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Orte

»Stein fand das Haus im Winter. {…} Es sah aus, als würde es jeden Moment lautlos und plötzlich in sich zusammenfallen.«
aus: Judith Hermann: Sommerhaus später, 1998


Als Judith Hermanns Erzählband »Sommerhaus später« erschien, war ich Mitte Zwanzig und hatte das Experiment Landleben erst kürzlich beendet. Trotzdem fand ich an der Vorstellung Gefallen, später einmal ein Sommerhaus zu besitzen – gerne am See, noch lieber an der See und am allerliebsten auf einer Insel. Wenn ich mit meinem damaligen Freund durch den damals noch ziemlich »wilden Osten« fuhr, hielt ich stets Ausschau nach »meinem Sommerhaus«. Ich fand es nie und so wird es wohl auch bleiben. Nicht dass das Bild von mir in einem prachtvollen Blumengarten vor einem kleinen Haus mit Blick aufs Meer keinen Reiz mehr hätte. Durchaus! Nur das Wissen um die Arbeit, die in einem prachtvollen Blumengarten steckt und um die hinter der Idylle lauernde Tristesse dämpft die Euphorie. Nichtsdestoweniger zieht es mich immer wieder aufs Land und eben weil ich dort keine feste Bleibe habe, suche ich immer neue Orte auf.


»Gerade im Winter muss ich mich in der Wohnung wohlfühlen.«

Schöne Ferienwohnungen im näheren und weiteren Umland von Berlin {auch zu erschwinglichen Preisen} findet man z.B. über diese Plattformen {kennt ihr noch andere?}:


Ma. blickt aufs Salzhaff hinaus

Meine jüngste Entdeckung heißt Rerik. Das kleine Ostseebad zwischen Rostock {ca. 37 km} und Wismar {ca. 36 km} trug bis 1938 den slawischen Namen Alt Gaarz, doch die Nazis stellten sich lieber in die Tradition der kriegerischen, ergo: »starken« Wikinger und benannten den Ort nach ihrer hier vermuteten Siedlung Reric. Tatsächlich lag der slawisch-wikingische Handelsplatz etwa 19 km südsüdwestlich, aber faschistische Regime nehmen es bekanntermaßen nicht so genau mit der Wahrheit und also heißt Alt Gaarz nun eben Rerik.

Das 2.000-Einwohner/innendorf liegt am nordöstlichen Ende des Salzhaffes, dort wo die Halbinsel Wustrow beginnt und der Strandspaziergang jäh am Stacheldraht endet. Schon von Ferne blicken einem die tiefschwarzen Fenster der einstigen Gartenstadt entgegen – beinah idyllisch, wäre da nicht dieses düstere Unbehagen.

Die Gartenstadt auf der verbotenen Halbinsel Wustrow

Über viele Jahrhunderte war die Halbinsel ein unbedeutender Grundbesitz mit drei Erbpachthöfen, Wiesen und Feldern. Das änderte sich 1932 als die »von Plessen-Brüder« das Areal an die Reichswehr verkauften. Die Nationalsozialisten hatten Großes mit der kleinen Insel vor: Innert weniger Jahre wurde hier die größte Flak-Artillerieschule errichtet samt Kasernenanlagen, Flugplatz, Hafenanlagen und Gartenstadt {Rerik-West}. Wie die Sache weiter- und ausging, ist bekannt. Am 2. Mai 1945 wurde Wustrow kampflos an die sowjetischen Streitkräfte übergeben, die es von 1949 bis 1993 einen Militärstützpunkt nutzten. 1998 verkaufte die Bundesrepublik Deutschland das Areal entgegen dem Willen der Reriker/innen an einen Privatinvestor. Die Fundus-Gruppe träumte von einem Luxus-Resort mit Golfplatz und Marina. Doch daraus wurde nichts. Es fehlte ein überzeugendes Verkehrskonzept, weshalb die Stadt ihr Veto einlegte. Den Vorhabensstopp quittierte der Investor prompt: Das vollständige Zutrittsverbot untersagte fortan auch die Führungen über das Gelände. Das liegt nun 13 Jahre zurück; in der Zwischenzeit hat sich die Natur die Insel Stück für Stück zurückerobert und das einstige Bauland in einen Wald verwandelt. Ob und wie der Investor seine Pläne jemals realisiert, ist offen. Anders die Halbinsel: Die ist weiterhin geschlossen. 2013 unternahmen Studierende des Instituts für Freiraumentwicklung an der Universität Hannover einen neuen Anlauf und entwickelten fünf alternative Nutzungskonzepte für »das verbotene Paradies«, doch die »Entwürfe für die postmilitärische Wildnis« wurden meines Wissens nie ernsthaft diskutiert.

Stachseldraht versperrt den Weg zur Halbinsel Wustrow

Abgesehen von der turbulenten Geschichte der Halbinsel Wustrow ist Rerik ein eher unspektakulärer Ort: Zu seinen touristischen »Highlights« zählen eine frühgotische Kirche, ein kleines Heimatmuseum und ein paar Großsteingräber. Mein persönliches Highlight war der morgendliche Steilküstenlauf und unsere »wohnung süd« im »haus m«, die der in Berlin lebende Architekt Sebastian Kablau entworfen und gebaut hat. Die 50qm-Wohnung hat alles, was das Wohnminimalist/innen-Herz begehrt: schlichte Möblierung, viel weiße Wand und noch mehr Licht.

Doch selbst in der schönsten Wohnung droht irgendwann der Budenkoller, wenn das Wetter den täglichen Strandspaziergang vereitelt. Gegen den drohende Deckenabsturz hilft nur eines: »ausfliegen«.

Meine Ausflugs-Tipps rund um Rerik

WONNEMAR Wismar: Wenn es einem endlich gelungen ist, sich mit der Tatsache zu arrangieren, dass Runen- und Landser-Tattoos hier zur Normalität gehören, kann das Wismarer Badeland mit seinen vielen Becken und Rutschen sogar Spaß machen.


