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Bücher

»Inklusion« – ein schwieriges Wort. Es steht für größtmögliche Offenheit und bleibt doch der Mehrheit verschlossen. Wer jenseits der eingefleischten Fach- und Fangemeinde weiß schon, dass das lateinstämmige Fremdwort soziologisch gewendet das »Rezept« für eine bessere Welt enthält? Der öffentliche Diskurs dreht sich vor allem um Barrierefreiheiten: mehr Fahrstühle im öffentlichen Raum, »einfache Sprache« im Internet, Gebärdendolmetscher/innen im Fernsehen etc. Was diese scheinbar »nur« für Minderheiten gemachten Erleichterungen mit einer besseren Welt zu tun haben und wie und warum alle Menschen davon profitieren – davon wird kaum erzählt. So bleibt der Begriff befremdlich leer und traurig abstrakt – unfähig, um eine Gesellschaft für Inklusion zu begeistern oder gar zu mobilisieren {und nichts anderes meint ja die vielzitierte Rede vom »Narrativ«}.

Kaiserinnenreich – das inklusive Familienblog von Mareice Kaiser

Fast wollte ich schon daran verzweifeln, dass wieder eine wunderbare Idee an ihrer Unverständlichkeit zu scheitern drohte. Doch dann trat Mareice Kaiser auf die Bühne: erstmals am 2. März 2014. An diesem ersten Sonntag des Monats entließ sie ihr »Kaiserinnenreich« ins weltweite Web, wo es sich innert kürzester Zeit als »das inklusive Familienblog« etablierte. Zweieinhalb Jahre später ist nun ihr erstes Buch erschienen – und davon soll heute die Rede sein.


Wer »Alles inklusive« liest, begreift, was die »inklusive Gesellschaft« so verdammt lebens- und liebenswert macht.


Das Elternwerden hatte sich Mareice anders vorgestellt, nämlich ziemlich ähnlich wie ich: sauanstrengend und wunderschön. Sauanstrengend weil kleine und noch kleinere Kinder einen unablässig zwingen, die eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen {fit und ausgeschlafen – was war das doch gleich?). Wunderschön weil es solch eine unbeschreibliche Freude ist, zu erleben, wie sich diese kleinen Menschen mit überbordendem Charme und frappierenden Einfallsreichtum die Welt zu eigen machen und manchmal – was ein ganz besonderes Glück ist – genau die Dinge lieben lernen, für die man selber brennt. Bei Mareice und ihrem Mann Thorben ist es die Musik: »Thorben komponierte Lieder und wollte eine CD daraus machen. Für jeden Wochentag ein Lied, wir wollten es morgens für nach dem Aufstehen für Greta singen. Und nicht nur für Gretas Geburt hatte er ein Mixtape zusammengestellt, sondern auch für die Zeit danach. Die coolsten Kinderlieder; auf einer CD. Wir waren vorbereitet für die musikalische Früherziehung unserer Tochter.« Doch Greta kommt gehörlos auf die Welt. Unter anderem. Der seltene Fehler auf dem achten Chromosom »kann« nämlich noch viel mehr: Er macht ihre Tochter taubblind (ähnlich: CHARGE-Syndrom), ihre Muskulatur kraftlos und ihren Darm krank {Morbus Hirschsprung}. Greta ist selbst für Spezialist/innen ein außergewöhnliches Supersonderspezialkind.

Alles inklusive – ein Buch von mareice kaiser
Foto: Carolin Weinkopf {via Kaiserinnenreich}

Was es heißt, mit einem »Supersonderspezialkind« in unserer immer noch auf »Superdubernormalos« ausgerichteten Welt zu leben, davon handelt das Buch der 35jährigen Journalistin, Autorin und Bloggerin. Es ist ein Leben im Ausnahmezustand: ein Leben zwischen Krankenhaus und Kita, zwischen Vorurteilen, Überforderungen, Bürokratiemonstern und Gewissenskonflikten, getragen von der unbedingten Liebe zu ihrer Tochter und der Sehnsucht nach Selbstverständlichkeit: »Dass es in der Geburtsmail meines Kindes nicht um unwichtige Details wie Größe und Gewicht gehen soll, wusste ich schon vor Gretas Geburt. Dass wir einen Chromosomenfehler erklären würden, nicht.«  Es gelingt den jungen Eltern. Wie vieles andere auch – der Mensch wächst bisweilen sich über sich selbst hinaus. Aber alles hat seine Grenzen. Als sich stundenlang niemand im Krankenhaus um die schwerkranke Greta kümmert, bricht Thorben zusammen. »Ich trage Momo {ihre jüngere Schwester} auf meinem Arm, sie weint. So laut hat sie ihren Vater noch nie schreien gehört. Ich ihn auch nicht.« Die Krankenschwester offenkundig auch nicht. Sie drückt einen Knopf und beschert den erschöpften Eltern damit einen Polizeieinsatz und ein lebenslängliches Hausverbot.

Der Begriff der »strukturellen Diskriminierung« wird hier so greifbar wie unerträglich. Man möchte stellvertretend schreien, weinen, heulen und wüten. Doch so wie Mareice den außer sich geratenen Thorben erst flüsternd, dann etwas lauter wieder zur Räson bringt, bewahrt sie auch ihre Leser/innen davor, an ihrer Stelle die Contenance zu verlieren. Bestimmt und ruhig führt sie sie zur nächsten Episode und erzählt – ohne Groll oder vorwurfsvolle Erregung – von all den anderen Hürden und Stolpersteinen, den glücklichen Zufällen und dem zufälligem Glück: »Greta geht zur Kita. Wow! Thorben schickt mir Fotos aus der Kita auf mein Smartphone. {…} Auf dem Foto sehe ich Greta auf einer Decke im Gras liegen. Um sie herum sitzen vier Kinder, alle sind mit Greta beschäftigt. „Sie kümmern sich ganz liebevoll {…}“, schreibt Thorben mir.« 


Der Begriff der »strukturellen Diskriminierung« wird hier so greifbar wie unerträglich. Man möchte stellvertretend schreien, weinen, heulen und wüten.


