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Architektur

»Stein fand das Haus im Winter. {…} Es sah aus, als würde es jeden Moment lautlos und plötzlich in sich zusammenfallen.«
aus: Judith Hermann: Sommerhaus später, 1998


Als Judith Hermanns Erzählband »Sommerhaus später« erschien, war ich Mitte Zwanzig und hatte das Experiment Landleben erst kürzlich beendet. Trotzdem fand ich an der Vorstellung Gefallen, später einmal ein Sommerhaus zu besitzen – gerne am See, noch lieber an der See und am allerliebsten auf einer Insel. Wenn ich mit meinem damaligen Freund durch den damals noch ziemlich »wilden Osten« fuhr, hielt ich stets Ausschau nach »meinem Sommerhaus«. Ich fand es nie und so wird es wohl auch bleiben. Nicht dass das Bild von mir in einem prachtvollen Blumengarten vor einem kleinen Haus mit Blick aufs Meer keinen Reiz mehr hätte. Durchaus! Nur das Wissen um die Arbeit, die in einem prachtvollen Blumengarten steckt und um die hinter der Idylle lauernde Tristesse dämpft die Euphorie. Nichtsdestoweniger zieht es mich immer wieder aufs Land und eben weil ich dort keine feste Bleibe habe, suche ich immer neue Orte auf.


»Gerade im Winter muss ich mich in der Wohnung wohlfühlen.«

Schöne Ferienwohnungen im näheren und weiteren Umland von Berlin {auch zu erschwinglichen Preisen} findet man z.B. über diese Plattformen {kennt ihr noch andere?}:


Ma. blickt aufs Salzhaff hinaus

Meine jüngste Entdeckung heißt Rerik. Das kleine Ostseebad zwischen Rostock {ca. 37 km} und Wismar {ca. 36 km} trug bis 1938 den slawischen Namen Alt Gaarz, doch die Nazis stellten sich lieber in die Tradition der kriegerischen, ergo: »starken« Wikinger und benannten den Ort nach ihrer hier vermuteten Siedlung Reric. Tatsächlich lag der slawisch-wikingische Handelsplatz etwa 19 km südsüdwestlich, aber faschistische Regime nehmen es bekanntermaßen nicht so genau mit der Wahrheit und also heißt Alt Gaarz nun eben Rerik.

Das 2.000-Einwohner/innendorf liegt am nordöstlichen Ende des Salzhaffes, dort wo die Halbinsel Wustrow beginnt und der Strandspaziergang jäh am Stacheldraht endet. Schon von Ferne blicken einem die tiefschwarzen Fenster der einstigen Gartenstadt entgegen – beinah idyllisch, wäre da nicht dieses düstere Unbehagen.

Die Gartenstadt auf der verbotenen Halbinsel Wustrow

Über viele Jahrhunderte war die Halbinsel ein unbedeutender Grundbesitz mit drei Erbpachthöfen, Wiesen und Feldern. Das änderte sich 1932 als die »von Plessen-Brüder« das Areal an die Reichswehr verkauften. Die Nationalsozialisten hatten Großes mit der kleinen Insel vor: Innert weniger Jahre wurde hier die größte Flak-Artillerieschule errichtet samt Kasernenanlagen, Flugplatz, Hafenanlagen und Gartenstadt {Rerik-West}. Wie die Sache weiter- und ausging, ist bekannt. Am 2. Mai 1945 wurde Wustrow kampflos an die sowjetischen Streitkräfte übergeben, die es von 1949 bis 1993 einen Militärstützpunkt nutzten. 1998 verkaufte die Bundesrepublik Deutschland das Areal entgegen dem Willen der Reriker/innen an einen Privatinvestor. Die Fundus-Gruppe träumte von einem Luxus-Resort mit Golfplatz und Marina. Doch daraus wurde nichts. Es fehlte ein überzeugendes Verkehrskonzept, weshalb die Stadt ihr Veto einlegte. Den Vorhabensstopp quittierte der Investor prompt: Das vollständige Zutrittsverbot untersagte fortan auch die Führungen über das Gelände. Das liegt nun 13 Jahre zurück; in der Zwischenzeit hat sich die Natur die Insel Stück für Stück zurückerobert und das einstige Bauland in einen Wald verwandelt. Ob und wie der Investor seine Pläne jemals realisiert, ist offen. Anders die Halbinsel: Die ist weiterhin geschlossen. 2013 unternahmen Studierende des Instituts für Freiraumentwicklung an der Universität Hannover einen neuen Anlauf und entwickelten fünf alternative Nutzungskonzepte für »das verbotene Paradies«, doch die »Entwürfe für die postmilitärische Wildnis« wurden meines Wissens nie ernsthaft diskutiert.

Stachseldraht versperrt den Weg zur Halbinsel Wustrow

Abgesehen von der turbulenten Geschichte der Halbinsel Wustrow ist Rerik ein eher unspektakulärer Ort: Zu seinen touristischen »Highlights« zählen eine frühgotische Kirche, ein kleines Heimatmuseum und ein paar Großsteingräber. Mein persönliches Highlight war der morgendliche Steilküstenlauf und unsere »wohnung süd« im »haus m«, die der in Berlin lebende Architekt Sebastian Kablau entworfen und gebaut hat. Die 50qm-Wohnung hat alles, was das Wohnminimalist/innen-Herz begehrt: schlichte Möblierung, viel weiße Wand und noch mehr Licht.

Doch selbst in der schönsten Wohnung droht irgendwann der Budenkoller, wenn das Wetter den täglichen Strandspaziergang vereitelt. Gegen den drohende Deckenabsturz hilft nur eines: »ausfliegen«.

Meine Ausflugs-Tipps rund um Rerik

WONNEMAR Wismar: Wenn es einem endlich gelungen ist, sich mit der Tatsache zu arrangieren, dass Runen- und Landser-Tattoos hier zur Normalität gehören, kann das Wismarer Badeland mit seinen vielen Becken und Rutschen sogar Spaß machen.