Von Rostock haben wir nur einen kleinen Ausschnitt gesehen: die Stadtmitte und die Kröpeliner-Tor-Vorstadt {kurz: KTV}. Vor allem das bunte Studenten- und Szeneviertel mit seinen vielen kleinen Läden, Cafés und Bars mochte ich.

Meine Rostock-Empfehlungen:


Warnemünde gehört zwar zu Rostock, kann aber durchaus für sich allein stehen. Das Seebad mit dem breitesten Sandstrand der Ostseeküste hat vor allem architektonisch einiges zu bieten: auf der einen Seite das Hotelturm »Neptun« {Baujahr: 1971} und der hochmoderne Hyparschalenbau von Müther und Kaufmann, Teepott genannt {Baujahr: 1965}. Auf der anderen Seite der Leuchtturm und die alten Fischerhäuser und dazwischen das Kurhaus im Stil des Neuen Bauens, die riesige Werft und nicht minder großen Hafen.

Meine Empfehlungen für einen Besuch in Warnemünde:

Der Strand von Rerik

Neben Rostock, Warnemünde und dem Wonnemar gibt es natürlich noch viel mehr zu sehen; Heiligendamm zum Beispiel oder Bad Doberan. Das heben wir uns für ein eventuelles nächstes Mal auf. Habt ihr für dieses nächste Mal vielleicht noch ein paar Tipps und Empfehlungen?

Wie sieht ein Liberaler die Entwicklungen in Russland und die Beziehung zwischen Russland und Deutschland? Warum ist Russland Spiritus Rector der Rechten? Und wie wird man in der Mega-City Moskau heimisch? Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Montagsinterview mit Julius von Freytag-Loringhoven, Leiter des Moskauer Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit {FNF}.

Vielen Dank, lieber Julius, für die interessanten Einblicke, mit denen ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche.

Der Rote Platz in Moskau

Seit wann lebst du in Moskau und was machst du dort?

Ich lebe seit 2012 in Moskau und leite die Arbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) für Russland und Zentralasien. Das heißt, ich versuche mit unseren Partnern – liberale Politiker/innen, Intellektuelle, Künstler/innen, Wissenschaftler/innen, Unternehmer/innen, Bürger-Aktivist/innen und auch Technokrat/innen, die sich alle für Menschen- und Bürgerrechte, eine offene Gesellschaft, Demokratie, Toleranz, Rechtsstaat, eine markwirtschaftliche Ordnung, Transparenz und Dialog einsetzen – kreativ Wege zu entwickeln, um diese Ziele ein Stück weit vorwärts zu bringen. Seit ich dort bin, verzeichnet das Land jedoch einen Abwärtstrend in Sachen Demokratie und Menschenrechten.

Vor wenigen Wochen war ich für einige Tage in Moskau. Gleichermaßen fasziniert wie abgeschreckt bin ich mit einem Gefühl der Ratlosigkeit zurückgeblieben: Wie wird man heimisch in dieser – zumindest auf den ersten Blick – unwirtlichen Stadt?

Es ist paradox, aber die Stadt hat trotz des Rückgangs an Freiheit in den letzten Jahren an Lebensqualität gewonnen. Überall im Zentrum gibt es jetzt Straßencafés, die Parks stehen voller neuer Bänke und Liegestühle, mehr Fußgängerzonen, Gallerien für zeitgenössische Kunst, Hipster-Läden und so weiter. Äußerlich ist Moskau immer westlicher und internationaler geworden, aber das Unwirtliche bleibt natürlich.

Ich weiß nicht genau warum, aber ich liebe solche eklektischen Monsterstädte: In Europa ist Moskau vermutlich nur vergleichbar mit London oder Istanbul. Ich werde schnell heimisch in diesen Mega-Cities, vielleicht weil sie einen jeden Tag überraschen mit ihrem reichen Kulturleben und ihren vielen Gegensätzen.

Moskauer Metro

Was zeichnet das Leben in Moskau (im Unterschied etwa zu Leipzig, Berlin oder München) und die Moskauer/innen aus?

Ganz oberflächlich betrachtet, ist Moskau zuerst mindestens dreimal größer als Leipzig, Berlin und München zusammen. In der Moskauer Metro fahren jeden Tag mehr Menschen als in der New Yorker und Londoner U-Bahn zusammengenommen. Auch das kulturelle, kommerzielle und kulinarische Niveau der Stadt ist kaum mit einer deutschen Stadt vergleichbar, sondern eher mit New York. Die vielen Menschen bringen eben auch etwas mit: Sie verstopfen nicht nur die Straßen und Metrowaggons, sondern sind auch eine kreative Bereicherung.

Auf der anderen Seite ist da die ständige Existenzbedrohung durch den {zu} mächtigen Staat, eine unsichere Rechtsstellung, gefährliche Konkurrenz und extrem hohe Preise. Gesunde, kreative Menschen können in der Unsicherheit Chancen sehen und Energie daraus ziehen, andere verlassen die Stadt in den sicheren Westen.


»Liberal heißt für mich, mein Handeln nach der individuellen Würde, Freiheit und Verantwortung auszurichten.«


Die Friedrich-Naumann-Stiftung ist seit 1993 in der Russischen Föderation aktiv und will dazu beitragen, die Bedingungen für Demokratie und Rechtsstaat, Bürgergesellschaft und liberale Werte zu verbessern. Mir scheint die Bedingungen dafür zunehmend ungünstiger werden. Wie stellt sich die Situation aus deiner Warte dar?

Genauso ist es. Wir verzeichnen seit einigen Jahren einen Abwärtstrend was Demokratie, Rechtsstaat, Schutz der Bürgergesellschaft, aber auch was die Wirtschaft betrifft. Unter diesen zunehmend schwierigeren Bedingungen müssen wir unsere Arbeit immer wieder kreativ anpassen.

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Russland gilt als Spiritus Rector rechtskonservativer und -radikaler Denker/innen. Was eint die russische Regierung unter Putin mit dem Rechtskonservatismus und der „Neuen Rechten“?