Doch bei aller Unaufgeregtheit lässt Mareice Kaiser keinen Zweifel daran, dass die Welt so wie sie ist, nicht okay ist. Denn es ist eine Welt, in der ihr Kind die Kita verlassen muss, weil es zu behindert ist. Eine Welt, in der sie dankbar dafür sein muss, wenn jemand ihr Kind betreut und sie – aufs Muttersein reduziert – ihrer Arbeit nachgehen kann. Eine Welt, in der sie stets darauf angewiesen ist, dass das Glück ihr hold ist, weil keine verlässlichen Angebote und Strukturen für Familien mit »Supersonderspezialkindern« gibt. Dabei ist es gar nicht schwer, es anders und besser zu machen: »7.30 Uhr: Anna ist da. Sie ist seit einem Jahr unsere Familienhelfer-Au-Pair und assistiert Greta im Wechsel mit Paul, unserem zweiten Au-Pair. Finanziert werden sie vom neuen ‚Lebensgesetz‘ {Special Needs Edition}, das eine Verbesserung des alten Teilhabegesetzes ist.« Komplettiert wird das Gesetz in Mareices Zukunftsvision vom »Gesundheitsclub«: »Unser Familienberater Herr Müller hatte im Online-Entwicklungsbuch gelesen, dass Greta gewachsen ist. In dieses Buch tragen alle Menschen, die mit unserer Tochter zu tun haben, ihre Beobachtungen ein. {…} Herr Müller, der Greta bereits seit vielen Jahren kennt und mindestens einmal im Jahr zu uns nach Hause kommt, um auf uns zugeschnittene Angebote zu machen, schaut proaktiv einmal pro Woche ins Online-Entwicklungsbuch und macht uns Vorschläge zur Unterstützung.« Das ist keine realitätsferne Utopie, sondern schlichtweg die Einlösung des »Versprechens« auf allgemeine Gleichbehandlung – und am Ende wahrscheinlich sogar wirtschaftlich günstiger.

Wer Mareices Buch liest und sie durch das Dickicht der strukturellen und mentalen Grenzen bis zum plötzlichen Tod ihrer Tochter Greta begleitet, kann kaum anders als zu begreifen, was die Idee der »inklusiven Gesellschaft« so lebens- und liebenswert macht – und warum es sich für sie zu kämpfen lohnt. Damit gelingt der Autorin, was jedes »Narrativ« will: die Menschen für eine gesellschaftliche Vision zu begeistern. Für mich ist »Alles inklusive« darum nicht nur das, was man »gesellschaftlich relevant« nennt, sondern auch oder vielleicht nochmal mehr: ein politisch wegweisendes Buch.


Mareice Kaiser
Alles inklusive
Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter
Fischer Verlag
Preis € (D) 14,99 | € (A) 15,50
Link zum Verlag | Link zu Mareices Lesungen


Alles inklusive – ein Buch von mareice kaiser

Bevor Peter Lindbergh, der mit bürgerlichen Namen Peter Brodbeck heißt, zum internationalen Starfotografen wurde, arbeitete er als Schaufensterdekorateur und studierte Malerei und Konzeptkunst in Düsseldorf. Erst 1971 wandte sich der von Berliner Avantgardekunst inspirierte 27jährige der Fotografie zu – und machte international Karriere. Die erreichte 1990 mit seinem Titelbild für die Januarausgabe der britischen Vogue ihren Höhepunkt: Quasi über Nacht wurde Lindbergh zum »Schöpfer der Supermodels« und läutete eine neue Ära der Modefotografie ein: weg vom »Kleiderständer« hin zur Persönlichkeit.


»Bei richtiger Schönheit sprechen wir über Individualität, über die Courage man selbst zu sein, die eigene Sensibilität einer Person. Alles andere ist nur eine manipulierte Fiktion.« Peter Lindbergh


Ich mag Lindberghs Fotografien, die mehr Filmstill als Foto sind – und stets eine Einladung zum Kopfkino. Ob die rauchende Kate Moss, die Frauen im weißen Hemd oder »Naomi, Linda, Tatjana, Christy und Cindy in den Straßen von New York« – jedes Bild scheint den einen, den ganz besonderen Moment festgehalten. Und wir, die Betrachter/innen, sind eingeladen, die ganze Geschichte zu erfinden, deren {vorwiegend weibliche} Protagonisten in ihrer Ungezwungenheit und Schönheit für ein uneingelöstes Versprechen stehen: das Versprechen auf die volle Anerkennung und unantastbare Würde des Individuums.

Die Kunsthal Rotterdam zeigt seit dem 10. September und bis zum 12. Februar 2017 eine erste umfassende Retrospektive des schon heute legendären Modefotografen, die anschließend um den Globus wandern wird. Anhand von über 220 Lindbergh-Fotografien erzählt »A Different Vision on Fashion Photography« die Geschichte der Mode seit 1970 und wie sie sich mit Lindbergh verändert hat. Parallel zu der von Thierry-Maxime Loriot kurierten Ausstellung hat der TASCHEN Verlag im September seinen gleichnamigen Begleitband herausgebracht.  Das 500 Seiten starke Buch mit mehr als 400 Fotografien gibt Einblick in Lindberghs Schaffen seit den 1970er Jahren – ein wunderbares Buch, finde ich: Kopfkino ohne Ladenschluss. Umso mehr freue ich mich, ein Exemplar an euch verschenken zu können.

Hinterlasst dazu einfach bis zum 30. November 0.00 Uhr eine kurze Notiz, was euch an Lindberghs »Vision on Fashion Photography« fasziniert {bitte unbedingt eine E-Mailadresse angeben!}. Frau Zufall und Herr Glück werden haben das Übrige tun getan und die Nr. 12 orakelt – Herzlichen Glückwunsch, liebe Katja!

Du kannst – wie alle anderen natürlich unbedingt auch – dein Buch am Samstag, den 3. Dezember zwischen 16 und 18 Uhr sogar von Lindbergh höchstpersönlich signieren lassen. Dann nämlich ist der Starfotograf anlässlich der Eröffnung des ersten Berlin TASCHEN Flagshipstores in der Hauptstadt.

Einladung zur Signierstunde von Pter Lindbergh im TASCHEN Store Berlin

Ich danke dem TASCHEN Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars und eines weiteren Buchs für meine Leser/innen.

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»Als Lida, die ältere Schwester meiner Mutter, starb, habe ich begriffen, was das Wort Geschichte bedeutet. {…} Das einzige, was ich von Tante Lida habe, ist ein Rezept für Kwas, einen erfrischenden Trank.

