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Art and Design that change the world

Madeleine textet. Fine zeichnet. Aus Text und Zeichnung werden Möglichkeitsräume, aus Madeleine und Fine werden Matrosenhunde. Die Matrosenhunde haben ihren Hauptsitz in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, ein Ort, der für manche Menschen eine No-go-Area ist. Fine und Madeleine texten und zeichnen hier u.a. für Verlage und Theater. Ich mag ihre Arbeiten sehr; sie haben eine ganz eigene Ironie. Sie ist gleichzeitig heiter und traurig, leicht und schwer. Der Verleger Robert Eberhardt spricht von »Poesie und Zweideutigkeit« und findet, es sei ein großes Glück, wenn das eigene Dasein wie die Kunst der Matrosenhunde davon durchzogen wäre. Dem kann ich nur zustimmen – und mich freuen, dass die Zwei heute zu Gast bei mir sind.

In unserem Gespräch geht es unter anderem um die »unbeobachteten Kippstellen im Leben«, die Lust am Wandel und den passenden Umschlag zum aktuellen Weltgeschehen. Vielen Dank, liebe Fine und Madeleine, für das inspirierende Gespräch, mit dem ich allen einen glücklichen Start in die KW 10 wünsche.


»Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen.« Madeleine


Als Matrosenhunde fokussiert ihr den Zwischenraum von Bild und Text. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Als Grafikerin und Zeichnerin hab ich mir immer ein Gegenüber gewünscht, mit dem ich kommunizieren und Gedanken größer spinnen kann. Wir reden ja, während Madeleine textet und ich zeichne, nicht über unsere jeweiligen Beweggründe – und dann entsteht durch die Verknüpfung unsere Ausdrucksformen etwas Neues, Eigenes. Ich finde das elektrisierend.

Euer Studio ist mitten in Neukölln. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Es ist schon manchmal hart, gerade in der Sonnenallee – hier prallen Welten aufeinander: auf der einen Seite die gewachsene Armut und auf der anderen Seite die jungen, enthusiastischen Kreativen, die versuchen, eine schönere, bessere Welt zu schaffen. Oft mithilfe von öffentlichen Geldern oder Zuschüssen. Das Neuköllner Jobcenter hat den größten Bereich für Selbstständige in ganz Berlin. Gleichzeitig werden überall die (Gewerbe-)Mieten teurer, ohne dass irgendetwas für den Stadtteil getan wird. Das schürt gegenseitige Ablehnung. Gerade erst habe ich eine ehemalige Kommilitonin getroffen und mich über den Kasper gefreut, den sie am Böhmischen Platz ans Puppentheater gemalt hat. Nächste Woche wird der überstrichen, weil er nicht zum schicken neuen Rixdorfer Image passt.

Madeleine: Was unser Studio konkret angeht, sind wir gar nicht an eine bestimmte Umgebung gebunden, wir hatten auch schon Arbeitsorte in einem Plattenbau auf der Prenzlauer Promenade, in einer umgenutzten Kohleofenwohnung im Winskiez oder »on the road«. Eigentlich brauchen wir nur einen Tisch und ein bisschen Platz zum Denken. Neukölln ist da eine Reibungsfläche, die nicht für jeden geeignet ist. Ich persönlich brauche oft Rückzug und Ruhe, daher mag ich das Tempelhofer Feld sehr. Das Nebeneinanderexistieren unterschiedlichster Lebensentwürfe ist hier in Neukölln schon sehr beeindruckend. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob dieses Nebeneinander auch irgendwann zum Miteinander wird, oder eher doch parallel bleibt.

Was sind die »unbeobachteten Kippstellen des Lebens zwischen Tür und Angel«? 

Madeleine: Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen. Beim Aus-dem-Zugfenster-gucken oder an der roten Ampel. Im Vorübergehen, im nicht definierten Zwischenraum. Diese Orte aufzuspüren, ist mir ein großes Anliegen. Genau hinzusehen und leise zu beobachten, wann etwas passiert. Denn Anfang, Mitte und Ende einer Geschichte obliegen auch immer demjenigen, der sie erzählt.

Fine du bist in Berlin aufgewachsen. Wie und wo? 

Ich komme aus Oberschöneweide, was zu Köpenick im Südosten Berlin gehört. Von damals habe ich wohl meine Liebe zur Industrie-Architektur. Zur Schule gegangen bin ich aber im bürgerlichen Friedrichshagen und in Oberspree. (Abitur habe ich übrigens in Schleswig-Holstein gemacht und kurz mal in Paris studiert. Ich musste aber immer so schnell wie möglich nach Berlin zurück.) Oberschöneweide hatte nach der Wende 30.000 Arbeitslose, das war schon heftig. Ich finde es schön, dass in den alten Fabrikhallen Ateliers entstanden sind, die FHTW mit ihren Studenten das Viertel neu belebt hat und viele Häuser renoviert wurden. Das war nötig. Aber auch hier muss achtsam mit den Bewohnern und ihren Möglichkeiten umgegangen werden. So ein Viertel, eine Stadt ist ja ein Makrokosmos, an dem sich ganz gut gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen.

»Ich will so gerne alle Menschen mitnehmen und für Veränderungen begeistern. Zusammen kann so viel Großartiges entstehen, was alleine und auf egoistische Beweggründe fokussiert nicht möglich ist.«

Wie und wann sind aus dir und Fine zwei Matrosenhunde geworden? Und woher rührt der Name? 

Madeleine: Fine und ich kannten uns schon über eine gemeinsame Freundin und vom Zeitgenössischen Tanzen, auch das war schon eine Art stillschweigende Kontaktimprovisation. Was dann kommt, ist Geschichte: Im Sommer 2009 besuchten wir bei 48 Stunden Neukölln gemeinsam die Ausstellung einer Weißensee-Kommilitonin von Fine. Ich glaube fest daran, dass wir beim Bordsteinkantenbier beschlossen haben, eine Art Briefwechsel in Text und Bild zu starten und zu gucken, was passiert. Fine schwört darauf, dass der Grundstein für unser kreatives Ping-Pong bei Schnaps auf einem Hausdach gelegt wurde. Man weiß also nichts Genaues.

Dann haben wir angefangen, täglich abwechselnd Zeichnungen und Sätze hin- und herzuschicken, die jeweils aufeinander geantwortet haben. Daraus entstand unser erstes Buch – handgebunden im selbst hergestellten Leinenumschlag mit Siebdruckprint. Es hieß, der Titel lief mir einfach so zu: »Matrosenhunde, Kapitänsfrauen und der weiß lackierte Zaun«. Anderthalb Jahre später wurden wir mit einem Projekt zum Springhouse-Symposium in Dresden eingeladen und fortan und für immer »Matrosenhunde« genannt.

Was waren jeweils eure liebsten Kommunikationsprojekte und warum?

Beide: Unser liebsten Projekte waren die, bei denen wir unseren angewärmten Platz verlassen und uns auf die Suche nach neuen, anderen Wirklichkeiten begeben haben. Das war das wunderbare Zusammensein mit anderen Künstlern im Rahmen einer Residenz im Springhouse Dresden, ein Frühlingsausflug nach Madrid, bei dem wir unsere Begegnungen in Fax-Sendungen verarbeitet haben oder ein Aufenthalt in Brandenburg, zwischen Seen, Wäldern und Rinderherden. Denn auf der Suche nach den Augenblicken, die den Alltag bedeutsam machen, ist es immer eine gute Idee, irgendwohin zu fahren. Vielleicht auch nur mit der gelben Straßenbahn zum nächsten Segelsteg.

Gute Gestaltung – was ist das für euch? 

Fine: Das kommt darauf an. Spontan würde ich sagen, gute Gestaltung macht etwas mit mir: berührt mich, oder bringt mich zum Nachdenken, stößt im besten Falle etwas an. Und dafür fühlen wir uns hinein und recherchieren unabhängig voneinander oft zu denselben Themen. Wir nennen das unseren »unfreiwilligen Buchklub«, weil wir oft dieselben Bücher lesen; wenn die eine von einem Zeitungsartikel berichtet, hat die andere ihn oft auch gelesen und vollendet den Satz. Zurück zur Frage: Gute Gestaltung bemerkt man daran, dass sie sich nicht aufdrängt, das Sujet steht im Vordergrund. Immer.

