Tag

DIY

Alle Jahre wieder im November tauchen sie auf – die zwei großen Fragen:

1.) Was für einen Adventskalender mache ich dieses Jahr?
2.) Und womit fülle ich ihn?

In den vergangenen Jahren habe ich diverse Antworten gefunden: 1234, 5, 6 und 7. Nur dieses Jahr will mir einfach nichts in den Sinn kommen und noch bin ich nicht bereit, einen »Fertigkalender« zu kaufen. Darum: Habt ihr vielleicht eine schöne DIY-Idee für mich?

Sie hat über japanische Mode der 1980er Jahre diplomiert, ein Kostüm für Tom Hanks gestrickt und Devendra Banhart hat ein Lied über sie geschrieben: Hey Mama WolfSo der Name des Berliner Ein-Frau-Unternehmens, hinter dem Jule Rohrmann steht: Textil- und Flächendesignerin, Strickprofi, Naturfärberin, zweifache Mutter – und auf dem Sprung in die Prignitz. Nach rund 14 Jahren Großstadtleben wird sie nämlich diesen Sommer mit Mann und Kindern die Stadtwohnung gegen eine alte Mühle am Schlatbach tauschen. Ein ebenso mutiger Schritt wie richtiger Schritt, wenn einem die große Stadt zu laut und zu dreckig, und der Wunsch nach einem anderem Leben groß geworden ist. 
Im heutigen M i MAMontagsinterview berichtet Jule von ihrem Weg vom Textildesign zur selbst gefärbten Wolle, der sie über Twykers Wolkenatlas bis in die Prignitz führte. Außerdem geht es um Stricken, die Bedeutung des Hand-Arbeitens und all das, was noch zu tun ist, bevor das Mühlenleben richtig losgehen kann. 
Hab‘ vielen Dank, Jule, für die spannenden Einblicke, mit den ich allen einen schönen Ostermontag und einen guten Start in die KW 12 wünsche.
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aus: Cloud Atlas | Tom Twyker


Wer steckt hinter „Hey Mama Wolf“? Und wie kam es zu diesem Namen?

Hey Mama Wolf ist ein Eine-Frau-Unternehmen. Wobei ich auf die Unterstützung einiger lieber Freundinnen, meiner Familie und besonders meines Mannes zählen kann. Es gibt ein Lied von Devendra Banhart „Hey Mama Wolf“. Ich mag das Lied sehr und die Frau, über die dort gesungen wird. Meine geprenkelt gefärbten Garne bekommen auch Songtitel als Namen. Ich sehe die Farben und mir kommt ein Lied in den Sinn. Musik und Farben gehen Hand in Hand.
Jule Rohrman aka Hey Mama | (c) Makerist

Du bist diplomierte Textil- und Flächendesignerin. Wie kamst du zur Wolle, zum Stricken und zur Färberei?

Während des Studiums in Berlin habe ich eigentlich nur für mich privat gestrickt. Während meiner Auslandssemester in Tel Aviv/Ramat Gan habe ich einige Strickprojekte verwirklicht. Wir hatten dort sehr kompetente Dozentinnen in dem Bereich. Wieder zurück in Berlin war mir nur klar, dass ich irgendetwas machen möchte mit Strick. Das war sehr vage und unkonkret. Erstmal habe ich 2007 angefangen Strickkurse zu geben. Und dann kam das Stricken beinahe ohne meine Zutun zu mir. Ich habe recht bald nach dem Studium unser erstes Kind bekommen. Noch während der Elternzeit hat mich eine befreundete Modedesignerin angesprochen, ob ich für Ihre Privat-Kundinnen Stricksachen entwerfen könnte. Bald hatte ich mehrere Modedesignerinnen, für die ich Prototypen und Showpieces angefertigt habe. Meist habe ich den Entwurf und die Strickanleitung gemacht und hatte einige Strickerinnen, die das umgestezt haben. Die sicherlich spannendste Zeit war das halbe Jahr in der ich für den Kinofilm Cloud Atlas von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern Kostüme gestrickt habe. Es war so bereichernd an einem solch großen Projekt mit so vielen spannenden und talentierten Menschen zusammenzuarbeiten.
Mit dem zweiten Kind kam dann der nächste Wandel. Ich habe mehr und mehr über diesen fantastischen Werkstoff Wolle gelernt und alles, was damit zusammenhängt. Z.B. habe ich spinnen und färben gelernt. Es kam die Idee auf, aufs Land zu ziehen und ein Leben zu Leben, das anders ist als unser Leben in der Stadt. Wie kann ich meine Arbeit so gestalten, dass ich sie auch weit weg von Berlin ausüben kann? Zwei Freundinnen brachten mich unabhängig voneinander darauf mit Pflanzen zu färben. Ich stellte fest, dass an diesem Punkt viele Leidenschaften zusammenfallen. Die Wolle und das Spinnen, Stricken, Färben mit meiner Liebe für Pflanzen und Heilpflanzen, dem Gärtnern und dem Experimentieren.
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Was ist Stricken für dich?
Seit einigen Jahren gebe ich Strickkurse und ich bin immer wieder begeistert, wie gut es sich für meine Teilnehmerinnen anfühlt, wenn sie eine Technik gemeistert haben und etwas mit ihren Händen geschaffen haben. Handwerk, mit den Händen tun und schaffen, ist ungeheuer wichtig für den Menschen. Wir haben dann etwas in der Hand, das wir tragen und nutzen können. Für viele Menschen gibt es das in ihrem täglichen Tun nur noch sehr bedingt. Stricken, Handarbeiten, Werkeln, Kochen und Gärtnern kann da einen Ausgleich schaffen. Für mich persönlich ist Handarbeiten essentiell. Ich kann nicht lange ohne mein Strickzeug sein. Es freut mich ungemein, wenn meine Kinder tagelang ihren von mir gestrickten Pullover gar nicht mehr ausziehen wollen.
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In Bälde werdet ihr Berlin den Rücken kehren und auf dem Land eine alte Mühle zu neuem Leben erwecken. Wie kam es dazu?
Die alte Wassermühle haben wir durch ein Bauchgefühl meines Mannes gefunden. Wir haben in ganz Brandenburg schon fast zwei Jahre gesucht. Dann haben wir letztes Jahr um Ostern eine wunderbare kleine Dorfschule in der Prignitz gefunden, die hauptsächlich nach Montessori arbeiten. Wir waren gleich ganz begeistert und unsere Tochter auch. Wir haben auch prompt Plätze an der Schule und in der KiTa bekommen. Dazu kam, dass mein Mann Familie in der Gegend hat. So haben wir uns für die Westprignitz entschieden.