Zutaten:
Ein großes Salatbündel
Eine große Knoblauchknolle
Ein großer Strauß Dill

{Hier fehlt eine Zeile}
Du kochst das Wasser und lässt es auf Zimmertemperatur abkühlen.
Du wäscht den Salat, dann schneidest du Wurzel und Stengel ab, dann schneidest du alles klein und schälst den Knoblauch.
{…}
Den Dill sollst du waschen und schneiden.
Dann vermischt du alles und legst es in ein Dreiliterglas.«

Aus: »Vielleicht Esther« von Katja Petrowskaja, S. 32


 

Kraniche fotografiert von Hazel Rosenstrauch… und mit der Liste und den besten Wünschen verabschiede ich mich ins Wochenende.

GESEHEN: die Kraniche über Linum
GEHÖRT: Bremer/McCoy
GESCHMECKT: Slow Food im »Kleinen Haus«
GELESEN:»Vielleicht Esther« {erst begonnen, aber mit sofortiger Sogwirkung}
GEPLANT: Kwas zu kochen
GESUCHT: nach Literatur über das Reisen als Lebensform
GEFUNDEN: Ida Pfeifer, die als erste Frau allein um die Welt reiste und jede Menge Zitate
GEFRAGT: Brauche ich den
Coverboy wirklich? {Ich find ihn so schön.}
GEMOCHT: #jetztschreibenwir
GEMACHT: Tee im KleinMein getrunken
GEDACHT: Abwegig finde ich es nicht, dass Toleranz und Glücksempfinden korrelieren.
GESTAUNT: über die »Flüchtlingshelfer/innen in Zahlen«
GEWESEN: bei der DEULA Warendorf, wo Geflüchtete einen Weg in den Arbeitsmarkt finden
GEFREUT: auf den Advent {ich bin dieses Jahr genauso früh wie der Spekulatius im Supermarkt ;)}
GESCHMUNZELT: über dieses charmante »f*ck you«
GEKLICKT: Martin Schoeller, der obdachlose Menschen portraitiert.

Fensterbild: Ieva Jansone | Kranichfoto: Hazel Rosenstrauch

Mode? Ist nicht mein Ding – oder besser: war. Nicht etwa weil sie mir gleich wäre. Im Gegenteil. Sondern weil ich mich – trotzdem ich mich für einigermaßen modebewusst halte – nie sicher fühlte auf diesem schmalen Grat zwischen Sachverstand, Feingefühl und Finanzen.


»Modebewusstsein verlangt, sich seiner selbst bewusst zu sein, also seine Schwächen und Stärken zu kennen und herauszufinden, was der eigenen Persönlichkeit entspricht.«  Gabriele Strehle


Die einschlägige Ratgeberliteratur hat mir bislang wenig geholfen, mehr Sicherheit zu gewinnen. Entweder konnte ich mich in den vorgegebenen Modetypen nicht finden {ich würde das „kleine Schwarze“, das ich nicht besitze, weder mit Lacklederstiefeln noch mit Strickjacke oder Perlenohrringen kombinieren} oder ich fühlte mich nicht gemeint {große Mager-Models in 1.000-Euro Kleidern zielen in jeder Hinsicht an mir vorbei}. Meine Modelust lag daher jahrzehntelang in einer Art Dornröschenschlaf. Das könnte sich jetzt ändern, denn Journalistin und Bloggerin Marlene Sørensen {spruced.us} hat ein Modebuch geschrieben – mit der Kraft des Erlöserkusses. 

M i MA Marlene Soerensen Stilvoll

Stilvoll – Inspiration von Frauen, die Mode lieben ist mehr als ein Ratgeber. Zwar beantwortet das Buch auch die typischen Stil- und Modefragen, zum Beispiel: Welche Kleider gehören in einen wohlsortierten Kleiderschrank? Was trägt man wann und kombiniert man wie? Doch dabei bleibt es nicht stehen. Marlene Sørensen will nicht »nur« beraten; sie will ihre Leser/innen mit ihrer Lust am Kleiden und Verkleiden, Sich-Finden und Neu-Erfinden infizieren. Dafür hat sie eine ganze Entourage von Frauen um sich gesellt, die ihre Liebe zur Mode teilen und doch ganz unterschiedlich ausdrücken. So etwa Sängerin Joy Denalane, Kostüm- und Bühnenbildnerin Aino Laberenz, Schauspielerin Hannah Herzsprung oder die Bloggerinnen Claire Beermann und Jessica Weiß.


Mit Leichtigkeit und Witz erschließt Marlene Sørensen auch jenen die hohe Kunst des Kleidens, die keine »textile Früherziehung« genossen haben. 


Charmant und witzig portraitiert Marlene ihre modischen Begleiterinnen und zeigt, was man von ihnen lernen kann. Dazu gibt sie jede Menge Tipps, die sich nie wie Ratschläge anfühlen, sondern stets wie ein so einfaches wie raffiniertes Rezept daherkommen: Worauf es sich zu sparen lohnt oder wo man eine preisgünstige Alternative findet, wie man sich in fünf Minuten perfekt kleidet oder seinen Stil von jetzt auf gleich verändert, die ideale Jeans findet oder sich gekonnt in Übergrößen hüllt. Wenn ich überhaupt etwas an diesem Buch kritisieren kann, dann allein an der {typo-}grafischen Gestaltung: Ein bisschen weniger Blogstyle und etwas mehr Buchkunst hätte es meines Erachtens noch stilvoller gemacht. Doch das fällt kaum ins Gewicht. Stilvoll gelingt es auch so, das das Beste aus Buch und Blog zu vereinen. 

Die Schwächen der digitalen Form, ihre Flüchtigkeit und die einseitig-visuelle Sinnlichkeit, werden qua Druck ins Beständige überführt mit allen sinnlichen Konsequenzen: Man riecht, schmeckt, hört, fühlt, sieht. Und dabei atmet das Buch den egalitären Geist der Blogosphäre. Nirgendwo weht einem die kühle Arroganz entgegen, die in so mancher Modepublikation Sturmgeschwindigkeiten erreicht. Marlene Sørensen lässt – ganz Bloggerin – alle und jede/n großherzig an ihrem Wissen und Können partizipieren, ohne dabei jemals ins Banale abzudriften. Mit Leichtigkeit und Witz erschließt sie so auch all jenen die hohe Kunst des Kleidens, die keine „textile Früherziehung” genossen haben. Ein wahrhaft ansteckendes Vergnügen.