Von Rostock haben wir nur einen kleinen Ausschnitt gesehen: die Stadtmitte und die Kröpeliner-Tor-Vorstadt {kurz: KTV}. Vor allem das bunte Studenten- und Szeneviertel mit seinen vielen kleinen Läden, Cafés und Bars mochte ich.

Meine Rostock-Empfehlungen:


Warnemünde gehört zwar zu Rostock, kann aber durchaus für sich allein stehen. Das Seebad mit dem breitesten Sandstrand der Ostseeküste hat vor allem architektonisch einiges zu bieten: auf der einen Seite das Hotelturm »Neptun« {Baujahr: 1971} und der hochmoderne Hyparschalenbau von Müther und Kaufmann, Teepott genannt {Baujahr: 1965}. Auf der anderen Seite der Leuchtturm und die alten Fischerhäuser und dazwischen das Kurhaus im Stil des Neuen Bauens, die riesige Werft und nicht minder großen Hafen.

Meine Empfehlungen für einen Besuch in Warnemünde:

Der Strand von Rerik

Neben Rostock, Warnemünde und dem Wonnemar gibt es natürlich noch viel mehr zu sehen; Heiligendamm zum Beispiel oder Bad Doberan. Das heben wir uns für ein eventuelles nächstes Mal auf. Habt ihr für dieses nächste Mal vielleicht noch ein paar Tipps und Empfehlungen?


Während ich „früher“ – also so vor eins, zwei Jahren – Blogs noch über meinen Blogreader oder andere Blogs aufspürte, finde ich sie heute zunehmend öfter über Instagram. So auch Labelfrei-ME, wobei ich nicht genau weiß, wer eigentlich wen entdeckt hat: Nina mich oder ich Nina. Aber das ist am Ende ja auch egal. Hauptsache ist, dass wir uns gefunden haben.  
Vor einiger Zeit hat mich Nina eingeladen, ein paar Einblicke in mein immer noch recht neues Zuhause zu geben. Das hat mich sehr gefreut, und auch darum – vor allem aber weil ich neugierig auf die Frau dahinter war – habe ich die „ewige Fränkin“ aus München für ein Montagsinterview angefragt. Ihre Antworten sind wie ihr Zuhause: frisch, fröhlich, klar und so sympathisch, dass ich hoffe, es ergibt sich bald eine Gelegenheit für ein Kennenlernen im Leben 1.0.
Hab‘ vielen Dank, liebe Nina, für deine frisch-fröhlichen Worte, mit denen ich allen einen erfrischenden Start in die KW 10 wünsche (nach dem gestrigen Wahlsonntag brauche zumindest ich das mehr denn je).
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Architektin, Mama, Münchnerin – was und wer ist Nina Jahn noch?
Gute Frage! Was bzw. wer bin ich? Ich bin vor allem ein humorvoller Mensch, der gerne viel lacht, mit Hang zur Ironie und schwarzem Humor. Ich liebe Musik, Schokolade und Kaffee! Ein Start in den Tag ohne Kaffee ist undenkbar. Ich hasse Petersilie und so manches Fleisch, bin aber ganz sicher kein Vegetarier. Reden kann ich ohne Punkt und Komma! Hmm, bin ich dann eigentlich ’ne Quasseltante? Beim Schreiben kann das mit den Punkten und Kommas dann auch mal zum Problem werden. Außerdem habe ich einen enormen Dickschädel und kann zuweilen schnell an die Decke gehen. Meine Schwäche für schöne Dinge zeigt sich eigentlich in allen Lebensbereichen. Eine gewisse Kreativität würde ich mir auch zugestehen, wobei ich die sicher stärker nutzen könnte, wenn es mein Tag zulassen würde. Ganz wichtig in meinem Leben sind mir meine Familie und Freunde! Gute Freunde! Ach ja, und eine Fränkin bin ich natürlich auf Lebenszeit, obwohl ich nun schon seit 14 Jahren in München lebe 😉!
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Wie und wo lebst du in München?
Wir wohnen zu viert in einer 3-Zi-Wohnung auf 78qm in der Münchner Maxvorstadt. In der haben mein Mann und ich auch schon vor den Kindern gelebt. Wie man sich vorstellen kann, ist das manchmal ein etwas beengtes Unterfangen. Unser großes Glück ist unsere Kreativität und das fachliche Know-how, das unser Beruf als Architekten mit sich bringt. Aus diesem Grund behelfen wir uns immer wieder mit neuen Einbauten und Umbauten. Die angespannte Wohnungssituation in München lässt uns leider seit Jahren nur von einem größeren Zuhause träumen!
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Wie würdest du deinen/euren Wohnstil beschreiben?
In unserer Wohnung treffen selbstentworfene Möbel, Designklassiker, geerbte Stücke, Flohmarktfunde und Ikea aufeinander. Als Ausgangspunkt zu allem anderen ist bei mir die Farbe Weiß im Einsatz. Zu Weiß als Grundelement kann man dann alle anderen Farben kombinieren. Der monochrome Wohnstil, der derzeit im Interior-Bereich sehr präsent ist, gefällt mir zwar gut, allerdings könnte ich ihn nicht konsequent durchziehen. Ich brauche ab und an einfach einen Farbknall, sonst wird es langweilig. Generell tendiere ich zum skandinavischen Einrichtungsstil, bin aber genauso begeistert von Möbeln moderner Designer. Ich würde einfach mal sagen, es ist mir wichtig, dass meine Wohnung etwas Besonderes hat! Sie soll sich von anderen unterscheiden und wir müssen uns darin wohlfühlen.
Was hat dich damals zum Architekturstudium geführt und was fasziniert dich bis heute an diesem Fach?
Durch mein Elternhaus hat mich Kunst immer begleitet und irgendwie war schon lange klar, dass es ein kreativer Beruf für mich sein muss. Nach und während einer Ausbildung zur Bauzeichnerin und dem anschließenden Architekturstudium, hatte ich das Glück in vielen guten Büros zu arbeiten. Auch wenn sich das Bauwesen in den letzten Jahren sehr verändert hat, ist es immer wieder toll, sich in neue Themen einzuarbeiten. Mal entwirft man einen Wohnungsbau, dann eine Schule oder Kindergarten. Mein interessantestes Projekt war bisher eine Aussegnungshalle. Jedes für sich ist spannend und bietet neue Aufgaben, so dass es nie langweilig wird.
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Wie macht sich die „Architektin in dir“ im Leben der Familie bemerkbar?
Ganz klar, was nicht passt, wird passend gemacht! Naja, oder einfach selbst entworfen. Da mein Mann auch Architekt ist, liegen wir in diesem Punkt auf einer Wellenlänge. Glücklicherweise ist er auch noch handwerklich in der Lage, nahezu all unsere Ideen umzusetzten. In meinem Beruf bevorzuge ich Projekte mit geraden Linien, schlichten Formen aus Materialien wie Holz und Beton. Vielleicht mag ich es deswegen in unserem Zuhause genauso klar, schlicht und optisch aufgeräumt. Unordnung ist so gar nicht mein Ding!! Ich weiß, dass ich mir damit mein Leben manchmal unnötig schwer mache, aber wie das mit Ticks nun mal so ist, es ist nicht einfach sie abzulegen.

