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Gedanken

Stell dir vor, du wachst morgens auf und keine einzige Frau* ist mehr da. 24 Stunden lang wären sie wie vom Erdboden verschluckt. Du selbst vielleicht auch. Wie sähe dieser Tag aus?

Diese Frage hat das Feministische Netzwerk an Blogger*innen und Autor*innen gerichtet und sie aufgerufen, ihren Tag ohne Frauen  im Internet zu beschreiben. Inspiriert hat sie dabei das Bündnis des Women`s March, das anlässlich des heutigen Internationalen Frauentages zum Generalstreik »A Day Without A Woman!« aufgerufen hat. Sämtliche Beiträge findet ihr hier.


Der Internationale Frauentag wird seit 1911 gefeiert – seit 1921 am 8. März. In einigen Ländern ist er sogar gesetzlicher Feiertag. Erstmalig statt fand der Weltfrauentag am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Hauptziel und -forderung war damals das allgemeine Frauenwahlrecht.
In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht {wie auch in Österreich, Polen und Russland} 1918 im gesetzlich verankert. Im Januar 1919 konnten deutsche Frauen erstmals in der Geschichte wählen und gewählt werden.
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Gerne unterstütze ich die Aktion der Feministischen Netzwerker*innen und damit die freie und offene Gesellschaft, in der jede*r – ganz gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Religion oder Weltanschauung, welcher Behinderung, welchen Alters, welcher sexuellen Identität – sicher, selbstbestimmt, gleichberechtigt und chancengleich leben kann.

Statt meine Version eines Tages ohne Frauen bzw. ohne mich zu erzählen, habe ich Freund*innen, Verwandte und Kolleg*innen gefragt, wie sie sich diesen Tag vorstellen. Aus ihren Antworten ist eine vielstimmige Collage geworden – so vielfältig und unterschiedlich wie sie. Würden sie heute nicht da sein, wären sieben wunderbare Menschen verschwunden und mit ihnen all das, wofür sie stehen: Esprit, Wohlwollen, Kreativität, Herzlichkeit, Witz, Entschiedenheit, Zähigkeit, Inspiration, Reflexion, Nüchternheit, Liebe, Bescheidenheit, Intellekt, Wärme, Dankbarkeit, Fröhlichkeit, Energie, Mut, Möglichkeits- und Realitätssinn, Empathie, Tatkraft u.v.m.

1.000 Dank, liebe Julia, Katja, Kirsten, Mama, Annett, Hazel und Lando.

*Mit dem »Gender-Star« werden alle Menschen aller Geschlechtsidentitäten einbezogen – diesseits und jenseits des binären Geschlechtsmodells. | Beitragsbild: Lionello DelPiccolo {Unsplash}


Maedchen in der Wueste

»Ich kaue auf der Frage herum und werde langsam ärgerlich« von Julia Kropf

Ein Tag ohne Frauen in meinem Leben. Ich hadere mit der Frage. Sie gefällt mir nicht so recht. Sie scheint ein vorschnelles Denken in Stereotypen nahezulegen. Ich kaue auf der Frage herum und werde langsam ärgerlich. Ich schwanke zwischen einem schnellen »scheiße wäre das, ist doch klar« und dem Versuch einer intelligente(re)n Antwort. Was soll die Frage bezwecken? Dass Frauen wichtig sind? Äh, ja klar. Dass ohne ihre (schlecht oder ungleich) bezahlte und vor allem unbezahlte Arbeit die Wirtschaft, unsere Gesellschaft, Familien nicht funktionieren würden? Natürlich nicht! Dass der gesellschaftlich Resonanzkörper recht hohl klingen würde? Absolut!

Aber: Die Frage soll sich ganz konkret um einen Tag in meinem Leben drehen. Also, noch mal von vorne: Ein Tag ohne Frauen in meinem Leben, bei meiner Arbeit, auf der Straße, in der Bahn, in den Medien, in meinem Bücher- und CD-Regal … Und ich mittendrin? Vermutlich käme ich mir vor wie ein Alien, eine Fremde in meiner eigenen Welt. Vermutlich würde die gesellschaftliche Infrastruktur um mich herum so ziemlich zusammenbrechen. Was würde das machen mit der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich in meiner Welt bewege, mit meinem Vertrauen?

Und ohne mich? Ein interessantes Sozialexperiment und vielleicht die bessere Alternative als die einzige zu sein. Um festzustellen, was es mit der Gesellschaft {in diesem Fall: den Männern} macht, bräuchte es sicherlich mehr als einen Tag. Konfusion, Hauen und Stechen, ungeahnte Potenziale?

Ich hadere immer noch mit der Frage. Und gleichzeitig verspüre ich eine große Dankbarkeit. Für die Tatsache, dass Frauen in meinem Leben einen unverrückbaren und selbstverständlichen, sichtbaren Platz haben. Frauen, die da sind, mich begleiten, herausfordern, beraten, trösten, ärgern, anregen. Frauen, die mir Gegenüber, Vorbild, Kontrastfolie, abschreckendes Beispiel, Freundin, Kollegin sind. Ein Tag ohne all diese Frauen wäre ein tiefer Krater in meinem Leben. Viele Frauen leben in so einem Krater – jeden Tag.

Die Uhr tickt. Wie viel Zeit bleibt uns, um das Schlimmste zu verhindern? Rechtsexetremismus

»Die Zeit bliebe stehen« von Katja Hiller

Tja, interessante Frage. Keine Kanzlerin, keine Verteidigungsministerin, keine Umweltministerin… Führerinnen-los dümpelt das Land vor sich hin, für 24 h Ausnahmezustand, angreifbar – aber auch ohne eine Frauke Petri und Eva Herrmann 😉.

Verschwunden wären aber auch meine Tochter, meine Mama, meine Schwester, meine Oma, meine Nichte, meine Tanten und ich verlöre meine Identität als Mutter, als Schwester, als Nichte, als Enkelin. Verschwunden wären auch meine Chefin, meine Bäckereiverkäuferin, meine Haus- und Zahnärztin. Nicht nur meine kleine Infrastruktur bricht zusammen: kein Job, kein Geld, keine Versorgung! Sollte ich noch da sein, würde es einsam um mich und ich (be)fürchte zu viel Testosteron. Ohne Freundinnen blieben Dinge unbenannt, gibt es keine kleinen subtilen Botschaften mehr.

An diesem Tag käme kein Kind zur Welt. Die Zeit bliebe stehen. Es würde leise, dunkel und trist. Die Welt verlöre Wärme und Fürsorge, Melodie und Farbe, Erfahrung und Wissen, Harmonie und eine gehörige Portion Altruismus.

… es gäbe noch tausend andere Aspekte. Ein Szenario, das ich mir lieber gar nicht ausmalen möchte: eine Welt voller Männer.


 »Die Liebe fehlte« von Kirsten Frohnert

Mir fehlten bedingungslose Liebe und Freundschaft, Kraft-, Reflexions- und Inspirationsquellen!

