Tag

beauty is where you find it

Manchmal fehlen mir die Worte. Dann wünscht‘ ich einmal mehr, ich hätte andere »Sprachen« zur Verfügung: den Körper, das Bild oder den Klang. Doch jenseits des Worts sind die Grenzen meiner Welt noch enger gesteckt.

Also schweige ich, wovon ich nicht sprechen kann – und lasse andere reden.

GESEHEN: »Underneath« von Ravid Abarbanel {wenn Angst und Wut sich in Kunst verwandeln}
GEHÖRT: Nico Semsrott über »humanistischen Kapitalismus« und rechte Logik {wirklich gut.}
GELESEN: Hassergüsse… {Die kleine I., möchte bitte sofort von der Zivilisation eingeholt werden!}
GEDACHT: … und es gibt sie doch, die gute Seite des Netzes {zum Hintergrund}
GEMACHT: einen magischen Moment festgehalten
GEFREUT: dass mein Blog mit Mareices Kopf korreliert und mein »Haltungstext« Monatsimpuls wurde
GESUCHT: Zerstreuung
GEFUNDEN: Paula
GESTUTZT: dass ich beinah dem »magischen Digitalismus« erlegen wäre…
GENUTZT: die Angst
GESCHMUNZELT: über die Fotos eines 2jährigen {öfter mal die Perspektive wechseln}
GERÜHRT: über den Zuspruch zu meiner Nikolaus-Aktion
GEWÜNSCHT: dass Adornos Untersuchung zum »autoritären Charakter« nicht wieder aktuell würde.
GEKLICKT: Wir sind noch hier

»Worry when you come to the bridge.«

Mit diesen Worten pflegt meine gute alte Freundin Hazel Rosenstrauch ihren Vater zu zitieren, wenn ich wieder einmal Katastrophen heraufbeschwöre, wozu ich – wie ihre Mutter – bisweilen neige. Der 9.11. mag mir allen Grund dafür geben, aber es hilft ja nichts in apokalyptische Depressionen zu verfallen. Im Gegenteil. Man müsse, so meine Freundin, auch das Gute sehen, sonst verliere man die Kraft dafür zu kämpfen. Recht hat sie.

In diesem Sinne: Kommt gut ins Wochenende!

GESEHEN: den ersten Schnee
GEHÖRT: Leonard Cohen {Ich mag das neue Album so sehr! Nun ist auch er gegangen.}
GESCHMECKT: Anti-Kummerkuchen
GELESEN: über die wenig bekannte Schriftstellerin Libuše Moníková.
GESUCHT: ein neues Fahrrad, nachdem mein Rahmen gebrochen ist… {grmpf}
GEFUNDEN: dass Stephanie den Publikumspreis #digitalfemaleleader verdient
GEMOCHT: Mareices Buch »Alles inklusive« {bald mehr}
GEMACHT: einen Heimkino-Abend mit Ma. {im Programm: »Harry Potter«}
GEDACHT No. 1: Es gibt so viele gute Plattformen – ich sollte sie mehr nutzen.
GEDACHT No. 2: »Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.«
GERÜHRT: wie die Kunstwelt auf Trumps Wahlsieg reagiert.
GEWEINT: Um Leonard Cohen und all die Künstler/innen, die unser Leben so bereichert haben.
GEFRAGT: Wie die Welt in 3 Jahren wohl aussieht?
GESTAUNT: über die Bescheidenheit eines großen Meisters
GEFASST: an den Kopf
GEFREUT: über Alus Besuch mit K3
GESCHMUNZELT: über Stephan Porombkas Tweets
GEKLICKT: Bundeszentrale für Politische Bildung

Ostsee, Schwedenrot, Usedom, Reisen, Ferienhaus

Es sich einfach mal gut gehen lassen? Das will in diesem Jahr nicht recht gelingen. Angesichts von Tod und Terror wirkt jedes Vergnügen mindestens borniert, wenn nicht maximal ignorant. Das Gewissen ist gnadenloser denn je. Schon beim geringsten Versuch, mich den täglichen Katastrophenmeldungen genussvoll zu entziehen, hebt es zur Mahnung an: „Wie kannst du nur? Wie kannst du nur?“

„Ich kann. Ich will. Ich muss“, entgegnet mein Gefühl. Es ist von all der Aufregung noch ganz verwirrt und so erschöpft. Also fass ich mir ein Herz, trotze der wahnwitzigen Wirklichkeit und lass mich in den Sommer fallen – nicht ohne die obligatorische, aber ungewöhnlich leichte Liste.

