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M i MA

Der Berliner Winter ist besonders hart; überdrüssig bin ich ihm eigentlich schon im Januar. Der Punkt, an dem ich nicht mehr kann, ist spätestens im Februar erreicht: Mit allerletzter Kraft trotze ich dem endlosen Kaltnass, dem Dauerdunkel und Ewiggrau. Im März sind sämtliche Reserven verbraucht; jetzt gehts an die Substanz. Nach Laune, Lust und Motivation kommt schließlich meine Phantasie zum Erliegen: Ich kann mir keinen Frühling mehr vorstellen. Wenn ich die Augen schließe, seh ich immer nur das eine Bild: Berlin im Winter. Ich möchte weinen. Da blitzt er plötzlich auf im gefrierpunktnahem Nieselregen: kaum sichtbare Knospen, ein Vogelzwitschern hier und da und der Geruch von frostbefreiter Erde. Ich bin sofort voll drauf – sozusagen instantfrühlingsbesoffen. Wenn er dem Winter jetzt noch mal die Bühne überlässt, tut’s richtig weh. Kennt ihr das?


Was sonst noch so war in den letzten zwei Wochen? Unter anderem dies:

  1. GESEHEN: Bombay Beach
  2. GEHÖRT: Judith Holofernes über das Chaos
  3. GELESEN: Das Magazin
  4. GEWESEN: auf der CeBIT
  5. GESUCHT: einen Jumpsuit
  6. GEFUNDEN: eine goldene Schere
  7. GEDACHT: Wie krass – die Aktionen des russischen Künstlers Pjotr Pawlenski!
  8. GELACHT: über den Schokoladenpizza-Battle
  9. GELOBT: das komplexe Denken in »Zwischenfarben, Schatten, Nachmittagslichtern und endlosen Meeren«
  10. GEMACHT: Alltagslogistik10  2 x VollzeitDienstreisen + krankes Kind – Kinderbetreuung = Chaos
  11. GEMOCHT: die Arbeiten der in Berlin lebenden Künstlerin Karin Felbermayr
  12. GEFALLEN: dass Zohre Esmaeli das Gesicht der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen« ist und Julia, das neue Mitglied der US-amerikanischen Sesamstraße
  13. GEFREUT: dass »Nusret und die Kuh« für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert ist
  14. GEWÜNSCHT: dass Mujo Kazmi genug Unterstützer/innen für sein Buchprojekt findet, in dem es um Flucht, Grenzen und Neuanfänge geht.
  15. GERÜHRT: von diesem Papa
  16. GEFRAGT: ob ich es hinkriege, die ARD-Doku »Brücken in die neue Heimat: Integrationslotse Mehrdad Zaeri« nicht zu verpassen.
  17. GEPLANT: den Frühling auf dem Balkon pflanzen in Form eines Frühbeets {von Hellweg}
  18. GEKAUFT: Tickets für Hauschka im Funkhaus Nalepastraße
  19. GESTAUNT: wie einfach die Lösung für große Probleme manchmal sein kann
  20. GESEUFZT: weil ich {wieder} nicht auf die Leipziger Buchmesse komme {gut gibt’s das Radio}
  21. GESPANNT: auf den Ausgang der Wahlen in Frankreich
  22. GEHOFFT: auf eine Art »Schulz-Effekt« für Macron
  23. GESCHMUNZELT: »Es ist wirklich an der Zeit nicht mehr nur wahnsinnig engagiert auf dem Sofa rumzusitzen.« Dorothea Volz {via »Die Offene Gesellschaft«}
  24. GEKLICKT: in den März vor einem Jahr

Jeden 2. {manchmal auch 3.} Mittwoch im Monat hinterfragt meine Freundin und einstige Lehrerin Hazel Rosenstrauch das aktuelle »Weltgeschehen« mit kulturhistorischer Anteilnahme. Ihre erste Glosse drehte sich um Kommunikationsformen im Wandel der Zeit; die zweite nun kreist um die Frage von Engagement und Haltung in unübersichtlichen Zeiten.

Konsum, Masse, richtiger Konsum, Minimalismus, weniger ist mehr, ieva Jansone, Photographie

»Komplex, konfus & gerne auch präzise«

von Hazel Rosenstrauch

Man müsste, man sollte… in Zeiten wie diesen sich politisch engagieren. Das höre ich von Jüngeren, die in unsere real existierenden Freiheiten hineingewachsen sind (ob sie die Anspielung auf den real existierenden S. noch kennen?), von R. (21 Jahre), aber auch von S. (um die 40) und von 50-Jährigen, die die Hausbesetzerszene oder Anti-Atomkraft-Bewegung noch kennengelernt haben, und dann hallt noch dieser Satz meines 30-jährigen Sohnes nach: »Ihr habt die Erfahrung, gebt sie uns weiter.«


»Er wollte Gedichte schreiben, aber seine Partei verlangte nach Parolen, denn es war Krieg


Mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge nehme ich die Rolle an. Die alte Frage lautet: »Was tun?«, um ein berühmtes Buch zu zitieren, das 1902 geschrieben und interessanterweise 2010 neu aufgelegt wurde. In den 1960er und 70er Jahren war Lenin noch eine Referenz. Heute beneide ich all jene, die wissen, was zu tun wäre. Meine Generation ist von Zweifeln befallen, obwohl in den letzten Jahren Oldies oft mutig und radikal vor-gedacht haben (zuletzt Bernie Sanders). »Radikalität gehört zu den Privilegien der Jugend« ist einer dieser Schlüsselsätze, die ich mir nur ungern zu Herzen nehme. Es gibt tolle Entwürfe, aber es ist eben auch alles so furchtbar komplex. Viele gut gemeinte Engagements sind verdreht oder missbraucht worden, die Dinge haben sich anders entwickelt, als wir uns erträumten – und wenn ich in meinem Bücherschrank nachschaue, ging das vielen Generationen vor mir auch schon so. Zum x-ten Mal nehme ich zwecks Beruhigung das kleine Heftchen »Über die Verfinsterung der Geschichte«* mit den Dialogen von Alexander Herzen aus dem 19. Jahrhundert zur Hand.

Demonstrationen, Unterschriften, Vereine, Initiativen, Wahlen, Plattformen, Protestbriefe sind vielleicht überholt… und doch ist vieles besser geworden, als es in den 1960er und auch noch in den 80er Jahren war. Als die lebendige, vielseitige Studentenbewegung in sektiererische Sekten zerfiel, habe ich diese Frage – wo und wie kann oder soll ich mich engagieren – einem Freund meiner Eltern gestellt. Er erzählte mir von den Auseinandersetzungen der 1930er und 40er Jahre, die ihn geprägt hatten. Damals wollte er Gedichte schreiben, aber die Partei, der er im Exil angehörte, verlangte nach Parolen, denn es war Krieg. Von ihm habe ich gelernt, dass jede/r das machen soll, worin er oder sie gut ist, ich solle mich nicht zwingen und nicht überreden lassen.


»Es scheint mir derzeit besonders wichtig, einen Gestus in der Welt zu halten, der gegen die Monokultur aus Hektik, Trumpf, Behauptung bzw. Resignation helfen könnte.«


Geprägt vom 20. Jahrhundert und seinen großen Antworten habe ich eine Schwäche für scheinbar unwichtige Nebendinge entwickelt: Widersprechen, Vernunft walten lassen, Zeit zum Nachdenken herausschinden, Informationen beschaffen und nicht nur die Katastrophen wahrnehmen, eher so lange recherchieren, bis auch die ermutigenden Projekte ins Blickfeld kommen… und davon erzählen. Kürzlich war ich zwei Wochen in London und als ich zurückkam, fiel mir auf, wie sehr hier ständig Alarmstimmung herrscht (und dort hatten sie mit ihrem Brexit wahrlich Grund genug, über die Katastrophe zu klagen).

