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Begegnet bin ich dem Anwalt und Winzer Horst Hummel im Dezember 2012. Der Zufall führte mich zu einem vorweihnachtlichen Abendessen mit ihm. Seither treffe ich seine Weine mit der so schönen wie unvergesslichen Hummel regelmäßig wieder (bevorzugt an literarischen Orten). Dass er heute zu Gast bei mir ist, ist wieder dem Zufall zu verdanken.

Logo Weingut Hummel

Kürzlich las ein (mich) ziemlich erschütterndes Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über die Rechtsentwicklung in Ungarn, und just am selben Tag (es war der 20. Februar) erhielt ich den Newsletter des Weinguts Hummel. Da erinnerte mich, dass Horst Hummel seinen Wein in Ungarn anbaut und »Land und Leute« recht gut kennt. Warum nicht ihn nach seinen Eindrücken und Erfahrungen fragen – und gleich nach all dem, was ich 2012 nicht zu fragen wagte? Zum Beispiel warum er Ungarn als Weinanbaugebiet gewählt hat und was er an diesem (mir bisher unbekannten) Land so mag. Wie er, der Anwalt für Urheberrecht (unter anderem), eigentlich zum Weinbau gekommen sei und worauf es in den beiden Metiers ankomme. Um all das und noch ein wenig mehr geht es im heutigen Montagsinterview, mit dem ich einen anregenden Start in die neue Woche wünsche.

Danke, lieber Horst, für das anregende Gespräch.

Horst Hummel im Keller seines Weinguts

1998 hast du dein Weingut Hummel in Villány/Ungarn gegründet. Wie kam es dazu?

Es war wohl eine Mischung aus Neigung, Gelegenheit und Notwendigkeit. Ich habe mit Anfang 20 begonnen, mich mit Wein zu beschäftigen, bin nach Burgund gereist und war fasziniert von der Schönheit der Weine. Dann bin ich im Laufe der Jahre in Weingebiete auf der ganzen Welt gereist, habe verkostet, mit Winzern geredet und über Wein gelesen. So hat sich ein Verständnis von Wein gebildet und irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich gerne selbst Wein produzieren würde, wusste aber nicht wo. Dann kam die Wende und Ungarn näher – wohl nicht zuletzt, weil ich aus einer donauschwäbischen Familie aus der Vojvodina stamme, wo mein Urgroßvater bis 1945 Winzer war.

1997 reiste ich in das Dorf, aus dem meine Familie stammt und fuhr auf dem Rückweg nach Ungarn, um mich wegen des Weins umzusehen. Beim Verkosten wurde mir ein Weinberg zum Kauf angeboten, den ich zwar nicht kaufte, aber Ungarn als Standort ernsthaft in Erwägung zog. Ich recherchierte, wo der beste Rotwein in Ungarn herkommt und fand Villány. Der Ort beeindruckte mich in mehrfacher Hinsicht und so gründete ich dort 1998 mein Weingut.

Von Hause aus bist du Jurist und als Rechtsanwalt in Berlin tätig. Juristerei und Winzerei – das scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Welten zu sein. Wo siehst du die Schnittmenge?

Ich sehe keine – und das könnte genau der Grund dafür sein, dass es so viele Rechtsanwälte unter den Quereinsteigern im Weinbau gibt.

Was macht einen guten Rechtsanwalt, was einen guten Winzer aus?

»Der französische Begriff Terroir erfasst alle natürlichen Voraussetzungen, die die Biologie des Weinstocks und demzufolge die Zusammen-setzung der Traube beeinflussen […]: Klima, Boden und Landschaft, [… ] Nacht- und Tages-Temperaturen, Niederschlags-Verteilung, Sonnenschein-Stunden, Hangneigung und Boden-Durchlässigkeit … . Alle diese Faktoren reagieren miteinander und bilden in jedem einzelnen Teil eines Weinbaugebietes das, was der französische Winzer Terroir nennt.« Bruno Prats

Ein guter Rechtsanwalt braucht abgesehen von der immer notwendigen guten Fachkenntnis in seinen Tätigkeitsbereichen, eine gute Auffassungsgabe, Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen, Intuition, Sprachbegabung und Mut.

Einen guten Winzer macht das Verständnis seines Terroirs aus: Er muss verstehen, welche Rebsorten für seine Weinberge ideal sind und warum. Dazu muss er wissen, was ein guter Wein ist und er braucht ein Händchen sowie die Möglichkeiten dafür, seinen Weinbergen und seinen Reben alles das zu geben, was sie von ihm brauchen, aber nicht mehr. Außerdem braucht er Phantasie: Er muss eine klare Vorstellung davon haben, zu welcher Art Wein seine Trauben stilistisch werden sollen. Dann er ihnen dabei helfen, dass sie ihren idealen Ausdruck finden – Jahrgang für Jahrgang, wobei es darauf ankommt, so wenig wie möglich zu intervenieren. Kurzum: Ein guter Winzer braucht Fachwissen, Auffassungsgabe, Einfühlungsvermögen, Intuition, Mut und einen guten Geschmack. Wenn er dazu noch Sprachkenntnisse hat, kann er seine Weine besser exportieren, denn Geld braucht er auch!

Laut Stuart Pigott hegst du eine große Faszination für Ungarn. Woher rührt diese und was genau fasziniert dich an diesem Land?

Meine Faszination für Ungarn beschränkte sich zunächst auf die ungarische Literatur, die ich schon las, bevor ich überhaupt daran dachte, in Ungarn Wein zu produzieren: Imre Kertész, Péter Nádas, Sándor Márai, Béla Hamvas, um nur einige zu nennen, sind Schriftsteller, deren Werke weit über Ungarn hinaus weisen und existentielle Bedeutung für Fragen habe, die die Menschheit und das Menschsein generell betreffen. Später kamen dann die Weine dazu.

Ungarn hat herausragende Terroirs für Weinbau, die, abgesehen von Tokaj vielleicht, in der übrigen Welt noch überwiegend unbekannt und unentdeckt sind. Es war faszinierend für mich, an der Wiederentdeckung und Wiedererweckung eines dieser großen Terroirs relativ früh nach der Wende beteiligt sein zu können. Und dann kommt wohl auch noch die Vertrautheit dazu, die ich von Anfang an mit dem Land und den Leuten empfunden habe, die vielleicht etwas mit der Geschichte meiner Familie zu tun hat, die als Donauschwaben 1792 nach Ungarn ausgewandert ist und bis 1947 in der Vojvodina, die heute zu Serbien gehört, gelebt hat. Jedenfalls habe ich mich mit Villány von Anfang an auf eine Art vertraut gefühlt, die mich selbst überrascht hat und die, denke ich, viel mit den Villányern zu tun hat, die mich in ihrer Art so sehr an meine Großeltern erinnert haben, mit denen ich zusammen in unserem Haus in Reutlingen aufgewachsen bin und zu denen ich ein sehr enges und gutes Verhältnis hatte.


»Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land die tiefe Verunsicherung und aufkeimende Xenophobie mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde.«


Du kennst Ungarn nun seit vielen Jahren. Wie hat sich das Land in dieser Zeit in deinen Augen verändert?

Die größten Veränderungen sind sicher die politischen. Als ich 1997 zum ersten Mal nach Villány kam, war das 9 Jahre nach der Wende und Ungarn schien mir auf dem Weg in eine prosperierende Zukunft zu sein. Das hatte viel mit der Literatur zu tun, die ich gelesen hatte und weiter las. Diese Literatur hat eine Kraft und Bedeutung, die mich denken lies, dass das auch für die Entwicklung des Landes in einem freien Europa gelten würde. Natürlich habe ich auch damals schon Symptome von Verunsicherung, Xenophobie usw. wahrgenommen. Aber die gab es anderswo auch, auch in Deutschland. Für mich waren das Kinderkrankheiten, die etwas mit der Geschichte des Landes zu tun hatten, wie man sie auch in den neuen Bundesländern (aber nicht nur dort) vorfindet.

Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land das mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde. Im Laufe der Zeit schlug das Pendel dann immer mehr in Richtung Paternalismus aus. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Entwicklung im Land, die sich oft im Verborgenen abspielt. Dazu trägt auch die große Zahl an Ungarn bei, die inzwischen überwiegend im europäischen Ausland leben und dort ganz andere Erfahrungen machen, als zu Hause und die diese Erfahrungen auch wieder in die ungarische Kultur und Lebenswirklichkeit einspeisen, direkt und indirekt.

Das Weingut Hummel in Ungarn

Laut der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky ist Ungarn von einem tief verankerten rechtsesoterisch-völkischen Nationalismus geprägt, in dem die Ideen von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde vielfach auf Ablehnung stießen.* Machst du diese Erfahrung auch? Wenn ja, wie erklärst du es dir?

Tatsache ist, dass es in Ungarn solche Strömungen gibt. Wie weit sie verbreitet sind, kann ich nicht sagen. In meinem Alltag in Villány spielen sie keine Rolle. Nationalismus, egal in welcher Ausprägung, ist in meinen Augen immer ein Symptom von Identitätsproblemen. Die Menschen, die im Nationalismus etwas suchen und finden, antworten damit auf Identitätsprobleme, die sich in ihrer Persönlichkeit angereichert haben. Die Ursachen dafür finden sich m.E. immer in der Geschichte der Länder und Menschen. Und wenn man sich die ungarische Geschichte anschaut, gab und gibt es genügend Anlass, darauf mit Identitätsproblemen zu antworten – natürlich nicht nur in der ungarischen. Die eigentlichen Probleme entstehen, wenn die Identitätsprobleme nicht als solche erkannt und verstanden werden.

*Quelle: Nationalismus in Ungarn – Orbán sieht sich als spiritueller Führer; Interview von Alex Rühle mit Magdalena Marsovszky; Süddeutsche Zeitung vom 20.02.2017

Kommen wir auf deine Weine zu sprechen. Welche hast du im Sortiment und was zeichnet sie aus?

Ich habe im Moment gut 25 Weine auf der Liste. Jeder ist natürlich anders, aber auf Verkostungen bekomme ich oft die Rückmeldung, dass alle Weine etwas Gemeinsames haben, eine ähnliche Stilistik. Darüber freue ich mich. Ich denke, das hat etwas damit zu tun, wie wir im Weinberg und im Keller arbeiten und das wir damit das Terroir, also die Herkunft der Trauben, zum Ausdruck bringen.

Alle meine Weine sind spontan vergoren, und wir betreiben seit 2008 biologische Landwirtschaft. Wir intervenieren im Weinberg und Keller so wenig wie möglich, düngen nicht und machen wenig Bodenarbeit. Außer ein wenig Schwefel bekommen unsere Weine nichts hinzugefügt. Das führt zu einer eigenständigen Ästhetik und einem eigenen Stil, den die Leute erkennen. Dieser Ausdruck des Terroirs ist es auch, was ich anstrebe. Wenn alles gut läuft, ist er immer schön. Und man kann ihn nicht kopieren. Das ist Identität im Wein.

Welchen deiner Weine empfiehlst du für einen geselligen Abend mit Freunden bei Laugenbrezel und Weltanalyse.

Ich würde mit einem Sekt beginnen, zum Beispiel mit dem PRYXX Brut Nature 2012, dann mit dem Hárslevelü 2015 weitermachen und über den Hárslevelü GÓRÉ 2015 (ein ungeschwefelter, maischevergorener Orangewein) zu den Roten übergehen: JAMMERTHAL 2013, SPATZ 2013, PANTERRA 2012.

Wenn man dann noch Brezeln hat und Durst, kann man anfangen, sich mit der Trilogie der Grundbefindlichkeiten zu beschäftigen: VERZWEIFLUNG 2009, GELASSENHEIT 2012, GLÜCKSELIGKEIT 2013.

Weine vom Weingut Hummel

Bildnachweise: Alle Fotos (mit Ausnahme des Beitragsbilds) von Juha Pekka Laakio Oy, Andrea Sunder-PlassmannWolfgang Deimling (Flaschenfoto), Daniel Deimling Horst Hummel via Weingut Hummel.

Madeleine textet. Fine zeichnet. Aus Text und Zeichnung werden Möglichkeitsräume, aus Madeleine und Fine werden Matrosenhunde. Die Matrosenhunde haben ihren Hauptsitz in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, ein Ort, der für manche Menschen eine No-go-Area ist. Fine und Madeleine texten und zeichnen hier u.a. für Verlage und Theater. Ich mag ihre Arbeiten sehr; sie haben eine ganz eigene Ironie. Sie ist gleichzeitig heiter und traurig, leicht und schwer. Der Verleger Robert Eberhardt spricht von »Poesie und Zweideutigkeit« und findet, es sei ein großes Glück, wenn das eigene Dasein wie die Kunst der Matrosenhunde davon durchzogen wäre. Dem kann ich nur zustimmen – und mich freuen, dass die Zwei heute zu Gast bei mir sind.

In unserem Gespräch geht es unter anderem um die »unbeobachteten Kippstellen im Leben«, die Lust am Wandel und den passenden Umschlag zum aktuellen Weltgeschehen. Vielen Dank, liebe Fine und Madeleine, für das inspirierende Gespräch, mit dem ich allen einen glücklichen Start in die KW 10 wünsche.


»Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen.« Madeleine


Als Matrosenhunde fokussiert ihr den Zwischenraum von Bild und Text. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Als Grafikerin und Zeichnerin hab ich mir immer ein Gegenüber gewünscht, mit dem ich kommunizieren und Gedanken größer spinnen kann. Wir reden ja, während Madeleine textet und ich zeichne, nicht über unsere jeweiligen Beweggründe – und dann entsteht durch die Verknüpfung unsere Ausdrucksformen etwas Neues, Eigenes. Ich finde das elektrisierend.

Euer Studio ist mitten in Neukölln. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Es ist schon manchmal hart, gerade in der Sonnenallee – hier prallen Welten aufeinander: auf der einen Seite die gewachsene Armut und auf der anderen Seite die jungen, enthusiastischen Kreativen, die versuchen, eine schönere, bessere Welt zu schaffen. Oft mithilfe von öffentlichen Geldern oder Zuschüssen. Das Neuköllner Jobcenter hat den größten Bereich für Selbstständige in ganz Berlin. Gleichzeitig werden überall die (Gewerbe-)Mieten teurer, ohne dass irgendetwas für den Stadtteil getan wird. Das schürt gegenseitige Ablehnung. Gerade erst habe ich eine ehemalige Kommilitonin getroffen und mich über den Kasper gefreut, den sie am Böhmischen Platz ans Puppentheater gemalt hat. Nächste Woche wird der überstrichen, weil er nicht zum schicken neuen Rixdorfer Image passt.

Madeleine: Was unser Studio konkret angeht, sind wir gar nicht an eine bestimmte Umgebung gebunden, wir hatten auch schon Arbeitsorte in einem Plattenbau auf der Prenzlauer Promenade, in einer umgenutzten Kohleofenwohnung im Winskiez oder »on the road«. Eigentlich brauchen wir nur einen Tisch und ein bisschen Platz zum Denken. Neukölln ist da eine Reibungsfläche, die nicht für jeden geeignet ist. Ich persönlich brauche oft Rückzug und Ruhe, daher mag ich das Tempelhofer Feld sehr. Das Nebeneinanderexistieren unterschiedlichster Lebensentwürfe ist hier in Neukölln schon sehr beeindruckend. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob dieses Nebeneinander auch irgendwann zum Miteinander wird, oder eher doch parallel bleibt.

Was sind die »unbeobachteten Kippstellen des Lebens zwischen Tür und Angel«? 

Madeleine: Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen. Beim Aus-dem-Zugfenster-gucken oder an der roten Ampel. Im Vorübergehen, im nicht definierten Zwischenraum. Diese Orte aufzuspüren, ist mir ein großes Anliegen. Genau hinzusehen und leise zu beobachten, wann etwas passiert. Denn Anfang, Mitte und Ende einer Geschichte obliegen auch immer demjenigen, der sie erzählt.

Fine du bist in Berlin aufgewachsen. Wie und wo? 

Ich komme aus Oberschöneweide, was zu Köpenick im Südosten Berlin gehört. Von damals habe ich wohl meine Liebe zur Industrie-Architektur. Zur Schule gegangen bin ich aber im bürgerlichen Friedrichshagen und in Oberspree. (Abitur habe ich übrigens in Schleswig-Holstein gemacht und kurz mal in Paris studiert. Ich musste aber immer so schnell wie möglich nach Berlin zurück.) Oberschöneweide hatte nach der Wende 30.000 Arbeitslose, das war schon heftig. Ich finde es schön, dass in den alten Fabrikhallen Ateliers entstanden sind, die FHTW mit ihren Studenten das Viertel neu belebt hat und viele Häuser renoviert wurden. Das war nötig. Aber auch hier muss achtsam mit den Bewohnern und ihren Möglichkeiten umgegangen werden. So ein Viertel, eine Stadt ist ja ein Makrokosmos, an dem sich ganz gut gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen.

»Ich will so gerne alle Menschen mitnehmen und für Veränderungen begeistern. Zusammen kann so viel Großartiges entstehen, was alleine und auf egoistische Beweggründe fokussiert nicht möglich ist.«

Wie und wann sind aus dir und Fine zwei Matrosenhunde geworden? Und woher rührt der Name? 

Madeleine: Fine und ich kannten uns schon über eine gemeinsame Freundin und vom Zeitgenössischen Tanzen, auch das war schon eine Art stillschweigende Kontaktimprovisation. Was dann kommt, ist Geschichte: Im Sommer 2009 besuchten wir bei 48 Stunden Neukölln gemeinsam die Ausstellung einer Weißensee-Kommilitonin von Fine. Ich glaube fest daran, dass wir beim Bordsteinkantenbier beschlossen haben, eine Art Briefwechsel in Text und Bild zu starten und zu gucken, was passiert. Fine schwört darauf, dass der Grundstein für unser kreatives Ping-Pong bei Schnaps auf einem Hausdach gelegt wurde. Man weiß also nichts Genaues.

Dann haben wir angefangen, täglich abwechselnd Zeichnungen und Sätze hin- und herzuschicken, die jeweils aufeinander geantwortet haben. Daraus entstand unser erstes Buch – handgebunden im selbst hergestellten Leinenumschlag mit Siebdruckprint. Es hieß, der Titel lief mir einfach so zu: »Matrosenhunde, Kapitänsfrauen und der weiß lackierte Zaun«. Anderthalb Jahre später wurden wir mit einem Projekt zum Springhouse-Symposium in Dresden eingeladen und fortan und für immer »Matrosenhunde« genannt.

Was waren jeweils eure liebsten Kommunikationsprojekte und warum?

Beide: Unser liebsten Projekte waren die, bei denen wir unseren angewärmten Platz verlassen und uns auf die Suche nach neuen, anderen Wirklichkeiten begeben haben. Das war das wunderbare Zusammensein mit anderen Künstlern im Rahmen einer Residenz im Springhouse Dresden, ein Frühlingsausflug nach Madrid, bei dem wir unsere Begegnungen in Fax-Sendungen verarbeitet haben oder ein Aufenthalt in Brandenburg, zwischen Seen, Wäldern und Rinderherden. Denn auf der Suche nach den Augenblicken, die den Alltag bedeutsam machen, ist es immer eine gute Idee, irgendwohin zu fahren. Vielleicht auch nur mit der gelben Straßenbahn zum nächsten Segelsteg.

Gute Gestaltung – was ist das für euch? 

Fine: Das kommt darauf an. Spontan würde ich sagen, gute Gestaltung macht etwas mit mir: berührt mich, oder bringt mich zum Nachdenken, stößt im besten Falle etwas an. Und dafür fühlen wir uns hinein und recherchieren unabhängig voneinander oft zu denselben Themen. Wir nennen das unseren »unfreiwilligen Buchklub«, weil wir oft dieselben Bücher lesen; wenn die eine von einem Zeitungsartikel berichtet, hat die andere ihn oft auch gelesen und vollendet den Satz. Zurück zur Frage: Gute Gestaltung bemerkt man daran, dass sie sich nicht aufdrängt, das Sujet steht im Vordergrund. Immer.

Madeleine: Gute Gestaltung drängt sich nicht auf, sondern gibt ihrem Motiv Raum. Das heißt nicht, dass gute Gestaltung immer hintergründig sein muss, es darf auch knallen. Nur sollte es einen Grund dafür geben, das Design sollte nicht einfach nur sein Objekt maskieren. Für mich funktioniert Gestaltung eher wie Bildhauerei: Sie gibt einem Ding seine Gestalt, arbeitet die Besonderheiten heraus und macht organisch ein großes Ganzes daraus.


»Das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.« Fine


Die aktuelle Weltlage macht mich bisweilen sprachlos. Welche Worte und Beschreibungen fallen dir dazu ein?

Madeleine: Oh, auch ich verliere oft die Fassung und Formulierung. Mir kommt das alles oft so surreal vor, denn die grausame Banalität des Zeitgeschehens, mit dem wir doch angesichts unserer historischen Bildung anders, besser, weiser umgehen sollten als Gesellschaft lässt mich oft ratlos zurück. Ich finde die meisten Geschehnisse im Grunde erschreckend simpel und frage mich, wie Angst und Misstrauen begegnet werden kann. Es ist aber auch sehr schön zu sehen, wie Menschen sich positiv positionieren, Besonnenheit zeigen, Haltung beziehen und Werte hochhalten. Eine offene, humanistische und demokratische Gesellschaft nicht nur zu beschwören, sondern auch im Kleinen zu leben, halte ich für den wichtigsten Weg, weg von Bedrohung und hilfloser Ohnmacht.

Stell dir vor, das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman. Wie würdest du den Buchumschlag gestalten und welches wäre das richtige Versatzpapier dafür? 

Fine: In der Verlagsbranche reden ja immer viele Stimmen mit und entscheiden, wie Cover und Innensatz aussehen müssen. Avantgardistisches Design durchzuboxen ist dort oft sehr schwierig. Da es ja ein hypothetisches Cover ist und keine Kostengrenzen vorgegeben wurden, würde ich eine ordentliche Materialschlacht veranstalten. Ohne, dass man es merkt selbstverständlich. Titel, Autor und Verlagslogo würde ich gar nicht farbig drucken, sondern blind prägen auf dicke recycelte Pappe, ein schönes grobes Material. Formatfüllend. Es soll ja alles lesbar sein. In den Weißraum dazwischen (und auch über ein paar Buchstaben drüber) würde ich filigrane Zeichnungen relevant zum Inhalt setzen. In Rot. Mit rotem Kapitalband und rotem Buchleinen über der offenen Fadenbindung. Als Vorsatz wünsche ich mir ein handgeschöpftes Gewebe-Papier: Bei Tageslicht ist es grau mit kupferroten Einschüssen, aber wenn ich meine Nachttischlampe anknipse schillert mir der Regenbogen entgegen. Kurz: ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.

Es gibt viele gute Gründe, seinen Lebensmittelpunkt nach Hamburg zu verlegen. Am meisten überzeugt mich Isabel Bogdans Begründung: »Weil es da so schön ist.« Sollte ich wieder einmal danach gefragt werden, warum ich {immer noch} in Berlin lebe, werde ich genau das erwidern. Entweder ist das Gespräch damit jäh beendet oder es wird genau jetzt interessant.

Die preisgekrönte Übersetzerin und Autorin, die mit ihrem ersten Roman »Der Pfau« direkt den großen Coup landete, bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Ihre Rezensent/innen sprechen von »subtilem Humor«, was sicher die korrekte Bezeichnung für das ist, was in mir wirkt, wenn ich ihre Texte lese. Die Wirkungskette ist immer ähnlich: Erst setzt der »Ja klar, ich weiß, wovon du sprichst«-Reflex ein, der sich sogleich in sein Gegenteil verkehrt: »Hä, was sagt die da?«. Darauf folgt ein Moment geistiger Leere, in dem ich mir sehr einfältig vorkomme, mein Hirn aber vermutlich Höchstleistungen vollbringt. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie es zu der anschließenden Reaktion kommt: plötzliche Erkenntnis gepaart mit mehr oder weniger stillvergnügter Heiterkeit – manchmal muss ich auch laut lachen, wie zum Beispiel bei ihren Antworten auf Google-Suchanfragen:

»eier gucken aus der hose
Ist ja auch bald Ostern.

wozu braucht man figurale intelligenz
Zum Einparken«

Im heutigen Montagsinterview mit Isabel Bogdan geht es unter anderem um die Kunst des Übersetzens, um den Unterschied von fiktivem und faktischem Schreiben und Kommunikation in virtuellen und »Kohlenstoffwelten«. Vielen Dank, liebe Isabel, für das heitere Gespräch mit dem ich allen einen stillvergnügten Start in die neue Woche wünsche.

Isabel Bogdan, Autorin „Der Pfau“, Kiepenheuer&Witsch ©Smil

Du arbeitest täglich mit und in der Sprache. Was ist Sprache für dich und wie ist dein Verhältnis zu ihr?

Sprache fasziniert mich nach wie vor. Was sie alles kann! Und was für Möglichkeiten für Missverständnisse sie bietet! Wahrscheinlich ist die Komplexität unserer Sprache das, was uns von den Tieren unterscheidet. Wir brauchen Sprache, um uns die Welt zu erklären, zum Denken. Und ich finde es auch spannend zuzusehen, wie sie sich verändert, wie sie immerzu im Fluss ist, und dauernd selbst abzuwägen, wo ich sprachbewahrerisch tätig sein möchte, und wo ich neu eingewanderte Gewohnheiten übernehme. Mit solchen kleinen Entscheidungen kann man in der Literatur unterschwellig viel rüberbringen, und das macht großen Spaß.

Gut übersetzte Romane sind ein großes Glück, das mir gottlob öfter widerfährt. Worin besteht die Kunst des literarischen Übersetzens?

Darüber könnte ich wahrscheinlich einen mehrstündigen Vortrag halten. Kurz gesagt: Die Kunst des literarischen Übersetzens besteht darin, nicht nur Wörter und Sätze zu übersetzen, sondern auch die unsichtbaren Beziehungen zwischen den Wörtern und Sätzen. Wenn man nur den Sinngehalt überträgt, ist ein Text tot. Für Literatur braucht es die Schwingung dazwischen, Rhythmus, Klang, Stilebene, eben das, was die Literatur etwa von juristischen oder technischen Texten unterscheidet. Und genau das macht für mich die Freude am Literaturübersetzen aus. Den richtigen Sound für jedes Buch zu finden.

