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Bevor Peter Lindbergh, der mit bürgerlichen Namen Peter Brodbeck heißt, zum internationalen Starfotografen wurde, arbeitete er als Schaufensterdekorateur und studierte Malerei und Konzeptkunst in Düsseldorf. Erst 1971 wandte sich der von Berliner Avantgardekunst inspirierte 27jährige der Fotografie zu – und machte international Karriere. Die erreichte 1990 mit seinem Titelbild für die Januarausgabe der britischen Vogue ihren Höhepunkt: Quasi über Nacht wurde Lindbergh zum »Schöpfer der Supermodels« und läutete eine neue Ära der Modefotografie ein: weg vom »Kleiderständer« hin zur Persönlichkeit.


»Bei richtiger Schönheit sprechen wir über Individualität, über die Courage man selbst zu sein, die eigene Sensibilität einer Person. Alles andere ist nur eine manipulierte Fiktion.« Peter Lindbergh


Ich mag Lindberghs Fotografien, die mehr Filmstill als Foto sind – und stets eine Einladung zum Kopfkino. Ob die rauchende Kate Moss, die Frauen im weißen Hemd oder »Naomi, Linda, Tatjana, Christy und Cindy in den Straßen von New York« – jedes Bild scheint den einen, den ganz besonderen Moment festgehalten. Und wir, die Betrachter/innen, sind eingeladen, die ganze Geschichte zu erfinden, deren {vorwiegend weibliche} Protagonisten in ihrer Ungezwungenheit und Schönheit für ein uneingelöstes Versprechen stehen: das Versprechen auf die volle Anerkennung und unantastbare Würde des Individuums.

Die Kunsthal Rotterdam zeigt seit dem 10. September und bis zum 12. Februar 2017 eine erste umfassende Retrospektive des schon heute legendären Modefotografen, die anschließend um den Globus wandern wird. Anhand von über 220 Lindbergh-Fotografien erzählt »A Different Vision on Fashion Photography« die Geschichte der Mode seit 1970 und wie sie sich mit Lindbergh verändert hat. Parallel zu der von Thierry-Maxime Loriot kurierten Ausstellung hat der TASCHEN Verlag im September seinen gleichnamigen Begleitband herausgebracht.  Das 500 Seiten starke Buch mit mehr als 400 Fotografien gibt Einblick in Lindberghs Schaffen seit den 1970er Jahren – ein wunderbares Buch, finde ich: Kopfkino ohne Ladenschluss. Umso mehr freue ich mich, ein Exemplar an euch verschenken zu können.

Hinterlasst dazu einfach bis zum 30. November 0.00 Uhr eine kurze Notiz, was euch an Lindberghs »Vision on Fashion Photography« fasziniert {bitte unbedingt eine E-Mailadresse angeben!}. Frau Zufall und Herr Glück werden haben das Übrige tun getan und die Nr. 12 orakelt – Herzlichen Glückwunsch, liebe Katja!

Du kannst – wie alle anderen natürlich unbedingt auch – dein Buch am Samstag, den 3. Dezember zwischen 16 und 18 Uhr sogar von Lindbergh höchstpersönlich signieren lassen. Dann nämlich ist der Starfotograf anlässlich der Eröffnung des ersten Berlin TASCHEN Flagshipstores in der Hauptstadt.

Einladung zur Signierstunde von Pter Lindbergh im TASCHEN Store Berlin

Ich danke dem TASCHEN Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars und eines weiteren Buchs für meine Leser/innen.

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Alle Jahre wieder im November tauchen sie auf – die zwei großen Fragen:

1.) Was für einen Adventskalender mache ich dieses Jahr?
2.) Und womit fülle ich ihn?

In den vergangenen Jahren habe ich diverse Antworten gefunden: 1234, 5, 6 und 7. Nur dieses Jahr will mir einfach nichts in den Sinn kommen und noch bin ich nicht bereit, einen »Fertigkalender« zu kaufen. Darum: Habt ihr vielleicht eine schöne DIY-Idee für mich?

{Werbung} Mit dem Lesen ist das so eine Sache. Jeden Abend nehme ich es mir vor und dann fallen mir, ich übertreibe nicht, nach weniger als drei Zeilen die Augen zu – ganz gleich ob oder wie ausgeruht ich bin. Bislang war ich diesem buchstabenbasierten Sekundenschlaf machtlos ausgeliefert, doch kürzlich habe ich ein Gegenmittel entdeckt: Polsterbetten {zum Beispiel von Grand Luxe}.

Mein lehnenloses Futonbett nämlich zwingt mich – so hoch kann ich die Kissen gar nicht türmen – zum Liegelesen. Nun gibt es durchaus großartige Liegeleser/innen. Ich kenne einige – mein »Bettnachbar« etwa zählt zu dieser Spezies. Er kann ohne den geringsten Anflug von Lidschwere bis zum Morgengrauen lesen. Während ich den x-ten Anlauf nehme, um auf Seite 1 den Sprung von der Syntax zur Semantik zu schaffen, ist er Dostojewskis Raskolnikow {»Schuld und Sühne«} bereits ins sibirische Arbeitslager gefolgt… {grmpf}.

Ich bin, wie ich jetzt weiß, Sitzleserin. Mit aufrechtem Rücken ans Polster gelehnt bin ich immun gegen jedwede Lidschwere und beinah so schnell in Sibirien wie mein »Bettnachbar«. – Hat vielleicht jemand Interesse an einem wunderschönen, gebrauchten Futongestell? Oder seid ihr auch eher der Typ »Sitzleser/in«?

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Hinweis: Dieser Beitrag ist aus der Zusammenarbeit mit Grand Luxe entstanden, von denen auch die Fotos stammen.

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Mode? Ist nicht mein Ding – oder besser: war. Nicht etwa weil sie mir gleich wäre. Im Gegenteil. Sondern weil ich mich – trotzdem ich mich für einigermaßen modebewusst halte – nie sicher fühlte auf diesem schmalen Grat zwischen Sachverstand, Feingefühl und Finanzen.