Im Sommer hatten wir eine Hausbesichtigung, die kurzfristig abgesagt wurde. Wir wollten uns stattdessen die Umgebung anschauen und mein Mann hatte eine Mühle auf der Karte eingezeichnet gefunden. O-Ton: „Da fahren wir hin, ich habe da so ein Gefühl.“ Wir waren da, saßen am Mühlbach – ein Traum! Und das Haus war offensichtlich unbewohnt. Es gibt ein Nachbarhaus und wir haben unsere jetzigen Nachbarn einfach angesprochen. Zu dem Zeitpunkt stand es seit zwei Wochen zur Debatte, dass das Haus zu verkaufen ist. Nach vier Monaten war die Mühle unsere. Es sollte dieses Haus sein, es hat uns ausgesucht. Die Mühle ist ein ortstypischer Dreiseithof, nur dass das Mühlgebäude noch zusätzlich am Wohnhaus steht. Es liegt in romantischer Alleinlage (wie gesagt, nur ein Nachbarhaus) am Schlatbach mitten im Naturschutzgebiet. Erlenbruch, Störche, Rehe und Hasen inklusive.
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Was braucht es dazu?
Mir ist das gar nicht so klar gewesen bis jetzt, aber es braucht eine Menge Mut und eine Menge Entspanntheit. Idealismus, Visionen, Abenteuerlust und Tatendrang sind von Vorteil.
Was ist euer Ziel und Traum?
Die Gründe raus aufs Land zu ziehen, haben sich im Laufe der letzten drei Jahre addiert. Wir möchten in gemeinschaftlichen Strukturen leben statt in Kleinstfamilien. Eine größere Gemeinschaft von Menschen, die füreinander einstehen. Zur Zeit sind wir auf der Mühle drei Große und zwei Kleine. Wir wollen aber noch wachsen und suchen noch weitere Menschen, gerne auch mit Kindern. Weiter gedacht ist da die ländliche Gemeinschaft. Bis jetzt haben wir die Erfahrung gemacht, dass man sich untereinander sehr unkompliziert hilft. Das hat uns auch sehr an der Prignitz angesprochen. Wir werden von allen Seiten gleich akzeptiert und eingebunden. Großartig.
Ein weiterer Punkt ist, dass wir uns zum Teil selbstversorgen wollen. Mit Lebensmitteln, Energie, Dingen des täglichen Gebrauchs und Kleidung. Aus der Zeitschrift OYA habe ich den Begriff „enkeltauglich leben“: Wie können wir unser so Leben gestalten, das ökologische Fußabdruck möglichst klein bleibt? An diesem Punkt setzt auch Hey Mama Wolf an. Ich versuche, die vorhandenen Ressourcen zu verwenden und bin damit nicht auf Produkte aus Übersee angewiesen. Darüber hinaus möchte ich meine Wolle so herstellen, dass sie möglichst wenig Energie verbraucht und keine Giftstoffe produziert. Ich bin sehr angetan von solidarischer Landwirtschaft und frage mich, wie das auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann. Ich überlege für Hey Mama Wolf eine Abonnement-Option, die das Prinzip als Vorbild hat.
Auf der Mühle möchten wir einen Werkhof etablieren. Bis jetzt wird es meine Färberei geben, eine Tischlerwerkstatt und ein Café. Auch eine Zusammenarbeit mit VERN e.V. für einen Färberpflanzengarten ist angedacht. Wir möchten in den kommenden Jahren Kurse anbieten können – färben, stricken, drechseln etc.
Zuallerst ist unser Ziel, die Mühle bewohnbar zu machen und unsere Werkstätten einzurichten. Dabei muss jedes Detail lange besprochen werden: Welche Art Heizung? Wo braucht es tatsächlich Steckdosen? Oh, da ist ja doch noch ein Balken, der ersetzt werden muss. Was können wir selbst, was müssen andere für uns machen? Etc. pp. In den nächsten fünf Jahren ist auch das große, große Dach dran.
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Seit wann bist du in Berlin? Und wie hat sich deine Beziehung zu dieser Stadt verändert in den Jahren?
Ich bin 2002 nach Berlin gezogen. Ich liebe sie sehr, meine große Stadt. Ich bin empfindlicher geworden gegen den Krach und den Dreck.

Was glaubst/hoffst du, auf dem Land zu finden, was dir die Stadt nicht bieten kann? Und was von Berlin könntest du auf dem Land vermissen?
Die Stadt bietet große Vorteile. Alles ist in der Nähe. Da ich die letzten 14 Jahre mehr oder weniger im gleichen Kiez gewohnt habe, kenne ich meine Leute, meine Läden. Das werde ich eindeutig alles sehr vermissen. Das kulturelle Angebot in Berlin ist enorm. Aber da denke ich, dass ich das bewusster wahrnehmen werde, wenn ich dann mal in der Stadt bin.
Ich finde auf dem Land mehr Raum und Luft und auch Gemächlichkeit. Die Prignitzer brauchen schon mal drei Tage um eine SMS zu beantworten. Das finde ich gut.
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Wie sehen die nächsten Schritte Richtung Land- und Mühlenleben aus? Und was könntet ihr dabei noch brauchen?
Wir sind jetzt die halbe Woche hier, die andere Hälfte dort. Ein Bewohner lebt schon auf der Mühle. Im Sommer wollen wir ganz umziehen. Bis dahin wollen wir zwei Zimmer bezugsfertig machen – Heizungsleitungen in den Wänden verlegen und wieder mit Lehm verputzen, die Böden bearbeiten. Ich bin vor allem im Garten am Gange. Brombeeren und Thujen entfernen, die verwilderten Beete freilegen, planen und säen, Hühner und Gemüsebeete einhegen, dass sie nicht von den Wildtieren verspeist werden.
Wir können immer helfende Hände gebrauchen! Zu tun ist immer was – Holz hacken, zusammengefallene Schuppen abreissen, Lehm putzen, im Garten werkeln… Im Gegenzug gibt es Kost und Logis und unsere von herzen kommende Dankbarkeit. Wir nehmen freudestrahlend Direktkredite in Empfang (wie gesagt, das Dach ist bald dran). Aber auch Sachspenden sind willkommen: Werkzeuge, Gartengeräte, Möbel, Bettwäsche und Geschirr usw.
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Gleich zwei wunderbare Kinderbücher fielen mir kürzlich in die Hände: Komm, wir machen was mit Stadt aus dem Loewe- und Nusret und die Kuh aus dem Tulipan-Verlag. Im Prinzip grundverschieden – das eine ein Spiel- und Bastel-, das andere ein Bilderbuch – haben sie doch Gemeinsamkeiten: Beide Bücher widmen sich mit Liebe, Feinsinn, Witz und Respekt ihrem jeweiligen Gegenstand; und beide Bücher sind das Ergebnis eines co-kreativen Prozesses. 
Das Bastelbuch stammt aus dem Würzburger Forschungslabor für Angewandte Kreativwissenschaften Herr Pfeffer, hinter dem die zwei Designerinnen Manou tigapigs und Julia Bruns stehen. Das Bilderbuch ist ein Gemeinschaftsprojekt der Berliner Autorin Anja Tuckermann sowie den zwei Illustrator/innen Mehrdad Zaeri und Ulli Krappen. Im Nachwort haben die beiden Künstler/innen den Prozess ihrer Zusammenarbeit beschrieben – und allein diese Beschreibung ist lesenswert. Sie zeigt auf zauberhaft-zärtliche Weise, was Co-Creation auch bedeuten kann: „[Wir] stehen uns an einem Tisch gegenüber und malen am gleichen Blatt. Das ist ein bisschen wie Zeitschach. Wir haben eine Stoppuhr und jeder von uns hat zwei Minuten für seine Zeichnung. […] Sobald die Uhr piepst, wandert das Blatt rüber zum anderen, […] der es alles übermalen, zerstören, vernichten darf, sogar soll, damit das Spiel an Fahrt gewinnt. Irgendwann entwickelt sich etwas Konkretes im Bild, etwas nimmt Gestalt an. Und …. dann [heißt es] auch schon mal, obwohl sich die Stoppuhr bereits gemeldet hat: ›Nein, mach du weiter, das ist eher dein Ressort.“ Doch zum Inhalt. Worum geht es hier wie dort? 

Nusret und die Kuh erzählt die Geschichte des kleinen Nusret, der bei seinen Großeltern in einem verlassenen Dorf irgendwo im Nahen Osten lebt. Nusrets Eltern sind während des Kriegs mit seinen Geschwistern nach Deutschland geflohen. Sie wollen ihren jüngsten Sohn schon bald zu sich holen. Nusret ist hin und her gerissen. Damit die Sehnsucht erträglich bleibt, nimmt er seine geliebte Kuh mit nach Deutschland. Dort soll sie – wie er – das Lesen und Schreiben lernen. Als Nusret in seiner neuen Heimat Fuß gefasst hat, bringen er und seine Eltern die Kuh zurück aufs Land zu den Großeltern. Dort liest sie ihnen, die des Lesens nicht mächtig sind, fortan Nusrets Briefe aus Deutschland vor. 
Anja Tuckermann, Uli Krappen und Mehrdad Zaeri haben ein berührendes Buch über Heimat, Fremde und Sehnsucht gemacht, das gerade heute dringend gebraucht wird – nicht nur für Kinder!
Anja Tuckermann, Uli Krappen, Mehrdad Zaeri
Nusret und die Kuh
ab 5 Jahren 
1. Auflage 2016, Tulipan Verlag
Preis: 18,00 €
Die beiden Damen von Herrn Pfeffer haben für Komm, wir machen was mit Stadt zahlreiche Bastelideen für Kinder ab fünf Jahren zusammengetragen, denen man – anders als manch anderen Kinderkreationen – gerne einen prominenten Platz in den eigenen vier Wänden einräumt. 
Das Buch zeigt auf wunderbar verspielte Weise, was sich aus unseren täglichen Abfällen alles machen lässt: eine Kuschelstadt aus Stoffresten zum Beispiel, ein Minigärtchen aus Milchtüten, eine Autogirlande aus leeren Streichholzschachteln oder Pflanztöpfe aus Konservendosen. Dabei unterscheidet sich das Buch nicht nur in seiner Gestaltung wohltuend von vielen anderen Bastelbüchern, auch die Anleitungen sind anregend anders. Dazu tragen nicht zuletzt die acht kleinen Stadtfreunde bei: der Ideen-Marienkäfer zum Beispiel, der zeigt, was sich aus dem Gebastelten noch alles machen lässt (etwa Spiele für Drinnen und Draußen), der Material-Igel, der weiß, was man alles braucht für das Projekt oder der kleine und der große Waschbär, die wissen, wann kleine Macher/innen besser große Unterstützung in Anspruch nehmen.
Ma. hat für die nächsten Monate schon einen Bastelplan erstellt und für jedes Wochenende ein Projekt ausgewählt. Gestartet ist sie mit dem Minigärtchen, das nun leicht abgewandelt als Ostergärtchen unsere eher minimalistische Osterdeko aufpeppt.