»Katastrophitis« ist ansteckend, sie macht dumm, weil sie zu Panik verführt. Konfusion war immer; es gab »früher« nur übersichtlich wenige hör- und lesbare Stimmen, die Fakten und Fakes sortierten oder Antworten boten (die unüberschaubare Fülle wurde gleichwohl schon zu Zeiten der massenhaften Verbreitung von Illustrierten oder nach der Erfindung des Radios beklagt). Aus Misstrauen gegen alles, was eine Lösung verspricht, scheint es mir derzeit wichtig, einen Gestus in der Welt zu halten, der gegen die Monokultur aus Hektik, Trumpf, Behauptung oder auch Resignation helfen könnte (eventuell neben den alten und noch nicht überholten Formen von Engagement): Aufschauen vom Bildschirm, die unbezahlbaren und unbezahlten Haltungen würdigen, lachen, (zu)hören, (nach)fragen, Nichtwissen oder auch Unsicherheit aushalten, selbst denken und andere zum Denken verlocken, zivilisiert agieren, gerne spüren, aber nicht aufs beliebte Bauchgefühl vertrauen. Und dann ist da noch diese Geschichte mit der Phantasie. Nicht, wie eine Parole der 60er Jahre hieß, »an die Macht« mit ihr, aber »an die Arbeit«. Es ist (uns) lange gut gegangen, wir sind verwöhnt und brauchen neue Ideen. Immer schon musste erst gedacht, diskutiert und phantasiert werden, bevor Erfindungen, Erkenntnisse und Perspektiven entwickelt werden konnten. Wie war das noch mit dem berühmten Denker? »Ich spinne, darum bin ich.«


*Das Büchlein von Alexander Herzen wurde »eingerichtet für das Jahr 1984« von Hans Magnus Enzensberger und herausgegeben in der {kürzlich verendeten} Friedenauer Presse. | Fotos: Lando Jansone

Buch von Alexander Herzen und Lenin

Begegnet bin ich dem Anwalt und Winzer Horst Hummel im Dezember 2012. Der Zufall führte mich zu einem vorweihnachtlichen Abendessen mit ihm. Seither treffe ich seine Weine mit der so schönen wie unvergesslichen Hummel regelmäßig wieder (bevorzugt an literarischen Orten). Dass er heute zu Gast bei mir ist, ist wieder dem Zufall zu verdanken.

Logo Weingut Hummel

Kürzlich las ein (mich) ziemlich erschütterndes Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über die Rechtsentwicklung in Ungarn, und just am selben Tag (es war der 20. Februar) erhielt ich den Newsletter des Weinguts Hummel. Da erinnerte mich, dass Horst Hummel seinen Wein in Ungarn anbaut und »Land und Leute« recht gut kennt. Warum nicht ihn nach seinen Eindrücken und Erfahrungen fragen – und gleich nach all dem, was ich 2012 nicht zu fragen wagte? Zum Beispiel warum er Ungarn als Weinanbaugebiet gewählt hat und was er an diesem (mir bisher unbekannten) Land so mag. Wie er, der Anwalt für Urheberrecht (unter anderem), eigentlich zum Weinbau gekommen sei und worauf es in den beiden Metiers ankomme. Um all das und noch ein wenig mehr geht es im heutigen Montagsinterview, mit dem ich einen anregenden Start in die neue Woche wünsche.

Danke, lieber Horst, für das anregende Gespräch.

Horst Hummel im Keller seines Weinguts

1998 hast du dein Weingut Hummel in Villány/Ungarn gegründet. Wie kam es dazu?

Es war wohl eine Mischung aus Neigung, Gelegenheit und Notwendigkeit. Ich habe mit Anfang 20 begonnen, mich mit Wein zu beschäftigen, bin nach Burgund gereist und war fasziniert von der Schönheit der Weine. Dann bin ich im Laufe der Jahre in Weingebiete auf der ganzen Welt gereist, habe verkostet, mit Winzern geredet und über Wein gelesen. So hat sich ein Verständnis von Wein gebildet und irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich gerne selbst Wein produzieren würde, wusste aber nicht wo. Dann kam die Wende und Ungarn näher – wohl nicht zuletzt, weil ich aus einer donauschwäbischen Familie aus der Vojvodina stamme, wo mein Urgroßvater bis 1945 Winzer war.

1997 reiste ich in das Dorf, aus dem meine Familie stammt und fuhr auf dem Rückweg nach Ungarn, um mich wegen des Weins umzusehen. Beim Verkosten wurde mir ein Weinberg zum Kauf angeboten, den ich zwar nicht kaufte, aber Ungarn als Standort ernsthaft in Erwägung zog. Ich recherchierte, wo der beste Rotwein in Ungarn herkommt und fand Villány. Der Ort beeindruckte mich in mehrfacher Hinsicht und so gründete ich dort 1998 mein Weingut.

Von Hause aus bist du Jurist und als Rechtsanwalt in Berlin tätig. Juristerei und Winzerei – das scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Welten zu sein. Wo siehst du die Schnittmenge?

Ich sehe keine – und das könnte genau der Grund dafür sein, dass es so viele Rechtsanwälte unter den Quereinsteigern im Weinbau gibt.

Was macht einen guten Rechtsanwalt, was einen guten Winzer aus?

»Der französische Begriff Terroir erfasst alle natürlichen Voraussetzungen, die die Biologie des Weinstocks und demzufolge die Zusammen-setzung der Traube beeinflussen […]: Klima, Boden und Landschaft, [… ] Nacht- und Tages-Temperaturen, Niederschlags-Verteilung, Sonnenschein-Stunden, Hangneigung und Boden-Durchlässigkeit … . Alle diese Faktoren reagieren miteinander und bilden in jedem einzelnen Teil eines Weinbaugebietes das, was der französische Winzer Terroir nennt.« Bruno Prats

Ein guter Rechtsanwalt braucht abgesehen von der immer notwendigen guten Fachkenntnis in seinen Tätigkeitsbereichen, eine gute Auffassungsgabe, Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen, Intuition, Sprachbegabung und Mut.

Einen guten Winzer macht das Verständnis seines Terroirs aus: Er muss verstehen, welche Rebsorten für seine Weinberge ideal sind und warum. Dazu muss er wissen, was ein guter Wein ist und er braucht ein Händchen sowie die Möglichkeiten dafür, seinen Weinbergen und seinen Reben alles das zu geben, was sie von ihm brauchen, aber nicht mehr. Außerdem braucht er Phantasie: Er muss eine klare Vorstellung davon haben, zu welcher Art Wein seine Trauben stilistisch werden sollen. Dann er ihnen dabei helfen, dass sie ihren idealen Ausdruck finden – Jahrgang für Jahrgang, wobei es darauf ankommt, so wenig wie möglich zu intervenieren. Kurzum: Ein guter Winzer braucht Fachwissen, Auffassungsgabe, Einfühlungsvermögen, Intuition, Mut und einen guten Geschmack. Wenn er dazu noch Sprachkenntnisse hat, kann er seine Weine besser exportieren, denn Geld braucht er auch!

Laut Stuart Pigott hegst du eine große Faszination für Ungarn. Woher rührt diese und was genau fasziniert dich an diesem Land?