»Modebewusstsein verlangt, sich seiner selbst bewusst zu sein, also seine Schwächen und Stärken zu kennen und herauszufinden, was der eigenen Persönlichkeit entspricht.«  Gabriele Strehle


Die einschlägige Ratgeberliteratur hat mir bislang wenig geholfen, mehr Sicherheit zu gewinnen. Entweder konnte ich mich in den vorgegebenen Modetypen nicht finden {ich würde das „kleine Schwarze“, das ich nicht besitze, weder mit Lacklederstiefeln noch mit Strickjacke oder Perlenohrringen kombinieren} oder ich fühlte mich nicht gemeint {große Mager-Models in 1.000-Euro Kleidern zielen in jeder Hinsicht an mir vorbei}. Meine Modelust lag daher jahrzehntelang in einer Art Dornröschenschlaf. Das könnte sich jetzt ändern, denn Journalistin und Bloggerin Marlene Sørensen {spruced.us} hat ein Modebuch geschrieben – mit der Kraft des Erlöserkusses. 

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Stilvoll – Inspiration von Frauen, die Mode lieben ist mehr als ein Ratgeber. Zwar beantwortet das Buch auch die typischen Stil- und Modefragen, zum Beispiel: Welche Kleider gehören in einen wohlsortierten Kleiderschrank? Was trägt man wann und kombiniert man wie? Doch dabei bleibt es nicht stehen. Marlene Sørensen will nicht »nur« beraten; sie will ihre Leser/innen mit ihrer Lust am Kleiden und Verkleiden, Sich-Finden und Neu-Erfinden infizieren. Dafür hat sie eine ganze Entourage von Frauen um sich gesellt, die ihre Liebe zur Mode teilen und doch ganz unterschiedlich ausdrücken. So etwa Sängerin Joy Denalane, Kostüm- und Bühnenbildnerin Aino Laberenz, Schauspielerin Hannah Herzsprung oder die Bloggerinnen Claire Beermann und Jessica Weiß.


Mit Leichtigkeit und Witz erschließt Marlene Sørensen auch jenen die hohe Kunst des Kleidens, die keine »textile Früherziehung« genossen haben. 


Charmant und witzig portraitiert Marlene ihre modischen Begleiterinnen und zeigt, was man von ihnen lernen kann. Dazu gibt sie jede Menge Tipps, die sich nie wie Ratschläge anfühlen, sondern stets wie ein so einfaches wie raffiniertes Rezept daherkommen: Worauf es sich zu sparen lohnt oder wo man eine preisgünstige Alternative findet, wie man sich in fünf Minuten perfekt kleidet oder seinen Stil von jetzt auf gleich verändert, die ideale Jeans findet oder sich gekonnt in Übergrößen hüllt. Wenn ich überhaupt etwas an diesem Buch kritisieren kann, dann allein an der {typo-}grafischen Gestaltung: Ein bisschen weniger Blogstyle und etwas mehr Buchkunst hätte es meines Erachtens noch stilvoller gemacht. Doch das fällt kaum ins Gewicht. Stilvoll gelingt es auch so, das das Beste aus Buch und Blog zu vereinen. 

Die Schwächen der digitalen Form, ihre Flüchtigkeit und die einseitig-visuelle Sinnlichkeit, werden qua Druck ins Beständige überführt mit allen sinnlichen Konsequenzen: Man riecht, schmeckt, hört, fühlt, sieht. Und dabei atmet das Buch den egalitären Geist der Blogosphäre. Nirgendwo weht einem die kühle Arroganz entgegen, die in so mancher Modepublikation Sturmgeschwindigkeiten erreicht. Marlene Sørensen lässt – ganz Bloggerin – alle und jede/n großherzig an ihrem Wissen und Können partizipieren, ohne dabei jemals ins Banale abzudriften. Mit Leichtigkeit und Witz erschließt sie so auch all jenen die hohe Kunst des Kleidens, die keine „textile Früherziehung” genossen haben. Ein wahrhaft ansteckendes Vergnügen.


Marlene Sørensen
Stilvoll – Inspiration von Frauen, die Mode lieben
erschienen bei Callwey | September 2016

Das Buch mit gesticktem Titel ist in drei Farben erhältlich und kostet 29,95 Euro.


Fotos: Marlene Sørensen

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Karl-Marx-Straße 17 Berlin-Neukölln. Zweiter Hinterhof – und dann immer der Zitrone nach. Hinter einer schweren Stahltür im dritten Stock liegt die COJE. Hierher haben Anselm und Lina geladen, um die Veröffentlichung der zweiten Ausgabe ihres Lifestyle-Indie-Magagins archiv/e zu feiern.


EINE NAHEZU PERFEKTE VERBINDUNG VOM DIGITALEN INS ANALOGE. EIN UNFASSBARER ÄSTHETISCHER FLOW. – DIE MACHER BEHERRSCHEN DIE KUNST DER UMSETZUNG VON EINEM MEDIUM INS ANDERE. HoppundFrenz


Als mir die Tür geöffnet wird, erlebe ich eine Überraschung: Vor mir liegt ein kleines Dorf. 10 Holzhütten stehen in der großen Loft-Etage, eine Lounge ist der Dorfplatz, eine offene Küche der Gemeinschaftstreff.

Ich kann mir wenig schönere Orte für den Release des archiv/e Magazins 02 vorstellen als den Multifunktionsraum von Marcus und Isabella Kolata. Das junge Designerpaar wollte für Kreative aus aller Welt eine Unterkunft, einen Arbeits-, Ausstellungs- und Austauschraum in einem erschaffen – das ist ihnen gelungen! Zwischen Altholz und Grünpflanzen treffen Gastfreundschaft und Inspiration glücklich zusammen. Das hat sicher seinen Teil zum Gelingen der Publikationsparty beigetragen.

Über 70 Leute waren Linas und Anselms Einladung gefolgt– trotz strahlend blauem Himmel und 30°C im Schatten: Frauen und Männer, Jung und Alt und Mittelalt, Blogger/innen, Blogleser/innen und Printliebhaber/innen flanierten plaudernd durch die Fotoausstellung von archiv/e-Bloggerin Cindy Ruch {cake+camera}, genossen das Buffett und die Bagels nach einem Rezept von Julia Herrmann {Chestnut & Sage}, bastelten Papierdiamanten von und mit Jules Villbrandt {herz und blut} und lauschten meiner „Ode an Berlin„. So viele gute Gespräche. Von Papier bis Politik, von Beruf über Berufung zur verkanten Kreativität des Maschineningenieurs. Neue Kontakte wurden geknüpft und lang geplante Begegnungen Wirklichkeit {endlich habe ich Danane kennengelernt!}.