Internationaler Tag des Kusses, Robert Doisneau

„Bei den Römern gab es noch drei Worte für den Kuss: Der Kuss innerhalb von Familien, der die Verbundenheit ausdrückte, hieß Basium. Das Osculum ist ein ähnlich unschuldiger Kuss: ein Zeichen der Anerkennung unter Gleichgesinnten. Das Suavium war der Kuss der Liebenden.“ Alexandre Lacroix

Und was mir in der vergehenden Woche noch so begegnet ist? Dies:

{Foto: 2010 Nachlass Robert Doisneau/courtesy Schirmer/Mosel}

Sie macht Geschäftsberichte schick und Finanzkommunikation besser, hat eine eigene Kolumne in DIE WELT KOMPAKT (wie es dazu kam, ist eine schöne Geschichte), war 2012 – obgleich nach eigenem Dafürhalten keine Fashionista – Modebloggerin des Jahres und schreibt seit 2009 auf ihrem Blog für Frauen, die ihren Weg gefunden haben. Um wen es geht? Richtig, um Susanne Ackstaller, die Frau hinter Texterella, dem Lifestyle-Blog for women, not for girls.

Ich mag ihre klare, aufgeräumte Sprache, ihren Witz und Humor, ihre unaufgeregten Mode- und Beauty-Tipps. Besonders gern und regelmäßig lese ich ihre – auch immer montags erscheinenden – Interviews mit Frauen über 40, 50 oder 60. Jetzt da ich täglich neue Fältchen entdecke, den Verlust der Hautspannkraft maximal minimal entschleunigen, nicht aber aufhalten und dem Älterwerden auch sonst nicht mehr aus dem Weg gehen kann, tut es gut zu erfahren, wie Frauen jenseits der 40 zu Mode, Make-up, Stil und Schönheit stehen.

Während auf Texteralla heute die 76jährige SPD-Politikerin Anke Martiny zu Wort kommt, spreche ich mit Susanne über gute Texte, berufliche Grundsatzentscheidungen, das ‚Unwort aller Jahre‘ (Katja Berlin) – Lifestyle, über Netzwerken und mehr. Hab‘ vielen lieben Dank, Susanne, für das Interview, mit dem ich allen einen locker-leichten Start in die erste Märzwoche wünsche! 



