodenarbeit. Außer ein wenig Schwefel bekommen unsere Weine nichts hinzugefügt. Das führt zu einer eigenständigen Ästhetik und einem eigenen Stil, den die Leute erkennen. Dieser Ausdruck des Terroirs ist es auch, was ich anstrebe. Wenn alles gut läuft, ist er immer schön. Und man kann ihn nicht kopieren. Das ist Identität im Wein.

Welchen deiner Weine empfiehlst du für einen geselligen Abend mit Freunden bei Laugenbrezel und Weltanalyse.

Ich würde mit einem Sekt beginnen, zum Beispiel mit dem PRYXX Brut Nature 2012, dann mit dem Hárslevelü 2015 weitermachen und über den Hárslevelü GÓRÉ 2015 (ein ungeschwefelter, maischevergorener Orangewein) zu den Roten übergehen: JAMMERTHAL 2013, SPATZ 2013, PANTERRA 2012.

Wenn man dann noch Brezeln hat und Durst, kann man anfangen, sich mit der Trilogie der Grundbefindlichkeiten zu beschäftigen: VERZWEIFLUNG 2009, GELASSENHEIT 2012, GLÜCKSELIGKEIT 2013.

Weine vom Weingut Hummel

Bildnachweise: Alle Fotos (mit Ausnahme des Beitragsbilds) von Juha Pekka Laakio Oy, Andrea Sunder-PlassmannWolfgang Deimling (Flaschenfoto), Daniel Deimling Horst Hummel via Weingut Hummel.

Stell dir vor, du wachst morgens auf und keine einzige Frau* ist mehr da. 24 Stunden lang wären sie wie vom Erdboden verschluckt. Du selbst vielleicht auch. Wie sähe dieser Tag aus?

Diese Frage hat das Feministische Netzwerk an Blogger*innen und Autor*innen gerichtet und sie aufgerufen, ihren Tag ohne Frauen  im Internet zu beschreiben. Inspiriert hat sie dabei das Bündnis des Women`s March, das anlässlich des heutigen Internationalen Frauentages zum Generalstreik »A Day Without A Woman!« aufgerufen hat. Sämtliche Beiträge findet ihr hier.


Der Internationale Frauentag wird seit 1911 gefeiert – seit 1921 am 8. März. In einigen Ländern ist er sogar gesetzlicher Feiertag. Erstmalig statt fand der Weltfrauentag am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Hauptziel und -forderung war damals das allgemeine Frauenwahlrecht.
In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht {wie auch in Österreich, Polen und Russland} 1918 im gesetzlich verankert. Im Januar 1919 konnten deutsche Frauen erstmals in der Geschichte wählen und gewählt werden.
Mehr zum Thema

Gerne unterstütze ich die Aktion der Feministischen Netzwerker*innen und damit die freie und offene Gesellschaft, in der jede*r – ganz gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Religion oder Weltanschauung, welcher Behinderung, welchen Alters, welcher sexuellen Identität – sicher, selbstbestimmt, gleichberechtigt und chancengleich leben kann.

Statt meine Version eines Tages ohne Frauen bzw. ohne mich zu erzählen, habe ich Freund*innen, Verwandte und Kolleg*innen gefragt, wie sie sich diesen Tag vorstellen. Aus ihren Antworten ist eine vielstimmige Collage geworden – so vielfältig und unterschiedlich wie sie. Würden sie heute nicht da sein, wären sieben wunderbare Menschen verschwunden und mit ihnen all das, wofür sie stehen: Esprit, Wohlwollen, Kreativität, Herzlichkeit, Witz, Entschiedenheit, Zähigkeit, Inspiration, Reflexion, Nüchternheit, Liebe, Bescheidenheit, Intellekt, Wärme, Dankbarkeit, Fröhlichkeit, Energie, Mut, Möglichkeits- und Realitätssinn, Empathie, Tatkraft u.v.m.

1.000 Dank, liebe Julia, Katja, Kirsten, Mama, Annett, Hazel und Lando.

*Mit dem »Gender-Star« werden alle Menschen aller Geschlechtsidentitäten einbezogen – diesseits und jenseits des binären Geschlechtsmodells. | Beitragsbild: Lionello DelPiccolo {Unsplash}


Maedchen in der Wueste

»Ich kaue auf der Frage herum und werde langsam ärgerlich« von Julia Kropf

Ein Tag ohne Frauen in meinem Leben. Ich hadere mit der Frage. Sie gefällt mir nicht so recht. Sie scheint ein vorschnelles Denken in Stereotypen nahezulegen. Ich kaue auf der Frage herum und werde langsam ärgerlich. Ich schwanke zwischen einem schnellen »scheiße wäre das, ist doch klar« und dem Versuch einer intelligente(re)n Antwort. Was soll die Frage bezwecken? Dass Frauen wichtig sind? Äh, ja klar. Dass ohne ihre (schlecht oder ungleich) bezahlte und vor allem unbezahlte Arbeit die Wirtschaft, unsere Gesellschaft, Familien nicht funktionieren würden? Natürlich nicht! Dass der gesellschaftlich Resonanzkörper recht hohl klingen würde? Absolut!

Aber: Die Frage soll sich ganz konkret um einen Tag in meinem Leben drehen. Also, noch mal von vorne: Ein Tag ohne Frauen in meinem Leben, bei meiner Arbeit, auf der Straße, in der Bahn, in den Medien, in meinem Bücher- und CD-Regal … Und ich mittendrin? Vermutlich käme ich mir vor wie ein Alien, eine Fremde in meiner eigenen Welt. Vermutlich würde die gesellschaftliche Infrastruktur um mich herum so ziemlich zusammenbrechen. Was würde das machen mit der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich in meiner Welt bewege, mit meinem Vertrauen?

Und ohne mich? Ein interessantes Sozialexperiment und vielleicht die bessere Alternative als die einzige zu sein. Um festzustellen, was es mit der Gesellschaft {in diesem Fall: den Männern} macht, bräuchte es sicherlich mehr als einen Tag. Konfusion, Hauen und Stechen, ungeahnte Potenziale?

Ich hadere immer noch mit der Frage. Und gleichzeitig verspüre ich eine große Dankbarkeit. Für die Tatsache, dass Frauen in meinem Leben einen unverrückbaren und selbstverständlichen, sichtbaren Platz haben. Frauen, die da sind, mich begleiten, herausfordern, beraten, trösten, ärgern, anregen. Frauen, die mir Gegenüber, Vorbild, Kontrastfolie, abschreckendes Beispiel, Freundin, Kollegin sind. Ein Tag ohne all diese Frauen wäre ein tiefer Krater in meinem Leben. Viele Frauen leben in so einem Krater – jeden Tag.

Die Uhr tickt. Wie viel Zeit bleibt uns, um das Schlimmste zu verhindern? Rechtsexetremismus

»Die Zeit bliebe stehen« von Katja Hiller

Tja, interessante Frage. Keine Kanzlerin, keine Verteidigungsministerin, keine Umweltministerin… Führerinnen-los dümpelt das Land vor sich hin, für 24 h Ausnahmezustand, angreifbar – aber auch ohne eine Frauke Petri und Eva Herrmann 😉.

Verschwunden wären aber auch meine Tochter, meine Mama, meine Schwester, meine Oma, meine Nichte, meine Tanten und ich verlöre meine Identität als Mutter, als Schwester, als Nichte, als Enkelin. Verschwunden wären auch meine Chefin, meine Bäckereiverkäuferin, meine Haus- und Zahnärztin. Nicht nur meine kleine Infrastruktur bricht zusammen: kein Job, kein Geld, keine Versorgung! Sollte ich noch da sein, würde es einsam um mich und ich (be)fürchte zu viel Testosteron. Ohne Freundinnen blieben Dinge unbenannt, gibt es keine kleinen subtilen Botschaften mehr.

An diesem Tag käme kein Kind zur Welt. Die Zeit bliebe stehen. Es würde leise, dunkel und trist. Die Welt verlöre Wärme und Fürsorge, Melodie und Farbe, Erfahrung und Wissen, Harmonie und eine gehörige Portion Altruismus.

… es gäbe noch tausend andere Aspekte. Ein Szenario, das ich mir lieber gar nicht ausmalen möchte: eine Welt voller Männer.


 »Die Liebe fehlte« von Kirsten Frohnert

Mir fehlten bedingungslose Liebe und Freundschaft, Kraft-, Reflexions- und Inspirationsquellen!

Frau im roten Kleid und langem wallenden Haar von quentin keller

»Selbstbewusst und gleich« von Christel Zetzsche

Einen Tag ohne Frauen: nahezu leergefegte Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Verwaltungsbüros auf unterer und mittlerer Ebene, Geschäfte müssen schließen, Kassiererinnen und Verkäuferinnen fehlen, Schulen und Kindergärten haben nur noch minimale Notbesetzungen, Väter bleiben zu Hause für die Kinderbetreuung, Chefs und Abteilungsleiter müssen sich miteinbringen in Niedriglohntätigkeiten und erfahren deren Wichtigkeit und Wert. Gute Gründe für Frauen-Selbstbewusstsein, für gleichen Lohn, für gleiche Chancen.

Ein Tag ohne Männer würde vielleicht dazu führen, dass Frauen erleben: »Das kann ich auch« – und in einer nahen Zukunft erhält jede*r die Chance gleichwertig anerkannt (auch in €) seine Fähigkeiten einzubringen.

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»Die Frage hat sich erledigt« von Annett Jahn

Noch während ich im Kopf die Frage hin- und herbewege, welche Frauen ich gedanklich für einen Tag aus meinem Leben verschwinden lasse und ob ich mich selbst dazugesellen soll, wird im Radio erwähnt, dass bald Frauentag ist. Mein Sohn (4) hört mit und bestimmt: » … und Manntag … und Kindtag … und Omatag … und Johannatag.« – Die Frage hat sich erledigt.