Nach diesem rundum schönen Samstagnachmittag {mehr Impressionen findet ihr hier} ist das zweite Magazin nun also im Verkauf. Es ist etwas anders als die erste Ausgabe mit der großartigen stepanini, denn die Inhalte stammen dieses Mal von vier verschiedenen Blogs: herz und blut deckt den Bereich Wohnen ab, cake+camera steht für die Rubrik Reisen, Chestnut & Sage kümmert sich ums Essen und M i MA steht fürs Denken. Neu ist auch, dass in jedem Kapitel bit.ly-Links zu Originalinhalten, Klängen und spannenden Projekten führen.

Warum die beiden Magazinmacher/innen das Konzept erweitert haben, könnt ihr im Interview mit Anselm und Lina nachlesen, dass ich Anfang August mit den beiden geführt habe. Außerdem könnt ihr hier und heute eines von drei Magazinen 02 gewinnen.


BIS FREITAG, DEN 23. SEPTEMBER 16 KÖNNT IHR EINES VON DREI ARCHIV/E MAGAZINEN 02 GEWINNEN.


Hinterlasst bis Freitag, den 23. September 0.00 Uhr eine Nachricht und verratet Anselm, Lina und mir, worauf ihr im neuen Heft am meisten gespannt seid. Die Gewinnerinnen sind: Sabine {2}, Bettina {11} und Astrid {15}. Herzlichen Glückwunsch! Bitte schickt mir eure Adresse per Mail.

Einen kleinen Einblick ins Magazin findet ihr hier:

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FORMOST, Schwerin, DDR-Design, Matthias Kanter, gute Form, gute Produkte, Bauhaus, WerkbundEs ist ein sonniger Mittag. Ich sitze im Innenhof der Berliner Stadtbibliothek und telefoniere mit Matthias Kanter, Inhaber von FORMOST. Eine halbe Stunde war für unser Gespräch angesetzt. Nach eineinhalb sind wir einmal quer durch die Designgeschichte bis nach Persien, aber noch lange an kein Ende gekommen. Wäre mein Akku nicht bald leer und mein Ohr schon heiß, ich hätte seinen Geschichten und Ansichten noch stundenlang folgen mögen.

Matthias Kanter. Wer ist das?

Ein Maler, 1968 in Dessau geboren, aufgewachsen im einzigartigen Gartenreich Dessau-Wörlitz, wo meine Mutter als Restauratorin tätig war. Die Umweltbelastungen der nahe gelegenen Bitterfelder Chemieindustrie machten mir jedoch so zu schaffen, dass wir schließlich nach Schwerin übersiedelten.

Meine Liebe zu Kunst und Design aber hat Dessau geprägt.

Dessau ist ein einzigartiger Ort. Es ist kein Zufall, dass das Bauhaus 1923 hierher kam. Unter Fürst Leopold III. Friedrich Franz entwickelte sich die Stadt Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem Zentrum der Aufklärung, in dem – dank seiner aufgeklärten Politik – das jüdische Leben ebenso blühte wie (Volks-)Bildung und Wirtschaft. Leopolds Ansätze und Ideen gipfeln im Dessau-Wörlitzer Gartenreich: Die 142 km² große Anlage mit ihren Schlössern und Parks sollten allen und jedem ästhetisches Vergnügen bereiten und seiner persönlichen Bildung dienen.

Dass ihn dieser großangelegte Ansatz der ästhetischen (Volks-)Erziehung quasi sein gesamtes Vermögen kostete, war dem überzeugten Aufklärer gleich.  Lieber lebte er bescheiden in einem Refugium als die Idee der „Kunst für alle“ aufzugeben.

Matthias Kanter, FORMOST, DDR, Design, Malerei

Neben der Kunst hast du FORMOST. Wie kam es dazu?

Es begann mit einer Idee. Ein paar Freunde von mir, darunter der Sammler und Journalist Gerhard Höhne, wollten ein Museum für DDR-Design gründen. Es sollte die Geschichte des Designs in Ostdeutschland in all seinen Facetten und Traditionen zeigen: vom Bauhaus bis zur Industrialisierung, die ja – was heute kaum mehr gewusst wird – in Ostdeutschland (Preußen) wesentliche Ursprünge hatte.

Als Standort schwebte uns Wismar vor, weil die Stadt ein designhistorisch neutraler Ort war. Berlin und Dessau standen in der Tradition des technisch-rationalen Industriedesigns. Halle und Weimar für die gegenläufige künstlerisch-subjektive Designtradition. Wismar, in dessen Nähe (Heiligendamm) 1950 die Fachhochschule für technische Gestaltung ge- und damit gleichsam eine unabhängige Designlehre begründet wurde, schien uns ein guter Ort.

2005 gründeten wir den Verein FORMOST als Träger des Museums. Ich war zunächst nur in beratender Funktion dabei. Zwei Jahre später eröffnete ich – inspiriert von Manufactum und getragen von der Idee, gutes “DDR-Design” wiederaufzulegen – den Laden in Schwerin. Eigentlich war er als Museumsshop konzipiert – nur das mit dem Museum wurde nichts. Den Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung fehlte es am nötigen Mut. Nun ist die Sammlung im Besitz der Pinakothek  der Moderne in München – und FORMOST ein Laden für „Design mit langer Tradition“. Und das ist auch gut so.

FORMOST, Schwerin, DDR-Design, Matthias Kanter, gute Form, gute Produkte, Bauhaus, Werkbund

Wer steckt alles hinter FORMOST?

Am Anfang waren wir zwei, drei begeisterte Laien. Wir erfanden einen Laden mit Internet-Handel, ohne uns darüber im Klaren zu sein, dass Sachverstand und Leidenschaft allein nicht ausreichen. Es braucht auch Investment. Vor einem Jahr haben uns Freunde mit viel Know-how unter die Arme gegriffen, und jetzt schauen wir schon viel optimistischer in die Zukunft.

Was ist eure Motivation und euer Ziel?

Wir wollen gutem Design eine Plattform geben. Dazu gehört auch, aber nicht nur Design aus der DDR.  Heute findet man bei FORMOST herausragende Designer/innen und Marken aus aller Welt.

FORMOST, DDR-Design, gute Form, gute Ware, Schwerin

Was macht gutes Design für dich aus?

Gutes Design zielt primär auf Langlebigkeit – im Unterschied zum “modischen Design”, das kurzfristigen Geschmacksvorlieben (Trends) folgt und vor allem gefallen will. Es zeichnet sich durch eine zeitlos schöne Form aus, in der auch die Freude der Gestalter/innen, ihr Stolz und Glück am gelingenden Tun zum Ausdruck kommt.

Gute gestaltete Produkte sind lange haltbar,
anpassungsfähig, nützlich – und schön!
Darum haben sie meist auch das Zeug zum Klassiker.

