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Madeleine textet. Fine zeichnet. Aus Text und Zeichnung werden Möglichkeitsräume, aus Madeleine und Fine werden Matrosenhunde. Die Matrosenhunde haben ihren Hauptsitz in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, ein Ort, der für manche Menschen eine No-go-Area ist. Fine und Madeleine texten und zeichnen hier u.a. für Verlage und Theater. Ich mag ihre Arbeiten sehr; sie haben eine ganz eigene Ironie. Sie ist gleichzeitig heiter und traurig, leicht und schwer. Der Verleger Robert Eberhardt spricht von »Poesie und Zweideutigkeit« und findet, es sei ein großes Glück, wenn das eigene Dasein wie die Kunst der Matrosenhunde davon durchzogen wäre. Dem kann ich nur zustimmen – und mich freuen, dass die Zwei heute zu Gast bei mir sind.

In unserem Gespräch geht es unter anderem um die »unbeobachteten Kippstellen im Leben«, die Lust am Wandel und den passenden Umschlag zum aktuellen Weltgeschehen. Vielen Dank, liebe Fine und Madeleine, für das inspirierende Gespräch, mit dem ich allen einen glücklichen Start in die KW 10 wünsche.


»Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen.« Madeleine


Als Matrosenhunde fokussiert ihr den Zwischenraum von Bild und Text. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Als Grafikerin und Zeichnerin hab ich mir immer ein Gegenüber gewünscht, mit dem ich kommunizieren und Gedanken größer spinnen kann. Wir reden ja, während Madeleine textet und ich zeichne, nicht über unsere jeweiligen Beweggründe – und dann entsteht durch die Verknüpfung unsere Ausdrucksformen etwas Neues, Eigenes. Ich finde das elektrisierend.

Euer Studio ist mitten in Neukölln. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Es ist schon manchmal hart, gerade in der Sonnenallee – hier prallen Welten aufeinander: auf der einen Seite die gewachsene Armut und auf der anderen Seite die jungen, enthusiastischen Kreativen, die versuchen, eine schönere, bessere Welt zu schaffen. Oft mithilfe von öffentlichen Geldern oder Zuschüssen. Das Neuköllner Jobcenter hat den größten Bereich für Selbstständige in ganz Berlin. Gleichzeitig werden überall die (Gewerbe-)Mieten teurer, ohne dass irgendetwas für den Stadtteil getan wird. Das schürt gegenseitige Ablehnung. Gerade erst habe ich eine ehemalige Kommilitonin getroffen und mich über den Kasper gefreut, den sie am Böhmischen Platz ans Puppentheater gemalt hat. Nächste Woche wird der überstrichen, weil er nicht zum schicken neuen Rixdorfer Image passt.

Madeleine: Was unser Studio konkret angeht, sind wir gar nicht an eine bestimmte Umgebung gebunden, wir hatten auch schon Arbeitsorte in einem Plattenbau auf der Prenzlauer Promenade, in einer umgenutzten Kohleofenwohnung im Winskiez oder »on the road«. Eigentlich brauchen wir nur einen Tisch und ein bisschen Platz zum Denken. Neukölln ist da eine Reibungsfläche, die nicht für jeden geeignet ist. Ich persönlich brauche oft Rückzug und Ruhe, daher mag ich das Tempelhofer Feld sehr. Das Nebeneinanderexistieren unterschiedlichster Lebensentwürfe ist hier in Neukölln schon sehr beeindruckend. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob dieses Nebeneinander auch irgendwann zum Miteinander wird, oder eher doch parallel bleibt.

Was sind die »unbeobachteten Kippstellen des Lebens zwischen Tür und Angel«? 

Madeleine: Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen. Beim Aus-dem-Zugfenster-gucken oder an der roten Ampel. Im Vorübergehen, im nicht definierten Zwischenraum. Diese Orte aufzuspüren, ist mir ein großes Anliegen. Genau hinzusehen und leise zu beobachten, wann etwas passiert. Denn Anfang, Mitte und Ende einer Geschichte obliegen auch immer demjenigen, der sie erzählt.

Fine du bist in Berlin aufgewachsen. Wie und wo? 

Ich komme aus Oberschöneweide, was zu Köpenick im Südosten Berlin gehört. Von damals habe ich wohl meine Liebe zur Industrie-Architektur. Zur Schule gegangen bin ich aber im bürgerlichen Friedrichshagen und in Oberspree. (Abitur habe ich übrigens in Schleswig-Holstein gemacht und kurz mal in Paris studiert. Ich musste aber immer so schnell wie möglich nach Berlin zurück.) Oberschöneweide hatte nach der Wende 30.000 Arbeitslose, das war schon heftig. Ich finde es schön, dass in den alten Fabrikhallen Ateliers entstanden sind, die FHTW mit ihren Studenten das Viertel neu belebt hat und viele Häuser renoviert wurden. Das war nötig. Aber auch hier muss achtsam mit den Bewohnern und ihren Möglichkeiten umgegangen werden. So ein Viertel, eine Stadt ist ja ein Makrokosmos, an dem sich ganz gut gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen.

»Ich will so gerne alle Menschen mitnehmen und für Veränderungen begeistern. Zusammen kann so viel Großartiges entstehen, was alleine und auf egoistische Beweggründe fokussiert nicht möglich ist.«

Wie und wann sind aus dir und Fine zwei Matrosenhunde geworden? Und woher rührt der Name? 

Madeleine: Fine und ich kannten uns schon über eine gemeinsame Freundin und vom Zeitgenössischen Tanzen, auch das war schon eine Art stillschweigende Kontaktimprovisation. Was dann kommt, ist Geschichte: Im Sommer 2009 besuchten wir bei 48 Stunden Neukölln gemeinsam die Ausstellung einer Weißensee-Kommilitonin von Fine. Ich glaube fest daran, dass wir beim Bordsteinkantenbier beschlossen haben, eine Art Briefwechsel in Text und Bild zu starten und zu gucken, was passiert. Fine schwört darauf, dass der Grundstein für unser kreatives Ping-Pong bei Schnaps auf einem Hausdach gelegt wurde. Man weiß also nichts Genaues.

Dann haben wir angefangen, täglich abwechselnd Zeichnungen und Sätze hin- und herzuschicken, die jeweils aufeinander geantwortet haben. Daraus entstand unser erstes Buch – handgebunden im selbst hergestellten Leinenumschlag mit Siebdruckprint. Es hieß, der Titel lief mir einfach so zu: »Matrosenhunde, Kapitänsfrauen und der weiß lackierte Zaun«. Anderthalb Jahre später wurden wir mit einem Projekt zum Springhouse-Symposium in Dresden eingeladen und fortan und für immer »Matrosenhunde« genannt.

Was waren jeweils eure liebsten Kommunikationsprojekte und warum?

Beide: Unser liebsten Projekte waren die, bei denen wir unseren angewärmten Platz verlassen und uns auf die Suche nach neuen, anderen Wirklichkeiten begeben haben. Das war das wunderbare Zusammensein mit anderen Künstlern im Rahmen einer Residenz im Springhouse Dresden, ein Frühlingsausflug nach Madrid, bei dem wir unsere Begegnungen in Fax-Sendungen verarbeitet haben oder ein Aufenthalt in Brandenburg, zwischen Seen, Wäldern und Rinderherden. Denn auf der Suche nach den Augenblicken, die den Alltag bedeutsam machen, ist es immer eine gute Idee, irgendwohin zu fahren. Vielleicht auch nur mit der gelben Straßenbahn zum nächsten Segelsteg.

Gute Gestaltung – was ist das für euch? 

Fine: Das kommt darauf an. Spontan würde ich sagen, gute Gestaltung macht etwas mit mir: berührt mich, oder bringt mich zum Nachdenken, stößt im besten Falle etwas an. Und dafür fühlen wir uns hinein und recherchieren unabhängig voneinander oft zu denselben Themen. Wir nennen das unseren »unfreiwilligen Buchklub«, weil wir oft dieselben Bücher lesen; wenn die eine von einem Zeitungsartikel berichtet, hat die andere ihn oft auch gelesen und vollendet den Satz. Zurück zur Frage: Gute Gestaltung bemerkt man daran, dass sie sich nicht aufdrängt, das Sujet steht im Vordergrund. Immer.

Madeleine: Gute Gestaltung drängt sich nicht auf, sondern gibt ihrem Motiv Raum. Das heißt nicht, dass gute Gestaltung immer hintergründig sein muss, es darf auch knallen. Nur sollte es einen Grund dafür geben, das Design sollte nicht einfach nur sein Objekt maskieren. Für mich funktioniert Gestaltung eher wie Bildhauerei: Sie gibt einem Ding seine Gestalt, arbeitet die Besonderheiten heraus und macht organisch ein großes Ganzes daraus.


»Das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.« Fine


Die aktuelle Weltlage macht mich bisweilen sprachlos. Welche Worte und Beschreibungen fallen dir dazu ein?

Madeleine: Oh, auch ich verliere oft die Fassung und Formulierung. Mir kommt das alles oft so surreal vor, denn die grausame Banalität des Zeitgeschehens, mit dem wir doch angesichts unserer historischen Bildung anders, besser, weiser umgehen sollten als Gesellschaft lässt mich oft ratlos zurück. Ich finde die meisten Geschehnisse im Grunde erschreckend simpel und frage mich, wie Angst und Misstrauen begegnet werden kann. Es ist aber auch sehr schön zu sehen, wie Menschen sich positiv positionieren, Besonnenheit zeigen, Haltung beziehen und Werte hochhalten. Eine offene, humanistische und demokratische Gesellschaft nicht nur zu beschwören, sondern auch im Kleinen zu leben, halte ich für den wichtigsten Weg, weg von Bedrohung und hilfloser Ohnmacht.

Stell dir vor, das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman. Wie würdest du den Buchumschlag gestalten und welches wäre das richtige Versatzpapier dafür? 

Fine: In der Verlagsbranche reden ja immer viele Stimmen mit und entscheiden, wie Cover und Innensatz aussehen müssen. Avantgardistisches Design durchzuboxen ist dort oft sehr schwierig. Da es ja ein hypothetisches Cover ist und keine Kostengrenzen vorgegeben wurden, würde ich eine ordentliche Materialschlacht veranstalten. Ohne, dass man es merkt selbstverständlich. Titel, Autor und Verlagslogo würde ich gar nicht farbig drucken, sondern blind prägen auf dicke recycelte Pappe, ein schönes grobes Material. Formatfüllend. Es soll ja alles lesbar sein. In den Weißraum dazwischen (und auch über ein paar Buchstaben drüber) würde ich filigrane Zeichnungen relevant zum Inhalt setzen. In Rot. Mit rotem Kapitalband und rotem Buchleinen über der offenen Fadenbindung. Als Vorsatz wünsche ich mir ein handgeschöpftes Gewebe-Papier: Bei Tageslicht ist es grau mit kupferroten Einschüssen, aber wenn ich meine Nachttischlampe anknipse schillert mir der Regenbogen entgegen. Kurz: ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.