 »Kommunizierende Gefäße« von Hazel Rosenstrauch

An einem unverhofft frühlingshaften Samstag ging ich durch Berlins Schöneberg, blinzelte, und retuschierte die Frauen weg. Männer in Schwarz oder Dunkelbraun, gepuffte Jacken, Jogginghosen und Jeans, stapften durch die Gegend, sie sahen etwas verloren aus der Wäsche, vielleicht, weil niemand  sie bewunderte, und sie auf niemanden hinunterreden konnten. Heimgekehrt (weil ich mich ja auch absentieren musste) sprang meine Phantasie ein paar Monate weiter. Ich sah dieselben Männer in bunter Kleidung, lachend, einige sogar elegant, schwatzend und mit erstaunlich beweglichen Körpern. Vielleicht sind nämlich die Geschlechter wie kommunizierende Gefäße und wenn ein paar »weibliche« Eigenschaften fehlen und Frauen die »männlichen« Haltungen übernehmen, werden die Männer, die uns so oft immer noch gegenüber und nicht neben uns stehen, die fehlenden »Weiblichkeiten« kompensieren?!

Selbstverständlich wird es nach und nach viele Facetten von Körperhaltungen, Kleidung, Benehmen geben – nichts ist mehr typisch. Und ist dieser Prozeß nicht längst im Gange? Als ich nach ein paar Minuten wieder nüchtern in den Reflexionsmodus schalte, bleibt die Frage, ob mir das gefallen wird, im Halse stecken.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

»Welch ein Chaos« von Lando Jansone

Ich wäre sehr glücklich, wenn ich eines Tages nicht mehr automatisch als »Frau« gelesen würde (ich definiere mich als nicht-binäre Person1). Wenn alle Frauen* für einen Tag aus der Welt verschwinden würden – welch ein Chaos. Ich glaube, der ganze Care Bereich würde zusammenbrechen!

1»Binär« ist das lateinische Wort für »zwei«und steht hier für das in unserer Gesellschaft anerkannte Geschlechtsmodell aus weiblich und männlich. Nicht-binäre Personen sind solche, die sich nicht in diesem Zweiersystem wiederfinden, weil sie sich nicht als Mann/Junge oder Frau/Mädchen wahrnehmen. Geschlechtsidentitäten sind unabhängig vom körperlichen Aussehen und der sexuellen Orientierung. Mehr über nicht-binäre Geschlechtsidentitäten

Madeleine textet. Fine zeichnet. Aus Text und Zeichnung werden Möglichkeitsräume, aus Madeleine und Fine werden Matrosenhunde. Die Matrosenhunde haben ihren Hauptsitz in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, ein Ort, der für manche Menschen eine No-go-Area ist. Fine und Madeleine texten und zeichnen hier u.a. für Verlage und Theater. Ich mag ihre Arbeiten sehr; sie haben eine ganz eigene Ironie. Sie ist gleichzeitig heiter und traurig, leicht und schwer. Der Verleger Robert Eberhardt spricht von »Poesie und Zweideutigkeit« und findet, es sei ein großes Glück, wenn das eigene Dasein wie die Kunst der Matrosenhunde davon durchzogen wäre. Dem kann ich nur zustimmen – und mich freuen, dass die Zwei heute zu Gast bei mir sind.

In unserem Gespräch geht es unter anderem um die »unbeobachteten Kippstellen im Leben«, die Lust am Wandel und den passenden Umschlag zum aktuellen Weltgeschehen. Vielen Dank, liebe Fine und Madeleine, für das inspirierende Gespräch, mit dem ich allen einen glücklichen Start in die KW 10 wünsche.


»Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen.« Madeleine


Als Matrosenhunde fokussiert ihr den Zwischenraum von Bild und Text. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Als Grafikerin und Zeichnerin hab ich mir immer ein Gegenüber gewünscht, mit dem ich kommunizieren und Gedanken größer spinnen kann. Wir reden ja, während Madeleine textet und ich zeichne, nicht über unsere jeweiligen Beweggründe – und dann entsteht durch die Verknüpfung unsere Ausdrucksformen etwas Neues, Eigenes. Ich finde das elektrisierend.

Euer Studio ist mitten in Neukölln. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Es ist schon manchmal hart, gerade in der Sonnenallee – hier prallen Welten aufeinander: auf der einen Seite die gewachsene Armut und auf der anderen Seite die jungen, enthusiastischen Kreativen, die versuchen, eine schönere, bessere Welt zu schaffen. Oft mithilfe von öffentlichen Geldern oder Zuschüssen. Das Neuköllner Jobcenter hat den größten Bereich für Selbstständige in ganz Berlin. Gleichzeitig werden überall die (Gewerbe-)Mieten teurer, ohne dass irgendetwas für den Stadtteil getan wird. Das schürt gegenseitige Ablehnung. Gerade erst habe ich eine ehemalige Kommilitonin getroffen und mich über den Kasper gefreut, den sie am Böhmischen Platz ans Puppentheater gemalt hat. Nächste Woche wird der überstrichen, weil er nicht zum schicken neuen Rixdorfer Image passt.

Madeleine: Was unser Studio konkret angeht, sind wir gar nicht an eine bestimmte Umgebung gebunden, wir hatten auch schon Arbeitsorte in einem Plattenbau auf der Prenzlauer Promenade, in einer umgenutzten Kohleofenwohnung im Winskiez oder »on the road«. Eigentlich brauchen wir nur einen Tisch und ein bisschen Platz zum Denken. Neukölln ist da eine Reibungsfläche, die nicht für jeden geeignet ist. Ich persönlich brauche oft Rückzug und Ruhe, daher mag ich das Tempelhofer Feld sehr. Das Nebeneinanderexistieren unterschiedlichster Lebensentwürfe ist hier in Neukölln schon sehr beeindruckend. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob dieses Nebeneinander auch irgendwann zum Miteinander wird, oder eher doch parallel bleibt.

Was sind die »unbeobachteten Kippstellen des Lebens zwischen Tür und Angel«? 

Madeleine: Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen. Beim Aus-dem-Zugfenster-gucken oder an der roten Ampel. Im Vorübergehen, im nicht definierten Zwischenraum. Diese Orte aufzuspüren, ist mir ein großes Anliegen. Genau hinzusehen und leise zu beobachten, wann etwas passiert. Denn Anfang, Mitte und Ende einer Geschichte obliegen auch immer demjenigen, der sie erzählt.

Fine du bist in Berlin aufgewachsen. Wie und wo? 

Ich komme aus Oberschöneweide, was zu Köpenick im Südosten Berlin gehört. Von damals habe ich wohl meine Liebe zur Industrie-Architektur. Zur Schule gegangen bin ich aber im bürgerlichen Friedrichshagen und in Oberspree. (Abitur habe ich übrigens in Schleswig-Holstein gemacht und kurz mal in Paris studiert. Ich musste aber immer so schnell wie möglich nach Berlin zurück.) Oberschöneweide hatte nach der Wende 30.000 Arbeitslose, das war schon heftig. Ich finde es schön, dass in den alten Fabrikhallen Ateliers entstanden sind, die FHTW mit ihren Studenten das Viertel neu belebt hat und viele Häuser renoviert wurden. Das war nötig. Aber auch hier muss achtsam mit den Bewohnern und ihren Möglichkeiten umgegangen werden. So ein Viertel, eine Stadt ist ja ein Makrokosmos, an dem sich ganz gut gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen.

»Ich will so gerne alle Menschen mitnehmen und für Veränderungen begeistern. Zusammen kann so viel Großartiges entstehen, was alleine und auf egoistische Beweggründe fokussiert nicht möglich ist.«

Wie und wann sind aus dir und Fine zwei Matrosenhunde geworden? Und woher rührt der Name? 

Madeleine: Fine und ich kannten uns schon über eine gemeinsame Freundin und vom Zeitgenössischen Tanzen, auch das war schon eine Art stillschweigende Kontaktimprovisation. Was dann kommt, ist Geschichte: Im Sommer 2009 besuchten wir bei 48 Stunden Neukölln gemeinsam die Ausstellung einer Weißensee-Kommilitonin von Fine. Ich glaube fest daran, dass wir beim Bordsteinkantenbier beschlossen haben, eine Art Briefwechsel in Text und Bild zu starten und zu gucken, was passiert. Fine schwört darauf, dass der Grundstein für unser kreatives Ping-Pong bei Schnaps auf einem Hausdach gelegt wurde. Man weiß also nichts Genaues.

Dann haben wir angefangen, täglich abwechselnd Zeichnungen und Sätze hin- und herzuschicken, die jeweils aufeinander geantwortet haben. Daraus entstand unser erstes Buch – handgebunden im selbst hergestellten Leinenumschlag mit Siebdruckprint. Es hieß, der Titel lief mir einfach so zu: »Matrosenhunde, Kapitänsfrauen und der weiß lackierte Zaun«. Anderthalb Jahre später wurden wir mit einem Projekt zum Springhouse-Symposium in Dresden eingeladen und fortan und für immer »Matrosenhunde« genannt.

Was waren jeweils eure liebsten Kommunikationsprojekte und warum?

Beide: Unser liebsten Projekte waren die, bei denen wir unseren angewärmten Platz verlassen und uns auf die Suche nach neuen, anderen Wirklichkeiten begeben haben. Das war das wunderbare Zusammensein mit anderen Künstlern im Rahmen einer Residenz im Springhouse Dresden, ein Frühlingsausflug nach Madrid, bei dem wir unsere Begegnungen in Fax-Sendungen verarbeitet haben oder ein Aufenthalt in Brandenburg, zwischen Seen, Wäldern und Rinderherden. Denn auf der Suche nach den Augenblicken, die den Alltag bedeutsam machen, ist es immer eine gute Idee, irgendwohin zu fahren. Vielleicht auch nur mit der gelben Straßenbahn zum nächsten Segelsteg.

Gute Gestaltung – was ist das für euch? 

Fine: Das kommt darauf an. Spontan würde ich sagen, gute Gestaltung macht etwas mit mir: berührt mich, oder bringt mich zum Nachdenken, stößt im besten Falle etwas an. Und dafür fühlen wir uns hinein und recherchieren unabhängig voneinander oft zu denselben Themen. Wir nennen das unseren »unfreiwilligen Buchklub«, weil wir oft dieselben Bücher lesen; wenn die eine von einem Zeitungsartikel berichtet, hat die andere ihn oft auch gelesen und vollendet den Satz. Zurück zur Frage: Gute Gestaltung bemerkt man daran, dass sie sich nicht aufdrängt, das Sujet steht im Vordergrund. Immer.