Frau im roten Kleid und langem wallenden Haar von quentin keller

»Selbstbewusst und gleich« von Christel Zetzsche

Einen Tag ohne Frauen: nahezu leergefegte Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Verwaltungsbüros auf unterer und mittlerer Ebene, Geschäfte müssen schließen, Kassiererinnen und Verkäuferinnen fehlen, Schulen und Kindergärten haben nur noch minimale Notbesetzungen, Väter bleiben zu Hause für die Kinderbetreuung, Chefs und Abteilungsleiter müssen sich miteinbringen in Niedriglohntätigkeiten und erfahren deren Wichtigkeit und Wert. Gute Gründe für Frauen-Selbstbewusstsein, für gleichen Lohn, für gleiche Chancen.

Ein Tag ohne Männer würde vielleicht dazu führen, dass Frauen erleben: »Das kann ich auch« – und in einer nahen Zukunft erhält jede*r die Chance gleichwertig anerkannt (auch in €) seine Fähigkeiten einzubringen.

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»Die Frage hat sich erledigt« von Annett Jahn

Noch während ich im Kopf die Frage hin- und herbewege, welche Frauen ich gedanklich für einen Tag aus meinem Leben verschwinden lasse und ob ich mich selbst dazugesellen soll, wird im Radio erwähnt, dass bald Frauentag ist. Mein Sohn (4) hört mit und bestimmt: » … und Manntag … und Kindtag … und Omatag … und Johannatag.« – Die Frage hat sich erledigt.


 »Kommunizierende Gefäße« von Hazel Rosenstrauch

An einem unverhofft frühlingshaften Samstag ging ich durch Berlins Schöneberg, blinzelte, und retuschierte die Frauen weg. Männer in Schwarz oder Dunkelbraun, gepuffte Jacken, Jogginghosen und Jeans, stapften durch die Gegend, sie sahen etwas verloren aus der Wäsche, vielleicht, weil niemand  sie bewunderte, und sie auf niemanden hinunterreden konnten. Heimgekehrt (weil ich mich ja auch absentieren musste) sprang meine Phantasie ein paar Monate weiter. Ich sah dieselben Männer in bunter Kleidung, lachend, einige sogar elegant, schwatzend und mit erstaunlich beweglichen Körpern. Vielleicht sind nämlich die Geschlechter wie kommunizierende Gefäße und wenn ein paar »weibliche« Eigenschaften fehlen und Frauen die »männlichen« Haltungen übernehmen, werden die Männer, die uns so oft immer noch gegenüber und nicht neben uns stehen, die fehlenden »Weiblichkeiten« kompensieren?!

Selbstverständlich wird es nach und nach viele Facetten von Körperhaltungen, Kleidung, Benehmen geben – nichts ist mehr typisch. Und ist dieser Prozeß nicht längst im Gange? Als ich nach ein paar Minuten wieder nüchtern in den Reflexionsmodus schalte, bleibt die Frage, ob mir das gefallen wird, im Halse stecken.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

»Welch ein Chaos« von Lando Jansone

Ich wäre sehr glücklich, wenn ich eines Tages nicht mehr automatisch als »Frau« gelesen würde (ich definiere mich als nicht-binäre Person1). Wenn alle Frauen* für einen Tag aus der Welt verschwinden würden – welch ein Chaos. Ich glaube, der ganze Care Bereich würde zusammenbrechen!

1»Binär« ist das lateinische Wort für »zwei«und steht hier für das in unserer Gesellschaft anerkannte Geschlechtsmodell aus weiblich und männlich. Nicht-binäre Personen sind solche, die sich nicht in diesem Zweiersystem wiederfinden, weil sie sich nicht als Mann/Junge oder Frau/Mädchen wahrnehmen. Geschlechtsidentitäten sind unabhängig vom körperlichen Aussehen und der sexuellen Orientierung. Mehr über nicht-binäre Geschlechtsidentitäten

Wie sieht die Welt in vier, fünf Jahren aus? Noch vor gut einem halben Jahr hat mich diese Frage relativ kühl gelassen, hielt ich die mir so selbstverständliche Ordnung der Dinge doch für quasi naturgegeben. Heute, da die 70 Jahre währende Nachkriegsordnung auf dem Spiel steht, kann mich diese Frage schon mal halb verrückt machen – halb verrückt vor Angst. Vor allem um die Zukunft meiner Kinder. Gerade in diesen Momenten tut es gut, sich mit anderen austauschen. Wie geht es ihnen mit der {neuen} Ungewissheit? Wie gehen sie mit Sorgen und Ängsten um – gerade auch als Eltern? Was gibt ihnen Zuversicht? Was macht ihnen Hoffnung?

Eben diese Frage habe ich der dreifachen Mutter und bekannten Berliner Elternbloggerin Anne Luz de León {Berlinmittemom} gestellt. Hab‘ 1.000 Dank, liebe Anna Luz, für das mutmachende Gespräch, mit denen ich allen einen zuversichtlichen Start in die 2. Februarwoche wünsche.

Die Welt befindet sich im Wandel. Die Nachkriegsordnung scheint an ihr Ende gekommen und was sie ersetzt, ist noch gänzlich ungewiss. Wie gehst du mit dieser Ungewissheit gerade auch als Mutter um?

Ich glaube, dass mir als Mutter von drei Kindern nichts anderes übrig bleibt, als meinen Kindern weiter vorzuleben, was das Richtige ist. Woran ich glaube. Genauso, wie ich im Alltag versuche, ihnen Werte zu vermitteln, mit denen sie ihre {noch kleine} Welt zu begreifen beginnen, ihnen sage, was wir als Eltern für richtig und für falsch halten und ihnen erzähle, was vor ihnen und vor mir auf dieser Welt vorging, spreche ich auch jetzt mit ihnen über die Veränderungen und Anfechtungen, mit denen wir täglich umgehen müssen.

Was ich ihnen jetzt sage, unterscheidet sich inhaltlich gar nicht so sehr davon, was ich versuche, in ihnen zu verankern, wenn es um die kleinen Dinge des Lebens geht, die uns manchmal entsetzlich schwer vorkommen: um Streit mit Freunden, Auseinandersetzungen mit den Aufgaben, die uns schwer fallen und mit Ängsten, die uns lähmen.

Ich sage ihnen, dass wir aufrecht und mutig bleiben und uns nicht verkriechen, sondern uns auf unsere Stärken besinnen müssen. Wir sind nicht allein, wir sind ein Team, das größer ist, als nur unsere Familie. Ich zeige ihnen gute mutige Menschen mit guten, hoffnungsvollen und auch erfolgreichen Projekten. Menschen, die etwas bewegen und Gutes bewirken, nicht nur für sich selbst.
Ja, die aktuelle Ungewissheit könnte uns als Familie lähmen, aber das darf und werde ich nicht zulassen. Also tun wir Dinge im Kleinen und unterstützen die, die größere Kreise ziehen. Und wir bleiben bei unseren Grundwerten, an die wie fest glauben.