Herr Pfeffer
Komm, wir machen was mit Stadt
Ein kreatives Spiel- und Bastelbuch
aus der Reihe „Naturkind“

ab 5 Jahren, 1. Auflage 2016 Loewe Verlag 
Preis: 12.95 €

Ich danke dem Tulipan- und dem Loewe-Verlag für die Rezensionexemplare.

Sechs Jahre lang hat sie erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut, das mit der Verleihung des German Design Awards 2016 im November letzten Jahres seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. So hätte es weitergehen können. Doch am 1. Februar verkündet Kerstin Reilemann via Facebook, dass sie SNUG.STUDIO verlassen und sich neuen Kreativ-Abenteuern zuwenden werde. Was war ich überrascht! Und – ihr kennt mich – neugierig zu erfahren, wie es zu dieser Entscheidung kam. 
Im heutigen Montagsinterview erzählt die studierte Innenarchitektin aus Hannover, was sie zu diesem – mutigen – Schritt veranlasste und wohin die Reise geht. Hab herzlichen Dank, liebe Kerstin, für die Ein- und Ausblicke. 
Ich wünsche dir für dein Vorhaben ganz viel Freude, Erfolg und das nötige Quentchen Glück – und euch allen eine spannende Lektüre und einen guten Start in die KW 9.
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Nach erfolgreichen Jahren mit und bei SNUG gehst du nun eigene neue Wege. Wie werden diese neuen Wege aussehen?

Ich hole mal ein wenig aus – und hoffe, dass ist ok! 😉
Ich habe mich seit dem Innenarchitektur-Studium eigentlich immer wieder mit unterschiedlichen gestalterischen Themen beschäftigt, so dass das Produktdesign nicht unbedingt die einzige Richtung ist, die mich interessiert. Schuld war wahrscheinlich meine Hochschule, an der ich studiert habe – interdisziplinäres Arbeiten wurde dort sehr groß geschrieben :). Schon während des Studiums habe ich mit drei Freundinnen begonnen, eigene Projekte in die Tat umzusetzen. So entstanden verschiedene soziale, interaktive Installationen im Rahmen von Veranstaltungen und im urbanen Raum (siehe Näheres in meinem Portfolio). Das war eine tolle Zeit und ich bin mit den dreien immer noch eng verbunden, auch wenn wir mittlerweile zwischen Hannover und Berlin pendeln müssen, um uns zu sehen. Nach dem Studium war bei mir dann Familienplanung angesagt. Während der Schwangerschaft habe ich noch als Freelancer an einigen Kunst- und Veranstaltungsprojekten mitgearbeitet. Dann wurde Emil geboren und somit war ich eine Zeitlang eher kreativ im Kinderzimmer-Gestalten und Kaufmannsladen bauen :).
Da mir aber das Kinderwagen-Schieben und Kaffeetrinken mit Freundinnen irgendwann nicht mehr gereicht hat (obwohl es echt toll war!), musste irgendetwas Gestalterisches her, das ich gut von zu Hause aus machen kann. So habe ich angefangen, kleine Produkte aus Holz zu entwerfen und diese bei Dawanda unter dem Label domestic candy zu verkaufen. Süße Produkte von zu Hause – inspiriert durch mein Mutterdasein. So kam ich zum Produktdesign.
Als Emil dann in der Kita war, hatte ich vor, richtig durchzustarten: „Ein Studio wäre toll und vielleicht noch jemand, mit dem man zusammen arbeiten könnte!“ – auch ein Überbleibsel aus den Lehren des Studiums – Teamarbeit! Schon kurze Zeit später habe ich dann Berit über eine gemeinsame Freundin (Anne von enna und Anny Who) kennengelernt. Sie hatte gerade genug von ihrem Job im Architekturbüro und wollte auch gerne was Eigenes auf die Beine stellen. Gesagt – und erfolgreich – getan. 6 Jahre SNUG.STUDIO, Produktdesign mit eigenem Vertrieb. Bis hierher gemeinsam und nun weiter mit Berit und ihrem Mann Heiko, der im letzten Jahr mit eingestiegen ist.
Nun freue ich mich auf die nächsten gestalterischen Projekte, die auf mich zukommen.

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Welche das sein werden, wird sich jetzt erst im Machen herauskristallisieren. Aber so viel vorweg: Es wird in Richtung Styling, Art Direction gehen. Ob als Freelancer, angestellt oder beides, ist noch offen. Aber auch meiner persönlichen Vorliebe für Handmade und Do-It-Yourself- Projekte werde ich weiterhin nachgehen und diese ausbauen. Wer weiß, dabei springen dann vielleicht ein paar Unikate oder die ein oder andere limitierte Auflage von – ich denke eher künstlerischen – Produkten heraus, die ich dann online auch verkaufe. So ganz kann ich dann doch nicht aus meiner SNUG-Haut, aber eben ab jetzt eher sehr zurückhaltend und als persönliche Herzensangelegenheit und weniger als Haupteinnahmequelle.

DIY ist aber nicht nur ein Thema, mit dem ich mich persönlich, sondern weiterhin professionell beschäftigen möchte. Schon seit längerem entwickle ich ja (unter anderem mit Berit) für das Familienmaganzin Nido „Selber-Machen-Projekte“. Im aktuell erschienenen Buch Selber machen! sind auch viele unserer Projekte enthalten.
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Was war Anlass und Motivation für den „Alleingang“?
Die letzten sechs Jahre waren eine tolle Zeit: SNUG.STUDIO aufzubauen, es wachsen zu sehen und immer wieder kleine und größere Erfolge feiern zu können. Nur habe ich mich in der Zeit auch stark weiterentwickelt, genauso wie Berit. Mit unserer Philosophie und unseren Ziele haben wir dabei einfach unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. So ist das eben manchmal und das ist auch okay so.
Natürlich war es ein etwas längerer Prozess, in dem wir uns erst einmal klar darüber werden mussten, wie und ob wir miteinander weiter nach vorne gucken. Am Ende haben wir freundschaftlich entschieden, dass wir getrennt voneinander beide besser zu unserer alten Form, zu unserem anfänglichen Enthusiasmus, zurückfinden.
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Wenn du zurück blickst: Was war SNUG für dich?
Die höchste Qualität von Arbeit ist, wenn sie sich nicht wie Arbeit anfühlt. SNUG.STUDIO war für mich mein zweites Zuhause. Es war ein Projekt, das wir mit viel Freude und Elan angegangen sind, um daraus ein echtes Unternehmen zu machen. Und das hat ja auch recht gut funktioniert :). In den letzten ein bis zwei Jahren habe ich jedoch immer mehr gespürt, dass meine Vorliebe für die gestalterische Arbeit dabei etwas zu kurz gekommen ist.