Madeleine: Gute Gestaltung drängt sich nicht auf, sondern gibt ihrem Motiv Raum. Das heißt nicht, dass gute Gestaltung immer hintergründig sein muss, es darf auch knallen. Nur sollte es einen Grund dafür geben, das Design sollte nicht einfach nur sein Objekt maskieren. Für mich funktioniert Gestaltung eher wie Bildhauerei: Sie gibt einem Ding seine Gestalt, arbeitet die Besonderheiten heraus und macht organisch ein großes Ganzes daraus.


»Das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.« Fine


Die aktuelle Weltlage macht mich bisweilen sprachlos. Welche Worte und Beschreibungen fallen dir dazu ein?

Madeleine: Oh, auch ich verliere oft die Fassung und Formulierung. Mir kommt das alles oft so surreal vor, denn die grausame Banalität des Zeitgeschehens, mit dem wir doch angesichts unserer historischen Bildung anders, besser, weiser umgehen sollten als Gesellschaft lässt mich oft ratlos zurück. Ich finde die meisten Geschehnisse im Grunde erschreckend simpel und frage mich, wie Angst und Misstrauen begegnet werden kann. Es ist aber auch sehr schön zu sehen, wie Menschen sich positiv positionieren, Besonnenheit zeigen, Haltung beziehen und Werte hochhalten. Eine offene, humanistische und demokratische Gesellschaft nicht nur zu beschwören, sondern auch im Kleinen zu leben, halte ich für den wichtigsten Weg, weg von Bedrohung und hilfloser Ohnmacht.

Stell dir vor, das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman. Wie würdest du den Buchumschlag gestalten und welches wäre das richtige Versatzpapier dafür? 

Fine: In der Verlagsbranche reden ja immer viele Stimmen mit und entscheiden, wie Cover und Innensatz aussehen müssen. Avantgardistisches Design durchzuboxen ist dort oft sehr schwierig. Da es ja ein hypothetisches Cover ist und keine Kostengrenzen vorgegeben wurden, würde ich eine ordentliche Materialschlacht veranstalten. Ohne, dass man es merkt selbstverständlich. Titel, Autor und Verlagslogo würde ich gar nicht farbig drucken, sondern blind prägen auf dicke recycelte Pappe, ein schönes grobes Material. Formatfüllend. Es soll ja alles lesbar sein. In den Weißraum dazwischen (und auch über ein paar Buchstaben drüber) würde ich filigrane Zeichnungen relevant zum Inhalt setzen. In Rot. Mit rotem Kapitalband und rotem Buchleinen über der offenen Fadenbindung. Als Vorsatz wünsche ich mir ein handgeschöpftes Gewebe-Papier: Bei Tageslicht ist es grau mit kupferroten Einschüssen, aber wenn ich meine Nachttischlampe anknipse schillert mir der Regenbogen entgegen. Kurz: ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.

Es gurgelt und zischt.
Es kichert und kreischt und grölt.
Es murmelt.
Es säuselt und zwitschert.
Es gluckst und röhrt und brüllt.
Es ruft und redet.
Es geifert und trällert.
Es spricht und singt.
Es lärmt.
Es tönt.
Es dröhnt.
Es blubbert.

Das Rauschen am Grund der Kommunikation hat sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm verdichtet: ein brodelnder Brei aus abermillionen Stimmen, von denen jede Gehör finden will und doch keine einzelne mehr zu vernehmen ist. Ich könnte noch eins draufsetzen – doch wohin führt es, wenn wir dem Lärm immer weiter mit Gegenlärm begegnen?

***

In der aktuellen Ausgabe des NO ROBOTS Magazin #6 schreibe ich über mein Unbehagen am Primat der Sichtbarkeit und nähere mich vorsichtig »der neuen Rolle der Kommunikation in der veränderten Welt«.

No Robots Magazin #6 Rausch

Foto von Dmytro Yakymuk. M i MA Nikolaus Spendenaktion

{Verlosung/Werbung/Spendenaktion} Heute ist Nikolaustag, und ich gestehe, dass ich selbst noch einmal nachsehen musste, wem genau wir da eigentlich alljährlich am 6. Dezember gedenken – und warum. Also: Der gute Mann, wäretdem die Kinder wenigstens einmal im Jahr ihre Stiefel blitzblank putzen, lebte im 4. Jahrhundert nach Christus und war als Bischof in Myra tätig, einer antiken Stadt in der heute türischen Provinz Antalya. Es heißt, er sei ein guter Mensch gewesen, der sich unermüdlich und uneigennützig für hilfebedürftige Menschen eingesetzt habe. Aus reichem Elternhause stammend, nutzte er sein Vermögen, um Waisen-, Armen- und »Seniorenhäuser« für Seeleute a.D. zu errichten. Außerdem rettete er, so die Legende, die Stadtbewohner/innen vor einer Hungersnot und die Kinder von Myra vor Seeräubern. Bis in die Jetztzeit wird Nikolaus darum als Schutzpatron der Kinder, Seeleute und Bäcker/innen verehrt.

Und der »Stiefel«? Nun, der rührt nach Meinung von Brauchtumsforscher/innen von der Kinderrettung her: Die Seeräuber wollten sie als »Pfand« nehmen, weil die Stadt das geforderte Lösegeld für die gekaperten Getreideschiffe nicht aufbringen konnte. Der gute Nikolaus verhinderte dies, indem er die Schiffe gegen den Kirchenschatz zurückkaufte. Daraus sei, so die Expert/innen, zunächst der Brauch des »Schiffchensetzens« entstanden: Am 5. Dezember stellten die Kinder früher ein selbstgebasteltes Schiffchen vor die Zimmertür. Erst später wurde ein »Schuh« daraus – und einer steht jetzt hier.

Rote Nikolaus-Boote

Mit Unterstützung von neun Unternehmen ist es mir dieses Jahr gelungen, einen ziemlich großen Nikolaus-Stiefel mit allerlei feinen, guten und schönen Dingen für euch zu füllen {siehe unten}. Mein Honorar für diese Aktion möchte ich – ganz im Sinne Nikolaus – für einen guten Zweck einsetzen. Darum:

Lasst mich bis zum 13. Dezember um Mitternacht wissen, welches Projekt oder welche Organisation ihr unbedingt förderwürdig findet. Die Entscheidung, wem oder was das Geld zugute kommt, fällt mit der Auslosung der/des Stiefel-Gewinner/in.

Ich freue mich auf viele gute Spendenvorschläge und wünsche viel Glück! danke euch für die vielen Spendenvorschläge! Der Nikolaus-Stiefel geht an Miriam {Nr. 11} und die Spende damit an die Heilsarmee, die Obdachlose mit Zuflucht und Notbetten, Suppen und warmen Getränken unterstützt.

Liebe Miriam, vielen Dank und herzlichen Glückwunsch. Bitte teile mir via Mail deine Adresse mit.


Kaeseplatte von Bries et ses amis

BRIE ET SES AMIS ist einer Berliner Startup mit französischen Wurzeln: Seit 1921 handelt der Familienbetrieb aus Chartres mit Käse, von dem wir hierzulande noch nie gehört, geschweige denn gekostet haben. Das wollte Gründerin Paula Kirchenbauer ändern. Während Eltern und Geschwister die 200 Sorten umfassende Käsevielfalt auf französischen Wochenmärkten feilbieten, vertreibt die »Fromagers-Affineur« das Sortiment online. In den Nikolaus-Stiefel haben die »Brie-Freund/innen« einen 50€-Gutschein für eine Käseplatte nach eigener Wahl gesteckt.


Löwenbrot von Brotliebling

Das Brot zum Käse kommt von Brotliebling: Das Unternehmen mit Sitz im Berlin-Wedding will die Welt fürs Selberbacken begeistern und sendet darum seit 2012 Back-Sets quer durch die Republik. Darin enthalten: abgewogene Zutaten in Bioqualität samt Backanleitung und Backpapier. Für den Nikolaus-Stiefel haben die Brotliebhaber ihr Lieblingsbrot das Löwenbrot ausgewählt: ein Vollkornbrot aus Weizen- und Dinkelmehl mit Mandeln und wilden Hanfsamen.