Es gibt viele gute Gründe, seinen Lebensmittelpunkt nach Hamburg zu verlegen. Am meisten überzeugt mich Isabel Bogdans Begründung: »Weil es da so schön ist.« Sollte ich wieder einmal danach gefragt werden, warum ich {immer noch} in Berlin lebe, werde ich genau das erwidern. Entweder ist das Gespräch damit jäh beendet oder es wird genau jetzt interessant.

Die preisgekrönte Übersetzerin und Autorin, die mit ihrem ersten Roman »Der Pfau« direkt den großen Coup landete, bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Ihre Rezensent/innen sprechen von »subtilem Humor«, was sicher die korrekte Bezeichnung für das ist, was in mir wirkt, wenn ich ihre Texte lese. Die Wirkungskette ist immer ähnlich: Erst setzt der »Ja klar, ich weiß, wovon du sprichst«-Reflex ein, der sich sogleich in sein Gegenteil verkehrt: »Hä, was sagt die da?«. Darauf folgt ein Moment geistiger Leere, in dem ich mir sehr einfältig vorkomme, mein Hirn aber vermutlich Höchstleistungen vollbringt. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie es zu der anschließenden Reaktion kommt: plötzliche Erkenntnis gepaart mit mehr oder weniger stillvergnügter Heiterkeit – manchmal muss ich auch laut lachen, wie zum Beispiel bei ihren Antworten auf Google-Suchanfragen:

»eier gucken aus der hose
Ist ja auch bald Ostern.

wozu braucht man figurale intelligenz
Zum Einparken«

Im heutigen Montagsinterview mit Isabel Bogdan geht es unter anderem um die Kunst des Übersetzens, um den Unterschied von fiktivem und faktischem Schreiben und Kommunikation in virtuellen und »Kohlenstoffwelten«. Vielen Dank, liebe Isabel, für das heitere Gespräch mit dem ich allen einen stillvergnügten Start in die neue Woche wünsche.

Isabel Bogdan, Autorin „Der Pfau“, Kiepenheuer&Witsch ©Smil

Du arbeitest täglich mit und in der Sprache. Was ist Sprache für dich und wie ist dein Verhältnis zu ihr?

Sprache fasziniert mich nach wie vor. Was sie alles kann! Und was für Möglichkeiten für Missverständnisse sie bietet! Wahrscheinlich ist die Komplexität unserer Sprache das, was uns von den Tieren unterscheidet. Wir brauchen Sprache, um uns die Welt zu erklären, zum Denken. Und ich finde es auch spannend zuzusehen, wie sie sich verändert, wie sie immerzu im Fluss ist, und dauernd selbst abzuwägen, wo ich sprachbewahrerisch tätig sein möchte, und wo ich neu eingewanderte Gewohnheiten übernehme. Mit solchen kleinen Entscheidungen kann man in der Literatur unterschwellig viel rüberbringen, und das macht großen Spaß.

Gut übersetzte Romane sind ein großes Glück, das mir gottlob öfter widerfährt. Worin besteht die Kunst des literarischen Übersetzens?

Darüber könnte ich wahrscheinlich einen mehrstündigen Vortrag halten. Kurz gesagt: Die Kunst des literarischen Übersetzens besteht darin, nicht nur Wörter und Sätze zu übersetzen, sondern auch die unsichtbaren Beziehungen zwischen den Wörtern und Sätzen. Wenn man nur den Sinngehalt überträgt, ist ein Text tot. Für Literatur braucht es die Schwingung dazwischen, Rhythmus, Klang, Stilebene, eben das, was die Literatur etwa von juristischen oder technischen Texten unterscheidet. Und genau das macht für mich die Freude am Literaturübersetzen aus. Den richtigen Sound für jedes Buch zu finden.

Worin besteht für dich der größte Unterschied zwischen literarischem Übersetzen und literarischem Schreiben?

In der Angst vor dem leeren Blatt. In der tiefsitzenden Überzeugung, dass mir nichts einfällt. Beim Übersetzen hat man diese Angst nicht, da steht ja immer schon etwas. Dadurch sind beim Schreiben auch die Erfolgs- und Frustrationserlebnisse größer.


»Sprache fasziniert mich. Was sie alles kann! Und was für Möglichkeiten für Missverständnisse sie bietet!«


Du hast auch Sachbücher übersetzt und ein Buch übers »Sachen machen« geschrieben. Wie anders ist diese Art des Übersetzens und Schreibens im Vergleich zum Literarisch-Fiktiven?

Die Sachbücher, die ich übersetzt habe, waren zumeist erzählende Sachbücher, die also auch so etwas wie einen eigenen Ton hatten. Da lag der Unterschied oft vor allem darin, dass mehr zu recherchieren war. Beim Schreiben war es so, dass das Sachenmachenbuch sich fast von allein geschrieben hat, denn da habe ich Dinge unternommen und ausprobiert und hinterher aufgeschrieben, wie es war. Da hatte ich die Angst vor dem leeren Blatt nicht, denn ich wusste ja, was zu schreiben war. Einen Roman zu schreiben, war ganz anders, da ist man allein mit seinen Gedanken und seinem Worddokument und meint erstmal, man müsse aus dem Nichts schöpfen. Das muss man aber gar nicht! Man muss nur Vorhandenes neu zusammensetzen, aber bis ich das verstanden hatte, hat es lange gedauert. Und wirklich verinnerlicht habe ich es immer noch nicht.

Es heißt, Erfolg verändere. Dein erster Roman »Der Pfau« hat dich innert kürzester Zeit zu einer erfolgreichen Schriftstellerin gemacht, nachdem du schon preisgekrönte Übersetzerin warst. Wie haben deine Erfolge dich verändert?

Ich hoffe, gar nicht! Aber meinen Lebensrhythmus hat es erstmal verändert. Als Übersetzerin sitzt man im Wesentlichen zu Hause am Schreibtisch, und wenn man mit einem Buch fertig ist, macht man das nächste. Das hat eine Menge Vorteile, aber eigentlich bin ich zu kommunikativ für einen so einsamen Job.

Als Autorin war ich letztes Jahr sehr viel auf Lesereisen, ich hatte insgesamt 73 Veranstaltungen. Eigentlich müsste ich mal ausrechnen, wie viele Bahnkilometer ich gefahren bin und in wie vielen Betten ich geschlafen habe. Ich hatte plötzlich Publikum und habe lauter tolle Leute kennengelernt, das war schon sehr schön. Und anstrengend auch. Jetzt wird es wieder ruhiger, ich mache weniger Lesungen, übersetze wieder (Erzählungen von Jane Gardam), und danach schreibe ich hoffentlich den nächsten Roman. Der Alltag geht also langsam wieder back to normal. Ich selbst bin hoffentlich sowieso noch die Alte.

Nicht zuletzt als Bloggerin bist du viel in der Netzwelt unterwegs. Wie erlebst du die Sprache und den Umgang mit Sprache dort?

Ich bin im Netz offensichtlich in einer ziemlichen Ausnahmeblase unterwegs und kommuniziere mit tollen, eloquenten, witzigen, kreativen Leuten, aber das ist sicher nicht repräsentativ. Wenn ich aus Versehen mal auf Zeitungsseiten die Kommentare lese, was ich meiner Psychohygiene zuliebe normalerweise vermeide, dann wird’s mir angst und bange. Allerdings eher aus inhaltlichen als aus sprachlichen Gründen. Sprachliche Genauigkeit und Eloquenz sind nicht jedermanns Stärken, das hat aber erstmal nichts mit dem zu tun, was jemand sagt.


»Wenn alles von mehr Menschenfreundlichkeit durchdrungen wäre, wäre die Welt eine bessere.«


Wenn du einen Wunsch frei hättest, welche Sprach- und Kommunikationskultur würdest du im Internet etablieren? 2016 war für dich persönlich ein sehr gutes, weltpolitisch ein eher verstörendes Jahr. Was wünschst du dir für 2017?

Die Fragen beantworte ich mal zusammen. Ich wünsche mir, dass die Menschen freundlich zueinander sind, im Großen wie im Kleinen. Menschenfreundlichkeit und Empathie sind eine Lebenseinstellung, das hat mit Sprachgebrauch erst in zweiter Linie zu tun. Und es macht für mich auch keinen Unterschied, ob man im Internet oder draußen in der Kohlenstoffwelt kommuniziert – wenn alles von mehr Menschenfreundlichkeit durchdrungen wäre, wäre die Welt eine bessere. Vielleicht ist sie ja ansteckend, alle freundlichen und positiv gestimmten Menschen sollten darum dafür sorgen, dass sie präsent sind und dem Hass etwas Konstruktives entgegensetzen.

Fotos: Smilla Dankert

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn alle Menschen Amateurfotograf/innen wären? Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Interview mit Werner Pechmann {AlleAugenblicke}. Der zweifache Vater und einfache Großvater mit drei Wohnsitzen ist Fotograf und versteht sich in seiner Profession mit Andreas Feininger als »Amateur«. Der nämlich nahm den »Amateur« beim Wort: Vom Lateinischen amator kommend sei er ein »Liebhaber« und eben darin läge der Schlüssel zum Erfolg. Denn:

»Was man nicht mit Liebe tut, wird man nie wirklich gut machen. […]. Wenn man das Motiv, das man fotografieren möchte, nicht »liebt« – d.h., kein echtes Interesse an ihm empfindet – sollte man es übergehen […], denn das Foto kann einfach nicht »gut« werden.« Andreas Feininger, aus: Richtig sehen – besser fotografieren, 1973


Das ließe sich im Grunde auf sämtliche Bereiche des Lebens übertragen. Aufs alltägliche Miteinander könnte es etwa lauten: »Wenn man seine Mitmenschen nicht »liebt« – d.h., kein echtes Interesse an ihnen empfindet – sollte man sich selbst hinterfragen […], denn das Miteinander kann einfach nicht »gut« werden.« Nun, wie auch immer, jetzt wünsche ich erst einmal eine anregende Lektüre und sage Danke, lieber Werner, für das schöne Gespräch, das ich zu gegebener Zeit gerne fortsetzen würde – vis-á-vis.

Auf deiner Website heißt es, es gäbe viel über dich zu erzählen, jedoch gehöre das nicht ins Netz. Magst du mir und meinen Leser/innen vielleicht doch ein wenig von dir erzählen: wer und was bist du sind – oder eben gerade auch nicht?

Auf meiner Website umgehe ich es bewusst, mehr von mir zu erzählen. – Tja, warum? Leider ist das Worldwide Web wie jeder andere Ort auf der Welt keiner, in dem es nur »Gute« gibt. Ich habe einige Male die unschöne Erfahrung gemacht, dass man sich angreifbar macht, wenn man sich {zu weit} öffnet. Und hier im Netz öffnet man sich für alle sichtbar, eben auch für den Teil, der es möglicherweise nicht gut mit einem meint – aus welchen Gründen auch immer.

