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Vor fast genau zwei Jahren erblickte »schmasonnen« das Licht der virtuellen Welt. Drei Anläufe hatte Schirin Jäger genommen, bis sie sich am 27. Dezember 2014 entschloss, die »Welt« an ihrem »täglichen Leben mit ihrer kleinen Familie in der schönsten Hansestadt der Welt« teilhaben zu lassen – im vollen Bewusstsein, dass sie nicht eben eine Marktlücke trifft: »Ja, ein Blog ….. Es gibt ja so wenige…. Ich mach es aber trotzdem, denn ich glaube einfach daran, dass es hier so viele von Euch gibt, die genau so denken und fühlen wie ich und ich muss es Euch erzählen.« Und Schirin sollte recht behalten: In den vergangenen zwei Jahren hat sie sich mit »schmasonnen« einen festen Platz in der »Einrichtungs-Blogosphäre« erobert.

Wie und warum das Thema »Wohnen und Einrichten« ihr nicht nur persönlich am Herzen liegt, sondern auch oder sogar vor allem beruflich – darum geht es u.a. im heutigen Montagsinterview, mit dem ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche. – Vielen Dank, liebe Schirin, für die spannenden Einblicke!

hereinspaziert bei schmasonnen

Wer und was steckt hinter »schmasonnen«?

schmasonnen, das bin ich, Schirin. Wie dieser Name genau entstanden ist, kann ich Dir gar nicht sagen. Ich weiß, dass ich ihn als Benutzernamen bei der Wohncommunity »SoLebIch« angegeben habe. Aber eine richtige Anekdote kann ich dazu nicht erzählen. Mit diesem Namen begann mein Treiben in sozialen Netzen und ich es ganz gut fand, dass ich meine Identität dadurch ein wenig verstecken konnte. Mittlerweile stört es mich nicht mehr so sehr, so dass ich gerne erzähle, wer schmasonnen eigentlich ist.

Ich bin 37 Jahre alt, verheiratet, Mutter und von Beruf Diplom-Heilpädagogin. Seit einiger Zeit bin ich in der Nähe von Bremen als Pädagogische Leiterin für das Wohnangebot für Menschen mit geistiger Behinderung tätig. Nebenbei schreibe ich auf dem Blog Schmasonnen über mein Lieblingsthema Wohnen, das mir im persönlichen wie im beruflichen Kontext sehr am Herzen am liegt: Ich habe die Vision, dass Menschen mit Behinderung leben, arbeiten und wohnen können, wie sie es möchten, ohne Einschränkung. Das ist hier in Deutschland leider immer noch keine Selbstverständlichkeit.


»Wohnen steht für Geborgenheit, Eigenständigkeit und der Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen.«


Was magst du an deiner Arbeit besonders? Was wünscht du dir bisweilen anders?

Menschen mit Behinderung sollen genauso leben, wohnen und arbeiten können, wie Menschen ohne Behinderung. Dieses Grundrecht der uneingeschränkten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft verlangt die UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft getreten ist. Leider sieht es in der Praxis nicht immer so aus, dass unabhängig vom Behinderungsgrad Menschen mit Handicap uneingeschränkt am Leben aller teilhaben können. Aber genau dieses Ziel zu erreichen, macht mir große Freude an meiner Arbeit.

Es geht darum, die Wünsche und Lebensvorstellungen ernst zu nehmen, Inklusion zu ermöglichen und das alles auf Augenhöhe. Menschen mit Behinderung sollen selber bestimmen können, wie sie leben und arbeiten möchten. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit unseren Kund/innen die dafür passenden Unterstützungsangebote zu »stricken«.

Mich beeindruckend es immer wieder, wie selbständig viele unserer Kund/innen durch die entsprechende Assistenz geworden sind und von einer 24-Stunden-Betreuung, den Weg in eine eigene Wohnung mit stundenweiser Betreuung, geschafft haben. Leider ist es sehr schwer, diese Möglichkeit für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf umzusetzen. Hier fehlt es noch an entsprechenden finanziellen und personellen Möglichkeiten. Wie sich das neue Bundesteilhabegesetz auf diese Situation auswirkt, bleibt abzuwarten. Es gibt viel daran zu kritisieren – und es ist nur zu hoffen, dass es zu keiner Verschlechterung der Lebenssituation führt.

Welche Art Behinderung haben die Menschen, mit denen du arbeitest und worin unterscheiden sie sich von Menschen ohne (diese) Behinderungen?

Ich arbeite vor allem mit Menschen mit geistiger Behinderung, zunehmend aber auch mit Menschen mit sogenannten Doppeldiagnosen. Letztere haben einen besonderen psychosozialen Unterstützungsbedarf. Sie unterscheiden sich nicht zu anderen Menschen. Es ist nur so, dass sie durch ihre Behinderung nicht die Möglichkeit haben, uneingeschränkt am Leben aller teilzunehmen. Dass bedeutet, dass sich die Umwelt –also der so genannte Sozialraum – dem Unterstützungsbedarf anpassen muss. Wenn zum Beispiel ein junger Mann mit einer geistigen Behinderung den Wunsch hat, mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung zu leben, er aber Hilfe beim Einkauf, im Haushalt oder bei Behördenangelegenheiten benötigt, dann müssen sich die Bedingungen des Sozialraums entsprechend anpassen. Es ist also nicht der Mensch mit Behinderung, der sich von nichtbehinderten Menschen unterscheidet, sondern seine Umwelt unterscheidet sich von der Umwelt nichtbehinderter Menschen.

Auf deinem Blog schreibst du über Interior, Bremen, Familie und Co. Warum nicht über deine Arbeit?

Wohnen ist ein Thema, das mich über meine Arbeit hinaus fasziniert – auf meinem Blog aber einfach anders. Also trenne ich diese beiden Welten voneinander. »schmasonnen« ist mein Ausgleich zu meiner Arbeit. Schon während meines Studiums habe ich mich für skandinavisches Design interessiert und es fasziniert mich immer noch sehr. Mit meinen Bildern versuche ich zu inspirieren, denn auch ich hole mir viel Inspiration von anderen Blogs.

Irgendwie haben mein Blog und meine Arbeit dann aber doch miteinander zu tun, denn Wohnen bedeutet vielmehr als nur ein Dach über den Kopf zu haben. Es steht für Geborgenheit, Eigenständigkeit und der Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Auf der Arbeit kommt mir meine Blog-Erfahrung insbesondere dann zugute, wenn ich beim Aussuchen entsprechendem Wohnraums assistiere. Umgekehrt profitiere ich beim Bloggen von meiner Arbeit, da mir dadurch mir klar wird, was für Menschen beim Wohnen eigentlich wichtig ist.

Du lebst mit deiner Familie in Bremen. Was macht die Stadt für dich lebens- und liebenswert? Worauf könntest du gut und gerne verzichten?