Drinksyndikat Gin und Tea CocktalDetox-Tee von Tree of Tea

Die Getränke stellen der Berliner Cocktailversandhandel »Drink-Syndikat« und der Passauer Bio-Teehandel »Tree of Tea«, die für die jüngsten Cocktailrezepturen gemeinsame Sache gemacht haben. Das Ergebnis dieser Kooperation hat das »Drink-Syndikat« in den Stiefel gelegt: ein Cocktail-Set mit Zutaten und Rezepten für die sechs Gin- und Tee-Cocktails. Die Tee-Experten haben ihr großes Detox-Wohlfühlset dazu gelegt – für den inneren Reinigungsprozess.


Brettchen mit Messer von Heute ist Morgen

Die »Infrastruktur« fürs gelungene Mahl stammt von »Heute ist Morgen«, einer jungen Online-Plattform für nachhaltiges Design: Ein Käsemesser aus Bambus und japanischen Stahl, ein Bambus-Schneidebrett und 2 Beton-Eierbecher haben die beiden Gründer Tim-Robert Meyer und Philipp York Martin zum Stiefelglück beigesteuert.


archiv/e magazin 01 und 02

Anselm und Lina vom Berliner Indie-Magazin »archiv/e« ergänzen das kulinarische Vergnügen um den Lesegenuss: In den Stiefel haben sie dafür je eine Ausgabe ihres Magazins Nr. 01 und 02 gesteckt.

Birdy von das-rote-paketbilderleiste Kleinwaren / von Laufenberg


Die weihnachtliche Gemütlichkeit unterstützen der Leipziger Online-Shop für junges Design »Das Rote Paket« und das Düsseldorfer Grafikstudio »Kleinwaren / von Laufenberg«: »Das Rote Paket« hat BIRDY, den wollenden Vogel, Vera von Laufenberg eine magnetische Bilderleiste in den Stiefel gesteckt.


WSAKE Lettered PendantAn den übervollen Stiefel hat das Regensburger Vater-Tochter-Unternehmen WSAKE eines ihrer »Lettered Pendants« gebunden. Welches »Zauberwort« darauf stehen soll, das darf die/der Gewinner/in bestimmen.


Bildnachweise: Nikolausstiefel (c) Melanie Mauer | Weihnachtsgeäst von Dmytro Yakymuk | Boote (c) Jacob Sapp | alle anderen Bilder stammen jeweils vom Unternehmen

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Bevor Peter Lindbergh, der mit bürgerlichen Namen Peter Brodbeck heißt, zum internationalen Starfotografen wurde, arbeitete er als Schaufensterdekorateur und studierte Malerei und Konzeptkunst in Düsseldorf. Erst 1971 wandte sich der von Berliner Avantgardekunst inspirierte 27jährige der Fotografie zu – und machte international Karriere. Die erreichte 1990 mit seinem Titelbild für die Januarausgabe der britischen Vogue ihren Höhepunkt: Quasi über Nacht wurde Lindbergh zum »Schöpfer der Supermodels« und läutete eine neue Ära der Modefotografie ein: weg vom »Kleiderständer« hin zur Persönlichkeit.


»Bei richtiger Schönheit sprechen wir über Individualität, über die Courage man selbst zu sein, die eigene Sensibilität einer Person. Alles andere ist nur eine manipulierte Fiktion.« Peter Lindbergh


Ich mag Lindberghs Fotografien, die mehr Filmstill als Foto sind – und stets eine Einladung zum Kopfkino. Ob die rauchende Kate Moss, die Frauen im weißen Hemd oder »Naomi, Linda, Tatjana, Christy und Cindy in den Straßen von New York« – jedes Bild scheint den einen, den ganz besonderen Moment festgehalten. Und wir, die Betrachter/innen, sind eingeladen, die ganze Geschichte zu erfinden, deren {vorwiegend weibliche} Protagonisten in ihrer Ungezwungenheit und Schönheit für ein uneingelöstes Versprechen stehen: das Versprechen auf die volle Anerkennung und unantastbare Würde des Individuums.

Die Kunsthal Rotterdam zeigt seit dem 10. September und bis zum 12. Februar 2017 eine erste umfassende Retrospektive des schon heute legendären Modefotografen, die anschließend um den Globus wandern wird. Anhand von über 220 Lindbergh-Fotografien erzählt »A Different Vision on Fashion Photography« die Geschichte der Mode seit 1970 und wie sie sich mit Lindbergh verändert hat. Parallel zu der von Thierry-Maxime Loriot kurierten Ausstellung hat der TASCHEN Verlag im September seinen gleichnamigen Begleitband herausgebracht.  Das 500 Seiten starke Buch mit mehr als 400 Fotografien gibt Einblick in Lindberghs Schaffen seit den 1970er Jahren – ein wunderbares Buch, finde ich: Kopfkino ohne Ladenschluss. Umso mehr freue ich mich, ein Exemplar an euch verschenken zu können.

Hinterlasst dazu einfach bis zum 30. November 0.00 Uhr eine kurze Notiz, was euch an Lindberghs »Vision on Fashion Photography« fasziniert {bitte unbedingt eine E-Mailadresse angeben!}. Frau Zufall und Herr Glück werden haben das Übrige tun getan und die Nr. 12 orakelt – Herzlichen Glückwunsch, liebe Katja!

Du kannst – wie alle anderen natürlich unbedingt auch – dein Buch am Samstag, den 3. Dezember zwischen 16 und 18 Uhr sogar von Lindbergh höchstpersönlich signieren lassen. Dann nämlich ist der Starfotograf anlässlich der Eröffnung des ersten Berlin TASCHEN Flagshipstores in der Hauptstadt.

Einladung zur Signierstunde von Pter Lindbergh im TASCHEN Store Berlin

Ich danke dem TASCHEN Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars und eines weiteren Buchs für meine Leser/innen.

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dsc01962

Karl-Marx-Straße 17 Berlin-Neukölln. Zweiter Hinterhof – und dann immer der Zitrone nach. Hinter einer schweren Stahltür im dritten Stock liegt die COJE. Hierher haben Anselm und Lina geladen, um die Veröffentlichung der zweiten Ausgabe ihres Lifestyle-Indie-Magagins archiv/e zu feiern.


EINE NAHEZU PERFEKTE VERBINDUNG VOM DIGITALEN INS ANALOGE. EIN UNFASSBARER ÄSTHETISCHER FLOW. – DIE MACHER BEHERRSCHEN DIE KUNST DER UMSETZUNG VON EINEM MEDIUM INS ANDERE. HoppundFrenz


Als mir die Tür geöffnet wird, erlebe ich eine Überraschung: Vor mir liegt ein kleines Dorf. 10 Holzhütten stehen in der großen Loft-Etage, eine Lounge ist der Dorfplatz, eine offene Küche der Gemeinschaftstreff.

Ich kann mir wenig schönere Orte für den Release des archiv/e Magazins 02 vorstellen als den Multifunktionsraum von Marcus und Isabella Kolata. Das junge Designerpaar wollte für Kreative aus aller Welt eine Unterkunft, einen Arbeits-, Ausstellungs- und Austauschraum in einem erschaffen – das ist ihnen gelungen! Zwischen Altholz und Grünpflanzen treffen Gastfreundschaft und Inspiration glücklich zusammen. Das hat sicher seinen Teil zum Gelingen der Publikationsparty beigetragen.

Über 70 Leute waren Linas und Anselms Einladung gefolgt– trotz strahlend blauem Himmel und 30°C im Schatten: Frauen und Männer, Jung und Alt und Mittelalt, Blogger/innen, Blogleser/innen und Printliebhaber/innen flanierten plaudernd durch die Fotoausstellung von archiv/e-Bloggerin Cindy Ruch {cake+camera}, genossen das Buffett und die Bagels nach einem Rezept von Julia Herrmann {Chestnut & Sage}, bastelten Papierdiamanten von und mit Jules Villbrandt {herz und blut} und lauschten meiner „Ode an Berlin„. So viele gute Gespräche. Von Papier bis Politik, von Beruf über Berufung zur verkanten Kreativität des Maschineningenieurs. Neue Kontakte wurden geknüpft und lang geplante Begegnungen Wirklichkeit {endlich habe ich Danane kennengelernt!}.

