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Berlin

Madeleine textet. Fine zeichnet. Aus Text und Zeichnung werden Möglichkeitsräume, aus Madeleine und Fine werden Matrosenhunde. Die Matrosenhunde haben ihren Hauptsitz in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, ein Ort, der für manche Menschen eine No-go-Area ist. Fine und Madeleine texten und zeichnen hier u.a. für Verlage und Theater. Ich mag ihre Arbeiten sehr; sie haben eine ganz eigene Ironie. Sie ist gleichzeitig heiter und traurig, leicht und schwer. Der Verleger Robert Eberhardt spricht von »Poesie und Zweideutigkeit« und findet, es sei ein großes Glück, wenn das eigene Dasein wie die Kunst der Matrosenhunde davon durchzogen wäre. Dem kann ich nur zustimmen – und mich freuen, dass die Zwei heute zu Gast bei mir sind.

In unserem Gespräch geht es unter anderem um die »unbeobachteten Kippstellen im Leben«, die Lust am Wandel und den passenden Umschlag zum aktuellen Weltgeschehen. Vielen Dank, liebe Fine und Madeleine, für das inspirierende Gespräch, mit dem ich allen einen glücklichen Start in die KW 10 wünsche.


»Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen.« Madeleine


Als Matrosenhunde fokussiert ihr den Zwischenraum von Bild und Text. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Als Grafikerin und Zeichnerin hab ich mir immer ein Gegenüber gewünscht, mit dem ich kommunizieren und Gedanken größer spinnen kann. Wir reden ja, während Madeleine textet und ich zeichne, nicht über unsere jeweiligen Beweggründe – und dann entsteht durch die Verknüpfung unsere Ausdrucksformen etwas Neues, Eigenes. Ich finde das elektrisierend.

Euer Studio ist mitten in Neukölln. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Es ist schon manchmal hart, gerade in der Sonnenallee – hier prallen Welten aufeinander: auf der einen Seite die gewachsene Armut und auf der anderen Seite die jungen, enthusiastischen Kreativen, die versuchen, eine schönere, bessere Welt zu schaffen. Oft mithilfe von öffentlichen Geldern oder Zuschüssen. Das Neuköllner Jobcenter hat den größten Bereich für Selbstständige in ganz Berlin. Gleichzeitig werden überall die (Gewerbe-)Mieten teurer, ohne dass irgendetwas für den Stadtteil getan wird. Das schürt gegenseitige Ablehnung. Gerade erst habe ich eine ehemalige Kommilitonin getroffen und mich über den Kasper gefreut, den sie am Böhmischen Platz ans Puppentheater gemalt hat. Nächste Woche wird der überstrichen, weil er nicht zum schicken neuen Rixdorfer Image passt.

Madeleine: Was unser Studio konkret angeht, sind wir gar nicht an eine bestimmte Umgebung gebunden, wir hatten auch schon Arbeitsorte in einem Plattenbau auf der Prenzlauer Promenade, in einer umgenutzten Kohleofenwohnung im Winskiez oder »on the road«. Eigentlich brauchen wir nur einen Tisch und ein bisschen Platz zum Denken. Neukölln ist da eine Reibungsfläche, die nicht für jeden geeignet ist. Ich persönlich brauche oft Rückzug und Ruhe, daher mag ich das Tempelhofer Feld sehr. Das Nebeneinanderexistieren unterschiedlichster Lebensentwürfe ist hier in Neukölln schon sehr beeindruckend. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob dieses Nebeneinander auch irgendwann zum Miteinander wird, oder eher doch parallel bleibt.

Was sind die »unbeobachteten Kippstellen des Lebens zwischen Tür und Angel«? 

Madeleine: Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen. Beim Aus-dem-Zugfenster-gucken oder an der roten Ampel. Im Vorübergehen, im nicht definierten Zwischenraum. Diese Orte aufzuspüren, ist mir ein großes Anliegen. Genau hinzusehen und leise zu beobachten, wann etwas passiert. Denn Anfang, Mitte und Ende einer Geschichte obliegen auch immer demjenigen, der sie erzählt.

Fine du bist in Berlin aufgewachsen. Wie und wo? 

Ich komme aus Oberschöneweide, was zu Köpenick im Südosten Berlin gehört. Von damals habe ich wohl meine Liebe zur Industrie-Architektur. Zur Schule gegangen bin ich aber im bürgerlichen Friedrichshagen und in Oberspree. (Abitur habe ich übrigens in Schleswig-Holstein gemacht und kurz mal in Paris studiert. Ich musste aber immer so schnell wie möglich nach Berlin zurück.) Oberschöneweide hatte nach der Wende 30.000 Arbeitslose, das war schon heftig. Ich finde es schön, dass in den alten Fabrikhallen Ateliers entstanden sind, die FHTW mit ihren Studenten das Viertel neu belebt hat und viele Häuser renoviert wurden. Das war nötig. Aber auch hier muss achtsam mit den Bewohnern und ihren Möglichkeiten umgegangen werden. So ein Viertel, eine Stadt ist ja ein Makrokosmos, an dem sich ganz gut gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen.

»Ich will so gerne alle Menschen mitnehmen und für Veränderungen begeistern. Zusammen kann so viel Großartiges entstehen, was alleine und auf egoistische Beweggründe fokussiert nicht möglich ist.«

Wie und wann sind aus dir und Fine zwei Matrosenhunde geworden? Und woher rührt der Name? 

Madeleine: Fine und ich kannten uns schon über eine gemeinsame Freundin und vom Zeitgenössischen Tanzen, auch das war schon eine Art stillschweigende Kontaktimprovisation. Was dann kommt, ist Geschichte: Im Sommer 2009 besuchten wir bei 48 Stunden Neukölln gemeinsam die Ausstellung einer Weißensee-Kommilitonin von Fine. Ich glaube fest daran, dass wir beim Bordsteinkantenbier beschlossen haben, eine Art Briefwechsel in Text und Bild zu starten und zu gucken, was passiert. Fine schwört darauf, dass der Grundstein für unser kreatives Ping-Pong bei Schnaps auf einem Hausdach gelegt wurde. Man weiß also nichts Genaues.

Dann haben wir angefangen, täglich abwechselnd Zeichnungen und Sätze hin- und herzuschicken, die jeweils aufeinander geantwortet haben. Daraus entstand unser erstes Buch – handgebunden im selbst hergestellten Leinenumschlag mit Siebdruckprint. Es hieß, der Titel lief mir einfach so zu: »Matrosenhunde, Kapitänsfrauen und der weiß lackierte Zaun«. Anderthalb Jahre später wurden wir mit einem Projekt zum Springhouse-Symposium in Dresden eingeladen und fortan und für immer »Matrosenhunde« genannt.

Was waren jeweils eure liebsten Kommunikationsprojekte und warum?

Beide: Unser liebsten Projekte waren die, bei denen wir unseren angewärmten Platz verlassen und uns auf die Suche nach neuen, anderen Wirklichkeiten begeben haben. Das war das wunderbare Zusammensein mit anderen Künstlern im Rahmen einer Residenz im Springhouse Dresden, ein Frühlingsausflug nach Madrid, bei dem wir unsere Begegnungen in Fax-Sendungen verarbeitet haben oder ein Aufenthalt in Brandenburg, zwischen Seen, Wäldern und Rinderherden. Denn auf der Suche nach den Augenblicken, die den Alltag bedeutsam machen, ist es immer eine gute Idee, irgendwohin zu fahren. Vielleicht auch nur mit der gelben Straßenbahn zum nächsten Segelsteg.

Gute Gestaltung – was ist das für euch? 

Fine: Das kommt darauf an. Spontan würde ich sagen, gute Gestaltung macht etwas mit mir: berührt mich, oder bringt mich zum Nachdenken, stößt im besten Falle etwas an. Und dafür fühlen wir uns hinein und recherchieren unabhängig voneinander oft zu denselben Themen. Wir nennen das unseren »unfreiwilligen Buchklub«, weil wir oft dieselben Bücher lesen; wenn die eine von einem Zeitungsartikel berichtet, hat die andere ihn oft auch gelesen und vollendet den Satz. Zurück zur Frage: Gute Gestaltung bemerkt man daran, dass sie sich nicht aufdrängt, das Sujet steht im Vordergrund. Immer.

Madeleine: Gute Gestaltung drängt sich nicht auf, sondern gibt ihrem Motiv Raum. Das heißt nicht, dass gute Gestaltung immer hintergründig sein muss, es darf auch knallen. Nur sollte es einen Grund dafür geben, das Design sollte nicht einfach nur sein Objekt maskieren. Für mich funktioniert Gestaltung eher wie Bildhauerei: Sie gibt einem Ding seine Gestalt, arbeitet die Besonderheiten heraus und macht organisch ein großes Ganzes daraus.


»Das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.« Fine


Die aktuelle Weltlage macht mich bisweilen sprachlos. Welche Worte und Beschreibungen fallen dir dazu ein?

Madeleine: Oh, auch ich verliere oft die Fassung und Formulierung. Mir kommt das alles oft so surreal vor, denn die grausame Banalität des Zeitgeschehens, mit dem wir doch angesichts unserer historischen Bildung anders, besser, weiser umgehen sollten als Gesellschaft lässt mich oft ratlos zurück. Ich finde die meisten Geschehnisse im Grunde erschreckend simpel und frage mich, wie Angst und Misstrauen begegnet werden kann. Es ist aber auch sehr schön zu sehen, wie Menschen sich positiv positionieren, Besonnenheit zeigen, Haltung beziehen und Werte hochhalten. Eine offene, humanistische und demokratische Gesellschaft nicht nur zu beschwören, sondern auch im Kleinen zu leben, halte ich für den wichtigsten Weg, weg von Bedrohung und hilfloser Ohnmacht.

Stell dir vor, das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman. Wie würdest du den Buchumschlag gestalten und welches wäre das richtige Versatzpapier dafür? 

Fine: In der Verlagsbranche reden ja immer viele Stimmen mit und entscheiden, wie Cover und Innensatz aussehen müssen. Avantgardistisches Design durchzuboxen ist dort oft sehr schwierig. Da es ja ein hypothetisches Cover ist und keine Kostengrenzen vorgegeben wurden, würde ich eine ordentliche Materialschlacht veranstalten. Ohne, dass man es merkt selbstverständlich. Titel, Autor und Verlagslogo würde ich gar nicht farbig drucken, sondern blind prägen auf dicke recycelte Pappe, ein schönes grobes Material. Formatfüllend. Es soll ja alles lesbar sein. In den Weißraum dazwischen (und auch über ein paar Buchstaben drüber) würde ich filigrane Zeichnungen relevant zum Inhalt setzen. In Rot. Mit rotem Kapitalband und rotem Buchleinen über der offenen Fadenbindung. Als Vorsatz wünsche ich mir ein handgeschöpftes Gewebe-Papier: Bei Tageslicht ist es grau mit kupferroten Einschüssen, aber wenn ich meine Nachttischlampe anknipse schillert mir der Regenbogen entgegen. Kurz: ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.