Wenn jemand gemein ist: sind wir gütig. Wenn jemand laut ist: bleiben wie ruhig. Wenn jemand hasst: lieben wir. Und genau das tun wir weiterhin. Bei unseren humanistischen Überzeugungen bleiben, am Guten festhalten. Ich glaube, das ist der einzige Weg – im Kleinen etwas gut machen, die kleine Welt erhellen und verbessern, an der Hoffnung und der Liebe festhalten, ein Beispiel sein und für etwas stehen. Und damit immer größer werdende Kreise ziehen.

Mindestens deine große Tochter wird von den »transitorischen Turbulenzen«, in denen sich unsere Welt befindet, einiges mitbekommen. Wie geht sie damit um? Wie geht ihr damit um, so dass es sie nicht allzu sehr durcheinander bringt?

Wie immer: wir reden miteinander. Über alles, was sie bewegt, was uns bewegt, auch, was uns beunruhigt. Und wir reden mit anderen Menschen, mit Freund*innen, Nachbar*innen, Lehrer*innen. Wir lesen Blogs und Artikel von mutigen Menschen, die etwas zu sagen haben und sich nicht mundtot machen lassen. Aber natürlich habe ich dabei alle meine Kinder scharf im Blick und zeige ihnen nicht allzu offen, wenn Dinge mich selbst zu sehr beunruhigen. Sie dürfen spüren, dass wir nicht auf alle Fragen Antworten haben, aber sie dürfen keine Angst bekommen, weil sie denken, dass wir verzweifelt oder hoffnungslos sind.

»Es ist also immer ein Balanceakt zwischen größtmöglicher Offenheit im Umgang mit diesen Themen bei gleichzeitig kleinstmöglicher Panik.«

Das ist ohnehin etwas, das ich versuche auszuschließen: die hochkochende Panik, die sich dieser Tage gern mal schnell breit macht, vor allem in Social Media.

Inwieweit und wie thematisiert ihr das aktuelle Weltgeschehen bei den beiden jüngeren Kindern?

Ich bin sehr dankbar, dass die aktuellen Geschehnisse auch in der Schule immer wieder Thema sind und von den verschiedenen Lehrer*innen aufgegriffen werden. Dadurch haben wir gute Aufhänger, eine breite Menge an Ansätzen im Umgang und die Möglichkeit, die diversen Themen passend aufzugreifen. Grundsätzlich dosieren wir aber auch diese Themen so, wie die Kinder es bei allen anderen Themen auch vorgeben: wenn sie Fragen haben, reden wir. Aber wenn sie kein Interesse zeigen, dränge ich ihnen keine Themen auf. Nur nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz haben wir morgens mit ihnen gesprochen, damit sie nicht ahnungslos in die Schule kommen und alles schon im Bus von anderen Kindern hören. Da haben wir sie vorbereitet – und auch beruhigt.

Was rätst du anderen Eltern: Soll man den Kindern über die aktuelle Situation reden oder lieber nicht?

Ich glaube grundsätzlich daran, dass man mit Kindern entsprechend ihrem Alter eigentlich über so ziemlich alles reden kann. Sie sind so eng mit uns Eltern verbunden, dass sie ohnehin auf der nonverbalen Ebene immer mitkriegen, wenn mit uns etwas nicht stimmt. Wenn es um uns geht, sind sie kleine Seismographen. Insofern können wir uns ohnehin abschminken, wir könnten ihnen über unsere persönliche Verfassung die Unwahrheit sagen. Und ich halte es für fatal, sie zu belügen, selbst wenn es aus dem Wunsch heraus geschieht, sie zu beschützen.

Auf der negativen Seite könnte man sagen, dass wir sie nicht vor der Welt da draußen schützen können. Ich drehe das aber für mich genau herum: Wenn wir mit unseren Kindern ehrlich (nicht schonungslos) sprechen, ihnen vertrauen und ihnen zeigen, dass sie auch uns vertrauen können, unsere Bindung stärken und ihnen eine sichere Basis geben, d a n n machen wie sie stark für die Welt da draußen und sie werden sie Schritt für Schritt erobern, auch wenn sie im Wandel begriffen ist.

Natürlich ist jedes Kind anders und jede Familie ist anders. Wieviel Wahrheit über den Zustand der Welt ein Kind also in welchem Alter schon verträgt, können nur die Eltern einschätzen. Ich persönlich habe mit Offenheit gegenüber meinen Kindern gute Erfahrungen gemacht.

Es steht viel auf dem Spiel: Europa und die Demokratie, die offene, pluralistische Gesellschaft, Minderheitenrechte etc. – was macht das mit dem Menschen Anna-Luz de León?

Natürlich beunruhigt mich das. Es wäre gelogen, zu sagen, ich sei vollkommen ruhig und unbeeindruckt. Aber ich muss sagen, dass ich keine Angst habe. Es gibt schlechte Menschen und einige davon haben einen nicht zu unterschätzenden Willen zur Macht, aber ich glaube an unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und daran, dass es viele gute und gerechte Menschen gibt, die für diese Grundordnung bereit sind sich einzusetzen. Ich zähle mich, meinen Mann, meine gesamte Familie, alle unsere Freunde und viele Verbündete aus aller Herren Länder dazu.

Ich kenne viele Familien, die beim Women’s March in Washington vor Ort waren, Freundinnen, die Trecks nach Mazedonien organisieren, Menschen, die Bücher, Artikel und Blogs gegen Rechts schreiben, Künstler*innen, die sich mit der Kraft ihrer Arbeit widersetzen, Kolleginnen, die Spendensammlungen durchführen, befreundete Familien, die Geflüchtete bei sich aufnehmen, Menschen, die nicht müde werden, sich laut gegen Holocaustleugner, Rassisten Homophobiker und Sexisten zu stellen. All diese Menschen geben mir Hoffnung und machen mir Mut. Und es gibt noch viele mehr! Mit einigen komme ich »nur« virtuell zusammen, aber die gemeinsamen Überzeugungen machen uns stärker. Wir sind nicht alleine, wir sind viele. Und je brisanter die Situation zu werden scheint, desto lauter werden die Gegenstimmen. So beängstigend jemand wie Trump auch ist, seine Wahl bringt seine Gegner auf die Barrikaden. Schulter an Schulter.

»Wir sind nicht ausgeliefert, wir sind nicht allein, wir sind viele. Wir dürfen uns nur nicht verschrecken lassen.«

Kinder am Abend am Seeufer

Hast du manchmal Angst um die Zukunft deiner Kinder?

Keine konkreten Ängste. Vielleicht ist das naiv, aber ich halte an meinem Glauben an das Gute in der Welt fest. Ich glaube tatsächlich, dass das Einzige ist, das uns jetzt über eine dunklere Episode der Menschheitsgeschichte hinweg retten kann.

Wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke, fürchte ich mich mehr vor den Auswirkungen des Klimawandels als vor den Trumps und Le Pens dieser Welt. Und dann denke ich an meine Großmutter, die während des Zweiten Weltkriegs drei kleine Kinder hatte und sich mit ihren Schwestern im tiefsten Westerwald versteckt hielt. Daran, in welche Zeiten hinein sie ihre Kinder geboren hat, selbst ein Kind des Ersten Weltkriegs. Sie hat ihr Bestes getan für ihre später vier Kinder und sie hatte Glück, weil mein Großvater niemals in der NSDAP war und deshalb direkt nach dem Krieg eine gute Stelle bekam. Aber sie wusste zu dieser Zeit nicht, was werden würde, ob ihre Kinder gut klarkommen würden oder was überhaupt aus ihnen werden würde. Und sie hat dennoch ihre Kinder bekommen und so gut sie konnte durch die schweren Zeiten gebracht. Sie hat sie randvoll abgefüllt mit Liebe und einem gigantischen Vertrauen in diese vier kleinen Menschen und geglaubt, dass das das Wichtigste war, womit sie sie ausstatten und stark machen konnte. Sie hatte recht.

Ich habe keine Angst. Meine Kinder bekommen alles, was wir als Eltern ihnen mitgeben können und noch so viel mehr: Bildung, ein starkes Fundament, ein tragfähiges Netz. Sie sind gute Menschen, sie werden gute Wege finden und gehen.

Was können wir deines Erachtens tun, um unseren Kindern ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen?

Alles. Und nichts. Wie gut die Welt wird und damit das Leben, das unsere Kinder darin leben werden, liegt heute bei uns. Wenn wir uns nicht einsetzen für Frieden, Freiheit und für die Selbstbestimmung aller Menschen, dann können wir eine Welt mit diesen Werten und Errungenschaften auch für unsere Kinder nicht erwarten. Wir müssen begreifen, dass es uns alle angeht.

»Und wenn wir die weißesten, hetero-normativsten, christlichsten, angepasstesten Menschen der Welt sind: Wenn wir zulassen, dass andere um uns herum diskriminiert und in ihren Rechten eingeschränkt werden, weil sie all das n i c h t sind, haben wie unsere Freiheit und Selbstbestimmung nicht verdient.«

Ich schrieb kürzlich auf meinem Blog über Privilegien und Verantwortung, und genau das meine ich: Die Welt, die ich für meine Kinder will, muss ich schaffen. Sie verteidigen. Für sie aufstehen. Anderen die Hand reichen, die nicht partizipieren. Sie jeden Tag besser machen und wenn es nur im Kleinen ist. Nicht die Klappe halten, nicht still sein, nicht verharren, auch wenn es uns nicht persönlich betrifft. Es betrifft uns nämlich doch. Weil wir mit unserem Verhalten bestimmen, was für eine Welt wir unseren Kindern übergeben.


Fotos: M i MA aus der Reihe »Just Kids«

Es gurgelt und zischt.
Es kichert und kreischt und grölt.
Es murmelt.
Es säuselt und zwitschert.
Es gluckst und röhrt und brüllt.
Es ruft und redet.
Es geifert und trällert.
Es spricht und singt.
Es lärmt.
Es tönt.
Es dröhnt.
Es blubbert.

Das Rauschen am Grund der Kommunikation hat sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm verdichtet: ein brodelnder Brei aus abermillionen Stimmen, von denen jede Gehör finden will und doch keine einzelne mehr zu vernehmen ist. Ich könnte noch eins draufsetzen – doch wohin führt es, wenn wir dem Lärm immer weiter mit Gegenlärm begegnen?

***

In der aktuellen Ausgabe des NO ROBOTS Magazin #6 schreibe ich über mein Unbehagen am Primat der Sichtbarkeit und nähere mich vorsichtig »der neuen Rolle der Kommunikation in der veränderten Welt«.

No Robots Magazin #6 Rausch

Ende letzten Jahres, genau genommen am 29. Dezember, formulierte Okka, die wie ich Fragen und Listen mag, 16 Fragen an 2016. Sie gefielen mir und ich wollte sie eigentlich noch vor dem Jahreswechsel beantworten… eigentlich. Nun liegt das alte Jahr schon 27 Tage hinter uns. Aber wer weiß, vielleicht ist das genau die richtige Distanz, um mich meinem persönlichen 2016 anzunähern.