Meine Faszination für Ungarn beschränkte sich zunächst auf die ungarische Literatur, die ich schon las, bevor ich überhaupt daran dachte, in Ungarn Wein zu produzieren: Imre Kertész, Péter Nádas, Sándor Márai, Béla Hamvas, um nur einige zu nennen, sind Schriftsteller, deren Werke weit über Ungarn hinaus weisen und existentielle Bedeutung für Fragen habe, die die Menschheit und das Menschsein generell betreffen. Später kamen dann die Weine dazu.

Ungarn hat herausragende Terroirs für Weinbau, die, abgesehen von Tokaj vielleicht, in der übrigen Welt noch überwiegend unbekannt und unentdeckt sind. Es war faszinierend für mich, an der Wiederentdeckung und Wiedererweckung eines dieser großen Terroirs relativ früh nach der Wende beteiligt sein zu können. Und dann kommt wohl auch noch die Vertrautheit dazu, die ich von Anfang an mit dem Land und den Leuten empfunden habe, die vielleicht etwas mit der Geschichte meiner Familie zu tun hat, die als Donauschwaben 1792 nach Ungarn ausgewandert ist und bis 1947 in der Vojvodina, die heute zu Serbien gehört, gelebt hat. Jedenfalls habe ich mich mit Villány von Anfang an auf eine Art vertraut gefühlt, die mich selbst überrascht hat und die, denke ich, viel mit den Villányern zu tun hat, die mich in ihrer Art so sehr an meine Großeltern erinnert haben, mit denen ich zusammen in unserem Haus in Reutlingen aufgewachsen bin und zu denen ich ein sehr enges und gutes Verhältnis hatte.


»Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land die tiefe Verunsicherung und aufkeimende Xenophobie mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde.«


Du kennst Ungarn nun seit vielen Jahren. Wie hat sich das Land in dieser Zeit in deinen Augen verändert?

Die größten Veränderungen sind sicher die politischen. Als ich 1997 zum ersten Mal nach Villány kam, war das 9 Jahre nach der Wende und Ungarn schien mir auf dem Weg in eine prosperierende Zukunft zu sein. Das hatte viel mit der Literatur zu tun, die ich gelesen hatte und weiter las. Diese Literatur hat eine Kraft und Bedeutung, die mich denken lies, dass das auch für die Entwicklung des Landes in einem freien Europa gelten würde. Natürlich habe ich auch damals schon Symptome von Verunsicherung, Xenophobie usw. wahrgenommen. Aber die gab es anderswo auch, auch in Deutschland. Für mich waren das Kinderkrankheiten, die etwas mit der Geschichte des Landes zu tun hatten, wie man sie auch in den neuen Bundesländern (aber nicht nur dort) vorfindet.

Ich war ziemlich optimistisch, dass das Land das mit seinem kulturellen Potential gut bewältigen würde. Im Laufe der Zeit schlug das Pendel dann immer mehr in Richtung Paternalismus aus. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Entwicklung im Land, die sich oft im Verborgenen abspielt. Dazu trägt auch die große Zahl an Ungarn bei, die inzwischen überwiegend im europäischen Ausland leben und dort ganz andere Erfahrungen machen, als zu Hause und die diese Erfahrungen auch wieder in die ungarische Kultur und Lebenswirklichkeit einspeisen, direkt und indirekt.

Das Weingut Hummel in Ungarn

Laut der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky ist Ungarn von einem tief verankerten rechtsesoterisch-völkischen Nationalismus geprägt, in dem die Ideen von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde vielfach auf Ablehnung stießen.* Machst du diese Erfahrung auch? Wenn ja, wie erklärst du es dir?

Tatsache ist, dass es in Ungarn solche Strömungen gibt. Wie weit sie verbreitet sind, kann ich nicht sagen. In meinem Alltag in Villány spielen sie keine Rolle. Nationalismus, egal in welcher Ausprägung, ist in meinen Augen immer ein Symptom von Identitätsproblemen. Die Menschen, die im Nationalismus etwas suchen und finden, antworten damit auf Identitätsprobleme, die sich in ihrer Persönlichkeit angereichert haben. Die Ursachen dafür finden sich m.E. immer in der Geschichte der Länder und Menschen. Und wenn man sich die ungarische Geschichte anschaut, gab und gibt es genügend Anlass, darauf mit Identitätsproblemen zu antworten – natürlich nicht nur in der ungarischen. Die eigentlichen Probleme entstehen, wenn die Identitätsprobleme nicht als solche erkannt und verstanden werden.

*Quelle: Nationalismus in Ungarn – Orbán sieht sich als spiritueller Führer; Interview von Alex Rühle mit Magdalena Marsovszky; Süddeutsche Zeitung vom 20.02.2017

Kommen wir auf deine Weine zu sprechen. Welche hast du im Sortiment und was zeichnet sie aus?

Ich habe im Moment gut 25 Weine auf der Liste. Jeder ist natürlich anders, aber auf Verkostungen bekomme ich oft die Rückmeldung, dass alle Weine etwas Gemeinsames haben, eine ähnliche Stilistik. Darüber freue ich mich. Ich denke, das hat etwas damit zu tun, wie wir im Weinberg und im Keller arbeiten und das wir damit das Terroir, also die Herkunft der Trauben, zum Ausdruck bringen.

Alle meine Weine sind spontan vergoren, und wir betreiben seit 2008 biologische Landwirtschaft. Wir intervenieren im Weinberg und Keller so wenig wie möglich, düngen nicht und machen wenig Bodenarbeit. Außer ein wenig Schwefel bekommen unsere Weine nichts hinzugefügt. Das führt zu einer eigenständigen Ästhetik und einem eigenen Stil, den die Leute erkennen. Dieser Ausdruck des Terroirs ist es auch, was ich anstrebe. Wenn alles gut läuft, ist er immer schön. Und man kann ihn nicht kopieren. Das ist Identität im Wein.

Welchen deiner Weine empfiehlst du für einen geselligen Abend mit Freunden bei Laugenbrezel und Weltanalyse.

Ich würde mit einem Sekt beginnen, zum Beispiel mit dem PRYXX Brut Nature 2012, dann mit dem Hárslevelü 2015 weitermachen und über den Hárslevelü GÓRÉ 2015 (ein ungeschwefelter, maischevergorener Orangewein) zu den Roten übergehen: JAMMERTHAL 2013, SPATZ 2013, PANTERRA 2012.

Wenn man dann noch Brezeln hat und Durst, kann man anfangen, sich mit der Trilogie der Grundbefindlichkeiten zu beschäftigen: VERZWEIFLUNG 2009, GELASSENHEIT 2012, GLÜCKSELIGKEIT 2013.

Weine vom Weingut Hummel

Bildnachweise: Alle Fotos (mit Ausnahme des Beitragsbilds) von Juha Pekka Laakio Oy, Andrea Sunder-PlassmannWolfgang Deimling (Flaschenfoto), Daniel Deimling Horst Hummel via Weingut Hummel.

Eine Woche wie ein gepresste Zitrone. Darum heute nur 10 und eilige, aber herzliche Grüße zum Wochenende.

eine gepresste Zitrone fotografiert von Lando Jansone

PS: Die nächste Woche startet mit einem weinseligen Blick nach Ungarn und Mittwoch lässt Hazel Rosenstrauchs ihre Gedanken um die Frage nach dem »richtigen« Engagement in »falschen« Zeiten kreisen.