Wenn man die eigenen Produkte selbst produzieren lassen und erfolgreich vertreiben will, bedeutet das weitaus mehr als die Produkte in einen Onlineshop einzustellen und zu warten. Interne Strukturen und planvolles Handeln sind das A und O. Stand am Anfang das Produktdesign ganz groß oben auf unserem Plan, so haben wir schnell gemerkt, dass von einem guten Marketing, Vertrieb, Logistik, Lagerhaltung, Mitarbeiterführung bis hin zu Controlling- und Steuerthemen (…hab ich was vergessen?) alles mindestens genauso wichtig ist.
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Ich habe so unermesslich viel gelernt in diesen Jahren und kann es super für alle kommenden Unternehmungen und Projekte nutzen.
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Wie geht es mit SNUG weiter ohne Kerstin Reilemann? Worauf dürfen wir uns freuen?
Ich bin mir ganz sicher, dass es tolle neue Produkte geben wird. Ich halte sehr viel von Berits Gespür dafür, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Wir können uns also sicher auf neue klare Produkte mit dem gewissen Etwas freuen. Aber am besten wissen das natürlich Berit und Heiko selber.
Worauf freust du dich am meisten?
Darauf, dass ich für mich der gestalterischen Prozess wieder in den Vordergrund stellen kann. Egal, ob ich ein Do-It-Yourself-Projekt für eine Zeitschrift umsetze, kleine Unternehmen unterstütze, ihren öffentlichen Auftritt zu verbessern, Stylings für Produkte und Interior entwickele, Handmade-Produkte entwerfe und herstelle oder mit großen und kleinen Menschen Kunstprojekte mache.
Noch ist alles sehr frei und offen, aber je mehr ich in mich hineinhorche, je mehr ich an vergangenen Projekten zusammentrage, desto genauer zeichnet sich gerade ein Konzept für mich ab. Interdisziplinäres Arbeiten eben 🙂
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Was sind deine aktuellen Projekte?
Da bin ich noch ziemlich am Anfang. Ein Projekt ist meine neue Homepage, die vor allem als Portfolio funktioniert und potenziellen Kunden und Kooperationspartnern zeigen soll, was ich so gemacht habe und was ich mache. Was ich anbieten kann und möchte. Außerdem arbeite ich weiterhin mit der Nido zusammen, für die ich derzeit ein neues „Selber machen-Projekt“ für Kinder entwerfe. Bei decor8 werde künftig einmal im Monat mit einem DIY-Beitrag vertreten sein und im Kulturbüro meines Stadtteils DIY-Workshops für Kinder und Erwachsene geben. Es läuft also an!
Parallel dazu vernetze ich mich in verschiedenste Richtungen. Das ist in den letzten Jahren leider immer ein wenig zu kurz gekommen. Es ist gerade so inspirierend, sich mit anderen kreativen, freischaffenden Menschen auszutauschen. Dabei sind allein in den letzten paar Wochen so wunderbare Ideen und positive Gedanken und nicht zuletzt gute Kontakte entstanden.
Wo finden wir dich?
Man findet mich – hoffentlich ganz bald – auf meiner neuen Homepage und schon ein wenig länger auf Instagram, tumblr und Facebook. Auf meinem Instagram-Feed möchte ich vorerst eine gewisse Ahnung davon vermitteln, was mich und meinen Stil ausmacht. Meine Art auf die Dinge zu sehen. Meine ganz persönlichen gestalterischen Gedanken und Projekte.
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Wann mir Eni wo über den virtuellen Weg gelaufen ist, erinnere ich nicht mehr. Irgendwann war sie da – in meinem Blogreader, und seither schaue ich bei ihr vorbei. So habe ich auch die Entwicklung ihres Modelabels mitbekommen. Ihre erste Kollektion hat mir gut gefallen, vor allem die Shirts. Dann war plötzlich Funkstille, und als ich wieder einmal vorbeischaute, war alles anders.

„weil dies kein blog ist“, schrieb Eni im November 2014. Und wenn man die Dialogfunktion als wesentliches Kriterium für ein Blog versteht, stimmt das auf jeden Fall. Es ist ein Monolog. Ein steter Gedankenfluss, dem man „zuhören“, den man jedoch weder kommentieren noch unterbrechen kann. Die Möglichkeit des Austauschs mit den Leser/innen hat Eni bewusst ausgeschaltet. Das ist auf eine Art radikal. So wie auch Enis Gedanken und Worte auf eine – auf ihre – seltsam zarte Weise radikal sind. „ehrlich. echt. roh.“ beschreibt sie sie selbst auf ihrer Facebook-Seite. Und das trifft’s.

Im heutigen Montagsinterview erzählt sie von der Bruchstelle, die dazu führte, dass sie heute schreibt und (zumindest vorerst) nicht mehr näht. Außerdem geht es ums Laufen, um die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen und die ganz großen – das Leben selbst.

Hab‘ herzlichen Dank, liebe Eni, für deine Antworten auf meine Fragen, mit denen ich nun allen einen guten Start in die 6. Kalenderwoche wünsche.
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Eni Mai: Modedesignerin, Schriftstellerin, Läuferin, Mutter. Was noch? Was nicht? 
Was ich noch bin? In erster Linie bin ich ich. Zumindest versuche ich es immer zu sein. In dem was ich tue, schreibe, sage – echt und authentisch zu sein. Im Herzen ein Künstler. (Über)Lebenskünstler. Und dann ist da noch der kleine Optimist in mir, der das Leben liebt, egal was es gerade mit ihm macht. Dessen Glas immer halbvoll ist und niemals halbleer. Manche Menschen können das nicht verstehen, weil sie denken, ein Mensch kann nicht so positiv sein. Aber ich bin es wirklich. Weil genau diese Sicht auf das Leben mich bis hierher gebracht hat. Ja, man könnte sagen ich bin jemand, der sein Leben aus tiefsten Herzen liebt. Und ein Tagträumer bin ich. Da sind so viele Geschichten in meinem Kopf. Tagsüber fliegen sie durch meinen Kopf und nachts wandern sie aufs Papier. So war das schon immer. 
Ach, und ausserdem arbeite ich, neben dem Schreiben, 90% in einem sehr großen Sportgeschäft. Für mich als Läuferin perfekt. Und überhaupt liebe ich diese Arbeit. Auch wenn sie so gar nichts Künstlerisches hat, ist es irgendwie doch genau mein Ding. Der beste Nebenjob der Welt! Das eine kann eben manchmal nicht ohne das andere. Und dieser Job gibt mir die Möglichkeit ohne Druck, in den späten Abendstunden, das zu tun, was ich liebe: Schreiben. 
Was ich nicht bin? Schwer zu sagen, manchmal denke ich, ich kann alles sein, solange es echt ist. Solange der kleine Optimist in mir sein Lachen nicht verlernt. Solange ich dabei sein darf, wie ich bin. Wer ich bin.