Ich glaube, dass Putin vor allem der gemeinsame Feind mit den rechtskonservativen bzw. -radikalen Denker/innen eint: die liberale Demokratie und – als ihr Sinnbild – {noch} die Vereinigten Staaten von Amerika. Das gleiche gilt aber auch für die »Ostalgiker/innen« und Linksradikale. Auch sie verehren Putin. Es ist kein Zufall, dass in Deutschland DIE LINKE, AfD und NPD die Sanktionen gegen Russland aufheben wollen. – Anders als in Westeuropa verstehen sich die wichtigsten russischen Oppositionellen wie auch die Mehrheit der Menschenrechtler/innen, Akademiker/innen und Intellektuellen vor allem als Liberale – nicht als »Linke«.

Die russische Regierung versucht beide – die Links- als auch die Rechtsradikalen – für sich zu instrumentalisieren, weil beide die liberale Demokratie anzweifeln, von der Russland sich am meisten bedroht sieht.

Frontal 21 berichtet vor einiger Zeit über ein Netzwerk aus Gefolgsleuten des russischen Präsidenten Wladimir Putin, das über Medienkampagnen versucht den Westen zu spalten {Quelle}. Was ist dran an dieser Darstellung und wie wirksam ergo gefährlich ist dieses Netzwerk deines Erachtens?

Ich finde Frontal 21 sehr reißerisch und oftmals nicht sauber genug recherchiert. Der russische Kanal Sputnik ist weit weniger bedrohlich als in solchen Reportagen dargestellt wird. Aber dass in Russland viel Geld in den sogenannten »hybriden Krieg« mit dem Westen gesteckt wird, ist bekannt. Ich glaube, dass das Gefährlichste an dieser Propaganda ist die Relativierungswirkung: Viele meinen, es gäbe halt die westliche und die russische Sicht der Dinge und die Wahrheit läge dazwischen.

Moskau Twerskaja TACC

Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist angespannt. Als Grund dafür wird wieder auf die Kränkung der einstigen Großmacht durch den Westen verwiesen. Eine »gekränkte Nation« – das klingt in meinen Ohren sehr befremdlich. Welche Rolle spielt die Idee der Nation und der ehemalige Großmachtstatus in der heutigen russischen Gesellschaft?

Alle autoritären Herrscher und auch alle Populist/innen instrumentalisieren eine vermeintliche geeinte Nation. Wenn man auf die drastische soziale Ungleichheit im heutigen Russland blickt, in dem über 70% der Bevölkerung weit unter dem deutschen Hartz-IV-Niveau lebt, dann versteht man wie wichtig eine einende Idee für den sozialen Frieden ist. Dazu leidet Russland am Phantomschmerz vergangener imperialer Größe. Das war übrigens in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg – mit fatalen Folgen – nicht anders und dauert auch in Nachbarländern wie Großbritannien noch an, was m.E. auch ein Grund für den Brexit war.

Die Idee der Nation wird in den russischen Medien – gerne im Abwehrkampf gegen einen vermeintlich aggressiven Westen – täglich bemüht. Als Identifikationsangebot gibt sie der russischen Gesellschaft Halt – trotz oder gerade wegen der wirtschaftlichen und politischen Misere, in der sie stecken.

Wie wird sich das deutsch-russische Verhältnis deiner Einschätzung nach weiterentwickeln? Und was wären die richtigen Schritte zu einer Entspannung?

Leider glaube ich, dass das deutsch-russische Verhältnis weiter auseinander driften wird. Ein Schritt zur Entspannung wäre eine Mischung aus kommunikativer Verbindlichkeit und Wertorientierung von Seiten Deutschlands – nach dem Motto: »Wir arbeiten gerne mit euch zusammen, aber halten dabei an unseren Werte fest.«

Eine gute Außenpolitik sollte meines Erachtens dem Vorbild der Politik von Scheel und Genscher folgen, die sich in den drei Körben des Helsinki-Prozesses widerspiegelt: (1) Vertrauensbildende Maßnahmen im Sicherheits- und Verteidigungsbereich, um einen Krieg zu verhindern, (2) Kooperation in Wirtschaft und Wissenschaft sowie flankierend (3) humanitäre Maßnahmen zum Schutz der Menschen- und Bürgerrechte. Im Moment wird stattdessen darüber diskutiert, Russland ganz zu isolieren und keine Kooperationen einzugehen. Das wäre fatal für all jene Menschen und Organisationen in Russland, die sich weiter für eine offene Gesellschaft einsetzen.

Am Goldenen Ring Russland

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Die Einladung kam unerwartet, aber es gab keinen Zweifel: Ich würde ihr folgen. Wer weiß, ob und wann ich jemals wieder nach Russland kommen und dort einer orthodoxen Taufe beiwohnen würde? So kam es, dass ich in der letzten Augustwoche samt Großfamilie {7 Erwachsene, 3 Kinder} das Flugzeug gen Moskau bestieg.

Als es zum Landeanflug ansetzte, war es tiefe Nacht und Moskau ein nicht enden wollendes Lichtermeer.


Mit offiziell 12,05 Miollionen Einwohner/innen ist Moskau die größte Stadt Europas. Sie erstreckt sich über 2.510 km². Auf einem Quadratkilometer leben rund 4.583 Einwohner/innen.

Quelle: Wikipedia


Zebrastreifen in Moskau
Blitzblank geputzt ist die Stadt

Erster Akt: Passkontrolle

Die Landung war sanft, was man mit Applaus quittierte. Ein wenig später folgte die Passkontrolle. Hunderte Menschen drängten sich vor den Schaltern. Ein Fortkommen war nicht zu erkennen. Wie lange würden wir anstehen müssen? Stunden? Tage?… Da kam ein Aufseher auf uns zu: Ob wir mit Kind reisen würden? Das sollte unser Glück sein.

Er zeigte auf einen Schalter mit einer unscheinbaren Aufschrift: „Passangers travelling with children“. Etwa 15 Minuten später schoben wir unsere Pässe über den Tresen. Der Kontrollbeamte nahm sie mit ausdrucksloser Miene entgegen. Er mustere uns, dann begann ein geschäftiges Treiben: Es wurde gescannt und kopiert, geschrieben und gedruckt, und immer wenn wir glaubten, nun sei es soweit, begann das Prozedere von vorn. Bis der Beamte uns unsere Pässe samt Ausreisekarte – ein unscheinbares Loseblättchen – wieder aushändigte, waren gefühlt noch einmal 15 Minuten vergangen.