Was macht gute Sprache und gute Texte für dich aus?
Puh. Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich schreibe ziemlich intuitiv – und diese Intuition jetzt auf Kriterien herunterzubrechen, ist schwierig.
Für mich sind gute Sprache und gute Texte unterhaltsam und anspruchsvoll zugleich. Sie ziehen den Lesern in ihrem Bann – liest man den einen Satz, will man auch den nächsten lesen. Sie erschaffen ein Kopfkino und bleiben im Gedächtnis. Sie sind nicht beliebig und sie sind nie langweilig. Gute Texte sind zudem immer nur so lang, wie es die Botschaft erfordert. Und sie haben einen Rhythmus, einen Herzschlag. Dass sie außerdem orthographisch und grammatikalisch richtig sind, muss ich wohl nicht dazusagen. (Wobei ich da definitiv im Glashaus sitze! :-)))
Du hast deinen gut dotierten und durchaus auch interessanten Job nach dem 2. Kind quittiert und dich selbstständig gemacht, weil Teilzeitarbeit nicht dieselben Chancen bot. Mal unabhängig davon, dass das für dich eine gute, wenn nicht die beste Entscheidung war: Warum stand Teilzeitarbeit für dich und nicht für deinen Mann zur Disposition?
Das ist eine durchaus berechtigte Frage, und wir haben das damals auch diskutiert. Nun muss man sagen, dass die Zeiten „damals“ – also vor rund 15 Jahren – wirklich andere waren. Männer in Teilzeit? Gab es kaum, bzw. zumindest nicht in der Branche meines Mannes. Da hat sich viel getan in der Zwischenzeit.
Letztlich war die Entscheidung aber eine rein pragmatisch, keine „politische“: Der Automobilkonzern, für den ich damals arbeitete, machte sich „stark“ für Frauen in Beruf und Führungspositionen. Und das hieß damals letztlich: Es gab (relativ) gute Teilzeitmodelle und sogar die Möglichkeit fürs Homeoffice (beides keine Selbstverständlichkeit damals). Bei meinem Mann hingegen – in einem eher amerikansich geführten Beratungsunternehmen – wäre ein Wunsch nach Teilzeit das sichere Aus für seine Karriere gewesen.
In den letzten 15 Jahren hat sich da einfach sehr viel getan. Gott sei dank!
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Texterella nennst selbst ‚Lifestyle‘-Blog. Was verstehst du unter Lifestyle? Und warum glaubst du, ist der Begriff so verpönt?
Der Begriff ist verpönt? Tatsächlich? Das wusste ich gar nicht. Wobei – vorstellen kann ich mir das durchaus, schließlich suggeriert Lifestyle einen doch eher oberflächlichen Lebensstil. Was natürlich Unsinn ist: Man kann Taschen mögen und trotzdem Hirn haben. Man kann sich für Anti-Aging interessieren und trotzdem politisch aktiv sein. 😉 Etc.!! Auf eine solche Diskussion mag ich mich gar nicht einlassen, deshalb habe ich mit dem Ausdruck Lifestyle bzw. Lifestyle-Blog vermutlich auch kein Problem. Für mich ist Lifestyle lediglich ein Blogkonzept: Mode plus Beauty plus Reisen plus Essen plus Leben. PLUS DENKEN. 🙂 Schlichtweg ein Mix aus vielem, was das Leben schöner macht (oder machen kann).
Dein Blog richtet sich an Frauen, nicht an Mädchen. Was macht eine Frau (im Gegensatz zum Mädchen) aus?
Ich wollte mich schon beim Claim ein wenig provokativ von den ganzen Girlie-Fashion-Blogs abgrenzen. Und ganz klar sagen: Ich schreibe für Frauen, die schon mehr vom Leben gesehen haben und länger auf der Welt sind. Das heißt für mich gleichzeitig: Liebe Leserin, nimm meine Mode- und Beauty-Tipps bitte nicht zu ernst! Denn das tue ich selbst auch nicht. Natürlich interessiere ich mich für Mode- und Beauty-Themen, aber sie sind nicht mein Lebenszweck. Dieselbe Haltung erwarte ich auch von meinen Leserinnen.
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Du bist Netzwerkerin aus Leidenschaft. Als Marketing-Profi sagst du, dass ein USP unabdingbar ist für jede/n Selbstständige/n. Wie passen (kooperatives) Netzwerken und (abgrenzendes) Alleinstellungsmerkmal zusammen?
USP und Netzwerke sind überhaupt keine Gegensätze. Im Gegenteil: Wer sich klar positioniert, wird in Netzwerken klarer wahrgenommen, nämlich für genau das, was er kann. Der Netzwerk-Gedanke „First give, then take“, den ich sehr schätze, bleibt davon völlig unberührt. Man grenzt sich ja auch nur durch seine Kompetenz ab, nicht durchs Netzwerken selbst. Ich finde sogar, dass ein USP Netzwerken viel einfacher und konstruktiver macht: Weil man genau weiß, wer was bietet und wen man ansprechen muss.
Deine Träume haben immer mit Vorbildern angefangen, sagst du im Mutmach-Blog. Wer sind deine Vorbilder? Und wie motivieren sie dich?
Es sind weniger Namen als Lebenseinstellungen, die mich inspirieren. Das können Kolleginnen sein, oder Bloggerinnen, selten auch ein Filmcharakter (nicht lachen, aber SatC-Kolumnistin Carrie Bradshaw hat mich immer sehr beeindruckt. Komplett absurd, natürlich! Und dennoch … hat sie mich inspiriert. Heute schreibe ich selbst eine Kolumne für die WELT. Sag niemals nie. ;-)) Manchmal sind es auch erfolgreiche Unternehmerinnen: Coco Chanel, Estée Lauder, Helena Rubinstein und viele mehr. Vorbild- und Motiviationsfunktion haben alle diese Frauen, weil sie sich abheben, weil sie besonders sind. Weil sie ihr eigenes „Ding“ machen und nicht in der Masse mitschwimmen. Weil sie mutig sind und sich nicht unterkriegen lassen. Weil sie eine Idee hatten und diese Idee verfolgt haben, unbeirrt. So etwas motiviert und inspiriert mich. Sehr.
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Am Wochenende war ich wieder dort. Und am liebsten wäre ich noch viel länger dort geblieben. Es ist so schön da! Wo? In Marks und Udos Apartment ‚Hier war Goethe nie‚ in Weimar. Bald erzähle ich mehr von meinen zwei Reisen in die Bauhaus- und Klassikstadt. Für heute müssen ein paar Impressionen genügen.
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Küchenbilder und blaues Bild (c) Hier war Goethe nie

Wie es zu meiner Reise ans Stettiner Haff kam, wäre für sich genommen schon eine Geschichte wert, – und wer weiß, vielleicht schreibe ich sie irgendwann einmal auf. Doch heute soll es um das Haus am Haff gehen, diesem verwunschenen schönen Haus mitten im Moor, nur wenige hundert Meter von der Lagune entfernt. Bei klarer Sicht kann man bis zur Insel Usedom schauen. Dort wartet es auf neues Leben. Und eben darum war ich dort. Ich wollte und sollte mir einen eigenen Eindruck machen von dem Ort, dem man angeblich sofort verfällt, der einen nicht mehr loslässt und sich ganz tief ins Gedächtnis gräbt. So still und schön und einsam.

Die Prophezeiung hat sich bewahrheitet. Das Haus am Haff geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Also will ich es versuchen, und Leute finden, die wagemutig und tatkräftig genug sind, einem alten Haus neues Leben einzuhauchen. Die Idee: eine Art ‚Artist Co-Working-Space‘ in der ländlichen Abgeschiedenheit.* Wer hilft uns, sie zum Fliegen zu bringen? Wir** suchen Menschen, die mitmachen und sich einbringen wollen – mit Ideen oder Kontakten, Zeit oder Geschick, handwerklichem Können oder körperlichem Einsatz, Geld oder Zeit und mit Verbindlichkeit. Habt ihr eine Idee? Oder selbst Interesse? Und kennt ihr Projekte, von denen wir lernen können? Dann meldet euch bitte!