Madeleine: Gute Gestaltung drängt sich nicht auf, sondern gibt ihrem Motiv Raum. Das heißt nicht, dass gute Gestaltung immer hintergründig sein muss, es darf auch knallen. Nur sollte es einen Grund dafür geben, das Design sollte nicht einfach nur sein Objekt maskieren. Für mich funktioniert Gestaltung eher wie Bildhauerei: Sie gibt einem Ding seine Gestalt, arbeitet die Besonderheiten heraus und macht organisch ein großes Ganzes daraus.


»Das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.« Fine


Die aktuelle Weltlage macht mich bisweilen sprachlos. Welche Worte und Beschreibungen fallen dir dazu ein?

Madeleine: Oh, auch ich verliere oft die Fassung und Formulierung. Mir kommt das alles oft so surreal vor, denn die grausame Banalität des Zeitgeschehens, mit dem wir doch angesichts unserer historischen Bildung anders, besser, weiser umgehen sollten als Gesellschaft lässt mich oft ratlos zurück. Ich finde die meisten Geschehnisse im Grunde erschreckend simpel und frage mich, wie Angst und Misstrauen begegnet werden kann. Es ist aber auch sehr schön zu sehen, wie Menschen sich positiv positionieren, Besonnenheit zeigen, Haltung beziehen und Werte hochhalten. Eine offene, humanistische und demokratische Gesellschaft nicht nur zu beschwören, sondern auch im Kleinen zu leben, halte ich für den wichtigsten Weg, weg von Bedrohung und hilfloser Ohnmacht.

Stell dir vor, das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman. Wie würdest du den Buchumschlag gestalten und welches wäre das richtige Versatzpapier dafür? 

Fine: In der Verlagsbranche reden ja immer viele Stimmen mit und entscheiden, wie Cover und Innensatz aussehen müssen. Avantgardistisches Design durchzuboxen ist dort oft sehr schwierig. Da es ja ein hypothetisches Cover ist und keine Kostengrenzen vorgegeben wurden, würde ich eine ordentliche Materialschlacht veranstalten. Ohne, dass man es merkt selbstverständlich. Titel, Autor und Verlagslogo würde ich gar nicht farbig drucken, sondern blind prägen auf dicke recycelte Pappe, ein schönes grobes Material. Formatfüllend. Es soll ja alles lesbar sein. In den Weißraum dazwischen (und auch über ein paar Buchstaben drüber) würde ich filigrane Zeichnungen relevant zum Inhalt setzen. In Rot. Mit rotem Kapitalband und rotem Buchleinen über der offenen Fadenbindung. Als Vorsatz wünsche ich mir ein handgeschöpftes Gewebe-Papier: Bei Tageslicht ist es grau mit kupferroten Einschüssen, aber wenn ich meine Nachttischlampe anknipse schillert mir der Regenbogen entgegen. Kurz: ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.

Es gibt viele gute Gründe, seinen Lebensmittelpunkt nach Hamburg zu verlegen. Am meisten überzeugt mich Isabel Bogdans Begründung: »Weil es da so schön ist.« Sollte ich wieder einmal danach gefragt werden, warum ich {immer noch} in Berlin lebe, werde ich genau das erwidern. Entweder ist das Gespräch damit jäh beendet oder es wird genau jetzt interessant.

Die preisgekrönte Übersetzerin und Autorin, die mit ihrem ersten Roman »Der Pfau« direkt den großen Coup landete, bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Ihre Rezensent/innen sprechen von »subtilem Humor«, was sicher die korrekte Bezeichnung für das ist, was in mir wirkt, wenn ich ihre Texte lese. Die Wirkungskette ist immer ähnlich: Erst setzt der »Ja klar, ich weiß, wovon du sprichst«-Reflex ein, der sich sogleich in sein Gegenteil verkehrt: »Hä, was sagt die da?«. Darauf folgt ein Moment geistiger Leere, in dem ich mir sehr einfältig vorkomme, mein Hirn aber vermutlich Höchstleistungen vollbringt. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie es zu der anschließenden Reaktion kommt: plötzliche Erkenntnis gepaart mit mehr oder weniger stillvergnügter Heiterkeit – manchmal muss ich auch laut lachen, wie zum Beispiel bei ihren Antworten auf Google-Suchanfragen:

»eier gucken aus der hose
Ist ja auch bald Ostern.

wozu braucht man figurale intelligenz
Zum Einparken«

Im heutigen Montagsinterview mit Isabel Bogdan geht es unter anderem um die Kunst des Übersetzens, um den Unterschied von fiktivem und faktischem Schreiben und Kommunikation in virtuellen und »Kohlenstoffwelten«. Vielen Dank, liebe Isabel, für das heitere Gespräch mit dem ich allen einen stillvergnügten Start in die neue Woche wünsche.

Isabel Bogdan, Autorin „Der Pfau“, Kiepenheuer&Witsch ©Smil

Du arbeitest täglich mit und in der Sprache. Was ist Sprache für dich und wie ist dein Verhältnis zu ihr?

Sprache fasziniert mich nach wie vor. Was sie alles kann! Und was für Möglichkeiten für Missverständnisse sie bietet! Wahrscheinlich ist die Komplexität unserer Sprache das, was uns von den Tieren unterscheidet. Wir brauchen Sprache, um uns die Welt zu erklären, zum Denken. Und ich finde es auch spannend zuzusehen, wie sie sich verändert, wie sie immerzu im Fluss ist, und dauernd selbst abzuwägen, wo ich sprachbewahrerisch tätig sein möchte, und wo ich neu eingewanderte Gewohnheiten übernehme. Mit solchen kleinen Entscheidungen kann man in der Literatur unterschwellig viel rüberbringen, und das macht großen Spaß.

Gut übersetzte Romane sind ein großes Glück, das mir gottlob öfter widerfährt. Worin besteht die Kunst des literarischen Übersetzens?

Darüber könnte ich wahrscheinlich einen mehrstündigen Vortrag halten. Kurz gesagt: Die Kunst des literarischen Übersetzens besteht darin, nicht nur Wörter und Sätze zu übersetzen, sondern auch die unsichtbaren Beziehungen zwischen den Wörtern und Sätzen. Wenn man nur den Sinngehalt überträgt, ist ein Text tot. Für Literatur braucht es die Schwingung dazwischen, Rhythmus, Klang, Stilebene, eben das, was die Literatur etwa von juristischen oder technischen Texten unterscheidet. Und genau das macht für mich die Freude am Literaturübersetzen aus. Den richtigen Sound für jedes Buch zu finden.

Worin besteht für dich der größte Unterschied zwischen literarischem Übersetzen und literarischem Schreiben?

In der Angst vor dem leeren Blatt. In der tiefsitzenden Überzeugung, dass mir nichts einfällt. Beim Übersetzen hat man diese Angst nicht, da steht ja immer schon etwas. Dadurch sind beim Schreiben auch die Erfolgs- und Frustrationserlebnisse größer.


»Sprache fasziniert mich. Was sie alles kann! Und was für Möglichkeiten für Missverständnisse sie bietet!«


Du hast auch Sachbücher übersetzt und ein Buch übers »Sachen machen« geschrieben. Wie anders ist diese Art des Übersetzens und Schreibens im Vergleich zum Literarisch-Fiktiven?

Die Sachbücher, die ich übersetzt habe, waren zumeist erzählende Sachbücher, die also auch so etwas wie einen eigenen Ton hatten. Da lag der Unterschied oft vor allem darin, dass mehr zu recherchieren war. Beim Schreiben war es so, dass das Sachenmachenbuch sich fast von allein geschrieben hat, denn da habe ich Dinge unternommen und ausprobiert und hinterher aufgeschrieben, wie es war. Da hatte ich die Angst vor dem leeren Blatt nicht, denn ich wusste ja, was zu schreiben war. Einen Roman zu schreiben, war ganz anders, da ist man allein mit seinen Gedanken und seinem Worddokument und meint erstmal, man müsse aus dem Nichts schöpfen. Das muss man aber gar nicht! Man muss nur Vorhandenes neu zusammensetzen, aber bis ich das verstanden hatte, hat es lange gedauert. Und wirklich verinnerlicht habe ich es immer noch nicht.

Es heißt, Erfolg verändere. Dein erster Roman »Der Pfau« hat dich innert kürzester Zeit zu einer erfolgreichen Schriftstellerin gemacht, nachdem du schon preisgekrönte Übersetzerin warst. Wie haben deine Erfolge dich verändert?

Ich hoffe, gar nicht! Aber meinen Lebensrhythmus hat es erstmal verändert. Als Übersetzerin sitzt man im Wesentlichen zu Hause am Schreibtisch, und wenn man mit einem Buch fertig ist, macht man das nächste. Das hat eine Menge Vorteile, aber eigentlich bin ich zu kommunikativ für einen so einsamen Job.

Als Autorin war ich letztes Jahr sehr viel auf Lesereisen, ich hatte insgesamt 73 Veranstaltungen. Eigentlich müsste ich mal ausrechnen, wie viele Bahnkilometer ich gefahren bin und in wie vielen Betten ich geschlafen habe. Ich hatte plötzlich Publikum und habe lauter tolle Leute kennengelernt, das war schon sehr schön. Und anstrengend auch. Jetzt wird es wieder ruhiger, ich mache weniger Lesungen, übersetze wieder (Erzählungen von Jane Gardam), und danach schreibe ich hoffentlich den nächsten Roman. Der Alltag geht also langsam wieder back to normal. Ich selbst bin hoffentlich sowieso noch die Alte.

Nicht zuletzt als Bloggerin bist du viel in der Netzwelt unterwegs. Wie erlebst du die Sprache und den Umgang mit Sprache dort?

Ich bin im Netz offensichtlich in einer ziemlichen Ausnahmeblase unterwegs und kommuniziere mit tollen, eloquenten, witzigen, kreativen Leuten, aber das ist sicher nicht repräsentativ. Wenn ich aus Versehen mal auf Zeitungsseiten die Kommentare lese, was ich meiner Psychohygiene zuliebe normalerweise vermeide, dann wird’s mir angst und bange. Allerdings eher aus inhaltlichen als aus sprachlichen Gründen. Sprachliche Genauigkeit und Eloquenz sind nicht jedermanns Stärken, das hat aber erstmal nichts mit dem zu tun, was jemand sagt.