Drei Wochen im Rückblick: Was war? Nichts Großartiges*. Ein paar Tage Ostsee u.a., was immer gut tut, weil: #AmWasser und #RausAusDerStadt. Und doch komme ich immer wieder und immer noch gerne: #BackInTown. Ja, tatsächlich kann ich nach 21 Jahren immer noch sagen: »Berlin, ick liebe dir« – nicht ohne Wenn-und-Aber, aber welche Beziehung wäre nach so langer Zeit noch gänzlich ungetrübt? Das Konzerthausorchester Berlin hat den Klang dieser Stadt übrigens so wunderbar-witzig vertont, das ich mich glatt nochmal neu verliebt hab‘. Meine Berlinmelodie bleibt gleichwohl »Coolsville«, weil’s ganz am Anfang unserer »Liebe« stand.

Was mir sonst begegnet und durch den Kopf gegangen ist → siehe: Liste. Ein angenehmes Wochenende wünsche ich.


  1. GESEHEN: die allererste Version von »Alice in Wonderland« von 1903 {so schön!}
  2. GEHÖRT: »Die Freundschaft zur Welt nicht verlernen« – Christina Thürmer-Rohr im Gespräch {Danke, Mareice!}
  3. GELESEN: Sascha Lobos »Rezept gegen’s Durchdrehen«
  4. GESUCHT: Strandgut und kinematisch vermittelte Zuversicht
  5. GEFUNDEN: geschliffenes Glas, Lochsteine und eine Reihe von Filmen, für die sich das Schlange-Stehen lohnt.
  6. GEMACHT: ein Mobile aus Strandgut und Altpapier
  7. GEDACHT:  an meine Großmutter #WasWirVonUnserenGrossmütternLernenKönnen
  8. GEMOCHT:Rostock und Warnemünde {bald mehr}
  9. GEFALLEN: die Sanduhren von HAY
  10. GEFREUT: über die neue Reihe mit Hazel Rosenstrauch
  11. GEHOFFT: dass wir mehr sind – und bleiben!
  12. GEFÜHLT: digital tired
  13. GERÜHRT: »{…} wenn ich die Grausamkeiten sehe, die in der Welt passieren, realisiere ich, wie glücklich ich bin.« Tracey Emin
  14. GEFRAGT: Europa – quo vadis?
  15. GESCHMUNZELT: über die Kampagne des Konzerthausorchesters Berlin #klangberlins
  16. GESTAUNT: wie Frau Kinnert die CDU retten will
  17. GESPANNT: auf Weimar
  18. GEWÜNSCHT: dass die Aktion der Musiker Marteria und Prinz Pi für das Thema Obdachlosigkeit sensibilisiert und sich viele für die Bürgerwerkstatt Außenpolitik bewerben.
  19. GEKLICKT: Vivian Maier {die Bilder der unbekannten Street-Photography-Pionierin sind einfach großartig.}

*bezogen auf mein kleines privates Leben. Jenseits dessen passiert ja so allerhand »Großartiges«.

Eine Woche wie ein Tag. Wie im Flug. Fast wäre sie an mir vorbei gerauscht, wären da nicht diese kleinen Momente gewesen, die den Lauf der Dinge unerwartet unterbrechen und innehalten lassen: poetische Interventionen.

Über Schönheit – Ein S-Bahn-Gespräch

»Arbeiten kann ich nicht mehr«, sagt der Mann. »Geht gar nicht: Rücken kaputt, Knochen kaputt, Leber kaputt, alles kaputt.« Sein Gegenüber – ein junger Mann – blickt ihn an. Ich auch. »Anfang 50«, überlege ich. Drahtiger Typ, klare Gesichtszüge durchzogen von feinen Linien. Könnte ein Yogi sein, wäre da nicht sein kaputter Körper. – »Das ist schlimm«, erwidert der junge Mann. »Ja. … bin gelernter Schornsteinfeger.« – Kennen die beiden sich? Eher nicht. »Schornsteinfeger – Glücksbringer«, schiesst es mir durch den Kopf. – »Dann haben Sie ja viel Zeit.« »Ja.« »Machen Sie was damit!« »Mach‘ ich. Ich reise – viel und gerne.« »Das ist schön«, sagt der junge Mann im Aussteigen. »Ja, das ist schön«, sagt der Ältere. Dann schliesst sich die Tür.

Frappierende Eleganz – Bäckereibeobachtungen

Die Bäckerei liegt auf meinem Weg. So eine typische Eckbäckerei: Fertigbackwaren in laminierter Standardeinrichtung. Trotzdem – oder gerade deshalb – mag ich sie. Sie ist immer gut besucht. In der Früh holen sich die Polizist/innen, die den S-Bahnhof – wer weiß warum – bewachen, ihren Morgenkaffee. Später kommt der Mann mit dem Alu-Hut {er scheint sich seiner Sache sehr sicher}. Die vietnamesische Frau von der Änderungsschneiderei und die Punks, die ihr Nichtstun exzessiv vorm S-Bahnhof ausleben, holen sich ein Teilchen und die jungen Leute mit den fleischgetunnelten Ohren versammeln sich redend und rauchend vorm Eingang. – Im Vorbeigehen bleibt mein Blick an einem jungen Paar hängen. Vielleicht 19 Jahre alt. Sie sitzen direkt hinter der Scheibe, ins Gespräch vertieft. Er mit Cappy, sie mit blondiertem Haar. Jede/r eine Kaffeetasse und ein Baguette vor sich. Dann beugt sie sich plötzlich vor, zieht ihm lachend das Capy in die Stirn, wirft den Kopf in den Nacken – mit frappierender Eleganz. »Was hat er wohl gesagt?«, frage ich mich und blicke ihn an. Er himmelt sie an, wird ganz unter ihrem Blick, der ihn so liebevoll erwidert.


Ueber AirBnB haben wir 2 Wohnungen in Moskau gemietet

Was mich in dieser zweiten Woche des neuen Jahres noch bewegt hat, habe ich wie gewohnt gelistet:

  1. GESEHEN: »A Tribute to Barack Obama«
  2. GEHÖRT: »Hallelujah« {John Cale}
  3. GELESEN: »Es geht uns gut« {angefangen, eingefangen}
  4. GEDACHT: Wir werden wohl noch länger auf Sicht fahren müssen.
  5. GEMACHT: eine Ausstellung und einen Film vorbereitet
  6. GESUCHT: utopische Ideen
  7. GEFUNDEN: eine Anleitung, um die Demokratie zu reparieren und eine zu ihrer Rettung
  8. GEFALLEN: die Keramiken von Studio Anchor
  9. GEFREUT: auf einen Abend mit Mareice
  10. GERÜHRT: von den Abschiedsworten an Michelle Obama und den Begegnungsmomenten
  11. GESTAUNT:  über Antoine Leiris
  12. GEFRAGT: Welche Bedeutung wird dieses Jahr/werden wir dem vergangenen wohl geben?
  13. GESCHMUNZELT: über Ma.’s Berufsentscheidungsschwierigkeiten: »Mama, ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich werden will: Tänzerin, Sängerin oder Musikerin.«
  14. GEWÜNSCHT: mehr Leichtigkeit für alle
  15. GEKLICKT: Coffeeklatch

Ein schönes Wochenende!

Früher waren sie „frei“, heute sind sie Superpapas. Sie wohnen im Prenzlauer Berg in Berlin und wenn sie nicht bloggen, dann arbeiten sie ein wenig. Am liebsten aber verbringen sie Zeit mit ihren Familien. Wie sie sich dabei die Freiheit bewahren, wie und wo sie sie leben und was sie noch brauchen könnten für das vollendete (Familien-)Glück, erzählen die beiden im heutigen Montagsinterview.

Habt vielen Dank, ihr zwei, für das kurzweilige Gespräch, das zumindest mich noch neugieriger macht auf die zwei Menschen hinter den Superpapas. In diesem Sinne einen angeregten Start in die Woche wünsche.


Heute sind die Rollen zwischen Papa und Mama übergreifend. Keiner ist mehr „Super“ als die/der andere – eben dieses Zusammenspiel macht das (Familien)Leben super!


Das Bild zeigt einen Vater mit Tochter. Er haelt eine Wunderkerze

Wer sind die Superpapas? Und für wen seid ihr Superpapas?

Superpapas, tja. Eine gute Frage. Eigentlich nehmen wir das Leben nicht ganz so ernst und haben uns anfänglich eher selber auf den Arm genommen mit dem Begriff „Superpapa“ als man noch ganz unbedarft in das Erlebnis Papa eingetaucht ist. Um vielleicht ein wenig aufzufallen in der großen weiten Bloggosphäre, sind wir (zwei Papas aus dem Prenzlauer Berg in Berlin) bei dem Namen für unseren Blog geblieben und schreiben regelmäßig über Themen, die man als Vater so erlebt!

Was macht ihr, wenn ihr gerade nicht Superpapas seid? Und was habt ihr gemacht, als ihr noch „frei hattet“?

Wenn wir nicht bloggen, gehen wir natürlich ein wenig arbeiten und versuchen, so viel Zeit mit den Kindern und der Familie zu verbringen, denn das ist, was im Leben zählt! Als wir noch „frei“ hatten, haben wir das Leben auf eine andere Art und Weise (studieren, jobben, feiern) genossen, würden jetzt aber nicht mehr tauschen wollen…

Das Bild zeigt einen Mann von hinten im Gegenlicht. Er traegt einen Hut

Wie war der Weg vom „freien Mann“ zum „Superpapa“?

Das ist schwer zu sagen. Logischerweise ist das Papawerden eine große Umstellung, und wie immer stellt man sich das Ganze anders vor, als es dann tatsächlich ist. Dennoch ist man heute nicht nur (Super)Papa, sondern hat auch ein wenig Freizeit, so dass man auch noch als „freier Mann“ die Freizeit nutzen kann.

Wie viel Raum gibt es neben dem Superpapa noch für den „freien Mann“? Und wie sichert ihr dieses „Biotop“ im Familienalltag?