Nach diesem rundum schönen Samstagnachmittag {mehr Impressionen findet ihr hier} ist das zweite Magazin nun also im Verkauf. Es ist etwas anders als die erste Ausgabe mit der großartigen stepanini, denn die Inhalte stammen dieses Mal von vier verschiedenen Blogs: herz und blut deckt den Bereich Wohnen ab, cake+camera steht für die Rubrik Reisen, Chestnut & Sage kümmert sich ums Essen und M i MA steht fürs Denken. Neu ist auch, dass in jedem Kapitel bit.ly-Links zu Originalinhalten, Klängen und spannenden Projekten führen.

Warum die beiden Magazinmacher/innen das Konzept erweitert haben, könnt ihr im Interview mit Anselm und Lina nachlesen, dass ich Anfang August mit den beiden geführt habe. Außerdem könnt ihr hier und heute eines von drei Magazinen 02 gewinnen.


BIS FREITAG, DEN 23. SEPTEMBER 16 KÖNNT IHR EINES VON DREI ARCHIV/E MAGAZINEN 02 GEWINNEN.


Hinterlasst bis Freitag, den 23. September 0.00 Uhr eine Nachricht und verratet Anselm, Lina und mir, worauf ihr im neuen Heft am meisten gespannt seid. Die Gewinnerinnen sind: Sabine {2}, Bettina {11} und Astrid {15}. Herzlichen Glückwunsch! Bitte schickt mir eure Adresse per Mail.

Einen kleinen Einblick ins Magazin findet ihr hier:

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Einst öffentliches Urinal, heute ein Burgerladen: das Toilettenhäuschen am Schlesischen Tor | Foto: SanSuo

In unserem Kiez leben viele Menschen ohne Obdach. In der U- und S-Bahn bitten viele Menschen um Geld oder Essen. Ma. nimmt das sehr genau wahr und hat viele Fragen: Warum haben sie kein Zuhause? Seit wann leben sie auf der Straße? Wer sind sie? Woher kommen sie? Wie geht es ihnen? Viele Fragen, die auch mir in den Kopf schießen – und genauso schnell wieder raus. Nicht so bei Ma. Sie nimmt sie mit, und manchmal hat sie dann eine Idee. So wie neulich.

„Mama“, sagte sie, „kannst du den Erfindern sagen, sie sollen eine Draußentoilette erfinden, in die jede/r rein kann.“

Ich muss ein wenig ratlos dreingeschaut haben; die Erläuterung kam prompt.

„Na, die armen Leute haben doch kein Geld und in die Toiletten muss man immer einen Euro stecken. Wie soll das gehen?“

Ich habe ihr nicht gesagt, dass es vor nicht allzu langer Zeit, noch öffentliche Toiletten gab, in denen man seine Notdurft unentgeltlich verrichten konnte, denn die Idee ist – ob neu oder nicht – gut! Eine soziale Innovation im besten Sinne.

Darum: „Liebe Erfinder/innen, {er}findet doch mal einen Weg, wie die {sich selbst reinigende} City Toilette für alle und jede/n barrierefrei {Geld ist eine der größten Barrieren} zugänglich werden kann.“


Und mit der obligatorischen Liste verabschiede ich mich ins Wochenende. Habt’s gut!

FORMOST, Schwerin, DDR-Design, Matthias Kanter, gute Form, gute Produkte, Bauhaus, WerkbundEs ist ein sonniger Mittag. Ich sitze im Innenhof der Berliner Stadtbibliothek und telefoniere mit Matthias Kanter, Inhaber von FORMOST. Eine halbe Stunde war für unser Gespräch angesetzt. Nach eineinhalb sind wir einmal quer durch die Designgeschichte bis nach Persien, aber noch lange an kein Ende gekommen. Wäre mein Akku nicht bald leer und mein Ohr schon heiß, ich hätte seinen Geschichten und Ansichten noch stundenlang folgen mögen.

Matthias Kanter. Wer ist das?

Ein Maler, 1968 in Dessau geboren, aufgewachsen im einzigartigen Gartenreich Dessau-Wörlitz, wo meine Mutter als Restauratorin tätig war. Die Umweltbelastungen der nahe gelegenen Bitterfelder Chemieindustrie machten mir jedoch so zu schaffen, dass wir schließlich nach Schwerin übersiedelten.

Meine Liebe zu Kunst und Design aber hat Dessau geprägt.

Dessau ist ein einzigartiger Ort. Es ist kein Zufall, dass das Bauhaus 1923 hierher kam. Unter Fürst Leopold III. Friedrich Franz entwickelte sich die Stadt Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem Zentrum der Aufklärung, in dem – dank seiner aufgeklärten Politik – das jüdische Leben ebenso blühte wie (Volks-)Bildung und Wirtschaft. Leopolds Ansätze und Ideen gipfeln im Dessau-Wörlitzer Gartenreich: Die 142 km² große Anlage mit ihren Schlössern und Parks sollten allen und jedem ästhetisches Vergnügen bereiten und seiner persönlichen Bildung dienen.

Dass ihn dieser großangelegte Ansatz der ästhetischen (Volks-)Erziehung quasi sein gesamtes Vermögen kostete, war dem überzeugten Aufklärer gleich.  Lieber lebte er bescheiden in einem Refugium als die Idee der „Kunst für alle“ aufzugeben.

Matthias Kanter, FORMOST, DDR, Design, Malerei

Neben der Kunst hast du FORMOST. Wie kam es dazu?

Es begann mit einer Idee. Ein paar Freunde von mir, darunter der Sammler und Journalist Gerhard Höhne, wollten ein Museum für DDR-Design gründen. Es sollte die Geschichte des Designs in Ostdeutschland in all seinen Facetten und Traditionen zeigen: vom Bauhaus bis zur Industrialisierung, die ja – was heute kaum mehr gewusst wird – in Ostdeutschland (Preußen) wesentliche Ursprünge hatte.

Als Standort schwebte uns Wismar vor, weil die Stadt ein designhistorisch neutraler Ort war. Berlin und Dessau standen in der Tradition des technisch-rationalen Industriedesigns. Halle und Weimar für die gegenläufige künstlerisch-subjektive Designtradition. Wismar, in dessen Nähe (Heiligendamm) 1950 die Fachhochschule für technische Gestaltung ge- und damit gleichsam eine unabhängige Designlehre begründet wurde, schien uns ein guter Ort.

2005 gründeten wir den Verein FORMOST als Träger des Museums. Ich war zunächst nur in beratender Funktion dabei. Zwei Jahre später eröffnete ich – inspiriert von Manufactum und getragen von der Idee, gutes “DDR-Design” wiederaufzulegen – den Laden in Schwerin. Eigentlich war er als Museumsshop konzipiert – nur das mit dem Museum wurde nichts. Den Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung fehlte es am nötigen Mut. Nun ist die Sammlung im Besitz der Pinakothek  der Moderne in München – und FORMOST ein Laden für „Design mit langer Tradition“. Und das ist auch gut so.

FORMOST, Schwerin, DDR-Design, Matthias Kanter, gute Form, gute Produkte, Bauhaus, Werkbund

Wer steckt alles hinter FORMOST?

Am Anfang waren wir zwei, drei begeisterte Laien. Wir erfanden einen Laden mit Internet-Handel, ohne uns darüber im Klaren zu sein, dass Sachverstand und Leidenschaft allein nicht ausreichen. Es braucht auch Investment. Vor einem Jahr haben uns Freunde mit viel Know-how unter die Arme gegriffen, und jetzt schauen wir schon viel optimistischer in die Zukunft.

Was ist eure Motivation und euer Ziel?

Wir wollen gutem Design eine Plattform geben. Dazu gehört auch, aber nicht nur Design aus der DDR.  Heute findet man bei FORMOST herausragende Designer/innen und Marken aus aller Welt.

FORMOST, DDR-Design, gute Form, gute Ware, Schwerin

Was macht gutes Design für dich aus?