Bremen hat vor allem architektonisch viel zu bieten. Neben den wohl bekanntesten Bauten im Zentrum, dem Rathaus und dem Dom ist es vor allem der Stil des »Altbremerhauses«, welches das Stadtbild so prägt. Und auch die Menschen sind sehr offen und tolerant. Inklusion ist hier ein wichtiges Thema und auch schon in vielen Bereichen umgesetzt. Seit kurzem gibt es hier zum Beispiel auch ein Restaurant, in dem Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten, ein sehr beeindruckendes Projekt.

Darüber hinaus entsteht in einem Bremer Stadtteil, der Neustadt eine tolle neue Cafészene mit innovativen Ideen und Konzepten. Das ist für Bremen wirklich neu, denn solche Konzept-Gastronomien haben es hier in der Hansestadt nicht einfach. Die Cafékultur ist hier sehr traditionell geprägt und viele neue Cafés sind leider an dieser Tradition gescheitert. Umso schöner ist es mitzuerleben, dass jetzt Cafés als Orte der Begegnung entstehen – mit gutem Kaffee und kulturellen Angeboten.

Im Großen und Ganzen bin ich wirklich sehr zufrieden mit dieser Stadt. Natürlich ist es auch mir ein Dorn im Auge, dass unser Bildungsstand so schlecht ist. Hier muss sich dringend was ändern, auch und in der Kinderbetreuung, die ist im Vergleich zu anderen Großstädten (a) sehr teuer und (b) schlecht ausgebaut. Zunehmend stört mich auch, dass der Drogenkonsum im ehemaligen Vorzeige-Quartier »Bremer Viertel« so massiv angestiegen ist und es scheinbar kein Mittel dagegen gibt. Wir wohnen zwar nicht in diesem Viertel, aber wir sind häufig dort und es fällt mir schwer, mit meinen Kindern durch die Straßen zu gehen, denn Alkoholismus und Drogen sind hier an der Tagesordnung – zu jeder Zeit.

Was bedeutet dir das »schöne Wohnen« und was macht wohnen für dich schön?

Schön ist immer individuell. Schön mag für mich anders sein als für Dich. Wichtig ist, dass man sich mit seinem Wohnstil identifiziert und vor allem nicht jedem Trend hinterherrennt. Ein eigener Wohnstil hat meiner Meinung nach Wiedererkennungswert und dann ist dieses Wohnen für mich auch schön.

Was wünscht du dir zu Weihnachten und für das neue Jahr?

Vor allem Zeit mit meiner Familie und mit meinen Freunden. Seit der Geburt meiner Tochter vor ca. einem Jahr habe ich das Gefühl, die Zeit rennt nur so an mir vorbei. Weihnachten werden wir ein bisschen innehalten, Stunden in der Natur verbringen, uns auf dem Weihnachtsmarkt verabreden und den Geruch von gebrannten Mandeln, Feuer und Zuckerstangen einatmen und den Moment genießen.

Für das kommende Jahr wünsche ich mir weniger Populismus, weniger Hassprediger und wieder mehr gesellschaftliches Miteinander. Was das neue Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderung bringen wird, ist abzuwarten. Es wird zu Beginn des neuen Jahres in Kraft treten, mit allen kritischen und lobenden Veränderungen. Nur darf es nicht dazu kommen, dass es zu einer Verschlechterung der Lebenssituation führt. Dass ist auch ein dringender Wunsch für das kommende Jahr.

schmasonnen hereinspaziert

{Werbung} Mit dem Lesen ist das so eine Sache. Jeden Abend nehme ich es mir vor und dann fallen mir, ich übertreibe nicht, nach weniger als drei Zeilen die Augen zu – ganz gleich ob oder wie ausgeruht ich bin. Bislang war ich diesem buchstabenbasierten Sekundenschlaf machtlos ausgeliefert, doch kürzlich habe ich ein Gegenmittel entdeckt: Polsterbetten {zum Beispiel von Grand Luxe}.

Mein lehnenloses Futonbett nämlich zwingt mich – so hoch kann ich die Kissen gar nicht türmen – zum Liegelesen. Nun gibt es durchaus großartige Liegeleser/innen. Ich kenne einige – mein »Bettnachbar« etwa zählt zu dieser Spezies. Er kann ohne den geringsten Anflug von Lidschwere bis zum Morgengrauen lesen. Während ich den x-ten Anlauf nehme, um auf Seite 1 den Sprung von der Syntax zur Semantik zu schaffen, ist er Dostojewskis Raskolnikow {»Schuld und Sühne«} bereits ins sibirische Arbeitslager gefolgt… {grmpf}.

Ich bin, wie ich jetzt weiß, Sitzleserin. Mit aufrechtem Rücken ans Polster gelehnt bin ich immun gegen jedwede Lidschwere und beinah so schnell in Sibirien wie mein »Bettnachbar«. – Hat vielleicht jemand Interesse an einem wunderschönen, gebrauchten Futongestell? Oder seid ihr auch eher der Typ »Sitzleser/in«?

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Hinweis: Dieser Beitrag ist aus der Zusammenarbeit mit Grand Luxe entstanden, von denen auch die Fotos stammen.

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Canan Bayrams Plakat sticht hervor: ein buntes Comic, auf dem sich neben dem Konterfei der Grünen-Direktkandidatin zwei Wahrzeichen des Nordkiezes finden: der Drachenspielplatz mit viel Grün und das regenbogenumspannte Frankfurter Tor. Vielfalt, Familienfreundlichkeit und Stadtnatur – darum scheint es auf den ersten Blick zu gehen. Wofür die Rechtsanwältin und Mutter noch steht, was ihr lieb und teuer ist, das und mehr erzählt sie im heutigen Blick hinters Plakat.

Vielen Dank, liebe Frau Bayram, für die interessanten Einblicke.

Wahlplakat von Canan Bayram die Grünen

Wer und was ist Canan Bayram?

50 Jahre, Rechtsanwältin, seit 10 Jahren Mitglied des Abgeordnetenhauses, lebe mit meiner Tochter im Friedrichshainer Nordkiez.

Sie sind in der Türkei geboren und am Niederrhein aufgewachsen. Welche Bedeutung haben diese Orte für Sie und welche Rolle spielen sie in Ihrem Leben?

Die Türkei ist das Land, in dem ich geboren wurde, aber nicht lange gelebt habe, sondern eher aus dem Urlaub kenne. Ich spreche die Sprache, mag die orientalische Gelassenheit: „Kismet“ meint, dass Dinge sich anders entwickeln können als geplant und dass dies einen Sinn haben kann, der sich jedoch erst später verstehen lässt. Es ist ein gewisses Vertrauen in die Menschen und das Leben, dass wir nicht alles bestimmen müssen, sondern auch geschehen lassen können. Ich höre gerne türkische Musik und mag den orientalischen Tanz. Aktuell sehe ich die Entwicklungen in der Türkei kritisch, da Menschen- und Bürgerrechte sowie Minderheitenrechte in Frage gestellt werden.