Wir haben relativ früh damit angefangen, in einer recht „eingeschworenen“ Paparunde regelmäßig Ausflüge am Wochenende mit den Kindern zu machen. Das hat den Vorteil, dass die Kinder auch mal Unfug machen können und die Papas sich über das Jahr hinweg öfter sehen. Und auch das ein oder andere Feierabendbier unter Jungs sollte man sich bewahren…

Das Bild zeigt einen Mann von hinten. Er hat ein Kind auf dem Arm und steht mit dem Ruecken zum Meer

Was macht einen Superpapa aus und was eine Supermama?

Wir denken, dass in der heutigen Zeit, in der die Rollen zwischen Papa und Mama eher übergreifend sind und jeder Teile der „klassischen Rollenverteilung“ ausprobiert und annimmt, keiner mehr „Super“ ist als der andere, sondern das Zusammenspiel das (Familien)Leben super macht!

Wie und wo leben die Superpapas in Berlin?

Wir leben seit Jahren im vielfach zitierten Prenzlauer Berg in Berlin, sind aber weder Hipster noch machen wir etwas mit Medien. Der ein oder anderen Bio-Mahlzeit sind wir natürlich nicht abgeneigt, schon zum Wohle der Kinder 😉

Das Bild zeigt zwei Maenner in einer Bar, Superpapas, Unsplash

Was sind eure liebsten Orte in Berlin als (a) Superpapa und (b) „freier Mann“?

Als Superpapas sind wir natürlich sehr gern auf Spielplätzen, aber auch an Seen in und um Berlin anzutreffen. Eben dort, wo die Kinder ihren Spaß haben.

Als „freier Mann“ treffen wir uns sehr gern im Schusterjungen (Alt-Berliner Kneipe und Restaurant), um bei Bier und Schnitzel über das Leben zu philosophieren…

Was wünscht ihr euch von der Politik, damit das Superpapa-Leben (noch) besser/einfacher wird?

Also wir können wirklich nicht klagen, es gibt genug Grünflächen und Spielplätze in der Umgebung. Außerdem haben wir tolle Elternzeiten genießen dürfen. Im Hinblick auf unsere Kinder wäre natürlich ein Wunsch an die Politik, verstärkt das Thema IT in die Schulen zu bringen, um unsere Kinder fit für die Zukunft zu machen. Hoffentlich keine Nerds 😉

Das Bild zeigt einen Mann mit Muetze von hinten. Superpapas

Fotos via Unsplash: „König“ von Pawel Furman, „Vater und Tochter“ von Caleb Jones, „Mann mit Hut“ von Elijah Hail, „Vater vor Meer“ von Steven van Loy, „Männer in der Bar“ von Clem Onojehhuo, „Mann mit Mütze“ von Luke Pamer

Inka Cee ist viel und weit gereist, hat viel gesehen und erlebt. Sie war in Afrika und der Antarktis, in Asien und Amerika. Doch wer reisen will, sagt sie, muss nicht weit fort. Sobald wir uns öffnen für das Neue und Unbekannte, wenn wir bereit sind, uns zu verändern und verändern zu lassen, begeben wir uns auf eine Reise. Sie selbst ist von jeder Reise verändert zurückkehrt, egal ob sie auf einem Gletscher oder an den vorpommerschen Darß führte. Auf blickgewinkelt erzählt sie von ihren Reisen, im heutigen Montagsinterview spricht sie über das Reisen.

Vielen Dank, liebe Inka, für das anregende Gespräch, mit dem ich allen einen inspirierten Start in die KW 42 wünsche.


»Die Intention macht den Unterschied zwischen Reisen und Urlauben. Wenn ich mich öffne für das Neue, begebe ich mich auf eine Reise.« 


Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt sie am ostseestrand am darß

Inka Cee – geboren in Wolfsburg, wohnhaft in Berlin, gärtnernd in Brandenburg. Welche Rolle spielen diese Orte in deinem Leben?

Sehr unterschiedliche. Ich habe mich häufig wieder neu erfunden, und doch gehören diese verschiedenen Welten natürlich alle zu mir. Zu Wolfsburg habe ich ein seltsames Verhältnis, ich bin dort geboren und aufgewachsen, habe mich dort das erste Mal verknallt und politisch erfunden, das erste Frauencafé Niedersachsens gegründet und meine ersten Demos mitgemacht. Aber ich habe dort auch meine Mutter beerdigt und mit Teenagerdepressionen gekämpft. Dass mein Vater das Haus irgendwann verkauft hat und weggezogen ist, ist einerseits tragisch und andererseits sehr befreiend.

In Berlin durfte ich ein ganz neues Leben starten, das war damals sehr wichtig für mich und meine Suche nach Ausgeglichenheit. Dann kam die übliche Studienzeit, wechselnde Partner, Nächte durchtanzen in der anonymen Großstadt – ich fand diese wilde Zeit sehr großartig.

Brandenburg habe ich entdeckt, als ich aufgrund von Rückenschmerzen anfing, viel zu laufen, was mir extrem gut tat. Zu der Zeit habe ich erst gemerkt, wie sehr Naturkind ich bin. Erst einige Jahre später habe ich dann den Mann kennengelernt, der einen Kirschkernspuck von Berlin weg in Brandenburg lebt und dann mit Bloggen angefangen, was mein Leben wieder sehr verändert und meine Zuneigung zu Brandenburg, zum gärtnern und überhaupt ländlichen Gegenden sehr vertieft hat. Also nicht, dass der Mann ländlich leben würde, aber wir träumen beide von einem alten Bauernhof, den wir irgendwann kaufen und ausbauen.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt berlin vom grunewald aus

Wie und wo und warum lebst du in Berlin?

Dass ich nach meinem Abitur nach Berlin ziehen würde, war früh klar: Meine besten Freundinnen lebten dort, so hatte ich auch meinen damaligen Berliner Freund kennen gelernt, und mein Großvater stammte aus Berlin, dessen Berliner Schnauze ich immer heiß und innig geliebt habe. Und schließlich freute ich mich sehr auf die Anonymität und das Großstadtleben, und das war ja auch eine self fullfilling prophecy.

In Berlin halte ich meine kleine 2-Zimmer-Wohnung, obwohl ich meistens im Haus des Mannes bin. In diese Wohnung habe ich mich vor 10 Jahren sofort völlig verknallt, als ich sie betrat, und ich bin noch nicht bereit, sie komplett aufzugeben und ganz mit dem Mann zusammenzuziehen, zudem brauche ich ab und an mal meine Ruhe. Der Mann hat Kinder, regelmäßig geht es bei uns etwas trubelig zu, und natürlich braucht es da auch Kompromisse. Ich hoffe, ich bin ein sehr kompromissbereiter Mensch, neige aber schon sehr zum Einsiedeln und war früher immer gewöhnt, mir meinen Alltag auch trotz Partner kompromisslos einzurichten. Da ist das natürlich eine große Umstellung, auch nach fast sechs Jahren.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt herbst in brandenburg am kanal

Woher rührt deine Lust am Reisen?

Das wurde ich schon einige Male gefragt und ich habe keine wirklich schlüssige Antwort darauf. Ich vermute, es ist die Mischung aus Neugier, Entspannung, Herausforderung und Relativierung: Ich liebe es, neue Dinge zu entdecken, und ich liebe die Fotografie, insbesondere in der Natur. Da liegt das Reisen nahe, ob nun in Brandenburg oder in Südamerika.

Dann gibt es auch Dinge oder Plätze, die sich einfach gut für mich anfühlen, zu denen ich immer wieder zurückkehren möchte. Das ist das ewige Eis, weshalb es mich immer wieder in polare Regionen treibt. Das ist das real gewordene Kirschblütental auf dem Darß an der Ostsee, wo ich jedes Jahr hinfahre. Das ist Afrika südlich der Sahara, dessen Mentalität mir in vielerlei Hinsicht gefällt.

Und dann reise ich wegen der Herausforderung, mich mit neuen, anstrengenden und auch unangenehmen Dingen auseinanderzusetzen. Im Grunde finde ich mich viel zu faul und fordere mich damit selber, meine Sinne neu zu entdecken und in meinem Kopf Dinge mal wieder umdenken zu müssen. Außerdem finde ich draußen in der Welt so viele Dinge, die mir zeigen, dass ich noch kleiner bin als der kleinste Furz, global betrachtet. Und das macht mich glücklich. Die eigene Person zu relativieren, zu wissen, dass ich so unwichtig im Großen und Ganzen bin, finde ich tatsächlich sehr tröstlich, das macht mich glücklich und angstfrei.

Oh, und Spaß natürlich, nicht zu vergessen. An fremden Orten fließt die Kreativität manchmal besser, und damit auch der Humor. Der Mann und ich stellen zum Beispiel gerne an Reiseorten berühmte Filmszenen nach… total albern, ich weiß. Wer weiß, welche Szene das hier auf dem Foto ist?

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt sie und ihren mann in rom
Welche Szene stellen Inka und ihr Freund nach?

Welche Reisen haben dich – wie – verändert?

Tanzania, eine meiner ersten Fernreisen, hat mich verändert. Ich hatte damals wahnsinnig wenig Geld, konnte während des Studiums – ich habe unter anderem Afrikawissenschaften studiert – häufig die Miete nicht bezahlen und diese Reise konnte ich mir nur mit der Finanzierung durch meinen Vater leisten. Und dann waren da diese Kinder mit den aufgeblähten Bäuchen, die weinten, weil sie noch nie einen weißen Menschen gesehen hatten. Ich habe meinen ersten Elefanten in der Wildnis getroffen, hatte das erste Mal Angst vor korrupten Polizisten, bin nachts durch die Straßen des geheimnisvollen Stown Towns auf Sansibar gelaufen und habe mir am Lagerfeuer Geschichten eines Rastas angehört. Da habe ich gewusst: Ich will noch so viel mehr erleben. Damals hätte ich das südliche Afrika gerne mehr kennen gelernt, leider fehlten mir die finanziellen Mittel. Einfach mal so durch die Weltgeschichte tingeln, wie viele Leute das heute machen, war einfach nicht drin.

Meine erste Fernwanderung hat mich verändert, es war der so unspektakulär klingende Rheinsteig. Damals ein Riesending für mich, und es fühlte sich unfassbar großartig an. Diese Erkenntnis hat viel bewegt. Seit damals weiß ich, was Selbstbewusstsein für mich bedeutet und dass in mir Glücksgefühle explodieren, sobald ich mich auf eine Wanderung begebe.