»Wenn alles von mehr Menschenfreundlichkeit durchdrungen wäre, wäre die Welt eine bessere.«


Wenn du einen Wunsch frei hättest, welche Sprach- und Kommunikationskultur würdest du im Internet etablieren? 2016 war für dich persönlich ein sehr gutes, weltpolitisch ein eher verstörendes Jahr. Was wünschst du dir für 2017?

Die Fragen beantworte ich mal zusammen. Ich wünsche mir, dass die Menschen freundlich zueinander sind, im Großen wie im Kleinen. Menschenfreundlichkeit und Empathie sind eine Lebenseinstellung, das hat mit Sprachgebrauch erst in zweiter Linie zu tun. Und es macht für mich auch keinen Unterschied, ob man im Internet oder draußen in der Kohlenstoffwelt kommuniziert – wenn alles von mehr Menschenfreundlichkeit durchdrungen wäre, wäre die Welt eine bessere. Vielleicht ist sie ja ansteckend, alle freundlichen und positiv gestimmten Menschen sollten darum dafür sorgen, dass sie präsent sind und dem Hass etwas Konstruktives entgegensetzen.

Fotos: Smilla Dankert

»Stein fand das Haus im Winter. {…} Es sah aus, als würde es jeden Moment lautlos und plötzlich in sich zusammenfallen.«
aus: Judith Hermann: Sommerhaus später, 1998


Als Judith Hermanns Erzählband »Sommerhaus später« erschien, war ich Mitte Zwanzig und hatte das Experiment Landleben erst kürzlich beendet. Trotzdem fand ich an der Vorstellung Gefallen, später einmal ein Sommerhaus zu besitzen – gerne am See, noch lieber an der See und am allerliebsten auf einer Insel. Wenn ich mit meinem damaligen Freund durch den damals noch ziemlich »wilden Osten« fuhr, hielt ich stets Ausschau nach »meinem Sommerhaus«. Ich fand es nie und so wird es wohl auch bleiben. Nicht dass das Bild von mir in einem prachtvollen Blumengarten vor einem kleinen Haus mit Blick aufs Meer keinen Reiz mehr hätte. Durchaus! Nur das Wissen um die Arbeit, die in einem prachtvollen Blumengarten steckt und um die hinter der Idylle lauernde Tristesse dämpft die Euphorie. Nichtsdestoweniger zieht es mich immer wieder aufs Land und eben weil ich dort keine feste Bleibe habe, suche ich immer neue Orte auf.


»Gerade im Winter muss ich mich in der Wohnung wohlfühlen.«

Schöne Ferienwohnungen im näheren und weiteren Umland von Berlin {auch zu erschwinglichen Preisen} findet man z.B. über diese Plattformen {kennt ihr noch andere?}:


Ma. blickt aufs Salzhaff hinaus

Meine jüngste Entdeckung heißt Rerik. Das kleine Ostseebad zwischen Rostock {ca. 37 km} und Wismar {ca. 36 km} trug bis 1938 den slawischen Namen Alt Gaarz, doch die Nazis stellten sich lieber in die Tradition der kriegerischen, ergo: »starken« Wikinger und benannten den Ort nach ihrer hier vermuteten Siedlung Reric. Tatsächlich lag der slawisch-wikingische Handelsplatz etwa 19 km südsüdwestlich, aber faschistische Regime nehmen es bekanntermaßen nicht so genau mit der Wahrheit und also heißt Alt Gaarz nun eben Rerik.

Das 2.000-Einwohner/innendorf liegt am nordöstlichen Ende des Salzhaffes, dort wo die Halbinsel Wustrow beginnt und der Strandspaziergang jäh am Stacheldraht endet. Schon von Ferne blicken einem die tiefschwarzen Fenster der einstigen Gartenstadt entgegen – beinah idyllisch, wäre da nicht dieses düstere Unbehagen.

Die Gartenstadt auf der verbotenen Halbinsel Wustrow

Über viele Jahrhunderte war die Halbinsel ein unbedeutender Grundbesitz mit drei Erbpachthöfen, Wiesen und Feldern. Das änderte sich 1932 als die »von Plessen-Brüder« das Areal an die Reichswehr verkauften. Die Nationalsozialisten hatten Großes mit der kleinen Insel vor: Innert weniger Jahre wurde hier die größte Flak-Artillerieschule errichtet samt Kasernenanlagen, Flugplatz, Hafenanlagen und Gartenstadt {Rerik-West}. Wie die Sache weiter- und ausging, ist bekannt. Am 2. Mai 1945 wurde Wustrow kampflos an die sowjetischen Streitkräfte übergeben, die es von 1949 bis 1993 einen Militärstützpunkt nutzten. 1998 verkaufte die Bundesrepublik Deutschland das Areal entgegen dem Willen der Reriker/innen an einen Privatinvestor. Die Fundus-Gruppe träumte von einem Luxus-Resort mit Golfplatz und Marina. Doch daraus wurde nichts. Es fehlte ein überzeugendes Verkehrskonzept, weshalb die Stadt ihr Veto einlegte. Den Vorhabensstopp quittierte der Investor prompt: Das vollständige Zutrittsverbot untersagte fortan auch die Führungen über das Gelände. Das liegt nun 13 Jahre zurück; in der Zwischenzeit hat sich die Natur die Insel Stück für Stück zurückerobert und das einstige Bauland in einen Wald verwandelt. Ob und wie der Investor seine Pläne jemals realisiert, ist offen. Anders die Halbinsel: Die ist weiterhin geschlossen. 2013 unternahmen Studierende des Instituts für Freiraumentwicklung an der Universität Hannover einen neuen Anlauf und entwickelten fünf alternative Nutzungskonzepte für »das verbotene Paradies«, doch die »Entwürfe für die postmilitärische Wildnis« wurden meines Wissens nie ernsthaft diskutiert.

Stachseldraht versperrt den Weg zur Halbinsel Wustrow

Abgesehen von der turbulenten Geschichte der Halbinsel Wustrow ist Rerik ein eher unspektakulärer Ort: Zu seinen touristischen »Highlights« zählen eine frühgotische Kirche, ein kleines Heimatmuseum und ein paar Großsteingräber. Mein persönliches Highlight war der morgendliche Steilküstenlauf und unsere »wohnung süd« im »haus m«, die der in Berlin lebende Architekt Sebastian Kablau entworfen und gebaut hat. Die 50qm-Wohnung hat alles, was das Wohnminimalist/innen-Herz begehrt: schlichte Möblierung, viel weiße Wand und noch mehr Licht.

Doch selbst in der schönsten Wohnung droht irgendwann der Budenkoller, wenn das Wetter den täglichen Strandspaziergang vereitelt. Gegen den drohende Deckenabsturz hilft nur eines: »ausfliegen«.

Meine Ausflugs-Tipps rund um Rerik

WONNEMAR Wismar: Wenn es einem endlich gelungen ist, sich mit der Tatsache zu arrangieren, dass Runen- und Landser-Tattoos hier zur Normalität gehören, kann das Wismarer Badeland mit seinen vielen Becken und Rutschen sogar Spaß machen.


Von Rostock haben wir nur einen kleinen Ausschnitt gesehen: die Stadtmitte und die Kröpeliner-Tor-Vorstadt {kurz: KTV}. Vor allem das bunte Studenten- und Szeneviertel mit seinen vielen kleinen Läden, Cafés und Bars mochte ich.

Meine Rostock-Empfehlungen:


Warnemünde gehört zwar zu Rostock, kann aber durchaus für sich allein stehen. Das Seebad mit dem breitesten Sandstrand der Ostseeküste hat vor allem architektonisch einiges zu bieten: auf der einen Seite das Hotelturm »Neptun« {Baujahr: 1971} und der hochmoderne Hyparschalenbau von Müther und Kaufmann, Teepott genannt {Baujahr: 1965}. Auf der anderen Seite der Leuchtturm und die alten Fischerhäuser und dazwischen das Kurhaus im Stil des Neuen Bauens, die riesige Werft und nicht minder großen Hafen.

Meine Empfehlungen für einen Besuch in Warnemünde:

Der Strand von Rerik

Neben Rostock, Warnemünde und dem Wonnemar gibt es natürlich noch viel mehr zu sehen; Heiligendamm zum Beispiel oder Bad Doberan. Das heben wir uns für ein eventuelles nächstes Mal auf. Habt ihr für dieses nächste Mal vielleicht noch ein paar Tipps und Empfehlungen?

»Seit etwa zwei Jahren bin ich Nina«, erzählt sie, »davor war ich in meinen Dokumenten und nach außen ein Mann.« Innen war sie seit jeher eine Frau bzw. ein Mädchen, nur verstand das niemand. Die Sprache reichte einfach nicht hin, um die Fremdheit im eigenen Körper zu beschreiben. Transsexualität wurde gesellschaftlich lange als krankhaftes Außenseiterphänomen betrachtet, über das man lieber nicht sprach und spätestens seit Ludwig Wittgenstein weiß man, dass die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt sind. Das kleine Mädchen im Jungskörper bewegte sich mit ihren Gefühlen und Gedanken also außerhalb der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Welches Leid das bedeutet, kann ich nur erahnen.

Vor sieben Jahren vertraute sich Nina ihrer Frau an und beendete das Leben im falschen Körper. Wie der Weg zur »ganzen Frau« in einer christdemokratisch regierten Kleinstadt aussieht, was es für ihre Familie und Eltern bedeutet, dass der vermeintliche Ehemann, Vater und Sohn eine Frau {Papa} und Tochter ist, das und mehr erzählt Frau Papa im heutigen Montagsinterview, mit dem ich einen guten Start in die KW 8 wünsche.

1.000 Dank, liebe Nina, für das gute Gespräch!

 Wer ist Frau Papa und was macht dich aus?

Seit etwa zwei Jahren bin ich Nina, davor war ich in meinen Dokumenten und nach außen ein Mann. Für meine Kinder war und bin ich Papa. Für mich war dieses Wort immer sehr wichtig. Es ist mit so viel Liebe verbunden, dass ich es den Kindern niemals wegnehmen könnte. Meine Kinder nennen mich mal Nina, mal Papa.

»Frau Papa« ist entstanden, als eine Mutter im Kindergarten einen Begriff suchte und die künstlichen Mama, Mami, Mampa… Begriffe mir einfach zu aufgesetzt wirkten und ich sagte: »Ich bin eine Frau und ich bin Frederics Papa.« Seitdem bin ich für die meisten der Papa, für einige sogar die Papa meiner Kinder.

