Tag

Denkanstoß

Jeden 2. {manchmal auch 3.} Mittwoch im Monat hinterfragt meine Freundin und einstige Lehrerin Hazel Rosenstrauch das aktuelle »Weltgeschehen« mit kulturhistorischer Anteilnahme. Ihre erste Glosse drehte sich um Kommunikationsformen im Wandel der Zeit; die zweite nun kreist um die Frage von Engagement und Haltung in unübersichtlichen Zeiten.

Konsum, Masse, richtiger Konsum, Minimalismus, weniger ist mehr, ieva Jansone, Photographie

»Komplex, konfus & gerne auch präzise«

von Hazel Rosenstrauch

Man müsste, man sollte… in Zeiten wie diesen sich politisch engagieren. Das höre ich von Jüngeren, die in unsere real existierenden Freiheiten hineingewachsen sind (ob sie die Anspielung auf den real existierenden S. noch kennen?), von R. (21 Jahre), aber auch von S. (um die 40) und von 50-Jährigen, die die Hausbesetzerszene oder Anti-Atomkraft-Bewegung noch kennengelernt haben, und dann hallt noch dieser Satz meines 30-jährigen Sohnes nach: »Ihr habt die Erfahrung, gebt sie uns weiter.«


»Er wollte Gedichte schreiben, aber seine Partei verlangte nach Parolen, denn es war Krieg


Mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge nehme ich die Rolle an. Die alte Frage lautet: »Was tun?«, um ein berühmtes Buch zu zitieren, das 1902 geschrieben und interessanterweise 2010 neu aufgelegt wurde. In den 1960er und 70er Jahren war Lenin noch eine Referenz. Heute beneide ich all jene, die wissen, was zu tun wäre. Meine Generation ist von Zweifeln befallen, obwohl in den letzten Jahren Oldies oft mutig und radikal vor-gedacht haben (zuletzt Bernie Sanders). »Radikalität gehört zu den Privilegien der Jugend« ist einer dieser Schlüsselsätze, die ich mir nur ungern zu Herzen nehme. Es gibt tolle Entwürfe, aber es ist eben auch alles so furchtbar komplex. Viele gut gemeinte Engagements sind verdreht oder missbraucht worden, die Dinge haben sich anders entwickelt, als wir uns erträumten – und wenn ich in meinem Bücherschrank nachschaue, ging das vielen Generationen vor mir auch schon so. Zum x-ten Mal nehme ich zwecks Beruhigung das kleine Heftchen »Über die Verfinsterung der Geschichte«* mit den Dialogen von Alexander Herzen aus dem 19. Jahrhundert zur Hand.

Demonstrationen, Unterschriften, Vereine, Initiativen, Wahlen, Plattformen, Protestbriefe sind vielleicht überholt… und doch ist vieles besser geworden, als es in den 1960er und auch noch in den 80er Jahren war. Als die lebendige, vielseitige Studentenbewegung in sektiererische Sekten zerfiel, habe ich diese Frage – wo und wie kann oder soll ich mich engagieren – einem Freund meiner Eltern gestellt. Er erzählte mir von den Auseinandersetzungen der 1930er und 40er Jahre, die ihn geprägt hatten. Damals wollte er Gedichte schreiben, aber die Partei, der er im Exil angehörte, verlangte nach Parolen, denn es war Krieg. Von ihm habe ich gelernt, dass jede/r das machen soll, worin er oder sie gut ist, ich solle mich nicht zwingen und nicht überreden lassen.


»Es scheint mir derzeit besonders wichtig, einen Gestus in der Welt zu halten, der gegen die Monokultur aus Hektik, Trumpf, Behauptung bzw. Resignation helfen könnte.«


Geprägt vom 20. Jahrhundert und seinen großen Antworten habe ich eine Schwäche für scheinbar unwichtige Nebendinge entwickelt: Widersprechen, Vernunft walten lassen, Zeit zum Nachdenken herausschinden, Informationen beschaffen und nicht nur die Katastrophen wahrnehmen, eher so lange recherchieren, bis auch die ermutigenden Projekte ins Blickfeld kommen… und davon erzählen. Kürzlich war ich zwei Wochen in London und als ich zurückkam, fiel mir auf, wie sehr hier ständig Alarmstimmung herrscht (und dort hatten sie mit ihrem Brexit wahrlich Grund genug, über die Katastrophe zu klagen).

»Katastrophitis« ist ansteckend, sie macht dumm, weil sie zu Panik verführt. Konfusion war immer; es gab »früher« nur übersichtlich wenige hör- und lesbare Stimmen, die Fakten und Fakes sortierten oder Antworten boten (die unüberschaubare Fülle wurde gleichwohl schon zu Zeiten der massenhaften Verbreitung von Illustrierten oder nach der Erfindung des Radios beklagt). Aus Misstrauen gegen alles, was eine Lösung verspricht, scheint es mir derzeit wichtig, einen Gestus in der Welt zu halten, der gegen die Monokultur aus Hektik, Trumpf, Behauptung oder auch Resignation helfen könnte (eventuell neben den alten und noch nicht überholten Formen von Engagement): Aufschauen vom Bildschirm, die unbezahlbaren und unbezahlten Haltungen würdigen, lachen, (zu)hören, (nach)fragen, Nichtwissen oder auch Unsicherheit aushalten, selbst denken und andere zum Denken verlocken, zivilisiert agieren, gerne spüren, aber nicht aufs beliebte Bauchgefühl vertrauen. Und dann ist da noch diese Geschichte mit der Phantasie. Nicht, wie eine Parole der 60er Jahre hieß, »an die Macht« mit ihr, aber »an die Arbeit«. Es ist (uns) lange gut gegangen, wir sind verwöhnt und brauchen neue Ideen. Immer schon musste erst gedacht, diskutiert und phantasiert werden, bevor Erfindungen, Erkenntnisse und Perspektiven entwickelt werden konnten. Wie war das noch mit dem berühmten Denker? »Ich spinne, darum bin ich.«


*Das Büchlein von Alexander Herzen wurde »eingerichtet für das Jahr 1984« von Hans Magnus Enzensberger und herausgegeben in der {kürzlich verendeten} Friedenauer Presse. | Fotos: Lando Jansone

Buch von Alexander Herzen und Lenin

Begegnet bin ich dem Anwalt und Winzer Horst Hummel im Dezember 2012. Der Zufall führte mich zu einem vorweihnachtlichen Abendessen mit ihm. Seither treffe ich seine Weine mit der so schönen wie unvergesslichen Hummel regelmäßig wieder (bevorzugt an literarischen Orten). Dass er heute zu Gast bei mir ist, ist wieder dem Zufall zu verdanken.

Logo Weingut Hummel

Kürzlich las ein (mich) ziemlich erschütterndes Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über die Rechtsentwicklung in Ungarn, und just am selben Tag (es war der 20. Februar) erhielt ich den Newsletter des Weinguts Hummel. Da erinnerte mich, dass Horst Hummel seinen Wein in Ungarn anbaut und »Land und Leute« recht gut kennt. Warum nicht ihn nach seinen Eindrücken und Erfahrungen fragen – und gleich nach all dem, was ich 2012 nicht zu fragen wagte? Zum Beispiel warum er Ungarn als Weinanbaugebiet gewählt hat und was er an diesem (mir bisher unbekannten) Land so mag. Wie er, der Anwalt für Urheberrecht (unter anderem), eigentlich zum Weinbau gekommen sei und worauf es in den beiden Metiers ankomme. Um all das und noch ein wenig mehr geht es im heutigen Montagsinterview, mit dem ich einen anregenden Start in die neue Woche wünsche.

Danke, lieber Horst, für das anregende Gespräch.

Horst Hummel im Keller seines Weinguts

1998 hast du dein Weingut Hummel in Villány/Ungarn gegründet. Wie kam es dazu?

Es war wohl eine Mischung aus Neigung, Gelegenheit und Notwendigkeit. Ich habe mit Anfang 20 begonnen, mich mit Wein zu beschäftigen, bin nach Burgund gereist und war fasziniert von der Schönheit der Weine. Dann bin ich im Laufe der Jahre in Weingebiete auf der ganzen Welt gereist, habe verkostet, mit Winzern geredet und über Wein gelesen. So hat sich ein Verständnis von Wein gebildet und irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich gerne selbst Wein produzieren würde, wusste aber nicht wo. Dann kam die Wende und Ungarn näher – wohl nicht zuletzt, weil ich aus einer donauschwäbischen Familie aus der Vojvodina stamme, wo mein Urgroßvater bis 1945 Winzer war.

1997 reiste ich in das Dorf, aus dem meine Familie stammt und fuhr auf dem Rückweg nach Ungarn, um mich wegen des Weins umzusehen. Beim Verkosten wurde mir ein Weinberg zum Kauf angeboten, den ich zwar nicht kaufte, aber Ungarn als Standort ernsthaft in Erwägung zog. Ich recherchierte, wo der beste Rotwein in Ungarn herkommt und fand Villány. Der Ort beeindruckte mich in mehrfacher Hinsicht und so gründete ich dort 1998 mein Weingut.

Von Hause aus bist du Jurist und als Rechtsanwalt in Berlin tätig. Juristerei und Winzerei – das scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Welten zu sein. Wo siehst du die Schnittmenge?

Ich sehe keine – und das könnte genau der Grund dafür sein, dass es so viele Rechtsanwälte unter den Quereinsteigern im Weinbau gibt.

Was macht einen guten Rechtsanwalt, was einen guten Winzer aus?