Wer nach Russland reist, muss sich auf lange Wartezeiten vor und an der Passkontrolle einstellen.

→ Über die Einreisebestimmungen informiert u.a. die Website des Auswärtigen Amts.


Ueber AirBnB haben wir 2 Wohnungen in Moskau gemietet

Wohnen in Moskau

Um die 10köpfige Bagage unterzukriegen, hatten über AirBnB zwei Wohnungen gemietet. Die größere davon {6 Zimmer} lag zwischen Kreml und linkem Moskva-Ufer in Moskaus ältesten Stadtteil Arbat und zu unserer Freude direkt über dem französischen Bäckerei-Café PAUL {der kulinarisch geglückte Start in den Tag war uns damit sicher}. Das einstige Künstlerquartier ist für Moskauer Verhältnisse geradezu lieblich: Spätklassizistische Bauten säumen die, mit nur zwei Spuren, fast kleinen Straßen; begrünte Plätze, kleine Cafés und Läden laden zum Verweilen ein und selbst tagsüber kann man hier die eigenen Schritte hören. Ganz anders in der zweiten Unterkunft.

Die 3-Zimmer-Wohnung befand sich im 5. Stock eines Stalin-Gebäudes in der Twerskaja-Straße, direkt vis-à-vis des ehemaligen Generalgouverneurs-Palastes, in dem bis heute die Moskauer Stadtverwaltung residiert. Das Rathaus ist eines der wenigen Gebäude aus der Zeit des Zarenreichs (Baujahr: 1784), das unversehrt aus der radikalen Straßenumgestaltung unter Stalin hervorgegangen ist. Geprägt wird die zehnspurige {!} Flaniermeile vom berühmten Zuckerbäckerstil, mit der Diktator nicht nur der zaristischen, sondern auch der russischen Avantgarde-Architektur den Garaus machte.

Aus unserer Perspektive waren die Wohnungen weder überteuert noch luxuriös. Für die Mehrzahl der Moskauer/innen sind sie beides. Ihr durchschnittliches Monatseinkommen liegt bei 43.000 Rubel {rund 1.100 Euro}, was fast doppelt so hoch wie im Landesdurchschnittdoch die Monatsmiete für eine 1-Zimmer-Wohnung kostet 30.000 bis 100.000 Rubel, weshalb die meisten in den Plattenbausiedlungen am stetig wachsenden Stadtrand leben – zu viert auf 34qm.


In den Jahren 1915 bis 1935 entstanden in Russland eine Vielzahl avantgardistischer Bauten, die bis heute namhafte Architekt/innen aus aller Welt beeinflussen. 

Buchempfehlung: Baumeister der Revolution. Sowjetische Kunst und Architektur 1915−1935
FilmtippAWAY FROM ALL SUNS


Moskau als ästhetische Erfahrung

Moskau ist ein gigantisches futuristisches Gesamtkunstwerk, das einem die eigene Nichtigkeit stets vor Augen führt. Riesige Gebäudekolosse säumen die vielspurigen Straßen – zu den imposantesten zählen zweifelsfrei die „Sieben Schwestern„, die Stalin in seinen letzten Herrschaftsjahren erbauen ließ. Dagegen nehmen sich die Berliner Zuckerbäckerbauten geradezu niedlich aus.

Unzählige Autos rasen mit Höchstgeschwindigkeiten bis zu 80km/h durch die blitzblanke {!} Stadt und machen sich gegenseitig Konkurrenz: Wer ist der Größte, der Schnellste, der Schönste? Und tief unter all den Limousinen, SUVs und Geländewagen rattert im Minutentakt die Moskauer Untergrundbahn {teilweise bis zu 84 Meter tief}. Rund neun Millionen Fahrgäste transportiert sie täglich durch ihr weit gespanntes Netz und spukt sie an einer der 200 Stationen lärmend wieder aus. „The Sound of Moskow“ – eine ohrenbetäubende Maschinensinfonie, die nicht einmal nachts ein Pianoforte kennt.


„Mehr noch als alle Theater und Paläste wird die Metro unseren Geist anregen und erhellen.“ Lasar Kaganowitsch

Linktipp: David Burdeny hat eine Vielzahl Moskauer Metrostationen fotografiert.


Die Metro spielt nicht nur als Taktgeber eine bedeutende Rolle im Gesamtkunstwerk Moskau. Lasar Kaganowitsch, engster Vertrauter Stalins und als Volkskommissar für Transport für den U-Bahnbau verantwortlich, war überzeugt, dass sie mehr noch als alle Theater und Paläste den Geist anregen und erhellen würde. Und in der Tat kommt man beim Betreten der Moskauer Unterwelt kaum aus dem Staunen heraus.

Im Wettstreit um die weltweit beste U-Bahn ließ Stalin wahre Paläste erschaffen. ZEIT-Redakteurin Irene Helmes findet, dass man sie angesichts ihrer Opulenz eigentlich in Smoking und Abendkleid betreten müsste. Ganz so weit gehen die Moskauer/innen nicht, aber adrett und schick ist hier so gut wie jede/r.