Ich kann im Netz nicht differenzieren. Und das stört mich ein wenig, denn man muss mit sich selbst achtsam umgehen. Aber natürlich gibt es viel zu erzählen, wenn man schon ein paar Lebensjahre mit sich herumträgt. Deshalb halte ich es gerne damit: Wer mich fragt und Konkretes wissen will, bekommt auch immer eine Antwort. An dieser Stelle vielleicht noch so viel:

  • Das »Wer«: Stolzer Papa von zwei erwachsenen Kindern und seit letztem September ebenso stolzer Opa.
  • Das »Was«: In erster Linie Mensch. Alles andere folgt dann – und wesentlich später!

Du lebst im Weserbergland, in Hannover und Berlin. Wie lebt man an drei Orten?

An drei Orten lebt es sich eigentlich gar nicht. Man ist »irgendwie« nirgends zu Hause und kommt auch »irgendwie« nie an und ist »irgendwie« immer weg. Aber wie das doch öfters im Leben ist: Diese Lebenssituation ergab sich aus beruflichen Aktivitäten, eher schleichend und unbemerkt. Anfangs fand ich diese Konstellation und die Bewegung, die dahinter steckt, spannend. Ist sie auch noch immer, doch zunehmend verbunden mit einer gewissen Mattigkeit. Ein Zustand also, der eine Änderung erfahren muss und auch in diesem Jahr wird. Wie genau wird sich noch zeigen.

Hannover und Berlin – zwei Städte, die zumindest auf den 1. Blick wenig gemein haben. Was schätzt du an der einen, was anderen der anderen? Und was macht die beiden Städte in deinen Augen schön?

Berlin ist für mich die Stadt, die mich treibt und immer wieder kreativ befruchtet und inspiriert. Die Stadt, in der ich all das finde, was das Leben für mich ausmacht: verschiedene Kulturen, Kreativität, Vielfalt, Pluralität, Geschichte. Hier finde ich eine gewisse Lässigkeit. Ja, und auch dieses gern gepflegte Flair der Unvollkommenheit und der Schludrigkeit. Ich mag an dieser Stadt, dass es nicht das eine Zentrum gibt: Jeder Kiez ist ein Zentrum für sich und das hat oft schon wieder einen kleinstädtischen Charakter. In Berlin mag ich den Zauber gewisser Orte.

Hannover ist so anders. Dieser Stadt eilt der Ruf voraus, langweilig zu sein. Das ist sie aber nicht. Hannover ist überschaubar, eine Stadt der Kunst {Sprengel Museum, Kestner Gesellschaft – um nur zwei zu nennen}. Hannover ist ein wenig »bräsig«, aber mit Charme durch viel Grün {Eilenriede}. Ich liebe die Sommerabende am Maschsee. Hannover ist meine ruhige Antwort auf zu viel Berlin.

Wie und wann bist du zur Fotografie gekommen?

Ich bin viel im Netz bei anderen Fotografen unterwegs: Wie oft stoße ich dabei auf „Über-mich-Seiten“, in denen der Autor über seinen Weg zur Fotografie erzählt und dabei von der ersten Kamera zur Konfirmation oder über die alte analoge Kamera des Opa berichtet {scheint ein großer Impuls zu sein}. Alle diese Wege scheinen sich zu ähneln. Bei mir hatte der Weg zur Fotografie etwas mit meiner Lust an Geschichten, am Erzählen, am Ausdruck zu tun.

Tatsächlich schrieb ich zuerst kleine Geschichten {als Jugendlicher per Hand in eine alte Kladde} und erst dann packte mich die Lust am Foto. Aber hätte ich nur das geringste Talent: Ich würde malen. Da ich das nicht konnte, blieb das Foto, gerne und immer auch mit Gedanken, Geschichten, Musik. Aber meine Fotografie liegt wohl auch in der Familie: Meine Mutter war Fotografin {der Beruf aber spielte zu Hause nie eine Rolle}. Sie arbeitete später {als die Kinder groß waren} in einem Fotofachgeschäft und retuschierte mit feinem Pinsel die S/W-Portraits. Das habe ich immer bewundert.

Deutschlandbilder Werner Pechmann AlleAugenblicke

Du verstehst dich als »Amateurfotograf« im Sinne von Andreas Feininger, dem berühmten Sohn und autodidaktischen Fotografen. Ihm zufolge zeichnet der Amateur dadurch aus, dass er seine »Motive« liebt. Wie gelingt es dir, die Welt stets liebevoll zu betrachten?

»Love is the answer« – ich halte es mit dieser Aussage von John Lennon. Tatsächlich arbeite ich in meinem Leben {und nicht nur in der Fotografie} viel daran, allem und jedem zunächst mit Liebe und Offenheit zu begegnen. Liebe ist der Schlüssel zu allem. Es gelingt mir leider nicht immer {aber dann fotografiere ich nicht}.


»Vor der Liebe steht die Neugier.«


Mich interessiert Vieles, mich interessieren Menschen und Zusammenhänge. Stets offen und freundlich auf andere zuzugehen, neugierig zu sein: Das öffnet Türen. Erst das macht uns zu Menschen. Und dann entstehen auch gute Fotos. Davon bin ich fest überzeugt.

Was macht den »liebevollen Blick« deiner Meinung aus? Und wäre die Welt eine bessere, würden wir alle Amateurfotograf/innen sein?

Der liebevolle Blick ist, wie gerade beschrieben, der neugierige, respektvolle Blick auf die Welt. Nur weil mir etwas fremd ist, ist es nicht besser oder schlechter als das Vertraute. Ich bin neugierig und bemühe mich immer um den respektvollen Umgang. Etwas, was aktuell offensichtlich nicht mehr so angesagt zu sein scheint.


»Wenn wir uns darauf einigen können, dass Amateurfotograf/innen ihre Welt mit Neugier, Liebe und Respekt betrachten, dann wäre eine Welt voller Fotograf/innen eine bessere Welt.«


Was macht ein gutes Foto für dich aus?

Es gibt unter den Fotograf/innen grob skizziert zwei Strömungen: die des »Technik-Freaks« und die des »emotional Getriebenen« – ich gehöre eindeutig zur zweiten Fraktion. Die Fotos des»Technik-Freakszeichnen sich durch große Perfektion {im technischen Sinne} aus: Auch der letzte Pixel im Bild ist gestochen scharf, das Licht nicht ausgebrannt oder nicht vorhanden, überhaupt ist es grundsätzlich optimal bearbeitet, das Licht stets sauber gesetzt. Diese Fraktion kann mit Kamera und Objektivtypen um sich schmeißen, kauft sich stets das neueste Equipment und ist technisch auf der Höhe der Zeit. Für den Emotionalen ist die technische Perfektion eher zweitranging. Er nutzt das Wissen dieser Techniken, um Gefühle zu erzeugen. Wichtig sind Aussage, Stimmung, Gefühl. Was löst das Foto aus? Auch ein Foto was rauscht, unter- oder überbelichtet ist, kann ein gutes Foto sein.

Für mich sind Gefühle, die Geschichte, die ein Foto erzählt, das, was das Bild beim Betrachter auslöst entscheidende Komponenten. Die Antworten auf diese Fragen machen ein gutes Foto aus. Egal, mit welcher Kamera auch immer geschossen. Ein gutes Portraitfoto zum Beispiel kann nur am Ende einer »richtigen Begegnung« entstehen {keine Ahnung, von wem diese Aussage ist; ich habe sie von Steffen Böttcher, alias Stilpirat übernommen}. Es trifft den Punkt.

Frau auf der Brücke von Werner Pechmann AlleAugenblicke

Fotos {c} Werner Pechmann

»Reduktion könnte die Welt retten – und wenn nicht, dann ist es jedenfalls ein Weg, um selbst glücklicher zu werden«, davon ist Birgit, die auf »Fräulein im Glück« aus ihrem Leben erzählt, überzeugt. Wie es gelingt zu reduzieren, worin das Glück des »Weniger« und wo seine die Grenzen liegen – darüber spricht sie im heutigen Montagsinterview. Außerdem geht es um ihre Arbeit im SOS-Kinderdorf, in dem u.a. auch geflüchtete Kinder und Jugendliche eine Obhut finden.

Vielen Dank, liebe Birgit, für die spannenden Einblicke, mit denen ich allen einen guten Start in die vorletzte Woche des Jahres wünsche.

Fraeulein im Glueck suchtdasglueck

Bloggerin, Weltverbesserin und Mutter. Das ist Birgit. Was noch? Was nicht?

Weltverbesserin – haha – also sagen wir es mal so: Ich versuche es. Oder anders: Ich will nicht glauben, dass wir nicht zu einer besseren Welt beitragen können. Ich gebe die Hoffnung einfach nicht auf.

Was bin ich noch? Unendlich neugierig und leidenschaftlich. Mich interessiert alles. Meine Schwester sagt immer, ich wäre eine super Pharma-Vertreterin geworden, denn wenn ich eine neue Idee habe und von ihr überzeugt bin, dann mache ich sie allen schmackhaft.

Ich bin davon überzeugt, dass Weniger besser ist und vielleicht ein Weg, die Welt zu retten – und wenn nicht, dann jedenfalls ein Weg selbst glücklicher zu sein.

Du schreibst über Achtsamkeit und Minimalismus. Wie gelingt es dir, ein achtsames, reduziertes und nachhaltiges Familienleben zu führen?

Es gelingt mir nicht immer gut. Es gibt Phasen, da kommt die Bequemlichkeit durch, da kaufe ich so viel verpacktes Zeug, dass ich mich nachher selbst nicht aushalte, oder ich reduziere und reduziere, so dass meine Schwester schon sagt, »ihr habt aber ein leeres Kinderzimmer« {sie hat allerdings ein sehr volles 😉} und mir kommt es trotzdem noch so vor, als würde ich im Kram versinken. Dann gibt es aber auch wieder Zeiten, in denen ich total glücklich mit allem bin und merke, dass ich schwierige Situationen mit meinen Kindern sehr gut meistere, weil ich mich durch die Achtsamkeit sehr gut beobachten kann und für mich sehr kluge Entscheidungen treffe.

Ich glaube, es ist eher eine Reise mit Höhen und Tiefen – und das ist auch in Ordnung so. Ich strebe ja nicht danach, perfekt zu sein oder die perfekte Mutter zu sein oder das sauberste und reduzierteste Kinderzimmer zu haben. Ich versuche einfach, ein glückliches und unkompliziertes Leben zu leben und wenig Schaden auf diesem Planeten anzurichten, weil ich will, dass für meine Kindes Kinder auch noch etwas übrig bleibt.

Was empfiehlst du Eltern für ein Leben ohne resp. mit wenig Stress?