»Der französische Begriff Terroir erfasst alle natürlichen Voraussetzungen, die die Biologie des Weinstocks und demzufolge die Zusammen-setzung der Traube beeinflussen […]: Klima, Boden und Landschaft, [… ] Nacht- und Tages-Temperaturen, Niederschlags-Verteilung, Sonnenschein-Stunden, Hangneigung und Boden-Durchlässigkeit … . Alle diese Faktoren reagieren miteinander und bilden in jedem einzelnen Teil eines Weinbaugebietes das, was der französische Winzer Terroir nennt.« Bruno Prats

Ein guter Rechtsanwalt braucht abgesehen von der immer notwendigen guten Fachkenntnis in seinen Tätigkeitsbereichen, eine gute Auffassungsgabe, Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen, Intuition, Sprachbegabung und Mut.

Einen guten Winzer macht das Verständnis seines Terroirs aus: Er muss verstehen, welche Rebsorten für seine Weinberge ideal sind und warum. Dazu muss er wissen, was ein guter Wein ist und er braucht ein Händchen sowie die Möglichkeiten dafür, seinen Weinbergen und seinen Reben alles das zu geben, was sie von ihm brauchen, aber nicht mehr. Außerdem braucht er Phantasie: Er muss eine klare Vorstellung davon haben, zu welcher Art Wein seine Trauben stilistisch werden sollen. Dann er ihnen dabei helfen, dass sie ihren idealen Ausdruck finden – Jahrgang für Jahrgang, wobei es darauf ankommt, so wenig wie möglich zu intervenieren. Kurzum: Ein guter Winzer braucht Fachwissen, Auffassungsgabe, Einfühlungsvermögen, Intuition, Mut und einen guten Geschmack. Wenn er dazu noch Sprachkenntnisse hat, kann er seine Weine besser exportieren, denn Geld braucht er auch!

Laut Stuart Pigott hegst du eine große Faszination für Ungarn. Woher rührt diese und was genau fasziniert dich an diesem Land?

Meine Faszination für Ungarn beschränkte sich zunächst auf die ungarische Literatur, die ich schon las, bevor ich überhaupt daran dachte, in Ungarn Wein zu produzieren: Imre Kertész, Péter Nádas, Sándor Márai, Béla Hamvas, um nur einige zu nennen, sind Schriftsteller, deren Werke weit über Ungarn hinaus weisen und existentielle Bedeutung für Fragen habe, die die Menschheit und das Menschsein generell betreffen. Später kamen dann die Weine dazu.

Ungarn hat herausragende Terroirs für Weinbau, die, abgesehen von Tokaj vielleicht, in der übrigen Welt noch überwiegend unbekannt und unentdeckt sind. Es war faszinierend für mich, an der Wiederentdeckung und Wiedererweckung eines dieser großen Terroirs relativ früh nach der Wende beteiligt sein zu können. Und dann kommt wohl auch noch die Vertrautheit dazu, die ich von Anfang an mit dem Land und den Leuten empfunden habe, die vielleicht etwas mit der Geschichte meiner Familie zu tun hat, die als Donauschwaben 1792 nach Ungarn ausgewandert ist und bis 1947 in der Vojvodina, die heute zu Serbien gehört, gelebt hat. Jedenfalls habe ich mich mit Villány von Anfang an auf eine Art vertraut gefühlt, die mich selbst überrascht hat und die, denke ich, viel mit den Villányern zu tun hat, die mich in ihrer Art so sehr an meine Großeltern erinnert haben, mit denen ich zusammen in unserem Haus in Reutlingen aufgewachsen bin und zu denen ich ein sehr enges und gutes Verhältnis hatte.


»Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land die tiefe Verunsicherung und aufkeimende Xenophobie mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde.«


Du kennst Ungarn nun seit vielen Jahren. Wie hat sich das Land in dieser Zeit in deinen Augen verändert?

Die größten Veränderungen sind sicher die politischen. Als ich 1997 zum ersten Mal nach Villány kam, war das 9 Jahre nach der Wende und Ungarn schien mir auf dem Weg in eine prosperierende Zukunft zu sein. Das hatte viel mit der Literatur zu tun, die ich gelesen hatte und weiter las. Diese Literatur hat eine Kraft und Bedeutung, die mich denken lies, dass das auch für die Entwicklung des Landes in einem freien Europa gelten würde. Natürlich habe ich auch damals schon Symptome von Verunsicherung, Xenophobie usw. wahrgenommen. Aber die gab es anderswo auch, auch in Deutschland. Für mich waren das Kinderkrankheiten, die etwas mit der Geschichte des Landes zu tun hatten, wie man sie auch in den neuen Bundesländern (aber nicht nur dort) vorfindet.

Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land das mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde. Im Laufe der Zeit schlug das Pendel dann immer mehr in Richtung Paternalismus aus. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Entwicklung im Land, die sich oft im Verborgenen abspielt. Dazu trägt auch die große Zahl an Ungarn bei, die inzwischen überwiegend im europäischen Ausland leben und dort ganz andere Erfahrungen machen, als zu Hause und die diese Erfahrungen auch wieder in die ungarische Kultur und Lebenswirklichkeit einspeisen, direkt und indirekt.

Das Weingut Hummel in Ungarn

Laut der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky ist Ungarn von einem tief verankerten rechtsesoterisch-völkischen Nationalismus geprägt, in dem die Ideen von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde vielfach auf Ablehnung stießen.* Machst du diese Erfahrung auch? Wenn ja, wie erklärst du es dir?

Tatsache ist, dass es in Ungarn solche Strömungen gibt. Wie weit sie verbreitet sind, kann ich nicht sagen. In meinem Alltag in Villány spielen sie keine Rolle. Nationalismus, egal in welcher Ausprägung, ist in meinen Augen immer ein Symptom von Identitätsproblemen. Die Menschen, die im Nationalismus etwas suchen und finden, antworten damit auf Identitätsprobleme, die sich in ihrer Persönlichkeit angereichert haben. Die Ursachen dafür finden sich m.E. immer in der Geschichte der Länder und Menschen. Und wenn man sich die ungarische Geschichte anschaut, gab und gibt es genügend Anlass, darauf mit Identitätsproblemen zu antworten – natürlich nicht nur in der ungarischen. Die eigentlichen Probleme entstehen, wenn die Identitätsprobleme nicht als solche erkannt und verstanden werden.

*Quelle: Nationalismus in Ungarn – Orbán sieht sich als spiritueller Führer; Interview von Alex Rühle mit Magdalena Marsovszky; Süddeutsche Zeitung vom 20.02.2017

Kommen wir auf deine Weine zu sprechen. Welche hast du im Sortiment und was zeichnet sie aus?

Ich habe im Moment gut 25 Weine auf der Liste. Jeder ist natürlich anders, aber auf Verkostungen bekomme ich oft die Rückmeldung, dass alle Weine etwas Gemeinsames haben, eine ähnliche Stilistik. Darüber freue ich mich. Ich denke, das hat etwas damit zu tun, wie wir im Weinberg und im Keller arbeiten und das wir damit das Terroir, also die Herkunft der Trauben, zum Ausdruck bringen.

Alle meine Weine sind spontan vergoren, und wir betreiben seit 2008 biologische Landwirtschaft. Wir intervenieren im Weinberg und Keller so wenig wie möglich, düngen nicht und machen wenig Bodenarbeit. Außer ein wenig Schwefel bekommen unsere Weine nichts hinzugefügt. Das führt zu einer eigenständigen Ästhetik und einem eigenen Stil, den die Leute erkennen. Dieser Ausdruck des Terroirs ist es auch, was ich anstrebe. Wenn alles gut läuft, ist er immer schön. Und man kann ihn nicht kopieren. Das ist Identität im Wein.

Welchen deiner Weine empfiehlst du für einen geselligen Abend mit Freunden bei Laugenbrezel und Weltanalyse.

Ich würde mit einem Sekt beginnen, zum Beispiel mit dem PRYXX Brut Nature 2012, dann mit dem Hárslevelü 2015 weitermachen und über den Hárslevelü GÓRÉ 2015 (ein ungeschwefelter, maischevergorener Orangewein) zu den Roten übergehen: JAMMERTHAL 2013, SPATZ 2013, PANTERRA 2012.

Wenn man dann noch Brezeln hat und Durst, kann man anfangen, sich mit der Trilogie der Grundbefindlichkeiten zu beschäftigen: VERZWEIFLUNG 2009, GELASSENHEIT 2012, GLÜCKSELIGKEIT 2013.

Weine vom Weingut Hummel

Bildnachweise: Alle Fotos (mit Ausnahme des Beitragsbilds) von Juha Pekka Laakio Oy, Andrea Sunder-PlassmannWolfgang Deimling (Flaschenfoto), Daniel Deimling Horst Hummel via Weingut Hummel.

Stell dir vor, du wachst morgens auf und keine einzige Frau* ist mehr da. 24 Stunden lang wären sie wie vom Erdboden verschluckt. Du selbst vielleicht auch. Wie sähe dieser Tag aus?

Diese Frage hat das Feministische Netzwerk an Blogger*innen und Autor*innen gerichtet und sie aufgerufen, ihren Tag ohne Frauen  im Internet zu beschreiben. Inspiriert hat sie dabei das Bündnis des Women`s March, das anlässlich des heutigen Internationalen Frauentages zum Generalstreik »A Day Without A Woman!« aufgerufen hat. Sämtliche Beiträge findet ihr hier.


Der Internationale Frauentag wird seit 1911 gefeiert – seit 1921 am 8. März. In einigen Ländern ist er sogar gesetzlicher Feiertag. Erstmalig statt fand der Weltfrauentag am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Hauptziel und -forderung war damals das allgemeine Frauenwahlrecht.
In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht {wie auch in Österreich, Polen und Russland} 1918 im gesetzlich verankert. Im Januar 1919 konnten deutsche Frauen erstmals in der Geschichte wählen und gewählt werden.
Mehr zum Thema

Gerne unterstütze ich die Aktion der Feministischen Netzwerker*innen und damit die freie und offene Gesellschaft, in der jede*r – ganz gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Religion oder Weltanschauung, welcher Behinderung, welchen Alters, welcher sexuellen Identität – sicher, selbstbestimmt, gleichberechtigt und chancengleich leben kann.