  1. Mit welchen Gefühlen gehst du aus diesem Jahr? Am lautesten war die Angst. Ein Gefühl, das mir durchaus bekannt ist. Doch in dieser Gestalt bin ich ihr sehr lange nicht mehr begegnet. Beim letzten Mal war ich das kleine Mädchen, das mit Anlauf aufs Bett sprang, damit die Monster, die es darunter wähnte, nicht nach ihr greifen und sie ins Dunkel ziehen mögen.
  2. Was an dir hat dich überrascht? Dass ich als erwachsene Frau die Angst des fünfjährigen Kindes fühle. Das ist schon frappierend und irgendwie beschämend… {kann das jemand verstehen?}. – Meine »kindische Taktik« ging im Übrigen auf: Die Monster kriegten mich nicht zu fassen und verschwanden wenig später auf immer. Darauf setze ich heute auch, wenngleich der »Sprung über die Gefahrenkante« anders aussieht {siehe Frage 13}.
  3. Welcher Wunsch ist in Erfüllung gegangen? Nach einem rast- und atemlosen 2015 wollte und musste ich in 2016 die Prioritäten verschieben und habe den Job gewechselt. Das hat mich einigen Mut gekostet: nicht weil ich mich neuen »Challenges« stellen musste, sondern im Gegenteil weil es ein Wechsel in die »Komfortzone« war – und somit ein Bruch mit {m}einen überkommenden Karrieremodell. Seither habe ich wieder Kapazitäten für Familie, Freunde und andere Freuden.
  4. Welcher Ort hat dir besonders gut getan? Anfang 2016, wenige Wochen vor meinem beruflichen Neustart, war ich ein paar Tage auf Usedom. Es war kalt und grau und leer und ich war ganz allein in dieser großen Wohnung – eigentlich hätte ich mich verloren fühlen müssen. Das Gegenteil war der Fall.
  5. Worin bist du besser gut geworden? Im »Is‘-mir-doch-egal-ob-man-mich-mag-oder-nicht«.
  6. Worin bist noch nicht so gut, wie du es gerne wärst? Im Handstand.
  7. Was war neu in deinem Leben? Es ist mir gelungen, mich von einem überspannten Leistungs- und Karriereprinzip zu emanzipieren. Das fühlt sich noch immer neu an – und richtig.
  8. Welche Momente wirst du dir aufbewahren? Mi.’s 23. Geburtstag, an dem die Dinge laufen lernten. Den langen Spaziergang am Achterwasser entlang bis zu Otto Niemeyer-Holsteins Haus als die Zeit mit mir gleich schritt. Der gemeinsame Tag mit Rike in Leipzig – eine so zärtliche Begegnung. Das Staunen nach meinen ersten neuen Arbeitstagen: Wie viel {Gestaltungs-}Freiheit ist möglich! Die Begegnung zwischen dem alten Mann und dem Mädchen. Die Mutter-Tochter-Tage in Schwerin und unser Picknick auf der Seebrücke. Der Turmurlaub mit den beiden Mädchen, deren Freundschaft so unmittelbar und frei und schön ist, das es beinah wehtut. Die Begegnung mit Moni und meine Sprachlosigkeit im Angesicht ihrer Dämonen. Das Glück, das es bedeutet, gut und gerne miteinander zu arbeiten. Die erschütternde Konfrontation mit dem Ende der Zivilisation. Die so kurze wie intensive Reise nach Russland, die immer noch nachhallt in mir. Der Abend mit Stephanie und mein Staunen darüber, wie unterschiedlich wir ihn bei aller Ähnlichkeit wahrnahmen. Die Feier zum archiv/e Magazin 02 und das Gespräch über die verkannte Kreativität des Ingenieurs. Den goldenen Nebel. Der Abend, an dem ich erstmals in der Rolle der »Gattin« auftrat {das ist nicht meine}. Der Schock am Morgen des 8. Novembers, den ich lieber gestern als heute vergessen würde und die Panik, die mich erfasste. Die glückliche Begegnung mit meinem Vater nach über 1 Jahr. Die Beweglichkeit meiner kleinen großartigen Tochter, die weit übers Physische hinausreicht. Das Erscheinen von Mareices Buch und die Freude darüber, meinen Namen darin zu lesen. Den späten Nachmittag als Ma. und ich den für uns schönsten Weihnachtsbaum kauften. Das faulste Weihnachten unter lauten lieben Leuten und der sorgenvollste Jahreswechsel meines Lebens.
  9. Musst du noch irgendwohin? Oder bist du schon da? Ist es sehr weit weg, wohin du musst? Was hindert dich am ersten Schritt? Für den Moment bin ich angekommen {siehe Frage 3}.
  10. Wonach hat das Jahr geschmeckt? Nach getrockneten Datteln und Ziegenkäse mit Feigen, nach Zimt und und starkem Kaffee, nach Amaranth und Marrakech.
  11. Wie geht’s deiner Angst? Seitdem sie wieder ihre normale Gestalt annehmen konnte, geht es ihr und auch mir wieder gut. – Und wenn sie sich wieder einmal so aufblasen sollte, halt ich es mit den Ruhrfestspielen und mache Purzelbäume.
  12. Was hat dich glücklich gemacht? Die vielen kleinen und großen Momente, die mich im alltäglichen Trott immer wieder gewahr werden lassen, wie schön das Leben ist/sein kann {siehe Frage 8}.
  13. Bist du politischer geworden? Oder der Politik überdrüssig? Oder ist das kein Widerspruch? In meinen Augen steht zu viel auf dem Spiel, als dass ich indifferent sein könnte gegenüber der Frage, wie und auf welcher Wertebasis wir unser Gemeinwesen gestalten und regeln wollen. Ich wünsche mir für meine beiden Kinder ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit und ich kann nicht länger darauf vertrauen, dass »die Anderen« es schon richten werden. Ich selbst bin jetzt als diese/r »Andere« gefragt. Wie? Das weiß ich noch nicht sicher; ich bin noch auf der Suche nach einer für mich adäquaten Form {der Women’s March hat mir gefallen, den Ansatz der »Golden Conversation« finde ich schön; auch die Aktionen der Offenen Gesellschaft sprechen mich an}.
  14. Was würdest du gerne in 2016 lassen? Den 8. November 2016 und seine in meinen Augen katastrophalen Folgen.
  15. Was bleibt? Meine Ausgeglichenheit und die für mich so bisher ungekannte Ungewissheit, was Morgen sein wird.
  16. Worauf freust du dich in 2017? Auf ein Drei-Generationen-Treffen nach vielen Jahren, auf Paul Auster und Mareice Kaiser, auf die Ostsee und die Schweiz, auf die neue Reihe auf meinem Blog {Überraschung!}, auf gemeinsames Nach- und Weiterdenken, die neuen Vorhaben im Rahmen »meines« Projekts, auf die Zeit mit Mi. und Ma. und Mann, auf überraschend schöne Begegnungen und langgewünschte Wiedersehen.

Was für ein Jahr! Die Privatperson I. führte es in die »Komfortzone« und schmiss sie als {Welt-}Bürgerin wieder raus… – Na, schauen wir mal, wie’s weitergeht. Für heute sage ich »Tschüss« und verabschiede ich mich in kleine Winterpause. Habt es gut!

Hans-Peter Meister war einer der ersten, der das Potenzial von Dialog und Beteiligung erkannte und darauf ein Beratungsunternehmen aufbaute: Seit 1995 begleitet die heute rund 100-köpfige Strategie- und Kommunikationsberatung IFOK Kunden bei der Entwicklung von nachhaltigen Lösungen – ob Energie oder Infrastruktur, Arbeitswelt 4.0 oder Gesundheit. Getragen von der Überzeugung, dass die besseren Antworten kooperativ und im Dialog gefunden werden, ging der Beteiligungsexperte und Mediator Meister 2008 in die USA und baute dort erfolgreich die Meister Consultants Group {kurz: MCG} auf.

Das in Boston ansässige Beratungsunternehmen hat sich auf die Themen Energie- und Klimawandel spezialisiert – genau jene Themen, die der neugewählte Präsident von der politischen Agenda streichen will. Was bedeutet das für das MCG? Mit welchen Gedanken und Gefühlen blickt der Gründer und Inhaber auf die Zeit ab dem 20. Januar, wenn Trump sein Amt als Präsident antritt? Um diese und andere Fragen geht es im heutigen Montagsinterview, mit dem Hans-Peter Meister und ich euch/Sie herzlich zum Dialog einladen: Was sind eure/Ihre Hoffnungen und Befürchtungen? Was müssen oder können wir von Amerika lernen? Und was tun?

Vielen Dank, lieber Hans-Peter für das kurzweilige Gespräch, mit dem ich allen einen guten Start in die zweite Januarwoche wünsche.

Hast du damit gerechnet, dass Trump gewählt wird? Wie hast du die Ergebnisverkündigung erlebt?

Niemand hat ernsthaft damit gerechnet, jedenfalls habe ich das nicht mal von den größten Republikaner-Anhängern gehört. Ich war in den USA und wartete zunehmend verzweifelt bis drei Uhr morgens auf meinem Sofa darauf, dass endlich die Meldung kommt, die Zahlen hätten sich in letzter Sekunde doch noch gedreht. Leider vergeblich, so dass ich am nächsten Morgen ein gespenstisches Boston in Schockstarre erleben musste.