»Die Antarktis hat mich wahnsinnig ehrfürchtig gemacht: Ich darf hier am Ende der Welt sein und dieses Wunder sehen.«


Die erste Reise nach Grönland hat mich verändert, beim Anblick der riesigen Gletscher war es Liebe auf den ersten Blick. Und dann die Antarktis! Sie hat mich wahnsinnig ehrfürchtig gemacht: Ich darf hier am Ende der Welt sein und dieses Wunder sehen.

Kasachstan hat mich verändert: So viel Hoffnungslosigkeit, so viel Brutalität live zu sehen war ein Schock, oder vielmehr war der Schock, gar nicht damit umgehen zu können. Zudem hatte ich das erste Mal in meinem Leben die sehr reale Angst, im nächsten Moment vergewaltigt zu werden. Nie ist mir mehr bewusst geworden, dass ich jetzt mit meiner Beziehung auch Verantwortung trage und mich nicht mehr leichtfertig in jedes Abenteuer stürzen darf. Ich reise seitdem vorsichtiger.

Gut, ich merke, ich mache hier gerade endlos weiter. Im Grunde verändert mich wohl jede Reise, wenn sie etwas verändert hat in meinem Innern.

Was macht {für dich} den Unterschied zwischen „Urlaub im Ausland“ und {Fern}Reisen?

Die Intention macht den Unterschied, und damit auch die Wahrnehmung. Deshalb muss für mich eine Reise gar nicht unbedingt außerhalb meines Alltagsumfeldes stattfinden. Sobald ich mich aufmache, etwas Neues auf meinem Weg zu entdecken, begebe ich mich auf eine Reise. So entstand auch der Name „blickgewinkelt“, auch wenn das etwas kryptisch gedacht ist.

Der Begriff „Reise“ bedeutete ja ursprünglich „sich auf den Weg machen“, der „Aufbruch“. Wenn ich reise, bewege ich mich, ob nun körperlich oder geistig. Wenn ich Urlaub mache, möchte ich eine Pause von etwas, meist vom Alltag, und bewege mich eher wenig. Aber das sieht eventuell jede/r anders.

Mit den Kindern machen wir Urlaub, weil die Mehrzahl eher für „Lange-Schlafen und Nixtun“ ist – was nicht so ganz nach meinem Geschmack ist. Da ist ein perfekter Kompromiss übrigens eine Floß- bzw. Hausbootfahrt durch Brandenburg – einer meiner schönsten Urlaube bisher, was wir unbedingt wiederholen wollen.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt einen steg am see in brandenburg
Flossfahren in Brandenburg

Übernächstes Jahr möchte ich mit meinem 23jährigen Sohn eine ca. 10tätige Fernreise machen. Welche Reise würdest du mir warum empfehlen?

Puh, da muss ich schwer nachdenken. Ich mache jetzt mal ein Ausschlussverfahren: Zuerst einmal würde ich Nord- und Südamerika streichen, das finde ich für 10 Tage viel zu weit. Ohnehin sind 10 Tage etwas kurz, um sich einer sehr fremden Kultur anzunehmen, sonst hätte ich Äthiopien vorgeschlagen, was irre interessant ist. Ich persönlich hätte da aber lieber mehr Zeit, um mich darauf einzulassen.

Was Afrika angeht, wäre Südafrika noch eine Möglichkeit, das ist zwar weit, aber fast die gleiche Zeitzone, man fliegt über Nacht und Südafrika ist „Africa for Beginners“, wie wir im Studium immer etwas verächtlich gesagt haben, weil es sehr viel weiße, koloniale Strukturen hat, die uns nicht fremd sind. Das soll jetzt aber nicht so negativ klingen, ich fand Südafrika ganz toll. Auch Marokko wäre sicher sehr spannend.

Aber! Es soll ja vermutlich eine ganz besondere Reise sein, und da würde ich weniger eine Reise machen, bei der das Programm von A bis Z durchgeplant ist und wenig Zeit für die spannenden Entdeckungen am Wegesrand bleibt, denn die machen ja eine besondere Reise aus. Wie wäre es deshalb zum Beispiel mit einem Roadtrip zum Nordkap? Das muss unwahrscheinlich toll sein. Oder mit dem Zug durch Österreich, Slowenien, Kroatien bis nach Montenegro, das stelle ich mir unheimlich toll vor. Und zwischendurch mal Aussteigen und Leute kennen lernen. Von Mitreisenden im Zug Tipps holen.

Ansonsten: Immer wieder Griechenland. So riesig, so abwechslungsreich, die gastfreundlichsten Menschen, die ich je erlebt habe, viele tolle Gespräche, trotz der Sprachhürden. Die Akropolis, Geschichte hautnah spüren, im Dionysos-Theater sitzen, wo vermutlich Demokrit mal gesessen hat! Die tolle Landschaft, die Berge auf den Peloponnes, kleine Klöster, die in hunderten Metern Höhe an eine Felswand gequetscht sind, Olivenhaine, das Meer. Ich glaube, es kann gar keinen Menschen geben, der Griechenland nicht lieben kann.

Ein Foto von Inka Cee von blickgewinkelt zeigt eiine haeuserzeile am kanal in venedig

Merken

Heute werfe ich den letzten Blick hinter ein Plakat. Nach FDP, Piraten, SPD, Grünen und DIE LINKE trifft es dieses Mal das Konterfei eines CDU-Kandidaten: Götz Müller.

Der studierte Volkswirt, Philosoph und Vater bezeichnet sich selbst als „Kiezgestalter“, was für mich zunächst nicht recht zusammenpassen wollte. Das Wort „Gestalter“ verbinde ich eher mit T-Shirt und Turnschuhen als mit Hemd und Krawatte. Doch unsere zufällige Live-Begegnung zeigte: Herr Müller kann auch „casual“.

Was ihn neben dieser Wandlungsfähigkeit auszeichnet, welche Gestaltungsideen er für den Kiez und darüber hinaus hat, wofür er sich stark machen und streiten will, das verrät er in unserem Gespräch.

Vielen Dank, lieber Herr Müller, für die interessanten Einblicke!


In eigener Sache

Ich habe durchaus darüber nachgedacht, ob ich nicht auch einen Blick hinter das Plakat des AfD-Kandidaten werfen sollte oder vielleicht sogar müsste. Schließlich habe ich mich dagegen entschieden. Warum? Weil ich hier niemanden zu Wort kommen lassen möchte, der sich in einer Partei engagiert, die:

Ich streite gerne über das „Wie“: Wie können und wollen wir in diesem Staat zusammenleben? Das tue ich auch außerhalb meiner Echokammern. Aber ich nicht mit jemandem, der das „Ob“, also die parlamentarische Demokratie, zur Disposition stellt bzw. stellen lässt.


Goetz Mueller Direktkandidat der CDU Kreuzberg-Friedrichshain

Was zeichnet den Menschen Götz Müller aus?

Hartnäckigkeit ist wahrscheinlich meine größte Stärke, was es meinem Umfeld zugegebenermaßen aber auch nicht immer ganz leicht macht. Ich bin ein sehr aufgeschlossener Typ und gehe gerne offen auf Leute zu. Dabei interessiere ich mich für die Geschichten hinter den Menschen und ihre Anliegen. Privat würde ich mich als Vollblut-Papa bezeichnen, der so oft wie möglich die Hobbies seines Sohnes von Schach bis Schwimmen teilt.


ICH INTERESSIERE MICH FÜR DIE GESCHICHTEN HINTER DEN MENSCHEN UND IHRE ANLIEGEN. PRIVAT WÜRDE ICH MICH ALS VOLLBLUT-PAPA BEZEICHNEN.


Was macht Sie zum „Kiezgestalter“?

Seit 2001 engagiere ich mich im Bezirk politisch, um die Kieze so lebenswert wie möglich zu gestalten. Ob es um Straßenverkehrsbelange wie Zebrastreifen vor Schulgebäuden oder Poller an Gehwegen geht. Die Sicherheit besonders der schwächeren Verkehrsteilnehmer ist mir sehr wichtig.

Eines meiner Herzensanliegen ist der Sport und dessen Förderung im Kiez. Als Vorsitzender des Sportausschusses habe ich beispielsweise erfolgreich für den Erhalt des Tennisclub Friedrichshain e.V. gekämpft oder auch zur Abwendung der – aus meiner Sicht – widerrechtlichen Schließung des Baerwaldbades im Graefekiez in Kreuzberg beitragen können. Für die nächste Legislaturperiode habe ich bereits Ideen, wie die Sicherheit im Kiez erhöht werden kann:

  • kreuzgefährliche Situation am U-Bahnhof Samariterstraße entschärfen
  • bessere Ampelschaltung für Fußgänger an den vielen Übergängen an der Frankfurter Allee

Außerdem ist mir wichtig:

  • Neubau und Sanierung von Schulen zu beschleunigen: In Berlin dauert es sieben Jahre in Hamburg oder München vergleichsweise drei.
  • Saubere und sichere Spielplätze zur Verfügung zu stellen. Stichwort: schnellere Instandsetzung. … um nur ein paar Beispiel zu nennen.

In Wiesbaden geboren und in Mainz studiert – was hat Sie wann nach Berlin und in den Samariterkiez „verschlagen?

Nach Berlin hat mich 1989 die Atmosphäre der Stadt gezogen: Es ist für mich immer noch deutlich was dran an der Berliner Luft!

In den Samariterkiez bin ich dann 1998 gezogen, weil es ein prickelnder Kiez ist, in dem sich die Vielfalt dieser tollen Stadt in besonderem Maße zeigt. Hier kenne ich mich inzwischen – unter anderem auch durch meinen Einsatz für die Menschen dort – sehr gut aus.


ES IST FÜR MICH IMMER NOCH DEUTLICH WAS DRAN AN DER BERLINER LUFT!


Kinder beim Schaukeln auf dem Spielplatz

Was mögen Sie am Samariterkiez besonders? Was stört Sie am meisten?

Ganz besonders mag ich das Café im Park auf dem Forckenbeckplatz und einfach die Familien-Atmosphäre im Kiez. Auch kann man im Samariterkiez sehr gut und sehr vielfältig essen. Die Parkraumbewirtschaftung im östlichen Kiezteil nervt. Da sie wohl nicht mehr abgeschafft werden kann, sollte wenigstens eine „Brötchentaste“ eingeführt werden, die ein kurzzeitiges kostenfreies Abstellen von Autos für fünfzehn Minuten ermöglicht.