Moskauer Metro


Unterwegs in Moskau

Moskau hat viel zu bieten. Hätten wir es gewollt, wir hätten für jeden Tag ein dichtes Programm stricken können. Doch nicht zuletzt der Kinder wegen verzichteten wir darauf und ließen uns, so gut das eben in einer 12-Millionen-Stadt geht, einfach treiben. Meist zu Fuß, hie und da mit dem ÖPNV. Gesehen haben wir auch so erstaunlich viel – und vermutlich ungleich entspannter als mit fixer Agenda:

Must-seen

  • Der Rote Platz ist natürlich ein Muss. Da er genau zwischen unseren Wohnungen lag, überquerten wir ihn fast täglich. Leider fand gerade ein internationales Militärmusikfestival statt, so dass wir ihn nicht in seiner ganzen Pracht bestaunen konnten.
  • Den Kreml mit seinen Kirchen und das Lenin-Mausoleum besuchten wir spontan am dritten Tag – die Schlange war gerade mal kurz. Leider erfassten die Kinder den Ernst der Lage nicht ganz und wurden gleich mehrmals vom Wachpersonal angepfiffen {buchstäblich mit Trillerpfeife} – sie hatten sich nicht strikt an die Wegmarkierung gehalten. Es blieb zum Glück unsere einzige Nahbegegnung mit der russischen Staatsmacht.
  • Das Warenhaus GUM wurde in den Jahren 1890 bis 1893 nach einem Entwurf des Architekten Alexander Pomeranzew erbaut. Das imposante neoklassizistische Gebäude war seinerzeit das größte Warenhaus Europas. Heute ist es immer noch groß und beherbergt auf seinen drei Etagen rund 200 Ladenlokale, die sich eher an eine zahlungskräftige Kundschaft richten.
  • Den Feinkostladen Jelissejew in der Twerskaja-Straße 14 sollte man auch nicht verpassen. Mit seiner prunkvollen, barocken Innenausstattung ist das edelste Feinkostgeschäft, das ich jemals betreten habe.

Erholung

  • Es grenzt beinah an Unmöglichkeit, in Moskau einen Ort der Stille zu finden. Wir haben ihn mit einheimischer Hilfe gefunden: das Nowodewitschi-Kloster {dt.: Neujungfrauenkloster}. Das prächtige Wehrkloster an der Moskva-Biegung wurde 1524 als Frauenkloster gegründet und war über Jahrhunderte der mehr oder weniger freiwillige Rückzugsort russischer Adelsfrauen. Seit 2004 zählt es zum UNESCO-Weltkulturerbe. Um 17 Uhr beginnt die Abendmesse, die sich für mich vor allem in ihrer Weltabgewandtheit unterschied.
  • Im Gorki-Park machten wir einmal Verschnaufpause. Während die Kinder Karussell fuhren, genossen wir die relative Ruhe. Eigentlich wollten wir anschließend zeitgenössische Kunst in der Garage genießen, doch irgendwie war uns die Puste ausgegangen und so ließen wir uns lieber mit dem Boot über die Moskva schippern. Der Kunstgenuss sollte jedoch nicht zu kurz kommen.

Kunst & Kultur

  • Einen halben Tag verbrachten wir in der Trejakow-Galerie, die mit rund 140.000 Werken neben der St. Petersburger Eremitage eine der größten und berühmtesten Kunstsammlungen Russlands ist. Allein im alten Teil, der russische Kunst und Grafik aus dem 11. bis 19. Jahrhundert beherbergt, hätte man Tage verbringen können und noch einmal zwei Wochen im Neuen Teil. Meine Empfehlung: Die Malerei des 19. Jahrhunderts in der alten und die Werke der russischen Avantgarde in der neuen Galerie.
  • Zeitgenössische russische {Hipster-}Kunst und Kultur findet man auf verschiedenen alten Fabrikengeländen, wie den Kulturzentren Winzavod, Redok oder Artplay.
  • Unbedingt empfehlenswert ist auch ein Spaziergang rund um Patriarchenteiche unweit der Twerskaja-Straße. Mit seinen kleineren Straßen und Läden und den neoklassizistischen Bauten erinnert das Quartier ein wenig an Paris. Vor allem aber befindet man sich hier unmittelbar am Schauplatz von Michail Bulgakows großartigem Roman „Der Meister und Margarita„.

Highlights

Moskau von der Mercedes Bar


Essen in Moskau

Was das Essen anbelangt, so wurde ich enttäuscht. Ich hatte mich auf eine kulinarische Wüste eingestellt. Das Gegenteil war der Fall. Egal wo der Zufall uns hinführte, ob georgisch, indisch oder russisch – das Essen war ausgezeichnet: frische Zutaten, sorgsame Zubereitung, gekonnte Kombinationen und dabei nicht einmal teuer. Für 10 Personen samt mehrerer Flaschen Wasser und Wein kamen wir selten über 10.000 Rubel {140 Euro}.

Was das Essen anbelangt, so hat mich Moskau ich enttäuscht: Ich hatte mich auf eine kulinarische Wüste eingestellt. Das Gegenteil war der Fall. 


Besonders empfehlen kann ich zwei Restaurants:

  • Das sogenannte Form-to-Table-Restaurant LavkaLavka unweit des Bolschoi-Theaters versteht sich als Vertreter der „Neuen Russischen Küche“. Es zeichnet sich durch Zutaten aus regionaler ökologischer Landwirtschaft, eine sorgsame Zubereitung und ungewöhnliche Gerichte aus. Unter dem Motto „Food is more than Eating“ interpretieren seine Macher/innen die russische Kochtradition des 18. Jahrhunderts neu. Ein weiterer Pluspunkt: das riesige Spielzimmer, das ein entspanntes Essen mit Kindern garantiert.
  • Im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus der Wohnungsknappheit das Modell der sogenannten Gemeinschaftswohnung {Kammunalka}. Das heißt, mehrere Personen oder auch Familien teilen sich eine Wohnung. Dabei bewohnt jede Partei ein oder mehrere Zimmer exklusiv; Bad und Küche werden gemeinsam genutzt. An diese Wohnform knüpft das Restaurant Mari Vanna in der Nähe der Patriachenteiche an. In den üppig dekorierten Esszimmern im Stil der 1940er Jahre wird klassische russische Küche serviert: von Bliny und Borschtsch über Chatschapuri bis Soljanka. Früher – so wird sich erzählt – konnte hier nur speisen, wer einen eigenen Schlüssel besaß. Heute hat gibt sogar eine Zweigstelle in New York.
Restaurant Mari Vanna
Restaurant Mari Vanna