Was ist denn “schön”?

“Schön” ist zunächst einmal ein Geschmacksurteil und unterliegt als solchem natürlich immer auch dem Wandel der Zeit. Und doch glaube ich, dass Schönheit etwas Universelles hat. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Menschen bestimmte Gemälde und literarische Werke, Gebäude, Landschaften etc. über alle Zeiten hinweg und aus den unterschiedlichsten Kulturen für schön erachten?  

Und doch glaube ich, dass Schönheit etwas Universelles hat.

Ich halte Schönheit für ein wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Gestaltungsprinzip. Auch oder gerade wenn es um Nachhaltigkeit geht.  All die moralischen Appelle an unsere Vernunft haben bislang nicht dazu geführt, dass wir unser (Konsum-)Verhalten ändern. Wer will denn auch beim Kauf eines T-Shirts dessen Produktionsbedingungen reflektieren? Oder sich die “Shoppinglaune” durch Verzichtsbelehrungen verderben lassen?  Wäre Nachhaltigkeit schön, würden wir aus Lust und Laune nachhaltig handeln. Denn Schönheit appelliert an die Lust, die Freude, den Überschwang, das Glücksgefühl. Man denke nur an die Kirschblüte: welch zauberhaft schöne Verschwendung der Natur. Deshalb sind wir begeistert von der „Cradle to Cradle“-Idee von Michael Braungart.

Was macht “DDR-Design” aus?

Die DDR hat viel gutes Design hervorgebracht  – und zwar nicht weil der Sozialismus die besseren Designer/innen hervorgebracht hätte, sondern weil die Bedingungen so waren wie waren: das Material war knapp, der Zugang zur internationalen Designszene abgeschnitten, die Produktion staatlich reglementiert.

Viele Designer/innen knüpften an die Traditionen der Vorkriegsjahre an, allen voran den Werkbund und das Bauhaus. Unter den gegebenen Voraussetzungen versuchten sie deren Gestaltungsgrundsätze weiter zu entwickeln.  So entstanden zeitlos schöne Entwürfe, die nicht nur funktional, sondern eben auch im besten Sinne nachhaltig waren (Beispiel: Renate Müller, Gerd Kaden oder Rudolf Horn).

FORMOST, Schwerin, DDR-Design, Matthias Kanter, gute Form, gute Produkte, Bauhaus, Werkbund

Warum sind die guten Gestaltungsentwürfe aus der DDR in Vergessenheit geraten?

Nach Wende interessierte sich hierzulande mit wenigen Ausnahmen niemand für Produkte aus der ehemaligen DDR. Sie wurden als Erzeugnisse eines Unrechtsregimes betrachtet und man maß ihnen keinen eigenständigen gestalterischen Wert bei. Bis heute ist eine sachliche designtheoretische und -historische Annäherung kaum möglich. Man hat immer die Geschichte der Diktatur und des Unrechtsstaats im Schlepptau.

In Finnland und Japan sieht das übrigens ganz anders aus. Dort hat man den Wert des “DDR-Designs” schon früh erkannt. Der finnische Designer Tapio Wirkkala (Iittala) beispielsweise schwärmte schon in den 1960er Jahren, dass man in der DDR die beste Designausbildung der Welt erhalte. Und in finnischen Wohnungen und auf finnischen Flohmärkten findet man bis heute viele Gegenstände und Möbel aus der DDR.

Was ist mit dem Design aus der DDR alles verloren gegangen?

Eine große Chance!

Man hätte eine Art deutschen MUJI machen können
mit den Gestaltungsentwürfen aus der DDR.

MUJI ist die Abkürzung von Mujirushi Ryōhin, was soviel bedeutet wie: „Keine Marke, gute Produkte“, und steht für minimalistisches Design Funktionalität und nachhaltige Produkte. Namhafte internationale Designer/innen arbeiten für das japanische Unternehmen – anonym, so dass niemand weiß, welches Produkt von wem entworfen wurde. Das pure Design und die reine Nützlichkeit sollen die Kunden überzeugen.

Das Konzept geht auf. MUJI ist mittlerweile mit mehr als 400 Filialen in über 16 Ländern vertreten. Etwas Ähnliches hätten wir mit den guten Produkten aus der DDR auch schaffen können. Aber wer weiß, vielleicht findet sich ja noch Investor/innen,  die das Potenzial der Entwürfe aus der DDR erkennen und sie neu auflegen. Noch ist es nicht zu spät. 

FORMOST, Schwerin, DDR-Design, Matthias Kanter, gute Form, gute Produkte, Bauhaus, Werkbund, Hedwig Bollhaben

Es passt nicht ganz in die Kategorie „Design“, aber es ist „made in GDR“: das Funkhaus Nalepastraße, das ich kürzlich besuchte (und dabei zufällig auch ein UFO entdeckte). Ein imposantes Gebäudeensemble liegt da jwd* direkt an der Spree und spricht eindeutig die Sprache des Bauhauses. Das ist ungewöhnlich ist, bedenkt man, dass es mitten im Formalismusstreit (1951 bis 1956) entstand. Ungewöhnlich  – und weltbekannt – ist auch seine Akustik.Diverse Musikgrößen und -labels nutzten das Studiogebäude ob seiner herausragenden Klangqualität, der optimalen Nachhallzeit und seiner Ausstattung. Darunter A-ha und Sting, Universal, BMG und Sony, das Deutsche Filmorchester Babelsberg,  Kent Nagano und Daniel Barenboim, der es als „eines der besten Aufnahmestudios weltweitbezeichnet. Hinter dieser ingenieurtechnischen Meisterleistung stand, neben dem Chefingenieur Gerhard Probst, dem Akustiker Lothar Keibs und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Gisela Herzog, der Architekt und Möbeldesigner Franz Ehrlich.Ehrlich ist eine schillernde Gestalt. 1907 als fünftes Kind in Leipzig geboren, wächst der überzeugte Kommunist in einfachsten Verhältnissen auf. Nach der Volksschule absolviert er zunächst eine Maschinenbauehre. 1923 besucht er eine Bauhaus-Ausstellung in Weimar und weiß nun, was er werden will: „Bauhäusler“. Er studiert bei László Moholy-Nagy, Paul Klee, Oskar Schlemmer und Joost Schmidt.