Wie sieht dein Alltag im Leben 2.0 aus (als Bloggerin, Netzwerkerin etc.)? Worin unterscheidet es sich vom Leben 1.0?
Auf jeden Fall habe ich mein Handy sehr viel öfter in der Hand als früher und verbringe auch regelmäßiger meine Abende vorm Rechner. Ich muss mich mittlerweile richtig ermahnen, nicht zu oft zwischendurch reinzuschauen und arbeite in diesem Punkt wirklich an mir. Ich möchte nicht, dass mich meine Kinder später nur als „die Mutter, die mit ihrem Handy verwachsen war“ in Erinnerung haben.
Trotzdem war die Entscheidung, mit dem Bloggen zu beginnen, für mich absolut richtig. Der Blog ist mein kreatives Ventil, bringt mir einen Ausgleich zum Alltagsstress und lässt mich meine Liebe zum Wohnen ausleben. Im Laufe der vergangenen 1½ Jahre habe ich allerdings gemerkt, dass ich mehr will, als ICH realistisch gesehen schaffen kann.
Blog, Facebook, Instagram, Pinterest und und und. Ich habe mit dem Bloggen begonnen, weil ich Lust dazu hatte. Ich wollte die tollen Dinge, Ideen und Interiors, die mir live, online oder in Magazinen über den Weg laufen, mit anderen teilen. Die Arbeit, die dahinter steckt, eigene DIY Ideen, Einblicke in die eigene Wohnung und aufwendigere Artikel zu erstellen, wird oft unterschätzt. Wie auch der Druck, den man sich damit machen kann, dass möglichst oft etwas online geht und einem nicht die Leser weglaufen. Immer wieder halte ich mir vor Augen, weshalb ich damit angefangen habe. Es sollte ja Spaß machen und nicht zur Pflicht werden!
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Was sind deine Lieblingswohnungen aus der Interior-Blogosphäre?
Ich selbst lese nur einige Blogs sehr regelmäßig und das ehrlicherweise aus Zeitgründen. Manche der Blogger durfte ich bereits persönlich kennenlernen, so dass der Bezug zur Person vorhanden ist und das macht oft sehr viel aus. Also, hier der engere Kreis meiner Lieblingsblogs bzw. Wohnungen aus der Interior-Blogosphäre.
  • Maren von Minza will Sommer hat einen ganz besonderen Wohnstil, der mir super gut gefällt.
  • Sofort einziehen würde ich bei Antonia von Craftifair.
  • Die neue Wohnung von Johanna von Mint und Meer ist der Wahnsinn.
  • Bei Britta von Britta bloggt bin ich regelmässig zu Gast und liebe ihre Wohnfarben.
  • Karina von Oh What A Room ist mit ihrem skandinavischen Einrichtungsstil auch voll mein Fall.
  • Und was soll ich sagen, bei dir liebe Indre bin ich sofort davon überzeugt gewesen, dass es im Neubau doch auch ganz schön sein kann!!!

Sechs Jahre lang hat sie erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut, das mit der Verleihung des German Design Awards 2016 im November letzten Jahres seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. So hätte es weitergehen können. Doch am 1. Februar verkündet Kerstin Reilemann via Facebook, dass sie SNUG.STUDIO verlassen und sich neuen Kreativ-Abenteuern zuwenden werde. Was war ich überrascht! Und – ihr kennt mich – neugierig zu erfahren, wie es zu dieser Entscheidung kam. 
Im heutigen Montagsinterview erzählt die studierte Innenarchitektin aus Hannover, was sie zu diesem – mutigen – Schritt veranlasste und wohin die Reise geht. Hab herzlichen Dank, liebe Kerstin, für die Ein- und Ausblicke. 
Ich wünsche dir für dein Vorhaben ganz viel Freude, Erfolg und das nötige Quentchen Glück – und euch allen eine spannende Lektüre und einen guten Start in die KW 9.
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Nach erfolgreichen Jahren mit und bei SNUG gehst du nun eigene neue Wege. Wie werden diese neuen Wege aussehen?