  1. GESEHEN: AX.APE {ein außergewöhnlicher Experimental-Kurzfilm}
  2. GEHÖRT: Armin Nassehi über den strategischen Vorteil der Lügner
  3. GELESEN: über Twitteratur
  4. GESUCHT: nach einem Teppich {die von Sukhi sind nicht nur schön, sondern auch gut}
  5. GEFUNDEN: das »Wort des Jahres« seit 1971 {Gesellschaftsanalyse in noch weniger als 140 Zeichen}
  6. GEMOCHT: »bike« von Christoph Niemann
  7. GEMACHT: Ma. vom Karate abgeholt und gewünscht, dass die Regeln für alle immer überall gelten würden.
  8. GEDACHT: Ich fass es nicht: Das Risiko einer Vergewaltigung ist für Frauen höher als die Gefahr einer Krebserkrankung, eines Autounfalls, eines Krieges oder einer Malaria-Ansteckung zusammen.
  9. GESPANNT: auf die documenta 14
  10. GEKLICKT: eine Portion tägliche Kunst

Fotos: Lando Jansone

Stell dir vor, du wachst morgens auf und keine einzige Frau* ist mehr da. 24 Stunden lang wären sie wie vom Erdboden verschluckt. Du selbst vielleicht auch. Wie sähe dieser Tag aus?

Diese Frage hat das Feministische Netzwerk an Blogger*innen und Autor*innen gerichtet und sie aufgerufen, ihren Tag ohne Frauen  im Internet zu beschreiben. Inspiriert hat sie dabei das Bündnis des Women`s March, das anlässlich des heutigen Internationalen Frauentages zum Generalstreik »A Day Without A Woman!« aufgerufen hat. Sämtliche Beiträge findet ihr hier.


Der Internationale Frauentag wird seit 1911 gefeiert – seit 1921 am 8. März. In einigen Ländern ist er sogar gesetzlicher Feiertag. Erstmalig statt fand der Weltfrauentag am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Hauptziel und -forderung war damals das allgemeine Frauenwahlrecht.
In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht {wie auch in Österreich, Polen und Russland} 1918 im gesetzlich verankert. Im Januar 1919 konnten deutsche Frauen erstmals in der Geschichte wählen und gewählt werden.
Mehr zum Thema

Gerne unterstütze ich die Aktion der Feministischen Netzwerker*innen und damit die freie und offene Gesellschaft, in der jede*r – ganz gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Religion oder Weltanschauung, welcher Behinderung, welchen Alters, welcher sexuellen Identität – sicher, selbstbestimmt, gleichberechtigt und chancengleich leben kann.

Statt meine Version eines Tages ohne Frauen bzw. ohne mich zu erzählen, habe ich Freund*innen, Verwandte und Kolleg*innen gefragt, wie sie sich diesen Tag vorstellen. Aus ihren Antworten ist eine vielstimmige Collage geworden – so vielfältig und unterschiedlich wie sie. Würden sie heute nicht da sein, wären sieben wunderbare Menschen verschwunden und mit ihnen all das, wofür sie stehen: Esprit, Wohlwollen, Kreativität, Herzlichkeit, Witz, Entschiedenheit, Zähigkeit, Inspiration, Reflexion, Nüchternheit, Liebe, Bescheidenheit, Intellekt, Wärme, Dankbarkeit, Fröhlichkeit, Energie, Mut, Möglichkeits- und Realitätssinn, Empathie, Tatkraft u.v.m.

1.000 Dank, liebe Julia, Katja, Kirsten, Mama, Annett, Hazel und Lando.

*Mit dem »Gender-Star« werden alle Menschen aller Geschlechtsidentitäten einbezogen – diesseits und jenseits des binären Geschlechtsmodells. | Beitragsbild: Lionello DelPiccolo {Unsplash}


Maedchen in der Wueste

»Ich kaue auf der Frage herum und werde langsam ärgerlich« von Julia Kropf

Ein Tag ohne Frauen in meinem Leben. Ich hadere mit der Frage. Sie gefällt mir nicht so recht. Sie scheint ein vorschnelles Denken in Stereotypen nahezulegen. Ich kaue auf der Frage herum und werde langsam ärgerlich. Ich schwanke zwischen einem schnellen »scheiße wäre das, ist doch klar« und dem Versuch einer intelligente(re)n Antwort. Was soll die Frage bezwecken? Dass Frauen wichtig sind? Äh, ja klar. Dass ohne ihre (schlecht oder ungleich) bezahlte und vor allem unbezahlte Arbeit die Wirtschaft, unsere Gesellschaft, Familien nicht funktionieren würden? Natürlich nicht! Dass der gesellschaftlich Resonanzkörper recht hohl klingen würde? Absolut!

Aber: Die Frage soll sich ganz konkret um einen Tag in meinem Leben drehen. Also, noch mal von vorne: Ein Tag ohne Frauen in meinem Leben, bei meiner Arbeit, auf der Straße, in der Bahn, in den Medien, in meinem Bücher- und CD-Regal … Und ich mittendrin? Vermutlich käme ich mir vor wie ein Alien, eine Fremde in meiner eigenen Welt. Vermutlich würde die gesellschaftliche Infrastruktur um mich herum so ziemlich zusammenbrechen. Was würde das machen mit der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich in meiner Welt bewege, mit meinem Vertrauen?

Und ohne mich? Ein interessantes Sozialexperiment und vielleicht die bessere Alternative als die einzige zu sein. Um festzustellen, was es mit der Gesellschaft {in diesem Fall: den Männern} macht, bräuchte es sicherlich mehr als einen Tag. Konfusion, Hauen und Stechen, ungeahnte Potenziale?

Ich hadere immer noch mit der Frage. Und gleichzeitig verspüre ich eine große Dankbarkeit. Für die Tatsache, dass Frauen in meinem Leben einen unverrückbaren und selbstverständlichen, sichtbaren Platz haben. Frauen, die da sind, mich begleiten, herausfordern, beraten, trösten, ärgern, anregen. Frauen, die mir Gegenüber, Vorbild, Kontrastfolie, abschreckendes Beispiel, Freundin, Kollegin sind. Ein Tag ohne all diese Frauen wäre ein tiefer Krater in meinem Leben. Viele Frauen leben in so einem Krater – jeden Tag.

Die Uhr tickt. Wie viel Zeit bleibt uns, um das Schlimmste zu verhindern? Rechtsexetremismus

»Die Zeit bliebe stehen« von Katja Hiller

Tja, interessante Frage. Keine Kanzlerin, keine Verteidigungsministerin, keine Umweltministerin… Führerinnen-los dümpelt das Land vor sich hin, für 24 h Ausnahmezustand, angreifbar – aber auch ohne eine Frauke Petri und Eva Herrmann 😉.

Verschwunden wären aber auch meine Tochter, meine Mama, meine Schwester, meine Oma, meine Nichte, meine Tanten und ich verlöre meine Identität als Mutter, als Schwester, als Nichte, als Enkelin. Verschwunden wären auch meine Chefin, meine Bäckereiverkäuferin, meine Haus- und Zahnärztin. Nicht nur meine kleine Infrastruktur bricht zusammen: kein Job, kein Geld, keine Versorgung! Sollte ich noch da sein, würde es einsam um mich und ich (be)fürchte zu viel Testosteron. Ohne Freundinnen blieben Dinge unbenannt, gibt es keine kleinen subtilen Botschaften mehr.