Die neue Gesellschaft, die dann kam, war freilich nicht die, die er meinte. Als die Nazis die Macht übernehmen, arbeitet Ehrlich als Werbegrafiker in Leipzig und gibt nebenher die illegale Zeitschrift „Junge Garde“ mit heraus. 1934 wird er verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1937 kommt er nach Buchenwald: Zwangsarbeit im Steinbruch, ein Todesurteil.

Doch seine Fähigkeiten retten ihm das Leben. Ehrlich wird ins „Werkstättenaufbau-Kommando“ geholt. Dort entwirft er im Auftrag der Lagerleitung Wohnhäuser, Mobiliar für die Kommandanten, darunter eine Wiege mit SS-Runen. Viele seiner Blätter aus der Zeit im KZ sind erhalten geblieben. Ein Entwurf aber ist weltbekannt: der zynische Schriftzug im Tor des KZs, „Jedem das Seine“.

Auch der gelernte Bauhaus-Architekt und Möbelgestalter Franz Ehrlich steht für die serielle Typenproduktion. Seine in den 1950er Jahren entworfene Möbelserie 602 entwickelte sich zum Exportschlager und zählt zu den Design-Klassikern aus der DDR. Ehrlich war eine schillernde Gestalt. Der Erbauer des Funkhauses Nepalastraße in Berlin war Buchenwald-Inhaftierter und -Angestellter, verkanntes Genie, Hochstapler und Spitzel, eigensinnig und egoistisch. Als Gestalter wurde in der DDR ob seines „formalistischen Stils“ verschmäht, gleichzeitig aber als Devisenbringer und Chef-Designer der DDR-Außenhandelsrepräsentanzen heiß begehrt: „Ob in Moskau oder Peking, in Kairo oder New Delhi, in Brüssel oder Paris: alle hat Franz Ehrlich gestaltet. Aber in der DDR scheiterte Ehrlich mit seinen Entwürfen.“ Quelle

Schichtholzstuhl von Erich Menzel

HINWEIS: Wer die Klangqualitäten des Gebäudes live erleben möchte, kann dies am 11. Juni im Rahmen des MIRA Festivals tun.

und angeblich die beste Akustik 

 

*janz weit draußen
„Diese Vasen haben mit Kunst nichts mehr zu tun, denn jede sinnlich-ästhetische Wirkung wurde eliminiert“, schrieb der Journalist Karl-Heinz Hagen am 4. Oktober 1962 im Neuen Deutschland und verlieh dem Unverständnis der DDR-Obrigkeit, in Persona Walter Ulbricht, damit den Schein der Objektivität. Gegenstand der Kritik waren die Zylindervasen von Hubert Petras [*1929; †2010] auf der V. Deutschen Kunstausstellung in Dresden. Ihre Formensprache, in der „die ruhige Senkrechte die dominierende Sprache war und die Abwandlung untereinander ein rhythmisches Spiel“*, blieb dem Vorsitzenden des Staatsrats Ulbricht gänzlich verschlossen. „Kalt, glatt, nichtssagend“ fand er Petras geometrische Komposition. Dabei waren die schlicht-weißen Porzellanentwürfe eine konsequente Antwort auf zentrale Gestaltungsfragen in der DDR.
Der 1929 im slowakischen Kniesen geborenen Petras verfolgte – inspiriert von Wilhelm Wagenfeld und dessen Verständnis der „guten Form“ – einen Ansatz, der mit dem Ulmer Modell vergleichbar ist: An der Hochschule für Gestaltung Ulm entstand in den späten 1950er „ein auf Technik und Wissenschaft abgestütztes Modell des Design, der Designer nicht mehr als übergeordneter Künstler, sondern gleichwertiger Partner im Entscheidungsprozess der industriellen Produktion.“ (Otl Aicher).
In seinen Vasen verbanden sich Materialkenntnis, technisches Know-kow und gestalterisches Können. Insofern waren sie prädestiniert für die Sonderschau in Dresden, die den Stand des Industriedesigns der DDR repräsentieren sollte. Doch die dem „politischen Kitsch“ (Milan Kundera) zugeneigte DDR-Obrigkeit sah das anders: „Überschaut man die Exponate, so herrscht der Hang zum kalten Ästhetizismus, zu farbloser Eintönigkeit und Verarmung der künstlerischen Formen bis zum nackten Funktionalismus vor.“ (Karl-Heinz Hagen) So wurde die Ausstellung für den gelernten Töpfer und studierten Gefäßgestalter zum Eklat: Petras, der seit 1958 als künstlerischer Leiter an der Porzellanmanufaktur Rudolstadt-Volkstedt tätig war, wurde als „Formalist“ diffamiert und erhielt noch im selben Jahr Berufsverbot.

Wannenbottich für die Werit Kunststoffwerke (c) FORMost

 

Hubert Petras: Gläser | 1985/1986 | Glaswerk Harzkristall, Derenburg (c) HVG

Drei Jahre schlug er sich als freier Gestalter durch, bis er dank des couragierten neuen Rektors Erwin Andrä 1965 an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle – von der der finnische Designer Tapio Wirkkala (Iittala) schwärmte, man erhalte hier die beste Designausbildung der Welt –  eine neue Wirkstätte fand. Von 1966 bis 1995 lehrte Petras dort Industriedesign und trug maßgeblich zur Profilierung des Fachgebietes Gefäßdesign bei: „Konsequent in der künstlerischen Haltung schuf er zeitlos gültige Formen von hoher plastischer Sensibilität.“ Dabei bediente er sich nicht nur Porzellan und Glas, sondern setzte sich auch mit Kunststoffen auseinander, die sich seit den 1950er Jahren immer mehr durchsetzten. Wie?

Das wird exemplarisch an seinem Wannenbottich für die Werit Kunstsstoffwerke deutlich: „Der enge gestalterische Spielraum, den einem die Anforderungen ließen: die Fließform […], der Wunsch nach ganz einfacher Herstellbarkeit, die Haltbarkeit der Griffe usw. – das alles in eine einfache, klare und überzeugende Form zu bringen, eine Form überdies, die nicht einfach dem Diktat von Technologie und Festigkeit unterworfen ist, sondern einem adäquaten Ausdruck dessen und einer angenehmen Handhabung folgt. […] Derartige Vorgaben empfinde ich nicht als Einschränkung, sondern als herausfordernde Bedingungen, die mich oft ungemein motivieren.“** Für jenen Bottich wurde der lang geschmähte Petras 1979 sogar mit dem Design-Preis der DDR ausgezeichnet, und doch blieb die Polyethylen-Wanne ihm ein Dorn im Auge: Man hatte sein Griffdesign einfach abgeändert (heute werden die Bottiche in der Petraschen Ursprungsversion wieder hergestellt).