»Für einige bin ich die Papa meiner Kinder.«

Was mich ausmacht: eine gewisse Dickköpfigkeit – ja, wirklich. In den letzten Jahren habe ich sehr viele Hindernisse überwunden, die teilweise schon mein ganzes Leben in meinem Weg lagen und da war es erforderlich hartnäckig, zielstrebig und ein wenig dickköpfig zu sein. Ich habe geschafft, die Frau zu werden, die immer in mir steckte und nicht die Vorstellung anderer zu erfüllen.

Du lebst mit deiner Frau und euren vier Kindern in einer CDU-regierten Kleinstadt in NRW – nicht eben das Umfeld, das ich mir gegenüber einer Trans-Frau ganz offen und unvoreingenommen vorstelle. Aber vielleicht irre mich. Welche Erfahrungen machen du und deine Familie?

Ja, die Menschen hier in Ostwestfalen sind nicht gerade für ihre Weltoffenheit bekannt, aber die meisten sind besser als ihr Ruf. Als ich am Anfang meines Weges war und noch etwas unsicher, stieß ich auf mehr Ablehnung. Inzwischen bin ich ziemlich selbstbewusst und vor allem selbstsicher und trete entsprechend auf. Ich bin in der Elternpflegschaft der Schule und Mitglied im Schulelternrat der Stadt und dort spielt mein Transsein keine spürbare Rolle.

Die Kleinstadt hat den großen Vorteil, dass sich die Menschen in meinem Umfeld einfach auch an mein Anderssein gewöhnt haben, weil man sich jeden Tag über den Weg läuft.

Natürlich begegnen mir jeden Tag auch Leute, die mich schräg ansehen. Aber da ich inzwischen optisch kaum mehr als trans erkennbar bin, wird das immer weniger. Gelegentlich erschrecken die Menschen im Supermarkt, wenn meine Kinder mich Papa nennen und ich mit meiner tiefen Stimme antworte. Plötzlich zerbricht mein optisches Passing und die Menschen erkennen mich als Transfrau – ich lächle dann einfach und das entspannt die ganze Situation. Wirkliche Ablehnung erleben wir nur selten.

Als Jugendliche lehnte meinen vermeintlich unförmig-dicken Körper ab und versuchte ihn zurechtzuhungern. Welche Gefühle hast gegenüber deinem Körper? Und welches Körpergefühl wünscht du dir?

An guten Tagen bemerke ich meinen Körper nicht. Dann denke ich nicht darüber nach und lebe recht unbeschwert. An guten Tagen sehe ich, wenn ich das Bad verlasse, keinen Mann mehr im Spiegel.

»An guten Tagen bin ich einfach eine Frau.«

Aber an den anderen Tagen spüre ich jedes Haar meiner Körperbehaarung, da kratzt mein Bart bei jeder Bewegung und mein Make-up schafft nicht, den Kerl im Spiegel zu einer Frau zu verwandeln. An den nicht so guten Tagen, meide ich Spiegel und schaue nicht in Schaufenster. Dann steckt die Frau in einem Männerkörper fest, sie ist darin gefangen.

Das Verhältnis zu meinem Körper hat sich durch die Hormonbehandlung gebessert. Meine Körperbehaarung wächst dadurch etwas langsamer und vor allem habe ich andere Rundungen bekommen {nicht nur Brüste}. Es gibt immer noch einiges, das mich belastet… Einfach gesagt: Ich sehe nackt definitiv nicht wie eine Frau aus und mein Bartschatten belastet mich bei jedem Blick in den Spiegel… aber das sind Dinge, die ich ändern kann und daran arbeite ich gerade zielstrebig.

Der Vergleich mit der Magersucht ist sehr passend, denn ich weiß, dass ich meinen Körper nur zu einem gewissen Maß formen kann. Der Rest muss im Kopf stattfinden und dabei habe ich schon einige sehr große Schritte erreicht, wie mir die guten Tage zeigen. Ich bin auf dem besten Weg, meinen Körper nicht mehr zu hassen.

Du schreibst, dass du schon als Kind wusstest, dass du im falschen Körper steckst. Doch es hat viele Jahre gedauert, bis du dich entschieden hast, deinem Körper deinem Gefühl anzupassen. Wie waren diese Jahre, vor allem auch in der Pubertät, in der man ja ohnehin oftmals mit seinem Körper kollidiert?

Die Pubertät war für mich sehr schwer. Mein Körper entfernte sich immer weiter von dem, was ich als passend empfand. Allerdings fehlte mir die Möglichkeit, das zum Ausdruck zu bringen. Mein Umfeld kannte nur zwei Geschlechter und Transsexualität gab es nicht. Bereits mit 16 habe ich einer meiner engsten Freundinnen anvertraut, dass ich »eine Frau sein will«. Leider verstand mich niemand und ich fand keine Sprache, um es verständlich zu machen.

»Ich war für alle einfach ein sensibler Frauenversteher.«

Der Nebeneffekt war, dass ich mich für meine Gedanken und Wünsche zu hassen begann. Mehrere Male versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Wenn ich heute auf die tiefen Narben in meiner Psyche zurück blicke, die ich durch das Unterdrücken und Verdrängen meiner Weiblichkeit geschaffen habe, dann bereue ich, dass ich mich nicht früher geoutet habe. Aber ich weiß, dass es einfach nicht möglich war. Und vor allem, gäbe es dann meine Kinder nicht.

Deine Frau hat dich als »Mann« kennengelernt und geheiratet. Deine Kinder kannten dich als »Mann«. Und alle scheinen deine »äußerliche Verwandlung« – was ich nicht selbstverständlich finde – ganz selbstverständlich zu finden. Wie ist euch das gelungen?

Meine Veränderung passierte nicht von einen Tag auf den anderen. Ganz im Gegenteil. Im ersten Jahr, nachdem ich meiner Frau gestanden habe, dass ich nicht mehr so tun kann, als wäre ich ein Mann, gab es nach außen keine sichtbaren Anzeichen. Irgendwann hörte ich auf Herrenschuhe zu kaufen und trug die Schuhe, die mir bequemer waren und besser gefielen. Irgendwann hatte ich ein pinkes Halstuch und statt einem Sweater einen Strickpulli an. Und später auch mal ein Armband und Nagellack.

Vor etwa 7 Jahren hab ich mich bei meiner Frau geoutet. Die ersten drei Jahre lang sah man nach außen kaum ein Veränderung. Zuhause trug ich schon mal einen Rock aber auf der Straße sah man davon nichts. Die Kinder konnten die Veränderung zuhause sehen und die ersten Schritte in die Öffentlichkeit waren auch nicht so extrem. Ich kleidete mich femininer. Ich trug keine Perücke, keine auffälligen Kleider, war nicht all zu schrill… Und vor allem galt bei uns die Regel: die Kinder konnten immer sagen, wenn mein Outfit zu »gewagt« war. Ich glaube das lag einfach daran, dass wir uns für diesen Weg sehr viel Zeit ließen.

»Es gab nicht »den Tag«, ab dem ich als Frau auf die Straße ging – es war vielmehr ein fließender Übergang.«

Die deutlichste Veränderung passierte, als ich mir einen Teil meiner Haare schnitt, um daraus mein erstes Haarteil zu basteln. {Mir widerstrebte der Gedanke eine Perücke zu tragen immer und meine Perücken-Experimente waren echte Katastrophen.} Ich hatte mich entschieden einen Pony zu machen, den ich mit einem Haarband tragen konnte. Und das Erstaunliche: Ich fiel dadurch in der Öffentlichkeit weniger auf. Während ich ein paar Tage davor immer als »Mann« erkannt wurde, merkte ich, dass viele Menschen an mir einfach vorbei gingen, ohne dass ich ihnen auffiel. Diese kleine Veränderung machte Wege in der Öffentlichkeit für uns alle deutlich einfacher.

Ganz anders haben deine Eltern auf deine Entscheidung reagiert, dass du das Leben im falschen Körper beenden willst. Auf Tollabea berichtest du, dass deine Mutter und du euch langsam wieder annähert. Wie hat sich eure Beziehung und ihre Einstellung seither entwickelt?

Meine Mutter macht langsame Schritte. Ich erkenne, dass sie sich große Mühe gibt. In ihrer Vorstellung hat sie aber das Bild ihres Sohnes und es gelingt ihr nicht, mich mit anderen Augen zu sehen. Zumindest noch nicht. Es wird wahrscheinlich noch ein langer Weg, bis meine Mutter mich nicht mehr bei meinem alten Namen anspricht und ein noch längerer, bis sie mich als das sehen kann, was ich bin: ihre Tochter.

Leider bemerke ich, dass der Großteil der Verantwortung für die Annäherung bei mir liegen bleibt. Meine Mutter verlangt Geduld, wenn sie mich mit »du bist einfach immer noch mein Bua« {Junge} anspricht. Sie ist verletzt, wenn ich ihr sage, dass mich solche Bemerkungen sehr treffen. Ja, ich weiß, dass sie keine böse Absicht hat. Ich glaube sogar, dass sie sich sehr große Mühe gibt, mich zu akzeptieren, dass ihre Vorstellung von mir, aber sehr fest sitzt. Das wird also noch eine ziemliche Reise, bis wir uns wirklich annähern.

Auf deinem Blog »Frau Papa« schreibst du sehr offen und direkt über die Herausforderungen und Themen, die dich als Trans-Frau beschäftigen. Wie wird darauf in der Netzwelt reagiert?

Die Netzwelt… Das klingt, als wäre das eine homogene Masse, aber das ist es leider nicht. Ich habe in sozialen Netzwerken extrem viel Verständnis erlebt. Was mich aber noch viel mehr fasziniert: sehr viele Menschen im Netz trauen sich Fragen zu stellen und suchen nach Antworten, um mehr Verständnis entwickeln zu können. Ja, wirklich.