Worin besteht für dich der größte Unterschied zwischen literarischem Übersetzen und literarischem Schreiben?

In der Angst vor dem leeren Blatt. In der tiefsitzenden Überzeugung, dass mir nichts einfällt. Beim Übersetzen hat man diese Angst nicht, da steht ja immer schon etwas. Dadurch sind beim Schreiben auch die Erfolgs- und Frustrationserlebnisse größer.


»Sprache fasziniert mich. Was sie alles kann! Und was für Möglichkeiten für Missverständnisse sie bietet!«


Du hast auch Sachbücher übersetzt und ein Buch übers »Sachen machen« geschrieben. Wie anders ist diese Art des Übersetzens und Schreibens im Vergleich zum Literarisch-Fiktiven?

Die Sachbücher, die ich übersetzt habe, waren zumeist erzählende Sachbücher, die also auch so etwas wie einen eigenen Ton hatten. Da lag der Unterschied oft vor allem darin, dass mehr zu recherchieren war. Beim Schreiben war es so, dass das Sachenmachenbuch sich fast von allein geschrieben hat, denn da habe ich Dinge unternommen und ausprobiert und hinterher aufgeschrieben, wie es war. Da hatte ich die Angst vor dem leeren Blatt nicht, denn ich wusste ja, was zu schreiben war. Einen Roman zu schreiben, war ganz anders, da ist man allein mit seinen Gedanken und seinem Worddokument und meint erstmal, man müsse aus dem Nichts schöpfen. Das muss man aber gar nicht! Man muss nur Vorhandenes neu zusammensetzen, aber bis ich das verstanden hatte, hat es lange gedauert. Und wirklich verinnerlicht habe ich es immer noch nicht.

Es heißt, Erfolg verändere. Dein erster Roman »Der Pfau« hat dich innert kürzester Zeit zu einer erfolgreichen Schriftstellerin gemacht, nachdem du schon preisgekrönte Übersetzerin warst. Wie haben deine Erfolge dich verändert?

Ich hoffe, gar nicht! Aber meinen Lebensrhythmus hat es erstmal verändert. Als Übersetzerin sitzt man im Wesentlichen zu Hause am Schreibtisch, und wenn man mit einem Buch fertig ist, macht man das nächste. Das hat eine Menge Vorteile, aber eigentlich bin ich zu kommunikativ für einen so einsamen Job.

Als Autorin war ich letztes Jahr sehr viel auf Lesereisen, ich hatte insgesamt 73 Veranstaltungen. Eigentlich müsste ich mal ausrechnen, wie viele Bahnkilometer ich gefahren bin und in wie vielen Betten ich geschlafen habe. Ich hatte plötzlich Publikum und habe lauter tolle Leute kennengelernt, das war schon sehr schön. Und anstrengend auch. Jetzt wird es wieder ruhiger, ich mache weniger Lesungen, übersetze wieder (Erzählungen von Jane Gardam), und danach schreibe ich hoffentlich den nächsten Roman. Der Alltag geht also langsam wieder back to normal. Ich selbst bin hoffentlich sowieso noch die Alte.

Nicht zuletzt als Bloggerin bist du viel in der Netzwelt unterwegs. Wie erlebst du die Sprache und den Umgang mit Sprache dort?

Ich bin im Netz offensichtlich in einer ziemlichen Ausnahmeblase unterwegs und kommuniziere mit tollen, eloquenten, witzigen, kreativen Leuten, aber das ist sicher nicht repräsentativ. Wenn ich aus Versehen mal auf Zeitungsseiten die Kommentare lese, was ich meiner Psychohygiene zuliebe normalerweise vermeide, dann wird’s mir angst und bange. Allerdings eher aus inhaltlichen als aus sprachlichen Gründen. Sprachliche Genauigkeit und Eloquenz sind nicht jedermanns Stärken, das hat aber erstmal nichts mit dem zu tun, was jemand sagt.


»Wenn alles von mehr Menschenfreundlichkeit durchdrungen wäre, wäre die Welt eine bessere.«


Wenn du einen Wunsch frei hättest, welche Sprach- und Kommunikationskultur würdest du im Internet etablieren? 2016 war für dich persönlich ein sehr gutes, weltpolitisch ein eher verstörendes Jahr. Was wünschst du dir für 2017?

Die Fragen beantworte ich mal zusammen. Ich wünsche mir, dass die Menschen freundlich zueinander sind, im Großen wie im Kleinen. Menschenfreundlichkeit und Empathie sind eine Lebenseinstellung, das hat mit Sprachgebrauch erst in zweiter Linie zu tun. Und es macht für mich auch keinen Unterschied, ob man im Internet oder draußen in der Kohlenstoffwelt kommuniziert – wenn alles von mehr Menschenfreundlichkeit durchdrungen wäre, wäre die Welt eine bessere. Vielleicht ist sie ja ansteckend, alle freundlichen und positiv gestimmten Menschen sollten darum dafür sorgen, dass sie präsent sind und dem Hass etwas Konstruktives entgegensetzen.

Fotos: Smilla Dankert

»Seit etwa zwei Jahren bin ich Nina«, erzählt sie, »davor war ich in meinen Dokumenten und nach außen ein Mann.« Innen war sie seit jeher eine Frau bzw. ein Mädchen, nur verstand das niemand. Die Sprache reichte einfach nicht hin, um die Fremdheit im eigenen Körper zu beschreiben. Transsexualität wurde gesellschaftlich lange als krankhaftes Außenseiterphänomen betrachtet, über das man lieber nicht sprach und spätestens seit Ludwig Wittgenstein weiß man, dass die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt sind. Das kleine Mädchen im Jungskörper bewegte sich mit ihren Gefühlen und Gedanken also außerhalb der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Welches Leid das bedeutet, kann ich nur erahnen.

Vor sieben Jahren vertraute sich Nina ihrer Frau an und beendete das Leben im falschen Körper. Wie der Weg zur »ganzen Frau« in einer christdemokratisch regierten Kleinstadt aussieht, was es für ihre Familie und Eltern bedeutet, dass der vermeintliche Ehemann, Vater und Sohn eine Frau {Papa} und Tochter ist, das und mehr erzählt Frau Papa im heutigen Montagsinterview, mit dem ich einen guten Start in die KW 8 wünsche.

1.000 Dank, liebe Nina, für das gute Gespräch!

 Wer ist Frau Papa und was macht dich aus?

Seit etwa zwei Jahren bin ich Nina, davor war ich in meinen Dokumenten und nach außen ein Mann. Für meine Kinder war und bin ich Papa. Für mich war dieses Wort immer sehr wichtig. Es ist mit so viel Liebe verbunden, dass ich es den Kindern niemals wegnehmen könnte. Meine Kinder nennen mich mal Nina, mal Papa.

»Frau Papa« ist entstanden, als eine Mutter im Kindergarten einen Begriff suchte und die künstlichen Mama, Mami, Mampa… Begriffe mir einfach zu aufgesetzt wirkten und ich sagte: »Ich bin eine Frau und ich bin Frederics Papa.« Seitdem bin ich für die meisten der Papa, für einige sogar die Papa meiner Kinder.

»Für einige bin ich die Papa meiner Kinder.«

Was mich ausmacht: eine gewisse Dickköpfigkeit – ja, wirklich. In den letzten Jahren habe ich sehr viele Hindernisse überwunden, die teilweise schon mein ganzes Leben in meinem Weg lagen und da war es erforderlich hartnäckig, zielstrebig und ein wenig dickköpfig zu sein. Ich habe geschafft, die Frau zu werden, die immer in mir steckte und nicht die Vorstellung anderer zu erfüllen.

Du lebst mit deiner Frau und euren vier Kindern in einer CDU-regierten Kleinstadt in NRW – nicht eben das Umfeld, das ich mir gegenüber einer Trans-Frau ganz offen und unvoreingenommen vorstelle. Aber vielleicht irre mich. Welche Erfahrungen machen du und deine Familie?

Ja, die Menschen hier in Ostwestfalen sind nicht gerade für ihre Weltoffenheit bekannt, aber die meisten sind besser als ihr Ruf. Als ich am Anfang meines Weges war und noch etwas unsicher, stieß ich auf mehr Ablehnung. Inzwischen bin ich ziemlich selbstbewusst und vor allem selbstsicher und trete entsprechend auf. Ich bin in der Elternpflegschaft der Schule und Mitglied im Schulelternrat der Stadt und dort spielt mein Transsein keine spürbare Rolle.

Die Kleinstadt hat den großen Vorteil, dass sich die Menschen in meinem Umfeld einfach auch an mein Anderssein gewöhnt haben, weil man sich jeden Tag über den Weg läuft.

Natürlich begegnen mir jeden Tag auch Leute, die mich schräg ansehen. Aber da ich inzwischen optisch kaum mehr als trans erkennbar bin, wird das immer weniger. Gelegentlich erschrecken die Menschen im Supermarkt, wenn meine Kinder mich Papa nennen und ich mit meiner tiefen Stimme antworte. Plötzlich zerbricht mein optisches Passing und die Menschen erkennen mich als Transfrau – ich lächle dann einfach und das entspannt die ganze Situation. Wirkliche Ablehnung erleben wir nur selten.

Als Jugendliche lehnte meinen vermeintlich unförmig-dicken Körper ab und versuchte ihn zurechtzuhungern. Welche Gefühle hast gegenüber deinem Körper? Und welches Körpergefühl wünscht du dir?

An guten Tagen bemerke ich meinen Körper nicht. Dann denke ich nicht darüber nach und lebe recht unbeschwert. An guten Tagen sehe ich, wenn ich das Bad verlasse, keinen Mann mehr im Spiegel.

»An guten Tagen bin ich einfach eine Frau.«

Aber an den anderen Tagen spüre ich jedes Haar meiner Körperbehaarung, da kratzt mein Bart bei jeder Bewegung und mein Make-up schafft nicht, den Kerl im Spiegel zu einer Frau zu verwandeln. An den nicht so guten Tagen, meide ich Spiegel und schaue nicht in Schaufenster. Dann steckt die Frau in einem Männerkörper fest, sie ist darin gefangen.

Das Verhältnis zu meinem Körper hat sich durch die Hormonbehandlung gebessert. Meine Körperbehaarung wächst dadurch etwas langsamer und vor allem habe ich andere Rundungen bekommen {nicht nur Brüste}. Es gibt immer noch einiges, das mich belastet… Einfach gesagt: Ich sehe nackt definitiv nicht wie eine Frau aus und mein Bartschatten belastet mich bei jedem Blick in den Spiegel… aber das sind Dinge, die ich ändern kann und daran arbeite ich gerade zielstrebig.

Der Vergleich mit der Magersucht ist sehr passend, denn ich weiß, dass ich meinen Körper nur zu einem gewissen Maß formen kann. Der Rest muss im Kopf stattfinden und dabei habe ich schon einige sehr große Schritte erreicht, wie mir die guten Tage zeigen. Ich bin auf dem besten Weg, meinen Körper nicht mehr zu hassen.

Du schreibst, dass du schon als Kind wusstest, dass du im falschen Körper steckst. Doch es hat viele Jahre gedauert, bis du dich entschieden hast, deinem Körper deinem Gefühl anzupassen. Wie waren diese Jahre, vor allem auch in der Pubertät, in der man ja ohnehin oftmals mit seinem Körper kollidiert?

Die Pubertät war für mich sehr schwer. Mein Körper entfernte sich immer weiter von dem, was ich als passend empfand. Allerdings fehlte mir die Möglichkeit, das zum Ausdruck zu bringen. Mein Umfeld kannte nur zwei Geschlechter und Transsexualität gab es nicht. Bereits mit 16 habe ich einer meiner engsten Freundinnen anvertraut, dass ich »eine Frau sein will«. Leider verstand mich niemand und ich fand keine Sprache, um es verständlich zu machen.

»Ich war für alle einfach ein sensibler Frauenversteher.«

Der Nebeneffekt war, dass ich mich für meine Gedanken und Wünsche zu hassen begann. Mehrere Male versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Wenn ich heute auf die tiefen Narben in meiner Psyche zurück blicke, die ich durch das Unterdrücken und Verdrängen meiner Weiblichkeit geschaffen habe, dann bereue ich, dass ich mich nicht früher geoutet habe. Aber ich weiß, dass es einfach nicht möglich war. Und vor allem, gäbe es dann meine Kinder nicht.

Deine Frau hat dich als »Mann« kennengelernt und geheiratet. Deine Kinder kannten dich als »Mann«. Und alle scheinen deine »äußerliche Verwandlung« – was ich nicht selbstverständlich finde – ganz selbstverständlich zu finden. Wie ist euch das gelungen?

Meine Veränderung passierte nicht von einen Tag auf den anderen. Ganz im Gegenteil. Im ersten Jahr, nachdem ich meiner Frau gestanden habe, dass ich nicht mehr so tun kann, als wäre ich ein Mann, gab es nach außen keine sichtbaren Anzeichen. Irgendwann hörte ich auf Herrenschuhe zu kaufen und trug die Schuhe, die mir bequemer waren und besser gefielen. Irgendwann hatte ich ein pinkes Halstuch und statt einem Sweater einen Strickpulli an. Und später auch mal ein Armband und Nagellack.