Gutes Design zielt primär auf Langlebigkeit – im Unterschied zum “modischen Design”, das kurzfristigen Geschmacksvorlieben (Trends) folgt und vor allem gefallen will. Es zeichnet sich durch eine zeitlos schöne Form aus, in der auch die Freude der Gestalter/innen, ihr Stolz und Glück am gelingenden Tun zum Ausdruck kommt.

Gute gestaltete Produkte sind lange haltbar,
anpassungsfähig, nützlich – und schön!
Darum haben sie meist auch das Zeug zum Klassiker.

Was ist denn “schön”?

“Schön” ist zunächst einmal ein Geschmacksurteil und unterliegt als solchem natürlich immer auch dem Wandel der Zeit. Und doch glaube ich, dass Schönheit etwas Universelles hat. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Menschen bestimmte Gemälde und literarische Werke, Gebäude, Landschaften etc. über alle Zeiten hinweg und aus den unterschiedlichsten Kulturen für schön erachten?  

Und doch glaube ich, dass Schönheit etwas Universelles hat.

Ich halte Schönheit für ein wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Gestaltungsprinzip. Auch oder gerade wenn es um Nachhaltigkeit geht.  All die moralischen Appelle an unsere Vernunft haben bislang nicht dazu geführt, dass wir unser (Konsum-)Verhalten ändern. Wer will denn auch beim Kauf eines T-Shirts dessen Produktionsbedingungen reflektieren? Oder sich die “Shoppinglaune” durch Verzichtsbelehrungen verderben lassen?  Wäre Nachhaltigkeit schön, würden wir aus Lust und Laune nachhaltig handeln. Denn Schönheit appelliert an die Lust, die Freude, den Überschwang, das Glücksgefühl. Man denke nur an die Kirschblüte: welch zauberhaft schöne Verschwendung der Natur. Deshalb sind wir begeistert von der „Cradle to Cradle“-Idee von Michael Braungart.

Was macht “DDR-Design” aus?

Die DDR hat viel gutes Design hervorgebracht  – und zwar nicht weil der Sozialismus die besseren Designer/innen hervorgebracht hätte, sondern weil die Bedingungen so waren wie waren: das Material war knapp, der Zugang zur internationalen Designszene abgeschnitten, die Produktion staatlich reglementiert.

Viele Designer/innen knüpften an die Traditionen der Vorkriegsjahre an, allen voran den Werkbund und das Bauhaus. Unter den gegebenen Voraussetzungen versuchten sie deren Gestaltungsgrundsätze weiter zu entwickeln.  So entstanden zeitlos schöne Entwürfe, die nicht nur funktional, sondern eben auch im besten Sinne nachhaltig waren (Beispiel: Renate Müller, Gerd Kaden oder Rudolf Horn).

FORMOST, Schwerin, DDR-Design, Matthias Kanter, gute Form, gute Produkte, Bauhaus, Werkbund

Warum sind die guten Gestaltungsentwürfe aus der DDR in Vergessenheit geraten?

Nach Wende interessierte sich hierzulande mit wenigen Ausnahmen niemand für Produkte aus der ehemaligen DDR. Sie wurden als Erzeugnisse eines Unrechtsregimes betrachtet und man maß ihnen keinen eigenständigen gestalterischen Wert bei. Bis heute ist eine sachliche designtheoretische und -historische Annäherung kaum möglich. Man hat immer die Geschichte der Diktatur und des Unrechtsstaats im Schlepptau.

In Finnland und Japan sieht das übrigens ganz anders aus. Dort hat man den Wert des “DDR-Designs” schon früh erkannt. Der finnische Designer Tapio Wirkkala (Iittala) beispielsweise schwärmte schon in den 1960er Jahren, dass man in der DDR die beste Designausbildung der Welt erhalte. Und in finnischen Wohnungen und auf finnischen Flohmärkten findet man bis heute viele Gegenstände und Möbel aus der DDR.

Was ist mit dem Design aus der DDR alles verloren gegangen?

Eine große Chance!

Man hätte eine Art deutschen MUJI machen können
mit den Gestaltungsentwürfen aus der DDR.

MUJI ist die Abkürzung von Mujirushi Ryōhin, was soviel bedeutet wie: „Keine Marke, gute Produkte“, und steht für minimalistisches Design Funktionalität und nachhaltige Produkte. Namhafte internationale Designer/innen arbeiten für das japanische Unternehmen – anonym, so dass niemand weiß, welches Produkt von wem entworfen wurde. Das pure Design und die reine Nützlichkeit sollen die Kunden überzeugen.

Das Konzept geht auf. MUJI ist mittlerweile mit mehr als 400 Filialen in über 16 Ländern vertreten. Etwas Ähnliches hätten wir mit den guten Produkten aus der DDR auch schaffen können. Aber wer weiß, vielleicht findet sich ja noch Investor/innen,  die das Potenzial der Entwürfe aus der DDR erkennen und sie neu auflegen. Noch ist es nicht zu spät. 

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Judith Peller (c) Karolina Parot
„Es geht nicht darum, gute Ideen zu entwickeln. 
Es geht darum, die richtige zu finden.“ 

Sie hat eine Trauer- und Interviewplattform über das Weiterleben nach dem Tod ins Leben gerufen, sich vor wenigen Monaten als als PR-Beraterin und Inspirationscoach selbstständig gemacht und wird in wenigen Wochen ihr Unterhosen-Label launchen. Wer? Judith Peller. Die 34-jährige Powerfrau mit dem ansteckenden Lachen, den 1.000 Ideen und dem richtigen Riecher. Im heutigen Montagsinterview spricht sie über richtige Idee und gute Entscheidungen, über die Schönheit des Kontrollverlusts und die Lust am Leben.

Ich danke dir, liebe Judith, für das wunderbare Gespräch mit dem ich euch allen einen ebensolchen Start in die neue Woche wünsche.

Wer ist Judith Peller?

Diese Frage habe ich so tatsächlich noch nie beantwortet: Zumindest nicht in dieser objektiven Form! Wer ist Judith Peller? Judith Peller ist eine 34-jährige Wahl-Berlinerin, die sich gerade mit INSPRIRATION als PR-Beraterin und Inspirationscoach selbständig gemacht hat. Schon als kleines Mädchen konnte ich mich nie für eine einzige Sache entscheiden, deshalb ist INSPRIRATION auch nur eines von vielen Themen in meinem Leben. Judith Peller ist immer auf der Suche, würde ich sagen: nach der nächsten Idee, dem nächsten spannenden Projekt, dem nächsten inspirierenden Auftrag. 
Seit mehr als zwei Jahren arbeite ich z. B. an der perfekten Unterhose für Frauen. Im Sommer erscheint die erste Unterhosen-Edition meines Wäsche-Labels „viel mehr als grau. Ich habe eine Trauer- und Interviewplattform ins Leben gerufen, die nicht den Tod, sondern das Weiterleben in den Mittelpunkt stellt. „Dein Tod und ich heißt sie. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir endlich wieder normal über den Tod sprechen.

Gerade lese ich das wunderbare Buch „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast von Barbara Sher. Der Titel trifft es irgendwie ganz gut: Ich interessiere mich einfach für sehr viele verschiedene Dinge.  


Du arbeitest als freie Beraterin für strategische PR und Inspirationscoach. Was macht (d)eine PR-Beratung strategisch und was ist ein/e Inspirationscoach?
Viele glauben, dass es bei PR darum geht, gute Ideen zu entwickeln. Ich glaube, dass eine gute Idee wertlos ist, wenn es nicht die richtige ist. Strategische PR-Beratung hilft, herauszufinden, was die richtige Idee ist, um ein bestimmtes kommunikatives Problem zu lösen. Das bedeutet ganz konkret, dass man sich vor der kreativen Arbeit erst einmal ein strategisch fundiertes Fundament aufbaut: Wie sieht die aktuelle Situation des betreffenden Unternehmens aus? Welche Aufgabe gilt es zu lösen? Was soll mit PR erreicht werden? Wer soll angesprochen werden? Gute Ideen gibt es wie Sand am Meer. Die richtigen sind schwerer zu finden, ein bisschen wie beim Muscheln suchen. Mein Job ist es, beim Finden zu helfen. Das gilt auch für meine Inspirationscoachings.