Moskau – Zwischen Unverständnis, Faszination und Unbehagen

Wie war Moskau? Das wurde ich nach unserer Rückkehr immer wieder gefragt und nach wie vor habe ich keine eindeutige Antwort. Die Stadt macht es einem nicht leicht, sie zu mögen. ZEIT-Korrespondentin Alice Bota bringt es auf den Punkt: „Rom umarmt den Eintreffenden, Paris bezirzt ihn, Berlin mustert ihn gelangweilt – Moskau aber schlägt dem Gast ins Gesicht.“


„Rom umarmt den Eintreffenden, Paris bezirzt ihn, Berlin mustert ihn gelangweilt – Moskau aber schlägt dem Gast ins Gesicht.“ Alice Bota


Fünf Tage reichen kaum aus, um tiefer hinter die unwirtliche Fassade dieser Stadt zu blicken und ihre zarten Seiten aufzuspüren, die es zweifelsfrei gibt – so wie die Warmherzigkeit, die hinter den reglosen Gesichtern der Moskauer/innen sichtbar wird, sobald man mit ihnen in Kontakt kommt: mit der Frau am Metro-Schalter beispielsweise, die uns wohlwollend Papier und Stift über den Tresen schob, damit wir unsere hilflosen pantomimischen Verständigungsversuche untermalen konnten. Oder die Kellnerin aus der Mercedes Bar {deren Dress-Code wir komplett verfehlten}, die plötzlich auf mich zukam, um mir noch einen viel besseren Ort zum Fotografieren zu zeigen und mich nach ganz oben auf die Dachterrasse führte {was für ein Blick!}.

Ich bleibe mit einem Gefühl zurück, das irgendwo zwischen Unverständnis, Faszination und Unbehagen changiert und würde gerne besser verstehen, wie diese Stadt funktioniert, wie man in ihrer Unwirtlichkeit heimisch wird. Ob es mir wirklich gelänge? Ich bin mir dessen nicht sicher, denn Moskau fehlt etwas, für das ich Berlin so liebe: Vielfalt.

Es ist nicht allein die kulturelle Vielfalt, die ich vermisst habe, sondern auch die der Lebensstile. In Berlin reicht das Spektrum von Cyber-Punk und Lederszene über Öko-Hippie und graue Maus bis hin zum großen Gatsby. In Moskau stellt das Hipstertum das eine, das Luxusleben das andere erkennbare Extrem dar. Dazwischen gibt es scheinbar nur die unauffällig-angepasste Masse. Weder Punks habe ich gesehen noch andere Nonkonformist/innen und Homo- oder Transsexuelle erst recht nicht. Das heißt natürlich nicht, dass es sie nicht gibt, nur eben nicht sichtbar im öffentlichen Raum – und das behagt mir nicht recht.

Moskau von Oben


Die Datscha am Goldenen Ring. Oder: Ein flüchtiger Blick aufs ländliche Leben

Am fünften Tag verließen wir die Stadt und fuhren hinaus aufs Land. 150 Kilometer nordöstlich von Moskau am Goldenen Ring sollte die Taufe stattfinden. Unsere Unterkunft lag in einer kleinen Feriensiedlung nahe Pereslawl-Salesski. Die 40.000-Einwohnerstadt am südöstlichen Ufer des Pleschtschejewo-Sees ist eine der ältesten und besterhaltenen Städte Zentralrusslands. Zu ihren Hauptsehenswürdigkeiten zählen die Reste des ehemaligen Kreml, darunter die Verklärungskathedrale sowie zahlreiche Klöster und Kirchen. Ihre vergoldeten Kuppeln leuchten schon von Weither über die russische Tundra.

Viel Zeit für Erkundungen blieb uns nicht, so dass ich nicht mehr als einen oberflächigen Eindruck vom russischen Kleinstadt- und Landleben mitnehmen konnte. Ein bescheidenes, ärmliches Leben scheint es zu sein – von der Hand in den Mund bzw. vom Garten auf den Teller. Auffällig war, dass auf den Gesichtern der Menschen – ganz anders als in Moskau – so eine Freundlichkeit lag, als würde das Landleben milder stimmen. Aber das ist reine Spekulation, der ich bei meinem nächsten Besuch nachgehen werde.

Merken

Als ich durch diese gottvergessene NPD-plakatierte Plattenbausiedlung ging, … als ich mit Sack und Pack und Kind und Kegel den liftfreien Bahnhof erklomm, … als mir die mütterliche Frustration wie schlechter Atem entgegenschlug, … als ich mit zwei fröhlichen Kindern im weißhäutigen Seniorenbad aufschlug, … als ich über die Transgender-Frau las, die in der CSU Fuß fassen will, … da wusste ich wieder, welch verdammtes Scheissglück ich habe.

In meiner Kindheit herrschte vielleicht die Depression, nie aber Resignation: Man glaubte an das Wunder der Bildung. Treppen sind für mich kein Hindernis, Sprachbarrieren eine Urlaubsbekanntschaft und taube Ohren eine Trotzreaktion. Die Mutterrolle war für mich nie eine Endstation. Meine Haut ist geografisch korrekt pigmentiert. Mit der Weiblichkeit konnt‘ ich mich arrangieren; in meinem Körper ein leidliches Zuhause finden. Ein Glückskind bin ich. Andere nicht. Das ist nicht fair. Drum möcht‘ ich die Schwelle zum Glück bis unter den Meeresspiegel senken – auf dass es alle Leben flute. #barrierefreiesglück

In diesem Sinne: ein glückliches Wochenende und die obligatorische Liste – heute mit einem kräftigen Schuss Moskau {als kleiner Vorgeschmack}.

Moskau auf dem Dach des Royal Raddisson


Ostsee, Schwedenrot, Usedom, Reisen, Ferienhaus

Es sich einfach mal gut gehen lassen? Das will in diesem Jahr nicht recht gelingen. Angesichts von Tod und Terror wirkt jedes Vergnügen mindestens borniert, wenn nicht maximal ignorant. Das Gewissen ist gnadenloser denn je. Schon beim geringsten Versuch, mich den täglichen Katastrophenmeldungen genussvoll zu entziehen, hebt es zur Mahnung an: „Wie kannst du nur? Wie kannst du nur?“

„Ich kann. Ich will. Ich muss“, entgegnet mein Gefühl. Es ist von all der Aufregung noch ganz verwirrt und so erschöpft. Also fass ich mir ein Herz, trotze der wahnwitzigen Wirklichkeit und lass mich in den Sommer fallen – nicht ohne die obligatorische, aber ungewöhnlich leichte Liste.