Links: Spülkasten Nr. 930 | VEB Sanitärtechnik Eisenberg (c) Kommunale Galerie Berlin| 1985 |
rechts: Schalenset | Wallendorf | 1961 (c) Jens Hartwig (Designhandlung)

Andere Haushaltsgegenstände aus Petras Feder, die er unter der Prämisse des zweiten Bauhausdirektors Hannes Meyer Volksbedarf statt Luxusbedarf entwarf, sind der formvollendete Spülkasten Nr. 930 von 1985 für die Firma VEB Sanitärtechnik Eisenberg (Bilder) oder die minder gelungenen Aschenbecher. Der formschöne Fön, den er bereits 1959 entworfen hatte, war bis 1989 in Produktion – ich hoffe noch auf die Wiederauflage der ersten Industrieentwurfs von Petras.

LD-Haarfön | VEB Elektrowerke Blankenburg | 1959 (c) Christoph Sandig
Hinweis: Das Museum in der Kulturbrauerei zeigt vom 8. April 2016 bis 19. März 2017 Design aus der DDR: alles nach plan? Formgestaltung in der DDR
………………….
*aus: Penti, Erika und Bebo Sher – Die Klassiker des DDR-Designs. Hg. von Günter Höhne, S. 170
**aus: Gespräch mit Hubert Petras, Die Burg 6, 1996, S. 37
Würfelspiel von Ursula Wünsch | Schildkröte von Renate Müller | Der grüne Baum von Gerd Kaden


Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen und sich nicht mehr davon erholt„, antwortet Renate Müller auf die Frage, was die Enteignung für den Einzelnen bedeutete. Die Gestalterin aus der thüringischen Spielzeugstadt Sonneberg steht mit ihrer Unternehmensgeschichte exemplarisch für viele Handwerksbetriebe in der DDR – anders als mit ihrer Erfolgsgeschichte. Müller ist die einzige DDR-Gestalterin, die nach der Wende zu einem gewissen Weltruhm gelangt ist. Ihre „Rupfentiere“ stehen seit 2010 im MoMa (New York) und wechseln auf Auktionen schon mal im vier- bis fünfstelligen Zahlenbereich ihre Besitzer/innen. Doch zurück zum Handwerk.
Das Handwerk hatte einen schweren Stand in der DDR. Ideologisch verbrämt, praktisch unumgänglich (man brauchte sowohl seine Expertise als auch die Produktionsstandorte) wurde es seit den späten 1950er Jahren zunehmend beschnitten. 
Am 12. März 1959 verabschiedete die Volkskammer der DDR zwei Gesetze*, die eine Vielzahl handwerklicher KMU zwangen, den Produktionsgemeinschaften des Handwerks (PGH) beizutreten. Der Verlust der unternehmerischen Selbstständigkeit ging zunächst mit einem wirtschaftlichen Aufschwung einher – ein Dorn im Auge der Parteifunktionäre, die einen neuen Kapitalismus heraufziehen sahen. Auf dem VIII. Parteitag Anfang 1972 verkündete der neue Generalsekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED, Erich Honecker, schließlich das Ende des sogenannten „nicht-sozialistischen Sektors in Handel und Gewerbe„, woraufhin sämtliche Großbetriebe innert weniger Monate enteignet und verstaatlicht wurden – so auch Spielzeugmanufaktur H.J. Leven-KG von Renate Müllers Eltern.

Kleiner Exkurs in die Firmengeschichte: Die Firma H.J.Leven Sonneberg wurde 1912 von ihrem Großvater gegründet. Nach seinem Tod übernahmen die Eltern 1962 die Spielzeugmanufaktur; Renate Müller stieg 1967 nach ihrem Studium an der Fachschule für Spielzeug bzw. Ingenieurschule für Maschinenbau und Spielzeugformgestaltung ins Geschäft ein. Auf Anregung ihrer Lehrerin Helene Haeussler begann sie mit der Fertigung der „Rupfentiere“.

Die nach dem groben Jutegewebe benannten Spielzeuge waren für therapeutische Zwecke (Kliniken und Kindergärten) konzipiert und gelangten daher nie in den normalen Handel. Die ersten Entwürfe waren Studentenarbeiten: das berühmte Nashorn stammt von Gudrun Metzel, die Ente von Elfriede Fritsche. Quelle Die im wörtlichen Sinne reizvollen Tiere fanden sofort Anklang; in enger Zusammenarbeit mit Ärzt/innen, Psycholog/innen und Therapeut/innen begann Renate Müller die Kollektion zu erweitern.

Die unterschiedlichen Oberflächen der Müllerschen Rupfentiere regen zum Greifen, Fühlen, Tasten und Turnen an. Bild links | Bild rechts

Nach der Verstaatlichung des elterlichen Betriebs arbeitete Renate Müller zunächst weiter. Doch als 1976 sämtliche kleinen Spielzeugbetriebe zum Kombinat Sonni zusammengefasst wurden und sie ihre Arbeit nicht fortsetzen konnte, beantragte sie die Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler der DDR. Auch damit stand Müller nicht allein. Viele DDR-Designer/innen wählten diesen Weg, da freiberufliche Künstler/innen mehr Freiheiten genossen als angestellte Industriegestalter/innen.


Auch Gerd Kaden, ein weniger bekannter, aber nicht minder großartiger Spielzeugdesigner wählte diesen Weg. 1975 trat der gelernte Spielzeugmacher und studierte Holzgestalter aus dem Erzgebirge dem Künstlerverband bei. Das war – vielleicht nicht ganz zufällig – in jenem Jahr, in dem er seine kongeniale Kugelbahn entwarf, die für die nächsten Jahrzehnte in der Schublade schlummerte. „[…] man war ja in der DDR nicht in der Lage, in der Industrie ein Produkt zu landen von der Gestaltung her“, erzählt der im erzgebirgischen Neuhausen lebende emeritierte Professor,Die Industrie war geprägt von der Herstellung für den Export […]. Der Gestalter hatte in seiner Anstellung eher die Aufgabe, […] die Produkte, die für den Export geeignet waren, so anzupassen, dass sie funktionierten.“ 

Bis 1978 war er noch für die Industrie tätig, dann richtete er seine eigene Werkstatt ein und arbeitete als freischaffender Gestalter sowie als Lehrbeauftragter an Fachschule für Angewandte Kunst Schneeberg. Heute widmet er sich ausschließlich seiner eigenen Firma Kaden & Kaden, die er 1992 zusammen mit seinem Sohn gründete.