Das Erste ist immer, seine eigenen Einstellungen zu überdenken. Brauche ich das alles wirklich? Muss ich wirklich immer noch mehr hinzufügen, damit das Leben noch besser wird? Oder wird es vielleicht besser, indem ich etwas weglasse? Wir sind so gewöhnt, Glück und Zufriedenheit mit »noch mehr« zu verbinden. Wir haben Angst, etwas zu verpassen, zu kurz zu kommen. Der Satz meiner Achtsamkeitslehrerin war für mich so überraschend wie erleichternd: »Es gibt nichts zu tun, nichts zu erreichen.« Es ist alles schon da, alles in uns. Wir müssen nur anhalten und in uns hinein hören. Das gilt für das Elternsein genauso wie für unser ganzes Leben.

Du arbeitest (als Social Media Managerin) in einem SOS-Kinderdorf. Was ist die größte Herausforderung, was die größte Freude an deiner Arbeit?

Die größte Herausforderung ist es, zu akzeptieren, dass man leider nicht allen helfen kann und dass es Menschen gibt, die sogar an der Arbeit mit Kindern noch etwas Negatives finden, zum Beispiel weil sich geflüchtet sind.

Das Schöne ist zu sehen, wie viele Menschen auf einmal aktiv werden, wenn Hilfe gebraucht wird. Das gibt mir sehr viel Hoffnung für die Welt.

Im Kinderdorf leben auch Kinder, die Krieg und Flucht erfahren haben. Welche Spuren hinterlassen diese schlimmen Erfahrungen und was brauchen diese Kinder, um sie gut zu verarbeiten?

Ich bin immer total überrascht wie positiv diese Kinder und Jugendlichen sind. Viele sind ja ohne ihre Eltern oder Verwandten hergekommen und völlig auf sich alleine gestellt. Und dann werden sie auch hier oft alleine gelassen und nicht nur das: Viele Menschen begegnen ihnen mit Hass. Die jungen Burschen aus unseren WGs haben es nach den letzten Terrormeldungen teilweise vorgezogen, in der WG zu bleiben, weil sie so verunsichert waren.

Wichtig ist es, dass Kinder und Jugendliche aufgenommen werden, eine Tagesstruktur bekommen, eine Ausbildung und natürlich auch therapeutische Angebote, um das Erlebte aufzuarbeiten, nur so können sie hier ein normales Leben leben und sich integrieren. Leider ist das nicht für alle zugänglich.

Du bist Optimistin, schreibst du. Wenn ich mich so umblicke in der Welt, verliere ich bisweilen den Glauben an das Gute im Menschen. Was gibt dir Hoffnung und wie bleibst du hoffnungsvoll?

Ich muss sagen, ich bin mit einem tollen Grundvertrauen gesegnet, dafür bin ich unendlich dankbar. Ich glaube fest daran, dass alles im Leben einen Sinn hat. Und die Achtsamkeit hilft mir natürlich auch sehr.

Es gibt eine Mediation, die heißt Metta-Meditation, eine sehr alte buddhistische Meditation. Metta heißt so viel wie »liebende Güte«, vielleicht kann man auch Liebe oder einfach Freundlichkeit dazu sagen. Man übt damit eine freundliche wohlwollende Haltung anderen gegenüber. Diese Übung kann man auch mit Kindern machen, indem man sagt: »Umarmt euch einmal selbst und wünscht euch selbst ganz viel Glück und Freude. Dann stellt euch jemanden vor, den ihr ganz lieb habt, die Mama und den Papa oder die Oma und den Opa, und wünscht ihnen dass sie glücklich sind und es ihnen gut geht.« Anschließend sollen sie ihre guten Wünsche in die Welt hinaus senden, indem sie sagen, was sie anderen Kindern wünschen. Viele Kinder antworten dann – ganz egal woher sie kommen, ob aus Österreich oder Syrien: »ganz viele Lego-Spielsachen«😉 Darin zeigt sich, dass alle Menschen im Grunde das Gleiche wollen, nämlich glücklich sein.

Mich und auch meine Kinder macht diese Übung offener gegenüber anderen Menschen und freundlicher. Das macht mich zuversichtlich und ich bin ich mir sicher, dass mein Vertrauen nicht enttäuscht wird.

Was wünscht du dir für das Jahr 2017?

Dass auch andere Menschen wieder Vertrauen können.

Fraeulein im Glueck suchtdasglueck

schmasonnen

Vor fast genau zwei Jahren erblickte »schmasonnen« das Licht der virtuellen Welt. Drei Anläufe hatte Schirin Jäger genommen, bis sie sich am 27. Dezember 2014 entschloss, die »Welt« an ihrem »täglichen Leben mit ihrer kleinen Familie in der schönsten Hansestadt der Welt« teilhaben zu lassen – im vollen Bewusstsein, dass sie nicht eben eine Marktlücke trifft: »Ja, ein Blog ….. Es gibt ja so wenige…. Ich mach es aber trotzdem, denn ich glaube einfach daran, dass es hier so viele von Euch gibt, die genau so denken und fühlen wie ich und ich muss es Euch erzählen.« Und Schirin sollte recht behalten: In den vergangenen zwei Jahren hat sie sich mit »schmasonnen« einen festen Platz in der »Einrichtungs-Blogosphäre« erobert.

Wie und warum das Thema »Wohnen und Einrichten« ihr nicht nur persönlich am Herzen liegt, sondern auch oder sogar vor allem beruflich – darum geht es u.a. im heutigen Montagsinterview, mit dem ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche. – Vielen Dank, liebe Schirin, für die spannenden Einblicke!

hereinspaziert bei schmasonnen

Wer und was steckt hinter »schmasonnen«?

schmasonnen, das bin ich, Schirin. Wie dieser Name genau entstanden ist, kann ich Dir gar nicht sagen. Ich weiß, dass ich ihn als Benutzernamen bei der Wohncommunity »SoLebIch« angegeben habe. Aber eine richtige Anekdote kann ich dazu nicht erzählen. Mit diesem Namen begann mein Treiben in sozialen Netzen und ich es ganz gut fand, dass ich meine Identität dadurch ein wenig verstecken konnte. Mittlerweile stört es mich nicht mehr so sehr, so dass ich gerne erzähle, wer schmasonnen eigentlich ist.

Ich bin 37 Jahre alt, verheiratet, Mutter und von Beruf Diplom-Heilpädagogin. Seit einiger Zeit bin ich in der Nähe von Bremen als Pädagogische Leiterin für das Wohnangebot für Menschen mit geistiger Behinderung tätig. Nebenbei schreibe ich auf dem Blog Schmasonnen über mein Lieblingsthema Wohnen, das mir im persönlichen wie im beruflichen Kontext sehr am Herzen am liegt: Ich habe die Vision, dass Menschen mit Behinderung leben, arbeiten und wohnen können, wie sie es möchten, ohne Einschränkung. Das ist hier in Deutschland leider immer noch keine Selbstverständlichkeit.


»Wohnen steht für Geborgenheit, Eigenständigkeit und der Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen.«


Was magst du an deiner Arbeit besonders? Was wünscht du dir bisweilen anders?

Menschen mit Behinderung sollen genauso leben, wohnen und arbeiten können, wie Menschen ohne Behinderung. Dieses Grundrecht der uneingeschränkten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft verlangt die UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft getreten ist. Leider sieht es in der Praxis nicht immer so aus, dass unabhängig vom Behinderungsgrad Menschen mit Handicap uneingeschränkt am Leben aller teilhaben können. Aber genau dieses Ziel zu erreichen, macht mir große Freude an meiner Arbeit.

Es geht darum, die Wünsche und Lebensvorstellungen ernst zu nehmen, Inklusion zu ermöglichen und das alles auf Augenhöhe. Menschen mit Behinderung sollen selber bestimmen können, wie sie leben und arbeiten möchten. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit unseren Kund/innen die dafür passenden Unterstützungsangebote zu »stricken«.

Mich beeindruckend es immer wieder, wie selbständig viele unserer Kund/innen durch die entsprechende Assistenz geworden sind und von einer 24-Stunden-Betreuung, den Weg in eine eigene Wohnung mit stundenweiser Betreuung, geschafft haben. Leider ist es sehr schwer, diese Möglichkeit für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf umzusetzen. Hier fehlt es noch an entsprechenden finanziellen und personellen Möglichkeiten. Wie sich das neue Bundesteilhabegesetz auf diese Situation auswirkt, bleibt abzuwarten. Es gibt viel daran zu kritisieren – und es ist nur zu hoffen, dass es zu keiner Verschlechterung der Lebenssituation führt.

Welche Art Behinderung haben die Menschen, mit denen du arbeitest und worin unterscheiden sie sich von Menschen ohne (diese) Behinderungen?

Ich arbeite vor allem mit Menschen mit geistiger Behinderung, zunehmend aber auch mit Menschen mit sogenannten Doppeldiagnosen. Letztere haben einen besonderen psychosozialen Unterstützungsbedarf. Sie unterscheiden sich nicht zu anderen Menschen. Es ist nur so, dass sie durch ihre Behinderung nicht die Möglichkeit haben, uneingeschränkt am Leben aller teilzunehmen. Dass bedeutet, dass sich die Umwelt –also der so genannte Sozialraum – dem Unterstützungsbedarf anpassen muss. Wenn zum Beispiel ein junger Mann mit einer geistigen Behinderung den Wunsch hat, mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung zu leben, er aber Hilfe beim Einkauf, im Haushalt oder bei Behördenangelegenheiten benötigt, dann müssen sich die Bedingungen des Sozialraums entsprechend anpassen. Es ist also nicht der Mensch mit Behinderung, der sich von nichtbehinderten Menschen unterscheidet, sondern seine Umwelt unterscheidet sich von der Umwelt nichtbehinderter Menschen.

Auf deinem Blog schreibst du über Interior, Bremen, Familie und Co. Warum nicht über deine Arbeit?

Wohnen ist ein Thema, das mich über meine Arbeit hinaus fasziniert – auf meinem Blog aber einfach anders. Also trenne ich diese beiden Welten voneinander. »schmasonnen« ist mein Ausgleich zu meiner Arbeit. Schon während meines Studiums habe ich mich für skandinavisches Design interessiert und es fasziniert mich immer noch sehr. Mit meinen Bildern versuche ich zu inspirieren, denn auch ich hole mir viel Inspiration von anderen Blogs.

Irgendwie haben mein Blog und meine Arbeit dann aber doch miteinander zu tun, denn Wohnen bedeutet vielmehr als nur ein Dach über den Kopf zu haben. Es steht für Geborgenheit, Eigenständigkeit und der Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Auf der Arbeit kommt mir meine Blog-Erfahrung insbesondere dann zugute, wenn ich beim Aussuchen entsprechendem Wohnraums assistiere. Umgekehrt profitiere ich beim Bloggen von meiner Arbeit, da mir dadurch mir klar wird, was für Menschen beim Wohnen eigentlich wichtig ist.