Auch der Zustand einiger Spielplätze und Grünanlagen ist bedauerlich, da müssen wir etwas ändern. Besonders stört mich aber, dass im Kiez Menschen wohnen, die andere einschüchtern, wenn sie andere Ansichten haben und die auch nicht vor Gewaltanwendung zurückschrecken, bspw. Autos anzünden oder Häuser beschmieren. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass Anwohner sich dadurch verunsichert fühlen. Unfassbar, dass dadurch die Stimmung im Familienkiez negativ beeinträchtigt wird.


ICH MAG EINFACH DIE FAMILIENATMOSPHÄRE IM KIEZ. MICH STÖRT, DASS IM KIEZ MENSCHEN WOHNEN, DIE ANDERE EINSCHÜCHTERN, WENN SIE ANDERE ANSICHTEN HABEN.


Wo sehen Sie das größte Potenzial des Kiezes, wo die größten Risiken für den Kiez?

Das größte Potential des Kiezes liegt in seiner Bevölkerungsstruktur: Hier leben viele Familien neben friedlichen alternativen Wohnprojekten – ja die gibt es hier auch! Hier muss die Politik es schaffen, die notwendige Infrastruktur bereitzustellen (z. B. Schulen, Kitas).

Sie wollen der „ausdrücklichen Benachteiligung des motorisierten Individualverkehrs durch die Grünen“ ein Ende setzen. Worin besteht Ihres Erachtens die Benachteiligung? Und was wollen Sie warum für den MIV tun?

Als erklärter Gegner flächendeckender Parkraumbewirtschaftung, die die Menschen ohnehin nicht vom Autofahren abhält, sondern nur dazu dient, die Bezirkskasse aufzubessern, fordere ich die Abschaffung oder zumindest die Einführung von „Brötchentasten“ für kurzzeitiges, kostenfreies Parken. Es ist doch nervig, wenn man seine Kinder vom Sport oder Musizieren etc. abholt und man jedes Mal fürs (Kurz-) Parken zur Kasse gebeten wird.

Ich bin für den langfristigen Ringschluss der A100, damit sich die Verkehrssituation in den Innenstadtbezirken entspannt.


ICH BIN FÜR DEN LANGFRISTIGEN RINGSCHLUSS DER A100, DAMIT SICH DIE VERKEHRSSITUATION IN DEN INNENSTADTBEZIRKEN ENTSPANNT.


Es war ein Fehler die Stellplatzverordnung abzuschaffen, die Investoren verpflichtete, für Parkplätze ihrer Mieter bzw. Wohnungseigentümer zu sorgen.

Eine tatsächliche Gleichbehandlung aller Verkehrsträger im Bezirk ist mir wichtig. Dazu gehören für mich auch:

  • längere Ampelschaltungen für Fußgänger an verschiedenen Straßen.
  • die Entschärfung der Gefahrensituationen für Radfahrer an vielen Stellen im Bezirk.
  • die Förderung von E-Fahrzeugen und Rollern durch entsprechende E-Tankstellen.

Stellen Sie sich vor, Sie wachen am 19. September auf und die Wahl ist genauso ausgegangen, wie Sie es sich wünschen. Wie sähe das Wahlergebnis aus?

Ich hätte drei Wünsche:

  1. die CDU Berlin wird stärkste Kraft im Abgeordnetenhaus, weil sie einfach das beste Programm für ein wirklich starkes Berlin hat.
  2. die CDU Friedrichshain-Kreuzberg wird auf Bezirksebene zweistellig und stellt einen Stadtrat.
  3. die AfD schafft es weder ins Abgeordnetenhaus, noch in die BVV 8.

Angenommen Sie werden am 18. September ins Abgeordnetenhaus gewählt: Was wollen Sie bis 2021 konkret erreicht haben?

Verbesserungen in:

  • Bildung: Schulneubauten in ganz Berlin beschleunigt. Verbeamtung von Lehrern umgesetzt. Bildungsqualität verbessert. Gymnasien erhalten.
  • Verkehr: A100 bis Storkower Straße verlängert. Innenstadtverkehr entlastet. Zustand der Straßen, Gehwege und Fahrradwege verbessert. Carsharing und E-Mobilität weiter vorangetrieben.
  • Haushalt: Verschuldung Berlins weiter reduziert. Spielräume für Investitionen geschaffen.

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Der Wahltag rückt näher. Allerorten wird plakativ nachgerüstet. Bis zu vier Plakate reihen sich an einen einzigen Laternenpfahl und zeigen so eher versehentlich, was Demokratie aus- und darum eben gut macht: Es ist ein Wettbewerb um die besten Ideen und Deutungen, der verhindert, dass sich eine Meinung gegen andere durchsetzen kann. Es geht nur miteinander im konstruktiven Disput. Natürlich ist das manchmal frustrierend, weil es ein zäher und langwieriger Aushandlungsprozess sein kann, der womöglich mit einem Kompromiss endet, der mir nicht recht schmecken will. Aber lieber schlucke ich mal eine Kröte, als gar nicht mehr kochen zu können.

Im heutigen „Blick hinters Plakat“ erzählt Damiano Valgolio von den LINKEN, für welche Ideen und Deutungen er streitet. Vielen Dank, lieber Herr Valgolio, für die interessanten Einblicke.

Damiano Valgolio, DIE LINKE, Friedrichshain, Berlin

Geboren 1981. Fachanwalt für Arbeitsrecht und ehemaliger Personalrat. Wer und was sind Sie noch?

Vielversprechendes Nachwuchstalent beim VfB Berlin Friedrichshain, offensives Mittelfeld.

Sie leben seit 2002 in Friedrichshain. Wo haben Sie vorher gelebt und was hat Sie hierher „verschlagen“?

Ich komme aus Hannover. 2002 bin ich nach Berlin gekommen, weil ich für eine linke Tageszeitung gearbeitet habe und die Redaktion in Berlin saß. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu leben. In Friedrichshain bin ich gelandet, weil es hier die billigsten Wohnungen gab. Außerdem war das damals schon der entspannteste Teil der Stadt.


IN FRIEDRICHSHAIN BIN ICH GELANDET, WEIL ES HIER DIE BILLIGSTEN WOHNUNGEN GAB UND ES SCHON DAMALS DER ENTSPANNTESTE TEIL DER STADT WAR.


Friedrichshain, Simon-Dach-Straße

Seit wann und warum sind Sie Mitglied der LINKEN?

Ich bin Mitglied der LINKEN seit sie 2007 entstanden ist. Vorher war ich Mitglied der WASG, in der sich junge Aktivisten und Gewerkschafter zusammengeschlossen hatten. Ich bin ein Linker, weil ich denke, dass sich vieles ändern muss und dafür braucht man eine gute Organisation. Ich finde Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität wichtig. Ich will nicht in einer Stadt wohnen, in der jedes dritte oder vierte Kind unterhalb der Armutsschwelle lebt und die Menschen sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten können.


ICH FINDE WERTE WIE GERECHTIGKEIT UND SOLIDARITÄT WICHTIG.


 Die-Kunst-mit-viel-Arbeit-wenig-Geld-zu-verdienen

Als Anwalt und Mitglied der LINKEN setzen Sie sich für gute Arbeits- und Lebensbedingungen ein. Was zeichnet „gute Arbeits- und Lebensbedingungen“ für Sie konkret aus?

Zu einem guten Leben gehört zuerst materielle Sicherheit. Also eine vernünftige Wohnung, Mobilität, Kultur, Spaß und Sport, Urlaub und natürlich gutes Essen. Eine gute Versorgung mit Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern. Außerdem gehört dazu, dass man sich überall frei bewegen kann und nicht so viel Stress hat, dass man kaum noch schlafen kann.

Von Arbeit muss man gut leben können, ohne Sorge um die Zukunft und ohne davon krank zu werden. Eigentlich ist das alles nicht zu viel verlangt. Gute Arbeits- und Lebensbedingungen müssen in einem reichen Land wie Deutschland für alle drin sein.


VON ARBEIT MUSS MAN GUT LEBEN KÖNNEN, OHNE SORGE UM DIE ZUKUNFT UND OHNE DAVON KRANK ZU WERDEN. EIGENTLICH IST DAS NICHT VIEL VERLANGT UND MUSS IN EINEM REICHEN LAND WIE DEUTSCHLAND FÜR ALLE DRIN SEIN.


Die Uhr tickt. Wie viel Zeit bleibt uns, um das Schlimmste zu verhindern? Rechtsexetremismus

Außerdem sind Sie für das Thema Antifaschismus zuständig und engagieren sich gegen Rechts. Friedrichshain gilt als eher linker Bezirk. Wie rechts ist Friedrichshain – und wo?

Offenen Rechtsextremismus und offene Nazitreffpunkte gibt es in Friedrichshain zum Glück immer weniger. Am Petersburger Platz gab es bis 2014 ein Thor-Steinar-Geschäft, das Kleidung für Neonazis verkauft hat. Das Geschäft haben wir mit langem Atem und vielen Anwohnerinnen und Anwohnern zusammen vertrieben. Aber wir müssen weiter aufpassen.

Derzeit erleben wir einen Rechtsextremismus mit bürgerlichen Antlitz, der versucht vorzudringen. Die Wahlerfolge der AfD sind dafür ein Indiz. Wenn die soziale Situation der Menschen sich weiter verschlechtert und wir keine solidarischen Antworten von unten finden, kann das sehr gefährlich werden.


DERZEIT ERLEBEN WIR EINEN RECHTSEXTREMISMUS MIT BÜRGERLICHEM ANLITZ, DER VERSUCHT VORZUDRINGEN. WENN SICH DIE SOZIALE SITUATION WEITER VERSCHLECHTERT UND WIR KEINE SOLIDARISCHEN ANTWORTEN FINDEN, KANN DAS SEHR GEFÄHRLICH WERDEN.


DIE LINKE Berlin, Wahlkampagne 2016

Wenn Sie freie Hand hätten – welche drei Dinge würden Sie zuallererst verändern im Bezirk?

  • Bezirkliche Mietobergrenzen
  • Enteignung der leer stehenden privaten Flächen und Gebäude im Bezirk, um günstigen Wohnraum zu schaffen
  • Ein Fußballstadion mit Naturrasenplatz für die Friedrichshainer Vereine neben dem SEZ

Samariterkiez 2025 – welche Überschrift wollen Sie in der Zeitung Ihres Vertrauens an einem Montagmorgen im Jahr 2025 über den Samariterkiez lesen?