Marlene Sørensen
Stilvoll – Inspiration von Frauen, die Mode lieben
erschienen bei Callwey | September 2016

Das Buch mit gesticktem Titel ist in drei Farben erhältlich und kostet 29,95 Euro.


Fotos: Marlene Sørensen

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„… vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist.“
Elias Canetti

Auf wenige Menschen trifft Canettis Satz so wundervoll zu wie auf Sabine Delorme {Binge Reading & More}. Aus Verhältnissen kommend, die man gemeinhin als „schwierig“ bezeichnet, wurde das Lesen ihr zum Zufluchtsort, die Bücher zum Türöffner zu neuen Welten. „Sobald ich radeln konnte, war die Leihbücherei im Ort meine zweite Heimat.“ Heute ist das „kleine Mädchen aus der Leihbücherei“ Personalleiterin in einem internationalen Unternehmen im Telekommunikationsbereich und dabei ein eigenes Beratungsprojekt zu realisieren. Die Liebe zur Literatur hat sie auf ihrem Weg nie verloren – im Gegenteil.

Wie das Leben und die Wohnung einer Bücherliebhaberin aussieht und welche Bücher aktuell auf ihrer Top 10-Liste stehen – um das und mehr geht es im heutigen „Blick hinter ein Blog“.

Vielen Dank, liebe Sabine, für den berührenden Einblick, mit dem ich allen – wie immer – einen guten Start in die neue Woche wünsche.

Buch, Binge Reading, Buecherliebe, Bibliothek, Buecherstapel

Wer steckt hinter Binge Reading & More?

Wer hätte geglaubt, dass ausgerechnet diese Frage so schwierig zu beantworten ist? Wie beschreibt man sich, was sagt man, was lässt man weg? Eine Annäherung: Hinter Binge Reading & More steckt Sabine Delorme, im „richtigen Leben“ verantwortlich für den Bereich Personal in einem internationalen Unternehmen im Telekommunikationsumfeld. Daneben starte ich gerade mein eigenes Consulting Projekt und bin gespannt wohin die Reise gehen wird.

Ich habe immer schon auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig getanzt, würde idealerweise gerne mehrere Leben gleichzeitig führen, um möglichst viel zu zu erleben, zu lernen, zu lesen, zu sehen und schlafe wahrscheinlich zu wenig 😉 Ich bin ein freiheitsliebender Nerd, improvisiere gerne, bin sehr optimistisch, beschäftige mich gerne und viel mit der Zukunft und bin hoffnungslos analoger Notizbuch-Junkie.

Ich habe große Schwierigkeiten zwischen Arbeit und Privatleben zu trennen, das geht für mich meistens alles in einander – über und ich.

Buch, Binge Reading, Buecherliebe, Wissen, Sehen, Zeit

Wie hat sich deine Lust am Lesen zur Lesesucht entwickelt?

Ich komme aus einem ziemlich zerrütteten, schwierigen Elternhaus und bin zum Glück mit 7 Monaten bei meinen Großeltern gelandet, bei denen ich aufgewachsen bin. Es war zwar ein eher bildungsferneres Umfeld, aber beide haben mir vorgelesen und ich kann mich noch dunkel an mein allabendliches „Noch eine Geschichte Opa!“ erinnern und dass ich schon vor der Einschulung lesen konnte, um nicht aufs Vorlesen angewiesen zu sein. Von da an gab es kein Halten mehr.

Es gab nur wenige Bücher im Haus. Der Brockhaus, Werner Keller „Da aber staunte Herodot“, Heinz Haber „Unser Mond“ und Selma Lagerlöffs „Nils Holgersson“, die hatte ich ständig am Wickel. Sobald ich radeln konnte, war die Leihbücherei im Ort meine zweite Heimat. Lesen war Zufluchtsort, Geborgenheit, Abenteuer, wenn der Alltag zu schwierig war. Ich habe Büchern unwahrscheinlich viel zu verdanken.

Mein Opa ist früh gestorben, geprägt hat mich daher meine Oma
und all die 1.000 Bücher die ich in meinem Leben gelesen habe 😉

Buch, Binge Reading, Buecherliebe

Wie kann man sich den Alltag eines lesesüchtigen Menschen vorstellen?

Da unterscheide ich mich vermutlich nicht sehr von anderen Lesesüchtigen. Ich gehe nie ohne Buch aus dem Haus, packe auf Reisen viel zu viele Bücher ein und unvernünftigerweise habe ich mich noch immer nicht für einen eReader begeistern können.

Theoretisch finde ich die Dinger klasse, praktisch muss ich Bücher in der Hand haben, unterstreichen, Sachen rausschreiben etc.

Ich lese oft vor der Arbeit 1-2 Seiten, manchmal in der Mittagspause, beim Reisen im Zug oder Flugzeug und natürlich vor dem Einschlafen. Und ich lese meiner Partnerin jeden Abend vor, weil sie dabei perfekt einschlafen kann.

Was sind deine aktuellen Lieblingsbücher?

Fiese Frage. Ganz schwer zu beantworten.

„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami ist ein immer währender Liebling – und „Pippi Langstrumpf“.

Aktuell lese ich sehr gerne Bücher aus dem Genre „Speculative Fiction“ (z.B. Margaret Atwood), Biografien sowie Technologie/Science und philosophische Bücher. Oh, und Batman Comics…

Katrin Deubelbeiss, Kafka am Strand, Haruki Murakami
(c) Katrin Deubelbeiss

Welche Musik magst du besonders gern und welche Konzerte wirst du dieses Jahr sicher besuchen?

Musikalisch mag ich es ganz gerne etwas melancholisch-düsterer: Dark Wave, Trip Hop, Electronica, EBM etc. Tickets habe ich hier aktuell liegen für: The Kills, Placebo, God is an Astronaut, das Amphi Festival und die White Lies.

Wie und wohnst du an der Isar?

In einer Dachgeschosswohnung ganz in der Nähe vom Zoo und der Isar. Die Wohnung hat sehr hohe Decken und ist sehr hell, von der Einrichtung her eher reduziert und bevorzugt monochrom. Bücherstapel in allen Ecken, eh klar. Oder ? 😉

Isar Müllersche Volksbad.jpg
(c) Bernd Reuschenberg via wikimedia

Was machst du, wenn du weder liest, noch reist, Konzerte besuchst, Rad fährst oder an der Isar spazieren gehst? (Schlafen gilt nicht.)