Statt meine Version eines Tages ohne Frauen bzw. ohne mich zu erzählen, habe ich Freund*innen, Verwandte und Kolleg*innen gefragt, wie sie sich diesen Tag vorstellen. Aus ihren Antworten ist eine vielstimmige Collage geworden – so vielfältig und unterschiedlich wie sie. Würden sie heute nicht da sein, wären sieben wunderbare Menschen verschwunden und mit ihnen all das, wofür sie stehen: Esprit, Wohlwollen, Kreativität, Herzlichkeit, Witz, Entschiedenheit, Zähigkeit, Inspiration, Reflexion, Nüchternheit, Liebe, Bescheidenheit, Intellekt, Wärme, Dankbarkeit, Fröhlichkeit, Energie, Mut, Möglichkeits- und Realitätssinn, Empathie, Tatkraft u.v.m.

1.000 Dank, liebe Julia, Katja, Kirsten, Mama, Annett, Hazel und Lando.

*Mit dem »Gender-Star« werden alle Menschen aller Geschlechtsidentitäten einbezogen – diesseits und jenseits des binären Geschlechtsmodells. | Beitragsbild: Lionello DelPiccolo {Unsplash}


Maedchen in der Wueste

»Ich kaue auf der Frage herum und werde langsam ärgerlich« von Julia Kropf

Ein Tag ohne Frauen in meinem Leben. Ich hadere mit der Frage. Sie gefällt mir nicht so recht. Sie scheint ein vorschnelles Denken in Stereotypen nahezulegen. Ich kaue auf der Frage herum und werde langsam ärgerlich. Ich schwanke zwischen einem schnellen »scheiße wäre das, ist doch klar« und dem Versuch einer intelligente(re)n Antwort. Was soll die Frage bezwecken? Dass Frauen wichtig sind? Äh, ja klar. Dass ohne ihre (schlecht oder ungleich) bezahlte und vor allem unbezahlte Arbeit die Wirtschaft, unsere Gesellschaft, Familien nicht funktionieren würden? Natürlich nicht! Dass der gesellschaftlich Resonanzkörper recht hohl klingen würde? Absolut!

Aber: Die Frage soll sich ganz konkret um einen Tag in meinem Leben drehen. Also, noch mal von vorne: Ein Tag ohne Frauen in meinem Leben, bei meiner Arbeit, auf der Straße, in der Bahn, in den Medien, in meinem Bücher- und CD-Regal … Und ich mittendrin? Vermutlich käme ich mir vor wie ein Alien, eine Fremde in meiner eigenen Welt. Vermutlich würde die gesellschaftliche Infrastruktur um mich herum so ziemlich zusammenbrechen. Was würde das machen mit der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich in meiner Welt bewege, mit meinem Vertrauen?

Und ohne mich? Ein interessantes Sozialexperiment und vielleicht die bessere Alternative als die einzige zu sein. Um festzustellen, was es mit der Gesellschaft {in diesem Fall: den Männern} macht, bräuchte es sicherlich mehr als einen Tag. Konfusion, Hauen und Stechen, ungeahnte Potenziale?

Ich hadere immer noch mit der Frage. Und gleichzeitig verspüre ich eine große Dankbarkeit. Für die Tatsache, dass Frauen in meinem Leben einen unverrückbaren und selbstverständlichen, sichtbaren Platz haben. Frauen, die da sind, mich begleiten, herausfordern, beraten, trösten, ärgern, anregen. Frauen, die mir Gegenüber, Vorbild, Kontrastfolie, abschreckendes Beispiel, Freundin, Kollegin sind. Ein Tag ohne all diese Frauen wäre ein tiefer Krater in meinem Leben. Viele Frauen leben in so einem Krater – jeden Tag.

Die Uhr tickt. Wie viel Zeit bleibt uns, um das Schlimmste zu verhindern? Rechtsexetremismus

»Die Zeit bliebe stehen« von Katja Hiller

Tja, interessante Frage. Keine Kanzlerin, keine Verteidigungsministerin, keine Umweltministerin… Führerinnen-los dümpelt das Land vor sich hin, für 24 h Ausnahmezustand, angreifbar – aber auch ohne eine Frauke Petri und Eva Herrmann 😉.

Verschwunden wären aber auch meine Tochter, meine Mama, meine Schwester, meine Oma, meine Nichte, meine Tanten und ich verlöre meine Identität als Mutter, als Schwester, als Nichte, als Enkelin. Verschwunden wären auch meine Chefin, meine Bäckereiverkäuferin, meine Haus- und Zahnärztin. Nicht nur meine kleine Infrastruktur bricht zusammen: kein Job, kein Geld, keine Versorgung! Sollte ich noch da sein, würde es einsam um mich und ich (be)fürchte zu viel Testosteron. Ohne Freundinnen blieben Dinge unbenannt, gibt es keine kleinen subtilen Botschaften mehr.

An diesem Tag käme kein Kind zur Welt. Die Zeit bliebe stehen. Es würde leise, dunkel und trist. Die Welt verlöre Wärme und Fürsorge, Melodie und Farbe, Erfahrung und Wissen, Harmonie und eine gehörige Portion Altruismus.

… es gäbe noch tausend andere Aspekte. Ein Szenario, das ich mir lieber gar nicht ausmalen möchte: eine Welt voller Männer.


 »Die Liebe fehlte« von Kirsten Frohnert

Mir fehlten bedingungslose Liebe und Freundschaft, Kraft-, Reflexions- und Inspirationsquellen!

Frau im roten Kleid und langem wallenden Haar von quentin keller

»Selbstbewusst und gleich« von Christel Zetzsche

Einen Tag ohne Frauen: nahezu leergefegte Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Verwaltungsbüros auf unterer und mittlerer Ebene, Geschäfte müssen schließen, Kassiererinnen und Verkäuferinnen fehlen, Schulen und Kindergärten haben nur noch minimale Notbesetzungen, Väter bleiben zu Hause für die Kinderbetreuung, Chefs und Abteilungsleiter müssen sich miteinbringen in Niedriglohntätigkeiten und erfahren deren Wichtigkeit und Wert. Gute Gründe für Frauen-Selbstbewusstsein, für gleichen Lohn, für gleiche Chancen.

Ein Tag ohne Männer würde vielleicht dazu führen, dass Frauen erleben: »Das kann ich auch« – und in einer nahen Zukunft erhält jede*r die Chance gleichwertig anerkannt (auch in €) seine Fähigkeiten einzubringen.

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»Die Frage hat sich erledigt« von Annett Jahn

Noch während ich im Kopf die Frage hin- und herbewege, welche Frauen ich gedanklich für einen Tag aus meinem Leben verschwinden lasse und ob ich mich selbst dazugesellen soll, wird im Radio erwähnt, dass bald Frauentag ist. Mein Sohn (4) hört mit und bestimmt: » … und Manntag … und Kindtag … und Omatag … und Johannatag.« – Die Frage hat sich erledigt.


 »Kommunizierende Gefäße« von Hazel Rosenstrauch

An einem unverhofft frühlingshaften Samstag ging ich durch Berlins Schöneberg, blinzelte, und retuschierte die Frauen weg. Männer in Schwarz oder Dunkelbraun, gepuffte Jacken, Jogginghosen und Jeans, stapften durch die Gegend, sie sahen etwas verloren aus der Wäsche, vielleicht, weil niemand  sie bewunderte, und sie auf niemanden hinunterreden konnten. Heimgekehrt (weil ich mich ja auch absentieren musste) sprang meine Phantasie ein paar Monate weiter. Ich sah dieselben Männer in bunter Kleidung, lachend, einige sogar elegant, schwatzend und mit erstaunlich beweglichen Körpern. Vielleicht sind nämlich die Geschlechter wie kommunizierende Gefäße und wenn ein paar »weibliche« Eigenschaften fehlen und Frauen die »männlichen« Haltungen übernehmen, werden die Männer, die uns so oft immer noch gegenüber und nicht neben uns stehen, die fehlenden »Weiblichkeiten« kompensieren?!

Selbstverständlich wird es nach und nach viele Facetten von Körperhaltungen, Kleidung, Benehmen geben – nichts ist mehr typisch. Und ist dieser Prozeß nicht längst im Gange? Als ich nach ein paar Minuten wieder nüchtern in den Reflexionsmodus schalte, bleibt die Frage, ob mir das gefallen wird, im Halse stecken.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

»Welch ein Chaos« von Lando Jansone

Ich wäre sehr glücklich, wenn ich eines Tages nicht mehr automatisch als »Frau« gelesen würde (ich definiere mich als nicht-binäre Person1). Wenn alle Frauen* für einen Tag aus der Welt verschwinden würden – welch ein Chaos. Ich glaube, der ganze Care Bereich würde zusammenbrechen!

1»Binär« ist das lateinische Wort für »zwei«und steht hier für das in unserer Gesellschaft anerkannte Geschlechtsmodell aus weiblich und männlich. Nicht-binäre Personen sind solche, die sich nicht in diesem Zweiersystem wiederfinden, weil sie sich nicht als Mann/Junge oder Frau/Mädchen wahrnehmen. Geschlechtsidentitäten sind unabhängig vom körperlichen Aussehen und der sexuellen Orientierung. Mehr über nicht-binäre Geschlechtsidentitäten

»Bunt ist die einzige Farbe,

bei der ich mich wohl fühle.«

frei nach Franz Marc


In diesem Sinne: ein fröhliches Wochenende & die gewohnte Liste.