Wie erklärst du dir das Wahlergebnis?

Vielleicht in Anlehnung an C.G. Jung: In den USA wurde in der Vergangenheit viel in den gesellschaftlichen Schatten verdrängt. Der wurde größer und größer und will jetzt, dass er angesehen und integriert wird. Eine Herkulesaufgabe für das Land und sicher keine, die ein Präsident Trump leisten kann.

Vor welchen Herausforderungen steht die Meister Consultants Group, wenn Trump seine protektionistische und seine Klimapolitik wahr macht?

Wir werden nicht zu sehr darauf setzen, weiter Aufträge von der Bundesregierung in Washington D.C. zu bekommen, sondern uns auf unsere anderen nationalen und internationalen Kunden konzentrieren.

Den Medienberichten zufolge setzt in den USA bereits eine Normalisierung ein – nach dem Motto »Wird schon nicht so schlimm«.  Wie beurteilst du die Lage?

Das ist alles noch nicht ausgemacht. Niemand weiss wirklich, was geschehen wird. Ich rechne damit, dass wir noch längere Zeit »auf Sicht fahren« und genau verfolgen müssen, was wirklich geschieht.

Was sind deine schlimmsten Befürchtungen, was deine begründeten Hoffnungen für die Zeit unter Trump?

Befürchtung: Es gibt einen riesengroßen internationalen Scherbenhaufen und einen noch größere innere Spaltung der USA.

Hoffnung: Es gibt genügend vernünftige Republikaner in beiden Kammern.

Was können und sollten wir in Deutschland und Europa aus den US-Wahlen lernen?

  1. Uns nicht darauf verlassen, dass das eigentlich Undenkbare nicht geschieht.
  2. Die sogenannten Populisten nicht in Bausch und Bogen verdammen, sondern genau hinschauen, was gegen Ängste und Sorgen getan werden kann.
  3. Mehr bodenständiger gesunder Menschenverstand und weniger „Klugheit“ im Sinne dieser besserwisserischen und fruchtlosen Talkshowauseinandersetzungen, bei denen keiner dem anderen zuhört und niemand an Gemeinsamkeiten und Lösungen interessiert ist, sondern nur an seiner Selbstperformance.

Fotos: Fensterbild von Alberto Lucas Pérez via Unsplash | andere Bilder: Bürgerdialog Zukunftsthemen

»Inklusion« – ein schwieriges Wort. Es steht für größtmögliche Offenheit und bleibt doch der Mehrheit verschlossen. Wer jenseits der eingefleischten Fach- und Fangemeinde weiß schon, dass das lateinstämmige Fremdwort soziologisch gewendet das »Rezept« für eine bessere Welt enthält? Der öffentliche Diskurs dreht sich vor allem um Barrierefreiheiten: mehr Fahrstühle im öffentlichen Raum, »einfache Sprache« im Internet, Gebärdendolmetscher/innen im Fernsehen etc. Was diese scheinbar »nur« für Minderheiten gemachten Erleichterungen mit einer besseren Welt zu tun haben und wie und warum alle Menschen davon profitieren – davon wird kaum erzählt. So bleibt der Begriff befremdlich leer und traurig abstrakt – unfähig, um eine Gesellschaft für Inklusion zu begeistern oder gar zu mobilisieren {und nichts anderes meint ja die vielzitierte Rede vom »Narrativ«}.

Kaiserinnenreich – das inklusive Familienblog von Mareice Kaiser

Fast wollte ich schon daran verzweifeln, dass wieder eine wunderbare Idee an ihrer Unverständlichkeit zu scheitern drohte. Doch dann trat Mareice Kaiser auf die Bühne: erstmals am 2. März 2014. An diesem ersten Sonntag des Monats entließ sie ihr »Kaiserinnenreich« ins weltweite Web, wo es sich innert kürzester Zeit als »das inklusive Familienblog« etablierte. Zweieinhalb Jahre später ist nun ihr erstes Buch erschienen – und davon soll heute die Rede sein.


Wer »Alles inklusive« liest, begreift, was die »inklusive Gesellschaft« so verdammt lebens- und liebenswert macht.


Das Elternwerden hatte sich Mareice anders vorgestellt, nämlich ziemlich ähnlich wie ich: sauanstrengend und wunderschön. Sauanstrengend weil kleine und noch kleinere Kinder einen unablässig zwingen, die eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen {fit und ausgeschlafen – was war das doch gleich?). Wunderschön weil es solch eine unbeschreibliche Freude ist, zu erleben, wie sich diese kleinen Menschen mit überbordendem Charme und frappierenden Einfallsreichtum die Welt zu eigen machen und manchmal – was ein ganz besonderes Glück ist – genau die Dinge lieben lernen, für die man selber brennt. Bei Mareice und ihrem Mann Thorben ist es die Musik: »Thorben komponierte Lieder und wollte eine CD daraus machen. Für jeden Wochentag ein Lied, wir wollten es morgens für nach dem Aufstehen für Greta singen. Und nicht nur für Gretas Geburt hatte er ein Mixtape zusammengestellt, sondern auch für die Zeit danach. Die coolsten Kinderlieder; auf einer CD. Wir waren vorbereitet für die musikalische Früherziehung unserer Tochter.« Doch Greta kommt gehörlos auf die Welt. Unter anderem. Der seltene Fehler auf dem achten Chromosom »kann« nämlich noch viel mehr: Er macht ihre Tochter taubblind (ähnlich: CHARGE-Syndrom), ihre Muskulatur kraftlos und ihren Darm krank {Morbus Hirschsprung}. Greta ist selbst für Spezialist/innen ein außergewöhnliches Supersonderspezialkind.

Alles inklusive – ein Buch von mareice kaiser
Foto: Carolin Weinkopf {via Kaiserinnenreich}

Was es heißt, mit einem »Supersonderspezialkind« in unserer immer noch auf »Superdubernormalos« ausgerichteten Welt zu leben, davon handelt das Buch der 35jährigen Journalistin, Autorin und Bloggerin. Es ist ein Leben im Ausnahmezustand: ein Leben zwischen Krankenhaus und Kita, zwischen Vorurteilen, Überforderungen, Bürokratiemonstern und Gewissenskonflikten, getragen von der unbedingten Liebe zu ihrer Tochter und der Sehnsucht nach Selbstverständlichkeit: »Dass es in der Geburtsmail meines Kindes nicht um unwichtige Details wie Größe und Gewicht gehen soll, wusste ich schon vor Gretas Geburt. Dass wir einen Chromosomenfehler erklären würden, nicht.«  Es gelingt den jungen Eltern. Wie vieles andere auch – der Mensch wächst bisweilen sich über sich selbst hinaus. Aber alles hat seine Grenzen. Als sich stundenlang niemand im Krankenhaus um die schwerkranke Greta kümmert, bricht Thorben zusammen. »Ich trage Momo {ihre jüngere Schwester} auf meinem Arm, sie weint. So laut hat sie ihren Vater noch nie schreien gehört. Ich ihn auch nicht.« Die Krankenschwester offenkundig auch nicht. Sie drückt einen Knopf und beschert den erschöpften Eltern damit einen Polizeieinsatz und ein lebenslängliches Hausverbot.