Ich beschäftige mich viel mit Fragen zur Zukunft der Arbeit, Organisationsentwicklung, konzipiere Trainings und Weiterbildungsmaßnahmen und versuche mich meinem zweiten Blog „Working Future Working“ stärker zu widmen.

Was wünscht du dir gerade jetzt am meisten?

Weiterhin so glücklich sein zu dürfen und noch mehr davon weitergeben können sowie einen erfolgreichen Start für mein Consulting-Projekt.

Fenster, Gardine, Lichtspalt, Sommer, Sommerfrischler

{Kooperation} Denk ich an Kuba, denk ich an Salsa, Zigarren und Rum. An Oldtimer, morbide Architekturschönheiten, ewige Partylaune und sozialistische Träumer/innen. Vorurteile und Klischees, in denen wie an allen Stereotypen ein Funken Wahrheit steckt. Die ganze Wahrheit – das ist mehr als wahrscheinlich – werde ich nie kennenlernen, nicht zuletzt da sich der karibische Inselstaat mitten im Wandel befindet. Wie gut also, dass es Bücher gibt. Sie nehmen einen mit in fremde Welten und vergangene Zeiten. So etwa das Buch des Fotojournalisten Lee Lockwood Castros Kubo, das TASCHEN gerade neu aufgelegt hat. 

Das bereits 1967 erschienene Buch enthält Lockwoods Gespräche und Beobachtungen und Hunderte von Fotografien seiner Reisen an der Seite Castros bis in die 1960er-Jahre. Doch das ist nur ein Buch von vielen, die ihr gewinnen könnt. 
Bis Mittwoch, den 22. Juni verlose ich in Kooperation mit TASCHEN ein Buch eurer Wahl im Wert von 50,- Euro. Hinterlasst einfach einen Kommentar mit eurem Wunschtitel. Die Losfee verkündet am 23. Juni in aller Herrgottsfrühe die/den Gewinner/in. Viel Glück!*
Lee Lockwood. Castros Kuba. Ein Amerikaner in Kuba. Reportagen aus den Jahren 1959–1969, TASCHEN

Lee Lockwood. Castros Kuba. Ein Amerikaner in Kuba. Reportagen aus den Jahren 1959–1969, TASCHEN

Lee Lockwood. Castros Kuba. Ein Amerikaner in Kuba. Reportagen aus den Jahren 1959–1969, TASCHEN
Lee Lockwood. Castros Kuba. Ein Amerikaner in Kuba. Reportagen aus den Jahren 1959–1969, TASCHEN
*Regeln für die Verlosung auf M i MA
Teilnahmeberechtigt sind volljährige, natürliche Personen, die zum Zeitpunkt ihrer Teilnahme ihren ständigen Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland haben. Personen unter 18 Jahren dürfen nur mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten teilnehmen. 
Bitte habt Verständnis dafür, das ich nur Nachrichten berücksichtige, die vor dem Teilnahmeschluss abgegeben werden und eine gültige E-Mail-Adresse enthalten bzw. von einer/einem eingeloggten User/in abgegeben wurden. Für fehlende, verspätete oder an falscher Stelle abgegebene Einträge übernehme ich keine Verantwortung. 
Die Gewinner/innen werden per Zufallsauswahl bestimmt und innerhalb von fünf Tagen unter der angegebenen E-Mail-Adresse informiert. 
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Alle Preise wurden unentgeltlich zur Verfügung gestellt und können nicht bar ausgezahlt werden.
fahrradgerechte Stadt, #radentscheid, isabel marant, bauhaus, tiny houses

Davon dass ich so müde bin und weder Kaffee noch Schlaf etwas daran ändern mögen, hatte ich erzählt. Auch Vitamin D hat nicht geholfen. Also gebe ich mich geschlagen – oder besser: hin – und lasse M i MA mitten im Mai einen kleinen Schlaf machen. Ein Schlöfele wie es so wohlig-warm im Schweizerdeutschen heißt. Bevor die Lider schwer werden und der Wunsch sie zu schließen überhand nimmt, habe ich noch eine Liste erstellt: Zutaten für süße Träume.

Bis bald!
Gleich zwei wunderbare Kinderbücher fielen mir kürzlich in die Hände: Komm, wir machen was mit Stadt aus dem Loewe- und Nusret und die Kuh aus dem Tulipan-Verlag. Im Prinzip grundverschieden – das eine ein Spiel- und Bastel-, das andere ein Bilderbuch – haben sie doch Gemeinsamkeiten: Beide Bücher widmen sich mit Liebe, Feinsinn, Witz und Respekt ihrem jeweiligen Gegenstand; und beide Bücher sind das Ergebnis eines co-kreativen Prozesses. 
Das Bastelbuch stammt aus dem Würzburger Forschungslabor für Angewandte Kreativwissenschaften Herr Pfeffer, hinter dem die zwei Designerinnen Manou tigapigs und Julia Bruns stehen. Das Bilderbuch ist ein Gemeinschaftsprojekt der Berliner Autorin Anja Tuckermann sowie den zwei Illustrator/innen Mehrdad Zaeri und Ulli Krappen. Im Nachwort haben die beiden Künstler/innen den Prozess ihrer Zusammenarbeit beschrieben – und allein diese Beschreibung ist lesenswert. Sie zeigt auf zauberhaft-zärtliche Weise, was Co-Creation auch bedeuten kann: „[Wir] stehen uns an einem Tisch gegenüber und malen am gleichen Blatt. Das ist ein bisschen wie Zeitschach. Wir haben eine Stoppuhr und jeder von uns hat zwei Minuten für seine Zeichnung. […] Sobald die Uhr piepst, wandert das Blatt rüber zum anderen, […] der es alles übermalen, zerstören, vernichten darf, sogar soll, damit das Spiel an Fahrt gewinnt. Irgendwann entwickelt sich etwas Konkretes im Bild, etwas nimmt Gestalt an. Und …. dann [heißt es] auch schon mal, obwohl sich die Stoppuhr bereits gemeldet hat: ›Nein, mach du weiter, das ist eher dein Ressort.“ Doch zum Inhalt. Worum geht es hier wie dort? 