„Kostenloses öffentliches Schwimmbad eröffnet“

Was sind Ihre drei Wünsche für die kommende Wahl?

  • DIE LINKE stärkste Kraft in Friedrichshain-Kreuzberg
  • DIE LINKE erreicht berlinweit 20 Prozent
  • Die AfD unter der 5-Prozent-Hürde

 

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Canan Bayrams Plakat sticht hervor: ein buntes Comic, auf dem sich neben dem Konterfei der Grünen-Direktkandidatin zwei Wahrzeichen des Nordkiezes finden: der Drachenspielplatz mit viel Grün und das regenbogenumspannte Frankfurter Tor. Vielfalt, Familienfreundlichkeit und Stadtnatur – darum scheint es auf den ersten Blick zu gehen. Wofür die Rechtsanwältin und Mutter noch steht, was ihr lieb und teuer ist, das und mehr erzählt sie im heutigen Blick hinters Plakat.

Vielen Dank, liebe Frau Bayram, für die interessanten Einblicke.

Wahlplakat von Canan Bayram die Grünen

Wer und was ist Canan Bayram?

50 Jahre, Rechtsanwältin, seit 10 Jahren Mitglied des Abgeordnetenhauses, lebe mit meiner Tochter im Friedrichshainer Nordkiez.

Sie sind in der Türkei geboren und am Niederrhein aufgewachsen. Welche Bedeutung haben diese Orte für Sie und welche Rolle spielen sie in Ihrem Leben?

Die Türkei ist das Land, in dem ich geboren wurde, aber nicht lange gelebt habe, sondern eher aus dem Urlaub kenne. Ich spreche die Sprache, mag die orientalische Gelassenheit: „Kismet“ meint, dass Dinge sich anders entwickeln können als geplant und dass dies einen Sinn haben kann, der sich jedoch erst später verstehen lässt. Es ist ein gewisses Vertrauen in die Menschen und das Leben, dass wir nicht alles bestimmen müssen, sondern auch geschehen lassen können. Ich höre gerne türkische Musik und mag den orientalischen Tanz. Aktuell sehe ich die Entwicklungen in der Türkei kritisch, da Menschen- und Bürgerrechte sowie Minderheitenrechte in Frage gestellt werden.


ICH MAG DIE ORIENTALISCHE GELASSENHEIT: „KISMET“ MEINT, DASS DIE DINGE SICH ANDERS ENTWICKELN KÖNNEN ALS GEPLANT UND DASS DAS SINN HABEN KANN, DER SICH JEDOCH ERST SPÄTER ERSCHLIESSEN LÄSST.


Der Niederrhein ist ein Ort, der mich geprägt hat: ländlich, katholisch und bodenständig. Ich bin noch regelmäßig am Niederrhein und mag die Natur sowie die Menschen dort. Dauerhaft dort zu leben,
könnte ich mir nicht vorstellen. Zum Studium zog ich aus Nettetal nach Bonn, bin ich also auch mit dem Rheinland sehr verbunden. Ich mag den Karneval und habe noch Freund*innen in Bonn.

Foto (c) Peter Burow
Foto (c) Peter Burow

Ihnen ist der soziale Aufstieg gelungen: Sie haben haben auf dem 2. Bildungsweg das Abitur gemacht und anschließend ein Jurastudium absolviert. Viele, die diesen Weg gegangen sind (mir inklusive) sagen:
„Mein Aufstieg war möglich, aber er war zu schwer.“ Trifft das auch auf Sie zu? Und was wollen Sie tun, um den sozialen Aufstieg durch Bildung leichter zu machen?

Ja, ich würde der Aussage zustimmen. Ich hätte mir mehr Unterstützung von staatlichen Stellen gewünscht. Es ist ein Kampf und hat auch viel mit Glück zu tun, dass einem Menschen begegnen, die man um Rat fragen kann oder die helfen, wenn Hindernisse auftauchen. Ich habe elternunabhängiges BAFöG erhalten. Der Sachbearbeiter war rassistisch, was mich einerseits verletzt, aber auch angespornt hat. Ich wollte beweisen, dass ich es schaffen kann.

Neben Coachings für Schüler*innen und Student*innen sollte es m.E. mehr interkulturelle Kompetenz bei Verwaltungsmitarbeiter*innen geben. Außerdem sollte das BAFöG auch unabhängig vom Einkommen der Eltern gewährt werden können.


DER SACHBEARBEITER WAR RASSISTISCH. DAS HAT MICH VERLETZT, ABER AUCH ANGESPORNT.


2009 sind Sie von der SPD zu den Grünen gewechselt. Warum?

Als frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion bin ich mit Klaus Wowereit und Thilo Sarrazin bei den Themen Frauen- und Integrationsp0litik in Konflikt geraten. Speziell die Anwendung des Landesgleichstellungsgesetzes und dabei die Besetzung von Führungspositionen durch Frauen waren ein Streitthema. Auch bei der Integrationspolitik habe ich mich mit der Position der SPD-Fraktion nicht identifizieren können.

Trotz vieler interner Kämpfe habe ich die Politik nicht so gestalten können, wie ich es für richtig und wichtig hielt. Stattdessen sollte ich meinen Kopf für Positionen hinhalten, die ich ablehne. Unter solchen Umständen konnte und wollte ich kein Politik machen. Der Wechsel zu Bündnis 90/Die Grünen hat mir ermöglicht, die Politik zu machen, für die ich stehe und es macht mir seit 7 Jahren großen Spaß, Ideen und Konzepte zu entwickeln, die von meiner Partei und Fraktion wertgeschätzt werden.

Buntes Leben in Friedrichshain, Street Art, Graffiti, Samariterkiez

Sie leben und arbeiten im Samariterkiez. Was lieben Sie hier am meisten? Was stört Sie am meisten?

Ich liebe den sozialen Zusammenhalt und das Lebensgefühl im Kiez. Die Menschen sind familienfreundlich, vielfältig und offen. Ich mag die kleinen Läden, die alternativen Lebensentwürfe und die vielen unterschiedlichen Sprachen auf den Spielplätzen. Und mir gefällt die Kiezversammlung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Zusammenleben im Kiez miteinander zu gestalten.

Mich stört die Einstufung des Nordkiezes als Gefahrengebiet durch den Innensenator Henkel, der den gesamten Kiez unter Generalverdacht stellt. Meine Wohnung und mein Wahlkreisbüro liegen im Gefahrengebiet, d.h. jeder der sich hier bewegt, läuft Gefahr anlasslos von der Polizei kontrolliert und durchsucht zu werden.


ICH LIEBE DEN SOZIALEN ZUSAMMENHALT UND DAS LEBENSGEFÜHL IM KIEZ.


Wo sind aus Ihrer Sicht die größten politischen Baustellen in Berlin und in unserem Bezirk? Und was wollen Sie daran ändern?

Die größte Herausforderung sehe ich bei den steigenden Mieten und der damit verbundenen Sorge vor weiteren Mieterhöhungen sowie die fehlenden Wohnungen für junge Leute, die aus der elterlichen Wohnung ausziehen, aber im Kiez bleiben wollen. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg setzt sich seit langem dafür ein, dass die Menschen im Mittelpunkt stehen und der Staat sie gegen die Renditeabsichten schützt durch Ausweisung von Milieuschutzgebieten, Umwandlungsverordnung, Mietpreisbremse und Zweckentfremdungsverbotsverordnung.

Die Situation für Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen im Kiez ist schwierig. Die Verkehrspolitik muss zugunsten von ÖPNV, Fahrrad und Fußgänger entwickelt werden. Der Bezirk setzt sich für mehr und bessere Fahrradwege ein; auf Landesebene unterstützen wir die Forderung des Radentscheides. Der ÖPNV muss weiter ausgebaut werden. Ich lehne die A100 ab, denn dieses Autobahnprojekt steht für ein veraltetes Modell von Mobilität.

Die Verwaltung des Landes Berlin muss neu aufgestellt werden. Wir brauchen eine moderne Verwaltung  – sowohl technisch als auch „kulturell“: Berlin ist eine Einwanderungsstadt – Mehrsprachigkeit und Offenheit müssen auch in der Verwaltung selbstverständlich sein.

Buntes Leben in Friedrichshain, Street Art, Graffiti, Samariterkiez

Stellen Sie sich vor, Sie wachen am 19. September auf und die Wahl ist genau so ausgegangen, wie Sie es sich wünschen. Wie sähe das Wahlergebnis aus?

Die rechtspopulistischen und rassistischen Parteien wären keine relevanten Wahlgewinner und das Wahlergebnis reichte für eine rot-grüne Mehrheit, so dass wir unsere Ideen und Konzepte umzusetzen können.

Samariterkiez 2025 – welche Überschrift möchten Sie in der Zeitung Ihres Vertrauens an einem Montagmorgen im Jahr 2025 über den Samariterkiez lesen?

Drei Überschriften:

  1. Zahl der verletzten bzw. getöteten Fußgänger und Fahrradfahrer auf Frankfurter Allee auf Null seit Umbau zur Spielstraße
  2. Dank dem grünen Dächer-Programm hat jetzt jede/r Bewohner*in im Samariterkiez  Zugang zu einem begrünten Dach
  3. Samariterkiez gewinnt bundesweiten Stadtteilwettbewerb „Wie wollen wir zusammen leben?“: Ihre Erklärung „Einheit in Vielfalt“ überzeugte die Jury mit guten Beispielen für sozialen Zusammenhalt.

Buntes Leben in Friedrichshain, Street Art, Graffiti, Samariterkiez, Familie, Spielplatz

Am kommenden Sonntag, den 18. September entscheiden die Berliner/innen darüber, wer sie im Abgeordnetenhaus vertreten soll. Doch entschieden sind wohl die wenigsten. „Ratlos vor Rathaus“ titelte gestern der Tagesspiegel„Die jüngsten Umfragen bestätigen, dass es in Berlin keine politische Kraft mehr gibt, der ein großer Teil der Wähler Vertrauen schenkt.“ Den Parteien fehle es, so Ulrich Zawatka-Gerlach, an Klarheit, Souveränität, Persönlichkeit und Kompetenz. Das mag für die Parteien als Ganzes gelten, nicht aber für die einzelnen Kandidat/innen. Die haben durchaus sehr konkrete Vorstellungen davon, was sie verändern und gestalten wollen.

Vergangene Woche haben Marlene Heihsel von der FDP und Felix Just von den Piraten ihre politischen Ziele vorgestellt. Die neue Woche beginnt mit einem Blick hinter das Plakat von Peggy Hochstätter von der SPD. Vielen Dank, liebe Peggy, für das interessante Gespräch, mit dem ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche.