Die meisten Menschen, die mir begegnen, wissen nur wenig über Transsexualität. Da ich nicht nur über diesen einen Aspekt meines Lebens schreibe, merken viele auch erst nach einiger Zeit, dass ich trans bin. Ich erlebe selten, dass sich jemand deswegen abwendet. Viel öfter erfahre ich, dass im Menschen im Netz ihren Horizont erweitern wollen. Viele Menschen, die irgendeine Form von Diskriminierung erfahren haben {sei es wegen der Figur, einer Erkrankung oder Behinderung…} verstehen meine Erfahrungsberichte sehr gut. Ich erfahre Rat und Hilfe, bekomme Zuspruch und oft einfach auch Trost, von Menschen, die mit Transsexualität eigentlich gar nichts zu tun haben.

Natürlich gibt es die Kehrseite des Netzes. Meine Blockliste ist sehr lang und ich gehe davon aus, dass sie beständig länger wird. Menschen, die mich beleidigen, indem sie ihr Unverständnis über Transsexualität lauthals in die Welt schreiben, versuche ich nicht zu bekehren. Mir fehlt die Kraft, um ignoranten Leuten zu erklären, dass ich eine Frau im Männerkörper bin und kein Mann in Frauenkleidern.

»Aber die meisten Feinde mache ich mir, weil ich mich für Gleichberechtigung, Inklusion und Toleranz in der Gesellschaft einsetze.«

Das »Du-bist-hässlich-‚Argument’«, das viele Feministinnen kennenlernen, klingt halt bei mir »Du bist ja nur ne Transe«.

Im Netz habe ich Menschen kennengelernt, die mir selbst, als ich von Trollen attackiert wurde, den Rücken stärkten. Menschen, die meine Familie und mich mit so viel liebe beschenkten, dass ich oft sprachlos war und bin. Ich habe Menschen kennen gelernt, für die mein Körper, meine Stimme, mein Geschlecht absolut keine Rolle spielt, die in mir einfach nur Nina oder Frau Papa sehen. Diese Menschen bestärken mich über alle Themen zu schreiben, die meine Familie und mich betreffen. Ja, ich würde viele dieser Menschen, die ich noch nie getroffen habe, als meine engsten Freunde bezeichnen.

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn alle Menschen Amateurfotograf/innen wären? Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Interview mit Werner Pechmann {AlleAugenblicke}. Der zweifache Vater und einfache Großvater mit drei Wohnsitzen ist Fotograf und versteht sich in seiner Profession mit Andreas Feininger als »Amateur«. Der nämlich nahm den »Amateur« beim Wort: Vom Lateinischen amator kommend sei er ein »Liebhaber« und eben darin läge der Schlüssel zum Erfolg. Denn:

»Was man nicht mit Liebe tut, wird man nie wirklich gut machen. […]. Wenn man das Motiv, das man fotografieren möchte, nicht »liebt« – d.h., kein echtes Interesse an ihm empfindet – sollte man es übergehen […], denn das Foto kann einfach nicht »gut« werden.« Andreas Feininger, aus: Richtig sehen – besser fotografieren, 1973


Das ließe sich im Grunde auf sämtliche Bereiche des Lebens übertragen. Aufs alltägliche Miteinander könnte es etwa lauten: »Wenn man seine Mitmenschen nicht »liebt« – d.h., kein echtes Interesse an ihnen empfindet – sollte man sich selbst hinterfragen […], denn das Miteinander kann einfach nicht »gut« werden.« Nun, wie auch immer, jetzt wünsche ich erst einmal eine anregende Lektüre und sage Danke, lieber Werner, für das schöne Gespräch, das ich zu gegebener Zeit gerne fortsetzen würde – vis-á-vis.

Auf deiner Website heißt es, es gäbe viel über dich zu erzählen, jedoch gehöre das nicht ins Netz. Magst du mir und meinen Leser/innen vielleicht doch ein wenig von dir erzählen: wer und was bist du sind – oder eben gerade auch nicht?

Auf meiner Website umgehe ich es bewusst, mehr von mir zu erzählen. – Tja, warum? Leider ist das Worldwide Web wie jeder andere Ort auf der Welt keiner, in dem es nur »Gute« gibt. Ich habe einige Male die unschöne Erfahrung gemacht, dass man sich angreifbar macht, wenn man sich {zu weit} öffnet. Und hier im Netz öffnet man sich für alle sichtbar, eben auch für den Teil, der es möglicherweise nicht gut mit einem meint – aus welchen Gründen auch immer.

Ich kann im Netz nicht differenzieren. Und das stört mich ein wenig, denn man muss mit sich selbst achtsam umgehen. Aber natürlich gibt es viel zu erzählen, wenn man schon ein paar Lebensjahre mit sich herumträgt. Deshalb halte ich es gerne damit: Wer mich fragt und Konkretes wissen will, bekommt auch immer eine Antwort. An dieser Stelle vielleicht noch so viel:

  • Das »Wer«: Stolzer Papa von zwei erwachsenen Kindern und seit letztem September ebenso stolzer Opa.
  • Das »Was«: In erster Linie Mensch. Alles andere folgt dann – und wesentlich später!

Du lebst im Weserbergland, in Hannover und Berlin. Wie lebt man an drei Orten?

An drei Orten lebt es sich eigentlich gar nicht. Man ist »irgendwie« nirgends zu Hause und kommt auch »irgendwie« nie an und ist »irgendwie« immer weg. Aber wie das doch öfters im Leben ist: Diese Lebenssituation ergab sich aus beruflichen Aktivitäten, eher schleichend und unbemerkt. Anfangs fand ich diese Konstellation und die Bewegung, die dahinter steckt, spannend. Ist sie auch noch immer, doch zunehmend verbunden mit einer gewissen Mattigkeit. Ein Zustand also, der eine Änderung erfahren muss und auch in diesem Jahr wird. Wie genau wird sich noch zeigen.

Hannover und Berlin – zwei Städte, die zumindest auf den 1. Blick wenig gemein haben. Was schätzt du an der einen, was anderen der anderen? Und was macht die beiden Städte in deinen Augen schön?

Berlin ist für mich die Stadt, die mich treibt und immer wieder kreativ befruchtet und inspiriert. Die Stadt, in der ich all das finde, was das Leben für mich ausmacht: verschiedene Kulturen, Kreativität, Vielfalt, Pluralität, Geschichte. Hier finde ich eine gewisse Lässigkeit. Ja, und auch dieses gern gepflegte Flair der Unvollkommenheit und der Schludrigkeit. Ich mag an dieser Stadt, dass es nicht das eine Zentrum gibt: Jeder Kiez ist ein Zentrum für sich und das hat oft schon wieder einen kleinstädtischen Charakter. In Berlin mag ich den Zauber gewisser Orte.

Hannover ist so anders. Dieser Stadt eilt der Ruf voraus, langweilig zu sein. Das ist sie aber nicht. Hannover ist überschaubar, eine Stadt der Kunst {Sprengel Museum, Kestner Gesellschaft – um nur zwei zu nennen}. Hannover ist ein wenig »bräsig«, aber mit Charme durch viel Grün {Eilenriede}. Ich liebe die Sommerabende am Maschsee. Hannover ist meine ruhige Antwort auf zu viel Berlin.

Wie und wann bist du zur Fotografie gekommen?

Ich bin viel im Netz bei anderen Fotografen unterwegs: Wie oft stoße ich dabei auf „Über-mich-Seiten“, in denen der Autor über seinen Weg zur Fotografie erzählt und dabei von der ersten Kamera zur Konfirmation oder über die alte analoge Kamera des Opa berichtet {scheint ein großer Impuls zu sein}. Alle diese Wege scheinen sich zu ähneln. Bei mir hatte der Weg zur Fotografie etwas mit meiner Lust an Geschichten, am Erzählen, am Ausdruck zu tun.

Tatsächlich schrieb ich zuerst kleine Geschichten {als Jugendlicher per Hand in eine alte Kladde} und erst dann packte mich die Lust am Foto. Aber hätte ich nur das geringste Talent: Ich würde malen. Da ich das nicht konnte, blieb das Foto, gerne und immer auch mit Gedanken, Geschichten, Musik. Aber meine Fotografie liegt wohl auch in der Familie: Meine Mutter war Fotografin {der Beruf aber spielte zu Hause nie eine Rolle}. Sie arbeitete später {als die Kinder groß waren} in einem Fotofachgeschäft und retuschierte mit feinem Pinsel die S/W-Portraits. Das habe ich immer bewundert.

Deutschlandbilder Werner Pechmann AlleAugenblicke

Du verstehst dich als »Amateurfotograf« im Sinne von Andreas Feininger, dem berühmten Sohn und autodidaktischen Fotografen. Ihm zufolge zeichnet der Amateur dadurch aus, dass er seine »Motive« liebt. Wie gelingt es dir, die Welt stets liebevoll zu betrachten?

»Love is the answer« – ich halte es mit dieser Aussage von John Lennon. Tatsächlich arbeite ich in meinem Leben {und nicht nur in der Fotografie} viel daran, allem und jedem zunächst mit Liebe und Offenheit zu begegnen. Liebe ist der Schlüssel zu allem. Es gelingt mir leider nicht immer {aber dann fotografiere ich nicht}.


»Vor der Liebe steht die Neugier.«


Mich interessiert Vieles, mich interessieren Menschen und Zusammenhänge. Stets offen und freundlich auf andere zuzugehen, neugierig zu sein: Das öffnet Türen. Erst das macht uns zu Menschen. Und dann entstehen auch gute Fotos. Davon bin ich fest überzeugt.

Was macht den »liebevollen Blick« deiner Meinung aus? Und wäre die Welt eine bessere, würden wir alle Amateurfotograf/innen sein?

Der liebevolle Blick ist, wie gerade beschrieben, der neugierige, respektvolle Blick auf die Welt. Nur weil mir etwas fremd ist, ist es nicht besser oder schlechter als das Vertraute. Ich bin neugierig und bemühe mich immer um den respektvollen Umgang. Etwas, was aktuell offensichtlich nicht mehr so angesagt zu sein scheint.


»Wenn wir uns darauf einigen können, dass Amateurfotograf/innen ihre Welt mit Neugier, Liebe und Respekt betrachten, dann wäre eine Welt voller Fotograf/innen eine bessere Welt.«


Was macht ein gutes Foto für dich aus?

