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Glosse

Jeden 2. {manchmal auch 3.} Mittwoch im Monat hinterfragt meine Freundin und einstige Lehrerin Hazel Rosenstrauch das aktuelle »Weltgeschehen« mit kulturhistorischer Anteilnahme. Ihre erste Glosse drehte sich um Kommunikationsformen im Wandel der Zeit; die zweite nun kreist um die Frage von Engagement und Haltung in unübersichtlichen Zeiten.

Konsum, Masse, richtiger Konsum, Minimalismus, weniger ist mehr, ieva Jansone, Photographie

»Komplex, konfus & gerne auch präzise«

von Hazel Rosenstrauch

Man müsste, man sollte… in Zeiten wie diesen sich politisch engagieren. Das höre ich von Jüngeren, die in unsere real existierenden Freiheiten hineingewachsen sind (ob sie die Anspielung auf den real existierenden S. noch kennen?), von R. (21 Jahre), aber auch von S. (um die 40) und von 50-Jährigen, die die Hausbesetzerszene oder Anti-Atomkraft-Bewegung noch kennengelernt haben, und dann hallt noch dieser Satz meines 30-jährigen Sohnes nach: »Ihr habt die Erfahrung, gebt sie uns weiter.«


»Er wollte Gedichte schreiben, aber seine Partei verlangte nach Parolen, denn es war Krieg


Mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge nehme ich die Rolle an. Die alte Frage lautet: »Was tun?«, um ein berühmtes Buch zu zitieren, das 1902 geschrieben und interessanterweise 2010 neu aufgelegt wurde. In den 1960er und 70er Jahren war Lenin noch eine Referenz. Heute beneide ich all jene, die wissen, was zu tun wäre. Meine Generation ist von Zweifeln befallen, obwohl in den letzten Jahren Oldies oft mutig und radikal vor-gedacht haben (zuletzt Bernie Sanders). »Radikalität gehört zu den Privilegien der Jugend« ist einer dieser Schlüsselsätze, die ich mir nur ungern zu Herzen nehme. Es gibt tolle Entwürfe, aber es ist eben auch alles so furchtbar komplex. Viele gut gemeinte Engagements sind verdreht oder missbraucht worden, die Dinge haben sich anders entwickelt, als wir uns erträumten – und wenn ich in meinem Bücherschrank nachschaue, ging das vielen Generationen vor mir auch schon so. Zum x-ten Mal nehme ich zwecks Beruhigung das kleine Heftchen »Über die Verfinsterung der Geschichte«* mit den Dialogen von Alexander Herzen aus dem 19. Jahrhundert zur Hand.

Demonstrationen, Unterschriften, Vereine, Initiativen, Wahlen, Plattformen, Protestbriefe sind vielleicht überholt… und doch ist vieles besser geworden, als es in den 1960er und auch noch in den 80er Jahren war. Als die lebendige, vielseitige Studentenbewegung in sektiererische Sekten zerfiel, habe ich diese Frage – wo und wie kann oder soll ich mich engagieren – einem Freund meiner Eltern gestellt. Er erzählte mir von den Auseinandersetzungen der 1930er und 40er Jahre, die ihn geprägt hatten. Damals wollte er Gedichte schreiben, aber die Partei, der er im Exil angehörte, verlangte nach Parolen, denn es war Krieg. Von ihm habe ich gelernt, dass jede/r das machen soll, worin er oder sie gut ist, ich solle mich nicht zwingen und nicht überreden lassen.


»Es scheint mir derzeit besonders wichtig, einen Gestus in der Welt zu halten, der gegen die Monokultur aus Hektik, Trumpf, Behauptung bzw. Resignation helfen könnte.«


Geprägt vom 20. Jahrhundert und seinen großen Antworten habe ich eine Schwäche für scheinbar unwichtige Nebendinge entwickelt: Widersprechen, Vernunft walten lassen, Zeit zum Nachdenken herausschinden, Informationen beschaffen und nicht nur die Katastrophen wahrnehmen, eher so lange recherchieren, bis auch die ermutigenden Projekte ins Blickfeld kommen… und davon erzählen. Kürzlich war ich zwei Wochen in London und als ich zurückkam, fiel mir auf, wie sehr hier ständig Alarmstimmung herrscht (und dort hatten sie mit ihrem Brexit wahrlich Grund genug, über die Katastrophe zu klagen).