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Dein „Blog“ – oder besser Plattform? – dreht sich um Kaffee, Bücher und Worte. Welchen Stellenwert haben diese drei Dinge in deinem Leben?
Ich sag es mal mit den Worten von Jorge Luis Borges : ‚I have always imagined that paradise will be some kind of library.‘ Worte sind etwas Großes. Etwas Wundervolles. Wenn ich nichts hatte, dann hatte ich immer noch Worte. Sie haben mich über Wasser gehalten. Sie ziehen sich durch mein Leben. Ich brauche Worte. Ich atme sie. Ich lebe sie. Sie bergen Erinnerungen, Gefühle und Momente in sich. Sie beschreiben, Unbeschreibliches. Sie sagen, was gesagt werden muss. Sie sind. Sie überdauern. Sie bilden Brücken und reißen sie nieder. Sie heilen und verletzen. Sie sind echt und wild und unbändig. Wenn ich mich selbst mal wieder nicht finde und das Leben zu groß ist, dann laß ich Worte regnen. Aus meinem Kopf, aus meinem Herzen. Ich könnte ohne Worte nicht leben. Es liegt in meinem Wesen sie zu suchen und zu benutzen. Genauso ist es mit Büchern. 
Ein Leben ohne Bücher wäre trist. Ich kann mir nicht vorstellen nicht zu lesen. Seit ich lesen kann, lese ich. So viele Geschichten. So viele Welten. So viel Wissen. So viele Leben. Ich könnte und wollte nicht ohne sein. Eine Tasse Kaffee und ein Buch. Das ist Glück. Ich liebe es von Büchern umgeben zu sein, mit E-Books kann ich nichts anfangen. Ich muss sie spüren, sie riechen, sie fühlen. 
Ich liebe es in einer Bibliothek zu sein. Wo immer ich bin, gehe ich in Buchläden. Ich liebe alte Bücher vom Trödler. Manchmal stehen noch Worte darin. Von jemanden an jemanden. Der Gedanke, ein anderer hat das Buch vor mir in der Hand gehabt, seine Geschichte gelesen, gefühlt, das ist ein großer Gedanke. Ein wunderbarer Gedanke. Seid kurzem haben wir in unserer Wohnung eine eigene Bibliothek. Das alte Büro meines Mannes wurde zu meinem Schreibzimmer und zu unserer Bibliothek. Der Bube ist begeistert, liebt er doch Bücher und das Lesen genauso sehr wie ich. Und so verbringen wir hier unsere Stunden. Das ist unglaublich. Ein alter Traum der sich endlich erfüllt hat. Ein Raum nur für Bücher. Voll mit Büchern. Genau die richtige Umgebung um zu schreiben. Nichts könnte inspirierender sein. Und Kaffee, ja Kaffee – fast lebenswichtig. 🙂 Ich könnte ohne, aber es wäre nur halb so gut. Am liebsten frisch zubereitet in der Chemex oder mit der Aeropress. Ich probiere unheimlich gerne neuen Kaffee aus. Und wenn ich morgens, schlaftrunken, im halbdunkeln, den ersten Schluck von meinem frischen Kaffee trinke, dann ist alles gut. Das kann, morgens, nur Kaffee.
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Du bist keine Bloggerin und Eni Mai ist kein Blog, schriebst du im November vergangenen Jahres, nachdem du erkannt hast, dass du dich in der D.I.Y.- und MeMade-Blogosphäre verrannt hattest. Was war passiert? Und wie konnte es passieren?
Ach, dass ist eine lange Geschichte und irgendwie auch wieder nicht. Ich weiß nicht mehr wirklich, wann ich an den Punkt kam, aber irgendwann hab ich gemerkt, dass das nicht mehr ich war. Dass ich das nicht bin. Ich wollte diesen Druck nicht mehr. Als ich damals mit meinem Blog und auch mit meinen Shop anfangen habe, das war alles noch klein. Da waren wir eine Handvoll. Da war Dawanda noch eine Plattform für das Handwerk. Für Künstler und Designer. Es gab noch keine Me-Made-Mittwoche und noch keine 12 von 12. Und auch noch keine unzähligen Dawanda-Shops. Irgendwann hat sich das verändert. Man „musste“ hier mitmachen, um dort dabei zu sein. Und der eigene Shop war plötzlich einer von vielen. Das war für mich eine miese Zeit. 
Ich hab Modedesign studiert und mein Traum war immer, mein eigenes Label zu haben. Aber die Menschen wollten nicht mehr viel Geld für Qualität ausgeben. Jeder wollte alles am liebsten super günstig oder am besten zum selber nachmachen. Wie oft wurde ich nach Schnittmustern oder Tutorials gefragt (die ich als Schnittdirectrice in mühevoller Kleinarbeit selbst erstellt und gradiert hatte). Die Sachen wurden auf Märkten ganz genau in Augenschein genommen, um es dann daheim selbst zu nähen. Auf den Blogs sah man Schnittmuster for free, da hätten sich meiner Dozentin die Haare aufgestellt. Aber die Blogleser und Blogger fanden es super. Und irgendwann war es überall das gleiche. Da hab ich mich nicht mehr wohlgefühlt. Ich bin kein Mitläufer. Ich will nicht das machen, was alle machen. Ich will mich auch nicht verbiegen, um meine Klamotten zu verkaufen. Und ich will nicht umsonst arbeiten. 
Für mich, deren Beruf anderer Leute Hobby ist, ist diese Entwicklung hin zu ‚ich kann alles selber machen‘, nicht wirklich gut. Ich mein, ich operiere mich ja auch nicht selbst, nur weil ich ein Buch über Chirurgie gelesen habe. Jedenfalls hab ich das Modedesign Modedesign sein lassen und mich beim großen Sportgeschäft beworben. Um Geld zu verdienen und endlich keinen Druck mehr zu haben. Ich hab mich wieder neu gefunden und aufgehört zu schreiben, was die Welt lesen will. Ich habe die Kommentarfunktion ausgeschaltet und begonnen das zu schreiben, was ich sagen will. Dafür mögen mich nun viele nicht mehr, aber auch das ist egal geworden. Weil ich wieder bin. Und das ist gut. 
Irgendwann werde ich wieder Mode machen. Da bin ich sicher. Manche Träume brauchen Zeit. Und während die einen in weite Ferne geraten, schieben sich andere leise in die erste Reihe. Ich nehm sie, wie sie kommen. Damit mein Glas immer halbvoll ist und niemals halbleer. Das ist, was ich für mich gelernt habe. Aber wie gesagt, das ist nur ein kleiner Teil der Geschichte.:)
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2015 bist du deinen ersten Marathon gelaufen. Wie war das? 
Berauschend und unglaublich emotional. Seit ich angefangen hatte richtig zu laufen (also nicht nur laufen im üblichen Sinne, das tat und tue ich schon immer viel und oft), war es mein Ziel, einen Marathon zu laufen. Nicht für irgendeine Bestzeit, sondern nur für mich. Um mir und meiner Autoimmunerkrankung zu zeigen, was ich kann! Ich wusste, wenn ich das schaffe, dann kann ich alles schaffen. Also hab ich mich für Berlin beworben, den Platz bekommen und mit den Training angefangen. Und wie es so schön heisst, ‚Der Weg ist das Ziel!‚. Ein Marathon fängt nicht erst am Start an, er fängt dann an, wenn das Training beginnt. Der Marathon an sich, ist nur der Endspurt. Ein sehr langer, gigantischer, berauschender Endspurt. 
An dem Tag war ich schrecklich aufgeregt und einfach nur wahnsinnig glücklich. Das ganze drumherum war so unglaublich toll. Die vielen Läufer, die vielen Zuschauer, die irgendwie nur für mich hier zu sein schienen, die Musik, die Helfer. Wahnsinn. Beim Countdown hab ich geweint, vor Glück. Und dann bin ich einfach nur noch gelaufen. Durch Berlin. Eine wunderschöne, lebendige Stadt mit wahnsinnig tollen Menschen. Hier und da hab ich meinen Namen gehört, wildfremde wurden zu Freunden, für diesen kurzen Augenblick. Das war gigantisch. Ich hatte in keinem Moment das Gefühl, ich würde es nicht schaffen. Es war anstrengend, klar, aber es war vor allem wunderschön. Und dann am Ende, der Zieleinlauf. Das Brandenburger Tor. Mein Mann hat dort gewartet, ich hab ihn jubeln sehn und die Tränen liefen. Die letzten Schritte bin ich für all die Menschen in meinem Leben gelaufen, die nicht mehr an meiner Seite sind. Die irgendwo sitzen und mich anfeuern. Und für meine Liebsten, meinen Sohn, meinen Mann. All die, die mich lieben, die hinter mir stehen und mich begleiten. Das Bild meines Zieleinlaufs spiegelt genau das wieder. Glück. Und Dankbarkeit. Und das Wissen, ich kann alles schaffen, wenn ich will. Einfach, weil ich es will!
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Wie prägt das Laufen deinen Alltag?
Laufen gehört für mich zum Leben wie das Atmen. Ich laufe viel und so oft ich kann. Schon immer. Zum Beispiel laufe ich lieber zur Arbeit, als das ich mit dem Bus fahre. Das sind knapp 3km hin und 3km wieder zurück. Es tut mir gut. Ich liebe es, meine Beine zu bewegen. Dazu Musik im Ohr und den Wind im Gesicht. Da kann ich meine Gedanken baumeln lassen. Worte finden. Mich finden. Es macht mich glücklich zu laufen. Ich kann absolut nachvollziehen, dass Forest Gump einfach immer weiter lief. Ich könnte das auch. Vielleicht werde ich irgendwann mal, wenn ich alt bin und der Bube aus dem Haus ist, eine Weltbegehung machen. Die Welt erlaufen. Oder den PCT wandern. Aber vorher will ich noch jede Menge Marathons laufen in verschiedenen Ländern und Städten. 
Wie sieht dein Alltag eigentlich aus? 
Naja, da ich ja mittlerweile zu 90% beim großen Sportgeschäft arbeite, ist mein Alltag natürlich davon geprägt. Aber ich liebe diese Arbeit und den Weg dorthin. Die Nachmittage, die ich nicht arbeite, sind für meinen Sohn reserviert. Da mach ich nichts anderes. Genauso wie am Sonntag. Das ist Familienzeit und die ist wertvoll und kostbar. Ausser das Laufen, das quetsche ich dazwischen. Das muss sein. Die Abende, Nächte und meinen freien Tag verbringe ich mit schreiben. Viele Worte finde ich beim Laufen. Gerade wenn ich zur Arbeit gehe, die notiere oder diktiere ich dann in mein Handy und schreibe es mir abends in eines meiner unzähligen Notizbücher. Man könnte sagen, mein Alltag ist sehr alltäglich und sehr, sehr voll. Ich wünschte manchmal der Tag wäre länger oder die Nächte. Ich schlafe nämlich ziemlich gern und bin dann morgens immer sehr müde, aber auch das ist okay. „Schlafen kannst Du, wenn Du tot bist.“ 
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Das neue Jahr ist noch jung. Was wünscht du dir für dich in diesem Jahr?
Ich wünsche mir glücklich zu sein und gesund zu bleiben. Und dass meine Lieben es auch sind. Ich bin kein Fan von Neujahrsvorsätzen oder großem Pläneschmieden. Das Leben ist viel zu unberechenbar und hat oft seine ganz eigenen Wege. Ich werde im September wieder den Marathon in Berlin laufen, dafür bin ich schon angemeldet und ich will mein Buch zu Ende schreiben. Aber in erster Linie will ich glücklich sein. Die kleinen Dinge nicht übersehen. Nicht vergessen zu leben. Zu lieben. Im Regen zu tanzen. Überhaupt zu tanzen. Und dankbar zu sein, für das, was mir gegeben ist. Das ist doch, was am Ende bleibt. Erinnerungen an ein gutes Leben. An ein glückliches Leben und an die Menschen, die man liebt.
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Sie liebt es, sich von Dingen verzaubern zu lassen und nennt sich selbst eine Sachenmacherin und einen Fühlmensch. Die Rede ist von Simone Cornel. Vor gut drei Jahren kam – „wie von selbst“ – ihr kleiner Laden“ raumundlicht in die Welt. Begonnen hatte alles mit einem Stand auf einem Weihnachtsmarkt im Jahr 2011. So erzählte sie mir im Februar 2013.
Hinter das Türchen No. 22 hat Simone zwei ihrer wundervollen Girlanden gelegt: die silberfarbenen und die goldenen. Auch sie sind ein Kind des Zufalls: „Es ist schon inzwischen ein paar Jahre her“, erzählt sie. „Ich malte Kreise, einfach so, und fügte sie reihend an einander… Im einem Vorratsglas hatte ich noch alte Wäscheklammern. Ich wickelte die Kreise darauf. So entstand meine erste KreiseGirlande. Irgendwann, ein bisschen später, kamen die Sternchen hinzu.“ 
Ob am Weihnachtsbaum, auf dem Weihnachtstisch oder ganz weihnachtsunabhängig über Kinderbett, am Spiegel, im Fenster – die zarten Girlanden verzaubern jede Situation. Wenn ihr euch über die Zwei freuen würdet, hinterlasst bis heute Mitternacht* eine {mit Email-Adresse}.  Die Beschenkte ist Frauke. Viel Freude damit!
*Ausnahmsweise verkürze ich die Teilnahmedauer, damit die Girlanden noch pünktlich zum Weihnachtsfest ankommen können.
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Um die Do It Yourself-Bewegung ist es – so mein Eindruck – ein wenig ruhiger geworden. Zwar werden nach wie – und zum Glück! – allerorten D.I.Y.-Ideen und Anleitungen geteilt, doch werden diese von weniger Begeisterungsstürmen begleitet als noch vor rund einem Jahr (oder bin ich nur zu weit entfernt, um sie zu hören?). Die Ruhe könnte bedeuten, dass das Selbermachen uns selbstverständlicher, alltäglicher geworden ist. Das ist ja oft so, wenn etwas Neues oder Wiederentdecktes ins Vertraute übergeht. Do It Yourself als schöne Selbstverständlichkeit? Nun, das wär‘ doch was. Nur langweilig, das darf es natürlich nicht werden. 
Damit es das nicht wird, hat Edel zwei Bücher voller Anregungen, Ideen und Inspirationen für euch hinter das Türchen No. 11 gelegt: nämlich zwei Exemplare von Do It Yourself – 50 Designobjekte zum Selbermachen von Thomas Bärnthaler. Vielen Dank dafür!