Du lebst mit deiner Familie in Bremen. Was macht die Stadt für dich lebens- und liebenswert? Worauf könntest du gut und gerne verzichten?

Bremen hat vor allem architektonisch viel zu bieten. Neben den wohl bekanntesten Bauten im Zentrum, dem Rathaus und dem Dom ist es vor allem der Stil des »Altbremerhauses«, welches das Stadtbild so prägt. Und auch die Menschen sind sehr offen und tolerant. Inklusion ist hier ein wichtiges Thema und auch schon in vielen Bereichen umgesetzt. Seit kurzem gibt es hier zum Beispiel auch ein Restaurant, in dem Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten, ein sehr beeindruckendes Projekt.

Darüber hinaus entsteht in einem Bremer Stadtteil, der Neustadt eine tolle neue Cafészene mit innovativen Ideen und Konzepten. Das ist für Bremen wirklich neu, denn solche Konzept-Gastronomien haben es hier in der Hansestadt nicht einfach. Die Cafékultur ist hier sehr traditionell geprägt und viele neue Cafés sind leider an dieser Tradition gescheitert. Umso schöner ist es mitzuerleben, dass jetzt Cafés als Orte der Begegnung entstehen – mit gutem Kaffee und kulturellen Angeboten.

Im Großen und Ganzen bin ich wirklich sehr zufrieden mit dieser Stadt. Natürlich ist es auch mir ein Dorn im Auge, dass unser Bildungsstand so schlecht ist. Hier muss sich dringend was ändern, auch und in der Kinderbetreuung, die ist im Vergleich zu anderen Großstädten (a) sehr teuer und (b) schlecht ausgebaut. Zunehmend stört mich auch, dass der Drogenkonsum im ehemaligen Vorzeige-Quartier »Bremer Viertel« so massiv angestiegen ist und es scheinbar kein Mittel dagegen gibt. Wir wohnen zwar nicht in diesem Viertel, aber wir sind häufig dort und es fällt mir schwer, mit meinen Kindern durch die Straßen zu gehen, denn Alkoholismus und Drogen sind hier an der Tagesordnung – zu jeder Zeit.

Was bedeutet dir das »schöne Wohnen« und was macht wohnen für dich schön?

Schön ist immer individuell. Schön mag für mich anders sein als für Dich. Wichtig ist, dass man sich mit seinem Wohnstil identifiziert und vor allem nicht jedem Trend hinterherrennt. Ein eigener Wohnstil hat meiner Meinung nach Wiedererkennungswert und dann ist dieses Wohnen für mich auch schön.

Was wünscht du dir zu Weihnachten und für das neue Jahr?

Vor allem Zeit mit meiner Familie und mit meinen Freunden. Seit der Geburt meiner Tochter vor ca. einem Jahr habe ich das Gefühl, die Zeit rennt nur so an mir vorbei. Weihnachten werden wir ein bisschen innehalten, Stunden in der Natur verbringen, uns auf dem Weihnachtsmarkt verabreden und den Geruch von gebrannten Mandeln, Feuer und Zuckerstangen einatmen und den Moment genießen.

Für das kommende Jahr wünsche ich mir weniger Populismus, weniger Hassprediger und wieder mehr gesellschaftliches Miteinander. Was das neue Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderung bringen wird, ist abzuwarten. Es wird zu Beginn des neuen Jahres in Kraft treten, mit allen kritischen und lobenden Veränderungen. Nur darf es nicht dazu kommen, dass es zu einer Verschlechterung der Lebenssituation führt. Dass ist auch ein dringender Wunsch für das kommende Jahr.

schmasonnen hereinspaziert

Früher waren sie „frei“, heute sind sie Superpapas. Sie wohnen im Prenzlauer Berg in Berlin und wenn sie nicht bloggen, dann arbeiten sie ein wenig. Am liebsten aber verbringen sie Zeit mit ihren Familien. Wie sie sich dabei die Freiheit bewahren, wie und wo sie sie leben und was sie noch brauchen könnten für das vollendete (Familien-)Glück, erzählen die beiden im heutigen Montagsinterview.

Habt vielen Dank, ihr zwei, für das kurzweilige Gespräch, das zumindest mich noch neugieriger macht auf die zwei Menschen hinter den Superpapas. In diesem Sinne einen angeregten Start in die Woche wünsche.


Heute sind die Rollen zwischen Papa und Mama übergreifend. Keiner ist mehr „Super“ als die/der andere – eben dieses Zusammenspiel macht das (Familien)Leben super!


Das Bild zeigt einen Vater mit Tochter. Er haelt eine Wunderkerze

Wer sind die Superpapas? Und für wen seid ihr Superpapas?

Superpapas, tja. Eine gute Frage. Eigentlich nehmen wir das Leben nicht ganz so ernst und haben uns anfänglich eher selber auf den Arm genommen mit dem Begriff „Superpapa“ als man noch ganz unbedarft in das Erlebnis Papa eingetaucht ist. Um vielleicht ein wenig aufzufallen in der großen weiten Bloggosphäre, sind wir (zwei Papas aus dem Prenzlauer Berg in Berlin) bei dem Namen für unseren Blog geblieben und schreiben regelmäßig über Themen, die man als Vater so erlebt!

Was macht ihr, wenn ihr gerade nicht Superpapas seid? Und was habt ihr gemacht, als ihr noch „frei hattet“?

Wenn wir nicht bloggen, gehen wir natürlich ein wenig arbeiten und versuchen, so viel Zeit mit den Kindern und der Familie zu verbringen, denn das ist, was im Leben zählt! Als wir noch „frei“ hatten, haben wir das Leben auf eine andere Art und Weise (studieren, jobben, feiern) genossen, würden jetzt aber nicht mehr tauschen wollen…

Das Bild zeigt einen Mann von hinten im Gegenlicht. Er traegt einen Hut

Wie war der Weg vom „freien Mann“ zum „Superpapa“?

Das ist schwer zu sagen. Logischerweise ist das Papawerden eine große Umstellung, und wie immer stellt man sich das Ganze anders vor, als es dann tatsächlich ist. Dennoch ist man heute nicht nur (Super)Papa, sondern hat auch ein wenig Freizeit, so dass man auch noch als „freier Mann“ die Freizeit nutzen kann.

Wie viel Raum gibt es neben dem Superpapa noch für den „freien Mann“? Und wie sichert ihr dieses „Biotop“ im Familienalltag?

Wir haben relativ früh damit angefangen, in einer recht „eingeschworenen“ Paparunde regelmäßig Ausflüge am Wochenende mit den Kindern zu machen. Das hat den Vorteil, dass die Kinder auch mal Unfug machen können und die Papas sich über das Jahr hinweg öfter sehen. Und auch das ein oder andere Feierabendbier unter Jungs sollte man sich bewahren…

Das Bild zeigt einen Mann von hinten. Er hat ein Kind auf dem Arm und steht mit dem Ruecken zum Meer

Was macht einen Superpapa aus und was eine Supermama?

Wir denken, dass in der heutigen Zeit, in der die Rollen zwischen Papa und Mama eher übergreifend sind und jeder Teile der „klassischen Rollenverteilung“ ausprobiert und annimmt, keiner mehr „Super“ ist als der andere, sondern das Zusammenspiel das (Familien)Leben super macht!

Wie und wo leben die Superpapas in Berlin?

Wir leben seit Jahren im vielfach zitierten Prenzlauer Berg in Berlin, sind aber weder Hipster noch machen wir etwas mit Medien. Der ein oder anderen Bio-Mahlzeit sind wir natürlich nicht abgeneigt, schon zum Wohle der Kinder 😉

Das Bild zeigt zwei Maenner in einer Bar, Superpapas, Unsplash

Was sind eure liebsten Orte in Berlin als (a) Superpapa und (b) „freier Mann“?

Als Superpapas sind wir natürlich sehr gern auf Spielplätzen, aber auch an Seen in und um Berlin anzutreffen. Eben dort, wo die Kinder ihren Spaß haben.

Als „freier Mann“ treffen wir uns sehr gern im Schusterjungen (Alt-Berliner Kneipe und Restaurant), um bei Bier und Schnitzel über das Leben zu philosophieren…

Was wünscht ihr euch von der Politik, damit das Superpapa-Leben (noch) besser/einfacher wird?

Also wir können wirklich nicht klagen, es gibt genug Grünflächen und Spielplätze in der Umgebung. Außerdem haben wir tolle Elternzeiten genießen dürfen. Im Hinblick auf unsere Kinder wäre natürlich ein Wunsch an die Politik, verstärkt das Thema IT in die Schulen zu bringen, um unsere Kinder fit für die Zukunft zu machen. Hoffentlich keine Nerds 😉

Das Bild zeigt einen Mann mit Muetze von hinten. Superpapas

Fotos via Unsplash: „König“ von Pawel Furman, „Vater und Tochter“ von Caleb Jones, „Mann mit Hut“ von Elijah Hail, „Vater vor Meer“ von Steven van Loy, „Männer in der Bar“ von Clem Onojehhuo, „Mann mit Mütze“ von Luke Pamer

Inka Cee ist viel und weit gereist, hat viel gesehen und erlebt. Sie war in Afrika und der Antarktis, in Asien und Amerika. Doch wer reisen will, sagt sie, muss nicht weit fort. Sobald wir uns öffnen für das Neue und Unbekannte, wenn wir bereit sind, uns zu verändern und verändern zu lassen, begeben wir uns auf eine Reise. Sie selbst ist von jeder Reise verändert zurückkehrt, egal ob sie auf einem Gletscher oder an den vorpommerschen Darß führte. Auf blickgewinkelt erzählt sie von ihren Reisen, im heutigen Montagsinterview spricht sie über das Reisen.

Vielen Dank, liebe Inka, für das anregende Gespräch, mit dem ich allen einen inspirierten Start in die KW 42 wünsche.


»Die Intention macht den Unterschied zwischen Reisen und Urlauben. Wenn ich mich öffne für das Neue, begebe ich mich auf eine Reise.« 


Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt sie am ostseestrand am darß

Inka Cee – geboren in Wolfsburg, wohnhaft in Berlin, gärtnernd in Brandenburg. Welche Rolle spielen diese Orte in deinem Leben?

Sehr unterschiedliche. Ich habe mich häufig wieder neu erfunden, und doch gehören diese verschiedenen Welten natürlich alle zu mir. Zu Wolfsburg habe ich ein seltsames Verhältnis, ich bin dort geboren und aufgewachsen, habe mich dort das erste Mal verknallt und politisch erfunden, das erste Frauencafé Niedersachsens gegründet und meine ersten Demos mitgemacht. Aber ich habe dort auch meine Mutter beerdigt und mit Teenagerdepressionen gekämpft. Dass mein Vater das Haus irgendwann verkauft hat und weggezogen ist, ist einerseits tragisch und andererseits sehr befreiend.