Tessin, Schweiz, magie, verzasca
M i MA wacht langsam auf, räkelt sich noch traumverhangen, Bilder huschen über die Lider. Ein letztes fang ich auf: ein Erinnerungsbild aus dem vergangenen Jahr.

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Ich saß meinen Morgenkaffee trinkend vor dem noch stillen Haus und blickte in die Ferne. Nebel lag über den Hängen, und von Weitem hörte ich das donnernde Rauschen der Verzasca, diesem stolzem, grünen Fluss
Im Haus, das früher einmal Schafe, Hühner und anderes Vieh beherbergte, hatte es eine kleine Bibliothek. Dort fand ich das Buch über die „erotische Rebellin“, Franziska Gräfin zu Reventlow und verschlang nun ihr Leben zum Frühstück.

Das Tessin hatte schon immer eine magische Anziehungskraft auf ungewöhnliche Leute, und in diesem Moment glaubte ich zu verstehen. Dieser Ort ist ein Versprechen. Zwischen seinen engen – je nach Sonnenstand – tiefschattigen oder sonnendurchflutenden Tälern und den kastanienbewachsenen Hängen scheint das Unmögliche möglich. 

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Was M i MA noch so im Schlaf erlebte und sah? Unter anderem dies mit herzlichen Grüßen! 

„Freiheit, so zeigt sich, ist das Gefühl der Menschen,
dass sie ihr Leben im Griff haben,
und das heißt: nicht vor der Komplexität kapitulieren.
Nicht vor der Last der Entscheidungen einknicken.
Sondern eine Liste machen,
immer wieder neu.“

Eine neue Liste, eine Inventur der KW6, das habe ich gemacht. Bilanz: heiter bis glücklich – und genau so soll das Wochenende sein. In diesem Sinne: A L L E S   G U T E !

„Die rissigen Fassaden der Hinterhäuser sind mit roten Schriften überzogen, an einer kahlen Mauer schreit der Satz: Wir wollen als Menschen leben!“ Er könnte so oder so ähnlich auch heute irgendwo in Berlin stehen. Tatsächlich stand er 1933 auf einer Mauer in Meyers Hof in der Ackerstraße 132 in Berlin-Wedding. Eine typische Mietskaserne aus der Gründerzeit, mit der auf Kosten der Bewohner/innen spekuliert wurde, bis diesen buchstäblich der Kragen platzte. Quelle

Das ist lange her. Doch die Situation wiederholt sich in scheinbar regelmäßigen Abständen: Rund 50 Jahre später, Ende der 1970er Jahre, stehen hunderte Wohnhäuser in West-Berlin leer. Grund: Spekulation. Nach der Wiedervereinigung gilt Berlin lange Zeit als Mieterparadies – für wenig Geld bekommt man hier viel Raum. Doch spätestens seit 2013 ist die Wohnungsfrage wieder virulent – und angesichts der Zufluchtsuchenden wird bzw. ist sie es noch mal mehr.

Wohnungsknappheit trotz Bau-Boom, heißt es im Juni 2015 im Berliner Tagesspiegel, und wenige Monate später: Vermieter warnen vor Wohnungsnot in Berlin. Am 1. Februar diesen Jahres titelt der tipBezahlbarer Wohnraum ist knapp. Was ist eigentlich los, am Wohnungsmarkt? Und muss das so sein? Diese Fragen haben sich auch Hiroko Tanahashi und Max Schumacher gestellt, die beiden Köpfe hinter dem post theater. Mit ihrer neuen Produktion haben sie das Thema nun erstmals auf die Theaterbühne gebracht: 

HOUSE OF HOPE – Ein Theaterabend über Wohnutopien 
Weltpremiere am 3. März 16 um 20.00 Uhr 
Berlin-Premiere am 9. März 16 um 20.00 Uhr 
Zur Premiere schaffe ich es leider nicht, aber am 12. März werde ich im Theaterdiscounter sein und mich freuen, die ein oder den anderen von euch zu treffen. Zur Einstimmung habe ich schon mal mit Max Schumacher über die Motivation und Herangehensweise, über Wünsche, Visionen und Hoffnungen des 1999 in New York gegründeten und seit 2002 in Berlin und Stuttgart ansässigen post theaters gesprochen.

Was gab den Anstoß für euer neuestes Projekt „House of Hope“?
Eine der ganz großen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Fragen – mit denen jedeR zu tun hat: JedeR wohnt irgendwie, irgendwo. Manche allerdings immer schlechter, oder immer teurer. Kaum etwas wurde in den letzten Jahren so stark teurer wie das Wohnen. Diese Verbindung aus privatem Rückzugsraum, Ruheort – und einem turbulenten, brutalen Markt finde ich spannend. Oder tragisch. Oder einfach faszinierend. Gleichzeitig gibt es auch viele Ideen, wie anders gewohnt werden kann. Aber die kommen in Deutschland kaum zum Zug.
Welche Menschen habt ihr nach ihren Erlebnissen, Meinungen und Wunschvorstellungen gefragt und welche (Zwischen-)Bilanz zur Wohnungsfrage könnt ihr (auf Basis dieses Materials) ziehen?


Wir haben mit Maklern, Mietern, Vertriebenen, Eigenheimkäufern, Architekten und Städtebau-Theoretikern geredet. Wir haben auch viel gelesen und Filme gesehen. In fast allen Medien gibt es eine Menge dazu – komischerweise im Theater aber fast gar nicht. Eine Zwischenbilanz können und wollen wir nicht ziehen. Es gibt alles gleichzeitig – tolle und fiese Vermieter, verbrecherische und sozial verantwortliche Immobilienunternehmen, egoistische und altruistische Hauptmieter…. Die Gleichzeitigkeit von allem ist Teil des Problems – und seiner Faszination.
Wie sieht das „House of Hope“ als Alternative zur aktuellen Wohn- und Wohnungslage aus?