Nusret und die Kuh erzählt die Geschichte des kleinen Nusret, der bei seinen Großeltern in einem verlassenen Dorf irgendwo im Nahen Osten lebt. Nusrets Eltern sind während des Kriegs mit seinen Geschwistern nach Deutschland geflohen. Sie wollen ihren jüngsten Sohn schon bald zu sich holen. Nusret ist hin und her gerissen. Damit die Sehnsucht erträglich bleibt, nimmt er seine geliebte Kuh mit nach Deutschland. Dort soll sie – wie er – das Lesen und Schreiben lernen. Als Nusret in seiner neuen Heimat Fuß gefasst hat, bringen er und seine Eltern die Kuh zurück aufs Land zu den Großeltern. Dort liest sie ihnen, die des Lesens nicht mächtig sind, fortan Nusrets Briefe aus Deutschland vor. 
Anja Tuckermann, Uli Krappen und Mehrdad Zaeri haben ein berührendes Buch über Heimat, Fremde und Sehnsucht gemacht, das gerade heute dringend gebraucht wird – nicht nur für Kinder!
Anja Tuckermann, Uli Krappen, Mehrdad Zaeri
Nusret und die Kuh
ab 5 Jahren 
1. Auflage 2016, Tulipan Verlag
Preis: 18,00 €
Die beiden Damen von Herrn Pfeffer haben für Komm, wir machen was mit Stadt zahlreiche Bastelideen für Kinder ab fünf Jahren zusammengetragen, denen man – anders als manch anderen Kinderkreationen – gerne einen prominenten Platz in den eigenen vier Wänden einräumt. 
Das Buch zeigt auf wunderbar verspielte Weise, was sich aus unseren täglichen Abfällen alles machen lässt: eine Kuschelstadt aus Stoffresten zum Beispiel, ein Minigärtchen aus Milchtüten, eine Autogirlande aus leeren Streichholzschachteln oder Pflanztöpfe aus Konservendosen. Dabei unterscheidet sich das Buch nicht nur in seiner Gestaltung wohltuend von vielen anderen Bastelbüchern, auch die Anleitungen sind anregend anders. Dazu tragen nicht zuletzt die acht kleinen Stadtfreunde bei: der Ideen-Marienkäfer zum Beispiel, der zeigt, was sich aus dem Gebastelten noch alles machen lässt (etwa Spiele für Drinnen und Draußen), der Material-Igel, der weiß, was man alles braucht für das Projekt oder der kleine und der große Waschbär, die wissen, wann kleine Macher/innen besser große Unterstützung in Anspruch nehmen.
Ma. hat für die nächsten Monate schon einen Bastelplan erstellt und für jedes Wochenende ein Projekt ausgewählt. Gestartet ist sie mit dem Minigärtchen, das nun leicht abgewandelt als Ostergärtchen unsere eher minimalistische Osterdeko aufpeppt.

Herr Pfeffer
Komm, wir machen was mit Stadt
Ein kreatives Spiel- und Bastelbuch
aus der Reihe „Naturkind“

ab 5 Jahren, 1. Auflage 2016 Loewe Verlag 
Preis: 12.95 €

Ich danke dem Tulipan- und dem Loewe-Verlag für die Rezensionexemplare.

Heute ohne Worte, aber mit guten Wünschen fürs Wochenende.

Wann mir Eni wo über den virtuellen Weg gelaufen ist, erinnere ich nicht mehr. Irgendwann war sie da – in meinem Blogreader, und seither schaue ich bei ihr vorbei. So habe ich auch die Entwicklung ihres Modelabels mitbekommen. Ihre erste Kollektion hat mir gut gefallen, vor allem die Shirts. Dann war plötzlich Funkstille, und als ich wieder einmal vorbeischaute, war alles anders.

„weil dies kein blog ist“, schrieb Eni im November 2014. Und wenn man die Dialogfunktion als wesentliches Kriterium für ein Blog versteht, stimmt das auf jeden Fall. Es ist ein Monolog. Ein steter Gedankenfluss, dem man „zuhören“, den man jedoch weder kommentieren noch unterbrechen kann. Die Möglichkeit des Austauschs mit den Leser/innen hat Eni bewusst ausgeschaltet. Das ist auf eine Art radikal. So wie auch Enis Gedanken und Worte auf eine – auf ihre – seltsam zarte Weise radikal sind. „ehrlich. echt. roh.“ beschreibt sie sie selbst auf ihrer Facebook-Seite. Und das trifft’s.

Im heutigen Montagsinterview erzählt sie von der Bruchstelle, die dazu führte, dass sie heute schreibt und (zumindest vorerst) nicht mehr näht. Außerdem geht es ums Laufen, um die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen und die ganz großen – das Leben selbst.

Hab‘ herzlichen Dank, liebe Eni, für deine Antworten auf meine Fragen, mit denen ich nun allen einen guten Start in die 6. Kalenderwoche wünsche.
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Eni Mai: Modedesignerin, Schriftstellerin, Läuferin, Mutter. Was noch? Was nicht? 
Was ich noch bin? In erster Linie bin ich ich. Zumindest versuche ich es immer zu sein. In dem was ich tue, schreibe, sage – echt und authentisch zu sein. Im Herzen ein Künstler. (Über)Lebenskünstler. Und dann ist da noch der kleine Optimist in mir, der das Leben liebt, egal was es gerade mit ihm macht. Dessen Glas immer halbvoll ist und niemals halbleer. Manche Menschen können das nicht verstehen, weil sie denken, ein Mensch kann nicht so positiv sein. Aber ich bin es wirklich. Weil genau diese Sicht auf das Leben mich bis hierher gebracht hat. Ja, man könnte sagen ich bin jemand, der sein Leben aus tiefsten Herzen liebt. Und ein Tagträumer bin ich. Da sind so viele Geschichten in meinem Kopf. Tagsüber fliegen sie durch meinen Kopf und nachts wandern sie aufs Papier. So war das schon immer. 
Ach, und ausserdem arbeite ich, neben dem Schreiben, 90% in einem sehr großen Sportgeschäft. Für mich als Läuferin perfekt. Und überhaupt liebe ich diese Arbeit. Auch wenn sie so gar nichts Künstlerisches hat, ist es irgendwie doch genau mein Ding. Der beste Nebenjob der Welt! Das eine kann eben manchmal nicht ohne das andere. Und dieser Job gibt mir die Möglichkeit ohne Druck, in den späten Abendstunden, das zu tun, was ich liebe: Schreiben. 
Was ich nicht bin? Schwer zu sagen, manchmal denke ich, ich kann alles sein, solange es echt ist. Solange der kleine Optimist in mir sein Lachen nicht verlernt. Solange ich dabei sein darf, wie ich bin. Wer ich bin.