In Berlin durfte ich ein ganz neues Leben starten, das war damals sehr wichtig für mich und meine Suche nach Ausgeglichenheit. Dann kam die übliche Studienzeit, wechselnde Partner, Nächte durchtanzen in der anonymen Großstadt – ich fand diese wilde Zeit sehr großartig.

Brandenburg habe ich entdeckt, als ich aufgrund von Rückenschmerzen anfing, viel zu laufen, was mir extrem gut tat. Zu der Zeit habe ich erst gemerkt, wie sehr Naturkind ich bin. Erst einige Jahre später habe ich dann den Mann kennengelernt, der einen Kirschkernspuck von Berlin weg in Brandenburg lebt und dann mit Bloggen angefangen, was mein Leben wieder sehr verändert und meine Zuneigung zu Brandenburg, zum gärtnern und überhaupt ländlichen Gegenden sehr vertieft hat. Also nicht, dass der Mann ländlich leben würde, aber wir träumen beide von einem alten Bauernhof, den wir irgendwann kaufen und ausbauen.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt berlin vom grunewald aus

Wie und wo und warum lebst du in Berlin?

Dass ich nach meinem Abitur nach Berlin ziehen würde, war früh klar: Meine besten Freundinnen lebten dort, so hatte ich auch meinen damaligen Berliner Freund kennen gelernt, und mein Großvater stammte aus Berlin, dessen Berliner Schnauze ich immer heiß und innig geliebt habe. Und schließlich freute ich mich sehr auf die Anonymität und das Großstadtleben, und das war ja auch eine self fullfilling prophecy.

In Berlin halte ich meine kleine 2-Zimmer-Wohnung, obwohl ich meistens im Haus des Mannes bin. In diese Wohnung habe ich mich vor 10 Jahren sofort völlig verknallt, als ich sie betrat, und ich bin noch nicht bereit, sie komplett aufzugeben und ganz mit dem Mann zusammenzuziehen, zudem brauche ich ab und an mal meine Ruhe. Der Mann hat Kinder, regelmäßig geht es bei uns etwas trubelig zu, und natürlich braucht es da auch Kompromisse. Ich hoffe, ich bin ein sehr kompromissbereiter Mensch, neige aber schon sehr zum Einsiedeln und war früher immer gewöhnt, mir meinen Alltag auch trotz Partner kompromisslos einzurichten. Da ist das natürlich eine große Umstellung, auch nach fast sechs Jahren.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt herbst in brandenburg am kanal

Woher rührt deine Lust am Reisen?

Das wurde ich schon einige Male gefragt und ich habe keine wirklich schlüssige Antwort darauf. Ich vermute, es ist die Mischung aus Neugier, Entspannung, Herausforderung und Relativierung: Ich liebe es, neue Dinge zu entdecken, und ich liebe die Fotografie, insbesondere in der Natur. Da liegt das Reisen nahe, ob nun in Brandenburg oder in Südamerika.

Dann gibt es auch Dinge oder Plätze, die sich einfach gut für mich anfühlen, zu denen ich immer wieder zurückkehren möchte. Das ist das ewige Eis, weshalb es mich immer wieder in polare Regionen treibt. Das ist das real gewordene Kirschblütental auf dem Darß an der Ostsee, wo ich jedes Jahr hinfahre. Das ist Afrika südlich der Sahara, dessen Mentalität mir in vielerlei Hinsicht gefällt.

Und dann reise ich wegen der Herausforderung, mich mit neuen, anstrengenden und auch unangenehmen Dingen auseinanderzusetzen. Im Grunde finde ich mich viel zu faul und fordere mich damit selber, meine Sinne neu zu entdecken und in meinem Kopf Dinge mal wieder umdenken zu müssen. Außerdem finde ich draußen in der Welt so viele Dinge, die mir zeigen, dass ich noch kleiner bin als der kleinste Furz, global betrachtet. Und das macht mich glücklich. Die eigene Person zu relativieren, zu wissen, dass ich so unwichtig im Großen und Ganzen bin, finde ich tatsächlich sehr tröstlich, das macht mich glücklich und angstfrei.

Oh, und Spaß natürlich, nicht zu vergessen. An fremden Orten fließt die Kreativität manchmal besser, und damit auch der Humor. Der Mann und ich stellen zum Beispiel gerne an Reiseorten berühmte Filmszenen nach… total albern, ich weiß. Wer weiß, welche Szene das hier auf dem Foto ist?

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt sie und ihren mann in rom
Welche Szene stellen Inka und ihr Freund nach?

Welche Reisen haben dich – wie – verändert?

Tanzania, eine meiner ersten Fernreisen, hat mich verändert. Ich hatte damals wahnsinnig wenig Geld, konnte während des Studiums – ich habe unter anderem Afrikawissenschaften studiert – häufig die Miete nicht bezahlen und diese Reise konnte ich mir nur mit der Finanzierung durch meinen Vater leisten. Und dann waren da diese Kinder mit den aufgeblähten Bäuchen, die weinten, weil sie noch nie einen weißen Menschen gesehen hatten. Ich habe meinen ersten Elefanten in der Wildnis getroffen, hatte das erste Mal Angst vor korrupten Polizisten, bin nachts durch die Straßen des geheimnisvollen Stown Towns auf Sansibar gelaufen und habe mir am Lagerfeuer Geschichten eines Rastas angehört. Da habe ich gewusst: Ich will noch so viel mehr erleben. Damals hätte ich das südliche Afrika gerne mehr kennen gelernt, leider fehlten mir die finanziellen Mittel. Einfach mal so durch die Weltgeschichte tingeln, wie viele Leute das heute machen, war einfach nicht drin.

Meine erste Fernwanderung hat mich verändert, es war der so unspektakulär klingende Rheinsteig. Damals ein Riesending für mich, und es fühlte sich unfassbar großartig an. Diese Erkenntnis hat viel bewegt. Seit damals weiß ich, was Selbstbewusstsein für mich bedeutet und dass in mir Glücksgefühle explodieren, sobald ich mich auf eine Wanderung begebe.


»Die Antarktis hat mich wahnsinnig ehrfürchtig gemacht: Ich darf hier am Ende der Welt sein und dieses Wunder sehen.«


Die erste Reise nach Grönland hat mich verändert, beim Anblick der riesigen Gletscher war es Liebe auf den ersten Blick. Und dann die Antarktis! Sie hat mich wahnsinnig ehrfürchtig gemacht: Ich darf hier am Ende der Welt sein und dieses Wunder sehen.

Kasachstan hat mich verändert: So viel Hoffnungslosigkeit, so viel Brutalität live zu sehen war ein Schock, oder vielmehr war der Schock, gar nicht damit umgehen zu können. Zudem hatte ich das erste Mal in meinem Leben die sehr reale Angst, im nächsten Moment vergewaltigt zu werden. Nie ist mir mehr bewusst geworden, dass ich jetzt mit meiner Beziehung auch Verantwortung trage und mich nicht mehr leichtfertig in jedes Abenteuer stürzen darf. Ich reise seitdem vorsichtiger.

Gut, ich merke, ich mache hier gerade endlos weiter. Im Grunde verändert mich wohl jede Reise, wenn sie etwas verändert hat in meinem Innern.

Was macht {für dich} den Unterschied zwischen „Urlaub im Ausland“ und {Fern}Reisen?

Die Intention macht den Unterschied, und damit auch die Wahrnehmung. Deshalb muss für mich eine Reise gar nicht unbedingt außerhalb meines Alltagsumfeldes stattfinden. Sobald ich mich aufmache, etwas Neues auf meinem Weg zu entdecken, begebe ich mich auf eine Reise. So entstand auch der Name „blickgewinkelt“, auch wenn das etwas kryptisch gedacht ist.

Der Begriff „Reise“ bedeutete ja ursprünglich „sich auf den Weg machen“, der „Aufbruch“. Wenn ich reise, bewege ich mich, ob nun körperlich oder geistig. Wenn ich Urlaub mache, möchte ich eine Pause von etwas, meist vom Alltag, und bewege mich eher wenig. Aber das sieht eventuell jede/r anders.

Mit den Kindern machen wir Urlaub, weil die Mehrzahl eher für „Lange-Schlafen und Nixtun“ ist – was nicht so ganz nach meinem Geschmack ist. Da ist ein perfekter Kompromiss übrigens eine Floß- bzw. Hausbootfahrt durch Brandenburg – einer meiner schönsten Urlaube bisher, was wir unbedingt wiederholen wollen.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt einen steg am see in brandenburg
Flossfahren in Brandenburg

Übernächstes Jahr möchte ich mit meinem 23jährigen Sohn eine ca. 10tätige Fernreise machen. Welche Reise würdest du mir warum empfehlen?

Puh, da muss ich schwer nachdenken. Ich mache jetzt mal ein Ausschlussverfahren: Zuerst einmal würde ich Nord- und Südamerika streichen, das finde ich für 10 Tage viel zu weit. Ohnehin sind 10 Tage etwas kurz, um sich einer sehr fremden Kultur anzunehmen, sonst hätte ich Äthiopien vorgeschlagen, was irre interessant ist. Ich persönlich hätte da aber lieber mehr Zeit, um mich darauf einzulassen.

Was Afrika angeht, wäre Südafrika noch eine Möglichkeit, das ist zwar weit, aber fast die gleiche Zeitzone, man fliegt über Nacht und Südafrika ist „Africa for Beginners“, wie wir im Studium immer etwas verächtlich gesagt haben, weil es sehr viel weiße, koloniale Strukturen hat, die uns nicht fremd sind. Das soll jetzt aber nicht so negativ klingen, ich fand Südafrika ganz toll. Auch Marokko wäre sicher sehr spannend.

Aber! Es soll ja vermutlich eine ganz besondere Reise sein, und da würde ich weniger eine Reise machen, bei der das Programm von A bis Z durchgeplant ist und wenig Zeit für die spannenden Entdeckungen am Wegesrand bleibt, denn die machen ja eine besondere Reise aus. Wie wäre es deshalb zum Beispiel mit einem Roadtrip zum Nordkap? Das muss unwahrscheinlich toll sein. Oder mit dem Zug durch Österreich, Slowenien, Kroatien bis nach Montenegro, das stelle ich mir unheimlich toll vor. Und zwischendurch mal Aussteigen und Leute kennen lernen. Von Mitreisenden im Zug Tipps holen.