Das House of Hope ist vor allem eine Speerspitze gegen die soziale Homogenisierung, die gerade stattfindet. Bezirke werden, wenn es so weitergeht, stärker nach Einkommen getrennt sein. Innenstädte werden nicht mehr offen sein für sozial Schwache. Im House of Hope soll die gesamte Stadtgesellschaft unter einem Dach abgebildet werden – in ihrer Heterogenität, ihrer Vielseitigkeit.
Worin besteht seine Radikalität?


Wir wollen doch nicht hier schon alle Ideen zu unserer Vision vorher preisgeben. Wir machen Theater, keine Parteiprogramme.

Martha Rosler, Times Square Spectacolor sign, New York, 1989 | Quelle: HKW
Wie wohnt ihr selbst?


Von den vier DarstellerInnen wohnen zwei zur Miete und zwei in der eigenen Wohnung. Wir haben aber alle in verschiedenen WGs, Wohnungsgrößen und -arten gewohnt. Wir alle wohnen in den Innenstadtbezirken. Keiner hat ein persönliches Problem mit der Situation. Noch nicht. 
Was hat euch bzw. das posttheater 2002 nach Berlin gezogen?


Das waren für Hiroko Tanahashi und mich, Max Schumacher, vor allem Probleme mit unserem Aufenthaltsstatus in New York. Und die hohen Mieten dort. Und damals sagten wir – wenn schon Europa, dann Kreuzberg.
Wie erlebt ihr die Wohnsituation in Berlin?
Sehr gespalten. Zwischen großen Ängsten und großer Zufriedenheit ist im Kollegen-, Bekannten-, Freundeskreis alles dabei. Ich finde es verrückt, wie viele Leute – junge Leute, Studierende – es heute völlig normal finden, enorme Mieten zu zahlen. Man darf es eben nicht mit den WGs der Mid-90er Jahre vergleichen.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Wohnens in Berlin und anderswo?
Sozialen Wohnungsbau, der unbefristet im kommunalen Besitz verbleibt – anstatt Immobilienfirmen aus Steuergeldern zu bezuschussen.
Mehr neue und originellere Konzepte, Wohnen und seine Bezahlung zu denken. Warum gibt es nur Mieten oder Kaufen von Wohnraum? Besser wäre: mehr Genossenschaften. Mehr flexible Konzepte von Wohnungen, die mitwachsen können – oder schrumpfen. Und eine bessere Stadtplanung, die es attraktiver macht, auch außerhalb von S-Bahnringen, der Innenstädte zu wohnen. Besseren öffentlichen Personennahverkehr und bessere Fahrradwege – dann würden auch andere Bezirke interessanter.

1:1-Model Urban Forest, 2015© Atelier Bow-Wow | Quelle: HKW

„W Z R G“. Das hat der Maler Otto Niemeyer-Holstein in großen Lettern auf seinen Kahn gepinselt. Man kommt kaum von allein darauf, wofür sie stehen: „Wunschlos. Zeitlos. Restlos. Glücklich.“ Das waren auch meine Tage am Meer.

So weit habe ich lange nicht mehr GESEHEN. Es tut den Augen so gut, die meist auf Nahsicht einGESTELLT sind. Wenn’s nicht die nächste Häuserwand ist, auf die sie treffen, ist es der Monitor. Oder manchmal auch ein Buch.

Apropos Buch: GELESEN habe ich noch in Salters Alles, was ist, das so nüchtern vom Leben, Sterben, Lieben und Scheitern erzählt, dass es beinah wehtut. Ab und an frage ich mich, wie es wohl aus der Feder und Perspektive einer Frau geschrieben wäre. Vielleicht ist das unmöglich, allein schon weil die Erfahrung des Kriegsdienstes „als biografische Bruchstelle“ fehlt.

GEHÖRT habe ich unter anderem SILFRA von Hilary Hahn und Hauschka. Ein wunderbares Album, aufgenommen auf Island, dort wo Europa und Amerika aufeinander treffen. Man kann die Magie des Ortes hören. Besonders GEFÄLLT mir das Stück Krakow. Außerdem Yo La Tenga wiederGEFUNDEN und mit Mann und Ma. zu Friday I’m in Love GETANZT.

Viele Wanderungen habe ich GEMACHT. Allein und zu dritt. Am Strand, an der Steilküste und am Achterwasser entlang. Bis zum Lüttenort und weiter nach Koserow. In Udos Fischräucherei Matjesbrötchen GEGESSEN. Als Wegzehrung und weil man’s einfach muss, wenn man hier ist.

Zwischendurch, weil ich mich auch hier nicht dem Weltgeschehen entziehen kann, GEHOFFT, dass sich alle vergegenwärtigen, wofür die neuen Rechten stehen und was auf dem Spiel steht, wenn sie ihnen ihre Stimme geben.

GESCHMUNZELT habe ich über Pippi Langstrumpf. Was sie über die Schule in Argentinien erzählt, ist einfach großartig: „Da fangen die Osterferien drei Tage nach den Weihnachtsferien an, und wenn die Osterferien zu Ende sind, dauert es drei Tage, und dann fangen die Sommerferien an. Die Sommerferien hören am 01. November auf, und dann muss man sich natürlich ordentlich abrackern, bis am 11. November die Weihnachtsferien anfangen. Aber das muss man aushalten. Jedenfalls hat man keine Schularbeiten… .“

Dass die Winterferien noch ein wenig länger wären, das habe nicht nur ich mir GEWÜNSCHT. Aber am Sonntag machen wir Flohmarkt und das wird {hoffentlich} noch ein großer Spaß. Vielleicht wollt ihr mal vorbeischauen? Wir sind hier.

GEKLICKT habe ich immer wieder zu Rike, weil mir ihre Scherenschnitte so ausnehmend gut gefallen.

Soviel für heute und die vergangene Woche. Habt’s gut!