Ich hole mal ein wenig aus – und hoffe, dass ist ok! 😉
Ich habe mich seit dem Innenarchitektur-Studium eigentlich immer wieder mit unterschiedlichen gestalterischen Themen beschäftigt, so dass das Produktdesign nicht unbedingt die einzige Richtung ist, die mich interessiert. Schuld war wahrscheinlich meine Hochschule, an der ich studiert habe – interdisziplinäres Arbeiten wurde dort sehr groß geschrieben :). Schon während des Studiums habe ich mit drei Freundinnen begonnen, eigene Projekte in die Tat umzusetzen. So entstanden verschiedene soziale, interaktive Installationen im Rahmen von Veranstaltungen und im urbanen Raum (siehe Näheres in meinem Portfolio). Das war eine tolle Zeit und ich bin mit den dreien immer noch eng verbunden, auch wenn wir mittlerweile zwischen Hannover und Berlin pendeln müssen, um uns zu sehen. Nach dem Studium war bei mir dann Familienplanung angesagt. Während der Schwangerschaft habe ich noch als Freelancer an einigen Kunst- und Veranstaltungsprojekten mitgearbeitet. Dann wurde Emil geboren und somit war ich eine Zeitlang eher kreativ im Kinderzimmer-Gestalten und Kaufmannsladen bauen :).
Da mir aber das Kinderwagen-Schieben und Kaffeetrinken mit Freundinnen irgendwann nicht mehr gereicht hat (obwohl es echt toll war!), musste irgendetwas Gestalterisches her, das ich gut von zu Hause aus machen kann. So habe ich angefangen, kleine Produkte aus Holz zu entwerfen und diese bei Dawanda unter dem Label domestic candy zu verkaufen. Süße Produkte von zu Hause – inspiriert durch mein Mutterdasein. So kam ich zum Produktdesign.
Als Emil dann in der Kita war, hatte ich vor, richtig durchzustarten: „Ein Studio wäre toll und vielleicht noch jemand, mit dem man zusammen arbeiten könnte!“ – auch ein Überbleibsel aus den Lehren des Studiums – Teamarbeit! Schon kurze Zeit später habe ich dann Berit über eine gemeinsame Freundin (Anne von enna und Anny Who) kennengelernt. Sie hatte gerade genug von ihrem Job im Architekturbüro und wollte auch gerne was Eigenes auf die Beine stellen. Gesagt – und erfolgreich – getan. 6 Jahre SNUG.STUDIO, Produktdesign mit eigenem Vertrieb. Bis hierher gemeinsam und nun weiter mit Berit und ihrem Mann Heiko, der im letzten Jahr mit eingestiegen ist.
Nun freue ich mich auf die nächsten gestalterischen Projekte, die auf mich zukommen.

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Welche das sein werden, wird sich jetzt erst im Machen herauskristallisieren. Aber so viel vorweg: Es wird in Richtung Styling, Art Direction gehen. Ob als Freelancer, angestellt oder beides, ist noch offen. Aber auch meiner persönlichen Vorliebe für Handmade und Do-It-Yourself- Projekte werde ich weiterhin nachgehen und diese ausbauen. Wer weiß, dabei springen dann vielleicht ein paar Unikate oder die ein oder andere limitierte Auflage von – ich denke eher künstlerischen – Produkten heraus, die ich dann online auch verkaufe. So ganz kann ich dann doch nicht aus meiner SNUG-Haut, aber eben ab jetzt eher sehr zurückhaltend und als persönliche Herzensangelegenheit und weniger als Haupteinnahmequelle.

DIY ist aber nicht nur ein Thema, mit dem ich mich persönlich, sondern weiterhin professionell beschäftigen möchte. Schon seit längerem entwickle ich ja (unter anderem mit Berit) für das Familienmaganzin Nido „Selber-Machen-Projekte“. Im aktuell erschienenen Buch Selber machen! sind auch viele unserer Projekte enthalten.
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Was war Anlass und Motivation für den „Alleingang“?
Die letzten sechs Jahre waren eine tolle Zeit: SNUG.STUDIO aufzubauen, es wachsen zu sehen und immer wieder kleine und größere Erfolge feiern zu können. Nur habe ich mich in der Zeit auch stark weiterentwickelt, genauso wie Berit. Mit unserer Philosophie und unseren Ziele haben wir dabei einfach unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. So ist das eben manchmal und das ist auch okay so.
Natürlich war es ein etwas längerer Prozess, in dem wir uns erst einmal klar darüber werden mussten, wie und ob wir miteinander weiter nach vorne gucken. Am Ende haben wir freundschaftlich entschieden, dass wir getrennt voneinander beide besser zu unserer alten Form, zu unserem anfänglichen Enthusiasmus, zurückfinden.
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Wenn du zurück blickst: Was war SNUG für dich?
Die höchste Qualität von Arbeit ist, wenn sie sich nicht wie Arbeit anfühlt. SNUG.STUDIO war für mich mein zweites Zuhause. Es war ein Projekt, das wir mit viel Freude und Elan angegangen sind, um daraus ein echtes Unternehmen zu machen. Und das hat ja auch recht gut funktioniert :). In den letzten ein bis zwei Jahren habe ich jedoch immer mehr gespürt, dass meine Vorliebe für die gestalterische Arbeit dabei etwas zu kurz gekommen ist.