Ansonsten: Immer wieder Griechenland. So riesig, so abwechslungsreich, die gastfreundlichsten Menschen, die ich je erlebt habe, viele tolle Gespräche, trotz der Sprachhürden. Die Akropolis, Geschichte hautnah spüren, im Dionysos-Theater sitzen, wo vermutlich Demokrit mal gesessen hat! Die tolle Landschaft, die Berge auf den Peloponnes, kleine Klöster, die in hunderten Metern Höhe an eine Felswand gequetscht sind, Olivenhaine, das Meer. Ich glaube, es kann gar keinen Menschen geben, der Griechenland nicht lieben kann.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt eiine haeuserzeile am kanal in venedig

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„Können Frauen nur über Seichtes bloggen?“ Eine provozierende Frage. Gestellt hat sie jüngst die 31jährige Autorin, Designerin und Salonière Kea von Garnier. Im heutigen Montagsinterview gibt sie selbst Antwort darauf und verrät darüber hinaus, was sie sich stattdessen von Bloggerinnen wünscht, wer ihre Heldinnen sind und welche neuen Projekte sie – neben zwei Blogs und einem Social Network, ihrer Selbstständigkeit* und einem Zweitstudium – noch gerade am Start hat.

Vielen Dank, liebe Kea, für das spannende Gespräch mit dem ich allen einen inspirierten Start in die neue Woche wünsche.

PS: Außerdem könnt ihr den Dübetroman von Kea gewinnen: Schmetterlingswinter erzählt die Geschichte der 15-jährigen Berlinerin Mira und wie es ihr gelingt, ihre Angst abzustreifen.  Ein Buch nicht nur für Jugendliche. Hinterlasst einfach bis Freitag, den 13.10.16 0.00 Uhr eine Nachricht und mit etwas Glück ist eines von zwei Exemplaren eurer. Und die glücklichen Gewinnerinnen sind: INES AGOROPOULOS und Jessika {feels like erfurt}. Herzlichen Glückwunsch!

*30+, hello mrs. eve, Hauptstadt-MädchenKea von Garnier

schmetterlingswinter von kea von garnier

Kea von Garnier – wer ist das? Wer und was nicht?

Produktbezeichung: Kea

Verpackungsinhalt: Feingeist. Ich sehe Besonderes, wo viele achtlos vorüber gehen. Und ich fühle – in großen Mengen. Kombiniert mit meinem Faible für schöne Sprache versuche ich dann, meine Eindrücke in Worte zu gießen, die mein Erleben für anderen spürbar machen. Es hat lange gebraucht, aber inzwischen kann ich sagen: Ich bin Autorin.

Zutaten: Ein Jugendroman, zwei Blogs, eine Selbstständigkeit als Grafikerin, zwei Katzen, 1,5 Männer (ich lebe polyamor), ein voller Bücherschrank, Midcentury-Möbel, Wald-Spaziergänge, Tee in tausend Sorten, tägliche Gesangseinlagen.

Allergikerhinweis: Enthält Feminismus. Für mich bedeutet das – ich bin für Frauen. Nicht gegen Männer.

Serviervorschlag: Bitte in nachhaltigem Ambiente arrangieren. Denn was ich nicht mehr bin, ist die Lifestyle-Bloggerin im Konsumrausch. Diese Phase gab es, aber sie ist zum Glück Geschichte.

Kea von Garnier

Bist du mit dem Künstler, Designer und Farbphilosophen Friedrich-Ernst von Garnier verwandt?

Ja, das ist mein Schwiegervater. Daher haben mein Beruf als Grafikdesignerin und meine kreative Ader andere Ursprünge – aber auch in meiner angeheirateten Familie ist Kreativität ein großes Thema.

Tatsächlich werde ich öfter nach Katja gefragt, meiner Schwägerin, ihres Zeichens Regisseurin. Ihr Film Bandits und seine starken Frauenfiguren haben mich damals als Teenager vollkommen erwischt – nie hätte ich mir träumen lassen, mal mit der Regisseurin am gemeinsamen Frühstückstisch zu sitzen!

Kea von Garnier

„Die Angst ist Kleid“, sagt die Protagonistin in Elfriede Jeliniks Theaterstück „Schatten (Eurydike sagt)“. Du hast verschiedentlich über deine Angst geschrieben. Wer und was ist sie für dich?

Ich kenne keinen Tag ohne Angst. Meine Angst- und Panikstörung begleitet mich seit jüngster Kindheit. Für mich ist Angst daher lange Zeit eher Haut, als Kleid gewesen. Das Leben mit Angstzuständen war Normalität und abgesehen von äußerlichen Fortschritten hatte ich mich damit abgefunden, für den Rest meines Lebens ein ängstlicher Mensch zu sein.

Seit einigen Monaten kratze ich an dieser Überzeugung – und will überprüfen, ob sie wahr ist. Wohnt Kea in einer Haut aus Angst oder lässt sie sich vielleicht doch abstreifen und etwas anderes anziehen – Zuversicht, Vertrauen, Lebensfreude?


Die Angst begleitet mich seit jüngster Kindheit. Sie war lange meine zweite Haut.


„Können Frauen nur über Seichtes bloggen?“, hast du kürzlich gefragt. Wie lautet deine Antwort darauf?

Ein entschiedenes Jein. Einerseits Nein, weil ich Frauen kenne, die gehaltvoll bloggen (ich nicke dir an dieser Stelle zu). Andererseits: Ja – noch! Weil es eine Tatsache ist, dass aktuell die meisten Frauen über Seichtes bloggen.

Aber ich glaube, dass die massenhafte Zuwendung zu Themen wie Make-up, Mode und Mandeltörtchen Ergebnis jahrhundertelanger Sozialisation ist. Ich akzeptiere diese weibliche Denk-Agenda nicht. Aber ich mache mir auch keine Illusionen – es wird noch ein weiter Weg, bis Frauen sich selbstbewusst ihren Platz neben dem Mann erobern werden.

Gehörnte Frau, ein Bild von Kea von Garnier

Was würdest du dir von bloggenden Frauen (mehr) wünschen?

Dass sie begreifen, dass sie auch gesellschaftliche Verantwortung haben. Wer Vorbild ist für die nachwachsende digitale Generation muss sich auch im Klaren darüber sein, dass die Themen, die gesetzt werden, Einfluss haben.

Wenn sich junge Mädchen zwischen einer Überfülle perfekter Modebildchen wiederfinden – macht das aus ihnen mutige Denkerinnen? Ich glaube nicht. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass man an Mode oder Lippenstift keinen Spaß mehr haben darf. Es geht nicht um ein entweder oder – es geht darum, seinen Wert und sich selbst nicht über Äußeres und Materielles zu definieren. Beides kann so schnell vergehen. Die Insta-Mania kreist da um eine gefährlich hohle Mitte.


Wenn sich junge Mädchen zwischen einer Überfülle perfekter Modebildchen wiederfinden – macht das aus ihnen mutige Denkerinnen?


Wer sind deine weiblichen Vorbilder und warum?

Spontan fallen mir ein: Lou Andreas Salomé, Simone de BeauvoirVirginia Woolf. Gott, wie gerne ich einmal mit diesen Damen zu Abend essen würde! Das wären inspirierende Tischgespräche! Jede von ihnen schätze ich für ihren wachen Verstand und ihren Mut.

Ohne Simone hätte ich niemals verstanden, was Geschlechterrollen für einen Einfluss haben. Wieso Frau-Sein heute das bedeutet, was es bedeutet. Vieles von dem, was sie in „das andere Geschlecht“ formuliert, ist noch immer erschreckend aktuell.

Lou ist für mich Vorbild, weil sie keinen Pfifferling gegeben hat auf gesellschaftliche Konventionen und ihr Leben so gelebt hat, wie es ihr richtig erschien – ob im Beruf oder der Liebe. Weil ihr erklärtes Ziel die Entwicklung ihres Charakters und ihres Geistes war – eine wunderbare Triebfeder!

Virginias Essay „Ein Zimmer für sich allein“ gehört zu meinen absoluten Kraftquellen. Darin fordert sie materielle Sicherheit und geistige Unabhängigkeit für Frauen, damit sie schöpferisch tätig sein können und einen gleichberechtigten Platz neben ihren männlichen Kollegen in der Kulturlandschaft einnehmen können. Ich liebe es inhaltlich wie erzählerisch gleichermaßen und drücke es beim Lesen regelmäßig berührt an mich.

Kea von Garnier, der Club der lebenden Dichterinnen

Welche Themen treiben dich derzeit um?

Aktuell gründe ich mit einer Freundin „DIE SALONS“, ein Netzwerk für schaffende Frauen aus Kunst, Literatur, Philosophie und Musik. Es soll ermutigen, produktiv und sichtbar zu sein. Wir wollen ein Dachverband sein für regionale Gruppen, die gemeinsam arbeiten, Ideen entwickeln, diskutieren – eine echte Wiederbelebung der Salonkultur.

Auf lange Sicht ist das Ziel, neue Vorbilder und Ansprechpartnerinnen hervorzubringen, die jungen Frauen den Einstieg in diese Themengebiete erleichtern. Denn oftmals scheitert es weniger am fehlenden Interesse, sondern an den Möglichkeiten, sich mit Gleichgesinnten ausgetauschten. Hier wollen wir Frauen zusammenbringen, die sich gegenseitig motivieren und unterstützen. Genau das wollte ich immer schon tun, die digitale Vernetzung macht es jetzt möglich. Und es fühlt sich so richtig und sinnstiftend an!

Seit einigen Wochen lebst du in Frankfurt, um dich dem Studium der Literaturwissenschaft zu widmen. Was sind deine liebsten Orte in deiner neuen Heimat?

Tatsächlich wohne ich nach wie vor in Wiesbaden und pendele künftig zur Uni. Allerdings kenne ich Frankfurt gut, denn dort bin ich aufgewachsen. Liebster Ort ist das Sukkulentenhaus im Palmengarten. Hier komme ich zur Ruhe, ein wunderbarer Platz, um zu schreiben. Außerdem freue ich mich wahnsinnig darauf, die Frankfurter Theater und Museen wieder zu entdecken – am liebsten gemeinsam mit den Frauen aus dem Frankfurter Salon.

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„Das Schönste am Großeltern sein“, findet Opa, „ist, dass man die Entwicklung dieser kleinen Menschen mitverfolgen kann, ohne direkte Verantwortung zu haben.“ Wie er diese Entwicklung erlebt und indirekte Verantwortung lebt und was ihm sonst noch so durch den Kopf geht, davon erzählt der Kommunikationsberater und leidenschaftliche Großvater Detlef Untermann alias Opa auf seinem gleichnamigen Blog – und im heutigen Montagsinterview.

Haben Sie vielen herzlichen Dank, Herr Untermann, für das schöne Gespräch, mit dem ich einen guten Start in die neue Woche wünsche.

Kinder schauen in einen Berliner Hauseingang

Wer steckt hinter Opas Blog?