»Katastrophitis« ist ansteckend, sie macht dumm, weil sie zu Panik verführt. Konfusion war immer; es gab »früher« nur übersichtlich wenige hör- und lesbare Stimmen, die Fakten und Fakes sortierten oder Antworten boten (die unüberschaubare Fülle wurde gleichwohl schon zu Zeiten der massenhaften Verbreitung von Illustrierten oder nach der Erfindung des Radios beklagt). Aus Misstrauen gegen alles, was eine Lösung verspricht, scheint es mir derzeit wichtig, einen Gestus in der Welt zu halten, der gegen die Monokultur aus Hektik, Trumpf, Behauptung oder auch Resignation helfen könnte (eventuell neben den alten und noch nicht überholten Formen von Engagement): Aufschauen vom Bildschirm, die unbezahlbaren und unbezahlten Haltungen würdigen, lachen, (zu)hören, (nach)fragen, Nichtwissen oder auch Unsicherheit aushalten, selbst denken und andere zum Denken verlocken, zivilisiert agieren, gerne spüren, aber nicht aufs beliebte Bauchgefühl vertrauen. Und dann ist da noch diese Geschichte mit der Phantasie. Nicht, wie eine Parole der 60er Jahre hieß, »an die Macht« mit ihr, aber »an die Arbeit«. Es ist (uns) lange gut gegangen, wir sind verwöhnt und brauchen neue Ideen. Immer schon musste erst gedacht, diskutiert und phantasiert werden, bevor Erfindungen, Erkenntnisse und Perspektiven entwickelt werden konnten. Wie war das noch mit dem berühmten Denker? »Ich spinne, darum bin ich.«


*Das Büchlein von Alexander Herzen wurde »eingerichtet für das Jahr 1984« von Hans Magnus Enzensberger und herausgegeben in der {kürzlich verendeten} Friedenauer Presse. | Fotos: Lando Jansone

Buch von Alexander Herzen und Lenin

Ich freue mich, eine neue Reihe auf M i MA bekanntgeben zu können: Von heute an wird meine Freundin Hazel Rosenstrauch jeden 2. Mittwoch im Monat das aktuelle »Weltgeschehen« als teilnehmende Beobachterin mit historischer Expertise reflektieren. Ihre erste Glosse »Zeitreise« dreht sich um Kommunikationsformen im Wandel der Zeit.


Zur Person: Hazel Rosenstrauch lebt und arbeitet in Berlin. Die Mutter eines – mittlerweile erwachsenen – alleinerzogenen Sohns wurde 1945 in London geboren und wuchs als Tochter von (ex-jüdischen) Kommunist/innen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt auf. Mitte der 1960er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt, hat sie Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften studiert. Sie hat in Verlagen, für Rundfunk und Zeitungen gearbeitet, als Autorin und Redakteurin {u.a. der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen«} sowie forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Seit 2008 schreibt sie hauptsächlich Bücher und Essays, zuletzt: »Congress mit Damen. Europa zu Gast in Wien: 1814/15«. Ihre Schwerpunkte sind: die Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter. → Wer neugierig ist, erfährt in meiner »Kladde« mehr über Hazel Rosenstrauch und ihr turbulentes Leben.

Hazel Rosenstrauch via
Hazel Rosenstrauch via oqbo

Zeitreise
von Hazel Rosenstrauch 

Denk ich an Facebook (in der Nacht) oder einen der anderen Kanäle, über die Texte und Bilder durch die Lüfte schwirren und in Clouds ruhen, dann denke ich an die tendenziell panischen Debatten über das Ende der Gesprächskultur. Ich nutze das Teufelszeug nicht, aber höre von Röhren, in denen man mit seinesgleichen kommuniziert, Echokammern, aus denen die eigene Meinung zurück hallt und von Menschen, die 500 Freunde haben. Wenn mir der Sinn nach Pessimismus steht, brauche ich allerdings keine »sozialen« (?) Medien, ich kann auch bei Podiumsdiskussionen, Talkshows und Politversammlungen den Nicht-Gesprächen lauschen, es gibt viele Gelegenheiten, bei denen von oben herab ins passive Publikum gebrabbelt wird. Neulich war ich bei einem Vortrag, man ist demokratisch, also wurden am Ende die Zuhörer eingeladen, Fragen zu stellen und da hat wieder, wie fast immer, einer das Wort er-griffen. Schnapp hatte der kleine Dicke das Mikrophon und ließ es nicht los. Er erklärte ausführlich, dass auf Seite 234 des vorgestellten Buchs ein Fehler stünde, es folgte eine lange Belehrung, wir erfuhren, wie klug und belesen er ist… Das war kaum anders als die elektronischen Selbstbestätigungen, die von Algorithmen befördert werden.