Wenn man die eigenen Produkte selbst produzieren lassen und erfolgreich vertreiben will, bedeutet das weitaus mehr als die Produkte in einen Onlineshop einzustellen und zu warten. Interne Strukturen und planvolles Handeln sind das A und O. Stand am Anfang das Produktdesign ganz groß oben auf unserem Plan, so haben wir schnell gemerkt, dass von einem guten Marketing, Vertrieb, Logistik, Lagerhaltung, Mitarbeiterführung bis hin zu Controlling- und Steuerthemen (…hab ich was vergessen?) alles mindestens genauso wichtig ist.
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Ich habe so unermesslich viel gelernt in diesen Jahren und kann es super für alle kommenden Unternehmungen und Projekte nutzen.
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Wie geht es mit SNUG weiter ohne Kerstin Reilemann? Worauf dürfen wir uns freuen?
Ich bin mir ganz sicher, dass es tolle neue Produkte geben wird. Ich halte sehr viel von Berits Gespür dafür, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Wir können uns also sicher auf neue klare Produkte mit dem gewissen Etwas freuen. Aber am besten wissen das natürlich Berit und Heiko selber.
Worauf freust du dich am meisten?
Darauf, dass ich für mich der gestalterischen Prozess wieder in den Vordergrund stellen kann. Egal, ob ich ein Do-It-Yourself-Projekt für eine Zeitschrift umsetze, kleine Unternehmen unterstütze, ihren öffentlichen Auftritt zu verbessern, Stylings für Produkte und Interior entwickele, Handmade-Produkte entwerfe und herstelle oder mit großen und kleinen Menschen Kunstprojekte mache.
Noch ist alles sehr frei und offen, aber je mehr ich in mich hineinhorche, je mehr ich an vergangenen Projekten zusammentrage, desto genauer zeichnet sich gerade ein Konzept für mich ab. Interdisziplinäres Arbeiten eben 🙂
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Was sind deine aktuellen Projekte?
Da bin ich noch ziemlich am Anfang. Ein Projekt ist meine neue Homepage, die vor allem als Portfolio funktioniert und potenziellen Kunden und Kooperationspartnern zeigen soll, was ich so gemacht habe und was ich mache. Was ich anbieten kann und möchte. Außerdem arbeite ich weiterhin mit der Nido zusammen, für die ich derzeit ein neues „Selber machen-Projekt“ für Kinder entwerfe. Bei decor8 werde künftig einmal im Monat mit einem DIY-Beitrag vertreten sein und im Kulturbüro meines Stadtteils DIY-Workshops für Kinder und Erwachsene geben. Es läuft also an!
Parallel dazu vernetze ich mich in verschiedenste Richtungen. Das ist in den letzten Jahren leider immer ein wenig zu kurz gekommen. Es ist gerade so inspirierend, sich mit anderen kreativen, freischaffenden Menschen auszutauschen. Dabei sind allein in den letzten paar Wochen so wunderbare Ideen und positive Gedanken und nicht zuletzt gute Kontakte entstanden.
Wo finden wir dich?
Man findet mich – hoffentlich ganz bald – auf meiner neuen Homepage und schon ein wenig länger auf Instagram, tumblr und Facebook. Auf meinem Instagram-Feed möchte ich vorerst eine gewisse Ahnung davon vermitteln, was mich und meinen Stil ausmacht. Meine Art auf die Dinge zu sehen. Meine ganz persönlichen gestalterischen Gedanken und Projekte.
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Eine Woche. 
Was für eine Woche
?!

Das Jahr 2014 hat sich ungefähr so zu meinem Leben verhalten wie der berühmte Elefant zum Porzellanladen. Vieles ging zu Bruch und noch mehr zu Boden. Nichts steht mehr an seinem anvertrauten Platz, dafür umso mehr auf Abschied. Den zu nehmen, gilt es nun. Schritt für Schritt, Schnitt für Schnitt. Nicht eben rosige Aussichten, denn nach dem ersten großen Lebewohl weiß ich: Abschiednehmen ist wie Zähneziehen ohne Betäubung. Es tut weh und hinterlässt eine Lücke. Wäre ich nicht davon überzeugt, dass jedem Abschied ein Anfang und jedem Anfang ein Zauber innewohnt – hallo Herr Hesse –, ich würde spätestens jetzt einen Intensivkurs in Prokrastination belegen.

°°°GESEHEN: Cities for people. A lecture by Jan Gehl
°°°Städte sind für Menschen gemacht. Eigentlich eine banale Erkenntnis, doch wir sind weit davon entfernt, sie zu leben.
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°°°GEHÖRT: dass Kreativität am besten dort gedeiht, wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen muss.
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°°°GELESEN: Honig
     Nach drei Zeilen hat es mich gepackt. Das ist gut.
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°°°GEFREUT: auf eine Woche Usedom
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°°°GEMACHT: ganz wunderbaren Kolleginnen und Kollegen Lebewohl gesagt    
     AUA!
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°°°GELACHT: Things children do that are unacceptable for adults to do
    Einfach komisch.
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°°°GEDACHT: Yoda behält recht: ‚You must unlearn what you have learnt‚, denn ‚Probleme
°°°kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.‘ [Albert Einstein]
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°°°GEFUNDEN: ‚Women always try to tame themselves as they get older, but the ones that look best are
    always a bit wilder.‘ [Miuccia Prada] >>> Hier ein paar Beweise.
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°°°GENOSSEN: salzige Muffins im Café Blisse 14
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°°°GEPLANT: Nie mehr schlechten Kaffee trinken.
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°°°GEWÜNSCHT: so ’ne Art Sichtschutz-Rollo für die Seele
    Sonnenbrille?
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°°°GEKLICKT: Mama arbeitet

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Meine Utopie #11. Van Bo Le-Mentzel from Lemonaid on Vimeo.

‚Wenn es irgendetwas gibt, was nichts kostet, wofür wir kein Projektmanagement brauchen, kein Budget und keine großen Maschinen, dann ist es Hoffnung. Und ich glaube, es ist die Aufgabe von uns allen, dass wir jeden Tag wieder Hoffnung produzieren‘, sagt der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel – und plädiert für ein neues, nicht-lineares Denken. So inspirierend und schön, dass ich es hier (mit-)teilen muss.
Van Bo Le-Mentzel wurde durch die Entwicklung der Hartz-IV-Designermöbel bekannt. Er ist außerdem Mitbegründer des Berliner Vereins Kiez-Tank-Stelle, der Vorträge von interessanten Persönlichkeiten an Schulen organisiert und plant demnächst eine Konferenz in Berlin, bei der inspirierende Köpfe über ihre Ideen neuer Bildungswege berichten. 

aus: Der Himmel über Berlin | Wim Wenders | 1987

Mein Blick fällt heute nicht hinter ein Blog, auch nicht hinter eine Website, sondern hinter ein Buch. Ein Buch, das noch mitten im Werden ist und von Berlins Weg in die Wolken erzählt. Hauptfigur ist ein Gebäude, dessen 50er Geburtstag naht und das wie kein zweites für Westberlin steht: das Europa-Center. Hier waren Christiane F. und ihr Freund ‚Helden für einen Tag‚. Hier sprang Wim Winders Selbstmörder vom Dach, und hier wurde ich 16jährig per Anhalter durch die DDR ausgespuckt. 