50 Selbermach-Projekte von 50 Designer/innen hat der SZ-Magazin-Redakteur in seinem neuesten Buch zusammengestellt. Die Projektpalette reicht vom geknoteten Seilwandteppich über ein astbasierte Esszimmerlampe bis hin zum Schubkarren-Sessel. Allesamt sind mit einfachen Mitteln, überschaubarem handwerklichen Talenten und nach eigenem Gusto nachzubauen.

Mir haben es vor allem die Lampe von Gesa Hansen und das Regal von Sebastian Herkner angetan. Aber die Uhr von Nitzan Cohen und die Garderobe von Antenna Design finde ich großartig. 
Wenn euch das Buch anspricht, hinterlasst bis zum 14. Dezember 0.00 Uhr eine Nachricht mit Emailadresse. Die Adventsfee ist wie immer für die Zufallswahl der Beschenkten zuständig – und hat Dania und Maria {Nordreisen} auserkoren. Viel Freude mit dem schönen Buch.

Von einer die auszog, der ersten Liebe eine zweite Chance zu geben. So könnte man sie charakterisieren, die Frau hinter nikkioutwest. Als die Kunsttherapeutin aus Bayern und der Mann aus Washington sich nach vielen Jahres zufällig wieder begegneten, nahmen sie das Schicksal beim Wort und sich bei der Hand. Seither pendeln sie zwischen zwei Kontinenten und planen Schritt für Schritt ein gemeinsames Zuhause. Nicht hier im beschaulichen Bayern. Sondern im wilden Westen, genauer gesagt in Virginia mit seinen heißen Sommern, seinem üppigen Grün und seiner schmerzhaften Widersprüchlichkeit.

Was für eine Geschichte, dachte ich und wollte mehr wissen von der Frau, die ihre Hände in Mehl versenkt, um zur Ruhe zurück zu finden. In unserem Montagsgespräch erzählt Nicola von den Herausforderungen und Chancen einer interkontinentalen Liebesbeziehung, von kreativen Quellen und guten Orten im fernen Amerika. 

Hab vielen lieben Dank für das schöne Gespräch, Nicola, mit dem ich allen einen guten Start in die erste Septemberwoche wünsche.    
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Wer steckt hinter „nikkioutwest“? Und wie kam es zu dem (Blog-)Namen?
Hinter nikkioutwest steckt Nicola, Kunsttherapeutin, Mutter von Zweien, die immer unabhängiger werden, beheimatet in München und im Herzen seit jungen Jahren mit Virginia verbunden.
nikkioutwest ist Journal meiner Herzens(aus)wanderung von den bayerischen Voralpen in die grünen Hügel Virginias.
Wo, wie und warum lebst du im „wilden Westen“?
Einst, in ganz jungen Jahren, traf ich in Washington D.C., in einer für die amerikanische Hauptstadt so typischen, feucht-heißen Augustsommernacht einen gebürtigen Washingtonian mit goldbraunen Augen und grübchengesprenkeltem Lächeln. Die sanften Wogen unserer jungen Leben ließen uns ein wenig umeinander kreiseln, bevor sie uns wieder in unterschiedliche Richtungen auseinander spülten. Heute, fast zwei Dekaden und jeweils ein halbes, erwachsenes Leben später, wurde uns eine zweite Chance gegeben oder vielmehr, wir haben sie ergriffen. Derzeit leben wir noch auf verschiedenen Kontinenten, denn zwei Leben mit all ihrem Gepäck zu vereinen braucht Zeit und dazu Mut, Kraft, Ausdauer und vor allem Zuversicht und Vertrauen in die gemeinsame Vision. Unsere Familienzeit verbringen wir in der näheren Umgebung von Washington, in Virginia, denn hier soll zukünftig unser Zuhause sein.
Wie unterscheidet sich der „wilde Westen“ von deiner „alten Heimat“?
Die Unterschiede sind mannigfaltig und die Gespräche darüber am Familientisch ebenso lebhaft, denn wir sind sozusagen der lebende Unterschied. Wir alle haben gelernt, dass uns nur ein gewisses Maß an Toleranz und Akzeptanz der jeweiligen Andersartigkeit weiterbringen. Das Schöne am Unterschied ist, dass er neben dem kritischen Nachdenken über das Andere auch das Eigene zu überdenken hilft.
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Du betreibst dein Blog seit 2010. Wie kam es dazu und wie hat es sich verändert in diesen fünf Jahren?
Begonnen habe ich 2010 mit „nikkibag“, der Blog entstand gemeinsam mit einem Lable für handgemachte Taschen aus Stoff und Plane. Während das Leben ein paar scharfe Kurven nahm, mussten die Taschen zurückbleiben. Der Blog stattdessen bekam einen neuen Namen und wurde zum „Reisetagebuch“.
Woher nimmst du deine kreativen Ideen? 
Wenn ich meinen Kopf und mein Herz hoch in die Wolken fliegen lassen kann, dann kommen die Ideen ganz von selbst. Die Menschen in meiner Umgebung inspirieren mich, das Glück und die Liebe, die ich in meinen Beziehungen finde, machen meinen Kopf und mein Herz frei, um sich in die „kreativen Lüfte“ zu schwingen. 
Natürlichen finde ich auch viele Anregungen in virtuellen Raum, ich folge regelmäßig mehreren Blogs, Inspirationsquellen sind auch einschlägige soziale Medien wie Instagram, Pinterest oder Steller und besonders meine Arbeit als Kunsttherapeutin.
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Was braucht es deines Erachtens vor allem, um kreativ zu sein? Und unter welchen Umständen kannst du nicht kreativ sein?
Als Kunsttherapeutin bin ich schon aus beruflichen Gründen überzeugt von der heilenden, entlastenden und resourcenförderden Kraft des kreativen Gestaltens, denn das Leben an sich ist eine kreative Angelegenheit. Es gibt schon allein deshalb keinen Grund nicht kreativ zu sein.
Für mich selbst habe ich herausgefunden, dass ich in Momenten der Anspannung oder an stressigen Tagen meine Hände am besten in Mehl versenke, um Ruhe zu finden, dass mich ein meditatives Häkelmuster entspannt, wenn die Gedanken kreiseln und dass mich ein etwas komplizierteres Nähprojekt vom Alltag ablenkt und mir in Phasen der Unklarheit Zufriedenheit und Selbstachtung verschafft.