Der Kugelbahn, die unabhängig zur selben Zeit auch in der Schweiz erfunden wurde, ist Gerd Kaden über all die Jahre treu geblieben. Er hat sie in diversen Größen, Farben und Formen entworfen – als Bausatz, als Spielplatz und in Weltformat. Daneben hat er Kindermöbel, einen Indoorspielplatz in Fukushima (Japan) und andere Holzspielzeuge entworfen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Für seine schräge Kiste etwa erhielt er 2005, für den grünen Baum 2008 einen Designpreis. Matthias Kanter von der in Schwerin ansässigen Designplattform FORMOST ist überzeugt, dass Kaden – wie Müller – Weltruhm gebührt.

Die schräge Kiste von Gerd Kaden

Fantastische Holzspielzeuge stellt auch die Firma SINA her, die zwar wie Kaden & Kaden ihren Firmensitz im erzgebirgischen Neuhausen, jedoch eine recht andere Firmengeschichte hat.

Der Betrieb ist aus den Trümmern des Volkseigenen Betrieb VERO hervorgegangen, in dem sämtliche Spielzeugbetriebe der DDR 1972 zwangsvereinigt wurden. „Nach der Wende wurde VEB-Betrieb einfach liquidiert“, erzählt Geschäftsführerin Barbara Seidler. Ihr Mann habe nicht einfach zuschauen wollen, wie die damals 140-jährige Baukastentradition eingestampft wurde, also hätten sie gemeinsam die SINA Spielzeug GmbH gegründet. Einfach war das nicht. Bis das erste Täfelchen-Lege-Spiel nach Friedrich Fröbel 1995 in Produktion gehen konnte, musste das Unternehmen so manche Hürde nehmen.

Heute reicht das Sortiment des auf 21 Angestellte gewachsenen Unternehmens vom therapeutischen Kugeltisch über das Babybällchen bis zum Klassiker im Streichholzschachtelformat. Neben neuen Produkten junger Holzdesigner/innen aus dem In- und Ausland sind Klassiker von Kurt Naef und Friedrich Fröbel sowie Entwürfe der DDR-Designerin Ursula Wünsch darunter, die seit 1971 bis heute unter dem Firmennamen Wünsch‘ Dir Was Spielobjekte aus Holz für behinderte und andere Kinder entwirft. Mit ihren Kugelspielen und den Rechenmaschinen hätte sie meiner Meinung nach ebenfalls einen Platz unter den Stardesigner/innen der DDR verdient.

Würfelspiel von Ursula Wünsch für SINA

*Am 12. März 1959 verabschiedete die Volkskammer der DDR das Gesetz zur Ergänzung des Gesetzes zur Förderung des Handwerks und Gesetz über die Besteuerung der Handwerker.

** Mit der Machtübernahme Erich Honeckers auf dem achtem Parteitag beschloss das Zentralkomitee die Zwangsverstaatlichung aller mittelständischen Betriebe und Anteilseigner. Betroffen waren rund 11.000 Betriebe mit einer halben Million Beschäftigten, darunter rund 1.700 Produktionsgenossenschaften des Handwerks, mehr als ein Drittel aller PGH. Mitte Juli konnte Erich Honecker an den sowjetischen Staatschef Leonid Breshnew Vollzug melden. Aus: Helga Schultz: Produktionsgenossenschaften des Handwerks in der DDR und in der Transformationsphase. S. 8ff
Ein Zufall war’s – mal wieder – der mich zum „Alltagsgeschirr“ von Hedwig Bollhagen und den nach ihr benannten HB-Werkstätten für Keramik führte. Von dort war der Weg zum „DDR-Design“ nicht weit und meine Neugier erwacht. Schon nach kurzer Recherche war klar: Das ist ein weites Feld – zu weit als dass es mit einem Blogpost getan wäre. Also habe ich mich entschieden, eine kleine Serie zu starten. Ab heute stelle ich hier also regelmäßig eine/n Designer/in, einen Gestaltungsansatz und/oder ausgewählte Designstücke aus der DDR vor. Wenn ihr/Sie Wünsche, Anregungen oder Ideen habt/haben für ein Objekt, eine/n Designer/in oder einen Designansatz – immer gerne!
Meine erste Begegnung mit Design „made in GDR“ ereignete sich während meines Studiums.* Bis dato gehörten die beiden Begriffe für mich nicht wirklich zusammen. Mein Wissen begann beim Eierbecher in Hühnerform und endete direkt vor der „Platte„.  Die Welt dazwischen war mir unbekannt. Dabei ist sie (nicht nur im übertragenen Sinne) groß. Sie ist jedoch auch „schwierig“, und dieses „Schwierige“ ist wohl ein Grund für ihre anhaltende Unbekanntheit wie auch Unbeliebtheit.
Nach Meinung der SED-Parteiführung hatte Design (ebenso wie Kunst) im Dienste der „deutschen Kulturnation“ zu stehen und „dem opti­mis­ti­schen Lebens­ge­fühl des sozia­lis­ti­schen Men­schen“ Ausdruck zu verleihen (Nachtigall, ick hör dir trapsen). Das ist ein klares Bekenntnis gegen die künstlerische bzw. gestalterische Freiheit. Man könnte also sagen, die Unfreiheit steckt in jedem Designobjekt aus der DDR – und welche/r Sammler/in will schon die vergegenständlichte Unfreiheit in seiner Wohnung haben? Doch darum das „DDR-Design“ pauschal verurteilen oder weiterhin ignorieren und in den Archiven verstauben lassen? Ich denke nicht. Auch wenn es „kompliziert“ ist, lohnt der differenzierte Blick. Bei Weitem nicht jedes „Design made in GDR“ ist affirmativ, also system- und ideologiebejahend. Viele Entwürfe entstanden in der kritischen Auseinandersetzung mit dem DDR-System, das für zahlreiche Designer/innen mit Repressionen verbunden war. Ihre Gestaltungsansätze, die (nicht allein der Mangelwirtschaft wegen) darauf aus waren, mit einem Minimum an Ressourcen ein Maximum an Gebrauchswert zu erzielen, können auch – oder gerade heute – wertvolle Impulse für ein zukunftsfähiges Design liefern.
Liege und Musikanlage von Rudolf Horn | Bildquelle: jeder-qm-du.de 
Im Industriesektor wären etwa Rudolf Horn oder Karl Clauss Dietel hervorzuheben. Bereits in den 1960er Jahren haben sich die beiden Gestalter mit der Frage auseinandergesetzt, wie die sich wandelnden Bedürfnisse der Nutzer/innen integriert und die Funktionalität eines Produkts dauerhaft erhalten bleiben kann (womit sie in der DDR keine Ausnahme waren). Ihre Antworten nehmen aktuelle Tendenzen im Bereich des nachhaltigen Designs und der nutzerzentrierten Produktentwicklung vorweg (Stichwort: Co-Creation, Co-Production). Dabei kann man Horn als Vordenker des „Prosumenten„, Dietel als Pionier des nachhaltigen Designs sehen.