*Ein erstes Nutzungskonzept liegt vor; die formale Ausgestaltung des Community-Ansatzes (Genossenschaftsmodell,  Vereinsstruktur o.a.) steht noch nicht fest. 
**Wir das sind bisher: der Eigentümer, eine Schauspielerin und ich.

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Heute versuche ich mich nicht an einer Person; diese Kladde handelt von einer Region. Dem niedersächsischen Wendland. Seit ich das Experiment Landleben hier vor vielen Jahr erfolglos abbrach, hat er mich nie mehr ganz losgelassen, dieser kleine Landstrich im Grenzbereich von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Und damit bin ich nicht allein. Ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die ihn – nicht im immer Guten – verließen und doch immer wiederkehren (müssen). Es geht eine Faszination und Magie von diesem Fleckchen Erde aus, die man schwer erklären kann. Die heutige Kladde ist ein Versuch.
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Zur Physiognomie eines Landstrichs
Der geografische Kern des Hannoverschen Wendlands ist der Landkreis Lüchow-Dannenberg. Sein Autokennzeichen lautet DAN; während meiner Fahrschulzeiten lernte ich: ‚Siehst du DAN, fahr rechts ran.‘ Die Dichte der Verkehrseinrichtungen liegt noch unterhalb der der Bevölkerung, und die liegt bei einer Person pro Quadratkilometer. Gefühlt gibt es im Landkreis drei Ampelkreuzungen und eine Schranke; der Rest ist freie Wildbahn. Das prägt. Doch nicht nur sein Fahrstil ist einzigartig, auch seine ‚Physiognomie‘. In diesem Restzipfel von Niedersachsen gibt es die meisten noch erhaltenen Rundlinge: tortenförmig gebaute Dörfer, die so klangvolle (slawische) Namen tragen wie Salderatzen, Diahren, Mammoißel, Meuchefitz oder Satemin. Eingekeilt von drei neuen Bundesländern war der Landstrich bis zum Mauerfall so genanntes ‚Zonenrandgebiet‘ – und damit Spielball der Ost-Westpolitik. Wirtschaftlich abgehängt und dünn besiedelt schien er die perfekte Antwort auf das ostdeutsche Endlager Morsleben und die Frage ‚Wohin mit dem westdeutschen Atommüll?‚. Seit den 1970er Jahren ist das Wendland daher im fragwürdigen Besitz des bundesweit einzigen ‚Atommülllagers‚.

Die Anlage in der östlichen Gemeinde Gorleben besteht aus einem Transportbehälterlager (das sog. Castor-Lager), der Pilot-Konditionierungsanlage, einem Abfalllager und dem Erkundungsbergwerk im Salzstock. Der Widerstand gegen diese Projekte hat die Kultur und Identität des Wendlands geprägt. Die allerorts gelbleuchtenden Xe (sie sind Teil des 1996 gegründeten und derzeit ruhenden Kampagnennetzwerks X-tausendmal-quer) sind nur der äußere Ausdruck dessen, was das Wendland im Innersten zusammenhält. Mit dem (vorläufigen) Aus für den Endlager-Standort beginnt der Kitt zu bröckeln; die Gegensätze, Widersprüche und Konflikte werden sichtbarer. Doch der erwartete ‚Kulturverfall‘ ist bisher nicht eingetreten. Das Wendland erfindet sich noch einmal neu – als Großlabor für Lebenskunst.
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Im Großlabor für Lebenskunst
Das Wendland ist eine Art Anachronismus und ein Landstrich, den man nicht richtig versteht‘, schreibt die Weibblick-Autorin Simone in ihrem Artikel Wendland – Synonym für alternatives Leben, und ich kann ihr nur beipflichten. Wirtschaftlich unterentwickelt, infrastrukturschwach, alternd und weltanschaulich zersplittert, fragt man sich, wie das (Zusammen-)Leben dort eigentlich funktionieren kann. Doch: Es funktioniert. Das zeigt – in eindrucksvoller Weise – die Kulturelle Landpartie (KLP). Während dieses wohl größten Kultur-Events im ländlichen Raum stellt das Wendland nicht nur die Vielfalt seiner künstlerisch-kreativen und landwirtschaftlich-gärtnerischen Erzeugnisse aus; zwischen Himmelfahrt und Pfingsten öffnet es auch seine Labortüren und gibt den Blick frei auf die Versuchsapparate und -anordnungen. Wobei – das Bild der Hexenküche trifft es vielleicht besser, denn aufgeräumt, geordnet und steril geht´s hier weniger zu.