Vor etwa 7 Jahren hab ich mich bei meiner Frau geoutet. Die ersten drei Jahre lang sah man nach außen kaum ein Veränderung. Zuhause trug ich schon mal einen Rock aber auf der Straße sah man davon nichts. Die Kinder konnten die Veränderung zuhause sehen und die ersten Schritte in die Öffentlichkeit waren auch nicht so extrem. Ich kleidete mich femininer. Ich trug keine Perücke, keine auffälligen Kleider, war nicht all zu schrill… Und vor allem galt bei uns die Regel: die Kinder konnten immer sagen, wenn mein Outfit zu »gewagt« war. Ich glaube das lag einfach daran, dass wir uns für diesen Weg sehr viel Zeit ließen.

»Es gab nicht »den Tag«, ab dem ich als Frau auf die Straße ging – es war vielmehr ein fließender Übergang.«

Die deutlichste Veränderung passierte, als ich mir einen Teil meiner Haare schnitt, um daraus mein erstes Haarteil zu basteln. {Mir widerstrebte der Gedanke eine Perücke zu tragen immer und meine Perücken-Experimente waren echte Katastrophen.} Ich hatte mich entschieden einen Pony zu machen, den ich mit einem Haarband tragen konnte. Und das Erstaunliche: Ich fiel dadurch in der Öffentlichkeit weniger auf. Während ich ein paar Tage davor immer als »Mann« erkannt wurde, merkte ich, dass viele Menschen an mir einfach vorbei gingen, ohne dass ich ihnen auffiel. Diese kleine Veränderung machte Wege in der Öffentlichkeit für uns alle deutlich einfacher.

Ganz anders haben deine Eltern auf deine Entscheidung reagiert, dass du das Leben im falschen Körper beenden willst. Auf Tollabea berichtest du, dass deine Mutter und du euch langsam wieder annähert. Wie hat sich eure Beziehung und ihre Einstellung seither entwickelt?

Meine Mutter macht langsame Schritte. Ich erkenne, dass sie sich große Mühe gibt. In ihrer Vorstellung hat sie aber das Bild ihres Sohnes und es gelingt ihr nicht, mich mit anderen Augen zu sehen. Zumindest noch nicht. Es wird wahrscheinlich noch ein langer Weg, bis meine Mutter mich nicht mehr bei meinem alten Namen anspricht und ein noch längerer, bis sie mich als das sehen kann, was ich bin: ihre Tochter.

Leider bemerke ich, dass der Großteil der Verantwortung für die Annäherung bei mir liegen bleibt. Meine Mutter verlangt Geduld, wenn sie mich mit »du bist einfach immer noch mein Bua« {Junge} anspricht. Sie ist verletzt, wenn ich ihr sage, dass mich solche Bemerkungen sehr treffen. Ja, ich weiß, dass sie keine böse Absicht hat. Ich glaube sogar, dass sie sich sehr große Mühe gibt, mich zu akzeptieren, dass ihre Vorstellung von mir, aber sehr fest sitzt. Das wird also noch eine ziemliche Reise, bis wir uns wirklich annähern.

Auf deinem Blog »Frau Papa« schreibst du sehr offen und direkt über die Herausforderungen und Themen, die dich als Trans-Frau beschäftigen. Wie wird darauf in der Netzwelt reagiert?

Die Netzwelt… Das klingt, als wäre das eine homogene Masse, aber das ist es leider nicht. Ich habe in sozialen Netzwerken extrem viel Verständnis erlebt. Was mich aber noch viel mehr fasziniert: sehr viele Menschen im Netz trauen sich Fragen zu stellen und suchen nach Antworten, um mehr Verständnis entwickeln zu können. Ja, wirklich.

Die meisten Menschen, die mir begegnen, wissen nur wenig über Transsexualität. Da ich nicht nur über diesen einen Aspekt meines Lebens schreibe, merken viele auch erst nach einiger Zeit, dass ich trans bin. Ich erlebe selten, dass sich jemand deswegen abwendet. Viel öfter erfahre ich, dass im Menschen im Netz ihren Horizont erweitern wollen. Viele Menschen, die irgendeine Form von Diskriminierung erfahren haben {sei es wegen der Figur, einer Erkrankung oder Behinderung…} verstehen meine Erfahrungsberichte sehr gut. Ich erfahre Rat und Hilfe, bekomme Zuspruch und oft einfach auch Trost, von Menschen, die mit Transsexualität eigentlich gar nichts zu tun haben.

Natürlich gibt es die Kehrseite des Netzes. Meine Blockliste ist sehr lang und ich gehe davon aus, dass sie beständig länger wird. Menschen, die mich beleidigen, indem sie ihr Unverständnis über Transsexualität lauthals in die Welt schreiben, versuche ich nicht zu bekehren. Mir fehlt die Kraft, um ignoranten Leuten zu erklären, dass ich eine Frau im Männerkörper bin und kein Mann in Frauenkleidern.

»Aber die meisten Feinde mache ich mir, weil ich mich für Gleichberechtigung, Inklusion und Toleranz in der Gesellschaft einsetze.«

Das »Du-bist-hässlich-‚Argument’«, das viele Feministinnen kennenlernen, klingt halt bei mir »Du bist ja nur ne Transe«.

Im Netz habe ich Menschen kennengelernt, die mir selbst, als ich von Trollen attackiert wurde, den Rücken stärkten. Menschen, die meine Familie und mich mit so viel liebe beschenkten, dass ich oft sprachlos war und bin. Ich habe Menschen kennen gelernt, für die mein Körper, meine Stimme, mein Geschlecht absolut keine Rolle spielt, die in mir einfach nur Nina oder Frau Papa sehen. Diese Menschen bestärken mich über alle Themen zu schreiben, die meine Familie und mich betreffen. Ja, ich würde viele dieser Menschen, die ich noch nie getroffen habe, als meine engsten Freunde bezeichnen.

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn alle Menschen Amateurfotograf/innen wären? Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Interview mit Werner Pechmann {AlleAugenblicke}. Der zweifache Vater und einfache Großvater mit drei Wohnsitzen ist Fotograf und versteht sich in seiner Profession mit Andreas Feininger als »Amateur«. Der nämlich nahm den »Amateur« beim Wort: Vom Lateinischen amator kommend sei er ein »Liebhaber« und eben darin läge der Schlüssel zum Erfolg. Denn:

»Was man nicht mit Liebe tut, wird man nie wirklich gut machen. […]. Wenn man das Motiv, das man fotografieren möchte, nicht »liebt« – d.h., kein echtes Interesse an ihm empfindet – sollte man es übergehen […], denn das Foto kann einfach nicht »gut« werden.« Andreas Feininger, aus: Richtig sehen – besser fotografieren, 1973


Das ließe sich im Grunde auf sämtliche Bereiche des Lebens übertragen. Aufs alltägliche Miteinander könnte es etwa lauten: »Wenn man seine Mitmenschen nicht »liebt« – d.h., kein echtes Interesse an ihnen empfindet – sollte man sich selbst hinterfragen […], denn das Miteinander kann einfach nicht »gut« werden.« Nun, wie auch immer, jetzt wünsche ich erst einmal eine anregende Lektüre und sage Danke, lieber Werner, für das schöne Gespräch, das ich zu gegebener Zeit gerne fortsetzen würde – vis-á-vis.

Auf deiner Website heißt es, es gäbe viel über dich zu erzählen, jedoch gehöre das nicht ins Netz. Magst du mir und meinen Leser/innen vielleicht doch ein wenig von dir erzählen: wer und was bist du sind – oder eben gerade auch nicht?

Auf meiner Website umgehe ich es bewusst, mehr von mir zu erzählen. – Tja, warum? Leider ist das Worldwide Web wie jeder andere Ort auf der Welt keiner, in dem es nur »Gute« gibt. Ich habe einige Male die unschöne Erfahrung gemacht, dass man sich angreifbar macht, wenn man sich {zu weit} öffnet. Und hier im Netz öffnet man sich für alle sichtbar, eben auch für den Teil, der es möglicherweise nicht gut mit einem meint – aus welchen Gründen auch immer.

Ich kann im Netz nicht differenzieren. Und das stört mich ein wenig, denn man muss mit sich selbst achtsam umgehen. Aber natürlich gibt es viel zu erzählen, wenn man schon ein paar Lebensjahre mit sich herumträgt. Deshalb halte ich es gerne damit: Wer mich fragt und Konkretes wissen will, bekommt auch immer eine Antwort. An dieser Stelle vielleicht noch so viel:

  • Das »Wer«: Stolzer Papa von zwei erwachsenen Kindern und seit letztem September ebenso stolzer Opa.
  • Das »Was«: In erster Linie Mensch. Alles andere folgt dann – und wesentlich später!

Du lebst im Weserbergland, in Hannover und Berlin. Wie lebt man an drei Orten?

An drei Orten lebt es sich eigentlich gar nicht. Man ist »irgendwie« nirgends zu Hause und kommt auch »irgendwie« nie an und ist »irgendwie« immer weg. Aber wie das doch öfters im Leben ist: Diese Lebenssituation ergab sich aus beruflichen Aktivitäten, eher schleichend und unbemerkt. Anfangs fand ich diese Konstellation und die Bewegung, die dahinter steckt, spannend. Ist sie auch noch immer, doch zunehmend verbunden mit einer gewissen Mattigkeit. Ein Zustand also, der eine Änderung erfahren muss und auch in diesem Jahr wird. Wie genau wird sich noch zeigen.

Hannover und Berlin – zwei Städte, die zumindest auf den 1. Blick wenig gemein haben. Was schätzt du an der einen, was anderen der anderen? Und was macht die beiden Städte in deinen Augen schön?

Berlin ist für mich die Stadt, die mich treibt und immer wieder kreativ befruchtet und inspiriert. Die Stadt, in der ich all das finde, was das Leben für mich ausmacht: verschiedene Kulturen, Kreativität, Vielfalt, Pluralität, Geschichte. Hier finde ich eine gewisse Lässigkeit. Ja, und auch dieses gern gepflegte Flair der Unvollkommenheit und der Schludrigkeit. Ich mag an dieser Stadt, dass es nicht das eine Zentrum gibt: Jeder Kiez ist ein Zentrum für sich und das hat oft schon wieder einen kleinstädtischen Charakter. In Berlin mag ich den Zauber gewisser Orte.

Hannover ist so anders. Dieser Stadt eilt der Ruf voraus, langweilig zu sein. Das ist sie aber nicht. Hannover ist überschaubar, eine Stadt der Kunst {Sprengel Museum, Kestner Gesellschaft – um nur zwei zu nennen}. Hannover ist ein wenig »bräsig«, aber mit Charme durch viel Grün {Eilenriede}. Ich liebe die Sommerabende am Maschsee. Hannover ist meine ruhige Antwort auf zu viel Berlin.

Wie und wann bist du zur Fotografie gekommen?

Ich bin viel im Netz bei anderen Fotografen unterwegs: Wie oft stoße ich dabei auf „Über-mich-Seiten“, in denen der Autor über seinen Weg zur Fotografie erzählt und dabei von der ersten Kamera zur Konfirmation oder über die alte analoge Kamera des Opa berichtet {scheint ein großer Impuls zu sein}. Alle diese Wege scheinen sich zu ähneln. Bei mir hatte der Weg zur Fotografie etwas mit meiner Lust an Geschichten, am Erzählen, am Ausdruck zu tun.

Tatsächlich schrieb ich zuerst kleine Geschichten {als Jugendlicher per Hand in eine alte Kladde} und erst dann packte mich die Lust am Foto. Aber hätte ich nur das geringste Talent: Ich würde malen. Da ich das nicht konnte, blieb das Foto, gerne und immer auch mit Gedanken, Geschichten, Musik. Aber meine Fotografie liegt wohl auch in der Familie: Meine Mutter war Fotografin {der Beruf aber spielte zu Hause nie eine Rolle}. Sie arbeitete später {als die Kinder groß waren} in einem Fotofachgeschäft und retuschierte mit feinem Pinsel die S/W-Portraits. Das habe ich immer bewundert.

Deutschlandbilder Werner Pechmann AlleAugenblicke

Du verstehst dich als »Amateurfotograf« im Sinne von Andreas Feininger, dem berühmten Sohn und autodidaktischen Fotografen. Ihm zufolge zeichnet der Amateur dadurch aus, dass er seine »Motive« liebt. Wie gelingt es dir, die Welt stets liebevoll zu betrachten?

»Love is the answer« – ich halte es mit dieser Aussage von John Lennon. Tatsächlich arbeite ich in meinem Leben {und nicht nur in der Fotografie} viel daran, allem und jedem zunächst mit Liebe und Offenheit zu begegnen. Liebe ist der Schlüssel zu allem. Es gelingt mir leider nicht immer {aber dann fotografiere ich nicht}.


»Vor der Liebe steht die Neugier.«


Mich interessiert Vieles, mich interessieren Menschen und Zusammenhänge. Stets offen und freundlich auf andere zuzugehen, neugierig zu sein: Das öffnet Türen. Erst das macht uns zu Menschen. Und dann entstehen auch gute Fotos. Davon bin ich fest überzeugt.