Am 2. April 2015 wird der ‚in Beton, Stahl und Glas geformte Selbstbehauptungswille der Berliner‘  also 50 Jahre alt. Rechtzeitig zu diesem Jubiläum bringt der Berliner Musikredakteur und Ex-Ärzte-Bassist Hagen Liebing ein Buch zum Haus heraus. Vorläufiger Arbeitstitel: Berlins Weg in die Wolken. 50 Jahre Europa-Center.  Im heutigen Montagsinterview erzählt er, was den 103 Meter hohen Glas-Alu-Bau so spannend macht, wie und warum es zum Symbol Westberlins wurde und wie das Buch aussehen wird. Vielen Dank, Hagen, für diese exklusiven Einblicke, mit denen ich allen einen guten Start in die erste Novemberwoche wünsche.

PS: Wenn ihr persönliche Geschichten und/oder besondere Erinnerungen habt, die im oder um das Europa Center spielen, so meldet euch gerne. Hagen Liebing sucht immer noch Zeitzeugen aus fünf Jahrzehnten Europa-Center, um aus dem Gehörten eine Erzählung zu formen.

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aus: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo | 1980/81

Anlässlich des 50. Geburtstags des Europa-Centers schreibst du ein Buch über das Gebäude. Was ist so spannend an dem 103 Meter hohen Glas-Alu-Bau?

Da gibt es zwei Antworten. Die historische und die persönliche. Historisch gesehen ist das Europa-Center 1965 der größte Bürohochausbau seiner Zeit gewesen. Und natürlich ein mächtiger Fingerzeig des eingemauerten West-Berlins gen Osten, dass man sich nicht unterkriegen ließe. Zudem kann man den Gebäudekomplex – es handelt sich ja nicht allein um ein Bürohochhaus, sondern um ein komplettes Shopping-Center – als die Mutter aller Malls bezeichnen. Und für mich persönlich war dies nicht nur das erste richtige Hochhaus, das ich als Kind erlebt habe, sondern auch ein Ort, an dem ich als Teenager – ich gehöre ja zur Generation Christiane F. – eine Menge Zeit verbracht habe. 
Das Europa-Center steht für mich wie kein zweites Gebäude für Westberlin. Inwiefern verkörpert der Bau die Zeit von 1963 bis 1989? 
Hierzu möchte ich zunächst den Europa-Center-Architekten Ivan Krusnik zu Wort kommen lassen (quasi als exklusiven Vorabdruck 🙂 ), der von 1963 bis 2002 an dem Gebäude gearbeitet hat: ‚Mit dem Europa-Center verhält es sich genauso wie mit der Stadt Berlin, das ist eine ewige Baustelle. Das wurde in gut zwei Jahren gebaut und danach haben wir das zuerst mal dreißig Jahre lang. Und jedes Jahr passierte da etwas Neues.‚ Aus meiner Sicht wurden hier zudem der Selbstbehauptungswille und auch die Westbindung der Berliner in Beton, Stahl und Glas geformt. Und das Ganze finanziert nach einem neuen Abschreibungsmodell, das anschließend einen regelrechten Bauboom in der Stadt auslöste (und leider auch das Vorspiel zum folgenschweren Berliner Bauskandal wurde).
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Das frisch gebaute Europa Center als Postkartenmotiv der 1960er Jahre

Wie standen und stehen die (West-)Berliner/innen zum Europa-Center?
Heute ist es natürlich kein Symbol mehr für den freien Westen. Heute sind ja alle irgendwie frei. Aber ich glaube schon, dass das Europa-Center nach wie vor ein prägendes Stück Kudamm ist. Und speziell auch viele Ost-Berliner werden sehr gute Erinnerungen an das Europa-Center haben, verbrachten Hunderttausende von ihnen doch auch hier die anarchischen Nächte am und nach dem 9. November 1989.

Welche Geschichte des Gewerbes und der Wirtschaft (West-)Berlins erzählt das Gebäude?
Für heutige Zeiten ziemlich einzigartig ist der Umstand, dass das große Areal und seine Gebäude mitten in einer Europäischen Metropole (manche sagen ja DER Metropole) nach wie vor nicht in Besitz eines internationalen Konsortiums oder irgendwelcher Shareholder ist, sondern der Berliner Familie Pepper gehört. Das Gebäude erzählt also die Geschichte von weitsichtigem Unternehmertum in der Stadt, aber auch von der Mentalität, sich durch den Wandel in Politik und Wirtschaft nicht unterkriegen zu lassen. 
Was waren die spannendsten oder schrägsten Geschäftslokale im Europa-Center?
Am spannendsten empfand ich den I-Punkt, also dieses Restaurant im zwanzigsten Stock, von dem man auch die Aussichtplattform nutzen konnte und dem ‚Himmel über Berlin‚ so nah war. Und ziemlich amüsant fand ich das Konzept vom ‚Haus der Nationen‚, in dem bereits zur Eröffnung 1965 acht verschiedene Restaurants acht verschiedener Nationalitäten vereint waren. Zu dieser Zeit praktizierte die breite Bevölkerung ja noch gar keinen Ferntourismus, weshalb man den Berlinern vermutlich alles hatte vorsetzen können, und sie haben geglaubt es sei Spanisch, Italienisch oder Französisch. Damals gab es dort übrigens bereits ein Restaurant namens ‚Grill Royal‚.
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links: das Europa Center als Briefmarkenmotiv | rechts: gerade angekommen, finde ich im Europa Center meinen Namen

Welche kleinen und großen Geschichten aus dem (West)Berliner Leben haben sich hier zugetragen, die du besonders magst?
1965 bei der Eröffnung hat der ‚Haus der Nationen‚-Chef Beisheim zur Einweihung seine Stieftochter als Stargast mitgebracht: Romy Schneider. Und die wiederum hat an jenem Tag Harry Meyen kennengelernt – ihren zukünftigen Mann. In den 80er Jahren wurde die dortige Spielbank ausgeraubt. Aber ganz gewaltlos: Die Räuber leiten einfach die Geldbomben um, die eigentlich per Rohrpost von der Bank in den Tresor rauschen sollten. 
Was wird das Buch zum Gebäude aussehen? Und wann wird es wo erscheinen?
Ich möchte die Geschichte des Gebäudes ebenso wie seine Geschichten erzählen. Neben den stringenten Features zum Bauherren, zum Bau selbst, zu einzelnen Aspekten wie dem überall sichtbaren Mercedes-Stern oder dem Europa-Center als Filmdrehort hat es mir die Oral History angetan. Ich sprach und spreche immer noch mit Zeitzeugen aus fünf Jahrzehnten Europa-Center und möchte das hier Gehörte zu einer Erzählung formen. Das Buch wird 128 Seiten haben und Ende Januar 2015 im Berliner Raufeld Verlag erscheinen. Rechtzeitig zum 50. Jubiläum des Europa-Centers am 2. April 2015.
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Hagen Liebing
geb. 1961 in Berlin