Gleich zwei lange Wochenenden war ich mittendrin in dieser ‚Hexenküche‘ und konnte tiefere Einblicke in die Geheimnisse der wendländischen Lebenskunst gewinnen (Fotodokumentation). Der Widerstand und seine Geschichte spielen darin eine wichtige, nicht aber die wichtigste Rolle. Er ist eine Art Ursprungsmythos und damit identitäts- und gemeinschaftsstiftend – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Was die Menschen und den Landstrich prägt, sind vielmehr die Gegensätze und Extreme: Spießertum und Avantgarde, Esoterik und Weltoffenheit, Atheismus und Spiritualität, Dilettantismus und Professionalität, Improvisation und Perfektion, Ökofreak und Umweltsau, Anspruch und Wirklichkeit. Aus solcher Gegensätzlichkeit erwächst ein ganz eigener Realismus: ein zutiefst pragmatischer. Oder man wird verrückt daran. Auch das kommt vor.
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Eins plus Eins gleich Neun. Oder das Hexeneinmaleins
Treffen Bärbel und Heiko* mit Kind und Kegel zusammen, macht eins plus eins gleich neun: Er bringt vier Kinder von drei Ex-Frauen, sie fünf Kinder von einem Ex-Mann mit. Damit zählt sie in jeder Hinsicht zu einer wendländischen Minderheit, denn hier hat man in der Regel wenige Kinder von einem Partner oder viele Kinder von vielen Partnern. Das kann etwas über Einstellungen und Haltungen zu tradierten Familien- und Beziehungsmodellen aussagen. Muss aber nicht. Häufig ist die Anzahl der Kinder und (Ex-)Partner/innen einfach das Ergebnis eines Beziehungsexperiments, von dem sich nicht eindeutig sagen lässt, ob es nun geglückt oder gescheitert ist oder weder noch. Das ist eine Frage der Perspektive und des eigenen Anspruchs an Dauer und Intensität einer menschlichen Begegnung. Dauerhaft intensiv glückt seltener.

Eine Frage der Perspektive ist auch die nach dem gutes Leben. Anne und Arne* haben ihre Antwort gefunden. Vor rund 10 Jahren hat das Ehepaar eine heruntergekommene Jugendherberge aufgekauft und mit ebenso viel Idealismus wie Realismus wieder aufgebaut. Heute zählt die Begegnungsstätte zu den beliebtesten Zielen überwiegend jugendlicher Reisegruppen. Das Leitbild der Nachhaltigkeit steht den Eltern dreier Kinder bei all ihrem Tun Pate – im vollen Bewusstsein seiner Grenzen. Einen Großteil ihrer Einnahmen re-investieren sie in den ökologisch und sozialverantwortlichen Ausbau der Anlage, doch allein von regenerativen Energien lässt sich das 1 Hektar große Areal (noch) nicht am Laufen halten. Auch die ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit hinkt ein wenig hinterher. Reich wird man auf diese Weise nicht. Zumindest nicht in materieller Hinsicht. Doch darum geht es Anne und Arne auch nicht. Geld ist für sie – wie für viele andere hier – das, was es jenseits aller Symbolik ist: ein Tausch- und Zahlungsmittel. Und als solches langt es allemal für ein gutes Leben zwischen Menschen, Feldern, Wald und Wiesen.
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Für Christian* ist ein gutes Leben, ein Leben das ihm Zeit und Raum für seine Leidenschaft lässt: der Kyber-Elektronik. Seit er vor einigen Jahren das Zirkusleben beendete – seine Wohnung, ein ausgebauter Bauwagen, ist die letzte Reminiszenz an die Wanderjahre –, beschäftigt sich der gelernte Zahntechniker mit dem Erbe des Erfinders, Physikers und Elektronikpioniers Nikola Tesla. Ende des 19. Jahrhundert entdeckte das fünfte Kind serbischstämmiger Eltern das Prinzip des Zweiphasenwechselstroms und erträumte schon vor 120 Jahren das W-LAN. Christian hat die Spur dieses eigensinnigen Visionärs aufgenommen. Auf der Suche nach ‚freier Energie‘ und den Möglichkeiten drahtloser Energieübertragung bringt er Magnete zum Schwingen und Drähte zum Glühen. Dabei kann ihm – wie seinem Mentor – schon mal das ein oder andere Experiment um die Ohren fliegen. Doch aus Fehlern wird man eben klug.