Zum Schluss: Sollte ich es doch noch einmal schaffen, den Ozean zu überqueren und den „wilden Westen“ zu besuchen – wo sollte ich unbedingt hin?
Natürlich bin ich bei dieser Frage total voreingenommen und schlage dir vor, deine Reise unbedingt in Washington und hier besonders in Virginia zu beginnen. Von der Atlantikküste über die Tidewater Region bis hin zu den blauen Hügeln der Shenandoah Mountains wirst du in diesem Bundesstaat zur Geschichte der Vereinigten Staaten von den ersten Kolonien, über Revolution und Unabhängigkeit bis zum Bürgerkrieg und der neueren Geschichte so viele interessante Orte und Historie finden wie sonst nirgends in den U.S.A. 
In Virginia beginnt außerdem der Süden mit den heißen Sommern, der gemächlichen Lebensart reich an Tradition, dem üppigen Grün, den unglaublich feinen Speisen und besonders auch der Süden mit all seiner grausamen Widersprüchlichkeit.
Zudem steht in Virginia ein Haus das Gäste aus der „alten Heimat“ stets willkommen heißt.
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Was mich inspiriert: Patchwork-Kissen von Ace&Jig | Betonblumenkasten | Mobile von Katia Soussan

Es ist lange her. Viel zu lange. Ein Zeichen dafür: Ich denke ständig daran. Wieder einmal etwas mit den Händen tun. Etwas bauen, gärtnern oder nähen. Es muss ja nicht gleich ein Großprojekt wie eine Fahrrad-Uhr oder ein Badewannensofa sein – so gelungen ich sie auch finde. Aber eine der vielen Ideen, die in meinem Kopf herumschwirren: das Patchwork-Kissen aus alten Hemden zum Beispiel oder das Mobile aus Papiermaché, der Blumenkasten aus Beton, das Memory aus Mas Malmappe oder dieses Sommerkleid

An Ideen fehlt es also nicht. Auch nicht an Motivation. Einzig die Zeit, die fehlt mal wieder und mit ihr verbunden die Muße. Aber ich bin fest entschlossen, die zwei siamesischen Zwillinge – Zeit und Muße – zurückzugewinnen und eine Idee nach der anderen in die Tat umzusetzen. Peu á peu. Schritt für Schritt. 
Welche Ideen schlummern in euren Köpfen und warten auf ihre Verwirklichung?