1980 Abitur
1986-1988 Bassist bei Die Ärzte 
1990 Diplom der Medienwissenschaften an der TU Berlin
dann freier Autor und Gag-Schreiber für Thomas Koschwitz und Harald Schmidt
seit 1995 Musikredakteur beim tip Berlin
Foto (c) Nicola Holtkamp

Vorwort
Die Protagonistin des heutigen Beitrags lernte ich vor einigen Monaten kennen. Sie war als Salonniere angefragt und ich sollte mir ein Bild ihrer Gastgeberqualitäten machen. Schon ihre äußere Erscheinung – obgleich heute eher schlicht – zog mich in ihren Bann; doch als sie mich mit dieser Mischung aus Berliner Schnauze und herrschaftlicher Großzügigkeit empfing, war ich verzaubert. Ich wollte mehr wissen über die ‚Bülow 90‘ und begab mich auf die Suche. Was ich fand, war so spannend, dass ich nicht mehr davon lassen konnte. Meine Privatforschungen sind längst nicht am Ende, doch heute wage ich mich mit dem ersten Teil der Kulturgeschichte durch die Fenster der Bülowstraße 90 an die Öffentlichkeit. Hintergrund und Anlass ist die Veranstaltung des Literatur-Salons Potsdamer Straße zur Geschichte des Fischer Verlags, der 39 Jahre in eben diesem Haus residierte.

Wer mehr über den großen Verleger, der am 15. Oktober vor 80 Jahren starb, den Verlag, die Autor/innen und das Verlagshaus erfahren möchte, ist am Donnerstag, den 16. Oktober herzlich in die Kunstsaele Berlin in der Bülowstraße 90 eingeladen. Es lesen und erzählen der ausgebildete Sprecher und passionierte Weinhändler Roland Kretschmer, die Schauspielerin Christiane Carstens, die beiden Autor/innen Sibylle Nägele und Joy Markert sowie meine Wenigkeit. Beginn ist 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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Von schönen Mythen, schnöden Wahrheiten und vergessenen Tatsachen

Die Geschichte der Bülowstraße 90 verliert sich irgendwo zwischen Potsdamer und Zietenstraße. Bis hierhin kommen die zwei großen Terraingesellschaften, die das Gebiet zwischen Stadt Berlin und Dorfgemeinde Schöneberg seit 1872 Jahren in Anlehnung an die Pläne des preußischen Stadtplaners James Hobrecht bebauen: Der Berliner Bank-Verein rückt von Osten, die Berliner Bau-Vereins-Bank AG von Westen vor.* In kürzester Zeit verwandeln sie das ehemalige Acker- und Gartenland in eine Stadtlandschaft mit Mietskasernen und Bürgerhäusern – die Mietskasernen hatte Herr Hobrecht so nicht vorgesehen ebenso wenig wie den Bogen in der Bülowstraße. In seiner Vorstellung sollte sie schnurgerade in die Gneisenaustraße münden. Doch das hätte die Untertunnelung der Gleisanlagen bedeutet, was die Bahngesellschaften nicht bereit zu zahlen sind. Nach jahrzehntelangem Ringen einigt man sich schließlich auf die Umfahrung des Bahngeländes, was den Bau von 45 (!) Brücken mit sich bringt – schwer vorstellbar, dass dies die günstigere Lösung war. Sei´s drum. Zusammen mit der dichten Blockbebauung macht der ‚Bülowbogen‘ dem Hobrecht-Plan vom ’schöner Wohnen in Schöneberg‘ einen dicken Strich durch die Rechnung. Doch dazu mehr im nächsten Kapitel.

Die rege Bautätigkeit zwischen den Gleisanlagen und dem Nollendorfplatz gerät bereits ein Jahr später ins Stocken. 1873 platzt die Immobilienblase; die zwei Terraingesellschaften geraten in den Strudel der Gründerkrise und werden 1876 schließlich beide liquidiert. Wer die verbliebene Lücke zwischen Potsdamer und Zietenstraße schließt, ist nicht überliefert. Das bietet Raum für Mythen- und Legendenbildung. Und derer gibt es viele. Sie ranken sich um ‚große Männer‘, preußische Generäle und zu Geld gekommene Bierbrauer. Den genialen Verleger Samuel Fischer, der mit seinem Verlag dazu beitrug, dass die Bülowstraße 90 tatsächlich einmal ‚eine weltbekannte Adresse‘ war  [Peter de Mendelssohn], hat man derweil vergessen. Dimension und Interieur der Wohnungen verleiten jedoch auch zu herrschaftlicher Verklärung: 1000qm große 24-Zimmer-Wohnungen mit blattgoldveredeltem Stuck, malereiverzierten Deckenfresken und holzvertäfelten Wänden assoziiert man nicht unbedingt mit dem Verlagsgewerbe.