Peggy Hochstaetter im Wahlkampf Berlin
Schmiererei oder kreative Aneignung der Plakate im öffentlichen Raum?

Wer und was ist Peggy Hochstädter?

Ich bin Frau, Mutter, Freundin. Ich hab‘ viele Jahre als Journalistin gearbeitet, das wollte ich schon als Kind – damals zwar noch als Reporterin aus Krisengebieten, später wollte ich aber lieber über Politik schreiben. Irgendwann hab ich dann die Seiten gewechselt, wollte nicht immer nur vor der Tür auf die Informationen warten. Deshalb habe ich dann als Pressesprecherin gearbeitet. Seit ich allerdings in Berlin lebe, endlich einen Ort habe, an dem ich mich richtig wohl fühle, wollte ich auch mitgestalten – so habe ich mich dann immer mehr politisch eingemischt.

Du lebst mit deinen zwei Kindern und Hündin im Samariterkiez. Warum gerade hier?

Hierher bin ich 2004 gezogen, weil Friedrichshain mir sehr entspricht. Es ist diese bunte Mischung aus Clubs, Cafés, Bars, Kneipen, Spätis, Spielplätzen und verschiedensten Leuten, politisch eher links – laut, wild und wenig angepasst.


ES IST DIESE BUNTE MISCHUNG – LAUT, WILD UND WENIG ANGEPASST.


Ich mag viele Menschen hier, verschiedene Orte wie den Forcki, die vielen Spielplätze, die Tapas- und die Weinbar in der Bänschstraße, das Anastasia, Elenas Eisladen in der Samariterstraße, Burgerwehr.

Was mich nicht besonders gefällt, ist, dass inzwischen jede Brache im Kiez zugebaut ist, dass die Mieten so hoch geworden sind und ein bisschen weniger Müll nach dem Wochenende auf dem Forcki würde ich auch klasse finden.

Wo bist du hier in F’hain am liebsten (a) mit deinen Kindern und (b) allein?

Als meine Kinder noch jünger und laufend auf dem Drachenspielplatz waren, bin ich besonders gern ins Anastasia gegangen – so konnte ich in Ruhe Freunde treffen, musste nicht die manchmal doch langweiligen Spielplatzgespräche mitmachen. Heute gehe ich mit meinen Kindern am liebsten auf den Forcki. Ich liebe den Forcki! Aber auch das RAW-Gelände mag ich sehr, die Skaterhalle begeistert meine Kinder besonders. Ich treffe da meistens Leute, die ich kenne – dann ein bisschen quatschen, ein Bier oder Kaffee trinken. Sehr entspannend!

Naja, und gelegentlich gehe ich ja auch tanzen. Da mag ich das Berghain eigentlich am liebsten, nicht die P-Bar, sondern den Main Floor, da ist die Musik laut, kräftig und basslastig, ohne vocals und Firlefanz. Da tanze ich dann mit Freunden gern mal bis morgens.

Berghain, der Club in Berlin
Berghain | Foto (c) Studio Karhard

Alleinerziehende Mutter – das stelle ich mir nicht gerade einfach vor. Was sind die größten Herausforderungen für dich? Was sind die guten Seiten daran?

Da ich eine ganze Menge Dinge ehrenamtlich mache, aber natürlich auch noch arbeiten muss, damit wir essen, trinken, einfach leben können, ist es manchmal schon etwas kompliziert, alle Termine unter einen Hut zu kriegen. Ich bin ehrenamtlich Bezirksverordnete, d.h. ich habe in dem Zusammenhang viele Sitzungen, bin als Elternvertreterin im Bezirksschulbeirat und Bezirkselternausschuss, bin ja auch innerhalb meiner Partei engagiert als Kreisvorstandsmitglied, als Landesparteitagsdelegierte, im Abteilungsvorstand. Ich gehe regelmäßig zur Kiezversammlung – dazu kann ich alle BewohnerInnen des Nordkiezes auch nur aufrufen, bin im Förderverein der Pettenkofer Grundschule!

Naja, dann arbeite ich ja auch noch, einerseits als wissenschaftliche Mitarbeiterin, dann mache ich noch ein bisschen Pressearbeit und gelegentlich schreib ich mal einen Artikel.

Erleichternd bei all diesen Dingen ist, dass ich mich mit dem Vater meiner Kinder und auch mit seiner Freundin gut verstehe. Manchmal kommt er dann auch mal rüber, wenn ich früh los muss und kocht den Kindern Abendessen. Er wohnt ganz nah, das ist sehr praktisch.

Wo siehst du die größten politischen Baustellen in Berlin und in unserem Bezirk?

Die größten Baustellen sind für mich einerseits eine gelingende Integration der vielen geflüchteten Menschen, die zu uns kommen – wir müssen ihnen eine Perspektive bieten, anderseits müssen wir die steigenden Mieten in den Griff bekommen und zum 3. müssen sehr schnell Schulen sehr vernünftig, d.h. umsichtig, gebaut werden. Allerdings sehe ich auch noch andere Baustellen.

Z.B. müssen wir den Veränderungen in der Mobilität Rechnung tragen. 82 Prozent der Menschen im Innenstadtbereich nutzen den ÖPNV, das Rad oder gehen zu Fuß, überhaupt hat nur noch jeder 2. Haushalt in Berlin ein Auto. Deshalb glaube ich auch, dass es eine verkehrspolitische Absurdität ist, die Autobahn von der Elsenbrücke zum Ringcenter zu verlängern. Mehr Straße = mehr Verkehr! Dazu ist die Frankfurter Allee, auf der sich dann die Autobahn ergießen würde, bereits jetzt eine der am meisten mit CO2 belasteten Straßen.

Wir müssen die Aufenthaltsqualität auf Plätzen, Parks und Fußwegen verbessern. Wir brauchen öffentliche Räume für Begegnungen aller Altersklassen, nicht nur Spielplätze für Kinder bis 12, sondern auch für Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen. Das ist auch ein Baustein für eine gelingende Integration und in Zeiten der stetigen Nachverdichtung darf das nicht vergessen werden.

Berlin Friedrichshain, Kinder

Du engagierst dich u.a. für die verkehrspolitische Themen wie Radverkehr. Was kann ich als konsequente Radfahrerin von der SPD auf diesem Gebiet erwarten?

Ich engagiere mich nicht nur für Radverkehr, meine oberste Priorität liegt bei der Schulwegsicherheit und dem Fußverkehr. Allerdings ist beides eng mit dem Radverkehr verknüpft. Dabei geht es auch um Aufenthaltsqualität. Sehr gefreut habe ich mich über die Umsetzung meiner Anträge im Samariterkiez, z.B. die Umwandlung von Autopark- in Radabstellplätze vor der Pettenkofer Grundschule. Auch das Aufstellen und Aufmalen von ‚Achtung Schulkinder‘-Schildern und Markierungen auf der Samariterstraße ist auf meine Anträge zurückzuführen. Zur Zeit kämpfe ich außerdem für die Einführung von Spielstraßen (z.B. in der Liebig- und Niemannstraße). Wir haben kaum noch Flächen im Bezirk, wir müssen uns den öffentlichen Raum zurückerobern.


WIR HABEN KAUM NOCH FLÄCHEN IM BEZIRK, WIR MÜSSEN DEN ÖFFENTLICHEN RAUM ZURÜCKEROBERN.


Weitere Anliegen, für die ich streite, sind die Einführung von Tempo 30-Bereichen in der Ebertystraße, auf der gesamten Boxhagener Straße, in der es zudem auch noch Verbesserungen/Erleichterungen in der Überquerung geben muss. Kinder können diese Straße ja kaum gefahrenfrei passieren.

Ein weiterer meiner Anträge befasst sich mit der Verlängerung der Ampelphasen auf der Frankfurter Allee. Ältere Menschen oder auch Kinder können die Straße ja kaum in einem Zug überqueren, stehen dann also in der Mitte, wenn alle Autos anfahren. Das geht nicht, in einer Straße, die so mit Feinstaub belastet ist.

Es wird wohl auf der Frankfurter Allee zwischen Pettenkofer und Proskauer Straße in Zukunft einen Radstreifen auf der Straße geben – das ist eine tolle Idee! Einerseits schützt es FußgängerInnen auf dem Gehweg, anderseits bekommen RadfahrerInnen so mehr Raum, denn eine ganze Autospur soll ihnen auf jeder Seite zur Verfügung stehen. Ich möchte, dass diese Spur dann gänzlich für Autos gesperrt wird, damit sich RadfahrerInnen dann auch sicher fühlen.

Wir brauchen insgesamt mehr sichere Fahrwege, Schäden müssen schnell beseitigt werden, Laub und Schnee müssen immer geräumt werden und es sollte auch mehr sogenannte ‚grüne Pfeile‘ beim Linksabbbiegen geben. Ganz sicher brauchen wir zudem viel mehr Fahrradparkplätze und -parkhäuser, z.B. am Ostkreuz, an der Warschauer Brücke. Ok, ist eins meiner Lieblingsthemen, ich könnte noch ewig weiter schreiben….

Berlin Friedrichshain

Wie sieht es im Jahr 2018 auf dem RAW-Gelände aus, wenn die SPD sich hier mit ihren Vorstellungen durchsetzt?

Vorab muss ich sagen, dass ich gegen eine Wohnbebauung auf einem Teil des Geländes bin. Da bin ich anderer Auffassung als ein großer Teil meiner Partei. Über kurz oder lang wird es bei Wohnbebauung zu Nutzerkonflikten kommen, die den Fortbestand des sogenannten ‚soziokulturellen L‚ gefährden werden – und das will ich nicht. Wir haben nicht mehr viel Potential, diese Gelände ist etwas ganz besonderes. Besonders die Akteure rund um ’soziokulturelle L‘ unterstütze ich!

Stell dir vor, du wachst am 19. September auf und dein (politisches) Leben ist genau so, wie du es dir wünscht. Was genau ist anders als jetzt?

Ich hoffe sehr, dass sich dann meine Einflussmöglichkeiten etwas vergrößern. Ich möchte gern mitgestalten – wenn ich mehr Möglichkeiten hätte, wäre das klasse.


ICH MISCHE MICH AUCH EIN, WENN’S WIDERSTÄNDE GIBT, TRAUE MICH AUCH INNERHALB DER PARTEI MAL UNBEQUEM ZU SEIN.