Was mich inspiriert: Kleid von Frau Gold | Memory von Philuko

Bilder von DIY – Die Mitmachrevolution (Ausstellung)
Heute gibt es keinen klassischen Blick hinter ein Blog, obwohl Daniel Kulle einen hat. Doch im Mittelpunkt steht heute das Thema DIY, mit dem mich seit langen beschäftige – praktisch wie theoretisch. Aktuell allerdings mehr theoretisch. Nächstes Jahr nämlich werde ich an der Tagung ‚Do it! Yourself? Fragen zu (Forschungs-)Praktiken des Selbermachens‘ am Institut für Europäische Ethnologie der Uni Wien teilnehmen. Im Zuge meiner Vorbereitungen habe ich den Filmemacher, Filmwissenschaftler und Biologen Daniel Kulle kennengelernt, seines Zeichens auch Do-it-yourself-Experte. Mit ihm spreche ich heute über die Kultur des Selbermachens – angefangen von ihre kulturgeschichtlichen Ursprüngen über die Rolle der Digitalisierung bis hin zu DIY als Utopie-Entwurf. Vielen Dank, Daniel, für das Interview und den so anregenden wie informativen Start in die neue Woche. 
DIY – was ist das eigentlich?D
Do-it-yourself ist zunächst einmal alles, was man selber macht. Statt mir eine Dienstleistung oder ein Produkt zu kaufen, baue ich mir Möbel selbst, nähe mir ein Kleid oder renoviere die eigene Wohnung. Darüber hinaus verstehe ich unter DIY aber auch all das, all diese Formen von kreativer oder künstlerischer Arbeit, die sich den professionellen Mechanismen und Regeln entzieht. Also, all das, was zumindest versucht, kein Teil der Kulturindustrie zu sein, sondern aus einem selbst zu kommen.
Das muss man natürlich erst einmal ökonomisch sehen: DIY befreit mich aus herkömmlichen Warenkreisläufen. Deswegen finden wir das Prinzip ja auch erst mal in Gegenden, in der die Wirtschaftskreisläufe nicht so funktionieren, wie sie sollten, oder in denen bestimmte Gruppen von ihnen ausgeschlossen sind. In Entwicklungsländern beispielsweise baut man mit DIY ganze Schattenwirtschaften auf. Wer noch in der DDR gelebt hat, kennt das auch noch, dass man vieles improvisieren und zusammenschustern musste. Und auch im heutigen Deutschland sind ALG-2-Bezieher, Flüchtlinge oder all die Leute, die vom normalen Wirtschaftskreislauf ausgeschlossen werden, gezwungen, bestimmte Dinge einfach selbst zu machen, statt sie einzukaufen.
Aber man hat von Anfang an aus der Not eine Tugend gemacht. Denn Do-it-yourself bietet eben auch eine Möglichkeit, der Entfremdung, die ja mit unserer Form des Wirtschaftens einhergeht, zumindest für einen kurzen Moment zu entfliehen. Etwas Selbstgemachtes ist eben immer noch etwas Besonderes, etwas Eigenes. Es steckt also immer auch eine gewisse Kapitalismus-Kritik im DIY, ein Emanzipationsversprechen, die Entfremdung der modernen Welt ein Stück weit zurückzunehmen. 
Man darf DIY nun aber nicht mit Kapitalismuskritik gleichsetzen. Die klassischen Wirtschaftskreisläufe haben diese Alternativwirtschaft immer schon schnell erkannt und wiedereinzugliedern versucht. Mit den Baumärkten hat sich ja sogar eine ganze Branche um das Selbermachen herum entwickelt, das die Emanzipationsversprechen, meist deutlich gegendert, in ihre Werbung mit einbaut. DIY befindet sich also immer in einem Spannungsfeld zwischen alternativen Wirtschaftsformen und Wiedereingliederung in Wirtschaftskreisläufe und verschiebt sich dann eben mal mehr in die eine, mal eher in die andere Richtung.
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Die DIY-Bewegung hat ihre Wurzeln in der Punkbewegung der 1970er und 80er Jahre. Was unterscheidet die heutige von der damaligen DIY-Kultur?
Es gibt sogar noch ältere Wurzeln. Die europäische Arbeiterbewegung hat nämlich – neben Parteien und Gewerkschaften – schon seit langem auf lokaler Ebene wirtschaftliche Alternativformen entwickelt, die dem Do-it-yourself von heute gar nicht so unähnlich waren: Konsumgenossenschaften etwa, Arbeitervereine oder selbst die Schrebergärten, die ja ursprünglich vor allem der Selbstversorgung dienten.
In den 1970er Jahren haben die Neuen Sozialen Bewegungen dem DIY dann noch mal einen neuen Aufschwung beschert, sowohl bei den Hippies wie auch im Punk und den diversen Post-Punk-Szenen der 1980er. Heute wie damals wurde der DIY-Hype begleitet von technologischen Entwicklungen, die es den Leuten überhaupt erst ermöglichten, bestimmte Dinge einfach selbst herzustellen. Erst die Erfindung des Kopierers etwa hat es den Punks erlaubt, ihre wundervollen Fanzines selbst zu erstellen. Und erst mit der Entwicklung von Super-8-Kameras und später den Home-Video-Systemen war es den Medienkollektiven der 1970er möglich, ihre alternativen Filme zu drehen, ohne gleich mehrere tausend oder zehntausend DM bei Förderinstitutionen auftreiben zu müssen. Und auch heute sind es technische Erfindungen, die DIY erst ermöglichen: Handys haben die Art und Weise, wie wir fotografieren revolutioniert, Digitalkameras haben das Filmemachen wesentlich preiswerter gemacht, und was 3D-Drucker noch alles umwälzen werden, beginnt sich ja grad erst abzuzeichnen.
Was heute anders ist, sind vielleicht zwei Dinge: Zum einen bietet das Internet einen Kommunikationsweg, der potentiell alles mit allem vernetzt. DIY ist jetzt nicht mehr nur in bestimmten, geographisch lokalisierbaren Szenen oder Milieus zu finden. Man kann sich nun global miteinander austauschen. Die heutige DIY-Bewegung etwa wäre kaum denkbar ohne die Tutorials des Internets, die mir erklären, wie ich denn nun meinen Tisch selbst schreinere oder meine Kleidung nähe.
Zum anderen ist ‚Kreativität‘ aber inzwischen zu einem Kernelement des postindustriellen Kapitalismus geworden. Creative industries sind ein Wirtschaftsfaktor, nach der ganze Städte geplant werden, und der Wirtschaftsmensch von heute ist geradezu gezwungen, kreativ zu sein, stets Neues zu entwerfen, neue Produkte selbstverständlich. Kreativität hat also in vielen Bereichen seine subversive Kraft verloren. Jeder Werbetreibende empfindet sich heutzutage ja als Künstler. Früher war die Forderung von Beuys noch gewesen: ‚Jeder ist ein Künstler‘. Heute heißt sie: ‚Jeder ist ein Kreativ-Wirtschaftler‘. Das bringt natürlich auch das ganze Prinzip des DIYs ins Wanken.
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Bild via dawanda
Welche Rolle spielte der Dilettantismus damals und welche spielt er heute?
Der Dilettantismus als etwas Negatives entstand ja erst so um 1800. Vorher war das eigentlich etwas Positives: Ein Künstler, der nicht in Abhängigkeit eines Auftraggebers stand, sondern frei und zu seinem eigenen Vergnügen, sich delectierend, Kunst schuf, war eben ein Dilettant. Erst als die Kunst im aufstrebenden Bürgertum zu einem eigenen Beruf wurde, sich professionalisierte und sich damit auf einem Kunst- und Kulturmarkt wirtschaftlich einbinden musste, wurde der Dilettantismus zum Negativbegriff des Professionellen. 
Es gibt aber einzelne Bereiche, in denen der Begriff bis heute seine ursprünglich positive Kraft beibehalten hat, als Tätigkeit, die eben bewusst nicht professionell ist, die sich der Kulturindustrie ebenso entzieht wie den starren Regeln und Dogmen der Kulturinstitutionen. Die Romantiker hatten den Dilettanten als eigensinnigen, sich selbst erschaffenden Künstler gesehen. Und noch Anfang der 1980er haben sich im Post-Punk-Westberlin eine Reihe von Musikern zum Festival der Genialen Dilletanten zusammengetan. Der Rechtschreibfehler ist übrigens gewollt!
In der heutigen DIY-Szene wird der Begriff meist ja nicht verwendet. Und wenn, dann nicht positiv. Ein Großteil der internetbasierten DIY-Szene orientiert sich ganz klar an Professionalitätskriterien. Man möchte den da oben nacheifern, ihre Regeln lernen und so gut und perfekt produzieren, wie „echte Profis“. Hier könnte die DIY-Bewegung eigentlich noch vieles lernen. Denn Professionalität ist ja nicht einfach nur Produktperfektion. Professionalisierung bedeutet ja , Handlungsspielräume durch Regeln einzuschränken, und vor allem auch, Nicht-Profis als Laien und Dilettanten von der Produktion auszuschließen. Und hier stößt DIY dann notgedrungen auf einen Widerspruch. Denn so sehr man sich auch als Nicht-Profi an den Profi-Regeln zu orientieren versucht, wird man doch nie dazugehören. Das eigentliche Potential des DIY, denke ich, liegt woanders.
Du sagst, die postdigitale Prosumer-Kultur beraube dem Konzept des DIY sein subversives Potential. Warum? 
Zunächst einmal darf man nicht vergessen, dass die heutige DIY-Bewegung erst durch die Entwicklung von digitalen Prosumer-Geräten ermöglicht wurde. Die Digital-Industrie hat vor ein, zwei Jahrzehnten entdeckt, dass sich Konsumenten nicht mehr mit einfachen Consumer-Geräten abfinden, sondern mehr wollen: mehr Möglichkeiten und Fähigkeiten. Die Geräte haben dann immer mehr Fähigkeiten abbekommen, die vorher eigentlich den Profigeräten vorbehalten waren. 
Dahinter steht aber ein Kreativitäts- und Emanzipationsversprechen, das selbstverständlich ein leeres ist. Man schaue sich einmal die Werbung von Microsoft, Apple, Google und Co. an, was da alles emanzipatorisches versprochen wird. Da sind die Aufklärer des 18. Jahrhunderts harmlos gegen. Gleichzeitig geht es selbstverständlich nicht um Emanzipation, sondern um Geldverdienen. Hinter den Versprechen der befreienden Kreativität stehen dann auch gleich neue Zensurregeln, wie sie etwa bei Apple, GooglePlay oder Youtube gelten.
Prosumer Culture ist also eigentlich nicht mehr als ein Versuch der Industrie, die Kraft des DIY für sich zu nutzen und zu zähmen. Man kann die Vorteile der Prosumer Culture aber auch für sich selbst nutzen, sich ihren Verwertungskreisläufen und Zensurmechanismen entziehen. Denn was anderes hat DIY eigentlich nie gemacht: sich technologische Entwicklungen zu eigen zu machen und für sich selbst zu nutzen.
Die US-Künstlerin Lisa Anne Auerbach meint, dass D.I.Y. als Idee der kreativen Selbstermächtigung sich selbst ad absurdum geführt habe. Nicht mehr Eigeninitiative und die Freude am Improvisieren treibe uns an, sondern die immer gleiche Kauflust. Würdest du ihr zustimmen?
DIY stand immer schon in einem Spannungsfeld zwischen Kapitalismuskritik und Wiedereingliederung in den Markt. Man konnte DIY immer schon aus einer gewissen Konsumlust heraus betreiben oder aus einem Drang zur Selbstermächtigung. Wie man DIY letztendlich nutzte, war immer schon je nach Person und je nach Milieu sehr unterschiedlich.
Was die Prosumer Culture angeht, würde ich Auerbach zustimmen. Die funktioniert ähnlich wie die Baumärkte, die seit den 1960ern den Selbermachboom für sich zu nutzen versucht hatten. Aber ein Marktgeschehen ist glücklicherweise niemals allumfassend. Man kann einzelne Elemente für sich nutzen, die billigen Geräte etwa oder die Kommunikationsplattformen des Internets, um sich Freiräume zu schaffen. 
Wo siehst du die Chancen und Potenziale der heutigen DIY-Bewegung und wie können wir sie nutzen?
Ich denke, zwei Dinge würden der DIY-Bewegung von heute sehr gut tun: Zum einen wäre das eine Diskussion um das, was wir unter Professionalismus verstehen. Wir sehen den Begriff nämlich ein bisschen zu unreflektiert, befürchte ich. Professionalismus ist immer mit einer sozialen Selektion vorhanden. Es darf nicht jeder ein Profi sein, sondern man muss Tests bestehen, Wissen erlangen und häufig auch bestimmte soziale Voraussetzungen mitbringen. DIY bietet hier zwar keinen utopischen Gegenentwurf, denn in einer differenzierten Gesellschaft wird nicht jeder alles machen können. Das Selbermachen bietet aber die Möglichkeit, die Mechanismen des Professionellen auch mal zu hinterfragen, Gegenentwürfe auszuprobieren und die subversive Kraft des Dilettantischen noch einmal hervorzuholen.
Zum anderen bietet DIY ja immer noch die Möglichkeit, sich lokale Freiräume von Wirtschaftskreisläufen zu schaffen, um dort mal etwas anderes auszuprobieren. Auch hier wird sicherlich nicht der große utopische Entwurf zum Vorschein kommen. Aber man denke nur einmal die DIY-Bewegung und die Grundeinkommendebatte zusammen, oder auch nur an die unglaublichen Möglichkeiten, die 3D-Drucker in Zukunft bieten werden. Da hat das gute, alte Do-it-yourself, denke ich, noch einiges an spannenden Möglichkeiten parat.
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Daniel Kulle ist Filmemacher, Filmwissenschaftler und Biologe. Seine Doktorarbeit hat er über die Ironie des Trashfilms des schlechtesten Filmemachers der Welt, Ed Wood, geschrieben. Darüberhinaus hat er zur Do-it-yourself-Kultur, zur Postdigitalität und zum transmedialen Erzählen geforscht. Als Filmemacher befasst er sich mit dem Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Kunst, in Wissenschaftsdokumentationen genauso wie in experimentellen Filmen. Mehr Infos unter www.danielkulle.de