Mit der richtigen Strategie kann man nämlich auch leichter essentielle, persönliche Fragen beantworten: Wie finde ich den Job, der mir wirklich Spaß macht? Wie sieht mein perfektes Lebens- und Arbeitsmodell aus? Was kann ich tun, um beruflich zufriedener zu werden? Als Inspirationscoach unterstütze ich Menschen, die sich beruflich verändern wollen, aber keine Ahnung haben, wo oder wie sie überhaupt anfangen sollen. Ein solches Inspirationsgespräch kann den Start erleichtern. Es dauert 3-4 Stunden. Am Ende erhält jeder eine umfassende Liste zum Weiterdenken. Darüber hinaus biete ich auch Webinare an. Das erste ist gerade fertig geworden: In 1,5 Stunden erfährt man meine persönlichen Tipps uns Tricks zum Thema „Von Ängsten und Ausreden. Wie man einfach anfängt, sein Leben zu ändern.

Der Tod gehört zum Leben. Das hast du oft betont. Seit deiner Kindheit hat sich der frühe Tod deiner Freundin Doris begleitet – aber auch krank gemacht. Hast du eine Idee, wie der Tod in guter/gesunder Weise zum Leben gehören kann?
Der Tod gehört zu unserem Leben. Das kann man gut oder schlecht finden. Es ändert aber nichts an der einfachen Tatsache: Wir werden geboren und wir sterben. Alles völlig normal. Was uns krank macht, ist unser Leugnen. Unser „Nicht-wahrhaben-wollen“. Unser ständiges „So-tun-als-ob-es-uns-nichts-angeht“. Unsere Angst, den Schmerz zu spüren. Die Kontrolle über unsere Gefühle abzugeben. 
Nach allem, was ich selbst mit meiner Trauer erlebt habe, ist der Tod für mich heute ein Geschenk: ein Geschenk des Lebens. Das mag jetzt vielleicht komisch und ein bisschen absurd klingen, aber seit ich begriffen habe, dass ich sterben werde, lebe ich. Ich vertage nichts mehr auf morgen. Ich warte nicht mehr auf den perfekten Moment. Ich spüre mich und meinen Körper, hier und jetzt. Ich schätze mein Leben und bin dankbar für alles, was ich habe. Man kann sein Leben nicht nachholen oder aufschieben. Man kann es nur jetzt leben. Mit allem, was dazu gehört: mit den Ängsten, dem Schmerz und den vielen Dingen, die man nicht kontrollieren kann. Aber ganz ehrlich: Kontrolle abzugeben ist etwas Wunderbares. Sich fallen zu lassen. Das Leben auch mal auf sich zukommen lassen, statt ihm immer ehrgeizig hinterherzurennen. Ich lebe und ich werde sterben, so einfach ist das. Sich diese einfache Wahrheit öfter mal bewusst zu machen, würde vieles verändern. Es könnte dazu beitragen, dass wir in einer guten und gesunden Weise mit dem Tod umgehen.
In verschiedenen Kulturen und Religionen gibt es sehr unterschiedliche Formen mit dem Tod umzugehen. Gibt es eine, die dir besonders zusagt?
Eine Freundin hat mir neulich von ihrem Urlaub in Mexiko erzählt und wie die Mexikaner mit dem Tod umgehen: Sie feiern ihn einmal im Jahr mit einer riesengroßen Party. Ein Fest des Lebens, bei dem sich alle wiedersehen: die Lebenden und die Toten. Es gibt laute Musik, gutes Essen und Tanz. Der Tod ist dort nicht schwarz und weiß: Er leuchtet in allen Farben des Regenbogens. Das gefällt mir. Trauer ist viel mehr als immer nur traurig zu sein. Es bedeutet, sich zu erinnern: an die schönen Momente, an all die Situationen und Erlebnisse, die man zusammen geteilt hat. Wenn man jemanden verliert, den man liebt, dann tut das weh. Keine Frage, das ist das Schlimmste. Aber was wäre ich für eine Freundin, wenn ich mich an Doris nur mit all dem Schmerz erinnern würde? Sie war meine erste beste Freundin. Wir hatten so eine tolle Zeit miteinander. Wir haben Radio gespielt und Schneehöhlen gebaut. Daran will ich mich erinnern. Nicht nur an ihre Glatze nach der – gefühlt – 48. Chemo. Sie hat das Leben geliebt, obwohl sie sterben musste. Darum geht es.
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Quelle: Wiki Commens
Um den Tod einen Platz in unserem Leben zu geben, hast du die Plattform „Dein Tod und ich“ gegründet – ein Projekt, das schnell bekannt und zu deinem Herzensprojekt wurde. Bis jetzt. Was hat sich verändert?
Dein Tod und ich war einer der Gründe, warum ich mich selbständig gemacht habe: Ich wollte mehr Zeit dafür haben, ein Buch mit ausgewählten Interviews veröffentlichen, die Plattform zu DER Trauerplattform im deutschsprachigen Raum ausbauen. Seit einigen Wochen hat sich etwas verändert. Ich habe gemerkt, dass ich mich immer mehr davor drücke. Erst dachte ich, ich hätte vielleicht Angst, dass mich meine eigene Trauer wieder einholt. Vielleicht ist es auch die Angst, etwas falsch zu machen. Nicht die richtige Antwort auf die persönlichen Geschichten zu finden, die mir so viele Menschen ganz offen und ehrlich erzählen. Ich kann es nicht erklären, aber ich habe das Gefühl, dass ich fertig damit bin. Der Tod und die Trauer haben mehr als 20 Jahre meines Lebens bestimmt. Ich dachte immer, dass ich es Doris schuldig bin, ihr Andenken zu bewahren. Alles dafür zu tun, dass sie nicht vergessen wird. Ihrem Tod einen Sinn zu geben. Irgendwie war sie all die Jahre auch immer noch hier. Ich weiß nicht, warum und ich weiß auch nicht, wie ich das erklären soll, aber Doris ist gegangen. Sie ist weg und mit ihr der Wunsch, der Trauer ein Gesicht zu geben. Ich will mich mit dem Leben beschäftigen. Ich will das Beste vom Leben erwarten. Ich will mir alles wünschen, was ich mir vorstellen kann. Ich will jeden Tag genießen und glücklich sein. Ich weiß, dass ich sterben werde. Ich muss mich nicht mehr jeden Tag daran erinnern.
Dein neuestes Projekt heißt „viel mehr als grau“ oder auch „Unterhose„. Wie bist du dazu gekommen, einen perfekten „Frauenschlüpper“ zu erfinden? Und was macht ihn perfekt?
Ich war sehr unzufrieden mit meiner eigenen Unterhosensituation. Irgendwie gab es nichts, was meinen Vorstellungen von einer perfekten Unterhose entsprochen hat. Deshalb habe ich kurzerhand meine eigene erfunden und zusammen mit einem Schneider in den letzten Monaten entwickelt. Eine perfekte Unterhose ist bequem und sexy. Sie hat kein lästiges Etikett, das man erst herausschneiden muss. Sie ist aus qualitativ hochwertiger und robuster Baumwolle (mit ein bisschen Elasthan) und das wichtigste: Sie macht Spaß! Es gibt kein Schwarz und kein Weiß bei meinem Wäsche-Label, viel mehr als grau: nur knallige Farben. Jeden Monat wechselt die Farbe. Die erste Edition ist himbeerfarben und heißt „Glück ist immer selbstgemacht.

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Die Unterhose kommt im Sommer auf den Markt, „Dein Tod und ich“ verändert sich… welche Jahresbilanz möchtest du am 31. Dezember 2016 gerne ziehen?
Trotz der Aufregung, der Unsicherheit und der vielen Fragezeichen, die sich gerade überall in meinem Leben auftun, ist es doch schon jetzt eins der tollsten Jahre überhaupt. Veränderung ist gut. Sie rüttelt an allem, was nicht mehr gebraucht wird. Sie schafft Platz für Neues.