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Dein „Blog“ – oder besser Plattform? – dreht sich um Kaffee, Bücher und Worte. Welchen Stellenwert haben diese drei Dinge in deinem Leben?
Ich sag es mal mit den Worten von Jorge Luis Borges : ‚I have always imagined that paradise will be some kind of library.‘ Worte sind etwas Großes. Etwas Wundervolles. Wenn ich nichts hatte, dann hatte ich immer noch Worte. Sie haben mich über Wasser gehalten. Sie ziehen sich durch mein Leben. Ich brauche Worte. Ich atme sie. Ich lebe sie. Sie bergen Erinnerungen, Gefühle und Momente in sich. Sie beschreiben, Unbeschreibliches. Sie sagen, was gesagt werden muss. Sie sind. Sie überdauern. Sie bilden Brücken und reißen sie nieder. Sie heilen und verletzen. Sie sind echt und wild und unbändig. Wenn ich mich selbst mal wieder nicht finde und das Leben zu groß ist, dann laß ich Worte regnen. Aus meinem Kopf, aus meinem Herzen. Ich könnte ohne Worte nicht leben. Es liegt in meinem Wesen sie zu suchen und zu benutzen. Genauso ist es mit Büchern. 
Ein Leben ohne Bücher wäre trist. Ich kann mir nicht vorstellen nicht zu lesen. Seit ich lesen kann, lese ich. So viele Geschichten. So viele Welten. So viel Wissen. So viele Leben. Ich könnte und wollte nicht ohne sein. Eine Tasse Kaffee und ein Buch. Das ist Glück. Ich liebe es von Büchern umgeben zu sein, mit E-Books kann ich nichts anfangen. Ich muss sie spüren, sie riechen, sie fühlen. 
Ich liebe es in einer Bibliothek zu sein. Wo immer ich bin, gehe ich in Buchläden. Ich liebe alte Bücher vom Trödler. Manchmal stehen noch Worte darin. Von jemanden an jemanden. Der Gedanke, ein anderer hat das Buch vor mir in der Hand gehabt, seine Geschichte gelesen, gefühlt, das ist ein großer Gedanke. Ein wunderbarer Gedanke. Seid kurzem haben wir in unserer Wohnung eine eigene Bibliothek. Das alte Büro meines Mannes wurde zu meinem Schreibzimmer und zu unserer Bibliothek. Der Bube ist begeistert, liebt er doch Bücher und das Lesen genauso sehr wie ich. Und so verbringen wir hier unsere Stunden. Das ist unglaublich. Ein alter Traum der sich endlich erfüllt hat. Ein Raum nur für Bücher. Voll mit Büchern. Genau die richtige Umgebung um zu schreiben. Nichts könnte inspirierender sein. Und Kaffee, ja Kaffee – fast lebenswichtig. 🙂 Ich könnte ohne, aber es wäre nur halb so gut. Am liebsten frisch zubereitet in der Chemex oder mit der Aeropress. Ich probiere unheimlich gerne neuen Kaffee aus. Und wenn ich morgens, schlaftrunken, im halbdunkeln, den ersten Schluck von meinem frischen Kaffee trinke, dann ist alles gut. Das kann, morgens, nur Kaffee.
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Du bist keine Bloggerin und Eni Mai ist kein Blog, schriebst du im November vergangenen Jahres, nachdem du erkannt hast, dass du dich in der D.I.Y.- und MeMade-Blogosphäre verrannt hattest. Was war passiert? Und wie konnte es passieren?
Ach, dass ist eine lange Geschichte und irgendwie auch wieder nicht. Ich weiß nicht mehr wirklich, wann ich an den Punkt kam, aber irgendwann hab ich gemerkt, dass das nicht mehr ich war. Dass ich das nicht bin. Ich wollte diesen Druck nicht mehr. Als ich damals mit meinem Blog und auch mit meinen Shop anfangen habe, das war alles noch klein. Da waren wir eine Handvoll. Da war Dawanda noch eine Plattform für das Handwerk. Für Künstler und Designer. Es gab noch keine Me-Made-Mittwoche und noch keine 12 von 12. Und auch noch keine unzähligen Dawanda-Shops. Irgendwann hat sich das verändert. Man „musste“ hier mitmachen, um dort dabei zu sein. Und der eigene Shop war plötzlich einer von vielen. Das war für mich eine miese Zeit. 
Ich hab Modedesign studiert und mein Traum war immer, mein eigenes Label zu haben. Aber die Menschen wollten nicht mehr viel Geld für Qualität ausgeben. Jeder wollte alles am liebsten super günstig oder am besten zum selber nachmachen. Wie oft wurde ich nach Schnittmustern oder Tutorials gefragt (die ich als Schnittdirectrice in mühevoller Kleinarbeit selbst erstellt und gradiert hatte). Die Sachen wurden auf Märkten ganz genau in Augenschein genommen, um es dann daheim selbst zu nähen. Auf den Blogs sah man Schnittmuster for free, da hätten sich meiner Dozentin die Haare aufgestellt. Aber die Blogleser und Blogger fanden es super. Und irgendwann war es überall das gleiche. Da hab ich mich nicht mehr wohlgefühlt. Ich bin kein Mitläufer. Ich will nicht das machen, was alle machen. Ich will mich auch nicht verbiegen, um meine Klamotten zu verkaufen. Und ich will nicht umsonst arbeiten. 
Für mich, deren Beruf anderer Leute Hobby ist, ist diese Entwicklung hin zu ‚ich kann alles selber machen‘, nicht wirklich gut. Ich mein, ich operiere mich ja auch nicht selbst, nur weil ich ein Buch über Chirurgie gelesen habe. Jedenfalls hab ich das Modedesign Modedesign sein lassen und mich beim großen Sportgeschäft beworben. Um Geld zu verdienen und endlich keinen Druck mehr zu haben. Ich hab mich wieder neu gefunden und aufgehört zu schreiben, was die Welt lesen will. Ich habe die Kommentarfunktion ausgeschaltet und begonnen das zu schreiben, was ich sagen will. Dafür mögen mich nun viele nicht mehr, aber auch das ist egal geworden. Weil ich wieder bin. Und das ist gut. 