ICH MAG DIE ORIENTALISCHE GELASSENHEIT: „KISMET“ MEINT, DASS DIE DINGE SICH ANDERS ENTWICKELN KÖNNEN ALS GEPLANT UND DASS DAS SINN HABEN KANN, DER SICH JEDOCH ERST SPÄTER ERSCHLIESSEN LÄSST.


Der Niederrhein ist ein Ort, der mich geprägt hat: ländlich, katholisch und bodenständig. Ich bin noch regelmäßig am Niederrhein und mag die Natur sowie die Menschen dort. Dauerhaft dort zu leben,
könnte ich mir nicht vorstellen. Zum Studium zog ich aus Nettetal nach Bonn, bin ich also auch mit dem Rheinland sehr verbunden. Ich mag den Karneval und habe noch Freund*innen in Bonn.

Foto (c) Peter Burow
Foto (c) Peter Burow

Ihnen ist der soziale Aufstieg gelungen: Sie haben haben auf dem 2. Bildungsweg das Abitur gemacht und anschließend ein Jurastudium absolviert. Viele, die diesen Weg gegangen sind (mir inklusive) sagen:
„Mein Aufstieg war möglich, aber er war zu schwer.“ Trifft das auch auf Sie zu? Und was wollen Sie tun, um den sozialen Aufstieg durch Bildung leichter zu machen?

Ja, ich würde der Aussage zustimmen. Ich hätte mir mehr Unterstützung von staatlichen Stellen gewünscht. Es ist ein Kampf und hat auch viel mit Glück zu tun, dass einem Menschen begegnen, die man um Rat fragen kann oder die helfen, wenn Hindernisse auftauchen. Ich habe elternunabhängiges BAFöG erhalten. Der Sachbearbeiter war rassistisch, was mich einerseits verletzt, aber auch angespornt hat. Ich wollte beweisen, dass ich es schaffen kann.

Neben Coachings für Schüler*innen und Student*innen sollte es m.E. mehr interkulturelle Kompetenz bei Verwaltungsmitarbeiter*innen geben. Außerdem sollte das BAFöG auch unabhängig vom Einkommen der Eltern gewährt werden können.


DER SACHBEARBEITER WAR RASSISTISCH. DAS HAT MICH VERLETZT, ABER AUCH ANGESPORNT.


2009 sind Sie von der SPD zu den Grünen gewechselt. Warum?

Als frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion bin ich mit Klaus Wowereit und Thilo Sarrazin bei den Themen Frauen- und Integrationsp0litik in Konflikt geraten. Speziell die Anwendung des Landesgleichstellungsgesetzes und dabei die Besetzung von Führungspositionen durch Frauen waren ein Streitthema. Auch bei der Integrationspolitik habe ich mich mit der Position der SPD-Fraktion nicht identifizieren können.

Trotz vieler interner Kämpfe habe ich die Politik nicht so gestalten können, wie ich es für richtig und wichtig hielt. Stattdessen sollte ich meinen Kopf für Positionen hinhalten, die ich ablehne. Unter solchen Umständen konnte und wollte ich kein Politik machen. Der Wechsel zu Bündnis 90/Die Grünen hat mir ermöglicht, die Politik zu machen, für die ich stehe und es macht mir seit 7 Jahren großen Spaß, Ideen und Konzepte zu entwickeln, die von meiner Partei und Fraktion wertgeschätzt werden.

Buntes Leben in Friedrichshain, Street Art, Graffiti, Samariterkiez

Sie leben und arbeiten im Samariterkiez. Was lieben Sie hier am meisten? Was stört Sie am meisten?

Ich liebe den sozialen Zusammenhalt und das Lebensgefühl im Kiez. Die Menschen sind familienfreundlich, vielfältig und offen. Ich mag die kleinen Läden, die alternativen Lebensentwürfe und die vielen unterschiedlichen Sprachen auf den Spielplätzen. Und mir gefällt die Kiezversammlung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Zusammenleben im Kiez miteinander zu gestalten.

Mich stört die Einstufung des Nordkiezes als Gefahrengebiet durch den Innensenator Henkel, der den gesamten Kiez unter Generalverdacht stellt. Meine Wohnung und mein Wahlkreisbüro liegen im Gefahrengebiet, d.h. jeder der sich hier bewegt, läuft Gefahr anlasslos von der Polizei kontrolliert und durchsucht zu werden.


ICH LIEBE DEN SOZIALEN ZUSAMMENHALT UND DAS LEBENSGEFÜHL IM KIEZ.


Wo sind aus Ihrer Sicht die größten politischen Baustellen in Berlin und in unserem Bezirk? Und was wollen Sie daran ändern?

Die größte Herausforderung sehe ich bei den steigenden Mieten und der damit verbundenen Sorge vor weiteren Mieterhöhungen sowie die fehlenden Wohnungen für junge Leute, die aus der elterlichen Wohnung ausziehen, aber im Kiez bleiben wollen. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg setzt sich seit langem dafür ein, dass die Menschen im Mittelpunkt stehen und der Staat sie gegen die Renditeabsichten schützt durch Ausweisung von Milieuschutzgebieten, Umwandlungsverordnung, Mietpreisbremse und Zweckentfremdungsverbotsverordnung.

Die Situation für Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen im Kiez ist schwierig. Die Verkehrspolitik muss zugunsten von ÖPNV, Fahrrad und Fußgänger entwickelt werden. Der Bezirk setzt sich für mehr und bessere Fahrradwege ein; auf Landesebene unterstützen wir die Forderung des Radentscheides. Der ÖPNV muss weiter ausgebaut werden. Ich lehne die A100 ab, denn dieses Autobahnprojekt steht für ein veraltetes Modell von Mobilität.

Die Verwaltung des Landes Berlin muss neu aufgestellt werden. Wir brauchen eine moderne Verwaltung  – sowohl technisch als auch „kulturell“: Berlin ist eine Einwanderungsstadt – Mehrsprachigkeit und Offenheit müssen auch in der Verwaltung selbstverständlich sein.

Buntes Leben in Friedrichshain, Street Art, Graffiti, Samariterkiez

Stellen Sie sich vor, Sie wachen am 19. September auf und die Wahl ist genau so ausgegangen, wie Sie es sich wünschen. Wie sähe das Wahlergebnis aus?

Die rechtspopulistischen und rassistischen Parteien wären keine relevanten Wahlgewinner und das Wahlergebnis reichte für eine rot-grüne Mehrheit, so dass wir unsere Ideen und Konzepte umzusetzen können.

Samariterkiez 2025 – welche Überschrift möchten Sie in der Zeitung Ihres Vertrauens an einem Montagmorgen im Jahr 2025 über den Samariterkiez lesen?