Was macht den »liebevollen Blick« deiner Meinung aus? Und wäre die Welt eine bessere, würden wir alle Amateurfotograf/innen sein?

Der liebevolle Blick ist, wie gerade beschrieben, der neugierige, respektvolle Blick auf die Welt. Nur weil mir etwas fremd ist, ist es nicht besser oder schlechter als das Vertraute. Ich bin neugierig und bemühe mich immer um den respektvollen Umgang. Etwas, was aktuell offensichtlich nicht mehr so angesagt zu sein scheint.


»Wenn wir uns darauf einigen können, dass Amateurfotograf/innen ihre Welt mit Neugier, Liebe und Respekt betrachten, dann wäre eine Welt voller Fotograf/innen eine bessere Welt.«


Was macht ein gutes Foto für dich aus?

Es gibt unter den Fotograf/innen grob skizziert zwei Strömungen: die des »Technik-Freaks« und die des »emotional Getriebenen« – ich gehöre eindeutig zur zweiten Fraktion. Die Fotos des»Technik-Freakszeichnen sich durch große Perfektion {im technischen Sinne} aus: Auch der letzte Pixel im Bild ist gestochen scharf, das Licht nicht ausgebrannt oder nicht vorhanden, überhaupt ist es grundsätzlich optimal bearbeitet, das Licht stets sauber gesetzt. Diese Fraktion kann mit Kamera und Objektivtypen um sich schmeißen, kauft sich stets das neueste Equipment und ist technisch auf der Höhe der Zeit. Für den Emotionalen ist die technische Perfektion eher zweitranging. Er nutzt das Wissen dieser Techniken, um Gefühle zu erzeugen. Wichtig sind Aussage, Stimmung, Gefühl. Was löst das Foto aus? Auch ein Foto was rauscht, unter- oder überbelichtet ist, kann ein gutes Foto sein.

Für mich sind Gefühle, die Geschichte, die ein Foto erzählt, das, was das Bild beim Betrachter auslöst entscheidende Komponenten. Die Antworten auf diese Fragen machen ein gutes Foto aus. Egal, mit welcher Kamera auch immer geschossen. Ein gutes Portraitfoto zum Beispiel kann nur am Ende einer »richtigen Begegnung« entstehen {keine Ahnung, von wem diese Aussage ist; ich habe sie von Steffen Böttcher, alias Stilpirat übernommen}. Es trifft den Punkt.

Frau auf der Brücke von Werner Pechmann AlleAugenblicke

Fotos {c} Werner Pechmann

Wie sieht die Welt in vier, fünf Jahren aus? Noch vor gut einem halben Jahr hat mich diese Frage relativ kühl gelassen, hielt ich die mir so selbstverständliche Ordnung der Dinge doch für quasi naturgegeben. Heute, da die 70 Jahre währende Nachkriegsordnung auf dem Spiel steht, kann mich diese Frage schon mal halb verrückt machen – halb verrückt vor Angst. Vor allem um die Zukunft meiner Kinder. Gerade in diesen Momenten tut es gut, sich mit anderen austauschen. Wie geht es ihnen mit der {neuen} Ungewissheit? Wie gehen sie mit Sorgen und Ängsten um – gerade auch als Eltern? Was gibt ihnen Zuversicht? Was macht ihnen Hoffnung?

Eben diese Frage habe ich der dreifachen Mutter und bekannten Berliner Elternbloggerin Anne Luz de León {Berlinmittemom} gestellt. Hab‘ 1.000 Dank, liebe Anna Luz, für das mutmachende Gespräch, mit denen ich allen einen zuversichtlichen Start in die 2. Februarwoche wünsche.

Die Welt befindet sich im Wandel. Die Nachkriegsordnung scheint an ihr Ende gekommen und was sie ersetzt, ist noch gänzlich ungewiss. Wie gehst du mit dieser Ungewissheit gerade auch als Mutter um?

Ich glaube, dass mir als Mutter von drei Kindern nichts anderes übrig bleibt, als meinen Kindern weiter vorzuleben, was das Richtige ist. Woran ich glaube. Genauso, wie ich im Alltag versuche, ihnen Werte zu vermitteln, mit denen sie ihre {noch kleine} Welt zu begreifen beginnen, ihnen sage, was wir als Eltern für richtig und für falsch halten und ihnen erzähle, was vor ihnen und vor mir auf dieser Welt vorging, spreche ich auch jetzt mit ihnen über die Veränderungen und Anfechtungen, mit denen wir täglich umgehen müssen.

Was ich ihnen jetzt sage, unterscheidet sich inhaltlich gar nicht so sehr davon, was ich versuche, in ihnen zu verankern, wenn es um die kleinen Dinge des Lebens geht, die uns manchmal entsetzlich schwer vorkommen: um Streit mit Freunden, Auseinandersetzungen mit den Aufgaben, die uns schwer fallen und mit Ängsten, die uns lähmen.

Ich sage ihnen, dass wir aufrecht und mutig bleiben und uns nicht verkriechen, sondern uns auf unsere Stärken besinnen müssen. Wir sind nicht allein, wir sind ein Team, das größer ist, als nur unsere Familie. Ich zeige ihnen gute mutige Menschen mit guten, hoffnungsvollen und auch erfolgreichen Projekten. Menschen, die etwas bewegen und Gutes bewirken, nicht nur für sich selbst.
Ja, die aktuelle Ungewissheit könnte uns als Familie lähmen, aber das darf und werde ich nicht zulassen. Also tun wir Dinge im Kleinen und unterstützen die, die größere Kreise ziehen. Und wir bleiben bei unseren Grundwerten, an die wie fest glauben.

Wenn jemand gemein ist: sind wir gütig. Wenn jemand laut ist: bleiben wie ruhig. Wenn jemand hasst: lieben wir. Und genau das tun wir weiterhin. Bei unseren humanistischen Überzeugungen bleiben, am Guten festhalten. Ich glaube, das ist der einzige Weg – im Kleinen etwas gut machen, die kleine Welt erhellen und verbessern, an der Hoffnung und der Liebe festhalten, ein Beispiel sein und für etwas stehen. Und damit immer größer werdende Kreise ziehen.

Mindestens deine große Tochter wird von den »transitorischen Turbulenzen«, in denen sich unsere Welt befindet, einiges mitbekommen. Wie geht sie damit um? Wie geht ihr damit um, so dass es sie nicht allzu sehr durcheinander bringt?

Wie immer: wir reden miteinander. Über alles, was sie bewegt, was uns bewegt, auch, was uns beunruhigt. Und wir reden mit anderen Menschen, mit Freund*innen, Nachbar*innen, Lehrer*innen. Wir lesen Blogs und Artikel von mutigen Menschen, die etwas zu sagen haben und sich nicht mundtot machen lassen. Aber natürlich habe ich dabei alle meine Kinder scharf im Blick und zeige ihnen nicht allzu offen, wenn Dinge mich selbst zu sehr beunruhigen. Sie dürfen spüren, dass wir nicht auf alle Fragen Antworten haben, aber sie dürfen keine Angst bekommen, weil sie denken, dass wir verzweifelt oder hoffnungslos sind.

»Es ist also immer ein Balanceakt zwischen größtmöglicher Offenheit im Umgang mit diesen Themen bei gleichzeitig kleinstmöglicher Panik.«

Das ist ohnehin etwas, das ich versuche auszuschließen: die hochkochende Panik, die sich dieser Tage gern mal schnell breit macht, vor allem in Social Media.

Inwieweit und wie thematisiert ihr das aktuelle Weltgeschehen bei den beiden jüngeren Kindern?

Ich bin sehr dankbar, dass die aktuellen Geschehnisse auch in der Schule immer wieder Thema sind und von den verschiedenen Lehrer*innen aufgegriffen werden. Dadurch haben wir gute Aufhänger, eine breite Menge an Ansätzen im Umgang und die Möglichkeit, die diversen Themen passend aufzugreifen. Grundsätzlich dosieren wir aber auch diese Themen so, wie die Kinder es bei allen anderen Themen auch vorgeben: wenn sie Fragen haben, reden wir. Aber wenn sie kein Interesse zeigen, dränge ich ihnen keine Themen auf. Nur nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz haben wir morgens mit ihnen gesprochen, damit sie nicht ahnungslos in die Schule kommen und alles schon im Bus von anderen Kindern hören. Da haben wir sie vorbereitet – und auch beruhigt.

Was rätst du anderen Eltern: Soll man den Kindern über die aktuelle Situation reden oder lieber nicht?

Ich glaube grundsätzlich daran, dass man mit Kindern entsprechend ihrem Alter eigentlich über so ziemlich alles reden kann. Sie sind so eng mit uns Eltern verbunden, dass sie ohnehin auf der nonverbalen Ebene immer mitkriegen, wenn mit uns etwas nicht stimmt. Wenn es um uns geht, sind sie kleine Seismographen. Insofern können wir uns ohnehin abschminken, wir könnten ihnen über unsere persönliche Verfassung die Unwahrheit sagen. Und ich halte es für fatal, sie zu belügen, selbst wenn es aus dem Wunsch heraus geschieht, sie zu beschützen.

Auf der negativen Seite könnte man sagen, dass wir sie nicht vor der Welt da draußen schützen können. Ich drehe das aber für mich genau herum: Wenn wir mit unseren Kindern ehrlich (nicht schonungslos) sprechen, ihnen vertrauen und ihnen zeigen, dass sie auch uns vertrauen können, unsere Bindung stärken und ihnen eine sichere Basis geben, d a n n machen wie sie stark für die Welt da draußen und sie werden sie Schritt für Schritt erobern, auch wenn sie im Wandel begriffen ist.

Natürlich ist jedes Kind anders und jede Familie ist anders. Wieviel Wahrheit über den Zustand der Welt ein Kind also in welchem Alter schon verträgt, können nur die Eltern einschätzen. Ich persönlich habe mit Offenheit gegenüber meinen Kindern gute Erfahrungen gemacht.

Es steht viel auf dem Spiel: Europa und die Demokratie, die offene, pluralistische Gesellschaft, Minderheitenrechte etc. – was macht das mit dem Menschen Anna-Luz de León?

Natürlich beunruhigt mich das. Es wäre gelogen, zu sagen, ich sei vollkommen ruhig und unbeeindruckt. Aber ich muss sagen, dass ich keine Angst habe. Es gibt schlechte Menschen und einige davon haben einen nicht zu unterschätzenden Willen zur Macht, aber ich glaube an unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und daran, dass es viele gute und gerechte Menschen gibt, die für diese Grundordnung bereit sind sich einzusetzen. Ich zähle mich, meinen Mann, meine gesamte Familie, alle unsere Freunde und viele Verbündete aus aller Herren Länder dazu.

Ich kenne viele Familien, die beim Women’s March in Washington vor Ort waren, Freundinnen, die Trecks nach Mazedonien organisieren, Menschen, die Bücher, Artikel und Blogs gegen Rechts schreiben, Künstler*innen, die sich mit der Kraft ihrer Arbeit widersetzen, Kolleginnen, die Spendensammlungen durchführen, befreundete Familien, die Geflüchtete bei sich aufnehmen, Menschen, die nicht müde werden, sich laut gegen Holocaustleugner, Rassisten Homophobiker und Sexisten zu stellen. All diese Menschen geben mir Hoffnung und machen mir Mut. Und es gibt noch viele mehr! Mit einigen komme ich »nur« virtuell zusammen, aber die gemeinsamen Überzeugungen machen uns stärker. Wir sind nicht alleine, wir sind viele. Und je brisanter die Situation zu werden scheint, desto lauter werden die Gegenstimmen. So beängstigend jemand wie Trump auch ist, seine Wahl bringt seine Gegner auf die Barrikaden. Schulter an Schulter.

»Wir sind nicht ausgeliefert, wir sind nicht allein, wir sind viele. Wir dürfen uns nur nicht verschrecken lassen.«

Kinder am Abend am Seeufer

Hast du manchmal Angst um die Zukunft deiner Kinder?

Keine konkreten Ängste. Vielleicht ist das naiv, aber ich halte an meinem Glauben an das Gute in der Welt fest. Ich glaube tatsächlich, dass das Einzige ist, das uns jetzt über eine dunklere Episode der Menschheitsgeschichte hinweg retten kann.

Wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke, fürchte ich mich mehr vor den Auswirkungen des Klimawandels als vor den Trumps und Le Pens dieser Welt. Und dann denke ich an meine Großmutter, die während des Zweiten Weltkriegs drei kleine Kinder hatte und sich mit ihren Schwestern im tiefsten Westerwald versteckt hielt. Daran, in welche Zeiten hinein sie ihre Kinder geboren hat, selbst ein Kind des Ersten Weltkriegs. Sie hat ihr Bestes getan für ihre später vier Kinder und sie hatte Glück, weil mein Großvater niemals in der NSDAP war und deshalb direkt nach dem Krieg eine gute Stelle bekam. Aber sie wusste zu dieser Zeit nicht, was werden würde, ob ihre Kinder gut klarkommen würden oder was überhaupt aus ihnen werden würde. Und sie hat dennoch ihre Kinder bekommen und so gut sie konnte durch die schweren Zeiten gebracht. Sie hat sie randvoll abgefüllt mit Liebe und einem gigantischen Vertrauen in diese vier kleinen Menschen und geglaubt, dass das das Wichtigste war, womit sie sie ausstatten und stark machen konnte. Sie hatte recht.