*Dem Berliner Bank-Verein gehört das Areal westlich der Bahngleise zwischen Dennewitzplatz, Kurfürsten-, Großgörschen- und Potsdamer Straße. In den Händen der Berliner Bau-Vereins-Bank AG liegt das Gebiet östlich des Nollendorfplatzes zwischen Mackensen- (heute Motz-), Kurfürsten-, Froben-, Winterfeldt- und Maaßenstraße. Bebaut hat Berliner Bau-Vereins-Bank AG bis zum Gründerkrach jedoch nur das Quartier Mackensen-/Motz-, Zieten-, Winterfeldt- und Maaßenstraße. Quelle: Helmut Winz, Es war in Schöneberg. Aus 700 Jahren Schöneberger Geschichte. Berlin 1964, S. 84
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Die erste Legende, die mir überliefert wird, erzählt von einem Haus, das um 1880 auf einem ehemaligen Holzplatz erbaut wurde. Es sei der erste Skelettstahlbau Berlins und zu Höherem bestimmt: Niemand Geringeres als der preußische Ministerpräsident sei ihm zugesprochen. Das ist zu jener Zeit Otto von Bismarck, der jedoch nie einziehen wird – wie überhaupt kein kaiserlich Beamteter. Eine andere Geschichte will, dass die Familie von Bülow höchstpersönlich hinter dem Bauvorhaben stünde und sich in der nach ihr benannten Prachtstraße niederlassen wollte (Namensgeber ist der preußische General und ‚Retter Berlins‘ Friedrich Wilhelm von Bülow, Graf von Dennewitz). Etwas hemdsärmeliger und doch nicht näher an der Wahrheit ist die Überlieferung der vermögenden Brauereifamilie, die sich und ihresgleichen im schönen Schöneberg großzügige Wohnungen erbauen ließ.

Wie so oft steckt (fast) in allem ein Körnchen Wahrheit, doch die ‚wahre Geschichte‘ der Bülow 90 verläuft anders – und ist deutlich weniger erhaben. Gefunden habe ich sie im Souterrain des Schöneberger Rathauses, wo sie zwischen den vergilbten Aktendeckeln im Bauarchiv schlummert. Die schweren halbzerfallenen Ordner enthalten alte Korrespondenzen, Bau- und Situationspläne, Urkunden und einige Fotos. Ihre Erzählweise ist eine ganz eigene: sehr prosaisch, eher formal und bisweilen ziemlich wortkarg. Doch am Ende ergab sich aus dem Staccato ein einigermaßen stringentes Bild.

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Auf dem Grundstück Bülowstraße 90 befindet sich im 19. Jahrhundert tatsächlich ein Holzplatz, genauer gesagt, ein Sägewerk. Eigentümer ist der Zimmermeister Carl Julius Hewald mit Wohnsitz in der nahe gelegenen Kurfürstenstraße 146 [Quelle]. Herr Hewald scheint kein Freund der Spekulation, sondern ein sehr bodenständiger Handwerker gewesen zu sein. Um ihn herum verkauft ein Eigentümer nach dem anderen (siehe Berliner Adreßbücher), der wilhelminische Mietskasernenring zieht sich immer enger um seinen Grund und die Terraingesellschaften signalisieren vermutlich auch ein ums andere Mal Interesse daran. Doch statt gewinnbringend zu verkaufen, geht er seinem – wahrscheinlich recht profitablem – Holzgeschäft nach. Die Haltung zahlt sich aus. Während in Folge des Gründerkrachs eine Terraingesellschaft nach der anderen in die Knie geht, errichtet Carl Julius Hewald 1874 einen ‚Arbeits- und Bretterschuppen nebst Wächterbude‘ – offenbar sieht er die Notwendigkeit, sein Eigentum bewachen zu lassen. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass Verkaufsunwillige manchmal mit krimineller Energie zum Umdenken angeregt werden sollten?

Kurz nach Fertigstellung der neuen Schuppen und der Wächterbude geschieht etwas: 1876 wird Frau E. Hewald (Rentier) als Eigentümerin des Grundstücks Bülow 90 im Berliner Adreßbuch geführt. Ein Situationsplan aus dem Jahre 1877 weist den Großteil des Geländes als Holzkohlen-Platz eines gewissen Herrn C. J. Patzky aus – Eigentümerin: Frau Ww. Hewald. Carl Julius ist also verstorben, die Witwe nicht fähig oder willens, den Holzbetrieb fortzuführen und offenbar kann sie gut von den Pachteinnahmen leben. Sie ist noch weitere 18 Jahre als Eigentümerin der Bülowstraße 90 in den Berliner Adreßbüchern zu finden. Erst 1896 geht das Grundstück in den Besitz der Actien-Gesellschaft für Bauausführungen über, die hier ein Wohnhaus errichten lässt.
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Die Nachtragszeichnung II zum Neubau eines Wohnhauses auf dem Grundstück Bülowstraße 90/91 zeigt, dass das Haus ursprünglich eine schmuckreiche Fassade und Dachgestaltung hatte.

In einem Schreiben an das Königliche Polizei Präsidium Abteilung III bittet sie am 28. August 1897 um ‚Gebrauchsabnahme‘ des Neubaus. Nur wenige Wochen später zieht der Fischer Verlag ein: ‚Ende September 1897 trägt der Briefkopf des [Fischer] Verlags mit der Adresse Steglitzer Straße 49 [heute: Pohlstraße] bereits den Gummistempelüberdruck: „Jetzt Bülowstraße 90/91“, und bald darauf erscheint der sehr schlicht aus dem Setzerkasten hergestellte Briefbogen mit der neuen Anschrift.‘ [aus: Peter de Mendelssohn: S. Fischer und sein Verlag, S. 230] Samuel Fischer zählt also zu den Mietern der ersten Stunde.

Was den Mythos vom ersten Skelettstahlbau Berlins anbelangt, so findet sich in den Bauunterlagen kein Beweismaterial. Zwar hat sich die Actien-Gesellschaft für Bauausführungen um die Jahrhundertwende auf Stahlbeton-Hochbauten spezialisiert, doch erst das 1912 eigens für S. Fischer erbaute Verlagsgebäude im zweiten Hinterhof ist nachweislich eine ‚Eisenkonstruktion‘. Es wird übrigens – so viel sei an dieser Stelle vorweggenommen – im Jahr 1987 abgerissen, und weder die Wohnungsgesellschaft ‚Neue Heimat‘ sowie ihre Rechtsnachfolgerinnen WIR und Gewobag noch die Bewohner/innen der Bülowstraße 90 scheinen zu wissen, welch historisch bedeutsamer Gebäudetrakt da unter den Hammer kam. Doch dazu später mehr. 

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Heute ist die äußere Erscheinung des Hauses Bülow 90 eher schlicht.