Drei Überschriften:

  1. Zahl der verletzten bzw. getöteten Fußgänger und Fahrradfahrer auf Frankfurter Allee auf Null seit Umbau zur Spielstraße
  2. Dank dem grünen Dächer-Programm hat jetzt jede/r Bewohner*in im Samariterkiez  Zugang zu einem begrünten Dach
  3. Samariterkiez gewinnt bundesweiten Stadtteilwettbewerb „Wie wollen wir zusammen leben?“: Ihre Erklärung „Einheit in Vielfalt“ überzeugte die Jury mit guten Beispielen für sozialen Zusammenhalt.

Buntes Leben in Friedrichshain, Street Art, Graffiti, Samariterkiez, Familie, Spielplatz

WestwingNow, Wohnen, Interior, HAY, Menu, Muuto, Normann Copenhagen

{Reklame} Wer mich bzw. M i MA kennt, weiß dass ich eine Vorliebe fürs Graue habe. Ich verbinde damit keineswegs die Eintönigkeit der „grauen Maus“ oder die fehlende Individualität der „grauen Masse“. Im Gegenteil. Für mich steht Grau für Vielfalt – für Vielfalt auf den zweiten Blick.

Was sich auf den ersten Blick als farbloses Einerlei zeigt, entpuppt sich beim zweiten Hinsehen als monochrome Vielheit: als Dunkel- oder Tiefgrau, Aschgrau, Hellgrau oder Taubengrau, als Schiefer-, Lava- oder Mausgrau etc. Ich mag diese „Grauzonen“. Keiner Wunder also, dass ich von meinem Streifzug durch WestwingNow vor allem Graues mitgebracht habe.

Die Bank Frame würde sich gut an unserer langen Flurwand machen, das Woll-Kissen Mingle auf unserem grauen Sofa Tom. Das Dosen-Set Peili  würde – wie der Jute-Teppich Mangrove – in unser schiefergraues Badezimmer wandern. Der Essig- & Öl-Spender Spoonless und das Handfeger-Set Sweeper & Funnel würden mit Schale Crenit einen Platz in unserer lavagrauen Küche bekommen. Vase Still und Stuhl Afternoon bekämen einen Platz am weißen Esstisch. Was meint ihr? Passt zu mir, oder? 😉


IN DER ZWEITEN AUSGABE ERWARTEN EUCH GROSSARTIGE INHALTE UND DER PURE SOMMER.


In wenigen Wochen ist es soweit: archiv/e Magazin 02 erscheint. Lang haben die beiden Macher/innen, Anselm und Lina, darauf hingearbeitet, haben recherchiert und ausgewählt, konzipiert und akquiriert, gestaltet und gesetzt. Umso mehr freue ich mich, dass die beiden hier und heute erste Einblicke in ihre Arbeit und die Ergebnisse der vergangenen Monate gewähren.

Im Montagsinterview erzählen die beiden, was sie im Vergleich zur ersten Ausgabe verändert und was sie beibehalten haben, was am meisten Freude und am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat und verraten – für all die, die es noch nicht gesehen haben – welche Blogs im archiv/e 02 zu finden sein wird.

Habt vielen lieben Dank ihr Zwei für diese kleine, feine Sneakpreview, mit der ich allen einen sommerlich leichten Start in die neue Woche wünsche!

archiv/e 02
Foto: Cindy Ruch

Im September erscheint archiv/e 02. Was erwartet uns in der 2. Ausgabe?

In der zweiten Ausgabe erwarten euch großartige Inhalte und der pure Sommer – in lichtdurchfluteten Altbauwohnungen, auf den Straßen Andalusiens, in Form von Cold Brew Coffee-Eis oder sechs Wochen Ferien.. #leak

Die zweite Ausgabe kann übrigens ab sofort über unseren Onlineshop vorbestellt werden. Knapp ein Jahr nach dem Release der Erstausgabe des archiv/e Magazins veröffentlichen wir am 11. September Nummer zwei. Es wird dazu eine kleine Feier in Berlin geben; zeitgleich werden auch der Versand und der Verkauf in den Geschäften losgehen. Bereits am Wochenende zuvor kann man uns auf dem #indiemagday im Hamburger Oberhafen besuchen kommen, auf dem wir mit beiden Ausgaben zu finden sein werden, sozusagen ein Pre-Release. Wir freuen uns über jeden, den es am 4. September in den Oberhafen verschlägt.


BESONDERS STOLZ SIND WIR, SECHS GROSSARTIGE, INTELLIGENTE UND INSPIRIERENDE FRAUEN MIT IHREN BLOGS IM MAGAZIN ZU HABEN.


archiv/e 02, Jules Villbrandt.
Foto: Jules Villbrandt

Was unterscheidet die zweite von der Erstausgabe und warum?

Nach dem unvergesslichen Auftakt mit dem Blog stepanini haben wir das Konzept für Ausgabe #2 angepasst: Statt „ein Blog: ein Magazin“ heißt es nun „ein Blog: ein Kapitel“. Jedes dieser vier ist einem anderen Blog gewidmet, wodurch das Magazin insgesamt an Vielfalt gewinnt und wir redaktionell noch flexibler arbeiten konnten.

Dabei sind wir unserer Anfangsidee treu geblieben: Das archiv/e Magazin soll die verstetigten Blogs durch die einzigartigen Inhalte in ihrer Gesamtheit authentisch widerspiegeln. So wie die erste Ausgabe ganz und gar im Zeichen stepaninis stand, stehen nun die einzelnen Kapitel ganz und gar für den jeweiligen Blog.

Besonders stolz sind wir darauf, sechs großartige, intelligente und inspirierende Frauen und ihre tollen Blogs im Magazin zu haben.

archiv/e ausgabe 2, anselm schwindack, lina
Coverbild: Jules Villbrandt

Welche Blogs werden vertreten sein?

Ihr dürft euch im zweiten archiv/e Magazin auf die Blogs Herz & Blutcake+cameraChestnut & Sage und M i MA aus den Bereichen Wohnen, Reisen, Essen und Denken freuen. Die Inhalte werden begleitet von Illustrationen von Gretas Schwester und einem Blinkblink Pattern.

Fast alle Mitwirkenden haben wir persönlich kennengelernt und standen mit ihnen bei der Auswahl der Inhalte im direkten Austausch. Das hat viel Freude gemacht und fühlt sich dadurch nach einem gemeinschaftlichen Projekt an. Wir freuen uns schon sehr auf diese kommende, sehr sommerliche Ausgabe und sind gespannt wie das neue Konzept angenommen wird.


WIR HABEN KEINEN AUSWAHLKRITERIEN IM ENGEREN SINNE. ABER UNSER INSTINKT UND BAUCHGEFÜHL HABEN UNS BISHER IMMER GUT GELEITET.


Welche Kriterien habt ihr bei der Blogauswahl zugrunde gelegt?