Der Begriff der »strukturellen Diskriminierung« wird hier so greifbar wie unerträglich. Man möchte stellvertretend schreien, weinen, heulen und wüten. Doch so wie Mareice den außer sich geratenen Thorben erst flüsternd, dann etwas lauter wieder zur Räson bringt, bewahrt sie auch ihre Leser/innen davor, an ihrer Stelle die Contenance zu verlieren. Bestimmt und ruhig führt sie sie zur nächsten Episode und erzählt – ohne Groll oder vorwurfsvolle Erregung – von all den anderen Hürden und Stolpersteinen, den glücklichen Zufällen und dem zufälligem Glück: »Greta geht zur Kita. Wow! Thorben schickt mir Fotos aus der Kita auf mein Smartphone. {…} Auf dem Foto sehe ich Greta auf einer Decke im Gras liegen. Um sie herum sitzen vier Kinder, alle sind mit Greta beschäftigt. „Sie kümmern sich ganz liebevoll {…}“, schreibt Thorben mir.« 


Der Begriff der »strukturellen Diskriminierung« wird hier so greifbar wie unerträglich. Man möchte stellvertretend schreien, weinen, heulen und wüten.


Doch bei aller Unaufgeregtheit lässt Mareice Kaiser keinen Zweifel daran, dass die Welt so wie sie ist, nicht okay ist. Denn es ist eine Welt, in der ihr Kind die Kita verlassen muss, weil es zu behindert ist. Eine Welt, in der sie dankbar dafür sein muss, wenn jemand ihr Kind betreut und sie – aufs Muttersein reduziert – ihrer Arbeit nachgehen kann. Eine Welt, in der sie stets darauf angewiesen ist, dass das Glück ihr hold ist, weil keine verlässlichen Angebote und Strukturen für Familien mit »Supersonderspezialkindern« gibt. Dabei ist es gar nicht schwer, es anders und besser zu machen: »7.30 Uhr: Anna ist da. Sie ist seit einem Jahr unsere Familienhelfer-Au-Pair und assistiert Greta im Wechsel mit Paul, unserem zweiten Au-Pair. Finanziert werden sie vom neuen ‚Lebensgesetz‘ {Special Needs Edition}, das eine Verbesserung des alten Teilhabegesetzes ist.« Komplettiert wird das Gesetz in Mareices Zukunftsvision vom »Gesundheitsclub«: »Unser Familienberater Herr Müller hatte im Online-Entwicklungsbuch gelesen, dass Greta gewachsen ist. In dieses Buch tragen alle Menschen, die mit unserer Tochter zu tun haben, ihre Beobachtungen ein. {…} Herr Müller, der Greta bereits seit vielen Jahren kennt und mindestens einmal im Jahr zu uns nach Hause kommt, um auf uns zugeschnittene Angebote zu machen, schaut proaktiv einmal pro Woche ins Online-Entwicklungsbuch und macht uns Vorschläge zur Unterstützung.« Das ist keine realitätsferne Utopie, sondern schlichtweg die Einlösung des »Versprechens« auf allgemeine Gleichbehandlung – und am Ende wahrscheinlich sogar wirtschaftlich günstiger.

Wer Mareices Buch liest und sie durch das Dickicht der strukturellen und mentalen Grenzen bis zum plötzlichen Tod ihrer Tochter Greta begleitet, kann kaum anders als zu begreifen, was die Idee der »inklusiven Gesellschaft« so lebens- und liebenswert macht – und warum es sich für sie zu kämpfen lohnt. Damit gelingt der Autorin, was jedes »Narrativ« will: die Menschen für eine gesellschaftliche Vision zu begeistern. Für mich ist »Alles inklusive« darum nicht nur das, was man »gesellschaftlich relevant« nennt, sondern auch oder vielleicht nochmal mehr: ein politisch wegweisendes Buch.


Mareice Kaiser
Alles inklusive
Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter
Fischer Verlag
Preis € (D) 14,99 | € (A) 15,50
Link zum Verlag | Link zu Mareices Lesungen


Alles inklusive – ein Buch von mareice kaiser

»Die Zivilisation scheint nur eine dünne Haut zu sein, die jederzeit zerreißen kann.« Birgit Bohley


Diesen Satz schrieb die Bürgerrechtlerin und Malerin Bärbel Bohley in ihrem 1997 erschienenen Bosnien-Tagebuch »Die Dächer sind das Wichtigste«. Blicke ich mich um, so scheint mir, dass diese »Haut«, die »die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden« {Richard Sennett}, heute dünner ist denn je. Hass, Rassismus und Chauvinismus brechen sich ungeniert Bahn. Diffamierung und Hetze werden zum Mittel der Wahl. Unanständigkeit und Grobschlächtigkeit gelten als Insignien der Authentizität, Bildung und Manieren als elitäre Überheblichkeit, Respekt und Achtung als »Gutmenschentum«. Dem kann und will ich nicht tatenlos zusehen. Doch was kann ich tun als Einzelne/r? Was den Parolen und dem Hass entgegensetzen und wie Haltung zeigen?

Um diese und weitere Fragen geht es im heutigen Interview mit Sarah von Oettingen vom Verein »Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.«, der im Jahr 1993 vor dem Hintergrund der rassistischen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen gegründet wurde und sich seither bundesweit für Demokratie und gegen das Vergessen engagiert.

Vielen Dank, liebe Frau von Oettingen, für das gute Gespräch, mit dem ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit bildet seit Anfang an die Auseinandersetzung mit politischem Extremismus. Wie hat sich dieser Ihrer Wahrnehmung nach seit der Vereinsgründung entwickelt?

Bezugs- und Angelpunkt unserer Arbeit war und ist das viel zitierte »Nie wieder Auschwitz!«. Der Schwerpunkt unserer Arbeit lag anfangs auf der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus – ausgelöst durch die rechtsextremen Übergriffe auf Asylbewerberheime in den 90er Jahren. Innerhalb der zwanzigjährigen Vereinsgeschichte hat sich unser Fokus jedoch stetig erweitert. So wurde in der Folgezeit deutlich, dass demokratiefeindliche Einstellungen nicht nur gesellschaftliche Randerscheinungen, sondern auch in der Mitte Gesellschaft verbreitet sind. Sie drücken sich in Ressentiments aller Art aus – gegen Juden, Muslime, Schwule, Sinti und Roma, Geflüchtete, Obdachlose und viele andere Gruppen. Ihnen allen gemein ist, dass sie die Gleichwertigkeit aller Menschen in Frage stellen. Die Auseinandersetzung mit diesen alltäglichen menschenverachtenden Einstellungen ist zu einem weiteren Schwerpunkt unserer Arbeit geworden.