  1. GESEHEN: »Tod den Hippies!! – Es lebe der Punk!« {West-Berlin + die 1980er …}
  2. GEHÖRT: »Static On The Radio« {so schön und dieser Bass – Hach!}
  3. GELESEN: Warum Fakten keinen Einfluss auf unsere Meinung haben
  4. GESUCHT: das Buch für gute und weniger gute Tage
  5. GEFUNDEN: einen frühen Artikel von mir über universitäre {Un-}Gleichheit
  6. GEDACHT: Wie cool ist das denn? Mit Down Syndrom zur Fashion Week!
  7. GEMACHT: bisschen zu viel – wir brauchen dringend Unterstützung!
  8. GEMOCHT: Peter van Agtmaels Fotoreportage über die USA »Buzzing th the Sill«
  9. GEFALLEN: »Tautes Heim«
  10. GEFREUT: über die neue Serie über Stärken, Mut und Zusammenhalt auf »feingedacht«
  11. GEHOFFT: im nächsten Leben bin ich Akustik-Bassistin
  12. GERÜHRT: von Allaeddins Geschichte und dem Polaroid-Projekt von Jamie Livingston
  13. GEFRAGT: Was geht denn in Ungarn ab? {Mir langte eigentlich eine Handvoll »rechtsesoterisch politisierter Neo-Druiden«; ein ganzes Land voller »rechtsesoterisch politisierter Neo-was-weiß-ich-was« mit spirituellen Verbindungen ins Weiße Haus wären mir definitiv zu viel.}
  14. GESCHMUNZELT: über das Puppenpublikum
  15. GELACHT: über die zwei Möwen im »Karnevalsgespräch«
  16. GESTAUNT: über so manchen »Gedanken zur Zeitenwende«
  17. GESCHÜTTELT: angesichts der langen Geschichte des rechten Terrorismus in Deutschland
  18. GESPANNT: auf Berlins erste jüdische Food Week
  19. GEWÜNSCHT: Frieden
  20. GEPLANT: die Ausstellung »Between the Devil and the Deep Blue Sea« von Pieter Hugo anzusehen
  21. GEKLICKT: Goethe Institut

 

»Seit etwa zwei Jahren bin ich Nina«, erzählt sie, »davor war ich in meinen Dokumenten und nach außen ein Mann.« Innen war sie seit jeher eine Frau bzw. ein Mädchen, nur verstand das niemand. Die Sprache reichte einfach nicht hin, um die Fremdheit im eigenen Körper zu beschreiben. Transsexualität wurde gesellschaftlich lange als krankhaftes Außenseiterphänomen betrachtet, über das man lieber nicht sprach und spätestens seit Ludwig Wittgenstein weiß man, dass die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt sind. Das kleine Mädchen im Jungskörper bewegte sich mit ihren Gefühlen und Gedanken also außerhalb der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Welches Leid das bedeutet, kann ich nur erahnen.

Vor sieben Jahren vertraute sich Nina ihrer Frau an und beendete das Leben im falschen Körper. Wie der Weg zur »ganzen Frau« in einer christdemokratisch regierten Kleinstadt aussieht, was es für ihre Familie und Eltern bedeutet, dass der vermeintliche Ehemann, Vater und Sohn eine Frau {Papa} und Tochter ist, das und mehr erzählt Frau Papa im heutigen Montagsinterview, mit dem ich einen guten Start in die KW 8 wünsche.

1.000 Dank, liebe Nina, für das gute Gespräch!

 Wer ist Frau Papa und was macht dich aus?

Seit etwa zwei Jahren bin ich Nina, davor war ich in meinen Dokumenten und nach außen ein Mann. Für meine Kinder war und bin ich Papa. Für mich war dieses Wort immer sehr wichtig. Es ist mit so viel Liebe verbunden, dass ich es den Kindern niemals wegnehmen könnte. Meine Kinder nennen mich mal Nina, mal Papa.

»Frau Papa« ist entstanden, als eine Mutter im Kindergarten einen Begriff suchte und die künstlichen Mama, Mami, Mampa… Begriffe mir einfach zu aufgesetzt wirkten und ich sagte: »Ich bin eine Frau und ich bin Frederics Papa.« Seitdem bin ich für die meisten der Papa, für einige sogar die Papa meiner Kinder.

»Für einige bin ich die Papa meiner Kinder.«

Was mich ausmacht: eine gewisse Dickköpfigkeit – ja, wirklich. In den letzten Jahren habe ich sehr viele Hindernisse überwunden, die teilweise schon mein ganzes Leben in meinem Weg lagen und da war es erforderlich hartnäckig, zielstrebig und ein wenig dickköpfig zu sein. Ich habe geschafft, die Frau zu werden, die immer in mir steckte und nicht die Vorstellung anderer zu erfüllen.

Du lebst mit deiner Frau und euren vier Kindern in einer CDU-regierten Kleinstadt in NRW – nicht eben das Umfeld, das ich mir gegenüber einer Trans-Frau ganz offen und unvoreingenommen vorstelle. Aber vielleicht irre mich. Welche Erfahrungen machen du und deine Familie?

Ja, die Menschen hier in Ostwestfalen sind nicht gerade für ihre Weltoffenheit bekannt, aber die meisten sind besser als ihr Ruf. Als ich am Anfang meines Weges war und noch etwas unsicher, stieß ich auf mehr Ablehnung. Inzwischen bin ich ziemlich selbstbewusst und vor allem selbstsicher und trete entsprechend auf. Ich bin in der Elternpflegschaft der Schule und Mitglied im Schulelternrat der Stadt und dort spielt mein Transsein keine spürbare Rolle.

Die Kleinstadt hat den großen Vorteil, dass sich die Menschen in meinem Umfeld einfach auch an mein Anderssein gewöhnt haben, weil man sich jeden Tag über den Weg läuft.

Natürlich begegnen mir jeden Tag auch Leute, die mich schräg ansehen. Aber da ich inzwischen optisch kaum mehr als trans erkennbar bin, wird das immer weniger. Gelegentlich erschrecken die Menschen im Supermarkt, wenn meine Kinder mich Papa nennen und ich mit meiner tiefen Stimme antworte. Plötzlich zerbricht mein optisches Passing und die Menschen erkennen mich als Transfrau – ich lächle dann einfach und das entspannt die ganze Situation. Wirkliche Ablehnung erleben wir nur selten.

Als Jugendliche lehnte meinen vermeintlich unförmig-dicken Körper ab und versuchte ihn zurechtzuhungern. Welche Gefühle hast gegenüber deinem Körper? Und welches Körpergefühl wünscht du dir?

An guten Tagen bemerke ich meinen Körper nicht. Dann denke ich nicht darüber nach und lebe recht unbeschwert. An guten Tagen sehe ich, wenn ich das Bad verlasse, keinen Mann mehr im Spiegel.

»An guten Tagen bin ich einfach eine Frau.«

Aber an den anderen Tagen spüre ich jedes Haar meiner Körperbehaarung, da kratzt mein Bart bei jeder Bewegung und mein Make-up schafft nicht, den Kerl im Spiegel zu einer Frau zu verwandeln. An den nicht so guten Tagen, meide ich Spiegel und schaue nicht in Schaufenster. Dann steckt die Frau in einem Männerkörper fest, sie ist darin gefangen.

Das Verhältnis zu meinem Körper hat sich durch die Hormonbehandlung gebessert. Meine Körperbehaarung wächst dadurch etwas langsamer und vor allem habe ich andere Rundungen bekommen {nicht nur Brüste}. Es gibt immer noch einiges, das mich belastet… Einfach gesagt: Ich sehe nackt definitiv nicht wie eine Frau aus und mein Bartschatten belastet mich bei jedem Blick in den Spiegel… aber das sind Dinge, die ich ändern kann und daran arbeite ich gerade zielstrebig.

Der Vergleich mit der Magersucht ist sehr passend, denn ich weiß, dass ich meinen Körper nur zu einem gewissen Maß formen kann. Der Rest muss im Kopf stattfinden und dabei habe ich schon einige sehr große Schritte erreicht, wie mir die guten Tage zeigen. Ich bin auf dem besten Weg, meinen Körper nicht mehr zu hassen.

Du schreibst, dass du schon als Kind wusstest, dass du im falschen Körper steckst. Doch es hat viele Jahre gedauert, bis du dich entschieden hast, deinem Körper deinem Gefühl anzupassen. Wie waren diese Jahre, vor allem auch in der Pubertät, in der man ja ohnehin oftmals mit seinem Körper kollidiert?

Die Pubertät war für mich sehr schwer. Mein Körper entfernte sich immer weiter von dem, was ich als passend empfand. Allerdings fehlte mir die Möglichkeit, das zum Ausdruck zu bringen. Mein Umfeld kannte nur zwei Geschlechter und Transsexualität gab es nicht. Bereits mit 16 habe ich einer meiner engsten Freundinnen anvertraut, dass ich »eine Frau sein will«. Leider verstand mich niemand und ich fand keine Sprache, um es verständlich zu machen.

»Ich war für alle einfach ein sensibler Frauenversteher.«

Der Nebeneffekt war, dass ich mich für meine Gedanken und Wünsche zu hassen begann. Mehrere Male versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Wenn ich heute auf die tiefen Narben in meiner Psyche zurück blicke, die ich durch das Unterdrücken und Verdrängen meiner Weiblichkeit geschaffen habe, dann bereue ich, dass ich mich nicht früher geoutet habe. Aber ich weiß, dass es einfach nicht möglich war. Und vor allem, gäbe es dann meine Kinder nicht.

Deine Frau hat dich als »Mann« kennengelernt und geheiratet. Deine Kinder kannten dich als »Mann«. Und alle scheinen deine »äußerliche Verwandlung« – was ich nicht selbstverständlich finde – ganz selbstverständlich zu finden. Wie ist euch das gelungen?