Durch wochenendliches Surfen durch die sozialen Medien und Empfehlungen stoßen wir immer wieder auf neue, schöne Blogs. Ist dann der „Richtige“ erstmal gefunden, geht es für die Inhaltsauswahl auf eine Reise durch die Timelines.

Wie schon bei stepanini haben wir nach besonderen Inhalten auf den jeweiligen Blogs Ausschau gehalten und sind mehr als fündig geworden. Auswahlkriterien im engeren Sinne haben wir keine. Wir lassen uns von unserem subjektives Empfinden leiten und davon, ob wir uns Text und Bild im Print vorstellen können. Meist gibt es schon beim Sichten der Inhalte erste Layoutideen und wir fangen direkt mit der Umsetzung an. Das wirkt anfangs vielleicht etwas wirr, aber unser Instinkt und Bauchgefühl haben uns bisher immer gut geleitet.

archiv/e ausgabe 2, anselm schwindack, lina, lachen, Coverfoto: Jules Villbrandt
Lina und Anselm fotografiert von Ines Marquet

Was hat euch am meisten Freude gemacht bei der Entwicklung und Umsetzung der 2. Ausgabe?

Das neue Konzept umzusetzen und mit diesen hochwertigen Inhalten zu arbeiten – das hat viel Freude gemacht. Auch die Kombination des Bekannten und Neuen ist immer wieder spannend: Wir haben zwar die Erfahrungen der Erstausgabe, sind aber ganz offen an die neue Ausgabe herangegangen. Unser Motto war: Alles ist möglich. Mit einer Ausnahme, dass wir unsere grundsätzlichen Gestaltungsprinzipien beibehalten, damit das archiv/e auch noch als solches erkannt wird. Gestalterisch haben wir eher im Detail mit Typo, Text und Bildplatzierungen gespielt.


UNSER MOTTO LAUTET: ALLES IST MÖGLICH.


Was waren die größten Herausforderungen und wie habt ihr sie gemeistert?

Ein unabhängiges Magazin zu veröffentlichen, war für uns immer ein Traum, zugleich ist es aber auch ein finanzielles Wagnis. Ein 100-seitiges Magazin in 1.500-facher Auflage privat zu finanzieren – das lag für uns einfach nicht drin. Darum können wir das Magazin auch nicht wie ursprünglich geplant halbjährlich herausgeben. Stattdessen versuchen wir pro Jahr eine Ausgabe zu machen.

Durch das erfolgreiche Crowdfunding konnten wir im vergangenen Jahr die Erstausgabe finanzieren und unseren Traum erfüllen. Dieses Jahr ist es uns gelungen, tolle Anzeigenpartner zu gewinnen, die das Magazin, unsere Leidenschaft und unser Herzblut unterstützen.

Gibt es etwas, das ihr noch sagen möchtet?

Es ist zu schön, dass wir auch dich für die zweite Ausgabe gewinnen konnten und dass du mit dabei bist. Vielen Dank, liebe Indre!

Ich habe euch zu danken, liebe Lina, lieber Anselm, dass ich dabei sein darf! Es ist mir eine Ehre!

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Foto: Cindy Ruch

Internationaler Tag des Kusses, Robert Doisneau

„Bei den Römern gab es noch drei Worte für den Kuss: Der Kuss innerhalb von Familien, der die Verbundenheit ausdrückte, hieß Basium. Das Osculum ist ein ähnlich unschuldiger Kuss: ein Zeichen der Anerkennung unter Gleichgesinnten. Das Suavium war der Kuss der Liebenden.“ Alexandre Lacroix

Und was mir in der vergehenden Woche noch so begegnet ist? Dies:

{Foto: 2010 Nachlass Robert Doisneau/courtesy Schirmer/Mosel}

„Diese Vasen haben mit Kunst nichts mehr zu tun, denn jede sinnlich-ästhetische Wirkung wurde eliminiert“, schrieb der Journalist Karl-Heinz Hagen am 4. Oktober 1962 im Neuen Deutschland und verlieh dem Unverständnis der DDR-Obrigkeit, in Persona Walter Ulbricht, damit den Schein der Objektivität. Gegenstand der Kritik waren die Zylindervasen von Hubert Petras [*1929; †2010] auf der V. Deutschen Kunstausstellung in Dresden. Ihre Formensprache, in der „die ruhige Senkrechte die dominierende Sprache war und die Abwandlung untereinander ein rhythmisches Spiel“*, blieb dem Vorsitzenden des Staatsrats Ulbricht gänzlich verschlossen. „Kalt, glatt, nichtssagend“ fand er Petras geometrische Komposition. Dabei waren die schlicht-weißen Porzellanentwürfe eine konsequente Antwort auf zentrale Gestaltungsfragen in der DDR.
Der 1929 im slowakischen Kniesen geborenen Petras verfolgte – inspiriert von Wilhelm Wagenfeld und dessen Verständnis der „guten Form“ – einen Ansatz, der mit dem Ulmer Modell vergleichbar ist: An der Hochschule für Gestaltung Ulm entstand in den späten 1950er „ein auf Technik und Wissenschaft abgestütztes Modell des Design, der Designer nicht mehr als übergeordneter Künstler, sondern gleichwertiger Partner im Entscheidungsprozess der industriellen Produktion.“ (Otl Aicher).
In seinen Vasen verbanden sich Materialkenntnis, technisches Know-kow und gestalterisches Können. Insofern waren sie prädestiniert für die Sonderschau in Dresden, die den Stand des Industriedesigns der DDR repräsentieren sollte. Doch die dem „politischen Kitsch“ (Milan Kundera) zugeneigte DDR-Obrigkeit sah das anders: „Überschaut man die Exponate, so herrscht der Hang zum kalten Ästhetizismus, zu farbloser Eintönigkeit und Verarmung der künstlerischen Formen bis zum nackten Funktionalismus vor.“ (Karl-Heinz Hagen) So wurde die Ausstellung für den gelernten Töpfer und studierten Gefäßgestalter zum Eklat: Petras, der seit 1958 als künstlerischer Leiter an der Porzellanmanufaktur Rudolstadt-Volkstedt tätig war, wurde als „Formalist“ diffamiert und erhielt noch im selben Jahr Berufsverbot.

Wannenbottich für die Werit Kunststoffwerke (c) FORMost

 

Hubert Petras: Gläser | 1985/1986 | Glaswerk Harzkristall, Derenburg (c) HVG

Drei Jahre schlug er sich als freier Gestalter durch, bis er dank des couragierten neuen Rektors Erwin Andrä 1965 an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle – von der der finnische Designer Tapio Wirkkala (Iittala) schwärmte, man erhalte hier die beste Designausbildung der Welt –  eine neue Wirkstätte fand. Von 1966 bis 1995 lehrte Petras dort Industriedesign und trug maßgeblich zur Profilierung des Fachgebietes Gefäßdesign bei: „Konsequent in der künstlerischen Haltung schuf er zeitlos gültige Formen von hoher plastischer Sensibilität.“ Dabei bediente er sich nicht nur Porzellan und Glas, sondern setzte sich auch mit Kunststoffen auseinander, die sich seit den 1950er Jahren immer mehr durchsetzten. Wie?