Rechtes Gedankengut ist in erschreckend weiten Teilen der Gesellschaft wieder salonfähig und die offene Ablehnung der Demokratie nimmt zu. Ist unsere Demokratie stark genug, um ihre »Gegner/innen« auszuhalten?

Diese Entwicklung ist in meinen Augen Ausdruck einer Krise, in die die Demokratie geraten ist. Der Aufschwung der Rechtspopulisten ist nicht Ursache, sondern Symptom dieser Krise. Ob unsere Demokratie stark genug ist, hängt nicht zuletzt davon ab, wie wir mit ihren »Gegner/innen« und deren Einstellungen umgehen. Ein erster wichtiger Schritt ist sicherlich, sich von menschenfeindlichen Äußerungen zu distanzieren und eine klare demokratische Haltung einzunehmen. Darüber hinaus aber sollten wir uns meines Erachtens auch mit den Hintergründen befassen: Was veranlasst die Menschen, sich fremdenfeindlich oder rassistisch zu äußern? Wie kommen sie zu diesen Einstellungen? Warum unterstützen sie unsere demokratischen Institutionen und deren Repräsentanten nicht mehr?

Ich denke, dass wir es zum einen mit einem Vermittlungsproblem zu tun haben: Viele Menschen können den Wert der Demokratie nicht {mehr} erkennen. Sie sehen darin lediglich eine Regierungsform, die nichts mit ihnen und ihrem Leben zu tun hat. Das ist ein sehr verkürztes Verständnis von Demokratie – Demokratie wirkt in alle Lebensbereiche hinein; sie bestimmt das »Wie« unseres Miteinanders und die Werte, auf denen unser Zusammenleben gründet. In einer pluralen Gesellschaft kann und darf über das »Wie« gestritten werden und dieser Streit kann den Zusammenhalt stärken – sofern er als fairer Aushandlungsprozess gestaltet wird. Ob und wie stark unsere Demokratie ist, hängt mithin auch davon ab, inwieweit es uns gelingt, ihren Wert für das eigene Leben zu vermitteln.

Das Misstrauen gegenüber der Demokratie hat aber auch damit zu tun, dass sie in ihren eigentlichen Kernfunktionen – der Partizipation, Repräsentation und Inklusion – Defizite aufweist. Viele Menschen fühlen sich von gesellschaftlichen Entwicklungen abgehängt, von den politisch Verantwortlichen unverstanden und in ihren Interessen nicht mehr vertreten. Sie empfinden Ohnmacht in einer zunehmend unübersichtlichen Welt. Wir sollten uns selbstkritisch mit diesen Demokratiedefiziten auseinandersetzen und die Demokratie gemeinsam weiterentwickeln. Dabei täten wir gut daran, die betroffenen Menschen aus der Ecke der »Gegner/innen« herauszuholen und – bildlich gesprochen – »unter den Eisberg« ihrer Positionen zu tauchen, um ihre eigentlichen Beweggründe aufzuspüren und diese ernst zu nehmen. Dadurch kann – so meine Hoffnung – das verloren gegangene Vertrauen wieder gestärkt werden.

Harist Refian Seoul, South Korea via Unsplash

Was kann man als Einzelne/r tun, um die Demokratie zu stärken?

Im eigenen Alltag und Umfeld kann jede/r einen Beitrag dazu leisten. Das fängt damit an, dass man nach den eigenen demokratischen Grundwerten lebt und handelt – und anderen vorlebt. Es geht weiter, indem man Haltung zeigt, wenn diese Werte in Frage gestellt werden – etwa wenn sich jemand diskriminierend äußert. Und darüber hinaus stärkt natürlich jedes zivilgesellschaftliche Engagement die Demokratie. Unsere Vereinigung beispielsweise bietet in über 30 regionalen Arbeitsgruppen im gesamten Bundesgebiet die Möglichkeit, sich aktiv für die Demokratie zu engagieren.

Hassreden und rechte Parolen nehmen zu – nicht nur im Internet, sondern auch im Bekannten- und Familienkreis oder Arbeitsumfeld. Mir verschlägt es bisweilen sprichwörtlich die Sprache. Wie kann ich meine Sprachfähigkeit wieder erlangen und Haltung zeigen?

Ja, solche Parolen machen einen oft sprachlos. Einerseits weil man in solchen Situationen häufig selbst voller Emotionen ist. Andererseits weil sich Parolen nicht so einfach argumentativ entkräften lassen. Wie kann man trotzdem handlungsfähig bleiben? In unserem Argumentationstraining zeigen wir den Teilnehmenden, wie sie einen eigenen Standpunkt entwickeln und diesen selbstbewusst vertreten können.

Im ersten Schritt geht es darum, die eigene Grenze wahrzunehmen und zu zeigen, also ein Stopp-Signal zu setzen. Die eigene Haltung kommt am besten zum Ausdruck, wenn man eine klare Ich-Botschaft formuliert. Ob und wie man sich dann auf eine Auseinandersetzung einlässt, hängt vom jeweiligen Kontext ab: Befinde ich mich beispielsweise in einem privaten Gespräch oder in der Öffentlichkeit, etwa in der U-Bahn? Kenne ich mein Gegenüber oder ist es eine fremde Person? Findet die Äußerung in einem pädagogischen Kontext statt? Etc. Je nach Kontext verändert sich das Ziel der Auseinandersetzung: Will ich lediglich meine eigene Grenze deutlich machen oder mein Gegenüber überzeugen? Will ich mögliche Opfer schützen oder ein Vorbild sein für meine Mitmenschen oder die die mitlesen? Will ich die andere Person demaskieren oder verstehen, was sie zu ihrer Aussage bringt? In jedem Fall ist es wichtig, die eigenen Möglichkeiten in solchen Situationen realistisch einzuschätzen.

Ich habe die rassistischen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen 1993 live miterlebt und musste dabei zusehen, wie Menschen, die Haltung gezeigt haben, krankenhausreif geprügelt wurden. Was raten Sie in solchen Extremsituationen?

In solchen Situationen wird oft von »Zivilcourage« geredet. Damit wird meines Erachtens ein problematischer Anspruch verbunden, nämlich in jeder Situation heldenhaft Flagge zu zeigen.

Es ist schwierig in einer konkreten Situation sekundenschnell einzuschätzen, was möglich und welche Entscheidung richtig ist. Wenn man sich vorher schon einmal mit der Thematik beschäftigt und die Möglichkeiten durchgespielt hat, mag es etwas einfacher sein. Aber im Zweifel sollte man lieber den Notruf wählen als sich selbst zu gefährden. Damit ist nämlich niemandem geholfen.

Ieva

Fotos: Mädchen in Grün, Asphalt, Feder (c) Ieva Jasone | Brücke (c) Harist Refian