Meine Veränderung passierte nicht von einen Tag auf den anderen. Ganz im Gegenteil. Im ersten Jahr, nachdem ich meiner Frau gestanden habe, dass ich nicht mehr so tun kann, als wäre ich ein Mann, gab es nach außen keine sichtbaren Anzeichen. Irgendwann hörte ich auf Herrenschuhe zu kaufen und trug die Schuhe, die mir bequemer waren und besser gefielen. Irgendwann hatte ich ein pinkes Halstuch und statt einem Sweater einen Strickpulli an. Und später auch mal ein Armband und Nagellack.

Vor etwa 7 Jahren hab ich mich bei meiner Frau geoutet. Die ersten drei Jahre lang sah man nach außen kaum ein Veränderung. Zuhause trug ich schon mal einen Rock aber auf der Straße sah man davon nichts. Die Kinder konnten die Veränderung zuhause sehen und die ersten Schritte in die Öffentlichkeit waren auch nicht so extrem. Ich kleidete mich femininer. Ich trug keine Perücke, keine auffälligen Kleider, war nicht all zu schrill… Und vor allem galt bei uns die Regel: die Kinder konnten immer sagen, wenn mein Outfit zu »gewagt« war. Ich glaube das lag einfach daran, dass wir uns für diesen Weg sehr viel Zeit ließen.

»Es gab nicht »den Tag«, ab dem ich als Frau auf die Straße ging – es war vielmehr ein fließender Übergang.«

Die deutlichste Veränderung passierte, als ich mir einen Teil meiner Haare schnitt, um daraus mein erstes Haarteil zu basteln. {Mir widerstrebte der Gedanke eine Perücke zu tragen immer und meine Perücken-Experimente waren echte Katastrophen.} Ich hatte mich entschieden einen Pony zu machen, den ich mit einem Haarband tragen konnte. Und das Erstaunliche: Ich fiel dadurch in der Öffentlichkeit weniger auf. Während ich ein paar Tage davor immer als »Mann« erkannt wurde, merkte ich, dass viele Menschen an mir einfach vorbei gingen, ohne dass ich ihnen auffiel. Diese kleine Veränderung machte Wege in der Öffentlichkeit für uns alle deutlich einfacher.

Ganz anders haben deine Eltern auf deine Entscheidung reagiert, dass du das Leben im falschen Körper beenden willst. Auf Tollabea berichtest du, dass deine Mutter und du euch langsam wieder annähert. Wie hat sich eure Beziehung und ihre Einstellung seither entwickelt?

Meine Mutter macht langsame Schritte. Ich erkenne, dass sie sich große Mühe gibt. In ihrer Vorstellung hat sie aber das Bild ihres Sohnes und es gelingt ihr nicht, mich mit anderen Augen zu sehen. Zumindest noch nicht. Es wird wahrscheinlich noch ein langer Weg, bis meine Mutter mich nicht mehr bei meinem alten Namen anspricht und ein noch längerer, bis sie mich als das sehen kann, was ich bin: ihre Tochter.

Leider bemerke ich, dass der Großteil der Verantwortung für die Annäherung bei mir liegen bleibt. Meine Mutter verlangt Geduld, wenn sie mich mit »du bist einfach immer noch mein Bua« {Junge} anspricht. Sie ist verletzt, wenn ich ihr sage, dass mich solche Bemerkungen sehr treffen. Ja, ich weiß, dass sie keine böse Absicht hat. Ich glaube sogar, dass sie sich sehr große Mühe gibt, mich zu akzeptieren, dass ihre Vorstellung von mir, aber sehr fest sitzt. Das wird also noch eine ziemliche Reise, bis wir uns wirklich annähern.

Auf deinem Blog »Frau Papa« schreibst du sehr offen und direkt über die Herausforderungen und Themen, die dich als Trans-Frau beschäftigen. Wie wird darauf in der Netzwelt reagiert?

Die Netzwelt… Das klingt, als wäre das eine homogene Masse, aber das ist es leider nicht. Ich habe in sozialen Netzwerken extrem viel Verständnis erlebt. Was mich aber noch viel mehr fasziniert: sehr viele Menschen im Netz trauen sich Fragen zu stellen und suchen nach Antworten, um mehr Verständnis entwickeln zu können. Ja, wirklich.

Die meisten Menschen, die mir begegnen, wissen nur wenig über Transsexualität. Da ich nicht nur über diesen einen Aspekt meines Lebens schreibe, merken viele auch erst nach einiger Zeit, dass ich trans bin. Ich erlebe selten, dass sich jemand deswegen abwendet. Viel öfter erfahre ich, dass im Menschen im Netz ihren Horizont erweitern wollen. Viele Menschen, die irgendeine Form von Diskriminierung erfahren haben {sei es wegen der Figur, einer Erkrankung oder Behinderung…} verstehen meine Erfahrungsberichte sehr gut. Ich erfahre Rat und Hilfe, bekomme Zuspruch und oft einfach auch Trost, von Menschen, die mit Transsexualität eigentlich gar nichts zu tun haben.

Natürlich gibt es die Kehrseite des Netzes. Meine Blockliste ist sehr lang und ich gehe davon aus, dass sie beständig länger wird. Menschen, die mich beleidigen, indem sie ihr Unverständnis über Transsexualität lauthals in die Welt schreiben, versuche ich nicht zu bekehren. Mir fehlt die Kraft, um ignoranten Leuten zu erklären, dass ich eine Frau im Männerkörper bin und kein Mann in Frauenkleidern.

»Aber die meisten Feinde mache ich mir, weil ich mich für Gleichberechtigung, Inklusion und Toleranz in der Gesellschaft einsetze.«

Das »Du-bist-hässlich-‚Argument’«, das viele Feministinnen kennenlernen, klingt halt bei mir »Du bist ja nur ne Transe«.

Im Netz habe ich Menschen kennengelernt, die mir selbst, als ich von Trollen attackiert wurde, den Rücken stärkten. Menschen, die meine Familie und mich mit so viel liebe beschenkten, dass ich oft sprachlos war und bin. Ich habe Menschen kennen gelernt, für die mein Körper, meine Stimme, mein Geschlecht absolut keine Rolle spielt, die in mir einfach nur Nina oder Frau Papa sehen. Diese Menschen bestärken mich über alle Themen zu schreiben, die meine Familie und mich betreffen. Ja, ich würde viele dieser Menschen, die ich noch nie getroffen habe, als meine engsten Freunde bezeichnen.

»Im Moment reden alle davon, dass man »jetzt endlich mal wieder politisch werden müsste«, um De­mo­kratie und Freiheit zu stützen. Eine hohe Wahlbeteiligung würde da schon einiges bewirken, das ist längst bewiesen. Nutzen wir also unsere Kreativität und unsere Fähigkeiten. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.«  Johannes Erler {Designer & Agenturinhaber}


In diesem Sinne ein fantasievolles, kreatives Wochenende und die obligatorische Liste.

  1. GESEHEN: [ The Mirror Project ] von Kevin McElvaney
  2. GEHÖRT: wie Rechtspopulisten, Christdemokraten und Linksliberale unter einem sozialdemokratischen muslimischen Bürgermeister in Rotterdam regieren
  3. GELESEN: Süddeutsche Zeitung, DIE ZEIT, Spiegel Online, Deutschlandradio … {jeden Morgen als Allererstes. So richtig gelungen ist der Start in den Tag dann meist nicht – sollte vielleicht besser wieder anders starten.}
  4. GESUCHT: eine/n Mitarbeiter/in
  5. GEFUNDEN: die Langzeitreportage über den »Meßstetten: Zufluchtsort auf Zeit«, wo jeder Sechste ein Flüchtling ist.
  6. GEMACHT: zweimal beim Zubettbringen ein- und durchgeschlafen – geschminkt und in Kleidern
  7. GEDACHT: die Ausstellung über Frauen in der Kulturarbeit möchte ich mir ansehen
  8. GEMOCHT: die neue Kindertseitung zum Thema Grün
  9. GEFALLEN: die »10 Regeln des Widerstands im Trump-Zeitalter«
  10. GEÄRGERT: über den neuen Kampagnenfilm für Edeka von Jung von Matt {wie findet ihr den?}
  11. GEFREUT: auf einen Besuch im Weimarer Lichthaus Kino {… wie ihr fahrt nicht für einen Kinobesuch quer durch die Republik? – Nee, gibt natürlich noch mehr Gründe für eine Fahrt in die Goethe- bzw. Bauhaus-Stadt: den z.B. und den}
  12. GEHOFFT: Dass wir die »Herrschaft des Idiotischen« großräumig umfahren.
  13. GEFÜHLT: ein starkes eskapistisches Verlangen
  14. GERÜHRT: von den »Pressefotos des Jahres«
  15. GEFRAGT: Inwieweit wird die Polarisierung in der Gesellschaft von Algorithmen gemacht?
  16. GESCHMUNZELT: beim Anblick von Doro Bots »Mini Machine«
  17. GELACHT: über die Antwort{en} zum Valentinstag dieses Herrn aus Leipzig
  18. GESTAUNT: dass die erste berühmte Schlagzeugerin und »Heldin« meiner Jugend, Moe Tucker, eine Anhängerin der Tea-Party-Bewegung ist {kann ich gar nicht fassen…}
  19. GESPANNT: auf »Beuys«
  20. GEWÜNSCHT: die Zeit, um Paul Austers neuen Roman 4 3 2 1 zu lesen.
  21. GEKLICKT: This is Paper {schöne Dinge tun gut}

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn alle Menschen Amateurfotograf/innen wären? Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Interview mit Werner Pechmann {AlleAugenblicke}. Der zweifache Vater und einfache Großvater mit drei Wohnsitzen ist Fotograf und versteht sich in seiner Profession mit Andreas Feininger als »Amateur«. Der nämlich nahm den »Amateur« beim Wort: Vom Lateinischen amator kommend sei er ein »Liebhaber« und eben darin läge der Schlüssel zum Erfolg. Denn:

»Was man nicht mit Liebe tut, wird man nie wirklich gut machen. […]. Wenn man das Motiv, das man fotografieren möchte, nicht »liebt« – d.h., kein echtes Interesse an ihm empfindet – sollte man es übergehen […], denn das Foto kann einfach nicht »gut« werden.« Andreas Feininger, aus: Richtig sehen – besser fotografieren, 1973


Das ließe sich im Grunde auf sämtliche Bereiche des Lebens übertragen. Aufs alltägliche Miteinander könnte es etwa lauten: »Wenn man seine Mitmenschen nicht »liebt« – d.h., kein echtes Interesse an ihnen empfindet – sollte man sich selbst hinterfragen […], denn das Miteinander kann einfach nicht »gut« werden.« Nun, wie auch immer, jetzt wünsche ich erst einmal eine anregende Lektüre und sage Danke, lieber Werner, für das schöne Gespräch, das ich zu gegebener Zeit gerne fortsetzen würde – vis-á-vis.