An diesem Tag käme kein Kind zur Welt. Die Zeit bliebe stehen. Es würde leise, dunkel und trist. Die Welt verlöre Wärme und Fürsorge, Melodie und Farbe, Erfahrung und Wissen, Harmonie und eine gehörige Portion Altruismus.

… es gäbe noch tausend andere Aspekte. Ein Szenario, das ich mir lieber gar nicht ausmalen möchte: eine Welt voller Männer.


 »Die Liebe fehlte« von Kirsten Frohnert

Mir fehlten bedingungslose Liebe und Freundschaft, Kraft-, Reflexions- und Inspirationsquellen!

Frau im roten Kleid und langem wallenden Haar von quentin keller

»Selbstbewusst und gleich« von Christel Zetzsche

Einen Tag ohne Frauen: nahezu leergefegte Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Verwaltungsbüros auf unterer und mittlerer Ebene, Geschäfte müssen schließen, Kassiererinnen und Verkäuferinnen fehlen, Schulen und Kindergärten haben nur noch minimale Notbesetzungen, Väter bleiben zu Hause für die Kinderbetreuung, Chefs und Abteilungsleiter müssen sich miteinbringen in Niedriglohntätigkeiten und erfahren deren Wichtigkeit und Wert. Gute Gründe für Frauen-Selbstbewusstsein, für gleichen Lohn, für gleiche Chancen.

Ein Tag ohne Männer würde vielleicht dazu führen, dass Frauen erleben: »Das kann ich auch« – und in einer nahen Zukunft erhält jede*r die Chance gleichwertig anerkannt (auch in €) seine Fähigkeiten einzubringen.

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»Die Frage hat sich erledigt« von Annett Jahn

Noch während ich im Kopf die Frage hin- und herbewege, welche Frauen ich gedanklich für einen Tag aus meinem Leben verschwinden lasse und ob ich mich selbst dazugesellen soll, wird im Radio erwähnt, dass bald Frauentag ist. Mein Sohn (4) hört mit und bestimmt: » … und Manntag … und Kindtag … und Omatag … und Johannatag.« – Die Frage hat sich erledigt.


 »Kommunizierende Gefäße« von Hazel Rosenstrauch

An einem unverhofft frühlingshaften Samstag ging ich durch Berlins Schöneberg, blinzelte, und retuschierte die Frauen weg. Männer in Schwarz oder Dunkelbraun, gepuffte Jacken, Jogginghosen und Jeans, stapften durch die Gegend, sie sahen etwas verloren aus der Wäsche, vielleicht, weil niemand  sie bewunderte, und sie auf niemanden hinunterreden konnten. Heimgekehrt (weil ich mich ja auch absentieren musste) sprang meine Phantasie ein paar Monate weiter. Ich sah dieselben Männer in bunter Kleidung, lachend, einige sogar elegant, schwatzend und mit erstaunlich beweglichen Körpern. Vielleicht sind nämlich die Geschlechter wie kommunizierende Gefäße und wenn ein paar »weibliche« Eigenschaften fehlen und Frauen die »männlichen« Haltungen übernehmen, werden die Männer, die uns so oft immer noch gegenüber und nicht neben uns stehen, die fehlenden »Weiblichkeiten« kompensieren?!

Selbstverständlich wird es nach und nach viele Facetten von Körperhaltungen, Kleidung, Benehmen geben – nichts ist mehr typisch. Und ist dieser Prozeß nicht längst im Gange? Als ich nach ein paar Minuten wieder nüchtern in den Reflexionsmodus schalte, bleibt die Frage, ob mir das gefallen wird, im Halse stecken.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

»Welch ein Chaos« von Lando Jansone

Ich wäre sehr glücklich, wenn ich eines Tages nicht mehr automatisch als »Frau« gelesen würde (ich definiere mich als nicht-binäre Person1). Wenn alle Frauen* für einen Tag aus der Welt verschwinden würden – welch ein Chaos. Ich glaube, der ganze Care Bereich würde zusammenbrechen!

1»Binär« ist das lateinische Wort für »zwei«und steht hier für das in unserer Gesellschaft anerkannte Geschlechtsmodell aus weiblich und männlich. Nicht-binäre Personen sind solche, die sich nicht in diesem Zweiersystem wiederfinden, weil sie sich nicht als Mann/Junge oder Frau/Mädchen wahrnehmen. Geschlechtsidentitäten sind unabhängig vom körperlichen Aussehen und der sexuellen Orientierung. Mehr über nicht-binäre Geschlechtsidentitäten

Madeleine textet. Fine zeichnet. Aus Text und Zeichnung werden Möglichkeitsräume, aus Madeleine und Fine werden Matrosenhunde. Die Matrosenhunde haben ihren Hauptsitz in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, ein Ort, der für manche Menschen eine No-go-Area ist. Fine und Madeleine texten und zeichnen hier u.a. für Verlage und Theater. Ich mag ihre Arbeiten sehr; sie haben eine ganz eigene Ironie. Sie ist gleichzeitig heiter und traurig, leicht und schwer. Der Verleger Robert Eberhardt spricht von »Poesie und Zweideutigkeit« und findet, es sei ein großes Glück, wenn das eigene Dasein wie die Kunst der Matrosenhunde davon durchzogen wäre. Dem kann ich nur zustimmen – und mich freuen, dass die Zwei heute zu Gast bei mir sind.

In unserem Gespräch geht es unter anderem um die »unbeobachteten Kippstellen im Leben«, die Lust am Wandel und den passenden Umschlag zum aktuellen Weltgeschehen. Vielen Dank, liebe Fine und Madeleine, für das inspirierende Gespräch, mit dem ich allen einen glücklichen Start in die KW 10 wünsche.


»Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen.« Madeleine


Als Matrosenhunde fokussiert ihr den Zwischenraum von Bild und Text. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Als Grafikerin und Zeichnerin hab ich mir immer ein Gegenüber gewünscht, mit dem ich kommunizieren und Gedanken größer spinnen kann. Wir reden ja, während Madeleine textet und ich zeichne, nicht über unsere jeweiligen Beweggründe – und dann entsteht durch die Verknüpfung unsere Ausdrucksformen etwas Neues, Eigenes. Ich finde das elektrisierend.

Euer Studio ist mitten in Neukölln. Was zeichnet diesen Raum aus?

Fine: Es ist schon manchmal hart, gerade in der Sonnenallee – hier prallen Welten aufeinander: auf der einen Seite die gewachsene Armut und auf der anderen Seite die jungen, enthusiastischen Kreativen, die versuchen, eine schönere, bessere Welt zu schaffen. Oft mithilfe von öffentlichen Geldern oder Zuschüssen. Das Neuköllner Jobcenter hat den größten Bereich für Selbstständige in ganz Berlin. Gleichzeitig werden überall die (Gewerbe-)Mieten teurer, ohne dass irgendetwas für den Stadtteil getan wird. Das schürt gegenseitige Ablehnung. Gerade erst habe ich eine ehemalige Kommilitonin getroffen und mich über den Kasper gefreut, den sie am Böhmischen Platz ans Puppentheater gemalt hat. Nächste Woche wird der überstrichen, weil er nicht zum schicken neuen Rixdorfer Image passt.