Ich habe keine Angst. Meine Kinder bekommen alles, was wir als Eltern ihnen mitgeben können und noch so viel mehr: Bildung, ein starkes Fundament, ein tragfähiges Netz. Sie sind gute Menschen, sie werden gute Wege finden und gehen.

Was können wir deines Erachtens tun, um unseren Kindern ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen?

Alles. Und nichts. Wie gut die Welt wird und damit das Leben, das unsere Kinder darin leben werden, liegt heute bei uns. Wenn wir uns nicht einsetzen für Frieden, Freiheit und für die Selbstbestimmung aller Menschen, dann können wir eine Welt mit diesen Werten und Errungenschaften auch für unsere Kinder nicht erwarten. Wir müssen begreifen, dass es uns alle angeht.

»Und wenn wir die weißesten, hetero-normativsten, christlichsten, angepasstesten Menschen der Welt sind: Wenn wir zulassen, dass andere um uns herum diskriminiert und in ihren Rechten eingeschränkt werden, weil sie all das n i c h t sind, haben wie unsere Freiheit und Selbstbestimmung nicht verdient.«

Ich schrieb kürzlich auf meinem Blog über Privilegien und Verantwortung, und genau das meine ich: Die Welt, die ich für meine Kinder will, muss ich schaffen. Sie verteidigen. Für sie aufstehen. Anderen die Hand reichen, die nicht partizipieren. Sie jeden Tag besser machen und wenn es nur im Kleinen ist. Nicht die Klappe halten, nicht still sein, nicht verharren, auch wenn es uns nicht persönlich betrifft. Es betrifft uns nämlich doch. Weil wir mit unserem Verhalten bestimmen, was für eine Welt wir unseren Kindern übergeben.


Fotos: M i MA aus der Reihe »Just Kids«

Deborah Ruggieri ist Trainerin und Coach und unterstützt Menschen dabei, die eigene Souveränität zu entdecken und zu leben. Vor kurzem ist die 46-Jährige Politik- und Kulturwissenschaftlerin der SPD beigetreten. Im Interview erzählt sie, was sie dazu veranlasst hat und was sie in und mit der traditionsreichen Volkspartei bewegen und {ver}ändern will. Außerdem sprechen wir über Frauen und Macht, über falsche Ideale und richtige Stärke.

Vielen Dank, liebe Deborah, für das spannend-inspirierende Gespräch, mit dem ich allen eine weiterhin gute Woche wünsche.

Deborah-Ruggieri (c)
Foto {c} Catberry Studio

Als Trainerin unterstützt du Frauen, selbstbewusst{er} aufzutreten. Worauf kommt es dabei an und was sind die typischen »Stolpersteine«?

Es kommt vor allem darauf an, Souveränität auszubilden, also die Fähigkeit, selbstsicher und unabhängig zu handeln. Denn bei allen strukturellen Komponenten, die es auch zu verändern gilt {sich damit abzufinden, ist keine Option} stellt sich immer die Frage: Wie kann ich innerhalb der bestehenden Rahmenbedingungen souveränes Handeln entwickeln? Was passt zu mir? Darauf aufbauend kann man dann auch die Bedingungen für sich nutzen und gegebenenfalls verändern.

Eine souveräne Person, lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen; sie bleibt ruhig und gelassen und kann unterschiedlichen Anforderungen souverän begegnen. Das setzt emotionale Stabilität und ein realistisches Selbstbild voraus. Ich unterstütze Frauen darin, ihre eigene Souveränität zu entdecken und zu entwickeln. Dabei arbeite nach dem »Muster des Gelingens« {den Begriff habe ich bei Dr. Gunther Schmidt mitgenommen} und mit humorvoller Ironie: Ressourcenorientiert und liebevoll stoppe ich den alltäglichen Autopiloten meiner Kund/innen, um Selbstverständliches zu hinterfragen.

»Mit Schirm, Charme und Sortierarbeit rein in die Zonen der Entwicklung.«

Dabei tut  es gut, sich selbst nicht so ernst zu nehmen; es schafft Gelassenheit und ist ein gutes Mittel, um verborgene Muster und Strukturen aufzudecken – und das muss man, wenn man etwas verändern will. Wir sind umgeben von Idealbildern: die ideale Frau, die ideale Businessfrau, die ideale Mutter, Partnerin, Freundin etc. Stell dir vor, alle Frauen würden diesen Bildern gerecht – das wäre schrecklich langweilig! Zum Glück werden wir ihnen nicht gerecht!

Ein Idealbild suggeriert immer: »Ich bin nicht genug«. Wir sollten versuchen, unsere eigenen Bilder zu finden und ihnen zu folgen. Denn es gibt nicht den einen Weg zum Erfolg. Frage 10 erfolgreiche Frauen nach ihrem Erfolgsgeheimnis und du bekommst 10 unterschiedliche Antworten. Das versuche ich in meinen Trainings zu vermitteln.

Frauen versuchen aus verschiedenen sozial-kulturellen Gründen häufiger den Idealbildern zu entsprechen, doch auch Männer streben nach »normierter Perfektion« und auch dort lohnt es sich, die Bilder zu hinterfragen. Diese Ausrichtung am Idealbild gepaart mit dem geltenden Selbstoptimierungsmantra macht es umso schwerer, eine selbstbestimmte und gelassene Haltung zu entwickeln. Humor hilft, die normierten Bilder zu entlarven und eigene Vorstellungen erarbeiten, die dann Ressourcen freisetzen, um eigene Wege zu gehen.

Frauen und Macht – wie verhält sich das zueinander?

»Macht« ist ein komplexes und schwieriges, aber auch hochspannendes Thema. Mich interessiert vor allem der Aspekt der Wirksamkeit, also die »Macht zu«, nicht nur die »Macht über«.

In meinen Trainings will ich für die versteckten Mechanismen der Macht sensibilisieren, zum kritischen Hinterfragen animieren, aber auch die Chancen eines positiven, verantwortlichen Verhältnisses zur Macht aufzeigen. Frauen haben oft ein ambivalentes Verhältnis zur Macht, was ihnen häufig zum Vorwurf gemacht wird. Ich sehe das eher als Vorteil, denn Macht sollte immer wieder hinterfragt werden. Ein eigenes Verständnis von Macht und dessen regelmäßige Reflexion macht handlungsfähiger; es erlaubt, zu agieren anstatt nur zu reagieren. Das hat mehr Kraft.


»Dass die Macht Bestand hat, wird ganz einfach dadurch bewirkt, dass sie nicht bloß wie eine Macht lastet, die Nein sagt, sondern dass sie die Dinge hervorbringt, Lust verursacht, Wissen formt und einen Diskurs produziert. Man muss sie als ein produktives Netz ansehen, das weit stärker durch den ganzen Gesellschaftskörper hindurchgeht als eine negative Instanz, die die Funktion hat zu unterdrücken.« Michel Foucault


Die Fähigkeit zur Selbstreflexion müsste meines Erachtens eine zwingend notwendige Kernkompetenz aller »Mächtigen«, also aller Menschen mit Entscheidungsbefugnissen sein – und Selbstreflexion auf jeder To-Do-Liste stehen.

Vor einigen Monaten bist du in der SPD beigetreten. Warum?

Ich bin in eine Volkspartei eingetreten, weil ich eine überzeugte Demokratin und Europäerin bin und mich die derzeitigen politischen Ereignisse nicht kalt lassen: Brexit, Trump, Rechtspopulismus…

Ich war schon immer eine politisch denkende und aktive Person {nicht zufällig habe ich Politikwissenschaften studiert}, doch den Parteien stand ich lange Zeit eher kritisch distanziert gegenüber. Nicht zuletzt das zunehmende Politiker/innen-Bashing und die neue Streit-Unkultur, haben mich umdenken lassen. Es ist viel einfacher, die Dinge von Außen zu kritisieren als von Innen zu verändern. Wer einmal innerhalb seiner Familie versucht hat, seine Überzeugung gegen die anderen durchzusetzen, weiss wie schwierig demokratische Prozesse sein können. Kritik ist gut und wichtig, aber viel zu oft ist es reines »Gemeckere«, das jede Selbst- bzw. Mitverantwortung leugnet und Andersdenkende mundtot machen will. Wir müssen dieser neuen Unkultur eine konstruktive demokratische Kultur entgegen setzen.

Mit meinem Eintritt in die Partei will ich außerdem die demokratischen Institutionen nutzen und stärken, anstatt sie weiter zerfallen zu lassen. Wer etwas verändern will, den rechtspopulistischen Tendenzen etwas entgegensetzen und das sich zunehmend verschlechternde Klima in unsere Gesellschaft verbessern möchte, sollte sich darüber auch mit anderen auseinandersetzen – in einer Demokratie darf, ja muss für Überzeugungen gestritten werden. Auch deswegen bin ich einer »Volkspartei« beigetreten: Hier gibt es weniger »Filterblasen« – es werden viele unterschiedliche Meinungen diskutiert, demokratisch gestritten, um Überzeugungen und gemeinsam um gute Lösungen gerungen. Sicher, in kleineren Organisationsformen kann man seine Gedanken und Ideen schneller und mit weniger Abstrichen durchsetzen. In einer Partei muss man Kompromisse eingehen. Aber das gehört zum Wesen der Demokratie, ist eine ihrer großen Herausforderungen und Stärken zugleich.

Warum die SPD? Weil ich glaube, dass sie durch ihre Geschichte und dem Anspruch, eine »soziale Demokratie« zu gestalten, der Ort ist, wo ökonomische Fragen ernsthaft mit sozialen und ökologischen Fragen zusammen gedacht werden. Als Unternehmerin und jemand, die sich mit Globalisierungsprozessen auseinandergesetzt hat, weiß ich, dass unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaften nur dann dauerhaft funktionieren, wenn es uns gelingt, soziale Gerechtigkeit herzustellen. Das wurde in den letzten Jahren versäumt: Unter dem Primat des Ökonomischen wurde soziale und ökologische Aspekte nur aus Kostenperspektive betrachtet. Das halte ich für kontraproduktiv und wenig zukunftsorientiert. Als SPD-Mitglied interessieren mich vor allem die Wechselwirkungen zwischen internationaler Politik und nationalstaatlichen Prozessen. Diese Wechselwirkungen müssen wir anders gestalten, um unter den Bedingungen der Globalisierung auf nationalstaatlicher Ebene soziale und gerechte Politik zu machen.

Und nicht zuletzt waren es auch die Menschen, die mich von der SPD überzeugt haben, vor allem die kritisch-klugen, inspirierenden und veränderungswilligen Frauen, mit denen ich arbeite und gearbeitet habe!

Menschen am Bahnhof Bern fotografiert von Timon Studler via Unsplash
Foto {c} Timon Studler via Unsplash

Ab Januar 2017 wird Donald Trump Präsident der größten Militär- und Wirtschaftsmacht der Welt sein. Viele befürchten, dass der Westen damit in vormoderne Zeiten zurückfällt. Wie blickst du ins kommende Jahr?

Mit sehr gemischten Gefühlen. Ich denke, der Mensch, der Donald Trump am besten kennen sollte, nämlich er selbst – kennt sich nicht. Er handelt impulsiv, scheinbar wenig durchdacht in Bezug auf politische und gesellschaftliche Konsequenzen seines Tuns. Ihn würde ich gern einmal ein Jahr lang in eine Meditation über Macht schicken! Ich halte ihn für unberechenbar, er hat von politischen Vorgängen scheinbar oft wenig Ahnung. Zudem repräsentiert er einen Typus Mann, der meiner Meinung nach längst ins Museumsarchiv gehörte. Das Erschreckende daran ist, dass er unter anderem genau deswegen gewählt wurde. Das zeigt einmal mehr, dass Sexismus als »nicht so schlimm« oder gar wieder als »salonfähig« angesehen wird – übrigens auch von sehr vielen Frauen, die ihn gewählt haben.

Trump ist in meinen Augen das Produkt einer Politik, die die Menschheit in Globalisierungsgewinner/innen und -verlierer/innen geteilt hat. Er ist Teil des Establishments und gehört zu den Gewinnern, aber es gelingt ihm, sich als Vertreter der »Verlierer/innen« und des »Anti-Establishments« zu behaupten – vor allem bei denen, die den Verlust ihrer Privilegien {als »Weiße«, als Männer etc.} befürchten. Das ist fast zynisch und als hätte sich die Büchse der Pandora geöffnet: Ein paar rassistische Äußerungen und das Klima in den USA verändert sich – genauso wie nach dem Brexit in UK. Worte haben Macht, wie 140 Zeichen eines designierten US-Präsidenten exemplarisch zeigen…

Wer in einer gerechten, offenen, mitmenschlichen Welt leben möchte, sollte jetzt politisch aktiv werden. Bernie Sanders fordert in den USA gerade dazu auf, massenhaft in die Partei der Demokrat/innen einzutreten oder sich anders politisch zu organisieren. Wir sollten es ihm nachtun!