Auf deiner Website heißt es, es gäbe viel über dich zu erzählen, jedoch gehöre das nicht ins Netz. Magst du mir und meinen Leser/innen vielleicht doch ein wenig von dir erzählen: wer und was bist du sind – oder eben gerade auch nicht?

Auf meiner Website umgehe ich es bewusst, mehr von mir zu erzählen. – Tja, warum? Leider ist das Worldwide Web wie jeder andere Ort auf der Welt keiner, in dem es nur »Gute« gibt. Ich habe einige Male die unschöne Erfahrung gemacht, dass man sich angreifbar macht, wenn man sich {zu weit} öffnet. Und hier im Netz öffnet man sich für alle sichtbar, eben auch für den Teil, der es möglicherweise nicht gut mit einem meint – aus welchen Gründen auch immer.

Ich kann im Netz nicht differenzieren. Und das stört mich ein wenig, denn man muss mit sich selbst achtsam umgehen. Aber natürlich gibt es viel zu erzählen, wenn man schon ein paar Lebensjahre mit sich herumträgt. Deshalb halte ich es gerne damit: Wer mich fragt und Konkretes wissen will, bekommt auch immer eine Antwort. An dieser Stelle vielleicht noch so viel:

  • Das »Wer«: Stolzer Papa von zwei erwachsenen Kindern und seit letztem September ebenso stolzer Opa.
  • Das »Was«: In erster Linie Mensch. Alles andere folgt dann – und wesentlich später!

Du lebst im Weserbergland, in Hannover und Berlin. Wie lebt man an drei Orten?

An drei Orten lebt es sich eigentlich gar nicht. Man ist »irgendwie« nirgends zu Hause und kommt auch »irgendwie« nie an und ist »irgendwie« immer weg. Aber wie das doch öfters im Leben ist: Diese Lebenssituation ergab sich aus beruflichen Aktivitäten, eher schleichend und unbemerkt. Anfangs fand ich diese Konstellation und die Bewegung, die dahinter steckt, spannend. Ist sie auch noch immer, doch zunehmend verbunden mit einer gewissen Mattigkeit. Ein Zustand also, der eine Änderung erfahren muss und auch in diesem Jahr wird. Wie genau wird sich noch zeigen.

Hannover und Berlin – zwei Städte, die zumindest auf den 1. Blick wenig gemein haben. Was schätzt du an der einen, was anderen der anderen? Und was macht die beiden Städte in deinen Augen schön?

Berlin ist für mich die Stadt, die mich treibt und immer wieder kreativ befruchtet und inspiriert. Die Stadt, in der ich all das finde, was das Leben für mich ausmacht: verschiedene Kulturen, Kreativität, Vielfalt, Pluralität, Geschichte. Hier finde ich eine gewisse Lässigkeit. Ja, und auch dieses gern gepflegte Flair der Unvollkommenheit und der Schludrigkeit. Ich mag an dieser Stadt, dass es nicht das eine Zentrum gibt: Jeder Kiez ist ein Zentrum für sich und das hat oft schon wieder einen kleinstädtischen Charakter. In Berlin mag ich den Zauber gewisser Orte.

Hannover ist so anders. Dieser Stadt eilt der Ruf voraus, langweilig zu sein. Das ist sie aber nicht. Hannover ist überschaubar, eine Stadt der Kunst {Sprengel Museum, Kestner Gesellschaft – um nur zwei zu nennen}. Hannover ist ein wenig »bräsig«, aber mit Charme durch viel Grün {Eilenriede}. Ich liebe die Sommerabende am Maschsee. Hannover ist meine ruhige Antwort auf zu viel Berlin.

Wie und wann bist du zur Fotografie gekommen?

Ich bin viel im Netz bei anderen Fotografen unterwegs: Wie oft stoße ich dabei auf „Über-mich-Seiten“, in denen der Autor über seinen Weg zur Fotografie erzählt und dabei von der ersten Kamera zur Konfirmation oder über die alte analoge Kamera des Opa berichtet {scheint ein großer Impuls zu sein}. Alle diese Wege scheinen sich zu ähneln. Bei mir hatte der Weg zur Fotografie etwas mit meiner Lust an Geschichten, am Erzählen, am Ausdruck zu tun.

Tatsächlich schrieb ich zuerst kleine Geschichten {als Jugendlicher per Hand in eine alte Kladde} und erst dann packte mich die Lust am Foto. Aber hätte ich nur das geringste Talent: Ich würde malen. Da ich das nicht konnte, blieb das Foto, gerne und immer auch mit Gedanken, Geschichten, Musik. Aber meine Fotografie liegt wohl auch in der Familie: Meine Mutter war Fotografin {der Beruf aber spielte zu Hause nie eine Rolle}. Sie arbeitete später {als die Kinder groß waren} in einem Fotofachgeschäft und retuschierte mit feinem Pinsel die S/W-Portraits. Das habe ich immer bewundert.

Deutschlandbilder Werner Pechmann AlleAugenblicke

Du verstehst dich als »Amateurfotograf« im Sinne von Andreas Feininger, dem berühmten Sohn und autodidaktischen Fotografen. Ihm zufolge zeichnet der Amateur dadurch aus, dass er seine »Motive« liebt. Wie gelingt es dir, die Welt stets liebevoll zu betrachten?

»Love is the answer« – ich halte es mit dieser Aussage von John Lennon. Tatsächlich arbeite ich in meinem Leben {und nicht nur in der Fotografie} viel daran, allem und jedem zunächst mit Liebe und Offenheit zu begegnen. Liebe ist der Schlüssel zu allem. Es gelingt mir leider nicht immer {aber dann fotografiere ich nicht}.


»Vor der Liebe steht die Neugier.«


Mich interessiert Vieles, mich interessieren Menschen und Zusammenhänge. Stets offen und freundlich auf andere zuzugehen, neugierig zu sein: Das öffnet Türen. Erst das macht uns zu Menschen. Und dann entstehen auch gute Fotos. Davon bin ich fest überzeugt.

Was macht den »liebevollen Blick« deiner Meinung aus? Und wäre die Welt eine bessere, würden wir alle Amateurfotograf/innen sein?

Der liebevolle Blick ist, wie gerade beschrieben, der neugierige, respektvolle Blick auf die Welt. Nur weil mir etwas fremd ist, ist es nicht besser oder schlechter als das Vertraute. Ich bin neugierig und bemühe mich immer um den respektvollen Umgang. Etwas, was aktuell offensichtlich nicht mehr so angesagt zu sein scheint.


»Wenn wir uns darauf einigen können, dass Amateurfotograf/innen ihre Welt mit Neugier, Liebe und Respekt betrachten, dann wäre eine Welt voller Fotograf/innen eine bessere Welt.«


Was macht ein gutes Foto für dich aus?

Es gibt unter den Fotograf/innen grob skizziert zwei Strömungen: die des »Technik-Freaks« und die des »emotional Getriebenen« – ich gehöre eindeutig zur zweiten Fraktion. Die Fotos des»Technik-Freakszeichnen sich durch große Perfektion {im technischen Sinne} aus: Auch der letzte Pixel im Bild ist gestochen scharf, das Licht nicht ausgebrannt oder nicht vorhanden, überhaupt ist es grundsätzlich optimal bearbeitet, das Licht stets sauber gesetzt. Diese Fraktion kann mit Kamera und Objektivtypen um sich schmeißen, kauft sich stets das neueste Equipment und ist technisch auf der Höhe der Zeit. Für den Emotionalen ist die technische Perfektion eher zweitranging. Er nutzt das Wissen dieser Techniken, um Gefühle zu erzeugen. Wichtig sind Aussage, Stimmung, Gefühl. Was löst das Foto aus? Auch ein Foto was rauscht, unter- oder überbelichtet ist, kann ein gutes Foto sein.

Für mich sind Gefühle, die Geschichte, die ein Foto erzählt, das, was das Bild beim Betrachter auslöst entscheidende Komponenten. Die Antworten auf diese Fragen machen ein gutes Foto aus. Egal, mit welcher Kamera auch immer geschossen. Ein gutes Portraitfoto zum Beispiel kann nur am Ende einer »richtigen Begegnung« entstehen {keine Ahnung, von wem diese Aussage ist; ich habe sie von Steffen Böttcher, alias Stilpirat übernommen}. Es trifft den Punkt.

Frau auf der Brücke von Werner Pechmann AlleAugenblicke

Fotos {c} Werner Pechmann

Ich freue mich, eine neue Reihe auf M i MA bekanntgeben zu können: Von heute an wird meine Freundin Hazel Rosenstrauch jeden 2. Mittwoch im Monat das aktuelle »Weltgeschehen« als teilnehmende Beobachterin mit historischer Expertise reflektieren. Ihre erste Glosse »Zeitreise« dreht sich um Kommunikationsformen im Wandel der Zeit.