Das weiß niemand besser als Bärbel. Mit ihrem Traum vom glücklichen Familienleben ist sie grandios gescheitert. Rund 13 Jahre hat sie laboriert und experimentiert, sich ge- und verbogen bis sie schließlich einsah, dass aus den ‚Zutaten‘ kein Glück zu backen ist. Es braucht Mut – wahrscheinlich den Mut der Verzweiflung – mit fünf Kindern allein von vorne zu beginnen, doch es hat sich gelohnt. Ich kenne sie seit gut 20 Jahren; heute erinnert nicht mehr viel an die ungelernte Hausfrau und Vollzeit-Mutter, die sich bei ihrem Familienexperiment bisweilen in Luft auflöste. Wer Bärbel heute begegnet, erlebt eine lebensfrohe Frau, die mit beiden Füßen auf dem Boden steht und sich und anderen als gelernte Kunst- und Kreativtherapeutin neue Wege und Möglichkeiten erschließt.
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Es geht auch anders. Oder die Moral von der Geschicht´
Meine Beziehung zum Wendland ist und bleibt gespalten. Ich bin immer wieder gern dort; doch zu viel Nähe ertrag ich nicht. Dann wird´s mir zu eng und gleichzeitig zu weit – hier kann ich nicht unerkannt und autofrei von A nach B gelangen. Mir fehlt die quirlige Vielfalt und Hektik Berlins, in der man sich so leicht verlieren kann (hier fällt man schnell mal auf sich selbst zurück). Und doch will ich es nicht missen. Dieses Großlabor für Lebenskunst erinnert mich stets daran, dass viele Wege zu einem guten Leben führen und rückt so manchen Anspruch ins rechte Lot. 

*Alle Namen habe ich mit Rücksicht auf die Personen geändert.
The Apartment

Es ist wie verhext: Seit unser Wegzug aus Schöneberg feststeht, entdecke ich immer mehr wundervolle Ecken und lerne immer neue wunderbare Menschen kennen. Als ob mir der Abschied so schwer wie möglich gemacht werden soll. Ich vermisse den Bezirk schon jetzt – in einer Art vorauseilendem Heimweh. Um diese Sehnsucht im Zaum zu halten, habe ich begonnen, alles festzuhalten, was mir hier lieb und teuer geworden ist – (noch) gänzlich unsystematisch und zufällig. Dies sind meine ersten ‚Schöneberger Notizen‚, die ich von nun an in unregelmäßigen Abstanden bei M i MA zügelt zum Besten gebe – in der Hoffnung, dass ihr darunter die ein oder andere Inspiration findet.  


Was ich vermissen werde: …
… Schönebergs kleine, feine stetig wachsende freie Kunstszene.

… die Nähe zum Park am Gleisdreieck – diesem so einzig- und großartigen urbanen Park.
… die spontanen Abendessen im Pizzaklub zwischen Punkrock-Style und Italienflair.
… die Potsdamer Straße mit ihren Anachronismen, ihrer inspirierenden Vielfalt und meinem Lieblingsort, dem Café-Galerie P103.
… die allerorts lauernden Überraschungen.

… die Relikte der Westberliner Subkultur 1979-1989. Das Kumpelnest 3000 war und ist – wie der Ex-Barkeeper und heutige Kunstjournalist Oliver Koerner von Gustorf anlässlich des 25. Bestehens im Tagesspiegel schreibt – ‚die zweite Heimat für Stricher, Stars, Nutten und Notare. […] das Kumpelnest-[lautete]: „Gegen Spitzenleistungen in der Gastronomie.“ Von Anfang an war alles in diesem Laden Performance.‘ [Quelle]

… den Alten St. Matthäus-Kirchhof mit seinen wunderschönen alten Bäumen und Grabstätten.

smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art
Sie lebt – ich hab´s bis eben nicht gewusst – in meiner direkten Nachbarschaft, und wahrscheinlich sind wir schon x-mal in der L’Epicerie, im Park am Gleisdreieck oder im P103 aneinander vorbeigelaufen. Begegnet sind wir uns bisher nicht. Aber das wird nachgeholt. Unbedingt! Denn nach diesem so spannenden wie anregenden Montagsplausch bin ich noch neugieriger auf die Person, die hinter dem unaussprechlichen Blog namens smørrebrød syltetøy steckt und Butterbrot und Himbeermarmelade liebt (was das Unaussprechliche übersetzt bedeutet). Ein bisschen erfahren wir heute von hier, zum Beispiel, dass sie lange in Zürich gelebt hat und gerade darum die direkte Unfreundlichkeit der Berliner/innen genießt. Dass die fünf Jahre Theaterarbeit für sie eine gute Zeit waren, an die sie irgendwann wieder anknüpfen will. Oder dass Street Art für sie ‚was gegen Hässlich‘ und alltägliche Borniertheit ist. 
Ich wünsch´ euch nun eine anregende Lektüre und einen fulminanten Wochenstart, und sage: Danke, liebe Charlotte für das gehaltvolle Gespräch.
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smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art
magst du dich kurz vorstellen? wer bist du? woher kommst du? wo bist du gerade?
nichts für ungut, aber lass uns das bei einem bier besprechen. ich bin mir da nicht so sicher.
wie und wo lebst du in berlin?
ich wohne mit mann & kind in einer wohnung in schöneberg. wäre ich früher allein nach berlin gekommen, wäre ich in eins dieser „wilden“ stadtviertel gezogen – friedrichshain, kreuzkölln, mittlerweile wedding – aber ich bin ungeheuer froh, zu meinem liebsten in diesen entspannten, grünen, gut durchmischten, milieuübergreifenden kiez gezogen zu sein. obwohl ich gerade sehr viel mit freund*innen laut darüber nachdenke, ob mensch in einem immerhin familienfreundlichen grossstadtkiez so aufwachsen kann, dass der öffentliche raum lebensraum ist, und nicht durchgangspassage, und das leben nebeneinander gemeinsam gestaltet werden kann – oder ob die fragen nach der sicherheit und der anonymität die lautstarkeren sind und bleiben. und insofern stellt sich die frage, wie lange wir hier noch bleiben.
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smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art
wenn ich deinen namen google, stoße ich immer wieder auf das wort „regie“. was hast du damit zu tun?
das finde ich immer wieder äusserst unterhaltsam, was google aus lebensläufen macht: welche teile eines lebens lassen sich via google finden, nachweisen, darstellen? welche teile erhalten welches gewicht? wie viele seiten der suchergebnisse hast du durchgeklickt?
als ich den blog angefangen habe, war klar, dass das ein bruchteil von allem sein wird, woraus ich mich zusammensetze. manchmal ist das anstrengend, weil sicherlich missverständnisse entstehen, fremdbilder, die wenig mit dem zu tun haben, wer ich bin. sozusagen: ein assoziatives produkt. ein versuchsweise sehr persönliches und nahbares produkt. aber andererseits war ja auch klar, dass der blog eine möglichkeit ist, zu teilendes weit in den äther rauszuschicken, ohne garantie auf antwort. was diejenigen, die meinen kram empfangen und aufnehmen, damit anstellen, würde mich schon manchmal mehr interessieren. wenn also eine art verpuzzlter dialog enstehen könnte.
also auch, wenn ich deine frage jetzt beantworte und damit ein puzzlestück mehr hinzusetze, bleibt das bild unvollständig und auf eine bestimmte art unecht – was nicht unbedingt bedauerlich ist.
um deine frage aber doch noch zu beantworten: ich habe fast fünf jahre lang im theater gearbeitet, zuerst als regieassistentin, später auch als regisseurin, autorin, produktionsleiterin eigener projekte. ich habe ungeheuer viel gewonnen in dieser zeit, nicht zuletzt meinen mann und dieses kaum zu erklärende heimwehgefühl, wenn ich hinter einer bühne im schwarz vor dem offenen raum stehe. zum glück hab ich noch ein paar jahre vor mir, um meine eigenen puzzleteile für mich zusammenzusetzen.
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smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art
Zürigschmois – oder: Essen verbindet
was verbindet dich mit züri?
innerer widerstand. meine beziehung zu züri besteht hauptsächlich aus einem inneren widerstand, der aber, zugegeben, mit den jahren etwas altersschwach wird. ich bin dort teilweise aufgewachsen. meine familie lebt immer noch dort. ich bin, als wir dort hinzogen, davon ausgegangen, dass wir nach vier bis fünf jahren wieder weiterziehen. also wollte ich ab dann auch wieder weg. es hat noch ein paar jahre länger gedauert.
züri ist grau, langweilig, engstirnig, versnobt und korrekt – aber es ist auch heim von ein paar meiner wichtigsten menschen, es ist die hardbrücke und damit hässlich­schön, es ist leuchtender nebel, es ist weiches seewasser, es ist ausgangspunkt wohl für die meisten fürs weiterreisen in ganz andere teile der schweiz, die weit sind, die rauh sind, die herzerwärmend sind und wunderbare sprachen sprechen.
zur zeit treibt mich dabei die erkenntnis um, dass auch so ein innerer widerstand prägt, und diese prägung aus einer verbindung besteht, die nicht mehr zu löschen ist, aber auch etwas eigenes ist – und damit wieder etwas positives sein oder werden kann. am schönsten hat, glaube ich, melinda nadj abonji so eine beziehung zur schweiz beschrieben, in ihrem roman tauben fliegen auf.