Das wird exemplarisch an seinem Wannenbottich für die Werit Kunstsstoffwerke deutlich: „Der enge gestalterische Spielraum, den einem die Anforderungen ließen: die Fließform […], der Wunsch nach ganz einfacher Herstellbarkeit, die Haltbarkeit der Griffe usw. – das alles in eine einfache, klare und überzeugende Form zu bringen, eine Form überdies, die nicht einfach dem Diktat von Technologie und Festigkeit unterworfen ist, sondern einem adäquaten Ausdruck dessen und einer angenehmen Handhabung folgt. […] Derartige Vorgaben empfinde ich nicht als Einschränkung, sondern als herausfordernde Bedingungen, die mich oft ungemein motivieren.“** Für jenen Bottich wurde der lang geschmähte Petras 1979 sogar mit dem Design-Preis der DDR ausgezeichnet, und doch blieb die Polyethylen-Wanne ihm ein Dorn im Auge: Man hatte sein Griffdesign einfach abgeändert (heute werden die Bottiche in der Petraschen Ursprungsversion wieder hergestellt).

Links: Spülkasten Nr. 930 | VEB Sanitärtechnik Eisenberg (c) Kommunale Galerie Berlin| 1985 |
rechts: Schalenset | Wallendorf | 1961 (c) Jens Hartwig (Designhandlung)

Andere Haushaltsgegenstände aus Petras Feder, die er unter der Prämisse des zweiten Bauhausdirektors Hannes Meyer Volksbedarf statt Luxusbedarf entwarf, sind der formvollendete Spülkasten Nr. 930 von 1985 für die Firma VEB Sanitärtechnik Eisenberg (Bilder) oder die minder gelungenen Aschenbecher. Der formschöne Fön, den er bereits 1959 entworfen hatte, war bis 1989 in Produktion – ich hoffe noch auf die Wiederauflage der ersten Industrieentwurfs von Petras.

LD-Haarfön | VEB Elektrowerke Blankenburg | 1959 (c) Christoph Sandig
Hinweis: Das Museum in der Kulturbrauerei zeigt vom 8. April 2016 bis 19. März 2017 Design aus der DDR: alles nach plan? Formgestaltung in der DDR
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*aus: Penti, Erika und Bebo Sher – Die Klassiker des DDR-Designs. Hg. von Günter Höhne, S. 170
**aus: Gespräch mit Hubert Petras, Die Burg 6, 1996, S. 37
Würfelspiel von Ursula Wünsch | Schildkröte von Renate Müller | Der grüne Baum von Gerd Kaden


Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen und sich nicht mehr davon erholt„, antwortet Renate Müller auf die Frage, was die Enteignung für den Einzelnen bedeutete. Die Gestalterin aus der thüringischen Spielzeugstadt Sonneberg steht mit ihrer Unternehmensgeschichte exemplarisch für viele Handwerksbetriebe in der DDR – anders als mit ihrer Erfolgsgeschichte. Müller ist die einzige DDR-Gestalterin, die nach der Wende zu einem gewissen Weltruhm gelangt ist. Ihre „Rupfentiere“ stehen seit 2010 im MoMa (New York) und wechseln auf Auktionen schon mal im vier- bis fünfstelligen Zahlenbereich ihre Besitzer/innen. Doch zurück zum Handwerk.
Das Handwerk hatte einen schweren Stand in der DDR. Ideologisch verbrämt, praktisch unumgänglich (man brauchte sowohl seine Expertise als auch die Produktionsstandorte) wurde es seit den späten 1950er Jahren zunehmend beschnitten. 
Am 12. März 1959 verabschiedete die Volkskammer der DDR zwei Gesetze*, die eine Vielzahl handwerklicher KMU zwangen, den Produktionsgemeinschaften des Handwerks (PGH) beizutreten. Der Verlust der unternehmerischen Selbstständigkeit ging zunächst mit einem wirtschaftlichen Aufschwung einher – ein Dorn im Auge der Parteifunktionäre, die einen neuen Kapitalismus heraufziehen sahen. Auf dem VIII. Parteitag Anfang 1972 verkündete der neue Generalsekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED, Erich Honecker, schließlich das Ende des sogenannten „nicht-sozialistischen Sektors in Handel und Gewerbe„, woraufhin sämtliche Großbetriebe innert weniger Monate enteignet und verstaatlicht wurden – so auch Spielzeugmanufaktur H.J. Leven-KG von Renate Müllers Eltern.

Kleiner Exkurs in die Firmengeschichte: Die Firma H.J.Leven Sonneberg wurde 1912 von ihrem Großvater gegründet. Nach seinem Tod übernahmen die Eltern 1962 die Spielzeugmanufaktur; Renate Müller stieg 1967 nach ihrem Studium an der Fachschule für Spielzeug bzw. Ingenieurschule für Maschinenbau und Spielzeugformgestaltung ins Geschäft ein. Auf Anregung ihrer Lehrerin Helene Haeussler begann sie mit der Fertigung der „Rupfentiere“.

Die nach dem groben Jutegewebe benannten Spielzeuge waren für therapeutische Zwecke (Kliniken und Kindergärten) konzipiert und gelangten daher nie in den normalen Handel. Die ersten Entwürfe waren Studentenarbeiten: das berühmte Nashorn stammt von Gudrun Metzel, die Ente von Elfriede Fritsche. Quelle Die im wörtlichen Sinne reizvollen Tiere fanden sofort Anklang; in enger Zusammenarbeit mit Ärzt/innen, Psycholog/innen und Therapeut/innen begann Renate Müller die Kollektion zu erweitern.

Die unterschiedlichen Oberflächen der Müllerschen Rupfentiere regen zum Greifen, Fühlen, Tasten und Turnen an. Bild links | Bild rechts

Nach der Verstaatlichung des elterlichen Betriebs arbeitete Renate Müller zunächst weiter. Doch als 1976 sämtliche kleinen Spielzeugbetriebe zum Kombinat Sonni zusammengefasst wurden und sie ihre Arbeit nicht fortsetzen konnte, beantragte sie die Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler der DDR. Auch damit stand Müller nicht allein. Viele DDR-Designer/innen wählten diesen Weg, da freiberufliche Künstler/innen mehr Freiheiten genossen als angestellte Industriegestalter/innen.