Ich möchte ohne Druck und Stress eine Entscheidung für „Dein Tod und ich“ finden. Das Projekt vielleicht in neue, vertrauensvolle Hände geben. Die Unterhose soll nach zwei Jahren Entwicklungsarbeit endlich das Licht der Welt erblicken: Ich bin so neugierig, wie es damit weitergeht. Ob andere meine Begeisterung dafür teilen.

Groß ausgefeilte Pläne habe ich nicht in der Schublade. Ich möchte den Dingen auch einfach mal ihren Lauf lassen, mit dem „Flow“ gehen, auch wenn er zwischendrin eine Pause macht. Mir die Zeit nehmen, um immer wieder innezuhalten. Mich in die Selbständigkeit „eingrooven“. Weiterhin schöne PR-Jobs machen. Inspirierende Menschen treffen. Zeit mit meinen Liebsten verbringen. Und vor allem: einen tollen Sommer in der schönsten Stadt der Welt!
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Sommer in Berlin, Judith Peller, Dein Tod und ich
„Diese Vasen haben mit Kunst nichts mehr zu tun, denn jede sinnlich-ästhetische Wirkung wurde eliminiert“, schrieb der Journalist Karl-Heinz Hagen am 4. Oktober 1962 im Neuen Deutschland und verlieh dem Unverständnis der DDR-Obrigkeit, in Persona Walter Ulbricht, damit den Schein der Objektivität. Gegenstand der Kritik waren die Zylindervasen von Hubert Petras [*1929; †2010] auf der V. Deutschen Kunstausstellung in Dresden. Ihre Formensprache, in der „die ruhige Senkrechte die dominierende Sprache war und die Abwandlung untereinander ein rhythmisches Spiel“*, blieb dem Vorsitzenden des Staatsrats Ulbricht gänzlich verschlossen. „Kalt, glatt, nichtssagend“ fand er Petras geometrische Komposition. Dabei waren die schlicht-weißen Porzellanentwürfe eine konsequente Antwort auf zentrale Gestaltungsfragen in der DDR.
Der 1929 im slowakischen Kniesen geborenen Petras verfolgte – inspiriert von Wilhelm Wagenfeld und dessen Verständnis der „guten Form“ – einen Ansatz, der mit dem Ulmer Modell vergleichbar ist: An der Hochschule für Gestaltung Ulm entstand in den späten 1950er „ein auf Technik und Wissenschaft abgestütztes Modell des Design, der Designer nicht mehr als übergeordneter Künstler, sondern gleichwertiger Partner im Entscheidungsprozess der industriellen Produktion.“ (Otl Aicher).
In seinen Vasen verbanden sich Materialkenntnis, technisches Know-kow und gestalterisches Können. Insofern waren sie prädestiniert für die Sonderschau in Dresden, die den Stand des Industriedesigns der DDR repräsentieren sollte. Doch die dem „politischen Kitsch“ (Milan Kundera) zugeneigte DDR-Obrigkeit sah das anders: „Überschaut man die Exponate, so herrscht der Hang zum kalten Ästhetizismus, zu farbloser Eintönigkeit und Verarmung der künstlerischen Formen bis zum nackten Funktionalismus vor.“ (Karl-Heinz Hagen) So wurde die Ausstellung für den gelernten Töpfer und studierten Gefäßgestalter zum Eklat: Petras, der seit 1958 als künstlerischer Leiter an der Porzellanmanufaktur Rudolstadt-Volkstedt tätig war, wurde als „Formalist“ diffamiert und erhielt noch im selben Jahr Berufsverbot.

Wannenbottich für die Werit Kunststoffwerke (c) FORMost

 

Hubert Petras: Gläser | 1985/1986 | Glaswerk Harzkristall, Derenburg (c) HVG

Drei Jahre schlug er sich als freier Gestalter durch, bis er dank des couragierten neuen Rektors Erwin Andrä 1965 an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle – von der der finnische Designer Tapio Wirkkala (Iittala) schwärmte, man erhalte hier die beste Designausbildung der Welt –  eine neue Wirkstätte fand. Von 1966 bis 1995 lehrte Petras dort Industriedesign und trug maßgeblich zur Profilierung des Fachgebietes Gefäßdesign bei: „Konsequent in der künstlerischen Haltung schuf er zeitlos gültige Formen von hoher plastischer Sensibilität.“ Dabei bediente er sich nicht nur Porzellan und Glas, sondern setzte sich auch mit Kunststoffen auseinander, die sich seit den 1950er Jahren immer mehr durchsetzten. Wie?

Das wird exemplarisch an seinem Wannenbottich für die Werit Kunstsstoffwerke deutlich: „Der enge gestalterische Spielraum, den einem die Anforderungen ließen: die Fließform […], der Wunsch nach ganz einfacher Herstellbarkeit, die Haltbarkeit der Griffe usw. – das alles in eine einfache, klare und überzeugende Form zu bringen, eine Form überdies, die nicht einfach dem Diktat von Technologie und Festigkeit unterworfen ist, sondern einem adäquaten Ausdruck dessen und einer angenehmen Handhabung folgt. […] Derartige Vorgaben empfinde ich nicht als Einschränkung, sondern als herausfordernde Bedingungen, die mich oft ungemein motivieren.“** Für jenen Bottich wurde der lang geschmähte Petras 1979 sogar mit dem Design-Preis der DDR ausgezeichnet, und doch blieb die Polyethylen-Wanne ihm ein Dorn im Auge: Man hatte sein Griffdesign einfach abgeändert (heute werden die Bottiche in der Petraschen Ursprungsversion wieder hergestellt).

Links: Spülkasten Nr. 930 | VEB Sanitärtechnik Eisenberg (c) Kommunale Galerie Berlin| 1985 |
rechts: Schalenset | Wallendorf | 1961 (c) Jens Hartwig (Designhandlung)

Andere Haushaltsgegenstände aus Petras Feder, die er unter der Prämisse des zweiten Bauhausdirektors Hannes Meyer Volksbedarf statt Luxusbedarf entwarf, sind der formvollendete Spülkasten Nr. 930 von 1985 für die Firma VEB Sanitärtechnik Eisenberg (Bilder) oder die minder gelungenen Aschenbecher. Der formschöne Fön, den er bereits 1959 entworfen hatte, war bis 1989 in Produktion – ich hoffe noch auf die Wiederauflage der ersten Industrieentwurfs von Petras.