Madeleine: Was unser Studio konkret angeht, sind wir gar nicht an eine bestimmte Umgebung gebunden, wir hatten auch schon Arbeitsorte in einem Plattenbau auf der Prenzlauer Promenade, in einer umgenutzten Kohleofenwohnung im Winskiez oder »on the road«. Eigentlich brauchen wir nur einen Tisch und ein bisschen Platz zum Denken. Neukölln ist da eine Reibungsfläche, die nicht für jeden geeignet ist. Ich persönlich brauche oft Rückzug und Ruhe, daher mag ich das Tempelhofer Feld sehr. Das Nebeneinanderexistieren unterschiedlichster Lebensentwürfe ist hier in Neukölln schon sehr beeindruckend. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob dieses Nebeneinander auch irgendwann zum Miteinander wird, oder eher doch parallel bleibt.

Was sind die »unbeobachteten Kippstellen des Lebens zwischen Tür und Angel«? 

Madeleine: Ich glaube, dass die großen Veränderungen im Leben immer in kleinen Momenten passieren. Beim Schuhezubinden, Müllrausbringen oder Nicht-ans-Telefon-gehen. Beim Aus-dem-Zugfenster-gucken oder an der roten Ampel. Im Vorübergehen, im nicht definierten Zwischenraum. Diese Orte aufzuspüren, ist mir ein großes Anliegen. Genau hinzusehen und leise zu beobachten, wann etwas passiert. Denn Anfang, Mitte und Ende einer Geschichte obliegen auch immer demjenigen, der sie erzählt.

Fine du bist in Berlin aufgewachsen. Wie und wo? 

Ich komme aus Oberschöneweide, was zu Köpenick im Südosten Berlin gehört. Von damals habe ich wohl meine Liebe zur Industrie-Architektur. Zur Schule gegangen bin ich aber im bürgerlichen Friedrichshagen und in Oberspree. (Abitur habe ich übrigens in Schleswig-Holstein gemacht und kurz mal in Paris studiert. Ich musste aber immer so schnell wie möglich nach Berlin zurück.) Oberschöneweide hatte nach der Wende 30.000 Arbeitslose, das war schon heftig. Ich finde es schön, dass in den alten Fabrikhallen Ateliers entstanden sind, die FHTW mit ihren Studenten das Viertel neu belebt hat und viele Häuser renoviert wurden. Das war nötig. Aber auch hier muss achtsam mit den Bewohnern und ihren Möglichkeiten umgegangen werden. So ein Viertel, eine Stadt ist ja ein Makrokosmos, an dem sich ganz gut gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen.

»Ich will so gerne alle Menschen mitnehmen und für Veränderungen begeistern. Zusammen kann so viel Großartiges entstehen, was alleine und auf egoistische Beweggründe fokussiert nicht möglich ist.«

Wie und wann sind aus dir und Fine zwei Matrosenhunde geworden? Und woher rührt der Name? 

Madeleine: Fine und ich kannten uns schon über eine gemeinsame Freundin und vom Zeitgenössischen Tanzen, auch das war schon eine Art stillschweigende Kontaktimprovisation. Was dann kommt, ist Geschichte: Im Sommer 2009 besuchten wir bei 48 Stunden Neukölln gemeinsam die Ausstellung einer Weißensee-Kommilitonin von Fine. Ich glaube fest daran, dass wir beim Bordsteinkantenbier beschlossen haben, eine Art Briefwechsel in Text und Bild zu starten und zu gucken, was passiert. Fine schwört darauf, dass der Grundstein für unser kreatives Ping-Pong bei Schnaps auf einem Hausdach gelegt wurde. Man weiß also nichts Genaues.

Dann haben wir angefangen, täglich abwechselnd Zeichnungen und Sätze hin- und herzuschicken, die jeweils aufeinander geantwortet haben. Daraus entstand unser erstes Buch – handgebunden im selbst hergestellten Leinenumschlag mit Siebdruckprint. Es hieß, der Titel lief mir einfach so zu: »Matrosenhunde, Kapitänsfrauen und der weiß lackierte Zaun«. Anderthalb Jahre später wurden wir mit einem Projekt zum Springhouse-Symposium in Dresden eingeladen und fortan und für immer »Matrosenhunde« genannt.

Was waren jeweils eure liebsten Kommunikationsprojekte und warum?

Beide: Unser liebsten Projekte waren die, bei denen wir unseren angewärmten Platz verlassen und uns auf die Suche nach neuen, anderen Wirklichkeiten begeben haben. Das war das wunderbare Zusammensein mit anderen Künstlern im Rahmen einer Residenz im Springhouse Dresden, ein Frühlingsausflug nach Madrid, bei dem wir unsere Begegnungen in Fax-Sendungen verarbeitet haben oder ein Aufenthalt in Brandenburg, zwischen Seen, Wäldern und Rinderherden. Denn auf der Suche nach den Augenblicken, die den Alltag bedeutsam machen, ist es immer eine gute Idee, irgendwohin zu fahren. Vielleicht auch nur mit der gelben Straßenbahn zum nächsten Segelsteg.

Gute Gestaltung – was ist das für euch? 

Fine: Das kommt darauf an. Spontan würde ich sagen, gute Gestaltung macht etwas mit mir: berührt mich, oder bringt mich zum Nachdenken, stößt im besten Falle etwas an. Und dafür fühlen wir uns hinein und recherchieren unabhängig voneinander oft zu denselben Themen. Wir nennen das unseren »unfreiwilligen Buchklub«, weil wir oft dieselben Bücher lesen; wenn die eine von einem Zeitungsartikel berichtet, hat die andere ihn oft auch gelesen und vollendet den Satz. Zurück zur Frage: Gute Gestaltung bemerkt man daran, dass sie sich nicht aufdrängt, das Sujet steht im Vordergrund. Immer.

Madeleine: Gute Gestaltung drängt sich nicht auf, sondern gibt ihrem Motiv Raum. Das heißt nicht, dass gute Gestaltung immer hintergründig sein muss, es darf auch knallen. Nur sollte es einen Grund dafür geben, das Design sollte nicht einfach nur sein Objekt maskieren. Für mich funktioniert Gestaltung eher wie Bildhauerei: Sie gibt einem Ding seine Gestalt, arbeitet die Besonderheiten heraus und macht organisch ein großes Ganzes daraus.


»Das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.« Fine


Die aktuelle Weltlage macht mich bisweilen sprachlos. Welche Worte und Beschreibungen fallen dir dazu ein?

Madeleine: Oh, auch ich verliere oft die Fassung und Formulierung. Mir kommt das alles oft so surreal vor, denn die grausame Banalität des Zeitgeschehens, mit dem wir doch angesichts unserer historischen Bildung anders, besser, weiser umgehen sollten als Gesellschaft lässt mich oft ratlos zurück. Ich finde die meisten Geschehnisse im Grunde erschreckend simpel und frage mich, wie Angst und Misstrauen begegnet werden kann. Es ist aber auch sehr schön zu sehen, wie Menschen sich positiv positionieren, Besonnenheit zeigen, Haltung beziehen und Werte hochhalten. Eine offene, humanistische und demokratische Gesellschaft nicht nur zu beschwören, sondern auch im Kleinen zu leben, halte ich für den wichtigsten Weg, weg von Bedrohung und hilfloser Ohnmacht.

Stell dir vor, das aktuelle Zeitgeschehen wäre ein Roman. Wie würdest du den Buchumschlag gestalten und welches wäre das richtige Versatzpapier dafür? 