Es gibt unter den Fotograf/innen grob skizziert zwei Strömungen: die des »Technik-Freaks« und die des »emotional Getriebenen« – ich gehöre eindeutig zur zweiten Fraktion. Die Fotos des»Technik-Freakszeichnen sich durch große Perfektion {im technischen Sinne} aus: Auch der letzte Pixel im Bild ist gestochen scharf, das Licht nicht ausgebrannt oder nicht vorhanden, überhaupt ist es grundsätzlich optimal bearbeitet, das Licht stets sauber gesetzt. Diese Fraktion kann mit Kamera und Objektivtypen um sich schmeißen, kauft sich stets das neueste Equipment und ist technisch auf der Höhe der Zeit. Für den Emotionalen ist die technische Perfektion eher zweitranging. Er nutzt das Wissen dieser Techniken, um Gefühle zu erzeugen. Wichtig sind Aussage, Stimmung, Gefühl. Was löst das Foto aus? Auch ein Foto was rauscht, unter- oder überbelichtet ist, kann ein gutes Foto sein.

Für mich sind Gefühle, die Geschichte, die ein Foto erzählt, das, was das Bild beim Betrachter auslöst entscheidende Komponenten. Die Antworten auf diese Fragen machen ein gutes Foto aus. Egal, mit welcher Kamera auch immer geschossen. Ein gutes Portraitfoto zum Beispiel kann nur am Ende einer »richtigen Begegnung« entstehen {keine Ahnung, von wem diese Aussage ist; ich habe sie von Steffen Böttcher, alias Stilpirat übernommen}. Es trifft den Punkt.

Frau auf der Brücke von Werner Pechmann AlleAugenblicke

Fotos {c} Werner Pechmann

Ich freue mich, eine neue Reihe auf M i MA bekanntgeben zu können: Von heute an wird meine Freundin Hazel Rosenstrauch jeden 2. Mittwoch im Monat das aktuelle »Weltgeschehen« als teilnehmende Beobachterin mit historischer Expertise reflektieren. Ihre erste Glosse »Zeitreise« dreht sich um Kommunikationsformen im Wandel der Zeit.


Zur Person: Hazel Rosenstrauch lebt und arbeitet in Berlin. Die Mutter eines – mittlerweile erwachsenen – alleinerzogenen Sohns wurde 1945 in London geboren und wuchs als Tochter von (ex-jüdischen) Kommunist/innen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt auf. Mitte der 1960er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt, hat sie Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften studiert. Sie hat in Verlagen, für Rundfunk und Zeitungen gearbeitet, als Autorin und Redakteurin {u.a. der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen«} sowie forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Seit 2008 schreibt sie hauptsächlich Bücher und Essays, zuletzt: »Congress mit Damen. Europa zu Gast in Wien: 1814/15«. Ihre Schwerpunkte sind: die Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter. → Wer neugierig ist, erfährt in meiner »Kladde« mehr über Hazel Rosenstrauch und ihr turbulentes Leben.

Hazel Rosenstrauch via
Hazel Rosenstrauch via oqbo

Zeitreise
von Hazel Rosenstrauch 

Denk ich an Facebook (in der Nacht) oder einen der anderen Kanäle, über die Texte und Bilder durch die Lüfte schwirren und in Clouds ruhen, dann denke ich an die tendenziell panischen Debatten über das Ende der Gesprächskultur. Ich nutze das Teufelszeug nicht, aber höre von Röhren, in denen man mit seinesgleichen kommuniziert, Echokammern, aus denen die eigene Meinung zurück hallt und von Menschen, die 500 Freunde haben. Wenn mir der Sinn nach Pessimismus steht, brauche ich allerdings keine »sozialen« (?) Medien, ich kann auch bei Podiumsdiskussionen, Talkshows und Politversammlungen den Nicht-Gesprächen lauschen, es gibt viele Gelegenheiten, bei denen von oben herab ins passive Publikum gebrabbelt wird. Neulich war ich bei einem Vortrag, man ist demokratisch, also wurden am Ende die Zuhörer eingeladen, Fragen zu stellen und da hat wieder, wie fast immer, einer das Wort er-griffen. Schnapp hatte der kleine Dicke das Mikrophon und ließ es nicht los. Er erklärte ausführlich, dass auf Seite 234 des vorgestellten Buchs ein Fehler stünde, es folgte eine lange Belehrung, wir erfuhren, wie klug und belesen er ist… Das war kaum anders als die elektronischen Selbstbestätigungen, die von Algorithmen befördert werden.

Wenn mir die Diagnosen über die Zukunft der Nicht-Kommunikation zu viel werden, setze ich mich in meine Zeitmaschine und steuere das späte 18. Jahrhundert an. Ich tröste mich mit den Klagen über die »Leseseuche« und amüsiere mich über die Warnungen vor den moralischen Folgen der massenhaften Verbreitung gedruckter Schriften. Meine Zeitzeugen der 1790er Jahre haben Tausende von Briefen geschrieben, der halbe Tag war dem Blick aufs viereckige Papier gewidmet, nicht nur Frauen, auch Männer wühlten in ihren Gefühlen, berichteten mehr und weniger belangloses Zeug, das für sie bedeutsam war. Da es noch keine Smartphones gab, wurde der Ort, an dem so ein Erguss entstand, ausführlich beschrieben; wir können den Gesichtsausdruck und die Kleidung von langweiligen Familienangehörigen in witzigen Erzählungen eines Wilhelm von Humboldt nachlesen, kennen die Statuten des sentimentalen Bundes, den Henriette Herz, Karl von La Roche und Brendel Veit gegründet haben. Mit den seitenlangen Briefen wurden die Verbindungen in die damals weit entfernten Weltteile – von Berlin nach Rom, von Göttingen in die Schweiz, nach Wien und Paris oder gar bis London hergestellt.

Ich finde diese Geschichten spannend, sie stammen aus einer Zeit des Umbruchs, in der alte Regeln nicht mehr glaubwürdig waren, Traditionen porös wurden, überkommene Orientierungen nicht mehr halfen, sich in der Welt zurecht zu finden. Junge oder auch nicht mehr so junge Leute haben sich verbunden, durch Schreiben oder eben einen Bund, der eine Zusammengehörigkeit beschwor. Die Selbstdarstellung – oft mit Worten, die man bei Dichtern gefunden hatte – war eine Form der Vergewisserung, die Schreiblust und Notier-Manie hatte damit zu tun, dass die jungen Leute beim Erzählen ihre Welt und vor allem ihre Gefühle neu entdeckt haben. Bei den Selbstdarstellungen ging es damals weniger um die neueste Kleidung oder Schminke, sondern um die Schönheit der Seele, Briefe, Gedichte und Vereinigungen gehörten zu den Suchbewegungen in einer unberechenbar gewordenen Welt – ein Vergleich mit Selfies scheint mir nicht ganz abwegig. Wie heute die Posts wurden die Briefe weitergereicht, abgeschrieben, zitiert, quasi geforwardet.

»Die Freundschaftsbünde sind eine Form der Identitätsversicherung und Heimatsuche in einer Welt, deren Strukturen zerfallen.«

Ich zitiere mich hier selbst1 und mag nicht so recht entscheiden, wie viel diese Einschätzung der ungeheuer intensiven Kommunikation mit meinem Wissen über das 18. Jahrhundert und wie viel sie mit den Assoziationen zu den Suchbewegungen von heute zu tun hat. Ein Unterschied ist mir wichtig: In den Klüngeln und zum Teil unüberschaubar großen Freundeskreisen (relativ betrachtet) war das persönliche Gespräch, Rede und Gegenrede, bei der Gedanken nicht nur ausgetauscht, sondern entwickelt wurden, das lebendige, verbindende Element, aus dem neue Weltbilder entstanden sind. Ich höre in letzter Zeit öfter, gerade von jungen Leuten, man sollte nicht nur mailen und »facebuchen«, sondern mehr von Angesicht zu Angesicht reden. Da könnte noch Einiges entstehen.


1 »Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt« | Die andere Bibliothek, 2009
Beitragbild: Cornelis Norbertus Gysbrechts (fl. 1660–1683) | Quelle: Wikimedia

Wie sieht die Welt in vier, fünf Jahren aus? Noch vor gut einem halben Jahr hat mich diese Frage relativ kühl gelassen, hielt ich die mir so selbstverständliche Ordnung der Dinge doch für quasi naturgegeben. Heute, da die 70 Jahre währende Nachkriegsordnung auf dem Spiel steht, kann mich diese Frage schon mal halb verrückt machen – halb verrückt vor Angst. Vor allem um die Zukunft meiner Kinder. Gerade in diesen Momenten tut es gut, sich mit anderen austauschen. Wie geht es ihnen mit der {neuen} Ungewissheit? Wie gehen sie mit Sorgen und Ängsten um – gerade auch als Eltern? Was gibt ihnen Zuversicht? Was macht ihnen Hoffnung?

Eben diese Frage habe ich der dreifachen Mutter und bekannten Berliner Elternbloggerin Anne Luz de León {Berlinmittemom} gestellt. Hab‘ 1.000 Dank, liebe Anna Luz, für das mutmachende Gespräch, mit denen ich allen einen zuversichtlichen Start in die 2. Februarwoche wünsche.

Die Welt befindet sich im Wandel. Die Nachkriegsordnung scheint an ihr Ende gekommen und was sie ersetzt, ist noch gänzlich ungewiss. Wie gehst du mit dieser Ungewissheit gerade auch als Mutter um?

Ich glaube, dass mir als Mutter von drei Kindern nichts anderes übrig bleibt, als meinen Kindern weiter vorzuleben, was das Richtige ist. Woran ich glaube. Genauso, wie ich im Alltag versuche, ihnen Werte zu vermitteln, mit denen sie ihre {noch kleine} Welt zu begreifen beginnen, ihnen sage, was wir als Eltern für richtig und für falsch halten und ihnen erzähle, was vor ihnen und vor mir auf dieser Welt vorging, spreche ich auch jetzt mit ihnen über die Veränderungen und Anfechtungen, mit denen wir täglich umgehen müssen.

Was ich ihnen jetzt sage, unterscheidet sich inhaltlich gar nicht so sehr davon, was ich versuche, in ihnen zu verankern, wenn es um die kleinen Dinge des Lebens geht, die uns manchmal entsetzlich schwer vorkommen: um Streit mit Freunden, Auseinandersetzungen mit den Aufgaben, die uns schwer fallen und mit Ängsten, die uns lähmen.