LD-Haarfön | VEB Elektrowerke Blankenburg | 1959 (c) Christoph Sandig
Hinweis: Das Museum in der Kulturbrauerei zeigt vom 8. April 2016 bis 19. März 2017 Design aus der DDR: alles nach plan? Formgestaltung in der DDR
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*aus: Penti, Erika und Bebo Sher – Die Klassiker des DDR-Designs. Hg. von Günter Höhne, S. 170
**aus: Gespräch mit Hubert Petras, Die Burg 6, 1996, S. 37
Ein Zufall war’s – mal wieder – der mich zum „Alltagsgeschirr“ von Hedwig Bollhagen und den nach ihr benannten HB-Werkstätten für Keramik führte. Von dort war der Weg zum „DDR-Design“ nicht weit und meine Neugier erwacht. Schon nach kurzer Recherche war klar: Das ist ein weites Feld – zu weit als dass es mit einem Blogpost getan wäre. Also habe ich mich entschieden, eine kleine Serie zu starten. Ab heute stelle ich hier also regelmäßig eine/n Designer/in, einen Gestaltungsansatz und/oder ausgewählte Designstücke aus der DDR vor. Wenn ihr/Sie Wünsche, Anregungen oder Ideen habt/haben für ein Objekt, eine/n Designer/in oder einen Designansatz – immer gerne!
Meine erste Begegnung mit Design „made in GDR“ ereignete sich während meines Studiums.* Bis dato gehörten die beiden Begriffe für mich nicht wirklich zusammen. Mein Wissen begann beim Eierbecher in Hühnerform und endete direkt vor der „Platte„.  Die Welt dazwischen war mir unbekannt. Dabei ist sie (nicht nur im übertragenen Sinne) groß. Sie ist jedoch auch „schwierig“, und dieses „Schwierige“ ist wohl ein Grund für ihre anhaltende Unbekanntheit wie auch Unbeliebtheit.
Nach Meinung der SED-Parteiführung hatte Design (ebenso wie Kunst) im Dienste der „deutschen Kulturnation“ zu stehen und „dem opti­mis­ti­schen Lebens­ge­fühl des sozia­lis­ti­schen Men­schen“ Ausdruck zu verleihen (Nachtigall, ick hör dir trapsen). Das ist ein klares Bekenntnis gegen die künstlerische bzw. gestalterische Freiheit. Man könnte also sagen, die Unfreiheit steckt in jedem Designobjekt aus der DDR – und welche/r Sammler/in will schon die vergegenständlichte Unfreiheit in seiner Wohnung haben? Doch darum das „DDR-Design“ pauschal verurteilen oder weiterhin ignorieren und in den Archiven verstauben lassen? Ich denke nicht. Auch wenn es „kompliziert“ ist, lohnt der differenzierte Blick. Bei Weitem nicht jedes „Design made in GDR“ ist affirmativ, also system- und ideologiebejahend. Viele Entwürfe entstanden in der kritischen Auseinandersetzung mit dem DDR-System, das für zahlreiche Designer/innen mit Repressionen verbunden war. Ihre Gestaltungsansätze, die (nicht allein der Mangelwirtschaft wegen) darauf aus waren, mit einem Minimum an Ressourcen ein Maximum an Gebrauchswert zu erzielen, können auch – oder gerade heute – wertvolle Impulse für ein zukunftsfähiges Design liefern.
Liege und Musikanlage von Rudolf Horn | Bildquelle: jeder-qm-du.de 
Im Industriesektor wären etwa Rudolf Horn oder Karl Clauss Dietel hervorzuheben. Bereits in den 1960er Jahren haben sich die beiden Gestalter mit der Frage auseinandergesetzt, wie die sich wandelnden Bedürfnisse der Nutzer/innen integriert und die Funktionalität eines Produkts dauerhaft erhalten bleiben kann (womit sie in der DDR keine Ausnahme waren). Ihre Antworten nehmen aktuelle Tendenzen im Bereich des nachhaltigen Designs und der nutzerzentrierten Produktentwicklung vorweg (Stichwort: Co-Creation, Co-Production). Dabei kann man Horn als Vordenker des „Prosumenten„, Dietel als Pionier des nachhaltigen Designs sehen.

Viele ihrer Entwürfe scheiterten an der staatlichen Zensur, der eine funktional-schlichte Formensprache lange Zeit verdächtig war (siehe: Formalismus-Debatte). Doch manche Idee fand am Amt für Industrielle Formgestaltung (AID) vorbei in die Serienproduktion – nicht selten da sie sich zum Exportschlager entwickelte und dem Staat die dringend nötigen Devisen einbrachte. So etwa Horns bis heute ästhetisch überzeugendes „Möbelprogramm Deutsche Werkstätten (MDW)“ oder die von dem Designerduo Dietel und Lutz Rudolph entworfene Radioanlage für die Firma Heli Radio (die allerdings auch die/der „durchschnittliche“ DDR-Bürger/in erwerben konnte).

Der Tischler, Innenarchitekt und Ingenieur Horn sah den Nutzer bereits als „schöpferischen Mitgestalter“ als eine Verschmelzung von Konsument und Produzent noch undenkbar war. [Quelle] Seine in den 1960er Jahre entwickelten modularen, multifunktionalen Möbelprogramme sind das bekannteste Ergebnis dieses frühen „User-Centered Designs„. Noch spannender und geradezu wegweisend für das heutige Bauen finde ich jedoch sein Konzept des „Variablen Wohnens“ von 1969/1970. Es räumte den Bewohner/innen die größtmögliche Gestaltungsfreiheit ein und nahm die Idee des flexiblen Raums, wie er heute etwa im Design Thinking Anwendung findet, schon früh vorweg.
Das „Variable Bauen“ basierte auf einem großen, leeren Raum, in dem einzig eine Nasszelle fix vorgesehen war. Raumaufteilung und Zimmergestaltung oblagen ganz und gar den Bewohner/innen. Mithilfe flexibler Wände und des modularen Möbelsystems AM20 konnten sie den Raum entsprechend ihrer Bedürfnisse und Vorlieben selbst gestalten. Trotz des großen Interesses an Horns Konzept kam es nie über die Testphase hinaus. Vielleicht hat es heute, da bezahlbarer Wohnraum wieder knapp und nicht zuletzt durch die Flüchtlinge sehr unterschiedliche Wohnbedürfnisse unter einen Hut zu kriegen sind, eine neue Chance.

oben: Experimentalbau für variables Wohnen in Dresden (1973) | unten: Die variable Wohnung (1969) | Bildquelle: Burg Halle
Rundfunkgerät rk5 sensit mit Lautsprecher K20, HELIRADIO Gerätebau Hempel KG Limbach-Oberfrohna, K.C. Dietel/L. Rudolph, 1967-69 | Bildquelle: Stiftung Industrie- und Alltagskultur
Die Frage der Nutzerbedürfnisse durchzieht auch die Arbeit des gelernten Maschinenbauers und studierten Kraftfahrzeugingenieur Karl Clauss Dietel, der sie darüber hinaus mit dem Aspekt der Langlebigkeit verband. Seine Überlegungen hierzu kulminieren etwa im Begriff der „Gebrauchspatina„, wonach ein Gegenstand so gestaltet werden sollte, dass die Spuren seines Gebrauchs ihn auf- statt abwerten, er also sozusagen mit dem Alter schöner bzw. besser würde. An diesem Ansatz wurde nicht zu unrecht kritisiert, dass es dabei weniger eine Frage der Gestaltung und damit der Gestalter/innen, denn um die Haltung der Nutzer/innen zum Gegenstand ginge. Konsequenter ist dagegen das von ihm formulierte „Offene Prinzip„. 

Ein nach diesem Grundsatz gestalteter Gegenstand zeichnet sich nach Dietel durch die großen fünf L aus: Er ist „langlebig, leicht, lütt (klein), lebensfreundlich und leise“. Unter rein formal-ästhetischen Gesichtspunkten könnte man im iphone vielleicht ein „offenes Produkt“ erkennen. Es ist leicht, lütt und leise. Aus technisch-ökologischer Perspektive ist es jedoch exakt das Gegenteil, da es sich weder warten, noch reparieren und technisch erneuern, also auf einen technisch höheren Stand bringen lässt. Nun hat Dietel nie ein Mobiltelefon entworfen; hätte er es aber getan, wäre es vermutlich das Fairphone geworden. 
Exemplarisch für „seinen“ Designansatz steht das Kleinkraftrad Mokick S 50, das er und Lutz Rudolph 1967 für die Firma Simson Suhl entwickelten. Die einzelnen Bauteile passten in sämtliche Modelle und Fahrzeuggenerationen und waren in verschiedenen Varianten verfügbar, so dass die Nutzer/innen das Moped individuell anpassen konnten. Außerdem ließen sich Reparaturen oder der Austausch von Einzelteilen ohne große technisch-mechanische Vorkenntnisse selber machen – ein Design also, das auch gegenüber dem Do-It-Yourself-Prinzip offen war. 
Ich bin sicher: Mit derlei Dingen ließe sich leichter ein „enkeltaugliches Leben“ führen.
*Ich habe (im 1. Hauptfach) Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Ästhetik bei Karin Hirdina [*1941; †2009] studiert – eine großartige Lehrerin. Pathos der Sachlichkeit hieß ihr 1981 veröffentlichtes Buch, das wesentlich zur Versachlichung der Formalismus-Debatte in der DDR und einer Neubewertung des Bauhauses beitrug. Der Titel trifft jedoch ebenso gut auf sie selbst zu. Ob als Lehrende oder als Forschende, stets widmete sie sich ihrer Arbeit mit sachlicher Leidenschaft und leidenschaftlicher Sachlichkeit. Ich vermisse sie. Ihr präzises Denken, ihr messerscharfer Verstand und ihr konstruktiv-kritischer Geist fehlen – heute, da das pauschale Denken wieder Hochkonjunktur hat, umso mehr.