Wenn mir die Diagnosen über die Zukunft der Nicht-Kommunikation zu viel werden, setze ich mich in meine Zeitmaschine und steuere das späte 18. Jahrhundert an. Ich tröste mich mit den Klagen über die »Leseseuche« und amüsiere mich über die Warnungen vor den moralischen Folgen der massenhaften Verbreitung gedruckter Schriften. Meine Zeitzeugen der 1790er Jahre haben Tausende von Briefen geschrieben, der halbe Tag war dem Blick aufs viereckige Papier gewidmet, nicht nur Frauen, auch Männer wühlten in ihren Gefühlen, berichteten mehr und weniger belangloses Zeug, das für sie bedeutsam war. Da es noch keine Smartphones gab, wurde der Ort, an dem so ein Erguss entstand, ausführlich beschrieben; wir können den Gesichtsausdruck und die Kleidung von langweiligen Familienangehörigen in witzigen Erzählungen eines Wilhelm von Humboldt nachlesen, kennen die Statuten des sentimentalen Bundes, den Henriette Herz, Karl von La Roche und Brendel Veit gegründet haben. Mit den seitenlangen Briefen wurden die Verbindungen in die damals weit entfernten Weltteile – von Berlin nach Rom, von Göttingen in die Schweiz, nach Wien und Paris oder gar bis London hergestellt.

Ich finde diese Geschichten spannend, sie stammen aus einer Zeit des Umbruchs, in der alte Regeln nicht mehr glaubwürdig waren, Traditionen porös wurden, überkommene Orientierungen nicht mehr halfen, sich in der Welt zurecht zu finden. Junge oder auch nicht mehr so junge Leute haben sich verbunden, durch Schreiben oder eben einen Bund, der eine Zusammengehörigkeit beschwor. Die Selbstdarstellung – oft mit Worten, die man bei Dichtern gefunden hatte – war eine Form der Vergewisserung, die Schreiblust und Notier-Manie hatte damit zu tun, dass die jungen Leute beim Erzählen ihre Welt und vor allem ihre Gefühle neu entdeckt haben. Bei den Selbstdarstellungen ging es damals weniger um die neueste Kleidung oder Schminke, sondern um die Schönheit der Seele, Briefe, Gedichte und Vereinigungen gehörten zu den Suchbewegungen in einer unberechenbar gewordenen Welt – ein Vergleich mit Selfies scheint mir nicht ganz abwegig. Wie heute die Posts wurden die Briefe weitergereicht, abgeschrieben, zitiert, quasi geforwardet.

»Die Freundschaftsbünde sind eine Form der Identitätsversicherung und Heimatsuche in einer Welt, deren Strukturen zerfallen.«

Ich zitiere mich hier selbst1 und mag nicht so recht entscheiden, wie viel diese Einschätzung der ungeheuer intensiven Kommunikation mit meinem Wissen über das 18. Jahrhundert und wie viel sie mit den Assoziationen zu den Suchbewegungen von heute zu tun hat. Ein Unterschied ist mir wichtig: In den Klüngeln und zum Teil unüberschaubar großen Freundeskreisen (relativ betrachtet) war das persönliche Gespräch, Rede und Gegenrede, bei der Gedanken nicht nur ausgetauscht, sondern entwickelt wurden, das lebendige, verbindende Element, aus dem neue Weltbilder entstanden sind. Ich höre in letzter Zeit öfter, gerade von jungen Leuten, man sollte nicht nur mailen und »facebuchen«, sondern mehr von Angesicht zu Angesicht reden. Da könnte noch Einiges entstehen.


1 »Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt« | Die andere Bibliothek, 2009
Beitragbild: Cornelis Norbertus Gysbrechts (fl. 1660–1683) | Quelle: Wikimedia