Fine: In der Verlagsbranche reden ja immer viele Stimmen mit und entscheiden, wie Cover und Innensatz aussehen müssen. Avantgardistisches Design durchzuboxen ist dort oft sehr schwierig. Da es ja ein hypothetisches Cover ist und keine Kostengrenzen vorgegeben wurden, würde ich eine ordentliche Materialschlacht veranstalten. Ohne, dass man es merkt selbstverständlich. Titel, Autor und Verlagslogo würde ich gar nicht farbig drucken, sondern blind prägen auf dicke recycelte Pappe, ein schönes grobes Material. Formatfüllend. Es soll ja alles lesbar sein. In den Weißraum dazwischen (und auch über ein paar Buchstaben drüber) würde ich filigrane Zeichnungen relevant zum Inhalt setzen. In Rot. Mit rotem Kapitalband und rotem Buchleinen über der offenen Fadenbindung. Als Vorsatz wünsche ich mir ein handgeschöpftes Gewebe-Papier: Bei Tageslicht ist es grau mit kupferroten Einschüssen, aber wenn ich meine Nachttischlampe anknipse schillert mir der Regenbogen entgegen. Kurz: ein Roman, der allein haptisch verheißungsvoll von der Zukunft kündet, auf dass wir nicht resignieren, sondern Lust haben, morgen wieder aufzustehen und die Welt zu retten.

Vergangenes Wochenende war ich in Weimar. Alleinreisend. Das mag ich, weil ich dann tun und lassen kann, was ich will und wann ich es will. Reden zum Beispiel. Oder Schweigen. Beides habe ich ausgiebig getan. Unter anderem. Was ich außerdem in und nach Weimar getan habe, habe in der obligatorischen Liste zum Wochenende zusammengetragen {alle Weimar-Links sind gelb markiert}.

Ein schönes Wochenende wünsche ich allen.


  1. GESEHEN: die »Bauhausstätten in Weimar«
  2. GEHÖRT: Mareice im Lichthaus
  3. GELESEN: mein Interview mit Tante Masha 
  4. GEGESSEN: im Anno 1900
  5. GETRUNKEN: Capuccino im Koriat und Tee im Fama
  6. GESUCHT: einen Zugang zum Karneval
  7. GEFUNDEN: »Orientalische Orange« {ein buchstäblich wunder-volles Backbuch}
  8. GEDACHT: Ich könnte gut im »Haus am Horn« leben.
  9. GELACHT: »Statt Konfetti einfach gleich den Locher werfen.«
  10. GEWOHNT: im Hotel Alt-Weimar {schöne, schlichte Zimmer}
  11. GELAUFEN: durch den Park an der Ilm
  12. GEMACHT: durch das Uni-Hauptgebäude gestreift {es entzückt mich immer wieder}
  13. GEMOCHT: Goethes Gartenhaus {das mich immer an »Die Ökologie der Kreativität« erinnert}
  14. GEFALLEN: das Kirms-Krackow-Haus
  15. GEFREUT: über das schöne Feedback zu meiner Antwort bei feingedacht.
  16. GEHOFFT: dass viele Bewerbungen auf unseren Unternehmenspreis eingehen {gerne verbreiten}
  17. GERÜHRT: dass die Dichterin Ali Cobby Eckermann die höchstdotierte Auszeichnungen der Literaturwelt erhalten hat.
  18. GEFRAGT: Mit welchen rhetorischen, sozialen oder auch künstlerischen Strategien lassen sich demokratische Umgangsformen {wieder} stabilisieren?
  19. GESTAUNT: über so viel unverhohlenen Frauenhass
  20. GESEUFZT: Ach, hätten wir doch alle so ein bisschen Finnland in uns {#EhefürAlle}.
  21. GETRÄUMT: von einem Urlaub in Finnland
  22. GESPANNT: auf die neue Ausgabe der Brand Eins zum Thema »Neue Arbeit«
  23. GEWÜNSCHT: globale Solidarität {darum: Feministische Netzwerk}
  24. GEPLANT: Wenn ich noch einmal einen Sohn bekomme {was ausgeschlossen ist}, nenne ich ihn Aviv. Es ist ein hebräischer Name und er bedeutet »Frühling« {vielleicht habe ich ja irgendwann einmal einen Enkel, der diesen wunderschönen Namen trägt, und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm.}.
  25. GEKLICKTWeimar am Morgen

Es gibt viele gute Gründe, seinen Lebensmittelpunkt nach Hamburg zu verlegen. Am meisten überzeugt mich Isabel Bogdans Begründung: »Weil es da so schön ist.« Sollte ich wieder einmal danach gefragt werden, warum ich {immer noch} in Berlin lebe, werde ich genau das erwidern. Entweder ist das Gespräch damit jäh beendet oder es wird genau jetzt interessant.

Die preisgekrönte Übersetzerin und Autorin, die mit ihrem ersten Roman »Der Pfau« direkt den großen Coup landete, bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Ihre Rezensent/innen sprechen von »subtilem Humor«, was sicher die korrekte Bezeichnung für das ist, was in mir wirkt, wenn ich ihre Texte lese. Die Wirkungskette ist immer ähnlich: Erst setzt der »Ja klar, ich weiß, wovon du sprichst«-Reflex ein, der sich sogleich in sein Gegenteil verkehrt: »Hä, was sagt die da?«. Darauf folgt ein Moment geistiger Leere, in dem ich mir sehr einfältig vorkomme, mein Hirn aber vermutlich Höchstleistungen vollbringt. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie es zu der anschließenden Reaktion kommt: plötzliche Erkenntnis gepaart mit mehr oder weniger stillvergnügter Heiterkeit – manchmal muss ich auch laut lachen, wie zum Beispiel bei ihren Antworten auf Google-Suchanfragen:

»eier gucken aus der hose
Ist ja auch bald Ostern.

wozu braucht man figurale intelligenz
Zum Einparken«

Im heutigen Montagsinterview mit Isabel Bogdan geht es unter anderem um die Kunst des Übersetzens, um den Unterschied von fiktivem und faktischem Schreiben und Kommunikation in virtuellen und »Kohlenstoffwelten«. Vielen Dank, liebe Isabel, für das heitere Gespräch mit dem ich allen einen stillvergnügten Start in die neue Woche wünsche.

Isabel Bogdan, Autorin „Der Pfau“, Kiepenheuer&Witsch ©Smil

Du arbeitest täglich mit und in der Sprache. Was ist Sprache für dich und wie ist dein Verhältnis zu ihr?

Sprache fasziniert mich nach wie vor. Was sie alles kann! Und was für Möglichkeiten für Missverständnisse sie bietet! Wahrscheinlich ist die Komplexität unserer Sprache das, was uns von den Tieren unterscheidet. Wir brauchen Sprache, um uns die Welt zu erklären, zum Denken. Und ich finde es auch spannend zuzusehen, wie sie sich verändert, wie sie immerzu im Fluss ist, und dauernd selbst abzuwägen, wo ich sprachbewahrerisch tätig sein möchte, und wo ich neu eingewanderte Gewohnheiten übernehme. Mit solchen kleinen Entscheidungen kann man in der Literatur unterschwellig viel rüberbringen, und das macht großen Spaß.

Gut übersetzte Romane sind ein großes Glück, das mir gottlob öfter widerfährt. Worin besteht die Kunst des literarischen Übersetzens?

Darüber könnte ich wahrscheinlich einen mehrstündigen Vortrag halten. Kurz gesagt: Die Kunst des literarischen Übersetzens besteht darin, nicht nur Wörter und Sätze zu übersetzen, sondern auch die unsichtbaren Beziehungen zwischen den Wörtern und Sätzen. Wenn man nur den Sinngehalt überträgt, ist ein Text tot. Für Literatur braucht es die Schwingung dazwischen, Rhythmus, Klang, Stilebene, eben das, was die Literatur etwa von juristischen oder technischen Texten unterscheidet. Und genau das macht für mich die Freude am Literaturübersetzen aus. Den richtigen Sound für jedes Buch zu finden.