Welchen »Lehren« ziehst du aus den US-amerikanischen Wahlen?

Politik kann nicht national gedacht werden. In Zeiten der Globalisierung ist sie immer international, alles ist miteinander verwoben und vernetzt. Für viele Menschen ist allein diese Tatsache schon zu viel, was ich zwar verstehen kann, aber trotzdem sind einfache Antworten selten richtig. Umso wichtiger ist es, die Errungenschaften und Möglichkeiten der Demokratie hochzuhalten und Politik verständlicher, sozialer und nachhaltiger zu machen. Wir müssen die Globalisierung aktiv gestalten, statt nur auf sie zu reagieren. Das ist nicht einfach. Denn auf der internationalen Handels- und Wirtschaftsebene wird in einer Schnelligkeit agiert, hinter der die nationalstaatliche Politik mit ihren teils langwierigen demokratischen Prozessen oft hinterherhinkt. Hier brauchen wir viel mehr internationale Absprachen, die nicht nur die ökonomischen Belange im Blick haben, sondern auch die sozialen und ökologischen.

Ich verstehe mich als Europäerin und Weltbürgerin und ich wünsche mir eine identitätsstiftende europäische Politik, die die Vielfalt der europäischen Länder anerkennt. Das Primat des Ökonomischen hat die Zustimmung für eine europäische Identität bröckeln lassen, auch weil es die sozialen Fragen ignoriert hat. Die Verunsicherung ist groß und das macht den Nationalismus mit seiner einfachen Freund-Feind-Logik wieder attraktiv. Hier muss schnell etwas passieren: Wir müssen Europa als Werte- und Solidargemeinschaft stärken und denjenigen, die sich der starken Frau oder dem starken Mann sehnen, deutlich machen, dass ein autoritärer exklusiver Nationalstaat immer auf Kosten der Freiheit, der normativen Gleichheit und individuellen Vielfalt geht. Was das bedeutet, erzählt die Geschichte Europas, von wo bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts die grausamsten Kriege und Verbrechen an der Menschlichkeit ausgegangen sind.

Es gab und gibt die vermeintlich »gute alte Zeit« nicht. Sie ist ein fiktiver Sehnsuchtsort. Blickt man zurück, so findet man – ganz im Gegenteil – wenig Gutes: »Eiserner Vorhang«, ein geteiltes Deutschland, nukleares Wettrüsten etc. pp. Wir können aus der Geschichte lernen; sie zeigt, dass es wichtig ist, sich den sozialen Fragen zuzuwenden und Verteilungsgerechtigkeit in den Blick zu nehmen. Dass in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, rund 15 % aller Kinder unter Armut leiden, ist eine Schande und die immer größere Schere zwischen Arm und Reich sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich unsinnig. Wir müssen uns dieses Themas annehmen, bevor sie von den Rechtspopulist/innen mit falschen Zuschreibenden unterfüttert werden. Hierzu braucht es viele Menschen und Akteur/innen, die an einem Strang ziehen – partei- und positionsübergreifend.

Trump Tower fotografiert von delfi de la Rua via Unsplash
Foto {c} delfi de la Rua via Unsplash

2017 stehen die Bundestagswahlen an. Worauf kommt es deiner Meinung nach an?

  • Das Thema soziale Gerechtigkeit muss ganz weit oben auf die politische Agenda.
  • Wir brauchen Ideen und Visionen, wie wir internationalen Krisen begegnet wollen und
  • Ideen, wie wir die Globalisierung gerechter gestalten können.
  • Die Wechselwirkungen zwischen Lokalem und Internationalem müssen bewusster und verständlicher gemacht werden.
  • Wir müssen für die Rechtspopularisierung der Sprache sensiblisieren,
  • nicht müde werden, die Vorzüge der offenen, liberalen Gesellschaft hochzuhalten und
  • politische Lösungen bieten statt auf Geschrei und Angstmacherei zu reagieren {Ich habe bisweilen den Eindruck, dass alle wie hypnotisiert auf den Rechtspopulismus starren und sich nicht mehr bewegen können. Aber: Rechtspopulismus ist keine Naturkatastrophe, sondern menschengemacht – also können Menschen können auch etwas dagegen machen!}.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Dass alle Menschen über all das verfügen, was sie brauchen, um ein gutes Leben zu führen, so dass sie andere nicht mehr bekriegen, unterwerfen, ausbeuten etc. Und dann wünsche ich mir noch, dass ich morgen aus einen Alptraum aufwache, in dem Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten war.

Alptraum fotografiert von Jeremy Thomas via Unsplash
Foto {c} Jeremy Thomas via Unsplash

Foto Header: Frau im roten Kleid {c} Quentin Keller 

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Hans-Peter Meister war einer der ersten, der das Potenzial von Dialog und Beteiligung erkannte und darauf ein Beratungsunternehmen aufbaute: Seit 1995 begleitet die heute rund 100-köpfige Strategie- und Kommunikationsberatung IFOK Kunden bei der Entwicklung von nachhaltigen Lösungen – ob Energie oder Infrastruktur, Arbeitswelt 4.0 oder Gesundheit. Getragen von der Überzeugung, dass die besseren Antworten kooperativ und im Dialog gefunden werden, ging der Beteiligungsexperte und Mediator Meister 2008 in die USA und baute dort erfolgreich die Meister Consultants Group {kurz: MCG} auf.

Das in Boston ansässige Beratungsunternehmen hat sich auf die Themen Energie- und Klimawandel spezialisiert – genau jene Themen, die der neugewählte Präsident von der politischen Agenda streichen will. Was bedeutet das für das MCG? Mit welchen Gedanken und Gefühlen blickt der Gründer und Inhaber auf die Zeit ab dem 20. Januar, wenn Trump sein Amt als Präsident antritt? Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Montagsinterview, mit dem Hans-Peter Meister und ich euch/Sie herzlich zum Dialog einladen: Was sind eure/Ihre Hoffnungen und Befürchtungen? Was müssen oder können wir von Amerika lernen? Und was tun?

Vielen Dank, lieber Hans-Peter für das kurzweilige Gespräch, mit dem ich allen einen guten Start in die zweite Januarwoche wünsche.

Hast du damit gerechnet, dass Trump gewählt wird? Wie hast du die Ergebnisverkündigung erlebt?

Niemand hat ernsthaft damit gerechnet, jedenfalls habe ich das nicht mal von den größten Republikaner-Anhängern gehört. Ich war in den USA und wartete zunehmend verzweifelt bis drei Uhr morgens auf meinem Sofa darauf, dass endlich die Meldung kommt, die Zahlen hätten sich in letzter Sekunde doch noch gedreht. Leider vergeblich, so dass ich am nächsten Morgen ein gespenstisches Boston in Schockstarre erleben musste.

Wie erklärst du dir das Wahlergebnis?

Vielleicht in Anlehnung an C.G. Jung: In den USA wurde in der Vergangenheit viel in den gesellschaftlichen Schatten verdrängt. Der wurde größer und größer und will jetzt, dass er angesehen und integriert wird. Eine Herkulesaufgabe für das Land und sicher keine, die ein Präsident Trump leisten kann.

Vor welchen Herausforderungen steht die Meister Consultants Group, wenn Trump seine protektionistische und seine Klimapolitik wahr macht?

Wir werden nicht zu sehr darauf setzen, weiter Aufträge von der Bundesregierung in Washington D.C. zu bekommen, sondern uns auf unsere anderen nationalen und internationalen Kunden konzentrieren.

Den Medienberichten zufolge setzt in den USA bereits eine Normalisierung ein – nach dem Motto »Wird schon nicht so schlimm«.  Wie beurteilst du die Lage?

Das ist alles noch nicht ausgemacht. Niemand weiss wirklich, was geschehen wird. Ich rechne damit, dass wir noch längere Zeit »auf Sicht fahren« und genau verfolgen müssen, was wirklich geschieht.

Was sind deine schlimmsten Befürchtungen, was deine begründeten Hoffnungen für die Zeit unter Trump?

Befürchtung: Es gibt einen riesengroßen internationalen Scherbenhaufen und einen noch größere innere Spaltung der USA.

Hoffnung: Es gibt genügend vernünftige Republikaner in beiden Kammern.

Was können und sollten wir in Deutschland und Europa aus den US-Wahlen lernen?

  1. Uns nicht darauf verlassen, dass das eigentlich Undenkbare nicht geschieht.
  2. Die sogenannten Populisten nicht in Bausch und Bogen verdammen, sondern genau hinschauen, was gegen Ängste und Sorgen getan werden kann.
  3. Mehr bodenständiger gesunder Menschenverstand und weniger „Klugheit“ im Sinne dieser besserwisserischen und fruchtlosen Talkshowauseinandersetzungen, bei denen keiner dem anderen zuhört und niemand an Gemeinsamkeiten und Lösungen interessiert ist, sondern nur an seiner Selbstperformance.

Fotos: Fensterbild von Alberto Lucas Pérez via Unsplash | andere Bilder: Bürgerdialog Zukunftsthemen

»Reduktion könnte die Welt retten – und wenn nicht, dann ist es jedenfalls ein Weg, um selbst glücklicher zu werden«, davon ist Birgit, die auf »Fräulein im Glück« aus ihrem Leben erzählt, überzeugt. Wie es gelingt zu reduzieren, worin das Glück des »Weniger« und wo seine die Grenzen liegen – darüber spricht sie im heutigen Montagsinterview. Außerdem geht es um ihre Arbeit im SOS-Kinderdorf, in dem u.a. auch geflüchtete Kinder und Jugendliche eine Obhut finden.

Vielen Dank, liebe Birgit, für die spannenden Einblicke, mit denen ich allen einen guten Start in die vorletzte Woche des Jahres wünsche.

Fraeulein im Glueck suchtdasglueck

Bloggerin, Weltverbesserin und Mutter. Das ist Birgit. Was noch? Was nicht?

Weltverbesserin – haha – also sagen wir es mal so: Ich versuche es. Oder anders: Ich will nicht glauben, dass wir nicht zu einer besseren Welt beitragen können. Ich gebe die Hoffnung einfach nicht auf.

Was bin ich noch? Unendlich neugierig und leidenschaftlich. Mich interessiert alles. Meine Schwester sagt immer, ich wäre eine super Pharma-Vertreterin geworden, denn wenn ich eine neue Idee habe und von ihr überzeugt bin, dann mache ich sie allen schmackhaft.

Ich bin davon überzeugt, dass Weniger besser ist und vielleicht ein Weg, die Welt zu retten – und wenn nicht, dann jedenfalls ein Weg selbst glücklicher zu sein.

Du schreibst über Achtsamkeit und Minimalismus. Wie gelingt es dir, ein achtsames, reduziertes und nachhaltiges Familienleben zu führen?

Es gelingt mir nicht immer gut. Es gibt Phasen, da kommt die Bequemlichkeit durch, da kaufe ich so viel verpacktes Zeug, dass ich mich nachher selbst nicht aushalte, oder ich reduziere und reduziere, so dass meine Schwester schon sagt, »ihr habt aber ein leeres Kinderzimmer« {sie hat allerdings ein sehr volles 😉} und mir kommt es trotzdem noch so vor, als würde ich im Kram versinken. Dann gibt es aber auch wieder Zeiten, in denen ich total glücklich mit allem bin und merke, dass ich schwierige Situationen mit meinen Kindern sehr gut meistere, weil ich mich durch die Achtsamkeit sehr gut beobachten kann und für mich sehr kluge Entscheidungen treffe.

Ich glaube, es ist eher eine Reise mit Höhen und Tiefen – und das ist auch in Ordnung so. Ich strebe ja nicht danach, perfekt zu sein oder die perfekte Mutter zu sein oder das sauberste und reduzierteste Kinderzimmer zu haben. Ich versuche einfach, ein glückliches und unkompliziertes Leben zu leben und wenig Schaden auf diesem Planeten anzurichten, weil ich will, dass für meine Kindes Kinder auch noch etwas übrig bleibt.

Was empfiehlst du Eltern für ein Leben ohne resp. mit wenig Stress?

Das Erste ist immer, seine eigenen Einstellungen zu überdenken. Brauche ich das alles wirklich? Muss ich wirklich immer noch mehr hinzufügen, damit das Leben noch besser wird? Oder wird es vielleicht besser, indem ich etwas weglasse? Wir sind so gewöhnt, Glück und Zufriedenheit mit »noch mehr« zu verbinden. Wir haben Angst, etwas zu verpassen, zu kurz zu kommen. Der Satz meiner Achtsamkeitslehrerin war für mich so überraschend wie erleichternd: »Es gibt nichts zu tun, nichts zu erreichen.« Es ist alles schon da, alles in uns. Wir müssen nur anhalten und in uns hinein hören. Das gilt für das Elternsein genauso wie für unser ganzes Leben.

Du arbeitest (als Social Media Managerin) in einem SOS-Kinderdorf. Was ist die größte Herausforderung, was die größte Freude an deiner Arbeit?

Die größte Herausforderung ist es, zu akzeptieren, dass man leider nicht allen helfen kann und dass es Menschen gibt, die sogar an der Arbeit mit Kindern noch etwas Negatives finden, zum Beispiel weil sich geflüchtet sind.