Auch Gerd Kaden, ein weniger bekannter, aber nicht minder großartiger Spielzeugdesigner wählte diesen Weg. 1975 trat der gelernte Spielzeugmacher und studierte Holzgestalter aus dem Erzgebirge dem Künstlerverband bei. Das war – vielleicht nicht ganz zufällig – in jenem Jahr, in dem er seine kongeniale Kugelbahn entwarf, die für die nächsten Jahrzehnte in der Schublade schlummerte. „[…] man war ja in der DDR nicht in der Lage, in der Industrie ein Produkt zu landen von der Gestaltung her“, erzählt der im erzgebirgischen Neuhausen lebende emeritierte Professor,Die Industrie war geprägt von der Herstellung für den Export […]. Der Gestalter hatte in seiner Anstellung eher die Aufgabe, […] die Produkte, die für den Export geeignet waren, so anzupassen, dass sie funktionierten.“ 

Bis 1978 war er noch für die Industrie tätig, dann richtete er seine eigene Werkstatt ein und arbeitete als freischaffender Gestalter sowie als Lehrbeauftragter an Fachschule für Angewandte Kunst Schneeberg. Heute widmet er sich ausschließlich seiner eigenen Firma Kaden & Kaden, die er 1992 zusammen mit seinem Sohn gründete.

Der Kugelbahn, die unabhängig zur selben Zeit auch in der Schweiz erfunden wurde, ist Gerd Kaden über all die Jahre treu geblieben. Er hat sie in diversen Größen, Farben und Formen entworfen – als Bausatz, als Spielplatz und in Weltformat. Daneben hat er Kindermöbel, einen Indoorspielplatz in Fukushima (Japan) und andere Holzspielzeuge entworfen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Für seine schräge Kiste etwa erhielt er 2005, für den grünen Baum 2008 einen Designpreis. Matthias Kanter von der in Schwerin ansässigen Designplattform FORMOST ist überzeugt, dass Kaden – wie Müller – Weltruhm gebührt.

Die schräge Kiste von Gerd Kaden

Fantastische Holzspielzeuge stellt auch die Firma SINA her, die zwar wie Kaden & Kaden ihren Firmensitz im erzgebirgischen Neuhausen, jedoch eine recht andere Firmengeschichte hat.

Der Betrieb ist aus den Trümmern des Volkseigenen Betrieb VERO hervorgegangen, in dem sämtliche Spielzeugbetriebe der DDR 1972 zwangsvereinigt wurden. „Nach der Wende wurde VEB-Betrieb einfach liquidiert“, erzählt Geschäftsführerin Barbara Seidler. Ihr Mann habe nicht einfach zuschauen wollen, wie die damals 140-jährige Baukastentradition eingestampft wurde, also hätten sie gemeinsam die SINA Spielzeug GmbH gegründet. Einfach war das nicht. Bis das erste Täfelchen-Lege-Spiel nach Friedrich Fröbel 1995 in Produktion gehen konnte, musste das Unternehmen so manche Hürde nehmen.

Heute reicht das Sortiment des auf 21 Angestellte gewachsenen Unternehmens vom therapeutischen Kugeltisch über das Babybällchen bis zum Klassiker im Streichholzschachtelformat. Neben neuen Produkten junger Holzdesigner/innen aus dem In- und Ausland sind Klassiker von Kurt Naef und Friedrich Fröbel sowie Entwürfe der DDR-Designerin Ursula Wünsch darunter, die seit 1971 bis heute unter dem Firmennamen Wünsch‘ Dir Was Spielobjekte aus Holz für behinderte und andere Kinder entwirft. Mit ihren Kugelspielen und den Rechenmaschinen hätte sie meiner Meinung nach ebenfalls einen Platz unter den Stardesigner/innen der DDR verdient.

Würfelspiel von Ursula Wünsch für SINA

*Am 12. März 1959 verabschiedete die Volkskammer der DDR das Gesetz zur Ergänzung des Gesetzes zur Förderung des Handwerks und Gesetz über die Besteuerung der Handwerker.

** Mit der Machtübernahme Erich Honeckers auf dem achtem Parteitag beschloss das Zentralkomitee die Zwangsverstaatlichung aller mittelständischen Betriebe und Anteilseigner. Betroffen waren rund 11.000 Betriebe mit einer halben Million Beschäftigten, darunter rund 1.700 Produktionsgenossenschaften des Handwerks, mehr als ein Drittel aller PGH. Mitte Juli konnte Erich Honecker an den sowjetischen Staatschef Leonid Breshnew Vollzug melden. Aus: Helga Schultz: Produktionsgenossenschaften des Handwerks in der DDR und in der Transformationsphase. S. 8ff
Ein Zufall war’s – mal wieder – der mich zum „Alltagsgeschirr“ von Hedwig Bollhagen und den nach ihr benannten HB-Werkstätten für Keramik führte. Von dort war der Weg zum „DDR-Design“ nicht weit und meine Neugier erwacht. Schon nach kurzer Recherche war klar: Das ist ein weites Feld – zu weit als dass es mit einem Blogpost getan wäre. Also habe ich mich entschieden, eine kleine Serie zu starten. Ab heute stelle ich hier also regelmäßig eine/n Designer/in, einen Gestaltungsansatz und/oder ausgewählte Designstücke aus der DDR vor. Wenn ihr/Sie Wünsche, Anregungen oder Ideen habt/haben für ein Objekt, eine/n Designer/in oder einen Designansatz – immer gerne!
Meine erste Begegnung mit Design „made in GDR“ ereignete sich während meines Studiums.* Bis dato gehörten die beiden Begriffe für mich nicht wirklich zusammen. Mein Wissen begann beim Eierbecher in Hühnerform und endete direkt vor der „Platte„.  Die Welt dazwischen war mir unbekannt. Dabei ist sie (nicht nur im übertragenen Sinne) groß. Sie ist jedoch auch „schwierig“, und dieses „Schwierige“ ist wohl ein Grund für ihre anhaltende Unbekanntheit wie auch Unbeliebtheit.
Nach Meinung der SED-Parteiführung hatte Design (ebenso wie Kunst) im Dienste der „deutschen Kulturnation“ zu stehen und „dem opti­mis­ti­schen Lebens­ge­fühl des sozia­lis­ti­schen Men­schen“ Ausdruck zu verleihen (Nachtigall, ick hör dir trapsen). Das ist ein klares Bekenntnis gegen die künstlerische bzw. gestalterische Freiheit. Man könnte also sagen, die Unfreiheit steckt in jedem Designobjekt aus der DDR – und welche/r Sammler/in will schon die vergegenständlichte Unfreiheit in seiner Wohnung haben? Doch darum das „DDR-Design“ pauschal verurteilen oder weiterhin ignorieren und in den Archiven verstauben lassen? Ich denke nicht. Auch wenn es „kompliziert“ ist, lohnt der differenzierte Blick. Bei Weitem nicht jedes „Design made in GDR“ ist affirmativ, also system- und ideologiebejahend. Viele Entwürfe entstanden in der kritischen Auseinandersetzung mit dem DDR-System, das für zahlreiche Designer/innen mit Repressionen verbunden war. Ihre Gestaltungsansätze, die (nicht allein der Mangelwirtschaft wegen) darauf aus waren, mit einem Minimum an Ressourcen ein Maximum an Gebrauchswert zu erzielen, können auch – oder gerade heute – wertvolle Impulse für ein zukunftsfähiges Design liefern.
Liege und Musikanlage von Rudolf Horn | Bildquelle: jeder-qm-du.de 
Im Industriesektor wären etwa Rudolf Horn oder Karl Clauss Dietel hervorzuheben. Bereits in den 1960er Jahren haben sich die beiden Gestalter mit der Frage auseinandergesetzt, wie die sich wandelnden Bedürfnisse der Nutzer/innen integriert und die Funktionalität eines Produkts dauerhaft erhalten bleiben kann (womit sie in der DDR keine Ausnahme waren). Ihre Antworten nehmen aktuelle Tendenzen im Bereich des nachhaltigen Designs und der nutzerzentrierten Produktentwicklung vorweg (Stichwort: Co-Creation, Co-Production). Dabei kann man Horn als Vordenker des „Prosumenten„, Dietel als Pionier des nachhaltigen Designs sehen.