Viele ihrer Entwürfe scheiterten an der staatlichen Zensur, der eine funktional-schlichte Formensprache lange Zeit verdächtig war (siehe: Formalismus-Debatte). Doch manche Idee fand am Amt für Industrielle Formgestaltung (AID) vorbei in die Serienproduktion – nicht selten da sie sich zum Exportschlager entwickelte und dem Staat die dringend nötigen Devisen einbrachte. So etwa Horns bis heute ästhetisch überzeugendes „Möbelprogramm Deutsche Werkstätten (MDW)“ oder die von dem Designerduo Dietel und Lutz Rudolph entworfene Radioanlage für die Firma Heli Radio (die allerdings auch die/der „durchschnittliche“ DDR-Bürger/in erwerben konnte).

Der Tischler, Innenarchitekt und Ingenieur Horn sah den Nutzer bereits als „schöpferischen Mitgestalter“ als eine Verschmelzung von Konsument und Produzent noch undenkbar war. [Quelle] Seine in den 1960er Jahre entwickelten modularen, multifunktionalen Möbelprogramme sind das bekannteste Ergebnis dieses frühen „User-Centered Designs„. Noch spannender und geradezu wegweisend für das heutige Bauen finde ich jedoch sein Konzept des „Variablen Wohnens“ von 1969/1970. Es räumte den Bewohner/innen die größtmögliche Gestaltungsfreiheit ein und nahm die Idee des flexiblen Raums, wie er heute etwa im Design Thinking Anwendung findet, schon früh vorweg.
Das „Variable Bauen“ basierte auf einem großen, leeren Raum, in dem einzig eine Nasszelle fix vorgesehen war. Raumaufteilung und Zimmergestaltung oblagen ganz und gar den Bewohner/innen. Mithilfe flexibler Wände und des modularen Möbelsystems AM20 konnten sie den Raum entsprechend ihrer Bedürfnisse und Vorlieben selbst gestalten. Trotz des großen Interesses an Horns Konzept kam es nie über die Testphase hinaus. Vielleicht hat es heute, da bezahlbarer Wohnraum wieder knapp und nicht zuletzt durch die Flüchtlinge sehr unterschiedliche Wohnbedürfnisse unter einen Hut zu kriegen sind, eine neue Chance.

oben: Experimentalbau für variables Wohnen in Dresden (1973) | unten: Die variable Wohnung (1969) | Bildquelle: Burg Halle
Rundfunkgerät rk5 sensit mit Lautsprecher K20, HELIRADIO Gerätebau Hempel KG Limbach-Oberfrohna, K.C. Dietel/L. Rudolph, 1967-69 | Bildquelle: Stiftung Industrie- und Alltagskultur
Die Frage der Nutzerbedürfnisse durchzieht auch die Arbeit des gelernten Maschinenbauers und studierten Kraftfahrzeugingenieur Karl Clauss Dietel, der sie darüber hinaus mit dem Aspekt der Langlebigkeit verband. Seine Überlegungen hierzu kulminieren etwa im Begriff der „Gebrauchspatina„, wonach ein Gegenstand so gestaltet werden sollte, dass die Spuren seines Gebrauchs ihn auf- statt abwerten, er also sozusagen mit dem Alter schöner bzw. besser würde. An diesem Ansatz wurde nicht zu unrecht kritisiert, dass es dabei weniger eine Frage der Gestaltung und damit der Gestalter/innen, denn um die Haltung der Nutzer/innen zum Gegenstand ginge. Konsequenter ist dagegen das von ihm formulierte „Offene Prinzip„. 

Ein nach diesem Grundsatz gestalteter Gegenstand zeichnet sich nach Dietel durch die großen fünf L aus: Er ist „langlebig, leicht, lütt (klein), lebensfreundlich und leise“. Unter rein formal-ästhetischen Gesichtspunkten könnte man im iphone vielleicht ein „offenes Produkt“ erkennen. Es ist leicht, lütt und leise. Aus technisch-ökologischer Perspektive ist es jedoch exakt das Gegenteil, da es sich weder warten, noch reparieren und technisch erneuern, also auf einen technisch höheren Stand bringen lässt. Nun hat Dietel nie ein Mobiltelefon entworfen; hätte er es aber getan, wäre es vermutlich das Fairphone geworden. 
Exemplarisch für „seinen“ Designansatz steht das Kleinkraftrad Mokick S 50, das er und Lutz Rudolph 1967 für die Firma Simson Suhl entwickelten. Die einzelnen Bauteile passten in sämtliche Modelle und Fahrzeuggenerationen und waren in verschiedenen Varianten verfügbar, so dass die Nutzer/innen das Moped individuell anpassen konnten. Außerdem ließen sich Reparaturen oder der Austausch von Einzelteilen ohne große technisch-mechanische Vorkenntnisse selber machen – ein Design also, das auch gegenüber dem Do-It-Yourself-Prinzip offen war. 
Ich bin sicher: Mit derlei Dingen ließe sich leichter ein „enkeltaugliches Leben“ führen.
*Ich habe (im 1. Hauptfach) Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Ästhetik bei Karin Hirdina [*1941; †2009] studiert – eine großartige Lehrerin. Pathos der Sachlichkeit hieß ihr 1981 veröffentlichtes Buch, das wesentlich zur Versachlichung der Formalismus-Debatte in der DDR und einer Neubewertung des Bauhauses beitrug. Der Titel trifft jedoch ebenso gut auf sie selbst zu. Ob als Lehrende oder als Forschende, stets widmete sie sich ihrer Arbeit mit sachlicher Leidenschaft und leidenschaftlicher Sachlichkeit. Ich vermisse sie. Ihr präzises Denken, ihr messerscharfer Verstand und ihr konstruktiv-kritischer Geist fehlen – heute, da das pauschale Denken wieder Hochkonjunktur hat, umso mehr.