Das Schöne ist zu sehen, wie viele Menschen auf einmal aktiv werden, wenn Hilfe gebraucht wird. Das gibt mir sehr viel Hoffnung für die Welt.

Im Kinderdorf leben auch Kinder, die Krieg und Flucht erfahren haben. Welche Spuren hinterlassen diese schlimmen Erfahrungen und was brauchen diese Kinder, um sie gut zu verarbeiten?

Ich bin immer total überrascht wie positiv diese Kinder und Jugendlichen sind. Viele sind ja ohne ihre Eltern oder Verwandten hergekommen und völlig auf sich alleine gestellt. Und dann werden sie auch hier oft alleine gelassen und nicht nur das: Viele Menschen begegnen ihnen mit Hass. Die jungen Burschen aus unseren WGs haben es nach den letzten Terrormeldungen teilweise vorgezogen, in der WG zu bleiben, weil sie so verunsichert waren.

Wichtig ist es, dass Kinder und Jugendliche aufgenommen werden, eine Tagesstruktur bekommen, eine Ausbildung und natürlich auch therapeutische Angebote, um das Erlebte aufzuarbeiten, nur so können sie hier ein normales Leben leben und sich integrieren. Leider ist das nicht für alle zugänglich.

Du bist Optimistin, schreibst du. Wenn ich mich so umblicke in der Welt, verliere ich bisweilen den Glauben an das Gute im Menschen. Was gibt dir Hoffnung und wie bleibst du hoffnungsvoll?

Ich muss sagen, ich bin mit einem tollen Grundvertrauen gesegnet, dafür bin ich unendlich dankbar. Ich glaube fest daran, dass alles im Leben einen Sinn hat. Und die Achtsamkeit hilft mir natürlich auch sehr.

Es gibt eine Mediation, die heißt Metta-Meditation, eine sehr alte buddhistische Meditation. Metta heißt so viel wie »liebende Güte«, vielleicht kann man auch Liebe oder einfach Freundlichkeit dazu sagen. Man übt damit eine freundliche wohlwollende Haltung anderen gegenüber. Diese Übung kann man auch mit Kindern machen, indem man sagt: »Umarmt euch einmal selbst und wünscht euch selbst ganz viel Glück und Freude. Dann stellt euch jemanden vor, den ihr ganz lieb habt, die Mama und den Papa oder die Oma und den Opa, und wünscht ihnen dass sie glücklich sind und es ihnen gut geht.« Anschließend sollen sie ihre guten Wünsche in die Welt hinaus senden, indem sie sagen, was sie anderen Kindern wünschen. Viele Kinder antworten dann – ganz egal woher sie kommen, ob aus Österreich oder Syrien: »ganz viele Lego-Spielsachen«😉 Darin zeigt sich, dass alle Menschen im Grunde das Gleiche wollen, nämlich glücklich sein.

Mich und auch meine Kinder macht diese Übung offener gegenüber anderen Menschen und freundlicher. Das macht mich zuversichtlich und ich bin ich mir sicher, dass mein Vertrauen nicht enttäuscht wird.

Was wünscht du dir für das Jahr 2017?

Dass auch andere Menschen wieder Vertrauen können.

Fraeulein im Glueck suchtdasglueck

schmasonnen

Vor fast genau zwei Jahren erblickte »schmasonnen« das Licht der virtuellen Welt. Drei Anläufe hatte Schirin Jäger genommen, bis sie sich am 27. Dezember 2014 entschloss, die »Welt« an ihrem »täglichen Leben mit ihrer kleinen Familie in der schönsten Hansestadt der Welt« teilhaben zu lassen – im vollen Bewusstsein, dass sie nicht eben eine Marktlücke trifft: »Ja, ein Blog ….. Es gibt ja so wenige…. Ich mach es aber trotzdem, denn ich glaube einfach daran, dass es hier so viele von Euch gibt, die genau so denken und fühlen wie ich und ich muss es Euch erzählen.« Und Schirin sollte recht behalten: In den vergangenen zwei Jahren hat sie sich mit »schmasonnen« einen festen Platz in der »Einrichtungs-Blogosphäre« erobert.

Wie und warum das Thema »Wohnen und Einrichten« ihr nicht nur persönlich am Herzen liegt, sondern auch oder sogar vor allem beruflich – darum geht es u.a. im heutigen Montagsinterview, mit dem ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche. – Vielen Dank, liebe Schirin, für die spannenden Einblicke!

hereinspaziert bei schmasonnen

Wer und was steckt hinter »schmasonnen«?

schmasonnen, das bin ich, Schirin. Wie dieser Name genau entstanden ist, kann ich Dir gar nicht sagen. Ich weiß, dass ich ihn als Benutzernamen bei der Wohncommunity »SoLebIch« angegeben habe. Aber eine richtige Anekdote kann ich dazu nicht erzählen. Mit diesem Namen begann mein Treiben in sozialen Netzen und ich es ganz gut fand, dass ich meine Identität dadurch ein wenig verstecken konnte. Mittlerweile stört es mich nicht mehr so sehr, so dass ich gerne erzähle, wer schmasonnen eigentlich ist.

Ich bin 37 Jahre alt, verheiratet, Mutter und von Beruf Diplom-Heilpädagogin. Seit einiger Zeit bin ich in der Nähe von Bremen als Pädagogische Leiterin für das Wohnangebot für Menschen mit geistiger Behinderung tätig. Nebenbei schreibe ich auf dem Blog Schmasonnen über mein Lieblingsthema Wohnen, das mir im persönlichen wie im beruflichen Kontext sehr am Herzen am liegt: Ich habe die Vision, dass Menschen mit Behinderung leben, arbeiten und wohnen können, wie sie es möchten, ohne Einschränkung. Das ist hier in Deutschland leider immer noch keine Selbstverständlichkeit.


»Wohnen steht für Geborgenheit, Eigenständigkeit und der Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen.«


Was magst du an deiner Arbeit besonders? Was wünscht du dir bisweilen anders?

Menschen mit Behinderung sollen genauso leben, wohnen und arbeiten können, wie Menschen ohne Behinderung. Dieses Grundrecht der uneingeschränkten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft verlangt die UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft getreten ist. Leider sieht es in der Praxis nicht immer so aus, dass unabhängig vom Behinderungsgrad Menschen mit Handicap uneingeschränkt am Leben aller teilhaben können. Aber genau dieses Ziel zu erreichen, macht mir große Freude an meiner Arbeit.

Es geht darum, die Wünsche und Lebensvorstellungen ernst zu nehmen, Inklusion zu ermöglichen und das alles auf Augenhöhe. Menschen mit Behinderung sollen selber bestimmen können, wie sie leben und arbeiten möchten. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit unseren Kund/innen die dafür passenden Unterstützungsangebote zu »stricken«.

Mich beeindruckend es immer wieder, wie selbständig viele unserer Kund/innen durch die entsprechende Assistenz geworden sind und von einer 24-Stunden-Betreuung, den Weg in eine eigene Wohnung mit stundenweiser Betreuung, geschafft haben. Leider ist es sehr schwer, diese Möglichkeit für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf umzusetzen. Hier fehlt es noch an entsprechenden finanziellen und personellen Möglichkeiten. Wie sich das neue Bundesteilhabegesetz auf diese Situation auswirkt, bleibt abzuwarten. Es gibt viel daran zu kritisieren – und es ist nur zu hoffen, dass es zu keiner Verschlechterung der Lebenssituation führt.

Welche Art Behinderung haben die Menschen, mit denen du arbeitest und worin unterscheiden sie sich von Menschen ohne (diese) Behinderungen?

Ich arbeite vor allem mit Menschen mit geistiger Behinderung, zunehmend aber auch mit Menschen mit sogenannten Doppeldiagnosen. Letztere haben einen besonderen psychosozialen Unterstützungsbedarf. Sie unterscheiden sich nicht zu anderen Menschen. Es ist nur so, dass sie durch ihre Behinderung nicht die Möglichkeit haben, uneingeschränkt am Leben aller teilzunehmen. Dass bedeutet, dass sich die Umwelt –also der so genannte Sozialraum – dem Unterstützungsbedarf anpassen muss. Wenn zum Beispiel ein junger Mann mit einer geistigen Behinderung den Wunsch hat, mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung zu leben, er aber Hilfe beim Einkauf, im Haushalt oder bei Behördenangelegenheiten benötigt, dann müssen sich die Bedingungen des Sozialraums entsprechend anpassen. Es ist also nicht der Mensch mit Behinderung, der sich von nichtbehinderten Menschen unterscheidet, sondern seine Umwelt unterscheidet sich von der Umwelt nichtbehinderter Menschen.

Auf deinem Blog schreibst du über Interior, Bremen, Familie und Co. Warum nicht über deine Arbeit?

Wohnen ist ein Thema, das mich über meine Arbeit hinaus fasziniert – auf meinem Blog aber einfach anders. Also trenne ich diese beiden Welten voneinander. »schmasonnen« ist mein Ausgleich zu meiner Arbeit. Schon während meines Studiums habe ich mich für skandinavisches Design interessiert und es fasziniert mich immer noch sehr. Mit meinen Bildern versuche ich zu inspirieren, denn auch ich hole mir viel Inspiration von anderen Blogs.

Irgendwie haben mein Blog und meine Arbeit dann aber doch miteinander zu tun, denn Wohnen bedeutet vielmehr als nur ein Dach über den Kopf zu haben. Es steht für Geborgenheit, Eigenständigkeit und der Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Auf der Arbeit kommt mir meine Blog-Erfahrung insbesondere dann zugute, wenn ich beim Aussuchen entsprechendem Wohnraums assistiere. Umgekehrt profitiere ich beim Bloggen von meiner Arbeit, da mir dadurch mir klar wird, was für Menschen beim Wohnen eigentlich wichtig ist.

Du lebst mit deiner Familie in Bremen. Was macht die Stadt für dich lebens- und liebenswert? Worauf könntest du gut und gerne verzichten?

Bremen hat vor allem architektonisch viel zu bieten. Neben den wohl bekanntesten Bauten im Zentrum, dem Rathaus und dem Dom ist es vor allem der Stil des »Altbremerhauses«, welches das Stadtbild so prägt. Und auch die Menschen sind sehr offen und tolerant. Inklusion ist hier ein wichtiges Thema und auch schon in vielen Bereichen umgesetzt. Seit kurzem gibt es hier zum Beispiel auch ein Restaurant, in dem Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten, ein sehr beeindruckendes Projekt.

Darüber hinaus entsteht in einem Bremer Stadtteil, der Neustadt eine tolle neue Cafészene mit innovativen Ideen und Konzepten. Das ist für Bremen wirklich neu, denn solche Konzept-Gastronomien haben es hier in der Hansestadt nicht einfach. Die Cafékultur ist hier sehr traditionell geprägt und viele neue Cafés sind leider an dieser Tradition gescheitert. Umso schöner ist es mitzuerleben, dass jetzt Cafés als Orte der Begegnung entstehen – mit gutem Kaffee und kulturellen Angeboten.

Im Großen und Ganzen bin ich wirklich sehr zufrieden mit dieser Stadt. Natürlich ist es auch mir ein Dorn im Auge, dass unser Bildungsstand so schlecht ist. Hier muss sich dringend was ändern, auch und in der Kinderbetreuung, die ist im Vergleich zu anderen Großstädten (a) sehr teuer und (b) schlecht ausgebaut. Zunehmend stört mich auch, dass der Drogenkonsum im ehemaligen Vorzeige-Quartier »Bremer Viertel« so massiv angestiegen ist und es scheinbar kein Mittel dagegen gibt. Wir wohnen zwar nicht in diesem Viertel, aber wir sind häufig dort und es fällt mir schwer, mit meinen Kindern durch die Straßen zu gehen, denn Alkoholismus und Drogen sind hier an der Tagesordnung – zu jeder Zeit.

Was bedeutet dir das »schöne Wohnen« und was macht wohnen für dich schön?

Schön ist immer individuell. Schön mag für mich anders sein als für Dich. Wichtig ist, dass man sich mit seinem Wohnstil identifiziert und vor allem nicht jedem Trend hinterherrennt. Ein eigener Wohnstil hat meiner Meinung nach Wiedererkennungswert und dann ist dieses Wohnen für mich auch schön.

Was wünscht du dir zu Weihnachten und für das neue Jahr?

Vor allem Zeit mit meiner Familie und mit meinen Freunden. Seit der Geburt meiner Tochter vor ca. einem Jahr habe ich das Gefühl, die Zeit rennt nur so an mir vorbei. Weihnachten werden wir ein bisschen innehalten, Stunden in der Natur verbringen, uns auf dem Weihnachtsmarkt verabreden und den Geruch von gebrannten Mandeln, Feuer und Zuckerstangen einatmen und den Moment genießen.

Für das kommende Jahr wünsche ich mir weniger Populismus, weniger Hassprediger und wieder mehr gesellschaftliches Miteinander. Was das neue Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderung bringen wird, ist abzuwarten. Es wird zu Beginn des neuen Jahres in Kraft treten, mit allen kritischen und lobenden Veränderungen. Nur darf es nicht dazu kommen, dass es zu einer Verschlechterung der Lebenssituation führt. Dass ist auch ein dringender Wunsch für das kommende Jahr.

schmasonnen hereinspaziert