Worin besteht für dich der größte Unterschied zwischen literarischem Übersetzen und literarischem Schreiben?

In der Angst vor dem leeren Blatt. In der tiefsitzenden Überzeugung, dass mir nichts einfällt. Beim Übersetzen hat man diese Angst nicht, da steht ja immer schon etwas. Dadurch sind beim Schreiben auch die Erfolgs- und Frustrationserlebnisse größer.


»Sprache fasziniert mich. Was sie alles kann! Und was für Möglichkeiten für Missverständnisse sie bietet!«


Du hast auch Sachbücher übersetzt und ein Buch übers »Sachen machen« geschrieben. Wie anders ist diese Art des Übersetzens und Schreibens im Vergleich zum Literarisch-Fiktiven?

Die Sachbücher, die ich übersetzt habe, waren zumeist erzählende Sachbücher, die also auch so etwas wie einen eigenen Ton hatten. Da lag der Unterschied oft vor allem darin, dass mehr zu recherchieren war. Beim Schreiben war es so, dass das Sachenmachenbuch sich fast von allein geschrieben hat, denn da habe ich Dinge unternommen und ausprobiert und hinterher aufgeschrieben, wie es war. Da hatte ich die Angst vor dem leeren Blatt nicht, denn ich wusste ja, was zu schreiben war. Einen Roman zu schreiben, war ganz anders, da ist man allein mit seinen Gedanken und seinem Worddokument und meint erstmal, man müsse aus dem Nichts schöpfen. Das muss man aber gar nicht! Man muss nur Vorhandenes neu zusammensetzen, aber bis ich das verstanden hatte, hat es lange gedauert. Und wirklich verinnerlicht habe ich es immer noch nicht.

Es heißt, Erfolg verändere. Dein erster Roman »Der Pfau« hat dich innert kürzester Zeit zu einer erfolgreichen Schriftstellerin gemacht, nachdem du schon preisgekrönte Übersetzerin warst. Wie haben deine Erfolge dich verändert?

Ich hoffe, gar nicht! Aber meinen Lebensrhythmus hat es erstmal verändert. Als Übersetzerin sitzt man im Wesentlichen zu Hause am Schreibtisch, und wenn man mit einem Buch fertig ist, macht man das nächste. Das hat eine Menge Vorteile, aber eigentlich bin ich zu kommunikativ für einen so einsamen Job.

Als Autorin war ich letztes Jahr sehr viel auf Lesereisen, ich hatte insgesamt 73 Veranstaltungen. Eigentlich müsste ich mal ausrechnen, wie viele Bahnkilometer ich gefahren bin und in wie vielen Betten ich geschlafen habe. Ich hatte plötzlich Publikum und habe lauter tolle Leute kennengelernt, das war schon sehr schön. Und anstrengend auch. Jetzt wird es wieder ruhiger, ich mache weniger Lesungen, übersetze wieder (Erzählungen von Jane Gardam), und danach schreibe ich hoffentlich den nächsten Roman. Der Alltag geht also langsam wieder back to normal. Ich selbst bin hoffentlich sowieso noch die Alte.

Nicht zuletzt als Bloggerin bist du viel in der Netzwelt unterwegs. Wie erlebst du die Sprache und den Umgang mit Sprache dort?

Ich bin im Netz offensichtlich in einer ziemlichen Ausnahmeblase unterwegs und kommuniziere mit tollen, eloquenten, witzigen, kreativen Leuten, aber das ist sicher nicht repräsentativ. Wenn ich aus Versehen mal auf Zeitungsseiten die Kommentare lese, was ich meiner Psychohygiene zuliebe normalerweise vermeide, dann wird’s mir angst und bange. Allerdings eher aus inhaltlichen als aus sprachlichen Gründen. Sprachliche Genauigkeit und Eloquenz sind nicht jedermanns Stärken, das hat aber erstmal nichts mit dem zu tun, was jemand sagt.


»Wenn alles von mehr Menschenfreundlichkeit durchdrungen wäre, wäre die Welt eine bessere.«


Wenn du einen Wunsch frei hättest, welche Sprach- und Kommunikationskultur würdest du im Internet etablieren? 2016 war für dich persönlich ein sehr gutes, weltpolitisch ein eher verstörendes Jahr. Was wünschst du dir für 2017?

Die Fragen beantworte ich mal zusammen. Ich wünsche mir, dass die Menschen freundlich zueinander sind, im Großen wie im Kleinen. Menschenfreundlichkeit und Empathie sind eine Lebenseinstellung, das hat mit Sprachgebrauch erst in zweiter Linie zu tun. Und es macht für mich auch keinen Unterschied, ob man im Internet oder draußen in der Kohlenstoffwelt kommuniziert – wenn alles von mehr Menschenfreundlichkeit durchdrungen wäre, wäre die Welt eine bessere. Vielleicht ist sie ja ansteckend, alle freundlichen und positiv gestimmten Menschen sollten darum dafür sorgen, dass sie präsent sind und dem Hass etwas Konstruktives entgegensetzen.

Fotos: Smilla Dankert

»Bunt ist die einzige Farbe,

bei der ich mich wohl fühle.«

frei nach Franz Marc


In diesem Sinne: ein fröhliches Wochenende & die gewohnte Liste.

  1. GESEHEN: »Tod den Hippies!! – Es lebe der Punk!« {West-Berlin + die 1980er …}
  2. GEHÖRT: »Static On The Radio« {so schön und dieser Bass – Hach!}
  3. GELESEN: Warum Fakten keinen Einfluss auf unsere Meinung haben
  4. GESUCHT: das Buch für gute und weniger gute Tage
  5. GEFUNDEN: einen frühen Artikel von mir über universitäre {Un-}Gleichheit
  6. GEDACHT: Wie cool ist das denn? Mit Down Syndrom zur Fashion Week!
  7. GEMACHT: bisschen zu viel – wir brauchen dringend Unterstützung!
  8. GEMOCHT: Peter van Agtmaels Fotoreportage über die USA »Buzzing th the Sill«
  9. GEFALLEN: »Tautes Heim«
  10. GEFREUT: über die neue Serie über Stärken, Mut und Zusammenhalt auf »feingedacht«
  11. GEHOFFT: im nächsten Leben bin ich Akustik-Bassistin
  12. GERÜHRT: von Allaeddins Geschichte und dem Polaroid-Projekt von Jamie Livingston
  13. GEFRAGT: Was geht denn in Ungarn ab? {Mir langte eigentlich eine Handvoll »rechtsesoterisch politisierter Neo-Druiden«; ein ganzes Land voller »rechtsesoterisch politisierter Neo-was-weiß-ich-was« mit spirituellen Verbindungen ins Weiße Haus wären mir definitiv zu viel.}
  14. GESCHMUNZELT: über das Puppenpublikum
  15. GELACHT: über die zwei Möwen im »Karnevalsgespräch«
  16. GESTAUNT: über so manchen »Gedanken zur Zeitenwende«
  17. GESCHÜTTELT: angesichts der langen Geschichte des rechten Terrorismus in Deutschland
  18. GESPANNT: auf Berlins erste jüdische Food Week
  19. GEWÜNSCHT: Frieden
  20. GEPLANT: die Ausstellung »Between the Devil and the Deep Blue Sea« von Pieter Hugo anzusehen
  21. GEKLICKT: Goethe Institut