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smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art, Zürich
was hat es mit dem namen deines blogs ’smørrebrød syltetøy‘ auf sich?
ja, das ist so eine sache. ich glaube, kein mensch kann sich das merken. aber egal. ich liebe butterbrot und himbeermarmelade, und dann ist es wohl ein ausdruck meines wunsches, irgendwann dann doch mal schwedisch oder norwegisch zu lernen, und dann auch noch das verwahren einer wärmenden erinnerung. ich hatte damals mit allen meinen lieben darüber gesprochen, ob ich einen blog starten soll oder nicht, zergrübelte mir den kopf – nicht gesprochen hab ich über den namen. der war einfach da. und jetzt denke ich, soll er auch bleiben. auch wenn sich das kein mensch merken kann.
du beschäftigst dich mit ’street art‘ und hast ein jahr den künstler brad downey begleitet. welche erkenntnisse über diese – zwischen hochkultureller abwertung und marketinggetriebener aufwertung liegende – kunst hast du gewonnen?
bei marketinggetriebener aufwertung unterstelle ich dir die aktuelle hornbach­kampagne ‚mach was gegen hässlich‘ im hinterkopf. hochkulturelle abwertung findet inzwischen eigentlich nur noch angesichts von tags (’schmierereien‘) statt (die aber brad downey mal als eine art reisekarte unter den künstler*innen bezeichnete) – die hochkulturelle aufwertung hat längst auf kommerziellen wegen begonnen.
ob das alles kunst sein muss, darüber habe ich ja auch viel mit brad downey nachgedacht – bzw. ist er da bereits zu einigen erkenntnissen gekommen, während es mir die differenzierungsnotwendigkeit etwas schwer macht. ja, es kann kunst sein. ja, es macht spass. und ja, es ist notwendig. und wenn es hornbach und street artisten gelingt, ein eigenständigeres, phantasievolleres ästhetisches empfinden und ein verantwortungsgefühl gegenüber dem ort, an dem wir leben, zu verbreiten, dann soll mir das recht sein. bürokratie führt zu schlafwandler*innen. street art, urban interventions haben, meiner meinung nach, einmal die funktion der gestaltung und dann die funktion des wachrüttelns.
in deinem artikel kommt durch, dass viele street art­künstler kunststudierende und meist männer sind. ist das so? und warum gibt es weniger frauen unter ihnen (kennst du welche?)?
die masse an menschen, die im öffentlichen raum künstlerisch tätig sind, ist doch ungeheuer vielfältig, und sie wächst immer weiter. vielleicht kommt die scheinbare überhand von kunststudierenden auf der strasse in unserer wahrnehmung daher, dass sie einmal kenntnisse der gestaltungsmöglichkeiten mit sich bringen – und andererseits auch daher, dass sie einfacher zu rezipieren sind für unser kunst­ und kulturnahes milieu: ihr tun lässt sich einfacher kommerzialisieren und verstehen, weil es weniger gegenkultur als reflexion innerhalb des bewährten kultursystems mit vielleicht anderen mitteln ist.
das rätsel mit den frauen, das nicht nur street art betrifft, konnte ich bisher bedauerlicherweise noch nicht lösen. aber ich sag bescheid, wenn. eine, die für mich ungefähr drei viertel der männlichen artisten an die wand spielt, ist swoon.
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smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art, Zürich
im Uhrzeigersinn: 1 | 2 | 3 | 4
was sind deine liebste street art werke in berlin und wo findet man sie?
  • die institution: der bierpinsel (schildhorn­/schlossstrasse)
  • das kunstvoll­gruselige: die hasen von roa (kunsthaus bethanien, kreuzberg)
  • mein persönlicher liebling: die frau mit kopftuch (lausitzer­/wienerstrasse)
  • der klassiker: der astronaut von victor ash
  • die zauberhaften und perfekt platzierten cut­outs von swoon in mitte hängen in fetzen, wenn überhaupt noch.
und dann all der kleinkram: wenn jemand auf einem mülleimer das e und das r von ‚papier‘ wegkratzt, inzige alice, die zwischen reklameplakaten ertrinkt, der türgriff hinterm briefkasten, lego in pflastersteinen, fische aus plastiktüten an zäunen, downeys sandburg: also all das, was meine augen zwingt, ständig offen zu bleiben für unerwartetes.
wo findet man dich in berlin, wenn du nicht gerade zuhause oder auf dem spielplatz bist?
in der l’epicerie von lionel, im gleisdreieckpark, in unserem gemeinschaftsgarten in der kluckstrasse, im p103, in der voima in der winterfeldtstrasse, im prinzessinenngarten (und nur ganz ganz ganz kurz bei modulor), in der humboldt­uni, bei hobby rüther, oder eben gar nicht, weil wir wieder auf und davon gefahren sind.
was liebst du an berlin, und wofür könntest du der ‚frau mit den sommersprossen und dem viel zu großen mund‘ (hildegard knef) gerade mal eine langen?
ich liebe es mit dem fahrrad ungefähr von den knien bis auf brusthöhe dieser frau zu fahren (weiter komme ich kaum mit dem rad), die wahrscheinlich eigentlich eine art frankenstein ist, mit unzähligen zusammengesetzten unterschiedlichsten körperteilen, und genau das geniesse ich: die sichtbarkeit der unterschiede, das flickwerk, das unfertige. oh, und die direkte unfreundlichkeit, die ist nach züri immer noch eine wohltat!
das bibliothekssterben werde ich leider nicht mit einer ohrfeige beenden können. aber wenn das hilft, dann knall ich ihr mal eine gegen die hektik, den takt, gegen die unüberbrückbaren ozeane zwischen den stadtteilen.
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smørrebrød syltetøy, M i MA, Ein Blick hinter, Berlin, Street Art, Zürich