Irgendwann werde ich wieder Mode machen. Da bin ich sicher. Manche Träume brauchen Zeit. Und während die einen in weite Ferne geraten, schieben sich andere leise in die erste Reihe. Ich nehm sie, wie sie kommen. Damit mein Glas immer halbvoll ist und niemals halbleer. Das ist, was ich für mich gelernt habe. Aber wie gesagt, das ist nur ein kleiner Teil der Geschichte.:)
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2015 bist du deinen ersten Marathon gelaufen. Wie war das? 
Berauschend und unglaublich emotional. Seit ich angefangen hatte richtig zu laufen (also nicht nur laufen im üblichen Sinne, das tat und tue ich schon immer viel und oft), war es mein Ziel, einen Marathon zu laufen. Nicht für irgendeine Bestzeit, sondern nur für mich. Um mir und meiner Autoimmunerkrankung zu zeigen, was ich kann! Ich wusste, wenn ich das schaffe, dann kann ich alles schaffen. Also hab ich mich für Berlin beworben, den Platz bekommen und mit den Training angefangen. Und wie es so schön heisst, ‚Der Weg ist das Ziel!‚. Ein Marathon fängt nicht erst am Start an, er fängt dann an, wenn das Training beginnt. Der Marathon an sich, ist nur der Endspurt. Ein sehr langer, gigantischer, berauschender Endspurt. 
An dem Tag war ich schrecklich aufgeregt und einfach nur wahnsinnig glücklich. Das ganze drumherum war so unglaublich toll. Die vielen Läufer, die vielen Zuschauer, die irgendwie nur für mich hier zu sein schienen, die Musik, die Helfer. Wahnsinn. Beim Countdown hab ich geweint, vor Glück. Und dann bin ich einfach nur noch gelaufen. Durch Berlin. Eine wunderschöne, lebendige Stadt mit wahnsinnig tollen Menschen. Hier und da hab ich meinen Namen gehört, wildfremde wurden zu Freunden, für diesen kurzen Augenblick. Das war gigantisch. Ich hatte in keinem Moment das Gefühl, ich würde es nicht schaffen. Es war anstrengend, klar, aber es war vor allem wunderschön. Und dann am Ende, der Zieleinlauf. Das Brandenburger Tor. Mein Mann hat dort gewartet, ich hab ihn jubeln sehn und die Tränen liefen. Die letzten Schritte bin ich für all die Menschen in meinem Leben gelaufen, die nicht mehr an meiner Seite sind. Die irgendwo sitzen und mich anfeuern. Und für meine Liebsten, meinen Sohn, meinen Mann. All die, die mich lieben, die hinter mir stehen und mich begleiten. Das Bild meines Zieleinlaufs spiegelt genau das wieder. Glück. Und Dankbarkeit. Und das Wissen, ich kann alles schaffen, wenn ich will. Einfach, weil ich es will!
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Wie prägt das Laufen deinen Alltag?
Laufen gehört für mich zum Leben wie das Atmen. Ich laufe viel und so oft ich kann. Schon immer. Zum Beispiel laufe ich lieber zur Arbeit, als das ich mit dem Bus fahre. Das sind knapp 3km hin und 3km wieder zurück. Es tut mir gut. Ich liebe es, meine Beine zu bewegen. Dazu Musik im Ohr und den Wind im Gesicht. Da kann ich meine Gedanken baumeln lassen. Worte finden. Mich finden. Es macht mich glücklich zu laufen. Ich kann absolut nachvollziehen, dass Forest Gump einfach immer weiter lief. Ich könnte das auch. Vielleicht werde ich irgendwann mal, wenn ich alt bin und der Bube aus dem Haus ist, eine Weltbegehung machen. Die Welt erlaufen. Oder den PCT wandern. Aber vorher will ich noch jede Menge Marathons laufen in verschiedenen Ländern und Städten. 
Wie sieht dein Alltag eigentlich aus? 
Naja, da ich ja mittlerweile zu 90% beim großen Sportgeschäft arbeite, ist mein Alltag natürlich davon geprägt. Aber ich liebe diese Arbeit und den Weg dorthin. Die Nachmittage, die ich nicht arbeite, sind für meinen Sohn reserviert. Da mach ich nichts anderes. Genauso wie am Sonntag. Das ist Familienzeit und die ist wertvoll und kostbar. Ausser das Laufen, das quetsche ich dazwischen. Das muss sein. Die Abende, Nächte und meinen freien Tag verbringe ich mit schreiben. Viele Worte finde ich beim Laufen. Gerade wenn ich zur Arbeit gehe, die notiere oder diktiere ich dann in mein Handy und schreibe es mir abends in eines meiner unzähligen Notizbücher. Man könnte sagen, mein Alltag ist sehr alltäglich und sehr, sehr voll. Ich wünschte manchmal der Tag wäre länger oder die Nächte. Ich schlafe nämlich ziemlich gern und bin dann morgens immer sehr müde, aber auch das ist okay. „Schlafen kannst Du, wenn Du tot bist.“ 
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Das neue Jahr ist noch jung. Was wünscht du dir für dich in diesem Jahr?
Ich wünsche mir glücklich zu sein und gesund zu bleiben. Und dass meine Lieben es auch sind. Ich bin kein Fan von Neujahrsvorsätzen oder großem Pläneschmieden. Das Leben ist viel zu unberechenbar und hat oft seine ganz eigenen Wege. Ich werde im September wieder den Marathon in Berlin laufen, dafür bin ich schon angemeldet und ich will mein Buch zu Ende schreiben. Aber in erster Linie will ich glücklich sein. Die kleinen Dinge nicht übersehen. Nicht vergessen zu leben. Zu lieben. Im Regen zu tanzen. Überhaupt zu tanzen. Und dankbar zu sein, für das, was mir gegeben ist. Das ist doch, was am Ende bleibt. Erinnerungen an ein gutes Leben. An ein glückliches Leben und an die Menschen, die man liebt.
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