Zur Person: Hazel Rosenstrauch lebt und arbeitet in Berlin. Die Mutter eines – mittlerweile erwachsenen – alleinerzogenen Sohns wurde 1945 in London geboren und wuchs als Tochter von (ex-jüdischen) Kommunist/innen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt auf. Mitte der 1960er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt, hat sie Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften studiert. Sie hat in Verlagen, für Rundfunk und Zeitungen gearbeitet, als Autorin und Redakteurin {u.a. der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen«} sowie forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Seit 2008 schreibt sie hauptsächlich Bücher und Essays, zuletzt: »Congress mit Damen. Europa zu Gast in Wien: 1814/15«. Ihre Schwerpunkte sind: die Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter. → Wer neugierig ist, erfährt in meiner »Kladde« mehr über Hazel Rosenstrauch und ihr turbulentes Leben.

Hazel Rosenstrauch via
Hazel Rosenstrauch via oqbo

Zeitreise
von Hazel Rosenstrauch 

Denk ich an Facebook (in der Nacht) oder einen der anderen Kanäle, über die Texte und Bilder durch die Lüfte schwirren und in Clouds ruhen, dann denke ich an die tendenziell panischen Debatten über das Ende der Gesprächskultur. Ich nutze das Teufelszeug nicht, aber höre von Röhren, in denen man mit seinesgleichen kommuniziert, Echokammern, aus denen die eigene Meinung zurück hallt und von Menschen, die 500 Freunde haben. Wenn mir der Sinn nach Pessimismus steht, brauche ich allerdings keine »sozialen« (?) Medien, ich kann auch bei Podiumsdiskussionen, Talkshows und Politversammlungen den Nicht-Gesprächen lauschen, es gibt viele Gelegenheiten, bei denen von oben herab ins passive Publikum gebrabbelt wird. Neulich war ich bei einem Vortrag, man ist demokratisch, also wurden am Ende die Zuhörer eingeladen, Fragen zu stellen und da hat wieder, wie fast immer, einer das Wort er-griffen. Schnapp hatte der kleine Dicke das Mikrophon und ließ es nicht los. Er erklärte ausführlich, dass auf Seite 234 des vorgestellten Buchs ein Fehler stünde, es folgte eine lange Belehrung, wir erfuhren, wie klug und belesen er ist… Das war kaum anders als die elektronischen Selbstbestätigungen, die von Algorithmen befördert werden.

Wenn mir die Diagnosen über die Zukunft der Nicht-Kommunikation zu viel werden, setze ich mich in meine Zeitmaschine und steuere das späte 18. Jahrhundert an. Ich tröste mich mit den Klagen über die »Leseseuche« und amüsiere mich über die Warnungen vor den moralischen Folgen der massenhaften Verbreitung gedruckter Schriften. Meine Zeitzeugen der 1790er Jahre haben Tausende von Briefen geschrieben, der halbe Tag war dem Blick aufs viereckige Papier gewidmet, nicht nur Frauen, auch Männer wühlten in ihren Gefühlen, berichteten mehr und weniger belangloses Zeug, das für sie bedeutsam war. Da es noch keine Smartphones gab, wurde der Ort, an dem so ein Erguss entstand, ausführlich beschrieben; wir können den Gesichtsausdruck und die Kleidung von langweiligen Familienangehörigen in witzigen Erzählungen eines Wilhelm von Humboldt nachlesen, kennen die Statuten des sentimentalen Bundes, den Henriette Herz, Karl von La Roche und Brendel Veit gegründet haben. Mit den seitenlangen Briefen wurden die Verbindungen in die damals weit entfernten Weltteile – von Berlin nach Rom, von Göttingen in die Schweiz, nach Wien und Paris oder gar bis London hergestellt.

Ich finde diese Geschichten spannend, sie stammen aus einer Zeit des Umbruchs, in der alte Regeln nicht mehr glaubwürdig waren, Traditionen porös wurden, überkommene Orientierungen nicht mehr halfen, sich in der Welt zurecht zu finden. Junge oder auch nicht mehr so junge Leute haben sich verbunden, durch Schreiben oder eben einen Bund, der eine Zusammengehörigkeit beschwor. Die Selbstdarstellung – oft mit Worten, die man bei Dichtern gefunden hatte – war eine Form der Vergewisserung, die Schreiblust und Notier-Manie hatte damit zu tun, dass die jungen Leute beim Erzählen ihre Welt und vor allem ihre Gefühle neu entdeckt haben. Bei den Selbstdarstellungen ging es damals weniger um die neueste Kleidung oder Schminke, sondern um die Schönheit der Seele, Briefe, Gedichte und Vereinigungen gehörten zu den Suchbewegungen in einer unberechenbar gewordenen Welt – ein Vergleich mit Selfies scheint mir nicht ganz abwegig. Wie heute die Posts wurden die Briefe weitergereicht, abgeschrieben, zitiert, quasi geforwardet.

»Die Freundschaftsbünde sind eine Form der Identitätsversicherung und Heimatsuche in einer Welt, deren Strukturen zerfallen.«

Ich zitiere mich hier selbst1 und mag nicht so recht entscheiden, wie viel diese Einschätzung der ungeheuer intensiven Kommunikation mit meinem Wissen über das 18. Jahrhundert und wie viel sie mit den Assoziationen zu den Suchbewegungen von heute zu tun hat. Ein Unterschied ist mir wichtig: In den Klüngeln und zum Teil unüberschaubar großen Freundeskreisen (relativ betrachtet) war das persönliche Gespräch, Rede und Gegenrede, bei der Gedanken nicht nur ausgetauscht, sondern entwickelt wurden, das lebendige, verbindende Element, aus dem neue Weltbilder entstanden sind. Ich höre in letzter Zeit öfter, gerade von jungen Leuten, man sollte nicht nur mailen und »facebuchen«, sondern mehr von Angesicht zu Angesicht reden. Da könnte noch Einiges entstehen.


1 »Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt« | Die andere Bibliothek, 2009
Beitragbild: Cornelis Norbertus Gysbrechts (fl. 1660–1683) | Quelle: Wikimedia

Wie sieht die Welt in vier, fünf Jahren aus? Noch vor gut einem halben Jahr hat mich diese Frage relativ kühl gelassen, hielt ich die mir so selbstverständliche Ordnung der Dinge doch für quasi naturgegeben. Heute, da die 70 Jahre währende Nachkriegsordnung auf dem Spiel steht, kann mich diese Frage schon mal halb verrückt machen – halb verrückt vor Angst. Vor allem um die Zukunft meiner Kinder. Gerade in diesen Momenten tut es gut, sich mit anderen austauschen. Wie geht es ihnen mit der {neuen} Ungewissheit? Wie gehen sie mit Sorgen und Ängsten um – gerade auch als Eltern? Was gibt ihnen Zuversicht? Was macht ihnen Hoffnung?

Eben diese Frage habe ich der dreifachen Mutter und bekannten Berliner Elternbloggerin Anne Luz de León {Berlinmittemom} gestellt. Hab‘ 1.000 Dank, liebe Anna Luz, für das mutmachende Gespräch, mit denen ich allen einen zuversichtlichen Start in die 2. Februarwoche wünsche.

Die Welt befindet sich im Wandel. Die Nachkriegsordnung scheint an ihr Ende gekommen und was sie ersetzt, ist noch gänzlich ungewiss. Wie gehst du mit dieser Ungewissheit gerade auch als Mutter um?

Ich glaube, dass mir als Mutter von drei Kindern nichts anderes übrig bleibt, als meinen Kindern weiter vorzuleben, was das Richtige ist. Woran ich glaube. Genauso, wie ich im Alltag versuche, ihnen Werte zu vermitteln, mit denen sie ihre {noch kleine} Welt zu begreifen beginnen, ihnen sage, was wir als Eltern für richtig und für falsch halten und ihnen erzähle, was vor ihnen und vor mir auf dieser Welt vorging, spreche ich auch jetzt mit ihnen über die Veränderungen und Anfechtungen, mit denen wir täglich umgehen müssen.

Was ich ihnen jetzt sage, unterscheidet sich inhaltlich gar nicht so sehr davon, was ich versuche, in ihnen zu verankern, wenn es um die kleinen Dinge des Lebens geht, die uns manchmal entsetzlich schwer vorkommen: um Streit mit Freunden, Auseinandersetzungen mit den Aufgaben, die uns schwer fallen und mit Ängsten, die uns lähmen.

Ich sage ihnen, dass wir aufrecht und mutig bleiben und uns nicht verkriechen, sondern uns auf unsere Stärken besinnen müssen. Wir sind nicht allein, wir sind ein Team, das größer ist, als nur unsere Familie. Ich zeige ihnen gute mutige Menschen mit guten, hoffnungsvollen und auch erfolgreichen Projekten. Menschen, die etwas bewegen und Gutes bewirken, nicht nur für sich selbst.
Ja, die aktuelle Ungewissheit könnte uns als Familie lähmen, aber das darf und werde ich nicht zulassen. Also tun wir Dinge im Kleinen und unterstützen die, die größere Kreise ziehen. Und wir bleiben bei unseren Grundwerten, an die wie fest glauben.

Wenn jemand gemein ist: sind wir gütig. Wenn jemand laut ist: bleiben wie ruhig. Wenn jemand hasst: lieben wir. Und genau das tun wir weiterhin. Bei unseren humanistischen Überzeugungen bleiben, am Guten festhalten. Ich glaube, das ist der einzige Weg – im Kleinen etwas gut machen, die kleine Welt erhellen und verbessern, an der Hoffnung und der Liebe festhalten, ein Beispiel sein und für etwas stehen. Und damit immer größer werdende Kreise ziehen.

Mindestens deine große Tochter wird von den »transitorischen Turbulenzen«, in denen sich unsere Welt befindet, einiges mitbekommen. Wie geht sie damit um? Wie geht ihr damit um, so dass es sie nicht allzu sehr durcheinander bringt?