Ich ärgere mich sehr häufig über die Verkehrslenkung Berlin (VLB). In ihrer Zuständigkeit liegen viele Straßen des Bezirks, der Bezirk hat da keinen Einfluss. Für meine Begriffe ist die VLB noch viel zu träge, zig unserer Anträge liegen seit Jahren dort und werden nicht bearbeitet – da würde ich gern drängeln, wie bei den andern oben erwähnten Themen auch.

Außerdem bin ich wirklich mit Friedrichshain vertraut und verbunden, treibe mich viel rum, kenne viele Leute und Initiativen. Ich bin niemand, der sich ständig auf Parteiveranstaltungen rumtreibt oder nur zum Schlafen nach Hause kommt.

Was sind deine drei Wünsche für die kommenden Wahl?

  1. Die AfD liegt im Bezirk unter drei Prozent und im Land unter fünf Prozent. Damit wäre sie weder im Abgeordnetenhaus, noch in den Bezirksparlamenten vertreten {das gilt natürlich für alle rechten Parteien}.
  2. Es gibt eine rot-grün-rote Koalition auf Landesebene, um endlich linke Politik zu machen.
  3. Ich komme als gewählte Direktkandidatin ins Abgeordnetenhaus.

Was wäre für dich die größte Wahlkatastrophe?

Jede Stimme für rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien finde ich katastrophal, aber zur Zeit geht es ja leider stark über den üblichen Bodensatz hinaus.

Potsdamer Strasse, Berlin, Gentrifizierung, David Bowie, Stadt im Wandel, Wandel, Strassenleben

Die Wahlplakate der Piraten fallen auf. Nicht weil sie gestalterisch so anders wären {das zum Teil auch}, sondern weil sie nicht einheitlich sind. Das ist auf den ersten Blick ziemlich überraschend, auf den zweiten aber doch konsequent, denn (a) geht Individualität bei den Piraten vor und (b) hat Gestaltungsfreiheit durchaus einen Wiedererkennungseffekt, wenn alle anderen auf Gestaltungseinheit setzen.

Worauf Felix Just setzt, dessen Konterfei mir seit Wochen auf meinen Wegen durch den Kiez begegnet, das erfahrt ihr im heutigen „Blick hinters Plakat“. In unserem Gespräch geht es um Lieblingsorte in Friedrichshain, um gute und schlechte Kiezentwicklungen, um Großbaustellen und Wunschvorstellungen.

Vielen Dank, lieber Felix, für den spannenden Einblick hinter dein Wahlplakat.

Felix Just Piraten Partei

Felix Just: 34 Jahre alt, Papa von 2 Kindern, Software-Entwickler und Prozess-Designer, seit 2009 in der Piratenpartei und seit 2011 in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg. Wer und was bist du noch?

Für die Piraten kandidiere ich im WK5 als Direktkandidat und bin derzeit noch verantwortlich für die Wahlkampforga und -finanzen. Außerdem bin ich auch noch Feminist, leidenschaftlicher, aber anspruchsvoller Cafétrinker und Optimist. Zudem bin ich schwer technikbegeistert und betreibe daher seit April diesen Jahres auch den xHain hack+makespace, einen Treffpunkt für Programmiererinnen, Nerds, IT- und Technik-Verliebte und Bastler. Man kann dort zum Beispiel Erfahrungen mit dem 3D-Drucker, Lasercutter etc. sammeln und tolle Menschen treffen, die sich im weiten Feld der IT rumtreiben und mit ihnen unter unseren Pappmaché-Birken sitzen.

Warum gerade die Piraten – und nicht FDP oder Grüne, CDU oder SPD?

Mal abgesehen von inhaltlichen Differenzen: Ich war zu Schulzeiten bereits politisch aktiv, war Schulsprecher und in der Landesschülervertretung unterwegs. Nach der Schule hätte ich mich eigentlich auch in einer Partei engagieren können. Dies habe ich aber nicht getan, da mich vor allem die starren Strukturen und Hierarchien abgeschreckt haben. Als ich 2009 bei den Piraten aufgeschlagen bin, war es möglich sich sofort gestaltend (zum Beispiel beim Schreiben des Grundsatzprogrammes) einzubringen – ohne lange Ochsentour durch die Parteiverbände. Und es war die erste Partei bei der man mitarbeiten konnte ohne immer persönlich vor Ort zu sein, die Nutzung des Internets für die Parteiarbeit wurde da bei den anderen Parteien meist nur belächelt.

dein tod und ich, judith peller

Wie und wo und seit wann lebst du in Friedrichshain?

Ich bin in Berlin aufgewachsen und war daher auch schon in den 90ern in Friedrichshain unterwegs, seit 2009 wohne ich in der Nähe des Comeniusplatzes. Ich wohne mit meiner Familie und 2 Katzen zusammen und habe aus dem Wohnzimmerfenster einen herrlichen Blick über West-Friedrichshain und sehe den Fernsehturm – besonders bei Sonnenuntergang immer wieder ein sehr schöner Anblick.

Was magst du ganz besonders an diesem Bezirk? Was am wenigsten?

Ich bin in den 90ern in Berlin groß geworden – zu einer Zeit in es ganze Straßen mit besetzten Häusern gab. Ich war viel in diesen Häusern, da durfte man einfach machen, es wurden Spielplätze (zum Beispiel aus einer alten Ente, die aufgebockt wurde) gebaut und es gab die coolsten Comics. An Friedrichshain mag ich besonders, dass es immer noch Ecken gibt in denen diese Atmosphäre, Offenheit und Kreativität zum mindest in Teilen immer noch gibt. Ich finde, dass in F’hain immer noch eine größere Toleranz gegenüber alternativen Lebensentwürfen gibt als in fast allen Städten, die ich so kennengelernt habe. Und das möchte ich nicht missen.

Was ich nicht mag ist, dass genau diese Toleranz und Freiheit immer mehr bedroht ist und abnimmt. Da gibt es einen durchdrehenden Innensenator, der ganze Kieze kriminalisiert und mit der Ausrufung von Gefahrengebieten die F’hainer Anwohnerschaft einer Drangsalierung durch die Polizei aussetzt, und damit immer weiter an der Eskalationsschraube dreht, um die linke Szene aus dem Bezirk zu drängen.

Und auch der immer stärker werdende Ballermann-Tourismus stört mich, da leider vielen (aber nicht allen) Touristen das Verständnis dafür fehlt, dass man sich in einem Wohnkiez bewegt und es nötig ist gerade in Vermüllungs- und Lärmfragen auch ein wenig Rücksicht auf die hier lebenden zu nehmen. Extrem blöd finde ich, dass viele F’hainer im Falle eines Umzugs den Bezirk verlassen müssen, weil preiswerter oder zumindest bezahlbarer Wohnraum hier kaum noch zu finden ist. Die explodierenden Mieten zerstören genau die bunte Anwohnerschaft und die Xhainer Atmosphäre, die diesen Bezirk eigentlich erst so lebenswert macht.

Friedrichshain

Wo bist du hier in F’hain am liebsten (a) mit deinen Kindern und (b) allein?

Mit den Kids am liebsten bei uns zuhause im grünen Hof, dem Dschungelspielplatz oder dem Drachenspielplatz. Wenn ich alleine  unterwegs bin laufe ich gerne einfach nur durch den Nordkiez und die Gegend zwischen Berghain un Ostkreuz. Sich abends auf der Stralauer Halbinsel an’s Spreeufer zu setzen und mit Freunden zu chillen ist auch sehr sehr toll.

Wo siehst du die größten politischen Baustellen in Berlin und in unserem Bezirk?

Für Berlin fallen mit als erstes die Baustellen ein: die Geldvernichtungsmaschine BER und das Schwachsinnsprojekt A100. Und es wird eine goße Aufgabe sein der gefühlten Angst der Bürger*innen vor Kriminalität mit etwas anderem als nutzloser Videoüberwachung, punktuellen Polizeigroßeinsätzen und der Einführung von Tasern entgegenzutreten.

Im Bezirk ist das größte Problem die Stadtentwicklung. Immer neue Luxuspaläste in der Rigaer, die extreme Nachverdichtung der WBM in F’hain-West, der neue Wohnblock auf dem Freudenbergareal – regelmäßig geht es um zu hohe Baudichten und die Haltung der grünen Stadträte dazu. Stadtrat Hans Panhoff hat die Baunutzungsverordnung und die Grünflächenversorgungsrichtlinien – eigentlich die scharfen Waffen der Kommunen gegen die Allmacht der Grundstückseigentümer*innen – als überholt und unzeitgemäß dargestellt. Hohe Baudichten entsprechen seiner Überzeugung. Deshalb ist der vorauseilende Gehorsam für ihn Programm – die Investor*innen reiben sich ungläubig die Augen über so viel Entgegenkommen des „grünen“ Bezirks und den mangelnden Gestaltungswillen. In einem der am höchsten verdichteten Stadträume Berlins sollten aber andere Maßstäbe gelten. Hier steht eigentlich eine
maßvolle Nachverdichtung mit dem Augenmerk auf die Versorgung mit sozialer Infrastruktur auf dem Programm und nicht kopfloser Bauwahn.

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Musste einem Neubauprojekt weichen: Das Institut für Krimskrams

Samariterkiez 2025 – welche Überschrift möchtest du in der Zeitung deines Vertrauens an einem Montagmorgen im Jahr 2015 über den Samariterkiez lesen?

Vorhang auf für das bunte Leben! Morgen startet das 3-tägige Kiezfestival – organisiert von der Anwohnerschaft, engagierten linken Gruppen und lokalen Gewerbetreibenden.

Stell dir vor, du wachst am 19. September auf und dein (politisches) Leben ist genau so, wie du es dir wünscht. Was genau ist anders als jetzt?

Unsere Fraktion in der BVV hat deutlich mehr Bezirksverordnete als jetzt und die Piraten Xhain stellen ein oder zwei Stadträte.

Was sind deine drei Wünsche für die kommenden Wahl?

Dass Berlin nach der Wahl eine linkere Regierung bekommt und die rot-schwarze Koalition nicht fortgesetzt wird. In der BVV mit den Piraten Xhain das Ergebnis von 2011 wieder zu erreichen. Und vor allem, dass die AfD nirgends einzieht.

Was wäre für dich die größte Wahlkatastrophe?

AfD in Berlin holt 20%, Piraten Xhain scheitern mit 2,9% an der 3%-Hürde und ziehen nicht wieder in die BVV ein.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich
Bild (c) Ieva Jansone