Ich sage ihnen, dass wir aufrecht und mutig bleiben und uns nicht verkriechen, sondern uns auf unsere Stärken besinnen müssen. Wir sind nicht allein, wir sind ein Team, das größer ist, als nur unsere Familie. Ich zeige ihnen gute mutige Menschen mit guten, hoffnungsvollen und auch erfolgreichen Projekten. Menschen, die etwas bewegen und Gutes bewirken, nicht nur für sich selbst.
Ja, die aktuelle Ungewissheit könnte uns als Familie lähmen, aber das darf und werde ich nicht zulassen. Also tun wir Dinge im Kleinen und unterstützen die, die größere Kreise ziehen. Und wir bleiben bei unseren Grundwerten, an die wie fest glauben.

Wenn jemand gemein ist: sind wir gütig. Wenn jemand laut ist: bleiben wie ruhig. Wenn jemand hasst: lieben wir. Und genau das tun wir weiterhin. Bei unseren humanistischen Überzeugungen bleiben, am Guten festhalten. Ich glaube, das ist der einzige Weg – im Kleinen etwas gut machen, die kleine Welt erhellen und verbessern, an der Hoffnung und der Liebe festhalten, ein Beispiel sein und für etwas stehen. Und damit immer größer werdende Kreise ziehen.

Mindestens deine große Tochter wird von den »transitorischen Turbulenzen«, in denen sich unsere Welt befindet, einiges mitbekommen. Wie geht sie damit um? Wie geht ihr damit um, so dass es sie nicht allzu sehr durcheinander bringt?

Wie immer: wir reden miteinander. Über alles, was sie bewegt, was uns bewegt, auch, was uns beunruhigt. Und wir reden mit anderen Menschen, mit Freund*innen, Nachbar*innen, Lehrer*innen. Wir lesen Blogs und Artikel von mutigen Menschen, die etwas zu sagen haben und sich nicht mundtot machen lassen. Aber natürlich habe ich dabei alle meine Kinder scharf im Blick und zeige ihnen nicht allzu offen, wenn Dinge mich selbst zu sehr beunruhigen. Sie dürfen spüren, dass wir nicht auf alle Fragen Antworten haben, aber sie dürfen keine Angst bekommen, weil sie denken, dass wir verzweifelt oder hoffnungslos sind.

»Es ist also immer ein Balanceakt zwischen größtmöglicher Offenheit im Umgang mit diesen Themen bei gleichzeitig kleinstmöglicher Panik.«

Das ist ohnehin etwas, das ich versuche auszuschließen: die hochkochende Panik, die sich dieser Tage gern mal schnell breit macht, vor allem in Social Media.

Inwieweit und wie thematisiert ihr das aktuelle Weltgeschehen bei den beiden jüngeren Kindern?

Ich bin sehr dankbar, dass die aktuellen Geschehnisse auch in der Schule immer wieder Thema sind und von den verschiedenen Lehrer*innen aufgegriffen werden. Dadurch haben wir gute Aufhänger, eine breite Menge an Ansätzen im Umgang und die Möglichkeit, die diversen Themen passend aufzugreifen. Grundsätzlich dosieren wir aber auch diese Themen so, wie die Kinder es bei allen anderen Themen auch vorgeben: wenn sie Fragen haben, reden wir. Aber wenn sie kein Interesse zeigen, dränge ich ihnen keine Themen auf. Nur nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz haben wir morgens mit ihnen gesprochen, damit sie nicht ahnungslos in die Schule kommen und alles schon im Bus von anderen Kindern hören. Da haben wir sie vorbereitet – und auch beruhigt.

Was rätst du anderen Eltern: Soll man den Kindern über die aktuelle Situation reden oder lieber nicht?

Ich glaube grundsätzlich daran, dass man mit Kindern entsprechend ihrem Alter eigentlich über so ziemlich alles reden kann. Sie sind so eng mit uns Eltern verbunden, dass sie ohnehin auf der nonverbalen Ebene immer mitkriegen, wenn mit uns etwas nicht stimmt. Wenn es um uns geht, sind sie kleine Seismographen. Insofern können wir uns ohnehin abschminken, wir könnten ihnen über unsere persönliche Verfassung die Unwahrheit sagen. Und ich halte es für fatal, sie zu belügen, selbst wenn es aus dem Wunsch heraus geschieht, sie zu beschützen.

Auf der negativen Seite könnte man sagen, dass wir sie nicht vor der Welt da draußen schützen können. Ich drehe das aber für mich genau herum: Wenn wir mit unseren Kindern ehrlich (nicht schonungslos) sprechen, ihnen vertrauen und ihnen zeigen, dass sie auch uns vertrauen können, unsere Bindung stärken und ihnen eine sichere Basis geben, d a n n machen wie sie stark für die Welt da draußen und sie werden sie Schritt für Schritt erobern, auch wenn sie im Wandel begriffen ist.

Natürlich ist jedes Kind anders und jede Familie ist anders. Wieviel Wahrheit über den Zustand der Welt ein Kind also in welchem Alter schon verträgt, können nur die Eltern einschätzen. Ich persönlich habe mit Offenheit gegenüber meinen Kindern gute Erfahrungen gemacht.

Es steht viel auf dem Spiel: Europa und die Demokratie, die offene, pluralistische Gesellschaft, Minderheitenrechte etc. – was macht das mit dem Menschen Anna-Luz de León?

Natürlich beunruhigt mich das. Es wäre gelogen, zu sagen, ich sei vollkommen ruhig und unbeeindruckt. Aber ich muss sagen, dass ich keine Angst habe. Es gibt schlechte Menschen und einige davon haben einen nicht zu unterschätzenden Willen zur Macht, aber ich glaube an unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und daran, dass es viele gute und gerechte Menschen gibt, die für diese Grundordnung bereit sind sich einzusetzen. Ich zähle mich, meinen Mann, meine gesamte Familie, alle unsere Freunde und viele Verbündete aus aller Herren Länder dazu.

Ich kenne viele Familien, die beim Women’s March in Washington vor Ort waren, Freundinnen, die Trecks nach Mazedonien organisieren, Menschen, die Bücher, Artikel und Blogs gegen Rechts schreiben, Künstler*innen, die sich mit der Kraft ihrer Arbeit widersetzen, Kolleginnen, die Spendensammlungen durchführen, befreundete Familien, die Geflüchtete bei sich aufnehmen, Menschen, die nicht müde werden, sich laut gegen Holocaustleugner, Rassisten Homophobiker und Sexisten zu stellen. All diese Menschen geben mir Hoffnung und machen mir Mut. Und es gibt noch viele mehr! Mit einigen komme ich »nur« virtuell zusammen, aber die gemeinsamen Überzeugungen machen uns stärker. Wir sind nicht alleine, wir sind viele. Und je brisanter die Situation zu werden scheint, desto lauter werden die Gegenstimmen. So beängstigend jemand wie Trump auch ist, seine Wahl bringt seine Gegner auf die Barrikaden. Schulter an Schulter.

»Wir sind nicht ausgeliefert, wir sind nicht allein, wir sind viele. Wir dürfen uns nur nicht verschrecken lassen.«

Kinder am Abend am Seeufer

Hast du manchmal Angst um die Zukunft deiner Kinder?

Keine konkreten Ängste. Vielleicht ist das naiv, aber ich halte an meinem Glauben an das Gute in der Welt fest. Ich glaube tatsächlich, dass das Einzige ist, das uns jetzt über eine dunklere Episode der Menschheitsgeschichte hinweg retten kann.

Wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke, fürchte ich mich mehr vor den Auswirkungen des Klimawandels als vor den Trumps und Le Pens dieser Welt. Und dann denke ich an meine Großmutter, die während des Zweiten Weltkriegs drei kleine Kinder hatte und sich mit ihren Schwestern im tiefsten Westerwald versteckt hielt. Daran, in welche Zeiten hinein sie ihre Kinder geboren hat, selbst ein Kind des Ersten Weltkriegs. Sie hat ihr Bestes getan für ihre später vier Kinder und sie hatte Glück, weil mein Großvater niemals in der NSDAP war und deshalb direkt nach dem Krieg eine gute Stelle bekam. Aber sie wusste zu dieser Zeit nicht, was werden würde, ob ihre Kinder gut klarkommen würden oder was überhaupt aus ihnen werden würde. Und sie hat dennoch ihre Kinder bekommen und so gut sie konnte durch die schweren Zeiten gebracht. Sie hat sie randvoll abgefüllt mit Liebe und einem gigantischen Vertrauen in diese vier kleinen Menschen und geglaubt, dass das das Wichtigste war, womit sie sie ausstatten und stark machen konnte. Sie hatte recht.

Ich habe keine Angst. Meine Kinder bekommen alles, was wir als Eltern ihnen mitgeben können und noch so viel mehr: Bildung, ein starkes Fundament, ein tragfähiges Netz. Sie sind gute Menschen, sie werden gute Wege finden und gehen.

Was können wir deines Erachtens tun, um unseren Kindern ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen?

Alles. Und nichts. Wie gut die Welt wird und damit das Leben, das unsere Kinder darin leben werden, liegt heute bei uns. Wenn wir uns nicht einsetzen für Frieden, Freiheit und für die Selbstbestimmung aller Menschen, dann können wir eine Welt mit diesen Werten und Errungenschaften auch für unsere Kinder nicht erwarten. Wir müssen begreifen, dass es uns alle angeht.

»Und wenn wir die weißesten, hetero-normativsten, christlichsten, angepasstesten Menschen der Welt sind: Wenn wir zulassen, dass andere um uns herum diskriminiert und in ihren Rechten eingeschränkt werden, weil sie all das n i c h t sind, haben wie unsere Freiheit und Selbstbestimmung nicht verdient.«

Ich schrieb kürzlich auf meinem Blog über Privilegien und Verantwortung, und genau das meine ich: Die Welt, die ich für meine Kinder will, muss ich schaffen. Sie verteidigen. Für sie aufstehen. Anderen die Hand reichen, die nicht partizipieren. Sie jeden Tag besser machen und wenn es nur im Kleinen ist. Nicht die Klappe halten, nicht still sein, nicht verharren, auch wenn es uns nicht persönlich betrifft. Es betrifft uns nämlich doch. Weil wir mit unserem Verhalten bestimmen, was für eine Welt wir unseren Kindern übergeben.


Fotos: M i MA aus der Reihe »Just Kids«