Wie immer: wir reden miteinander. Über alles, was sie bewegt, was uns bewegt, auch, was uns beunruhigt. Und wir reden mit anderen Menschen, mit Freund*innen, Nachbar*innen, Lehrer*innen. Wir lesen Blogs und Artikel von mutigen Menschen, die etwas zu sagen haben und sich nicht mundtot machen lassen. Aber natürlich habe ich dabei alle meine Kinder scharf im Blick und zeige ihnen nicht allzu offen, wenn Dinge mich selbst zu sehr beunruhigen. Sie dürfen spüren, dass wir nicht auf alle Fragen Antworten haben, aber sie dürfen keine Angst bekommen, weil sie denken, dass wir verzweifelt oder hoffnungslos sind.

»Es ist also immer ein Balanceakt zwischen größtmöglicher Offenheit im Umgang mit diesen Themen bei gleichzeitig kleinstmöglicher Panik.«

Das ist ohnehin etwas, das ich versuche auszuschließen: die hochkochende Panik, die sich dieser Tage gern mal schnell breit macht, vor allem in Social Media.

Inwieweit und wie thematisiert ihr das aktuelle Weltgeschehen bei den beiden jüngeren Kindern?

Ich bin sehr dankbar, dass die aktuellen Geschehnisse auch in der Schule immer wieder Thema sind und von den verschiedenen Lehrer*innen aufgegriffen werden. Dadurch haben wir gute Aufhänger, eine breite Menge an Ansätzen im Umgang und die Möglichkeit, die diversen Themen passend aufzugreifen. Grundsätzlich dosieren wir aber auch diese Themen so, wie die Kinder es bei allen anderen Themen auch vorgeben: wenn sie Fragen haben, reden wir. Aber wenn sie kein Interesse zeigen, dränge ich ihnen keine Themen auf. Nur nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz haben wir morgens mit ihnen gesprochen, damit sie nicht ahnungslos in die Schule kommen und alles schon im Bus von anderen Kindern hören. Da haben wir sie vorbereitet – und auch beruhigt.

Was rätst du anderen Eltern: Soll man den Kindern über die aktuelle Situation reden oder lieber nicht?

Ich glaube grundsätzlich daran, dass man mit Kindern entsprechend ihrem Alter eigentlich über so ziemlich alles reden kann. Sie sind so eng mit uns Eltern verbunden, dass sie ohnehin auf der nonverbalen Ebene immer mitkriegen, wenn mit uns etwas nicht stimmt. Wenn es um uns geht, sind sie kleine Seismographen. Insofern können wir uns ohnehin abschminken, wir könnten ihnen über unsere persönliche Verfassung die Unwahrheit sagen. Und ich halte es für fatal, sie zu belügen, selbst wenn es aus dem Wunsch heraus geschieht, sie zu beschützen.

Auf der negativen Seite könnte man sagen, dass wir sie nicht vor der Welt da draußen schützen können. Ich drehe das aber für mich genau herum: Wenn wir mit unseren Kindern ehrlich (nicht schonungslos) sprechen, ihnen vertrauen und ihnen zeigen, dass sie auch uns vertrauen können, unsere Bindung stärken und ihnen eine sichere Basis geben, d a n n machen wie sie stark für die Welt da draußen und sie werden sie Schritt für Schritt erobern, auch wenn sie im Wandel begriffen ist.

Natürlich ist jedes Kind anders und jede Familie ist anders. Wieviel Wahrheit über den Zustand der Welt ein Kind also in welchem Alter schon verträgt, können nur die Eltern einschätzen. Ich persönlich habe mit Offenheit gegenüber meinen Kindern gute Erfahrungen gemacht.

Es steht viel auf dem Spiel: Europa und die Demokratie, die offene, pluralistische Gesellschaft, Minderheitenrechte etc. – was macht das mit dem Menschen Anna-Luz de León?

Natürlich beunruhigt mich das. Es wäre gelogen, zu sagen, ich sei vollkommen ruhig und unbeeindruckt. Aber ich muss sagen, dass ich keine Angst habe. Es gibt schlechte Menschen und einige davon haben einen nicht zu unterschätzenden Willen zur Macht, aber ich glaube an unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und daran, dass es viele gute und gerechte Menschen gibt, die für diese Grundordnung bereit sind sich einzusetzen. Ich zähle mich, meinen Mann, meine gesamte Familie, alle unsere Freunde und viele Verbündete aus aller Herren Länder dazu.

Ich kenne viele Familien, die beim Women’s March in Washington vor Ort waren, Freundinnen, die Trecks nach Mazedonien organisieren, Menschen, die Bücher, Artikel und Blogs gegen Rechts schreiben, Künstler*innen, die sich mit der Kraft ihrer Arbeit widersetzen, Kolleginnen, die Spendensammlungen durchführen, befreundete Familien, die Geflüchtete bei sich aufnehmen, Menschen, die nicht müde werden, sich laut gegen Holocaustleugner, Rassisten Homophobiker und Sexisten zu stellen. All diese Menschen geben mir Hoffnung und machen mir Mut. Und es gibt noch viele mehr! Mit einigen komme ich »nur« virtuell zusammen, aber die gemeinsamen Überzeugungen machen uns stärker. Wir sind nicht alleine, wir sind viele. Und je brisanter die Situation zu werden scheint, desto lauter werden die Gegenstimmen. So beängstigend jemand wie Trump auch ist, seine Wahl bringt seine Gegner auf die Barrikaden. Schulter an Schulter.

»Wir sind nicht ausgeliefert, wir sind nicht allein, wir sind viele. Wir dürfen uns nur nicht verschrecken lassen.«

Kinder am Abend am Seeufer

Hast du manchmal Angst um die Zukunft deiner Kinder?

Keine konkreten Ängste. Vielleicht ist das naiv, aber ich halte an meinem Glauben an das Gute in der Welt fest. Ich glaube tatsächlich, dass das Einzige ist, das uns jetzt über eine dunklere Episode der Menschheitsgeschichte hinweg retten kann.

Wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke, fürchte ich mich mehr vor den Auswirkungen des Klimawandels als vor den Trumps und Le Pens dieser Welt. Und dann denke ich an meine Großmutter, die während des Zweiten Weltkriegs drei kleine Kinder hatte und sich mit ihren Schwestern im tiefsten Westerwald versteckt hielt. Daran, in welche Zeiten hinein sie ihre Kinder geboren hat, selbst ein Kind des Ersten Weltkriegs. Sie hat ihr Bestes getan für ihre später vier Kinder und sie hatte Glück, weil mein Großvater niemals in der NSDAP war und deshalb direkt nach dem Krieg eine gute Stelle bekam. Aber sie wusste zu dieser Zeit nicht, was werden würde, ob ihre Kinder gut klarkommen würden oder was überhaupt aus ihnen werden würde. Und sie hat dennoch ihre Kinder bekommen und so gut sie konnte durch die schweren Zeiten gebracht. Sie hat sie randvoll abgefüllt mit Liebe und einem gigantischen Vertrauen in diese vier kleinen Menschen und geglaubt, dass das das Wichtigste war, womit sie sie ausstatten und stark machen konnte. Sie hatte recht.

Ich habe keine Angst. Meine Kinder bekommen alles, was wir als Eltern ihnen mitgeben können und noch so viel mehr: Bildung, ein starkes Fundament, ein tragfähiges Netz. Sie sind gute Menschen, sie werden gute Wege finden und gehen.

Was können wir deines Erachtens tun, um unseren Kindern ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen?

Alles. Und nichts. Wie gut die Welt wird und damit das Leben, das unsere Kinder darin leben werden, liegt heute bei uns. Wenn wir uns nicht einsetzen für Frieden, Freiheit und für die Selbstbestimmung aller Menschen, dann können wir eine Welt mit diesen Werten und Errungenschaften auch für unsere Kinder nicht erwarten. Wir müssen begreifen, dass es uns alle angeht.

»Und wenn wir die weißesten, hetero-normativsten, christlichsten, angepasstesten Menschen der Welt sind: Wenn wir zulassen, dass andere um uns herum diskriminiert und in ihren Rechten eingeschränkt werden, weil sie all das n i c h t sind, haben wie unsere Freiheit und Selbstbestimmung nicht verdient.«

Ich schrieb kürzlich auf meinem Blog über Privilegien und Verantwortung, und genau das meine ich: Die Welt, die ich für meine Kinder will, muss ich schaffen. Sie verteidigen. Für sie aufstehen. Anderen die Hand reichen, die nicht partizipieren. Sie jeden Tag besser machen und wenn es nur im Kleinen ist. Nicht die Klappe halten, nicht still sein, nicht verharren, auch wenn es uns nicht persönlich betrifft. Es betrifft uns nämlich doch. Weil wir mit unserem Verhalten bestimmen, was für eine Welt wir unseren Kindern übergeben.


Fotos: M i MA aus der Reihe »Just Kids«

Es gurgelt und zischt.
Es kichert und kreischt und grölt.
Es murmelt.
Es säuselt und zwitschert.
Es gluckst und röhrt und brüllt.
Es ruft und redet.
Es geifert und trällert.
Es spricht und singt.
Es lärmt.
Es tönt.
Es dröhnt.
Es blubbert.

Das Rauschen am Grund der Kommunikation hat sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm verdichtet: ein brodelnder Brei aus abermillionen Stimmen, von denen jede Gehör finden will und doch keine einzelne mehr zu vernehmen ist. Ich könnte noch eins draufsetzen – doch wohin führt es, wenn wir dem Lärm immer weiter mit Gegenlärm begegnen?

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In der aktuellen Ausgabe des NO ROBOTS Magazin #6 schreibe ich über mein Unbehagen am Primat der Sichtbarkeit und nähere mich vorsichtig »der neuen Rolle der Kommunikation in der veränderten Welt«.

No Robots Magazin #6 Rausch