Der Opa. Wer sonst? Und Oma selbstverständlich. Meine Frau ist eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Impulsgeberin. Schließlich verbringt sie ja die meiste Zeit mit unseren Enkeln. Den Themenmix allerdings bestimme ich. Der Blog hat nicht ohne Grund den Untertitel „Gedanken eines Großvaters“. Und Sie glauben gar nicht, über was ich mir so alles meine Gedanken mache. Das ist, so finde ich jedenfalls, der große Reiz an Opas Blog. Das Themenspektrum reicht von der Alltagsbanalität bis hin zur großen Politik. Für einen alten Journalistenhaudegen wie mich ist das doch wie ein Dorado. Wer hat schon so eine Plattform, ohne das irgendjemand mitredet – bis auf Oma natürlich.

Was ist das Schönste am Opa-Sein? Was das Schwerste?

Das Schönste ist, dass man die Entwicklung dieser kleinen Menschenkinder mit verfolgen kann, ohne die direkte Verantwortung zu haben. Das ist Genuss pur, den man als Eltern so nicht hat. Da ist man permanent in der Pflicht und gefordert. Wie will man da genießen und sich entspannt zurücklehnen. Das geht einfach nicht. Ich sehe das doch bei meinen Kindern. Da sind das Kind, der Ehemann, die Freunde, der Beruf, der Haushalt und und und. Ich sage nur: Wohl dem, der eine Oma in der Nähe hat, sonst ginge vieles gar nicht.


WOHL DEM, DER EINE OMA IN DER NÄHE HAT, SONST GINGE VIELES GAR NICHT.


Das Schwerste ist … ja was ist das eigentlich. Ich kann es gar nicht sagen. Ich glaube, Opa-Sein ist dann sehr schwer, wenn man seine Enkel nicht um sich hat. Oma und ich haben aber Gott sei Dank das unendlich große Glück, dass unsere Kinder und Enkel in unserer unmittelbaren Nähe aufwachsen und wir sie ständig sehen. Mir tun immer die Großeltern leid, die die Entwicklung ihrer Enkelkinder nur auf Fotos oder über Skype verfolgen können.

Mädchen am Strand der Müritz

Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Eltern- und Großelternsein?

Der Unterschied ist, dass wir nicht erziehen müssen und auch nicht sollten. Das ist Aufgabe der Eltern, die ja auch die Verantwortung tragen. Wir als Großeltern sind sicherer Hafen, Feuerwehr, Netz und doppelter Boden, Backup oder wie auch immer Sie es nennen wollen. Unser Ziel war und ist es, dass unser Kinder und Enkelkinder immer das Gefühl haben, sich auf uns voll und ganz und in jeder Situation verlassen zu können. Ich glaube schon, dass wir das geschafft haben. Aber beantworten kann das letztlich nur uns Nachwuchs.


WIR ALS GROSSELTERN SIND SICHERER HAFEN, FEUERWEHR, NETZ UND DOPPELTER BODEN.


Wie viel Zeit und Raum nimmt das Opa-Sein in Ihrem Leben (aktuell) ein?

Wie gesagt, die meiste Zeit verbringt Oma ja mit den Kleinen. Aber ich versuche natürlich, mir die Zeit für meine Enkel freizuschaufeln. Letztens waren Oma und ich mit den beiden Buben in Brandenburg unterwegs und haben uns in Beelitz-Heilstätten den Baumkronenpfad angeschaut. Das war ein tolles Erlebnis. Aber genauso toll ist, mit den Jungs auf dem Bolzplatz Fußball zu spielen oder zu kochen, was beide ausgesprochen gerne tun. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm.

Mädchen beim Spielen am Karpfenteich im Treptower Park

Was machen Sie mit Ihren Enkeln am liebsten in Berlin und können es anderen Großeltern (und durchaus auch Eltern) wärmstens empfehlen?

Also, wer in Berlin oder auch Brandenburg nichts findet, was er mit seinen Enkeln oder Kindern machen kann, dem ist nicht mehr zu helfen. Erwähnt habe ich ja schon den Baumkronenpfad, den ich wirklich empfehlen kann. Wir waren ja jetzt im Sommer da, werden aber auch im Herbst, Winter und Frühling diesen Ausflug wiederholen. Die unterschiedliche Blattfärbung wird sicherlich nicht nur die Kurzen begeistern. Ansonsten gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Und da sollte man ruhig etwas auf die Neigung der Enkel eingehen. Es geht ja schließlich um sie und nicht um einen selbst.


WER IN BERLIN ODER BRANDENBURG NICHTS FINDET, WAS ER MIT SEINEN ENKELN MACHEN KANN, DEM IST NICHT MEHR ZU HELFEN.


Was macht Herr Untermann, wenn er nicht Opa ist? Und was haben Sie gemacht, bevor Sie Opa wurden?

Herr Untermann ist, wenn er nicht Opa ist, Kommunikationsberater. Ich bin seit 1977 in der Kommunikationsbranche tätig. Als Journalist, als PR-Manager und nun seit über zehn Jahren als Selbstständiger, sprich Inhaber einer Kommunikationsagentur. Und ich übertreibe sicher nicht, wenn ich sage: Wir mischen noch kräftig mit.

Bevor ich Opa wurde, war ich … na was wohl? Vater, und zwar stolzer Vater von zwei bildhübschen und blitzgescheiten Töchtern. Allerdings muss ich gestehen, dass ich deren Heranwachsen nicht so intensiv verfolgt habe wie jetzt das meiner Enkel. Aber alles hat, wie man ja weiß, seine Zeit.

Enkelkinder beim SpielenWas ist das Schwerste beim „Kommunizieren für Kunden“ und was macht gute Kommunikation für Sie aus?

Ob ich es als das Schwerste bezeichnen würde, weiß ich nicht so richtig. Aber Grundvoraussetzung dafür, um für jemanden anders zu kommunizieren, ist, dass ich mich mit ihm identifizieren kann. Wie sonst will ich denn authentisch wirken? Das geht nur, wenn ich mich mit dem Kunden und seinen Themen und Inhalten identifiziere. Und das ist auch schon die halbe Miete. Wenn ich dann noch schön bei der Wahrheit bleibe und nicht Grimms Märchen Konkurrenz machen will, bin ich auf dem richtigen Weg. Der Rest ist reines Handwerk und Erfahrungen, wobei man aber als alter Fuchs vor Überraschungen nicht gefeit ist.

Angesichts der rasanten Entwicklung der Kommunikationsmittel und -wege muss man schon höllisch aufpassen, dass man keinen relevanten Trend verschläft. Aber wie gesagt: Wir reden hier von Handwerk, das gelernt sein will.


ANGESICHTS DER RASANTEN ENTWICKLUNG DER KOMMUNIKATIONSMITTEL UND -WEGE MUSS MAN SCHON HÖLLISCH AUFPASSEN, DASS MAN KEINEN RELEVANTEN TREND VERSCHLÄFT.


Sie leben in Berlin. Wo? Wie? Wie lang und wie gerne?

Wir leben in Lichterfelde, wo ich eigentlich schon immer hinwollte. Als wir 1992 nach Berlin kamen, hat es uns zuerst nach Lankwitz ins Komponistenviertel verschlagen. Aber ich habe schon damals mit Lichterfelde geliebäugelt. Jetzt leben wir hier schon über 15 Jahre und haben hier wohl auch unser Altersdomizil gefunden. Ich komme zwar aus dem Allgäu und liebe die Berge, aber ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu wohnen als in unserem trauten Heim in Lichterfelde ganz nach dem Motto: My home is my castle.

Kuscheltier

Was ist Ihre größte Sorge, was Ihr größter Wunsch angesichts der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September?

Da treffen Sie einen ganz wunden Punkt bei mir. Wenn ich mir die Welt heute so anschaue, dann habe ich Angst, dass meine Enkel mich irgendwann einmal fragen, ob wir denn nur betrunken waren, als wir diesen ganzen Mist produziert haben. Nachrichtensendungen sind doch schon lange nicht mehr jugendfrei. Und meine Kinder und wir haben jetzt schon Probleme, den beiden Kurzen Fragen zu beantworten, die sie aufgrund von Nachrichtenfetzen haben, die sie überhaupt nicht verstehen (können). „Sodom und Gomerra“ hätte Ilse Kling in der Lindenstraße gesagt, Gott hab die Schauspielerin Annemarie Wendl selig.


WENN ICH MIR DIE WELT HEUTE SO ANSCHAUE, DANN HABE ICH ANGST, DASS MEINE ENKEL MICH IRGENDWANN FRAGEN, OB WIR DENN NUR BETRUNKEN WAREN, ALS WIR DIESEN GANZEN MIST PRODUZIERT HABEN.


Was die Abgeordnetenhauswahl in Berlin betrifft, so würde mir natürlich am besten Gefallen, wenn die AfD nicht ins Parlament käme. Aber das wird wohl, so viel Realist bin ich denn auch, ein frommer Wunsch bleiben. Insofern bleibt mir nur zu hoffen, dass am Ende ein Ergebnis herauskommt, dass mehrere Alternativen zulässt. Das bedingt nach derzeitigem Stand, dass die FDP den Wiedereinzug ins Parlament schafft. Denn, und da bin ich ganz offen und ehrlich, eine Beteiligung der Linkspartei an einer Regierung ausgerechnet hier in Berlin, empfinde ich als Zumutung. Es kann doch nicht sein, dass wir gerade den 55. Jahrestag des Mauerbaus begangen und wieder die Mauertoten beklagt haben, und die Partei, in der immer wieder geleugnet wird, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen ist, gerade hier in der Regierung sitzt.

Mit 63 Jahren hat man doch einige Erfahrung sammeln können. Welche möchten Sie jungen oder jüngeren Vätern (und gerne auch Müttern) ans Herz legen?

Gelassenheit. Das ist vermutlich leichter gesagt, als getan. Und viele, die mich kennen, werden unken: Das sagt gerade der Richtige. Aber das Schöne am Alter ist wirklich, dass viele Dinge einfach keine Rolle mehr spielen. Man muss oder will nichts mehr werden, Äußerlichkeiten spielen keine so große Rolle mehr und man hat gelernt: Egal, was passiert, die Erde dreht sich einfach weiter. Wer meinen Blog kennt, weiß, das ich meine Beiträge gerne mit einem Zitat oder einem Spruch beende. Sie erlauben, dass ich das hier mit einem Spruch tue, der auf reiner Erfahrung beruht: Erstens kommt es, zweitens anders und drittens als man denkt.


ERSTENS KOMMT ES, ZWEITENS ANDERS UND DRITTENS ALS MAN DENKT.


Mädchen im Meer

Fotos (c) Indre Zetzsche aus der Serie „Kinder“

Ieva Jansone, Indre Zetzsche

Vor einigen Wochen fragte Sindy {Mein gewisses Etwas}, ob ich ihr ein paar Fragen zum Sinn des {Näh-}Bloggens beantworten würde. Ich mochte. Denn so gerne ich Fragen stelle, so gerne beantworte ich sie – vor allem wenn sie mich ins Nachdenken bringen.

Danke, liebe Sindy, für Einladung zu deiner Sonntagsrunde und die schöne Einleitung. >>> Hier geht’s zum Interview.