Viele ihrer Entwürfe scheiterten an der staatlichen Zensur, der eine funktional-schlichte Formensprache lange Zeit verdächtig war (siehe: Formalismus-Debatte). Doch manche Idee fand am Amt für Industrielle Formgestaltung (AID) vorbei in die Serienproduktion – nicht selten da sie sich zum Exportschlager entwickelte und dem Staat die dringend nötigen Devisen einbrachte. So etwa Horns bis heute ästhetisch überzeugendes „Möbelprogramm Deutsche Werkstätten (MDW)“ oder die von dem Designerduo Dietel und Lutz Rudolph entworfene Radioanlage für die Firma Heli Radio (die allerdings auch die/der „durchschnittliche“ DDR-Bürger/in erwerben konnte).

Der Tischler, Innenarchitekt und Ingenieur Horn sah den Nutzer bereits als „schöpferischen Mitgestalter“ als eine Verschmelzung von Konsument und Produzent noch undenkbar war. [Quelle] Seine in den 1960er Jahre entwickelten modularen, multifunktionalen Möbelprogramme sind das bekannteste Ergebnis dieses frühen „User-Centered Designs„. Noch spannender und geradezu wegweisend für das heutige Bauen finde ich jedoch sein Konzept des „Variablen Wohnens“ von 1969/1970. Es räumte den Bewohner/innen die größtmögliche Gestaltungsfreiheit ein und nahm die Idee des flexiblen Raums, wie er heute etwa im Design Thinking Anwendung findet, schon früh vorweg.
Das „Variable Bauen“ basierte auf einem großen, leeren Raum, in dem einzig eine Nasszelle fix vorgesehen war. Raumaufteilung und Zimmergestaltung oblagen ganz und gar den Bewohner/innen. Mithilfe flexibler Wände und des modularen Möbelsystems AM20 konnten sie den Raum entsprechend ihrer Bedürfnisse und Vorlieben selbst gestalten. Trotz des großen Interesses an Horns Konzept kam es nie über die Testphase hinaus. Vielleicht hat es heute, da bezahlbarer Wohnraum wieder knapp und nicht zuletzt durch die Flüchtlinge sehr unterschiedliche Wohnbedürfnisse unter einen Hut zu kriegen sind, eine neue Chance.

oben: Experimentalbau für variables Wohnen in Dresden (1973) | unten: Die variable Wohnung (1969) | Bildquelle: Burg Halle
Rundfunkgerät rk5 sensit mit Lautsprecher K20, HELIRADIO Gerätebau Hempel KG Limbach-Oberfrohna, K.C. Dietel/L. Rudolph, 1967-69 | Bildquelle: Stiftung Industrie- und Alltagskultur
Die Frage der Nutzerbedürfnisse durchzieht auch die Arbeit des gelernten Maschinenbauers und studierten Kraftfahrzeugingenieur Karl Clauss Dietel, der sie darüber hinaus mit dem Aspekt der Langlebigkeit verband. Seine Überlegungen hierzu kulminieren etwa im Begriff der „Gebrauchspatina„, wonach ein Gegenstand so gestaltet werden sollte, dass die Spuren seines Gebrauchs ihn auf- statt abwerten, er also sozusagen mit dem Alter schöner bzw. besser würde. An diesem Ansatz wurde nicht zu unrecht kritisiert, dass es dabei weniger eine Frage der Gestaltung und damit der Gestalter/innen, denn um die Haltung der Nutzer/innen zum Gegenstand ginge. Konsequenter ist dagegen das von ihm formulierte „Offene Prinzip„. 

Ein nach diesem Grundsatz gestalteter Gegenstand zeichnet sich nach Dietel durch die großen fünf L aus: Er ist „langlebig, leicht, lütt (klein), lebensfreundlich und leise“. Unter rein formal-ästhetischen Gesichtspunkten könnte man im iphone vielleicht ein „offenes Produkt“ erkennen. Es ist leicht, lütt und leise. Aus technisch-ökologischer Perspektive ist es jedoch exakt das Gegenteil, da es sich weder warten, noch reparieren und technisch erneuern, also auf einen technisch höheren Stand bringen lässt. Nun hat Dietel nie ein Mobiltelefon entworfen; hätte er es aber getan, wäre es vermutlich das Fairphone geworden. 
Exemplarisch für „seinen“ Designansatz steht das Kleinkraftrad Mokick S 50, das er und Lutz Rudolph 1967 für die Firma Simson Suhl entwickelten. Die einzelnen Bauteile passten in sämtliche Modelle und Fahrzeuggenerationen und waren in verschiedenen Varianten verfügbar, so dass die Nutzer/innen das Moped individuell anpassen konnten. Außerdem ließen sich Reparaturen oder der Austausch von Einzelteilen ohne große technisch-mechanische Vorkenntnisse selber machen – ein Design also, das auch gegenüber dem Do-It-Yourself-Prinzip offen war. 
Ich bin sicher: Mit derlei Dingen ließe sich leichter ein „enkeltaugliches Leben“ führen.
*Ich habe (im 1. Hauptfach) Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Ästhetik bei Karin Hirdina [*1941; †2009] studiert – eine großartige Lehrerin. Pathos der Sachlichkeit hieß ihr 1981 veröffentlichtes Buch, das wesentlich zur Versachlichung der Formalismus-Debatte in der DDR und einer Neubewertung des Bauhauses beitrug. Der Titel trifft jedoch ebenso gut auf sie selbst zu. Ob als Lehrende oder als Forschende, stets widmete sie sich ihrer Arbeit mit sachlicher Leidenschaft und leidenschaftlicher Sachlichkeit. Ich vermisse sie. Ihr präzises Denken, ihr messerscharfer Verstand und ihr konstruktiv-kritischer Geist fehlen – heute, da das pauschale Denken wieder Hochkonjunktur hat, umso mehr.